»Väterchen, laß uns doch auch nach der Himmelpforte gehen!«
So sprach im Tone der innigsten Bitte die kleine Sophie, indem sie
sich zärtlich an den Vater schmiegte und dessen erfaßte Hand küßte.
Der Vater kniff ihr leise in das runde rothe Bäckchen und
erwiederte nach einigem Besinnen: »Nun ja, Schmeichelkätzchen,
es mag geschehen!«
Kaum war das Wort verlautet, so zeigte ein sich erhebendes
lautes Frohlocken an, mit welcher Freude die Einwilligung des
Vaters nicht bloß von der kleinen Sophie, sondern auch von deren
Geschwistern vernommen worden war. Diese hatten bis dahin am Fenster
gestanden und mit Sehnsucht den Leuten nachgesehen, welche schon
seit einigen Stunden vorüberzogen und von denen sich annehmen ließ,
daß sie sämmtlich die Himmelpforte zu ihrem Ziel erwählt hatten.
Denn es war heute das Fest der Himmelfahrt Christi, und der Besuch
der sogenannten Himmelpforte amNachmittage dieses Festes war eine
altherkömmliche Sitte bei denBewohnern der guten Stadt Wernigerode.
Daß darüber manche dennachmittäglichen Gottesdienst versäumten, war
gerade nicht nöthig und nicht löblich, denn die Himmelpforte lag so
nahe bei der Stadt, daß zu ihrem Besuche auch nach der Kirche Zeit
genug übrig blieb.
Als Vater Lehrwart, der selbst Prediger war, seinen Kindern die
Erlaubnis zum Besuch der Himmelpforte ertheilte, war die Kirche
schon aus und auch der Kaffee war schon getrunken. Es war halb
drei Uhr Nachmittags. Die Leutchen, welche jetzt noch hinausgingen,
schienen so große Eile zu haben, als fürchteten sie, mit jeder Minute
etwas zu versäumen. Daher harrten auch die drei Kinder Lehrwart's,
die sich in der größten Geschwindigkeit fertig gemacht hatten, mit
Ungeduld des Augenblicks, wo ihre Tante Elisabeth, die sie begleiten
wollte, gleichfalls bereit sein würde. Endlich war es so weit
gekommen, daß nur noch zärtlicher Abschied vom Vater zu nehmen war.
Aber, in welches Erstaunen und in welche Freude geriethen die Kinder
bei der unerwarteten Erklärung des Vaters, er selbst wolle auch von
der Gesellschaft sein! Man hüpfte vor Freude. Ernst sprang eilig
treppauf, um des Vaters Hut herunterzuholen, während Louise seine
Handschuhe und Sophie seinen Stab herbeibrachte. Wedelnd und bellend
bezeugte der muntere Spitz seine Erwartung, auch mitgenommen zu
werden, und kaum war die Hausthür geöffnet, als er schon zu wissen
schien, wohin man sich wenden werde, und der Gesellschaft voran,
spornstreichs aus dem nahen Thore hinauslief.
So sehr sich die Kinder darüber freueten, daß der Vater mitging,
so ließ es sich doch bald an ihrer Ungeduld, womit sie vorausgingen
und dann wieder, stillstehend, zurücksahen, merken, daß ihrer Meinung
nach der Vater mit der Tante dießmal allzulangsam einherschritt.
Als vollends eine nachfolgende Gesellschaft vorbeigehend zuvor
kam, konnte Ernst die Klage nicht mehr zurückhalten: »Aber Vater,
wir werden gewiß die Allerletzten werden, wenn wir nicht schneller
gehen!« Lächelnd versetzte der Vater: »und wir werden doch noch
früh genug kommen!« »Ach ja,« fiel die kleine Sophie, klugschnäbelig
zustimmend, ein, »wenn wir auch nicht Alles sehen, das schadet
nichts!«
Diese Aeußerung veranlaßte die Tante Elisabeth zu der Frage:
»Was hofft ihr denn eigentlich zu sehen, Kinderchen?« Die Kinder
sahen etwas betroffen den Vater, die Tante und sich untereinander
an, ohne recht zu wissen, was sie antworten sollten. Endlich ließ
sich die schnippische Louise dahin vernehmen, es müsse doch wohl
heute in der Himmelpforte etwas recht Schönes zu sehen sein, weil
sonst nicht so viele Leute dahin gehen würden.
»Aber doch,« erwiederte ihr darauf der Vater, »doch, mein Kind,
irrst du dich, wenn du irgend etwas Besonders oder Außerordentliches
zu sehen erwartest. Es wird heute da, wohin wir gehen, nichts anderes
zu sehen sein, als was an jedem anderen schönen Frühlingstage an
vielen anderen schönen Orten zu sehen ist!«
Das »Ach!« welches sich nach dieser Erklärung des Vaters aus
dem Munde des neunjährigen Fräuleins hören ließ, war in einem so
gedehnten und unmuthigen Tone gehalten, daß die Tante Elisabeth eine
rügende Bemerkung darüber machte. »Ich dächte,« sagte sie, »es wäre
gut genug und aller Ehren werth, daß der Vater heute einmal mit uns
spazieren geht, was doch so selten kommt, und daß so schönes,
heiteres, mildes Frühlingswetter ist, und daß das Ziel unseres
Spazierganges ein so anmuthiges, liebliches Thal ist, und daß noch
obenein so viele Leute, die alle festlich geschmückt sind, denselben
Weg mit uns gehen. Heißt es nicht im Liede:
"Wie schön ist's im Frein,
bei grünenden Maien,
Im Walde, wie schön?"
»Ja, liebe Tante!« gelobte die drollige kleine Sophie, »wir wollen
auch recht vergnügt sein!«
»Ich bin es schon!« sagte Ernst. »Ich ja auch« erklärte Louise.
»Aber,« fügte sie hinzu, als ob sie sich rechtfertigen wollte,
»ich möchte doch wissen, warum gerade heute so viele Leute in
die Himmelpforte gehen?«
Ernst nahm eine wichtige Miene an, als ob er viel weiter
sähe, und fragte: »Das weißt du nicht einmal? Ist denn heute
nicht Himmelfahrt?«
Louise schien mit dieser Auskunft befriedigt zu sein. Tante
Elisabeth und der Vater wunderten sich im Stillen über den
naiven Einfall, der die beste Deutung der unterbewußten
Volkssitte zu sein schien, die sich geben ließ.
Indessen glaubte der Vater doch die Gelegenheit wahrnehmen
zu müssen, das Nachdenken der Kinder weiter zu führen, und
sann eben darüber nach, wie sich wohl an den Namen Himmelpforte
ein für die Kinder faßliches Lehrgespräch anknüpfen ließe, als
ihm der Zufall dabei zur Hülfe kam.
Sophie that die ihm sehr willkommene Frage, woher wohl der Name
Himmelpforte gekommen sei? Ehe er sie aber noch beantworten konnte,
begüßte ihn ein Bekannter, der mit seiner Familie aus dem nahen
westlichen Thore der Stadt gekommen war, und in deren Gesellschaft
nun der Weg nach der Himmelpforte weiter fortgesetzt wurde.