Den folgenden Tag ziehen nur die oberen Klassen aus, hinaus in den

Forst zum Schauturnen. Am Mittwoch ist »Lehrerschießen« – es soll meist

recht »fröhlich« dabei zugehen, doch darüber schweigt des Sängers

Höflichkeit. Und am Donnerstag wiederholt sich nur der Auszug vom

Montag, ebenso das Spielen und Schießen.

Abends aber bei Dunkelwerden ist der »Einzug« der Kinder mit Musik und

Buntfeuer. Die meisten Häuser, durch die sich der Zug bewegt, haben

illuminiert und der Jubelruf der Kleinen mit ihrem »Vivat, vivat hoch!«

will kein Ende nehmen. Bis zum Markt bewegt sich der Strom, dort findet

das schöne Fest mit einer kurzen Rede des Direktors, dessen Schlußworte

meist die typische Wendung haben: »Morgen früh um 8 Uhr auf Wiedersehn!

Gute Nacht!« und dem schönen Leuthener Choral »Nun danket alle Gott«

seinen offiziellen Schluß.

»Offiziell« sage ich, denn daran halten sich die Bogenschützen absolut

nicht, denn dieses Völkchen zieht vielmehr am Freitag mit großem

Tschingterassassa durch alle Straßen der Stadt, um, wie es »offiziell«

heißt, die Würdenträger des vorigen Jahres, die Fahne und so weiter

abzuholen, aber ich glaube, sie wollen auch die Stadt ein bißchen

aus dem Schlafe wecken nach dem bekannten Unteroffiziers-Weckruf:

»Aufstehen, ich muß auch aufstehen!« Nun, jedenfalls macht das viele

Herumziehen auch durstig, und deshalb wird öfters mal Halt gemacht und

eingekehrt, einmal beim »Schützenbruder« Büsche, dann im »Feuerhaus«,

und so geht das erst noch eine Weile so fort. Jedenfalls ist es meist

schon etwas spät–er, bis man sich zum regelrechten Ausmarsch aufmacht

– natürlich in den Forst, wo auch wieder eifrig ge–so–en, i nu,

geschossen wird.

Damit ist aber nun auch wirklich das Forstfest ganz zu Ende und die

Schaubudenleutchen und Luftschaukelbesitzer müssen ihr Krämchen

zumachen – bis zum nächsten Male.

Fußnoten:

[3] So war in diesem Jahre (1922) aus dem fernen Amerika ein

Kamenzer hergekommen, und hat – dank der Valuta – manchem

Kinde und auch Erwachsenen mit seinen Dollars eine Freude

gemacht.

[4] Mit Ausnahme des ersten Verses, dessen Verfasser mir

unbekannt ist. Früher – vor 1892 – wurde der erste Vers des

jetzigen Liedes gesungen und dann als zweiter, dritter und

vierter Vers die entsprechenden des alten: Brüder laßt uns

lustig sein! von Joh. Christian Günther.

Die kursächsischen Postmeilensäulen

Zu meiner Abhandlung in Heft 4 bis 6 der Mitteilungen habe ich eine

große Zahl von Zuschriften erhalten, in denen mir Postzeichen genannt

werden, die in meinen Verzeichnissen fehlen. Ich will versuchen, diese

Funde nach und nach an ihren Standorten selbst aufzusuchen und werde im

Sommer nächsten Jahres in Form eines Nachtrages darüber berichten.

Ich bitte deshalb auch weiterhin, mich auf unbekannte Stücke, mit

möglichst genauer Beschreibung von Standort und Aussehen (Skizze)

aufmerksam zu machen.

~Dr.~ _Kuhfahl_,

Dresden-A., Lipsiusstraße 14.

[Illustration]

Karl Schmidt †

Am 7. Oktober ist in Dresden, in seinem Heim an der Dresdner Heide,

der Begründer und der erste Vorsitzende des Landesvereins Sächsischer

Heimatschutz, unser Geheimer Baurat ~Dr. ing. e. h.~ _Karl Schmidt_ in

die ewige Heimat gegangen. Während des Druckes dieses Heftes erreichte

uns die Trauerbotschaft. Mit nie ermüdetem Schaffen hat er unsern

Verein geleitet und betreut, hat ihn mit seinen zweiundzwanzigtausend

Mitgliedern zu dem stärksten und einflußreichsten in unserm deutschen

Vaterlande gestaltet, und erst der Tod konnte seinem rastlosen Mühen

ein Ende bereiten. In schweren Zeiten führte er den »Heimatschutz« zu

der Höhe, die er jetzt einnimmt, unserm Volke zum Segen. Wohl ist er

von uns geschieden, sein Werk wird aber so lange leben, als Heimatliebe

lebt.

Karl Schmidt wurde am 16. November 1853 in Erfurt geboren. Er

studierte an der Berliner Bauakademie und am Dresdner Polytechnikum.

Er war 1878 bis 1882 beim Rate zu Dresden als Hilfsarchitekt

tätig, um dann in den Staatsdienst einzutreten. Hier wurde er 1885

Landbau-Assistent, 1888 Regierungsbaumeister und 1891 Landbauinspektor.

In dieser Zeit war er den Bauämtern Dresden und Zwickau und der

Zentralstelle der Hochbauverwaltung in Dresden zuerteilt. Als

Landbaumeister, welchen Titel er 1898 erhielt, hatte er die technische

Leitung des Ständehausneubaues in Dresden, dessen künstlerische

Gestaltung Meister Wallot schuf. Die Leitung des Landbauamtes

Meißen vertauschte er im Jahre 1900 mit der des Amtes Dresden I. Im

Jahre 1900 wurde er zum Baurat, 1902 zum Finanz- und Baurat und zum

Vorstand des hochbautechnischen Bureaus und damit zum Stellvertreter

der hochbautechnischen Räte und zum Mitglied des Technischen

Oberprüfungsamtes ernannt. Zugleich trat er in die Kommission zur

Erhaltung der Kunstdenkmäler ein. In vielseitigen Ämtern wirkte er, der

inzwischen Oberbaurat und Geheimer Baurat geworden war, bis zum Jahre

1913, wo er in das Ministerium als Vortragender Rat berufen wurde. Am

1. Juli 1919 trat er in den Ruhestand. Die Technische Hochschule zu

Hannover zeichnete ihn aus, indem sie ihn zu ihrem Ehrendoktor erwählte.

[Illustration: Geh. Baurat ~Dr. ing. e. h.~ =Karl Schmidt=, Gründer und

Führer des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz bis zu seinem Tode.

† 7. Oktober 1922]

In seinen Stellungen, die ihn zur Gestaltung zahlreicher staatlicher

Bauten beriefen, hat er mit allen Kräften zur Gesundung unsres

Bauwesens gewirkt. Er hat es verstanden, hinsichtlich der sächsischen

staatlichen Hochbauverwaltung die frühere künstlerische Unterwertigkeit

der »amtlichen« Baukunst zu beseitigen. Ganz besonders aber hat er

sich um den _Kleinwohnungsbau_ verdient gemacht. Wenn ihm dies in

geradezu vorbildlicher Weise gelungen ist, so verdankt er das zumal

der überzeugenden Art, wie er die Behörden und jedermann für seine

Ideen zu gewinnen wußte. Was Karl Schmidt wollte, kann man mit kurzen

Worten als bodenständige Bauweise, Rückkehr zur Einfachheit und

Selbstverständlichkeit im Bauwesen bezeichnen. Noch ist es allen, die

sich mit diesen wichtigen Fragen beschäftigt haben, in der Erinnerung,

wie nüchtern und schematisch in der zweiten Hälfte des vorigen

Jahrhunderts die staatlichen Bauten auf dem Lande gestaltet waren, wie

immer mehr und mehr die Nachahmung _städtischer_ Formen die _ländliche_

Bauweise in Dorfkirchen, Pfarr- und Schulhäusern und Wohngebäuden

verdrängt hatte, wie die Vorstädte der Großstädte nach charakterlosen

Bauplänen emporwuchsen.

Da besann man sich allmählich auf die alten trefflichen Grundsätze

unserer Vorfahren. Der Gedanke des _Heimatschutzes_ brach sich Bahn.

Und unser Schmidt stellte sich mit Gleichgesinnten begeistert an die

Spitze der neuen Bewegung.

Bereits im Jahre 1896 bei der Ausstellung des sächsischen Handwerkes

und Kunstgewerbes in Dresden, der eine Alte Stadt, eine Dorfanlage

sowie zwei Museen ländlicher Kunst angegliedert waren, bei der weiter

das große Volkstrachtenfest veranstaltet ward, trat Karl Schmidt mit

seinen Freunden tatkräftig für den neuen Gedanken ein.

Im Verfolg dieser Bestrebungen, die dem Volkstum und der Wiederbelebung

der bodenständigen Bauweise gewidmet waren, wurde 1897 der Verein

für Sächsische Volkskunde (und Volkskunst) gegründet, aus dem dann

der Landesverein zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise

emporwuchs, der später den Namen Landesverein Sächsischer Heimatschutz

annahm. Die Gründung des letzteren ist Schmidts eigenstes Werk.

Schmidt hat, um seine Gedanken in die weitesten Kreise zu tragen, eine

große Anzahl wertvoller Veröffentlichungen geschaffen. Dadurch konnte

er auch seine überraschenden Erfolge verzeichnen.

Im Anfang blieben ihm Anfechtungen nicht erspart. Der Vorwurf, der

Heimatschutz gehe auf Nachahmung überlebter Formen im Bauwesen aus,

die nicht mehr zeitgemäß seien, traf aber in _keiner Weise_ den

Kern des Heimatschutzgedankens. Nur der Geist, nur die Gesinnung

der alten Bauweise sollten wieder aufleben, die harmonischen Bilder

in der Stadt und auf dem Lande wollte Karl Schmidt gewahrt wissen,

nichts Fremdartiges sollte in unsre Städte und Dörfer, in unsere

Forsten hineingetragen werden. Den _neuen_ Errungenschaften aber

sollte Rechnung getragen werden. Durchschlagend und überzeugend war

auch der vielfach von Schmidt geführte Nachweis, daß die Bauten in

bodenständiger Bauweise wirtschaftlicher und sparsamer sind, als

die bekämpften. Ausschlaggebend wirkten hier zumal die wiederholten

Ausstellungen von Beispielen und Gegenbeispielen, in denen häßliche

und mustergültige Industriebauten, harmonische Stadtbilder und

Dorfansichten mit solchen, die durch gefühllose Neubauten gestört

waren, gute Bauernhäuser mit städtisch empfundenen Neubauten

zusammengestellt waren. Daß bei den empfohlenen Beispielen stets auch

in erster Linie die wirtschaftlichen Bedürfnisse berücksichtigt waren,

hat nicht an letzter Stelle den neuen Gedanken, die Schmidt verfocht,

zum Siege verholfen.

Kein geringes Verdienst Schmidts war es, daß er immer die richtigen

Männer zur Ausführung seiner Pläne zu finden wußte, daß sich

wieder Baukünstler fanden, die es nicht verschmähten, ihre Kräfte

den einfachen Aufgaben zu widmen, die ihnen der Heimatschutz

entgegenbrachte, die wieder schlichte Häuser und Wohnungen in

künstlerischem Sinne durchzugestalten lernten, anstatt nur in hoher

Architektur zu machen. Und seine Gründung, der Landesverein Sächsischer

Heimatschutz, seine Mitarbeiter und gleichgesinnte Männer waren bei

all seinen Bestrebungen getreue Helfer. Die Worte, die der zweite

Vorsitzende unsres Vereins, der langjährige Freund des Entschlafenen,

Hofrat Professor O. Seyffert, am Sarge des Verewigten sprach, seien

hier angeführt:

Wer älter wird, muß oft, sehr oft von lieben Freunden Abschied nehmen,

deren Leben und Schaffen ein Teil des eigenen Lebens und Schaffens war.

Heute stehen Alte und Junge, Männer und Frauen an der Bahre des Mannes,

der ihr Freund, ihr Führer gewesen ist. Heute trauern Tausende des

sächsischen Volkes um Einen, der unendlich viel gegeben hat und dessen

reiches Geschenk in unserer harten, schweren Zeit immer bedeutsamer,

immer kostbarer wird. Er hat der Heimat gedient in jenen Zeiten, wo

wir Alten jung waren, er hat uns dereinst zur Mitarbeit aufgerufen,

er hat uns unser Leben wünschenswert gemacht, da er mit uns _uns_ und

_anderen_ die Heimat eroberte, nicht in Kampf und Streit, sondern in

friedvoller Arbeit. Und Segen krönte sein Werk.

Wandern wir heute durch unser sächsisches Vaterland, so werden wir

überall an unsern Karl Schmidt gemahnt, überall werden wir die Spuren

seines Heimatschutzes antreffen. Da rauscht es aus den Bächen, da tönt

es aus den Gipfeln alter Bäume, da jubelt es im Sange der Vögel, da

klingt es aus den Volksliedern wanderfroher Gesellen, da leuchtet es

von den schlichten Dorfkirchen, Friedhöfen und traulichen Forsthäusern

und anderen Menschenwerken: _Heimatschutz_.

Wer seine Heimat liebt, liebt auch sein Volk.

Und wir wollen sagen: Wer seine Heimat liebt, den liebt auch das Volk.

Und so erntete er, der reichen Segen spendete, reichen Dank.

Als der Weltkrieg beendet war, als es galt, die Heimat vor dem

Materialismus, der sein widerwärtiges Haupt erhob, zu schützen, wo

unser Vaterland mehr Liebe als je gebrauchte, weil es krank und siech

war, wo so manches zusammenbrach, was wir dereinst hoffnungsfroh

errichtet, war es wieder unser Führer, der rastlos uns zu neuer Arbeit

rief.

Und er war tätig bis in die letzte Zeit, wo seine Kräfte anfingen,

nachzulassen, wo er Anrecht hatte, vom Schaffen auszuruhen. Er tat es

nicht, der Nimmermüde, da er selbst seine Aufgabe nicht erfüllt sah.

Nun hat ihn der Tod in die ewige Heimat gerufen und seiner Arbeit ein

Ende gesetzt.

Aber eins wissen wir. Uns ist er nicht gestorben, uns lebt er weiter.

Und wir wissen noch mehr. Wenn wir Alten ihm folgen werden, treten

die Jungen, die mit uns schon jetzt am gemeinsamen Werk arbeiteten,

in unsere vordersten Reihen, denn unsre heilige Sache ist nicht an

Personen gebunden. Sie wird uns stark machen, das Lebenswerk des

Heimgegangenen zwar nicht zu vollenden, aber weiterzuführen: denn

vollenden kann es ja niemand in der sich ewig neugestaltenden Welt, die

nicht alt wird wie wir Menschen, sondern jung bleibt. Aber die Liebe

wird nimmer aufhören, die dem Menschen mit seiner Heimat verbindet.

Und das ist unser Trost und unser Glaube. Nun gilt es Abschied nehmen

von unsrem Freunde. Noch einmal sagen wir unseren Dank. Wir geloben,

wir Alten und wir Jungen, weiter zu wirken und zu schaffen im Dienste

_seines_ Heimatschutzes. Und dies Gelöbnis, lieber Karl Schmidt, ist

unser Dank, und so wirst du in uns und in späteren Geschlechtern

weiterleben.

Gedächtnisrede

Von Pfarrer _W. Hoffmann_, Chemnitz

Müder Glanz der Sonne,

blasses Himmelsblau,

von verklungner Wonne

träumet still die Au.

Von der letzten Rose

löset lebenssatt

sich das letzte lose

bleiche Blumenblatt.

Der Herbst ist wieder ins Land gekommen. Er ist die Zeit

des Sterbens. Aber auch er hat seine Schönheit und seinen

besonderen Segen. Denn er ist auch die Zeit der Ernte und

der Frucht. Wenn aber ein geliebter Mensch uns durch den Tod

entrissen wird, und das bittere Weh des Scheidens und Sterbens

über uns kommt, dann soll es uns ein Trost sein, daß wir auch

das menschliche Leben als eine Saat und Ernte anschauen dürfen.

Ihr, liebe trauernde Freunde, steht jetzt noch ganz unter den

dunklen Schatten des Todes. Die letzten Tage und Wochen, die

vielen bangen, schweren Stunden bis zum letzten Atemzug Eures

Heißgeliebten haben sich Euren Herzen aufs tiefste eingeprägt.

Zum letzten Male habt Ihr in sein stilles bleiches Antlitz

geschaut und seine erkalteten Hände gefaßt, die sonst so warm

in den Euren lagen. Und doch geht es auch durch diese dunklen

Tage wie ein stilles Leuchten. Denn welch’ ein reiches,

gesegnetes Leben ist hier zum Ziele gekommen! Und wenn wir

nun in dieser Stunde in Liebe und Verehrung und in großer

Dankbarkeit dieses Mannes gedenken, der so vielen teuer war, so

dürfen wir es tun mit dem Wort des Neuen Testaments:

Wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Er war ein gesegneter Mann. Indem wir das aussprechen, geben

wir Gott die Ehre und danken ihm für dieses nun vollendete

Mannesleben. Gott hatte ihn gesegnet mit reichen Gaben, mit

körperlicher Kraft und Rüstigkeit bis ins Alter, und mit

den besonderen Geistesgaben, die ihn hinleiteten zu seinem

Lebensberuf. Und er hat den Acker seines Lebens nicht brach

liegen lassen. Im Segen hat er gesäet, hat sich in seinen

Lehrjahren die gründliche Ausbildung und Durchbildung

verschafft, die ihn dann befähigte, in seinen Meisterjahren so

große Aufgaben zu erfüllen. Das Geheimnis seiner Erfolge beruht

vor allem auch darin, daß er auch als Schaffender immer ein

Lernender blieb, getreu dem Goethewort:

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,

ein Werdender wird immer dankbar sein.

Durfte er doch die Wiedergeburt der so tief daniederliegenden

deutschen Baukunst mit erleben und mit heraufführen helfen. Im

Staatsdienst allmählich zu leitenden Stellungen und zuletzt zur

höchsten für ihn erreichbaren Stelle emporsteigend, hat er das

Bauwesen in unserm engeren Vaterland entscheidend beeinflußt.

Viele öffentlichen Bauwerke geben Zeugnis von seinem Schaffen.

Auch die Baukunst ist beseelte Kunst. Sie weckt den harten,

toten Stein zu einem neuen Leben. Auch in den Bauten eines

Volkes offenbart sich sein Geist und sein Charakter. Denn es

ist der Geist, der sich den Körper baut. Unser Entschlafener

aber hat als einer der Ersten erkannt, daß wir auch auf diesem

Gebiet unsere Stammesart pflegen müssen. Darum ging er bei

unsern Vätern in die Schule, nicht um in falscher Altertümelei

und Deutschtümelei ihre Weise nachzuahmen, wie man es wohl

früher versuchte, sondern um in dieser Schule der Alten das

wiederzugewinnen, was wir verloren hatten, den Sinn für unsre

deutsche Eigenart, insbesondere den Sinn für Schlichtheit

und Klarheit. Daß er sich so als ein immer Lernender in den

Geist seiner Kunst versenkte, das war eine Saat, aus der dann,

besonders in den letzten Jahren vor dem Kriege, eine reiche

Ernte hervorging. So aber gehört auch er zu den Männern, die

uns den Weg in die Zukunft gewiesen haben. Denn wenn wir jetzt

durch die Not der Zeit zur Einfachheit geradezu gezwungen sind,

so hat die Lebensarbeit dieses klarschauenden Mannes schon seit

Jahren diesen Weg bahnen helfen.

Doch mitten in seinem Schaffen blieb er ein Mensch mit einem

warmen Herzen. Auch von seinem persönlichen Leben dürfen wir

es sagen. Wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Viele danken ihm heute für seine treue Hilfsbereitschaft

und Liebe. Vor allen aber danken es ihm die Seinen. Vierzig

Jahre sollten sich in diesem Herbst vollenden, seit er mit

der Erwählten seines Herzens den Lebensbund schloß. Und heute

bezeugt es ihm die Gattin wieder, daß jener 20. November ein

Segenstag gewesen ist. Liebe hat einst das Band geknüpft, und

Treue hat es befestigt von Jahr zu Jahr. Liebe und Treue sind

die gute Saat gewesen, die Euch einen herrlichen Lebenssommer

schenkte und Euch auch den Herbst Eures Lebens vergoldete,

selbst noch die letzten Tage, als die sorgende Liebe der

Gattin nicht vom Bette des Kranken wich. Wo die echte Liebe

in zwei Herzen Wurzel geschlagen hat, da wird ja jeder Tag

des gemeinsamen Lebens, auch der Alltag mit seinen Pflichten

und Sorgen, ja selbst der Tag der Trübsal und der Schmerzen

zu einem goldnen Erntetag. So habt Ihr’s erleben dürfen, und

dafür dankt Ihr Gott. Und wie habt Ihr, seine drei Söhne, unter

dem besonderen Segen dieses Mannes, Eures Vaters, gestanden.

Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, sagt ein anderes

Bibelwort. Er hat so viele Häuser im Lande gebaut. Aber Euch

half er bauen am Bau Eures eigenen Lebens, und jedes gute Wort,

jeder väterliche Rat, jede Warnung und Ermutigung und sein

ganzes Vorbild durften Euch als Bausteine dazu dienen. Und

_seine_ Freude war es, daß er selber den Segen seiner Liebe

ernten durfte im Blick auf seine Kinder und Schwiegerkinder und

im Anblick der jungen Enkelkinder, die er noch ganz besonders

in sein Herz geschlossen hatte. Auch er durfte sagen mitten in

allen Kämpfen, die ihm in seinem Wirken nicht erspart geblieben

sind:

Laß Neider neiden, laß Hasser hassen,

was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen.

Der Friede des Hauses, das Glück der Familie, die Gemeinschaft

der innig Verbundenen, das war die Ernte seiner Liebe, die Gott

ihm gegeben.

Was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen. Das gilt aber

auch von einem besonderen Werke, dem er gedient, ja das er

selbst ins Leben gerufen hat. Das Herz wird mir warm, wenn

ich nun sprechen darf im Namen vieler Tausende hier an diesem

Sarge. Du gesegneter Mann, was bist du uns geworden als ein

Vorkämpfer für die deutsche Heimat und für alles, was uns

die Heimat lieb und wert macht! Unter deiner Führung haben

wir erkannt, daß wir nicht nur im Kriege, sondern auch im

Frieden die Heimat schützen müssen, unsre Hände halten müssen

über all den Schätzen, die durch Natur und Geschichte, durch

Gottes Hand und durch die Hände unsrer Väter dem Heimatlande

geschenkt sind. Es sind jene Schätze, die nichts mit der Valuta

und mit dem Marktwert zu tun haben, die aber eben darum unsre

kostbarsten sind. Es sind die Güter, in denen unsre Gemütswerte

ruhen. Diese Werte zu schützen gegenüber den allbeherrschenden

materiellen Interessen, und zugleich in dem, was Neues

geschaffen wird, den Sinn für das Heimatliche und Bodenständige

neu zu wecken, das ist unsrem Freunde und Führer die besondere

Aufgabe seines späteren Lebens geworden. Aus den Erfahrungen

seines Berufes ist ihm diese neue Aufgabe erwachsen. Und er

griff sie auf mit der ganzen Wärme seines Herzens, zugleich

aber auch mit der ganzen Tatkraft seines Willens. Weil sich

in ihm das Starke und das Milde paarten, das zarte, feine

Verständnis für alles Heimatliche und der überlegene Wille,

diesem Verständnis neue Geltung in unsrem Volke zu schaffen,

darum war er der berufene Mann, unsren Sächsischen Heimatschutz

ins Leben zu rufen und ihn zur stärksten derartigen

Organisation in Deutschland zu machen. Bald genug freilich

mußte er die Wahrheit des Wortes erfahren:

Leicht beieinander wohnen die Gedanken,

Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.

Aber in den Kämpfen um die Verwirklichung des

Heimatschutzgedankens hat er es immer wieder wahr gemacht:

Was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen. So hat er

sich als ein wahrer Freund seines Volkes bewährt. Er hat

mitgekämpft für das große Ziel, jedem Deutschen ein wirkliches

Heim und ein Stück Heimaterde zu verschaffen. Und sind wir

auch von diesem Ziele noch weit entfernt, so ist es ihm doch

beschieden gewesen, auch hier aus seiner Saat schon eine reiche

Ernte hervorgehen zu sehen. Der Gedanke des Heimatschutzes

marschiert. Er kann nicht mehr aufgehalten werden. Die Idee hat

sich stärker erwiesen, als die ihr entgegenstehenden Mächte.

Sie ist schon eine Macht und ein Segen geworden. Wer da säet im

Segen, der wird auch ernten im Segen.

Wo aber Ideen lebendig sind, die das System der bloßen

Nützlichkeit und des nackten persönlichen Vorteils

durchbrechen, wo der Sinn für das Ganze und die Liebe zum

Volke erwacht, da ist Gott. Wir danken Gott, daß er uns diesen

Mann schenkte und vielen zum Segen werden ließ. Und dem

allmächtigen, gnädigen Gott dürfen wir ihn getrost befehlen.

Sein Heimgang lenke unsre Blicke in die ewige Heimat, und die

hoffenden Herzen sprechen: Die Heimat der Seele ist droben im

Licht. Amen.

Unter den Klängen des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht«, des

Lieblingsliedes des Verewigten, senkten wir am 10. Oktober auf dem

Inneren Neustädter Friedhof in Dresden die sterblichen Überreste

unseres unvergeßlichen Gründers und Führers in die Erde.

[Illustration]

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt

– Druck: Lehmannsche Buchdruckerei

Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.

Soeben erschienen:

Edgar Hahnewald

Sächsische Landschaften

Band III der Heimatbücherei

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Großoktav 250 Seiten ✤ hart gebunden

_Vorzugspreis_ für Mitglieder des Landesvereins Sächsischer

Heimatschutz =M. 950.–=

Bestellkarte in diesem Heft

Gerhard Platz »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste

Band unsrer Heimatbücherei ist vergriffen und wird Ostern 1923 neu

erscheinen. Der zweite Band: Max Zeibig »Bunte Gassen, helle Straßen«

ist noch vorrätig und kostet jetzt M. 400.–. Nun reiht sich diesen

beiden köstlichen Büchern Edgar Hahnewalds »Sächsische Landschaften«

an. Stadtbaurat Rieß gab ihm auf Seite 253 dieses Heftes einige

warmherzige Einführungsworte. Und so hoffen wir, daß auch das dritte

Buch unsrer Heimatbücherei seinen Weg nehmen, die Sachsen Daheim und in

der Fremde erfreuen und unserm Heimatlande zum Segen gereichen möge. Es

entstand mit einem Kostenaufwand von mehreren Millionen Mark in einer

der wirtschaftlich schwersten Zeit Deutschlands, in einer Zeit, wo

viele verzagten.

Weihnachts-Verkaufs-Ausstellung

sächsischer Volks- und Kleinkunst

Spielwaren, Töpfereien, Holzarbeiten, Trachtenpuppen, erzgebirgische

Klöppelarbeiten, Spankorbwaren usw.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden-A., Schießgasse 24

gegenüber dem Polizeipräsidium

Besichtigung ohne Kaufzwang gern gestattet

Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die

Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Die Sperrung

der Autorennamen der Artikel wurde vereinheitlicht.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 10-12 · 第 6 / 6 段