köstliche Bilder leuchten in seinen Schilderungen wie schimmernder
Schmuck auf.
»Alte Kastanien senken ihre Zweige tief zur Wiese hinab und ihre
Blätterhände scheinen weiße Blütenleuchter behutsam aus dem Grase zu
heben.« So werden tausendfach gesehene Dinge zu Bildern voll poetischen
Reizes und schimmernder Farbigkeit. –
Möge das Buch hinausgehen und die Freude und Liebe zur Heimat vermehren
und vertiefen. In unsrer Armut und Knechtschaft sind wir noch reich,
denn unsrer Heimat Herrlichkeit ist uns geblieben. Wir wollen sie uns
nicht rauben lassen, sondern immer tiefer und fester erfassen. Ein
berufener Mund ist es, der sie uns hier kündet. Laß dich von ihm zur
Heimatfreude führen, zum Heimatstolz erheben, mit neuer Heimatliebe
segnen.
Rieß, Freiberg.
Fußnoten:
[2] Preis M. 950,–. Bestellkarte in diesem Heft.
Jagdschloß Rehefeld
Von _A. Klengel_
Auf der Wanderung durchs deutsche Märchenland führt uns der Weg oft
an verwunschenen Schlössern vorüber! Burgen liegen, unnahbar unserm
Schritt, verträumt auf hohen Bergen, Schlösser einsam und versteckt
im tiefen Walde, durch einen Machtspruch verzaubert und der Erlösung
harrend.
Weit hinter uns liegt heute dies Traumland unsrer Kindheit, kaum die
Erinnerung ist geblieben an die Märchen, denen wir einst so gern und
andächtig lauschten. Und doch tauchen auf unsern Wanderungen durchs
schöne Heimatland zuweilen Gestalten auf, die urplötzlich in uns
wachrufen, was eingeschlummert war unter den Eindrücken des Alltags,
was verweht schien in den Stürmen des Lebens. Dann liegt greifbar vor
uns, was einst das Kinderherz erfreute, das kindliche Gemüt beseelte.
Ein solches Märchenbild ist das Jagdschloß Rehefeld droben an der
Landesgrenze im meilenweiten Hochwald des Erzgebirges. Einsam und
verlassen liegt das turmüberragte und erkergeschmückte Bauwerk hoch am
Hange des Weißeritztales. Zum verwunschenen Märchenschloß wurde es,
als das Königspaar Albert und Carola dahingegangen war. Das muntere
Treiben königlicher Weidmannsherrlichkeit verstummte, des Jagdhorns
letzter Ton war verhallt, die Läden schlossen sich über den blinkenden
Fenstern des Schlosses und nur ernstes Waldesrauschen umklingt noch die
Stätte, wo einst ein edles Herrscherpaar, fern von höfischen Pflichten,
Erholung suchte in unberührter Waldnatur und Mensch war auf herbschöner
Heimaterde.
Ein Märchenschloß liegt vor uns! Dicht heran drängt sich der dunkle
Wald und des Waldes Tiere suchen vertraut seine Nähe. Zu Füßen des
Schloßberghanges strömt die Weißeritz in jugendlicher Schnelle talwärts
und bietet mit den verstreut liegenden Holzhäuschen der Dörfer Zaunhaus
und Rehefeld ein Bild, das in seiner schlichten Anmut an ein einsames
Hochgebirgstal erinnert. Und darüber hinaus, soweit das Auge reicht,
breitet sich dunkler, harzduftender Fichtenwald aus in ernster, herber
Schönheit.
[Illustration: =Rehefeld=
Aufnahme von Walter Hahn, Dresden
]
Die weiten Wälder um das Jagdschloß Rehefeld sind mit der nun
Geschichte gewordenen alten kursächsischen und königlichen
Weidmannsherrlichkeit untrennbar verbunden. Schon Name und Entstehung
der beiden nahen Dörfchen Zaunhaus und Rehefeld lassen dies erkennen.
Zaunhaus verdankt seinen Ursprung dem Zaun- und Forsthause, das
Kurfürst Moritz um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts als
Amtswohnung des Zaunknechtes am großen Wildzaun an der nahen
böhmischen Grenze errichtete. Der eigentliche Ort entstand im
achtzehnten Jahrhundert, als sich Waldarbeiter auf Räumen ansiedelten,
die man ihnen aus den kurfürstlichen Waldungen »vererbte«. Einen
ähnlichen Ursprung hat das Dörfchen Rehefeld. Kurfürst Johann Georg
II. errichtete um 1670 dort im Wald ein Forsthäuschen, das dem
Oberforstmeister überwiesen wurde und später, gleich einem kleinen
Rittergut, Schriftsässigkeit und Jurisdiktion erhielt; es ist das
heutige Forstamt. Auch hier siedelten sich Waldarbeiter auf geräumtem
Kahlschlag am Weißeritzufer an. Es entstand ein Dörfchen, das
ursprünglich Sorgenfrey genannt wurde, aber vom König August II. bei
einer Jagd den Namen Rehefeld erhielt.
Die weiten und zum Teil unwegsamen Waldungen boten dem Wild seit alter
Zeit treffliche, geschützte Standorte und den Landesherren reiches
Weidmannsheil. Zwar fließen die Quellen, die von der Erlegung des
ritterlichen Wildes vergangener Tage – Bär, Wolf und Sau – in dieser
Gegend berichten, nur spärlich; daß jedoch ein urwüchsiger Wildbestand
vorhanden war, ist daraus zu erkennen, daß noch im Jahre 1715 in der
Nähe ein Vielfraß (~Gulo borealis~) erlegt wurde.
Von größter Bedeutung für diese heimatlichen Jagdgründe war jedoch
immer das stolze Edelwild unsrer Gebirgswälder, der Rothirsch. Der
Hirschjagd und Hirschhege, die unter König Albert dort ihren Höhepunkt
erreichten, verdankt auch das Jagdschloß Rehefeld sein Dasein.
Infolge der ums Jahr 1860 einsetzenden sorgsamen Hege hatte sich
der etwas verkümmerte Edelhirsch des östlichen Erzgebirges prächtig
entwickelt und gut vermehrt, standen doch z. B. im Jahre 1892 auf
dem etwa sechzehntausend Hektar umfassenden Rehefelder Jagdrevier
gegen siebenhundert Stück Rotwild. Stattliche Vierzehnender mit einer
Stangenhöhe bis zu ein Meter zehn Zentimeter waren keine Seltenheit und
noch heute erzählen die alten Gebirgsbewohner gern von den gewaltigen
Rudeln prächtiger Edelhirsche, die im hohen Schnee zur Fütterung zogen
und von den kapitalen Platzhirschen, die an nebelfeuchten Herbsttagen
mit dumpfdröhnendem Brunftschrei ihre Rivalen zum Kampfe riefen.
König Albert lag schon als Kronprinz oft und auf längere Zeit
dem Weidwerk in Rehefeld ob. Da er und seine oft zahlreichen
Jagdgäste in den kleinen und weit voneinander entfernten Orten
nur unter Schwierigkeiten Unterkunft fanden, wurde im Jahre 1869
das schlichte Jagdschlößchen erbaut. Der überaus zierliche, in
nordischer Bauweise ausgeführte Holzbau ist ein Weihnachtsgeschenk der
damaligen Kronprinzessin Carola an ihren Gemahl. Auch die fürstliche
Geschenkgeberin hatte Gefallen gefunden an dem herrlichen Fleckchen
Erde, auf dem Rehefeld liegt. Bis zu ihrem Tode verbrachte sie die
Sommerwochen im Jagdschloß Rehefeld, im freundnachbarlichen Verkehr mit
den schlichten Gebirgsbewohnern und von ihnen geliebt und verehrt.
Obwohl das Schlößchen das Königspaar regelmäßig auf längere
Zeit beherbergte, ist seine innere Ausführung und Ausstattung
außerordentlich bescheiden. Es reicht jedenfalls bei weitem nicht an
das heran, was man gemeinhin unter einem vornehmen Landhause versteht,
von höfischem Prunk kann überhaupt keine Rede sein. Die innere
Ausstattung, der sogar die gemütliche erzgebirgische Ofenbank um den
mächtigen Kachelofen des Eßzimmers nicht fehlt, ist ganz dazu angetan,
Naturfreunden ein trauliches Heim zu bieten, die schwerer Pflichten
ledig für einige Zeit ganz der herrlichen Waldumgebung leben wollen.
Den Bedürfnissen eines längeren Aufenthalts der Besitzer und
ihrer Gäste entsprechend, machten sich später einige Ergänzungen
erforderlich. In der Nähe entstand ein Stallgebäude und ein schlichtes
Haus für Hofpersonal und Küche. Ein Schmuckstück für sich ist die
im Jahre 1879 nach Plänen der Meyerschen Kunstanstalt in München in
skandinavischer Bauweise errichtete winzige Kapelle. In den neunziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts erhielt die Südseite des Schlosses
einen niedrigen spitzbedachten Turm. War das Bauwerk, streng genommen,
zuerst nur ein Jagdhaus gewesen, so konnte es nunmehr Anspruch auf
den Namen Schloß erheben; denn nach landläufigen Begriffen gehört nun
einmal zu jedem Schloß ein Turm.
Das Schloß und seine Nebengebäude sind bis auf die Grundmauern durchweg
aus Holz erbaut. Es darf deshalb nicht wundernehmen, daß uns beim
Eintritt in die Vorhalle das Bild des St. Florian entgegenleuchtet, des
Schutzheiligen gegen Feuersgefahr, zu dem man in Süddeutschland einst
betete: O du heil’ger Florian, laß stehn dies Haus, zünd’ andre an!
Die schmückende Ausstattung des Jagdschlosses entspricht ganz seiner
Bestimmung und Umgebung. Außer Gemälden der Jagdmaler Mühlig und Guido
Hammer bildet eine Sammlung starker Geweihe von Hirschen, die König
Albert auf Rehefelder Revier erlegte, die Hauptzierde. Dazu gesellen
sich andre jagdliche Erinnerungen aus König Alberts Zeit.
Nach König Alberts Ableben verblaßte der Stern Rehefelds. Zwar hielt
sich die Königin Carola bis zu ihrem Tode noch alljährlich längere Zeit
dort auf, doch die Bedeutung des Schlößchens als Stätte fröhlichen
Weidwerks war geschwunden. Der reiche Bestand an Edelhirschen wurde
herabgemindert, und was heute dort noch durch den Wald zieht als alter
deutscher Weidmannsherrlichkeit letztes Vermächtnis ist kaum ein
schwacher Abglanz aus der Zeit, da die schwarzgelbe Standarte auf dem
Schloßturme verkündete, daß der greise königliche Jäger seine geliebten
Rehefelder Jagdgründe aufgesucht hatte und daß die Königin gekommen
war, um mit der Rehefelder Jugend schlicht-fröhliche Kinderfeste zu
feiern.
Fest verriegelt sind heute Türen und Fenster des vom Wind und Wetter
gebräunten Jagdschlosses. Vergeblich klopft der Wandrer, Einlaß
begehrend, beim Schloßverwalter an; Rehefeld ist als Privateigentum für
jeden Besuch gesperrt!
Man tut recht daran! Warum die wenigen Sehenswürdigkeiten des Schlosses
öffentlicher Schaulust preisgeben? Das Königspaar wohnte hier, um
sich der herrlichen Waldnatur zu freuen, die selten so schön und
ursprünglich erhalten ist, wie hier im stillen Weißeritztal. Auch den
sinnigen Wandrer schlägt der Heimatwald in seinen Bann, er freut sich
seiner Schönheit und zieht zufrieden seine Straße, auch ohne den Fuß
über die Schwelle des Schlosses gesetzt zu haben.
[Illustration]
Eine wiedergefundene alte Postmeilensäule
Erfreulicherweise haben die in diesen Blättern wiederholt gegebenen
Hinweise jetzt zur Auffindung einer der so selten gewordenen
Halbe-Meilensäulen aus der Zeit August des Starken geführt.
[Illustration: =Wiederaufgerichtete Postmeilensäule an der Staatsstraße
von Öderan nach Freiberg=]
Seit alters stand an der Staatsstraße von Öderan nach Freiberg, in
der Nähe des Öderaner Schützenhauses eine alte Steinbank. Architekt
Kempe aus Öderan, dem die eigenartige Form des Steinsitzes aufgefallen
war, ließ in diesem Sommer die Bank abbrechen und es ergab sich, daß
diese aus Teilen einer der alten Postmeilensäulen aufgebaut war. Die
Initialen, Posthorn und Jahreszahl 1722 waren noch wohl erhalten,
desgleichen auch die Entfernungsangaben: Öderan ½ Stunde und Chemnitz
5¹/₈ Stunde. Mit dankenswerter Hilfe des Erzgebirgsvereins Öderan und
des Landesamtes für Denkmalpflege gelang es den Bemühungen des Herrn
Kempe, das seltene Stück wieder am alten Platz aufzustellen, wo es nun
als Zeuge vergangener sächsischer Geschichte eindringlich und reizvoll
im Landschaftsbilde steht (siehe Abbildung).
~Dr.~ _Bachmann_.
Das Kamenzer Forstfest
Von ~Dr. phil.~ _Gerhard Stephan_
Wohl jedes Dorf und auch die meisten kleineren Städte haben ihre
Schulfeste. Was diese Feiern vor vielen andern besonders in den
jetzigen Zeiten auszeichnet, ist ihr ganz und gar unpolitischer
Charakter: arm und reich, hoch und niedrig nehmen daran teil und freuen
sich an dem Jubel der Kinder. Alle Gegensätze sind verschwunden und
jeder fühlt sich als ein Teil des Ganzen. Wenn es doch im Staatsleben
auch so wäre!
An Größe wohl, kaum aber an Bedeutung und innerem Werte dürfte eine
Stadt oder ein Dorf durch das Kamenzer Forstfest übertroffen werden,
das jährlich in der Zeit des Bartholomäustages (24. August) gefeiert
wird. Fast eine ganze Woche, vom Montag, oder wenn man will, gar vom
Sonntag an bis zum Freitag wird da unser Städtchen in Atem gehalten.
Ich vermag es selbst nicht zu sagen, was es ist, das dieses Fest für
einen Kamenzer so lieb macht, denn der Jahrmarktsrummel im nahen
»Forst«, von dem diese Schulfeier seinen Namen hat, mit seinen
Karussells, Luftschaukeln, Schieß-, Würstchen- und Würfelbuden ist ja
überall anzutreffen und auch der Kinderauszug gehört eigentlich auch
anderswo zur Veranstaltung, wenn auch vielleicht nicht in derartig
reicher Ausstattung. Tatsache ist und bleibt jedenfalls, daß man einen
Kamenzer nie tiefer beleidigen kann, als wenn man über »sein« Forstfest
spottet oder überhaupt daran herummäkelt. Für ihn gibt es eben nur
dieses Fest, es sind sozusagen seine Nationalfeiertage, die er da
erlebt. Wer sich in der Fremde aufhält, sieht zu, daß er seine Ferien
zur Forstzeit legen kann, und es gibt viele unsrer Landsleute, die
jahre- und jahrzehntelang nicht in ihre Heimat gekommen sind, dann aber
plötzlich zum Forstfest eintreffen[3].
Die Sage hat diese Kinderfeiertage umrankt. Zur Hussitenzeit, so
erzählt man – die Geschichte ähnelt ganz der von Naumburg – lag
ein feindlicher Fürst mit seinen Horden vor der Stadt und drohte,
ungeduldig ob ihres langen Widerstandes und ergrimmt über den Tod
vieler seiner Krieger, mit dem Schlimmsten. In der Stadt aber sah
es übel aus, der Hunger mußte bald die Übergabe erzwingen. Man bot
dem Tschechen Geld, daß er den Ort schone, doch der Böhme hatte sich
verschworen, Kamenz auszuplündern und niederzubrennen. Da, in der
höchsten Not, zog der Schulmeister mit den Kindern, jedes im weißen
Sterbekleide, ins Lager hinaus vor das Zelt des feindlichen Führers
und stimmte dort das Lied »Du Friedensfürst, Herr Jesu Christ« an. Der
wilde Slawe wurde von dem Gesang der unschuldigen Kinder so gerührt,
daß er noch in der Nacht abzog und Kamenz unbehelligt ließ.
Der böse Historikus freilich hat an dieser schönen Erzählung nichts
Wahres gelassen. Die Geschichte weiß vielmehr nur von Greueln dieser
fanatischen Glaubensstreiter zu berichten. Im Jahre 1429 drangen
sie durch das baufällige Schloß in die Stadt ein und brannten
sie nieder. Und zwei Jahre später, als sie wiederkamen, mußte man
ein schweres Lösegeld zahlen, um sie loszuwerden. – Man wird es
dem Lokalpatriotismus des Kamenzers zugute rechnen, wenn er, sich
derartiger unangenehmer Sachen ungern erinnernd, sie durch jene hübsche
Sage zu verdecken sucht, aber freilich, diese Entschuldigung zählt bei
dem Kritiker nicht.
[Illustration: =Das Kamenzer Forstfest=]
Doch der Geschichtsforscher suchte nach einem anderen Grund und glaubte
ihn in den alten Stadtannalen des trefflichen Caspar Haferkorn gefunden
zu haben, der etwa folgendes berichtet: Im Jahre 1520 herrschte
infolge langanhaltender Hitze eine große Dürre. Um Regen vom Himmel zu
erflehen, zogen der Schulmeister, seine Kinder und über dreihundert
Jungfrauen in weißen Kleidern, ein Wermutkränzlein auf dem Kopf und ein
Paternoster in den Händen, barfuß nach den umliegenden Kapellen St.
Just, St. Anna, St. Walpurgis, St. Jacob und St. Wolfgang. Gott erhörte
ihr Gebet und sandte am nächsten Tag den langersehnten Regen. Der
alte Oberlehrer Klix, ein besonders um die Familie Lessing verdienter
Forscher, vermutete nun, daß diese Prozessionen, von denen diese eine
wegen ihrer gewaltigen Wirkung in der Stadtchronik Aufnahme gefunden
hat, die Ursache zum Forstfeste sei. Doch dieser Grund befriedigt
ebensowenig – an einer Prozession pflegen auch Erwachsene teilzunehmen
– wie der, daß der Ursprung des Forstfestes in den Gregoriusfesten des
Mittelalters, Kinderfeiern, die am Gregoriustage abgehalten wurden,
läge. Denn der Gregoriustag fällt in das Frühjahr – 12. März.
In der vorjährigen »Forstfestzeitung« – auch eine solche gibt es! –
hat nun Georg Uhlig, der derzeitige Stadtarchivar, eine den Ursprung
des Festes wohl richtigtreffende Deutung gegeben, wenn er es als
Nachfolgerin der alten Schülerfeste der Lateinschulen erklärt. Ob
es sich nun um den »Rutenzug« (~virgatum~), – das heißt die Schüler
zogen aus und schnitten die Ruten, mit denen sie dann das Jahr über
verprügelt wurden – oder eine Ursache anderer Art handelt, ist letzten
Endes gleichgültig. – – – –
Forstfest! Die Kinder träumen das ganze Jahr davon. »Nach den Großen
Ferien ham mer ’ne Woche Schule – da wird nischt gemacht – und dann
– nu da is eben Forscht.« Und die guten Mütters haben Arbeit über
Arbeit, daß ja das weiße Kleid, der weiße Anzug, die weißen Schuhe und
Strümpfe, die Schärpen und was weiß ich, in Ordnung sind. Die Mädels
gehen seit den Großen Ferien meist recht merkwürdig frisiert, ihre
Haare sind alle ganz fest an den Kopf zu kleinen Röllchen (Schnecken
nennt sie der Volksmund) zusammengedreht »von wegen der Locken«.
Weißwarenhändler, Schuhmacher und alle verwandten Handarbeiter machen
glänzende Geschäfte, und die Gärtner haben alle Hände voll zu tun, um
die Kränze, Girlanden, Blumenkörbchen, Bögen herzustellen, Gere und
Marschallstäbe zu umwinden. Manch einer geht freilich auch mit einem
großen Korb zu dem nahen Busch und holt sich da sein Eichenlaub, und
Gott sei Dank verträgt unser Kamenzer Wald diese kleine Schädigung,
ebenso die Heide, die auch ihre roten Blüten zum Schmuck hergeben muß.
Sonntag. Im »Forst« entwickelt sich das eifrigste Jahrmarktsleben und
der Städter eilt hinaus, um schon die Vorfreuden des nahenden Festes
zu genießen. Auch der Landmann ist hergekommen, um für seine Lieben
was zu erhaschen, er hat in der Woche meist keine Zeit für solche
»Albernheiten«, aber Sonntags – ja das ist ganz was anderes,
Forstfest-Montag. Überall regen sich fleißige Hände, um die Straßen
zu schmücken: Girlanden werden von einem Hause zum gegenüberliegenden
gespannt, Kränze aufgehängt, Fahnen hochgezogen. Einige fremde
Schulen mit ihren Lehrern pilgern durch die Straßen und begucken
einstweilen die »Sehenswürdigkeiten«, wobei sie meist das Innere des
Andreasbrunnens interessanter finden als den schmucken Renaissancebau
darüber, der von ~Dr. Andreas Guntherius proconsul Camicianus~ meldet,
daß er »~patriae pietate impulsus~« (also »aus Heimatliebe«!) den
Brunnen auf seine Kosten habe 1570 erbauen lassen.
½12 Uhr. Eifriges Streben der festlich geputzten Kleinen mit ihren
Kränzlein und Fähnchen zur Schule. Für gewöhnlich haben sie es nicht
so eilig, aber heute! Die Alten suchen sich inzwischen einen Platz
auf dem Schulhofe zu sichern, sie wollen das Forstfestlied hören,
das sie einst als Kinder selbst gesungen haben. Die Turner mit ihrem
schmucken Eichenzweig am Hut und die gestrenge »Polizei«, an der heute
hocherhobenen Hauptes mancher Junge vorbeischreitet: »Achtung, jetzt
komme ich, heute kannst du mir nichts tun,« ja, sie haben eifrig
aufzupassen, damit hübsch Ordnung gehalten wird, und die Kinder ins
Schulhaus hereinkommen.
12 Uhr. Die Musik setzt ein, die Schultore öffnen sich und hervor
ergießt sich der Kinderschwarm. Es sind weit über tausend, die da
herausmarschiert kommen. Voran einige ältere mit Kränzen, sie dienen
zum festen Halt, denn hinter ihnen strömen die ganz kleinen, die dies
Jahr das erstemal mitfeiern. Von den Jungens einige mit Kränzen um
ihren Ersten, der die Klassenfahne trägt, die Mehrzahl mit Fähnchen,
wobei die jüngsten beiden Jahrgänge die Stadtfarben rot-weiß tragen.
Die nächsten die Landesfarben weiß-grün, die älteren die Reichsfarben,
bis voriges Jahr schwarz-weiß-rot, heuer schwarz-rot-gold (neben
mir stand ein Graubart, dem man ansieht, daß er in seinem Leben
gearbeitet, der meinte, wie im Selbstgespräch: »Unser Schwarzweißrot
war doch schöner! Das sind außerdem die jahrhundertealten (!!)
Farben!« – Volksmeinung, wann wird sie von unsern »Volksvertretern«
einmal respektiert werden?). Die ältesten Jungen trugen efeuumwundene
Gere. Die Mädels bieten ein fast noch abwechslungsreicheres Bild:
Blumenkörbchen wechseln mit Girlanden, ihnen folgen Bogen und Kränze.
Die Realschule als Schluß zieht in ihren rotweißen Schulfarben heraus,
Jungens, Mädels und wieder Jungens, ihrer schönen seidenen Fahne
folgend. Nach mancherlei Verschlingungen hat sich alles im weiten
Umkreis aufgestellt. Die Musik macht eine kleine Pause, dann setzt sie
von neuem ein und heraus treten die Fahnengruppen mit den alten, einst
von Jugendfreunden gestifteten Bannern.
Auch sie nehmen Aufstellung und nun ertönt das liebe Forstfestlied (es
ist erst in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit Ausnahme
des ersten Verses entstanden (Melodie ~Gaudeamus igitur~)):
Festlich schwebt ein Freudentag
Unserm Kreise nieder,
Jeder Stunde dumpfer Schlag
Hallt uns Wonne wieder.
Wer ein Herz im Busen trägt,
Wem es laut und feurig schlägt,
Singe Jubellieder.
Wiederkehrt die Forstfestlust
Mit den Blütenkränzen,
Freudig hebt sich jede Brust,
Aller Augen glänzen!
Kinderfreude, Elternglück!
Manchen sel’gen Augenblick
Bringen diese Tage!
Wer in unsern Reihen stand,
Denket gern der Stunden,
Da auch ihm der Liebe Hand
Kränze einst gewunden
In die Locken, an den Stab!
Welche Jugendwonne gab
Uns des Festes Zauber!
Mögen noch in später Zeit
Forstfestlieder tönen,
Die dem Vaterland geweiht,
Allem Guten, Schönen!
Für mein Kamenz schlägt mein Herz,
Sein gedenk ich allerwärts,
Haltet hoch die Fahnen!
Der alte Kamenzer Oberlehrer Klix war es, der dieses Gedicht einst
verfertigt[4], es spricht so recht jedem Kamenzer aus dem Herzen und
man sieht gar oft manches Auge tränengefüllt, wenn das Lied erklingt.
Da denkt erst mancher an seine Kindheit zurück, die nun so weit und
unwiederbringlich zurückliegt »da auch ihm der Liebe Hand Kränze einst
gewunden«.
Was soll ich nun, nach dem eigentlichen Höhepunkt des Festes, noch
erzählen? Der Schuldirektor spricht einige Worte, dann ertönt ein neues
Lied, hierauf setzt sich der Zug durchs Klostertor nach dem Markt in
Bewegung, singt hier, nach vollendetem Aufmarsch, abermals und rückt
dann durch die Bautzner Straße bis zum Eulenberg, wo er sich auflöst.
Alles eilt nach Hause, oft von der treusorgenden Mutter oder dem lieben
Vater oder Bruder in Empfang genommen, die dann den schweren Kranz
abnehmen, um ihn nach Hause zu tragen. Dort aber läßt es der »kleinen
Welt« keine Ruhe, sie können kaum Kaffee trinken, dann gehts eiligst
nach den Wiesen auf dem Forstfestplatz, wo die Kleineren spielen, die
Größeren kegeln oder schießen. »Herr Manke, wir wollen mal das machen,«
bittet so ein kleines Mädel und flüstert ihrem geduldigen Lehrer ihre
Wünsche ins Ohr, »Herr Klugmann, kanns losgehen?« meint ein größerer
Junge schon selbstbewußt, denn er brennt darauf, als erster den bunten
Vogel da oben um einen Span zu erleichtern, und ist dann wenig erbaut,
als, unter Freudegeheul der ganzen Meute, sein Schuß »in weitem stets
geschweiftem Bogen hinauf bis in des Himmels Blau« fliegt. Die lieben
Angehörigen stehen dabei, um ein bißchen zuzusehen, aber ihre »Herren«
Kinder haben heute meist keine Zeit, denn da gilts bald mal einen
großen Zwieback zu holen, der dieses Jahr an Stelle des »Würstchens
mit Semmel« getreten war und auch nur deshalb, weil die Stadtväter
in kluger Berechnung auf die gute Laune der Forstfestbesucher eine
allgemeine Feststeuer in Höhe von fünf Meter eingeführt hatten, bald
»muß« man auf der Riesenbahn, der Luftschaukel oder dem Karussell
fahren oder »~Modo homo~« (!) dem lebenden Toten, von dem sein Herr in
eindringlicher Sprache versichert, daß ganze Berge Geschirr vor ihm
zerworfen werden könnten, ohne daß er aus seiner Suggestion erwache
(»er hat gut reden, nur wird heute kein Geschirr zerschmissen,« meinte
einer recht trocken), während das Fräulein an der Kasse ebenfalls in
Hypnose fällt, aber jedesmal wieder erwacht, wenn einer sich zur Kasse
»drängt«, einen Besuch abzustatten. Ja, ja, die guten Eltern werden
eigentlich erst dann wieder gebraucht, wenn das nötige Kleingeld
fehlt. – – –