Schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche,
so begann Vater Lehrwart seine Erzählung, gab es unter den
Christen manche, welche in ihrem ernstlichen und eifrigen
Streben, ein recht frommes heiliges Leben zu führen, so weit
gingen, daß sie sich ganz von der übrigen menschlichen
Gesellschaft absonderten und in Höhlen und Wüsten begaben, um
in der Einsamkeit desto ungestörter ihre Andacht verrichten und
sich desto besser in der Enthaltsamkeit und Selbstverleugnung üben
zu können. Unter den Leuten dieser Art, die man Eremiten oder
Einsiedler nannte, erlange einen besonders großen Ruf der
Frömmigkeit und Heiligkeit ein gewisser Antonius, der deshalb
auch der Heilige oder der Große hieß und der zu der Zeit des
ersten christlichen Kaisers, Constantin des Großen, 300 Jahre
nach Christi Geburt, in Aegyptenland lebte. Zu diesem gesellten
sich in seiner Einsamkeit bald mehrere gleichgesinnte Leute, welche
ihre Hütten neben die seinige bauten und eine der seinigen ähnliche
Lebensart führten. Dieß Beispiel von Vereinigung einer frommen
Gesellschaft zu einer gemeinschaftlichen heiligen Lebensart fand
anderweit Nachahmung. Man erbaute sich in abgelegenen, unbewohnten
stillen Gegenden Häuser, in denen man zusammen mit anderen
Gleichgesinnten wohnen und sich gemeinschaftlich mit ihnen der
Andacht und Frömmigkeit befleißigen wollte. Solche Häuser wurden
Klöster und die Bewohner derselben Mönche und Nonnen genannt.
Auch fehlte es nicht an reichen und vornehmen Leuten, welche
zwar nicht selbst Lust hatten, das für besonders heilig und Gott
wohlgefällig gehaltene Klosterleben zu führen, aber doch für Andere
auf ihre Kosten Klöster erbauen ließen und dieselben überdem mit
Gärten und Feldern und allerlei Einkünften zum Lebensunterhalte
ihrer Bewohner ausstatteten, weil sie das für ein gutes Werk
hielten, um dessen willen sie wähnten in den Himmel zu kommen.
Es hatte sich bald gezeigt, daß diejenigen, welche in den
Klöstern lebten, nicht bloß Vorsteher, sondern auch bestimmte
Gesetze haben müßten, nach denen sie sich richteten, damit
Ordnung unter ihnen statt fände. Die Gesetze, welche in einem
Kloster befolgt wurden, nannte man die Regel desselben. Alle
die Mönche und Nonnen, welche dieselbe Kloster=Regel befolgten,
machten zusammen einen Orden aus und pflegten auch zum
Unterschiede von anderen eine besondere Kleidung zu tragen,
fast wie die verschiedenen Truppen=Gattungen einer Armee.
Sie waren auch in der That gleichsam die geistlichen
Soldaten des Papstes und trugen sehr viel zu der
Ausbreitung und Aufrechterhaltung der angemaßten Gewalt
dieses vermeintlichen Statthalters Christi auf Erden bei.
Jeder besondere Orden hatte einen eigenen General. Ueber die
Klöster eines Ordens, die sich in einem und demselben Lande
befanden, war ein Provinzial gesetzt. Die Vorsteher der
einzelnen Mönchsklöster pflegen Aebte, Prioren oder auch
wohl Pröbste zu heißen. Die Nonnenklöster hatten
Aebtissinnen oder Priorinnen an ihrer Spitze.
Anfangs gehörten zwar die Kloster=Leute mehrentheils dem
weltlichen Stande an und nur zu den Vorstehern der Klöster
pflegte man Geistliche zu wählen. In der Folge aber erlangten
auch die meisten der Mönche, welche einige Gelehrsamkeit und
Bildung besaßen, das Ansehen und die Rechte der Geistlichen und
genossen dann auch in den Klöstern manche Vorzüge vor den übrigen
Mönchen, welche Laienbrüder genannt wurden und geringere Dienste
verrichteten, z.B. allerlei Handarbeit leisten, die Aecker und
Gärten des Klosters bestellen, auch wohl in den benachbarten
Städten und Dörfern terminiren d.h. umherziehen und milde
Beiträge für die Unterhaltung des Klosters einsammeln, mit
einem Worte: betteln mußten, während ihre geistlichen Brüder
theils in der Umgegend predigten und andere gottesdienstliche
Geschäfte verrichteten, theils der Jugend Unterricht gaben,
theils innerhalb der Klostermauern in ihren Zellen allerlei
Wissenschaften studirten und sich besonders viel mit dem
Abschreiben der heiligen Schrift und anderer Bücher beschäftigten,
wodurch sie sich um die Mit= und Nachwelt hauptsächlich verdient
gemacht haben.
Die Klosterregeln der verschiedenen Orden wichen von
einender darin ab, daß sie mehr oder minder strenge Vorschriften
für die tägliche Lebensordnung der Klosterleute enthielten. Darin
aber stimmten fast alle überein, daß sie den, der einmal in den
Orden aufgenommen wurde, durch ein feierliches Gelübde zum unbedingten
Gehorsam gegen die Vorgesetzten, zum ehelosen Leben, zu vielen an
gewissen Stunden des Tages und in der Nacht zu haltenden
Andachtsübungen, zu mancherlei Selbstverläugnungen und besonders
zu häufigem Fasten verpflichteten. Doch wurde unter dem Fasten nicht
die strenge Enthaltung von aller Speise, sondern nur die Verzichtung
auf den Genuß des Fleisches an gewissen Tagen verstanden und auch
dieß war wieder dadurch gemildert, daß dabei der Genuß von Fischen,
als welchen man kein Fleisch zuschrieb, erlaubt war. Daher pflegten
natürlich die Klosterleute so gescheut zu sein, dafür zu sorgen, daß
es ihnen an Fischen nicht fehlte und legten alle viele Fischteiche
in der Nähe ihrer Klöster an. Auch die Mönche des vormaligen Klosters
Himmelpforte haben es so gemacht, wie ihr die deutlichen Spuren davon
sogleich mit euren eigenen Augen sehen könnt.
Man hatte während der letzten Erzählung das Thal der Holtemme,
in dem die Kolonie Friedrichsthal liegt, die nahe vor dem
Westernthore von Wernigerode anhebt, verlassen und den Weg in
ein Seitenthal eingeschlagen, dessen Anfangs ziemlich weite
Mündung sich an dem Punkte, wo man jetzt stand, verengte. Hier
sah man einen hohen Damm, der das Thal vormals geschlossen hatte,
aber durchstochen war, so daß das sonst von dem Damme angehaltene
und angesammelte Wasser eines kleinen Bächleins abfließen konnte.
Mit verwunderungsvollen Ausrufungen, wodurch sie die folgende
Fortsetzung der Erzählung des Vaters Lehrwart öfter unterbrachen,
zählten die Kinder nachher noch sechs bis sieben ähnliche
Dämme in dem Thale, in welchem man weiter hinauf stieg.
Vorerst sah sich der Vater Lehrwart genöthigt, eine kleine
Pause in seiner Erzählung zu machen, weil der Fußpfad, den man
verfolgte und der an dem Bergabhange zur Rechten des Thalgrundes
hinlief, so schmal war, daß die Gesellschaft sich in eine lange
Reihe auflösen mußte und nur einzeln hintereinander hergehen konnte.