Ja, draußen, vor der Stadt, wo der frische Wind das dicke graue Gewölk

der Alltagssorgen, etwas unsanft vielleicht, aber desto nachhaltiger

hinwegfegt, draußen in Feld und Heide, von denen so viele kräftige

Sprüche und frohe deutsche Lieder wissen, dort suche dir Erholung und

Belebung zugleich. Trotz Winters und aller Not der Zeit wirst du sie

dort auch jetzt noch immer neu finden.

[Illustration: Abb. 1 =Jagdschloß Moritzburg=]

Dichter gütiger Schnee deckt nach Wochen rauhen Barfrostes Wald und

Wiesen und so manche Verunzierungen älterer und neuester Zeit, indes

wir langsam durch den Lößnitzgrund aufwärts steigen. Ganz still ist es,

so still, daß es leise seidig knistert, so oft einer der gefiederten,

heute, ach, so kleinlaut verstimmten Sänger mit seiner Schwinge Schnee

von einem Zweige streift. Hinter der Meierei weitet sich das Tal;

eine Wiese, rings umhegt von herben Kiefern und schütteren Birken.

Ein Häuschen in Efeu steht am Rande. Spielplatz der Waldelfen im

sommerlichen Mittagsflirren oder doch der Ferienkinder mit Zupfgeige

und bunten Bändern und viel Sonnenglanz auf Wangen und in Augen. Wie

lange noch? Vom Hange rechts ist schon mancher stattliche Stamm in den

letzten Monaten zuviel abgeschlagen worden, und doppelt solange als auf

gutem Boden, wird es auf dem kargen Hange währen, bis in Menschenaltern

auch nur ein Baum wieder erwachsen ist, wie er, zwei Handbreit im

Durchmesser, auf dem Stamme selbst heute nur wenige _Papier_taler

erbringt. Das geltende Recht, noch stehend unter den Nachwirkungen der

Freihandelslehre, die auch dem sächsischen »Heimatschutzgesetz« von

1909 noch allenthalben grundsätzlichen Widerspruch entgegensetzte,

gestattet leider den Schutz des reinen Naturdenkmals nur erst in

sehr kümmerlichem Umfange. Möchte bald in unserer Zeit der gedanken-

und bedenkenlosen Geldmacher und der heimatlosen wirtschaftlichen

Machthaber solchem Tun durch Maßnahmen (Forstschutzgesetz!) gesteuert

werden, die die Erschöpfung der besten Kraftquellen und Jungbrunnen

unserer Städte und ihrer Kinder durch Fortentwicklung des geltenden

Rechtes wirksam und entsprechend der Überzeugung weitester und bester

Teile der Bevölkerung des Landes künftig unmöglich machen. _Bannwald_,

Freiwald, »Friedewald« – das Blockhaus der Eisenbahnstation, die wir

inzwischen durchschreiten, erinnert noch daran –, das war gerade der

Forst ringsum, die spätere Burggrafenheide von der Meißner Gegend

bis nach Klotzsche, selbst schon in grauen, rauheren Jahrhunderten

mittelalterlicher Geschichte.

Bei Dippelsdorf endet der Grund. Jenseits liegt ein großer Teich,

der den Namen des Dorfes trägt. Mitten hindurch führt auf schmalem

Damme die Bahn. Wie brauste und wogte er damals, als sich tausend und

abertausend weiße Wellenkämme in jenen Tag- und Nachtgleichestürmen

überstürzten, die an dem Septembersonntage 1914, mit der Kunde von

dem großen Siege an den masurischen Seen zugleich, brausend über das

deutsche Land fuhren und drüben an der Landstraße zum Moritzburger

Schlosse so manchen Stamm krachend zerpellten. Heute freilich liegen

all die Teiche in der Runde tot unter Winters lähmender kalter Faust,

so wie das deutsche Land ringsum.

[Illustration: Abb. 2 =Jagdschloß Moritzburg, Monströsensaal=]

Aber es wird ein Auferstehen kommen in neuen Lenzen nach Jahren

der Not, der Raffsucht und des Neides; ein echteres dauernderes

Auferstehen und Leben wird es sein als jenes, das die Treibhausluft

der Filmwelt der Moritzburger Wald- und Wasserherrlichkeit und

seinem ehrwürdigen Schlosse bereitet hat. Der Film wollte diese

großartige großlinige Landschaft zur billigen Staffage herausgeputzter

Herrschaften herabdrücken. Doch da rächte sie sich und erdrückte all

ihr turbulentes Gewimmel so, daß von zweihundert Brokatgewändern und

vierhundert Perücken weniger Erinnerung übrig blieb als von dem _einen_

naturgetreuen Bilde des sonnenbeschienenen Sees mit der schlanken

Gondel und der Insel, die auf seinen Wassern schwimmt.

Und die kleine Insel mit den wispernden und doch diskreten Espen

träumt auch heute vor unseren entzückten Augen friedvoll, ahnungslos

sozusagen, nun wir durch die große Allee allmählich den Schloßteich

erreicht haben, vorbei an dem Kuppelbau der Kirche, die in den Maßen

etwas überheblich erscheint und vorüber am Landstallamt, an dessen

Tore ein weiser oder doch launiger Herrscher seinen churfürstlichen

Hofnarren Fröhlich und Schmiedel zum Dank für manche erfrischende

Wahrheit Büsten setzen ließ.

[Illustration: Abb. 3 =Jagdschloß Moritzburg, Speisesaal=]

Der Schloßteich ist erst in den Jahren 1722 bis 1730 durch umfangreiche

Ausschachtungen aus drei kleineren Weihern entstanden. August der

Starke war es, der aus dem kleinen Jagdschlosse, das Kurfürst

Moritz 1542 begonnen hatte, durch den Meister des Zwingers, Daniel

Pöppelmann, den Bau in der heutigen Gestalt mit seiner bezwingend

selbstverständlichen Ausgeglichenheit der Maße und Massen errichten

ließ. Die besten Meister standen ihm bei: Longuelune, der auch die

vornehm verhaltene Pracht des Japanischen Palais in Dresden erschuf,

Knöffel und Permoser als Plastiker, Louis Silvester als Maler. Ihrem

Zusammenwirken danken wir all die beruhigten und beruhigenden Harmonien

des Zusammenklangs und Ineinanderfließens ihrer Künste im Innern wie im

Äußern und in der Umgebung dieses wahrhaft königlichen Waldschlosses.

Nur die Türme des Baues gehen im wesentlichen noch bis auf das

sechzehnte Jahrhundert zurück. Damals aber verband sie wie es noch

jetzt im Hermsdorfer Schlosse des Fürsten Schönburg zu sehen ist, nur

eine Mauer, _innerhalb_ deren das weit kleinere alte Jagdschloß stand.

Auch die Kapelle stammt aus älterer Zeit. 1661–1672 erbaute sie der

jagdfrohe Johann Georg der Zweite, der sich 1638 mit der Tochter des

Kurfürsten von Brandenburg in Moritzburg vermählt hatte. In jener hohen

Zeit des Weidwerks und des Weines ließ der Fürst eine Tafel anbringen,

darauf stand:

»Ich ergetze meinen Fürsten,

Den nach Jagtlust pflegt zu dürsten;

Kurtzweill ist hier gut zu treiben,

Wer nicht kann, der laß es bleiben.«

Und in den Grundstein der Kapelle mauerte er eine Kapsel mit einer

Flasche roten und weißen Weines. – – Es war derselbe Fürst, der sich

auch das Schlößchen Hoflößnitz unten in den Weinbergen erbauen und so

lebensfroh auszieren ließ. Seine Mahnung aber fand genug Nachahmung:

Aurora von Königsmarck und Peter der Große, Friedrich der Große und der

erste Napoleon, sein Bruder König »Lustigk« von Westfalen und noch im

Weltkriege der Kaiser Karl von Österreich und mit ihm die Kaiserin aus

Welschland auf dem wohl letzten feierlichen Fürstenbesuche alten Stils,

den Moritzburg und Sachsen überhaupt sah. Nur einige der glänzenden

Gäste sind das, die die Säle des Schlosses im Laufe der Jahrhunderte

durchschritten.

[Illustration: Abb. 4 =Moritzburg, Fasanenschlößchen=]

Sollen wir auch von den einzelnen Räumen noch sprechen? Wer in Sachsen

Sinn für ehrwürdige und kunstreiche Pracht hat, kennt sie ja: den

Speisesaal und den Monströsensaal mit den stärksten und seltsamsten

Edelhirschgeweihen, die überhaupt bekannt sind, Geweihe wie sie nur

bei der freien Wildbahn und der reichlichen Tierfütterung früherer

Jahrhunderte sich überhaupt entwickeln konnten, darunter jener

einzigartige 66-Ender. Und er kennt auch die Zimmer mit den alten

China- und Japanporzellanen auf den Kaminen in dämmriger Pracht, den

Gobelins und Intarsien, den vergoldeten Ledertapeten und all der andern

Herrlichkeit.

Eher noch wäre von dem Schlößchen eine halbe Stunde ostwärts, jenseits

der durch Roheit und Habsucht der letzten Jahre fast verwaisten

Wildfütterung zu erzählen, drüben am alten Fasanengehege mit der leider

abgebrochenen Volière voll umständlicher ländlicher Schnitzarbeit,

die der weidfrohe Sieger von Beaumont so liebte. Um 1775 baute es

sich Friedrich August der Gerechte am Ufer des sanften Großteiches,

dessen Lieblichkeit ein düsterer Leuchtturm und die dräuende

»Dardanellen«mauer vergeblich ins Heroische zu steigern versuchen.

Er entsprach der Wesensart des fürstlichen Bauherrn, der beinahe der

sächsische Zeitgenosse und Geistesverwandte Friedrich Wilhelms des

Dritten war, und anderen Formats des Leibes wie des Lebenszuschnitts

als August der Starke. Und auch das zierliche Rokoko und Empire und

die spielerischen Chinoiserien seines _Fasanenschlößchens_ spiegeln

seine Wesensart ähnlich wieder wie etwa die saubere Bürgerlichkeit

des Schlößchens auf der Potsdamer Pfaueninsel die des Gemahls der

Königin Luise und umgekehrt der große kraftvolle Zug des Moritzburger

Jagdschlosses selbst die Vollkraft seiner beiden großen Bauherrn Moritz

und August.

Aber das Beste, das dem Wanderer beschieden, ist vielleicht gar nicht

der langsam verdunkelnde äußere Glanz im Innern dieser Schlösser,

für die jetzt leider, wenn nicht Pflege, so doch Leben, Nimbus, und

zumal Ehrfurcht allzusehr schon oder noch fehlen. Das Beste ist, was

nicht sichtbar um die Mauern und Statuen und auf den Teichen webt und

raunt, und was dem nie fehlen wird, der den Weg zur Mutter Natur zu

finden weiß und dabei immerhin bei Frau Historia einmal mit beschaulich

einkehren mag. Die beiden Chinesen auf dem geschweiften Dache des

Fasanenpalais nicken im Winde bestätigend. Und sie sind alt genug, die

Welt zu kennen.

Ludwig Richters Weihnachtskunst

Von _Walther Hoffmann_

O Weihnacht! Weihnacht! Höchste Feier,

Wir fassen ihre Wonnen nicht,

Sie hüllt in ihre heil’gen Schleier

Das seligste Geheimnis dicht.

Diese Worte von Nikolaus Lenau finden auch in dieser trüben Zeit

in unsern Herzen den stärksten Widerhall. Lenau war auch einer der

deutschen Romantiker. Und die deutsche Romantik in der ersten Hälfte

des neunzehnten Jahrhunderts ist es ja gewesen, die, wie allen unsern

Sitten, Bräuchen und Liedern, so auch unserm Weihnachtsfest seine

schönsten Geheimnisse abgelauscht und sich in seinen Zauber am tiefsten

versenkt hat. Ihr entstammen unsere liebsten Weihnachtslieder, sowie

die Sitte des Christbaums, von dem z. B. Schleiermacher in einer

Schrift von 1806 noch nichts weiß. Zwar hatte auch das achtzehnte

Jahrhundert schon sein Weihnachten. Ein Brief von Goethe aus Frankfurt,

am Christtag früh 1772 geschrieben, bezeugt es. »Ich habe diese Zeit

des Jahres gar lieb, die Lieder, die man singt, und die Kälte, die

eingefallen ist, macht mich vollends vergnügt.« Des Türmers Lied:

»Gelobet seyst du Jesu Christ« hat ihn ergriffen. Am Christabend ist er

über den Markt gegangen und sah »die vielen Lichter und Spielsachen«.

Aber wenn wir uns solch eine Weihnachtsstube des achtzehnten

Jahrhunderts mit der steifen, aus Stöcken gezimmerten Lichterpyramide

auf einem der alten Stiche des bekannten Berliner Kupferstechers

Chodowiecki ansehen, und das nicht minder steife Gehaben der Menschen

darauf, bis herab zu den Kindern, so mutet uns das alles doch recht

wenig volkstümlich und kindertümlich an.

[Illustration: Abb. 1 Aus: Illustr. Zeitung für die Jugend. 1847]

Die Romantik brachte uns eine Rückkehr zur Natur, auch zur menschlichen

Natürlichkeit. Und sie schenkte uns einen Künstler, in dessen ganzer

Erscheinung das natürliche Wesen so wahr und echt uns entgegentritt und

zugleich wie von einem verklärenden Schimmer umflossen ist. Das ist

Ludwig Richter. Und in seiner Weihnachtskunst tritt uns dies alles ganz

besonders vor Augen.

Richters Weihnachtskunst ist, wie es jedes echte Kunstwerk sein muß,

aus seinem Leben erwachsen. Seine Kindheit und das Leben im Elternhaus

war nüchtern. Dort und in der Schule blieb das religiöse Bedürfnis

unbefriedigt und ungenährt. Und es ist bezeichnend, daß er aus seiner

Jugend, aus der er sonst in seinen herrlichen »Lebenserinnerungen«

jeden anheimelnden Zug mit Liebe festgehalten hat, niemals etwas von

Weihnachten erzählt, als nur das eine, daß er Weihnachten 1820 in

Frankreich »mit den Gedanken viel daheim« war und am zweiten Feiertag

an einen Ball denken mußte, den er vor Jahr und Tag mit seiner Braut

Auguste besucht hatte.

Das große Erwachen kam über ihn erst in Rom, wo er durch die Güte des

Dresdner Buchhändlers Christoph Arnold seit Herbst 1823 leben und sich

weiter ausbilden durfte. Dort ist ihm das Weihnachten 1824 zu einem

besonders tiefen Erlebnis geworden. Wehmütig sehnte er sich heimwärts

inmitten der Herrlichkeiten Roms. »O hätte ich doch ein kleines

Stündchen in Dresden sein können, um unerkannt durch die nächtlichen

Gassen zu laufen und die erleuchteten Fenster zu sehen!« Es verlangte

ihn, daheim »diese alten, schönen Feste recht innig zu begehen unter

lieben Freunden oder an der Seite der Geliebten«. Da schwärmt er nun

doch in seinem Tagebuche von den »schönen, süßen Zeiten«, von »unsern

alten, heiligen, herrlichen Gebräuchen«, ohne die der Deutsche nicht

leben könne, ohne kalt und endlich schlecht zu werden. Das ist es,

was ihm unter dem Klang aller Glocken Roms zum Bewußtsein kam. Und es

fielen ihm Schillers Worte ein:

[Illustration: Abb. 2 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852]

Wortgehalten wird in jenen Räumen

Jedem schönen, gläubigen Gefühl!

Wer es glaubt, dem ist das Heil’ge nah!

Am Neujahrstag 1825 aber schrieb er in sein Tagebuch: »Mir ist um

Mitternacht ein neu Gestirn aufgegangen, es leuchtet und wärmt zum

Leben, und ich fange nun erst an zu leben, nämlich im Glauben und in

der Wahrheit.« Diese Worte beziehen sich auf den Silvesterabend, den

er wenige Stunden vorher mit seinen drei vertrautesten Freunden in

dem Dachstübchen einer engen Gasse verbracht hatte. Unter dem Läuten

aller Glocken der ewigen Stadt feierten sie das Neujahr mit dem Choral

»Nun danket alle Gott«. Dieser Abend hatte die weihevolle Stimmung

vom Weihnachtstag her noch verstärkt und vertieft, und Richter hat

später wiederholt von jenen Tagen als den entscheidendsten seines

Lebens gesprochen. »Die Weihnachts- und Neujahrszeit ist mir immer

doppelt lieb und heilig, weil es die Zeit meiner zweiten Geburt zu

einem wahrhaften und besseren Leben geworden ist.« Liegt über Richters

Briefen auch sonst immer ein Hauch zarten, feinen Empfindens, so

erhalten vollends die um die Jahreswende geschriebenen immer einen

besonderen tiefen Klang.

[Illustration: Abb. 3 Aus: An der Krippe zu Bethlehem. 1852]

Dies alles kann nicht übergangen werden, wenn wir uns nach Richters

Weihnachtskunst umschauen. Denn hier zeigt sich das, was auch aus

seinen Bildern spricht, daß er nicht nur die ästhetischen Werte,

sondern auch die religiösen Kräfte dieses Festes aller Feste

nachzuerleben wußte. Und aus diesem frommen Erleben, nicht nur aus

der künstlerischen Begabung, erklärt sich der Reichtum, die Kraft

und Lebendigkeit seiner Weihnachtsbilder. Der große Dichter Otto

Ludwig, der damals auch in Dresden lebte, labte sich noch auf seinem

letzten Krankenlager an Richters Bildern, fuhr mit knöchernem Finger

darüber hin und sagte: »Das ist noch einer, der den Kindern ihren

Weihnachtsbaum anzünden kann. Nach ihm wird’s keiner mehr so können.«

[Illustration: Abb. 4 Aus: Knecht Ruprecht. 1854]

Ja, es müssen doch schöne Jahre gewesen sein, die stillen vierziger

und fünfziger Jahre, die solche edlen Früchte deutscher Kunst und

deutschen Gemütes zeitigten. Da verging kaum ein Weihnachten, zu dem

nicht unser Dresdner Meister seinem Volk ein Werk von seiner Hand auf

den Weihnachtstisch legte: 1840 die Geschichte des deutschen Volkes

von Duller mit vierundvierzig Holzschnitten, 1841 den Landprediger von

Wakefield, 1842 Musäus’ Volksmärchen mit sogar hunderteinundfünfzig

Holzschnitten, 1844 die köstlichen Illustrationen zu den

Studentenliedern, denen 1846 die Volkslieder folgten und so fort bis zu

dem großen Bechstein von 1853 mit seinen hundertsiebzig meisterhaften

Märchenbildern. Aber das sind nur die bekanntesten. Dazwischen laufen

die alljährlich erscheinenden Volkskalender von Nieritz und die

»Spinnstuben« des rheinischen Volksschriftstellers W. O. von Horn. Vor

allem aber weihnachtlichen Charakter trugen die kleinen, heute fast

vergessenen und verschollenen Kinderbücher des Dresdner Schriftstellers

und Buchhändlers Löschke, der sich Traugott nannte: An der Krippe zu

Bethlehem, Familienlieder und der in drei Jahren wiederkehrende Knecht

Ruprecht. Das alles waren Gaben an das deutsche Volk, die sich trotz

ihrer äußeren Schlichtheit mit allem messen dürfen, was nachmals »für

den Büchertisch« zu Weihnachten geschaffen worden ist. Und es ist

bemerkenswert, daß auch jetzt noch immer die Bücher und Mappen Ludwig

Richters sich auf dem Bücher-Weihnachtsmarkt siegreich behaupten.

[Illustration: Abb. 5 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855]

Leider läßt sich meine Absicht nicht durchführen, Richters

Weihnachtsbilder in größerer Zahl hier darzubieten. Man nehme mit den

wenigen Proben vorlieb. Sein ältestes Weihnachtsbild finde ich in dem

Büchlein »Bilder und Reime für Kinder«, das zuerst 1844 bei Justus

Naumann in Dresden erschien. Da ist der Christmarkt dargestellt, eine

Weihnachtsbude, um die sich die Kinder drängen, mit der stolzen Firma

»Caspar Mops aus Chemnitz«. Die erste Darstellung aber des lieblichen

Wunders von Bethlehem, der sich mit immer neuer Gestaltungslust unsres

Meisters so viele anreihten, erschien 1847 (Abb. 1) in einer heute

fast unauffindbaren Illustrierten Jugendzeitung (Leipzig, Brockhaus).

Wie ist hier das hohe Thema, das die Kunst ganzer Jahrhunderte in

allen Variationen gespielt und bis zum Höchsten gesteigert hatte, so

ganz ins Schlicht-Menschliche übertragen! Am ersten werden wir dabei

noch an Meister Dürer erinnert, dessen geniale, derbe, ausdrucksfähige

Holzschnittkunst ja auch auf Richter wie eine Offenbarung wirkte. In

Rom hatte er beim Freunde Veit zum ersten Male diese Blätter gesehen,

und seinen Einzug in Meißen als junger Ehemann feierte er, der damals

am allerwenigsten zu brechen und zu beißen hatte, mit dem Erwerb von

Dürers Marienleben für zweiundzwanzig harte Taler. Gerade Richters

Weihnachtskunst bestätigt es, daß diese für ihn bedeutende Summe

»reiche Zinsen getragen« hat. Doch diese starke Anregung des deutschen

Altmeisters hat ihn nicht zu schwächlicher Nachahmung verleitet.

Richter blieb ein Eigener, so sehr, daß man ihn in seinen Holzschnitten

sofort erkennt. Er ist weicher, kindlicher als Dürer, aber nicht

weichlich, nicht sentimental wie die »Nazarener« jener Zeit, sondern

immer gesund, natürlich, einfältig.

[Illustration: Abb. 6 Aus: Beschauliches und Erbauliches. 1855]

Man soll gerade auch Richters frühe Arbeiten im kleineren Format nicht

übersehen. Sie gehören zu seinen schönsten und ursprünglichsten.

Zwei Perlen sind die Abb. 2 und 3 aus dem Büchlein »An der Krippe zu

Bethlehem« von 1852, der nächtliche, vom Öllämpchen erleuchtete Stall

mit den Dudelsack blasenden Hirten und vor allem das ganz zarte Bild

des schwebenden Kindleins in der Krippe unter dem Christbaum mit den

singenden Engeln. Aus dem »Knecht Ruprecht« von 1854 ist dann die

versonnene »Flucht nach Ägypten« durch den deutschen Wald, aus dessen

Dunkel die heilige Familie heraustritt (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 7 Aus: Gesammeltes. 1869]

Mit den Jahren nimmt Richters Kunst einen größeren Stil an. So schuf er

1855 für die Mappe »Beschauliches und Erbauliches« den Weihnachtschoral

vom alten Meißner Stadtturm (Abb. 5). Christmorgen ist es. Das erste

Tageslicht dämmert unter den Sternen herauf. In den Häusern brennen

die Lichter, denn man rüstet sich zum Gang in die Christmette. Im

Turm aber schwingt die Weihnachtsglocke. Und nun schwingen die Klänge

des Chorals über der eben erwachenden Stadt. Die Kinder sind so

munter, wie sonst nie im ganzen Jahr in so früher Morgenstunde. Hell

bescheinen die Kerzen und Windlaternen ihre pausbäckigen Gesichter. Ihr

Gesang aber wird von dem schwarzen Kater auf dem Dach akkompagniert.

Ja, es ist so vieles in diesem Bilde, was wir uns auch für unsre

Weihnachtsfeier wieder herbeiwünschen möchten. Richter hat dieses Bild

geschaffen mit wundem und wehem Herzen, als ihm sein liebes Weib durch

einen Herzschlag plötzlich entrissen worden war. Er hat sich nicht

verbittern lassen, er wußte nun noch viel besser, was Weihnachtsfreude

ist: »Christenfreude«, wie er ein ganzes Buch aus demselben Jahr, ein

rechtes Bekenntnisbuch seiner selbst und Trostbuch für das deutsche

Haus, betitelte.

[Illustration: Abb. 8 Aus: Schillers Lied von der Glocke. 1857]

Dieselbe Mappe enthält auch das Bild vom Dresdner Weihnachtsmarkt

(Abb. 6) mit dem Schloßturm im Hintergrunde, wo das kümmerliche Dasein

dieser kleinen Geschäftsleute mit ihren Pflaumenmännern durch goldenen

Humor verklärt wird.

Uralte Volkssitte steigt vor uns auf in dem Bilde aus Richters

Spätzeit, den heiligen drei Königen (Abb. 7), diesem alten Mummenschanz

der Weihnachtszeit. Die volkstümliche Theatralik der drei Darsteller

ist köstlich getroffen. Aber auch der ganze Friede der stillen heiligen

Nacht umschwebt dieses Bild.

Ja, Friede! Das ist auch der Inhalt des letzten Bildes, das wir hier

zeigen (Abb. 8), aus Schillers Glocke, obwohl es kein Weihnachtsbild

ist. Friede auf Erden! Weihnachten bringt ihn uns, auch in einer

friedlosen Zeit. Es ist die Aufgabe des deutschen Hauses, sich trotz

allen Kämpfen draußen auch jetzt dem Geiste des Friedens von neuem

zu öffnen, besonders in der Weihnachtszeit. Und Ludwig Richter ist

der Mann, der mit seiner Weihnachtskunst auch uns den Weg zeigt, zur

rechten Christfreude zu kommen und selber die rechte Weihnachtskunst

zu lernen. Denn Weihnachten zu feiern ist auch eine Kunst, die gelernt

und geübt sein will. Möchte darum gerade Ludwig Richter unser guter

treuer Hausfreund bleiben und noch viel mehr werden, bei alt und jung,

besonders in der Winters- und Weihnachtszeit[1].

Fußnoten:

[1] Anmerkung der Schriftleitung. Wir verweisen auf die

köstliche Veröffentlichung des Verfassers »Ludwig Richter

als Radierer«. Großquart, 80 Seiten mit 51 Bildern, hart

gebunden. Preis M. 1200,–, zu beziehen beim Heimatschutz,

Dresden-A., Schießgasse 24.

Edgar Hahnewald: Sächsische Landschaften

III. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer

Heimatschutz, Dresden 1922[2]

»Sehne dich und wandre«, unter dieses Leitwort sind die Schilderungen

des neuen Bandes der Heimatbücherei gestellt. Ja, Sehnsucht lernt man

und fühlt man, wenn man im Geiste mit ihm geht. Man spürt fühlbar einen

Reiz und innerlichen Zwang, hinauszuwandern in die so mannigfaltigen

sächsischen Landschaften, deren Fülle und Reichtum an Formen, Farben

und Gestalten hier so stimmungsvoll an uns vorüberziehen.

Das Auge des Malers, der Mund des Dichters, die Gestaltungskraft des

Künstlers vereinen sich, um uns mitten hineinzuführen und erleben zu

lassen, was uns das Herz warm macht und die Augen hell, wie schön die

Heimat ist und wie köstlich das Wandern und Schauen in ihrem seligen

Raum. Vor allem aber spürt man in dem Buche das Herzpochen eines,

der seine Heimat heiß liebt und mit immer neuer Sehnsucht sucht. Er

liegt im grünen Grase unter schwanken Halmen. »Im Felde schlägt die

Wachtel. Und da draußen, grün und blau, duftig und glasklar liegen die

sächsischen Lande. Sie sind unsre Heimat. Und in sie hinauszuschauen,

war lange ein ersehntes Glück.« »Du bist meine Heimat, du bist der

Boden, auf dem mein Geschlecht durch die Jahrhunderte wuchs, auf dem

es die Scholle grub, in Dörfern webte, in Städten strebte, auf dem es

lebte und liebte und litt und lachte und starb ...

Du bist Orplid, mein Land ...!«

Diese Heimatliebe und Bodenständigkeit machen ihn zum rechten Führer,

der zu schauen, zu beseelen und zu deuten weiß. Nicht bloß im

Sonnenschein und blühenden Sommerwinde, nein auch in triefendem Regen

unter grauem Gewölk, auf leuchtenden, blaubeschatteten Schneepfaden und

in stiebendem Flockenwirbel und auch in duftender Nacht auf holprigem

Steig im schwarzen Walde werden wir von ihm heimatfroh gemacht.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 10-12 · 第 4 / 6 段