Der elfjährige Ernst Lehrwart, der sich neidlos über den
Beifall, den seine kleine Schwester erhalten hatte, mitfreute,
wollte ihr vermuthlich auch den seinen bezeugen, hatte diese
daher bei der Hand erfaßt, um sie zu führen und sagte zu ihr:
»Komm, mein liebes Sophiechen, laß uns vorangehen, da wirst
du weniger müde und dann sind wir die ersten in der Himmelpforte
und ich zeige dir gleich die Stelle, wo Jakob geschlafen und wo
das Gotteshaus, welches er nachher baute, gestanden hat!«
Bei diesen Worten brach die Tante Elisabeth in ein lautes
Gelächter aus und sagte mit einem etwas schalkhaften Seitenblicke
auf ihren Bruder: Nun, das muß ich sagen, das ist ein lustiger
Irrthum! Dachte ich's doch beinahe, daß so etwas herauskommen
würde, als der Vater bei seiner Erklärung des Namens der
Himmelpforte so gar weit ausholte und bis auf die Geschichte
des Erzvaters Jakob und seines Traumes von der Himmelsleiter
zurückging. Die ganze übrige Gesellschaft stimmte in das Gelächter
der Tante ein und Vater Lehrwart selbst nahm einen Augenblick daran
Antheil. Doch faßte er sich bald wieder, als er sah, wie sehr sich
Ernst beschämt dadurch fühlte, dem, ungeachtet aller seiner Bemühung
sie zurückzuhalten, Thränen entfielen. Er redete ihm tröstlich zu
mit den Worten: »Du hast nicht Ursach, mein Sohn, dich so sehr zu
schämen und zu betrüben. Der Irrthum, in den du geraten und wegen
dessen du so eben verlacht bist, ist sehr zu entschuldigen. Dein
Vater selbst ist gewissermaßen Schuld an demselben gewesen.
Uebrigens hättest du bei etwas mehr Nachdenken wohl auch von
selbst einsehen können, daß die Himmelpforte, nach der wir gehen,
nicht derselbe Ort sein könne, an welchem Jakob schlief, als er
auf der Reise nach Haran in Mesopotamien begriffen war. Es bedarf
nur, daß du auf einige Umstände aufmerksam gemacht wirst und du
wirst dann selbst deinen Irrthum lächerlich finden.
Du weißt doch, in welchem Welttheile das Land Kanaan liegt,
von welchem Jakob dazumal ausging? In Asien. Wie heißt dagegen
der Welttheil, in welchem wir wohnen? Europa! Wie weit meinst
du wohl, daß es von uns bis dorthin sei?« Ernst besann sich
einen Augenblick und erklärte dann, indem er sich lachend vor
die Stirn schlug: Ach, viele hundert Meilen weit. - Jakob aber,
wie lange war der erst gegangen, als er das Nachtlager hielt,
während dessen er im Traume die Himmelsleiter erblickte? Mit
zunehmendem Lachen sagte Ernst: Er war erst einen Tag lang
gegangen! Und also - half der Vater fort, - kann der Ort,
den Jakob die Himmelpforte nannte, nicht unsere Himmelpforte
gewesen sein.
Nun erfordert aber die Billigkeit, fiel hier der Archivarius
ein, daß Sie, mein lieber Freund, das Unrecht vergüten, welches
Ihrem Sohne geschehen ist, als er so sehr ausgelacht wurde und
daß Sie die in seinem Irrthume verborgen liegende Wahrheit an's
Licht ziehen; denn sicher hat er die Glocke läuten gehört, nur
ohne zu wissen, wo sie hängt, wie man zu sagen pflegt. Ja, sagte
Vater Lehrwart, Ernst wird wohl früher schon von mir gehört haben,
daß einst in unserer Himmelpforte wirklich ein Gotteshaus, ein Gott
geweihtes Heiligthum gestanden und daß der Ort daher seinen Namen
erhalten hat. Vielleicht habe ich ihm damals auch gesagt, daß das
sonst hier befindlich gewesene Gotteshaus vermuthlich seine
Entstehung einem ähnlichen Gelübde, wie das des Erzvaters
Jakob war, zu danken gehabt hat.
Nicht bloß vermuthlich, entgegnete der Archivarius, sondern
wir dürfen dieß nunmehr als gewiß ansehen, nachdem vor einigen
Jahren die Stiftungsurkunde des Klosters Himmelpforte im Archive
des Johannisklosters zu Halberstadt aufgefunden worden ist. -
Ei, sagte Vater Lehrwart, das ist mir ja lieb zu vernehmen! Ich
wiederhole nun meine vorherige Bitte, daß Sie, mein werther
Freund, jetzt an meiner Statt reden, und meinen Kindern in der
Kürze das Wichtigste von der Geschichte des vormaligen Klosters
Himmelpforte erzählen, was mir doch nur aus Ihren schätzbaren
Mittheilungen in einem früheren Jahrgange unseres Wochenblattes
bekannt ist. Das will ich gern thun, erwiederte der gefällige
Freund, und ich werde dabei jene Mittheilungen durch Angabe
einiger Umstände berichtigen und ergänzen können, die
damals mir selbst noch unbekannt waren. Aber es heißt ja
im Sprüchwort: Schuster, bleib' bei deinen Leisten! Und ich
würde Ihnen vorgreifen, wenn ich es nicht Ihnen selbst überließe,
unseren Kindern vorerst das Nöthige über die Klöster überhaupt und
über den Augustiner=Orden insbesondere zu sagen, was wir doch wohl
billig der Geschichte des Klosters Himmelpforte vorangehen lassen.
In letztrer Hinsicht haben Sie Recht, sagte Vater Lehrwart; ich
will das Meinige thun und mich dabei kurz zu fassen versuchen.