II.

Die hinzugetretene Wander=Gesellschaft bestand aus dem

Archivarius Herrn Gründler nebst seiner Frau und drei Kindern,

Hermann, Marie und Julie, die zwar im Alter schon weiter vorgerückt

waren, als die Lehrwart'schen Kinder, sich aber dennoch freundlich

mit ihnen paarten.

Nach den ersten wechselseitigen Begrüßungen sagte Vater

Lehrwart dem werthen Freunde, es sei ihm doppelt lieb, mit ihm

zusammenzutreffen, weil er hoffe, mit seiner Hülfe den eben gehegten

Wunsch, den Gang nach der Himmelpforte für seine Kinder lehrreich zu

machen, desto besser erreichen zu können. Er bitte, ihm ein= und

auszuhelfen, wo seine Kunde nicht hinreichen sollte.

Zuvörderst sei er seiner kleinen Sophie die Antwort auf die

Frage schuldig, woher der Name Himmelpforte wohl stamme? Ueber den

Ursprung dieses Namens glaube er nun schon selber aus dem Archive,

worin er zu Hause sei, Auskunft geben und sich dieserhalb auf eine

der allerältesten Urkunden von der Welt berufen zu können.

»Nun, das wäre!« fragte verwundert der Archivarius.

Vater Lehrwart fuhr fort: »Ich meine die Geschichte des Erz=Vaters

Jakob. Ihr wißt doch, wer der war, Kinderchen?«

»O ja,« gab eins zur Antwort, »es war der Sohn Isaaks.«

»Richtig,« belobte der Vater. »Ihr wißt, Isaak hatte zwei Söhne,

Esau und Jakob. Esau verkaufte leichtsinniger Weise das Vorrecht

seiner Erstgeburt für ein Linsengericht an seinen jüngern Bruder,

und Jakob wußte durch einen listigen Anschlag seiner Mutter

Rebekka auch noch obenein das zu erlangen, daß ihm der Segen

zu Theil ward, den der alte Isaak eigentlich seinem erstgeborenen

Sohne Esau zugedacht hatte. Um dem Zorne Esau's darüber auszuweichen

und zugleich um sich eine Frau zu suchen, ergriff Jakob den

Wanderstab und machte sich auf den Weg gen Haran in Mesopotamien,

wo die Anverwandten seiner Mutter wohnten. Der Weg war weit, und

nachdem Jakob eine Tagesreise gemacht hatte und die Sonne

untergegangen war, sah er sich genöthigt, sein Nachtlager unter

freiem Himmel zu halten. Er nahm also einen Stein, den er unter

sein Haupt legte, und legte sich schlafen. Ungeachtet dieses harten

Kopfkissens schlief er dennoch, ermüdet von dem langen Marsche, den

er gemacht hatte, bald sanft und süß ein. Im Schlafe hatte er einen

gar schönen, lieblichen Traum. Es träumte ihm nämlich, er sähe eine

hohe Leiter auf der Erde stehen, die mit ihrer Spitze an den Himmel

rührte. An der Leiter stiegen die Engel Gottes auf und nieder und

oben auf der Höhe derselben stand Gott der Herr selbst und sprach

zu Jakob: »Ich bin der Herr, der Gott deiner Väter, der Gott Abrahams

und der Gott Isaaks, und das Land, auf dem du liegst, will ich dir

und deinen Nachkommen zum Erbe und Eigenthum geben. Und deine

Nachkommenschaft soll sehr groß und zahlreich werden und sich

ausbreiten gegen Morgen und gegen Abend, Mittag und Mitternacht.

Und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden

gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten,

wo du hinziehst und will dich wieder herbringen in dieß Land, denn

ich will dich nicht lassen, bis daß ich thue Alles, was ich dir

geredet habe.« Da nun Jakob von seinem Schlafe erwachte, sprach

er: »Gewißlich ist der Herr an diesem Orte und ich wußte es nicht!«

Und erfüllt von Erfurcht sprach er weiter: »Wie heilig ist diese

Stätte! Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus und hier ist die

Pforte des Himmels!« Und Jakob stand des Morgens früh auf und nahm

den Stein, dener zu seinen Häupten gelegt hatte und richtete ihn

auf zu einem Denkmahl, und goß Oel oben darauf, um ihn damit

einzuweihen und hieß die Stätte Bethel d.h. Gottes=Haus, und

that ein Gelübde und sprach: »So Gott wird mit mir sein und mich

behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brod zu essen geben

und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem

Vater bringen, so soll der Herr mein Gott sein und dieser Stein,

den ich aufgerichtet habe zu einem Mahle, soll ein Gotteshaus

werden, und Alles, was Gott mir giebt, davon will ich den

Zehnten dahin geben.«

Die Kinder hatten alle aufmerksam zugehört. Das kleine

Heer ihrer flüchtigen Gedanken würde sich aber bald wieder

zerstreut haben, wenn nicht Vater Lehrwart gesucht hätte, es

durch einige hingeworfene Fragen beisammen zu halten. Er hob an:

»Wer Achtung gegeben hat, wird wiederholen können, was Jakob an

dem Orte sagte, wo ihm im Traume die Himmelsleiter mit den auf=

und absteigenden Engeln und Gott der Herr selber erschienen war.«

Rasch war Louise mit der Antwort bei der Hand: »Er sagte: »Wie

heilig ist diese Stätte! Hier ist die Pforte des Himmels!«

»Warum,« fragte der Vater weiter, »mochte denn wohl Jakob

meinen, hier sei die Pforte des Himmels?« - »Nun, was hatte sich

für ihn an diesem Orte gleichsam eröffnet und aufgethan?« »Der

Himmel!« riefen aus einem Munde die Kinder.

»Und als welches Herrn Haus oder Wohnung sah Jakob den Himmel

an, dessen Pforte oder Eingang er an diesem Orte meinte gefunden

zu haben?« - »Als Gottes Haus!« erwiederte Ernst.

»Was gelobte er daher, auf der Stelle der Erde, wo er mit dem

Haupte auf dem Steine gelegen hatte, bauen zu wollen, wenn Gott

seine Verheißung erfüllte?« »Ein Gotteshaus!« war die Antwort.

»Wißt ihr denn, was für Häuser man noch heutiges Tages

Gotteshäuser zu nennen pflegt?«

»O ja,« sagte Ernst, »man nennt die Kirchen so.« »Aber,«

fuhrt der Vater zu fragen fort, »sind denn die Kirchen wirklich

eigentliche Wohnhäuser Gottes?« »Nein!« sagten einstimmig die Kinder.

Unser junger Freund Hermann wird uns einen vortrefflichen

Ausspruch des Apostels Paulus darüber anführen können,

der in der Apostel=Geschichte im 17. Kapitel geschrieben

steht. - Hermann Gründler sagte voll Ausdruck die Stelle

her: »Gott, der die Welt gemacht hat und Alles, was darinnen

ist, sintemal er ein Herr ist Himmels und der Erden, wohnet

er nicht in Tempeln mit Händen gemacht; sein wird auch nicht von

Menschenhänden gepfleget, als der Jemandes bedürfte, so er

selber Jedermann Leben und Odem allenthalben giebt; und hat

gemacht, daß von einem Blute aller Menschen Geschlechter auf

dem ganzen Erdboden wohnen, und hat Ziel gesetzt, zuvor

versehen, wie lange und wie weit sie wohnen sollen; daß

sie den Herrn suchen sollen, ob sie doch ihn fühlen und

finden möchten, und zwar er ist nicht fern von einem

jechlichen unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir,

als auch etliche Poeten bei euch gesagt haben: wir sind seines

Geschlechts!« »Bravo!« lobte Vater Lehrwart den Sohn seines

Freundes und richtete sogleich an die jüngeren Kinder

desselben die Frage: »Wenn sich nun Gott allenthalben

fühlen und finden läßt und wenn da, wo man sich zu Gott

nahen und Gottes Nähe spüren und empfinden kann, eine

Pforte des Himmels ist - wo giebt es dann eigentlich

auch für uns Pforten des Himmels?«

»Allenthalben!« ließ sich Marie Gründler vernehmen. Vater Lehrwart

bestätigte ihre Antwort mit der hinzugefügten Erklärung: »Allerdings,

liebe Kinder, jeder Ort in der Welt kann zu einer Himmelpforte für uns

werden und wird wirklich dazu, wenn wir uns an demselben in Ehrfurcht

und Andacht zu Gott nahen und seine beseligende Nähe und Gegenwart

fühlen. Weil uns aber die Kirchen die schönste Gelegenheit dazu

darbieten, uns gemeinschaftlich zu erbauen und im Umgange mit Gott

himmlischen Frieden und selige Freude in unseren Herzen erfahren

und damit gleichsam einen Vorgeschmack des ewigen Lebens und der

himmlischen Seligkeit genießen zu können, so verdienen denn auch

die Kirchen in dieser Hinsicht besonders Gottes=Häuser oder

Himmelspforten und Vorhöfe des Himmels zu heißen.«

Die nach diesen Worten Lehrwart's eintretende andächtige Stille

unterbrach zuerst die Tante Elisabeth durch die an die kleine

Sophie gerichtete Aufforderung: »Sag' doch einmal die schönen Verse

her, die du auswendig gelernt hast und an die du durch die Worte

des Vaters gewiß erinnert bist!« Die Kleine sagte: »Nicht wahr,

Tantchen, du meinst die Verse: Wo wohnt der liebe Gott?« und

als ihr die Tante freundlich aufmunternd zunickte, hob sie die

folgenden Verse zu sprechen an und brachte sie auch glücklich

ohne Stocken zu Ende:

"Wo wohnt der liebe Gott?

Sieh' dort den blauen Himmel an,

Wie fest er steht, so lange Zeit,

Sich wölbt so hoch, sich streckt so weit,

Daß ihn kein Mensch erfassen kann;

Und sieh der Sterne gold'nen Schein

Gleich als viel tausend Fensterlein:

Das ist des lieben Gottes Haus,

Da wohnt er drin und schaut heraus

Und schaut mit Vater=Augen nieder

Auf dich und alle deine Brüder!

Wo wohnt der liebe Gott?

Hinaus tritt in den dunkeln Wald,

Die Berge sieh' zum Himmel gehn,

Die Felsen, die wie Säulen stehn,

Der Bäume ragende Gestalt;

Horch, wie es in den Wipfeln rauscht,

Horch, wie's im stillen Thale lauscht!

Dir schlägt das Herz, du merkst es bald.

Der liebe Gott wohnt in dem Wald;

Dein Auge zwar kann ihn nicht sehen,

Doch fühlst du seines Odems Wehen!

Wo wohnt der liebe Gott?

Hörst du der Glocken hellen Klang?

Zur Kirche rufen sie dich hin.

Wie ernst, wie freundlich ist's darin!

Wie lieb, wie traut und doch wie bang'!

Wie singen sie mit froher Lust!

Wie beten sie aus tiefer Brust!

Das macht, der Herr Gott wohnet da!

Drum kommen sie von fern und nah,

Hier vor sein Angesicht zu treten,

Zu flehn, zu danken, anzubeten.

Wo wohnt der liebe Gott?

Die ganze Schöpfung ist sein Haus.

Doch, wenn es ihm so wohlgefällt,

So wählet in der ganzen Welt

Er sich die engste Kammer aus.

Wie ist des Menschen Herz so klein!

Und doch auch da zieht Gott herein;

O, halt' das deine fromm und rein!

So wählt er's auch zur Wohnung sein,

Und kommt mit seinen Himmelsfreuden

Und wird nie wieder von dir scheiden!"

Eine innige Rührung hatte während des Aufsagens der Verse die

ganze Gesellschaft ergriffen. Die kleine Rednerin wurde mit

einem zärtlichen Kusse sowohl von der Tante als auch von deren

Freundin belohnt, die sich für ihre Kinder eine Abschrift der

schönen Verse ausbat.

Die eingetretene ernste Stimmung wurde indessen bald auf

eine kleine Weile dadurch gestört, daß ein sehr possierliches

Mißverständnis zum Vorschein kam.

Der Gang nach der Himmelpforte · 第 3 / 14 题