erreicht, wenigstens was den Aufwand für dieselbe betrifft. König
Friedrich August der Gerechte liebte zwar die Jagd auch, aber
seiner einfachen sparsamen Natur entsprach auch ein einfacher
Jagdbetrieb. Beim Jägerhof waren 1826 noch folgende Offizianten
angestellt: ein Jagdzeughauswagenmeister, ein Jäger bei den Hunden,
ein Jägerhausbursche, ein Rauchmeister, acht Jagd- und Zeugdiener,
ein Pirschkarrenknecht, zwölf Jagdstalleute, ein Hundsbursche.
Dazu kamen noch sieben Jagdhandwerker. 1830 wurde der Jägerhof in
eine Kavalleriekaserne umgewandelt. Über das fernere Schicksal des
Jägerhofes geben die beiden folgenden Schriftstücke Auskunft. Das
erste, ausgestellt am 12. September 1837, lautet: »Unter der Regierung
Sr. Majestät des König Friedrich August II. wurde im Jahre 1837
der Reiterkasernenflügel ~E~ nebst den daran befindlichen Thürmen
mit Blitzableitern versehen, und deshalb die Spillen und Knöpfe
letzterer abgenommen und so wie die Dächer repariret, wobey die darinn
vorgefundenen älteren Nachrichten hiermit wieder im Originale beygelegt
worden. Wir fügen noch nachrichtlich bey, daß im Jahre 1831 unter
der Regierung Sr. Maj. des höchstsel. Königs Anton, der bis dahin
bestandene Jägerhof mit Ausschluß der Kreis-Oberforstmeisterwohnung,
an die Militärbehörde abgetreten, die alten unpassenden und höchst
schadhaften Gebäude, bis auf den Flügel ~E~ und ~F~ nebst dem alten
Zeugschuppen, abgetragen und aus den gewonnenen Räumen die Flügel ~A~
~B~ ~C~ und ~D~, sowie das Reitbahngebäude und Arresthaus, nach dem
Entwurfe und unter der Oberleitung des damaligen Commandanten des
Ingenieur-Corps und Direktors des Militär-Oberbauamts, Oberstleutn.
Johann Carl Anton Ulrich neu erbauet wurden ... Die Reparatur der
Thürme besorgte der Schieferdecker Johann Friedrich Streubel.«
Und endlich in einem aus dem Jahre 1858 stammenden Aktenstück heißt
es: »Als Ergänzung zur Geschichte des ehemaligen Jägerhofes, derzeit
Neustädter Reiter-Caserne genannt, über dessen Einrichtung die Urkunde
vom 12. Sept. 1837 das Nähere besagt, ist noch zu erwähnen, daß der
im Jahre 1831 stehengebliebene alte Jagdzeugschuppen im Jahre 1851
abgetragen und an dessen Stelle ein neuer Flügel unter der Bezeichnung
›Flügel ~G~ der Neustädter Reiter-Caserne‹ zu erbauen angefangen worden
ist. In demselben Jahre 1851 wurde auch die große Hälfte des Flügels
~E~ der Neustädter Reiter-Caserne zu Lokalitäten einer allgemeinen
Offiziers-Speiseanstalt für die Dresdner Garnison eingerichtet, welche
sich bisher im Flügel ~F~ derselben Caserne befanden. Zu erwähnen
ist noch, daß bei Umwandlung des Jägerhofs in die Reiter-Caserne
der sogen. ›kleine Jägerhof‹ zu einer Pionier-Kaserne eingerichtet
wurde, bestehend aus einem Vordergebäude, dem Hintergebäude und
zwei Stallgebäuden ...« Mit der Verlegung der Kasernen in die sog.
Albertstadt wurde ein Gebäude nach dem andern des alten Jägerhofes
abgebrochen, bis auf eins, in dem sich nach einem zweckmäßigen
Umbau das im September 1913 eröffnete _Landesmuseum für Sächsische
Volkskunst_ befindet.
Das obere sächsische Erzgebirge
Wanderbilder aus der Heimat von _Max Esch_
Bilder von _A. Heinicke_, Freiberg
Der Tiefstand der deutschen Mark hat der regelmäßig vor dem
Kriege eintretenden Reisewut ins Ausland jetzt einen jähen Riegel
vorgeschoben, von welcher Tatsache die landschaftlich hervorragenden
Gegenden Deutschlands, namentlich auch die Gebirge, den meisten Vorteil
hatten. Noch nie hat unser Erzgebirge einen solch starken Fremdenstrom
zu verzeichnen gehabt, wie in diesem Sommer. Namentlich das obere
Erzgebirge und die dortigen drei einzelnen Berge wiesen Massenbesuch
auf, aber auch stille, verschwiegene Winkel in Seitentälern wurden
nicht übersehen, und jedermann war des Lobes voll von den Schönheiten,
dem steten Auf und Ab des Gebirges.
Das Erzgebirge mit seiner herben Schönheit – im Reiche noch leider viel
zu wenig gewürdigt, denn der Massenbesuch in diesem Sommer entstammte
in der großen Hauptsache aus Sachsen – besitzt ja auch so viele
Gegenden, die wohl verdienen, aufgesucht zu werden. So bringt die Bahn
den Fremden von _Flöha_ – an der Dresden–Chemnitzer Hauptbahnlinie
gelegen – bereits in eines der schönsten deutschen Mittelgebirgstäler,
das der mittleren _Zschopau_, und gibt ihm so förmlich einen Hinweis
auf das, was seiner nun wartet.
Durch ein enges, vielfach gewundenes Tal mit turmhohen üppig bewaldeten
Felsenwänden, die auch vielfach nackte, zerfurchte basteiartige
Vorsprünge und Felsnasen aus dem umrahmenden Grün hervorstrecken, fährt
die Bahn, fast immer nur wenige Meter über dem Zschopauspiegel bleibend
und den Windungen des wild dahinstürmenden Flüßchens folgend, ins
Gebirge hinein, an den ältesten Siedlungen des Erzgebirges vorüber. Von
links grüßt aus einer Talspalte bei Erdmannsdorf, nur wenige Kilometer
hinter Flöha, die Wartburg des Erzgebirges, die _Augustusburg_, nach
der hinauf eine Drahtseilbahn führt, mit ihren kompakten Türmen nach
dem Zschopautal hinüber. In malerisch schöner Umgebung liegt das
Städtchen _Zschopau_ in dreihundertsiebzig Metern Höhe. Die Gründung
der Burganlage in dem Städtchen, _Wildeck_, wird dem Sachsenherrscher
Heinrich I. zugeschrieben. Noch heute heißt der älteste Teil der
Burganlage (zwischen 920 und 930 erbaut), der auf dem Hofe stehende
Burgfried, der »dicke Heinrich«. Sonst können uns die kleinen Häuschen
des Städtchens, wie überhaupt die in allen Gebirgsorten zumeist nicht
viel Charakteristisches zeigen. Die Nöte des Dreißigjährigen Krieges
haben auch die alten Siedlungen im Erzgebirge nicht verschont, in ihnen
ging das wertvolle Alte an Gebäuden zu Grunde, an deren Stelle trat
ärmliches, nüchternes Bauwerk.
Man tut gut, in Zschopau die Reise zu unterbrechen, um eine
Fußwanderung zschopauaufwärts bis Wolkenstein durch den romantischsten
Teil des Flußtales zu unternehmen.
Über _Scharfenstein_ mit seinem hoch oben liegenden alten Schlosse, das
nach dem großen Brande im Mai 1921 wieder in alter Gestalt erstanden
ist, führt der Weg. Auch die Burg Scharfenstein reicht in ihren
ältesten Anfängen bis in die frühesten Jahrhunderte zurück. Sie wird
dann in der Geschichte 1312 erwähnt, als Friedrich der Freudige sie
erstürmte. Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts befindet sie sich
im Besitz des v. Einsiedelschen Geschlechtes. Weiter ist Scharfenstein
auch der Geburtsort des in ganz Sachsen bekannt gewordenen kühnen
Wildschützen _Karl Stülpner_, dessen abenteuerliches Leben in den
Schluchten und Wäldern des Gebirges vom Volke mit dem Mantel der
Romantik umgeben wurde.
[Illustration: Abb. 1 =Schloß Wildeck= (Zschopau)]
Hinter Hopfgarten beginnt die sogenannte _Wolkensteiner Schweiz_
mit ihrem prächtigen Hochwalde, den pittoresken Felsgebilden und
Steilwänden. Straße und Bahn führen unmittelbar an der Zschopau
entlang. Vor Wolkenstein liegt in einem Seitentale das _Warmbad
Wolkenstein_, das schon im dreizehnten Jahrhundert durch seine heißen
Heilquellen von sich reden machte und das unzähligen Leidenden
die Gesundheit wieder brachte. _Wolkenstein_ selbst liegt weiter
flußaufwärts. Hoch oben erhebt sich das Städtchen auf steiler,
grünumsponnener Felsenwand noch heute im Schutze des alten trutzigen
Schlosses, überragt von dem alten Kirchlein. Vierhundertneunzig
Meter am rechten Ufer der Zschopau thront Wolkenstein hoch, während
der Marktplatz zwanzig Meter tiefer und der Bahnhof gar nur
dreihunderteinundneunzig Meter, also fast hundert Meter tiefer, gelegen
ist. Wuchtig blickt die altersgraue Burganlage, die bereits im elften
Jahrhundert in ihren Grundrissen erbaut worden ist, über die Stadt
weit ins Tal hinein. Wir befinden uns hier an einer der ältesten
Siedlungen des Erzgebirges, an einem ehemaligen Zentralpunkte. Es ist
so interessant hier, daß sich der Naturfreund nur schwer von diesem
wunderbaren Erdenfleckchen trennen kann. Die Wanderung von Zschopau
aus beansprucht nur einige Stunden, so daß es ratsam erscheint, noch
weiter nach _Wiesenbad_ – ebenfalls Heilbad – im Tale durch den schönen
Fichtenhochwald und vielfach auch an der Zschopau entlang, zu wandern.
Prächtige Landschaftsbilder erblickt der Wanderer auch hier in reicher
Fülle, so daß die mehrstündige Wanderung wie im Fluge verstrichen ist.
Halbwegs zwischen Wolkenstein und Wiesenbad mündet das romantische
_Preßnitztal_ in das der Zschopau. Den Besuch dieses Tales, das von
Wolkenstein aus durch eine Kleinbahn nach Jöhstadt erschlossen ist
und eine gute Straße im Grunde des Tales aufweist, sollte sich kein
Besucher des Erzgebirges entgehen lassen.
Von Wiesenbad an würde ich bis Annaberg die Benützung der Bahn
vorschlagen. Zwar interessant ist auch das Zschopautal bis
Schönfeld-Wiesa noch, und ebenso das Sehmatal, in das die Bahnlinie
dann einmündet, doch den schönsten Teil hat der Wanderer, der meinem
Ratschlage gefolgt ist, bereits hinter sich.
Schnell genug erblickt der Reisende den Hauptort des oberen Erzgebirges
am Westabfall des achthundertzweiunddreißig Meter hohen _Pöhlberges_,
dessen wuchtiger und umfangreicher Fuß sich aus dem Sehma- und aus dem
östlich benachbarten Pöhlbachtal erhebt, um sich nach oben kegelartig
zuzuspitzen und schließlich zu einer gegen hundert Meter abfallenden
breiten tafelförmigen Basaltkuppe auszuwachsen, die mit ihrem dichten
Fichtenhochwalde, von einem der benachbarten Berge gesehen, einer
riesigen Pelzmütze gleicht.
_Annaberg_ mit seinen gegen zwanzigtausend Einwohnern bildet in jeder
Weise den geschäftlichen und gesellschaftlichen Zentralpunkt des oberen
Gebirges. Es liegt hoch über dem Sehmatal und zieht sich den Hang
nach dem Pöhlberge zu hinauf, klettert auch stellenweise mit seinen
Häuschen ins Tal hinab, doch der Reisende erblickt das freundliche
Stadtbild mit dem hohen Turm der St. Annenkirche, dem niederen des
Bergkirchleins, dem Rathausturm und dem gelblichroten neuen und
umfangreichen Seminargebäude als zusammenhängendes Ganzes auf dem
Bergrücken über dem Tal, überragt von dem dunklen Pöhlberge mit seinem
hellen Unterkunftshause und dem dreißig Meter hohen Aussichtsturm.
Posamenten-, Präge-, Kartonnagen-Industrie, Perldrechslerei,
Perltaschenfabrikation und -handel, Pappen- und Papierfabrikation,
letztere im Tale, wo auch Holzschleifereien vorhanden sind, bilden die
Erwerbszweige der Bevölkerung. Annaberg liegt über sechshundert Meter
hoch.
Kein Besucher Annabergs sollte sich bei klarem Wetter die Besteigung
des Pöhlbergs, der von den drei einzelnen oberen Basaltbergen
allein einen gut instand gehaltenen Rundgang um den ganzen Berg
aufweist, entgehen lassen. Er genießt von dem Aussichtsturm einen
umfassenden Rundblick über das ganze Erzgebirge und weit ins Tiefland
hinein. Sehenswert ist auch das Innere der Annenkirche und das
gegenüberliegende Erzgebirgsmuseum.
[Illustration: Abb. 2 =Blick auf Oberwiesenthal=]
Daran, daß Annaberg dem Erzbergbau seine Entstehung und Blüte verdankt,
wie auch die Schwesterstadt _Buchholz_, erinnern in der Gegend noch
zahlreiche alte Halden, die mit ihrem Buschwerk und Baumbestand
namentlich den westlichen Sehmahöhen, gegenüber von Buchholz und
Annaberg, einen parkartigen Anstrich geben. Gegenüber von Annaberg,
am Fuße des sechshundertsechsundsechzig Meter hohen Schreckenberges,
von dem man einen prächtigen Überblick über das zusammenhängende
Bild Annaberg–Frohnau–Buchholz–Cunersdorf hat, liegt ebenfalls ein
Zeuge aus jenen fernen Glanztagen, der _Frohnauer Hammer_, der das
älteste deutsche Hammerwerk, das in seiner ursprünglichen Gestalt
auf uns überkommen ist, enthält. Er wird bereits um 1300 herum als
Mühlwerk urkundlich erwähnt. Seine Entstehung aber läßt sich nicht
nachweisen. Aus der Mühle wurde zunächst ein Silber-, dann ein
Kupferhammer und schließlich ein Eisenhammer. Die drei alten Hämmer
sind noch in ursprünglicher Gestalt vorhanden, ebenso die beiden großen
Schmiedefeuer mit den riesigen Holzblasebälgen. Sehenswert ist auch
das ehemalige, 1697 erbaute Herrenhaus mit dem reichen Holzwerk, den
Holzdecken und dem dreistöckigen hohen Schieferdach. Es befindet sich
jetzt die weit im Gebirge bekannte gemütliche Hammerschenke (Pächter
Max Lorenz), in der besonders erzgebirgische Lieder zur Laute gepflegt
werden, in dem Gebäude. Der Hammer ist in Heft 5, Band I 1909, dieser
Zeitschrift eingehend gewürdigt.
Von Annaberg sollte niemand versäumen, dem angrenzenden Buchholz
einen Besuch abzustatten. Beide Städte stoßen aneinander. Tief unten,
wohl gegen hundert Meter tiefer, windet sich die Sehma in engem Tale
dahin, überall eingeengt von steiler baumbewachsener Felsenwand.
_Buchholz_ zählt nicht ganz zehntausend Einwohner und kann die gleiche
Industrie wie Annaberg aufweisen. Es ist, was sein Stadtbild betrifft,
eins der interessantesten Städtchen Sachsens. Die Häuser ziehen sich
terrassenartig die Bergwände, namentlich die an der westlichen Seite,
steil hinauf, so daß es den Anschein erweckt, als ob sieben und noch
mehr ganz stattliche Gebäude übereinanderstehen. Während die Talstraße
an der Sehma eine Höhenlage von gegen fünfhundertzwanzig Metern hat,
weist die Höhenmarke am Rathause fünfhundertachtundfünfzig Meter auf,
und die alte Schlettauer Straße mit ihren Häuschen steigt die steile
Wand bis auf gegen siebenhundert Meter hinan. Im Mittelpunkt aber liegt
die Katharinenkirche mit ihrem reichgegliederten Turme. Von Buchholz
aus kann die Weiterfahrt ins obere Gebirge nun vom Bahnhof Königstraße
oder vom Buchholzer Hauptbahnhofe fortgesetzt werden.
[Illustration: Abb. 3 =Erzgebirgler bei Oberwiesenthal=]
Durch das Sehmatal geht die Fahrt aufwärts durch Sehma und Cranzahl
hindurch. In _Cranzahl_ zweigt die Schmalspurbahn nach Oberwiesenthal
ab, während die Hauptbahn in einem großen Bogen um den Fuß des
achthundertachtundneunzig Meter hohen bewaldeten _Bärensteins_
herum nach Bärenstein und weiter nach Weipert fährt. Der Bärenstein
ähnelt in seinem Aussehen und dem westlichen Steilabsturz nicht nur
dem Pöhlberge, sondern auch dem westlich an der oberen Zschopau
sich erhebenden achthundertsieben Meter hohen _Scheibenberge_. Die
Entfernung zwischen Bärenstein und Pöhlberg beträgt in der Luftlinie
sechseinhalb Kilometer, die zwischen Bärenstein und Scheibenberg
sieben Kilometer. Durch eine Linie verbunden bilden die drei Berge ein
Dreieck. Auch die letzteren beiden besitzen Unterkunftshäuser mit je
dreißig Meter hohen Aussichtstürmen.
[Illustration: Abb. 4 =Altes Fachwerkhaus bei Zwönitz=]
Von Cranzahl aus bringt die Kleinbahn uns durch das wohl eine Meile
lange _Neudorf_ im Sehmatale nach dem höchsten Städtchen Deutschlands,
_Oberwiesenthal_, an den Fuß der Kuppe des Fichtelberges, die sich nur
gegen dreihundert Meter höher erhebt und von Oberwiesenthal aus bequem
zu ersteigen ist. Es ist eine interessante Bergfahrt, die namentlich,
wenn die Bahn die Fichtelbergvorberge, vom Sehmatale abbiegend,
erklettert, von hohem landschaftlichen Reize ist.
Gleich einer dunklen senkrecht aufstrebenden Mauer erheben sich
die Vorberge des Fichtelberges aus dem Sehmatalkessel bis zu
eintausendfünfzig Meter, abgerahmt von dem dunklen stumpfen Kegel des
eintausendzweihundertfünfzehn Meter hohen _Fichtelbergs_ und dem gegen
dreißig Meter höheren des benachbarten böhmischen _Keilbergs_.
Die Gegend um den Fichtelberg weist auch an klaren Herbst- und
Wintertagen einen regen Verkehr auf. Bei den Schneeschuhläufern
ganz Deutschlands sind die weiten Hänge um den Berg beliebt. In
schneereichen Wintern gibt der Fremdenverkehr in Oberwiesenthal
dem in den Sommer- und Herbstmonaten kaum viel nach, da außer den
Wintersportlern auch Naturfreunde die weiße Bergespracht zu schätzen
wissen, das Zauber- und Feenreich, das der Winter mit seiner dicken
Schnee- und Eisdecke hier aufbaut. Freilich, den Fichten und den
Kronen der übrigen Bäume hier oben rasiert die Schneelast nur zu oft
ganze Seiten fort, so daß die Bäume hier oft ein merkwürdiges Aussehen
angenommen haben.
[Illustration: Abb. 5 =Beim Klöppeln=]
Umfassend aber ist bei klarer Sicht der Rundblick vom dreißig Meter
hohen Turme des Unterkunftshauses. Da liegt das ganze Erzgebirge um
uns ausgebreitet, zu unseren Füßen die drei Wiesenthal: Ober- mit
Unter-, Böhmisch- und Hammer-Unterwiesenthal. Im Westen blauen in der
Ferne einzelne Thüringer und Harzberge in schwachen Umrissen, im Osten
reichen die Blicke bis nach dem Lausitzer Gebirge, überall aber um uns
liegt das Erzgebirge mit seinen Bergen, Graten, welligen Hochflächen
und gewundenen Tallinien, erheben sich Ortschaften unter grauen
Schieferdächern in unendlicher Zahl, deren Namen niemand zu nennen weiß.
Oberwiesenthal, das auch nach seiner Verschmelzung mit Unterwiesenthal
noch nicht dreitausend Einwohner zählt, kann für sich den Ruhm in
Anspruch nehmen, das höchstgelegenste Städtchen Deutschlands zu
sein (neunhundertachtzehn Meter). Es liegt am tiefeingeschnittenen
Grenz-Pöhlbachtale und bildet mit den benachbarten Ortschaften dies-
und jenseits des Bachlaufes fast eine zusammenhängende Linie bis nach
dem deutsch-böhmischen Städtchen _Weipert_, dem Bärenstein gegenüber.
Die kleinen, zumeist in hellen Farbtönen gehaltenen Häuschen
Oberwiesenthals mit den niedrigen Fenstern und den grauschwärzlichen
Schieferdächern scheinen sich um die weiße stattliche Kirche mit
dem hohen Turm und um das Rathaus im Rechtecke zu gruppieren. Sie
bieten nicht viel des Interessanten, heimeln aber gerade ihrer
Schlichtheit wegen ungemein an. Dem Fremdenverkehr entsprechend
besitzt das Städtchen eine ganze Anzahl einfacher und auch vornehmerer
Unterkunftsstätten, von denen das stattliche Sporthotel und das
Fichtelberg-Unterkunftshaus auch den verwöhntesten Ansprüchen genügen
können, ersteres auch hinsichtlich der Preise. Oberwiesenthal verdankt
seine Gründung gleich Annaberg und Buchholz dem Silberbergbau, der
indes im ganzen oberen Erzgebirge schon vor langen Zeiten eingestellt
worden ist. Jetzt gibt einige Industrie und der lebhafte Fremdenverkehr
der Bewohnerschaft Verdienstmöglichkeiten. In Oberwiesenthal wirkte
auch der Malermeister _Hertel_, der sogenannte erzgebirgische
»Herrgottschnitzer«, dessen Weihnachtsberge weit über Sachsen hinaus
einen guten Ruf genossen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat er im
vergangenen Jahre die müden Augen für immer geschlossen. Schüler des
Meisters setzen sein Werk fort. Das Stadtbild Oberwiesenthals wird
recht wirkungsvoll abgerahmt durch die langgestreckten Keilberg- und
Fichtelbergrücken.
Vom Fichtelberge aus haben ihren Ursprung die große _Mittweida_,
die nach Nordwesten abfließt, _Zschopau_, _Sehma_ und _Pöhlbach_,
die beinahe nördlich in gewundene Täler hinabeilen. Gute Straßen
führen hinab nach _Crottendorf_ ins obere Zschopautal, ins Sehma- und
Pöhlbachtal, so daß der Abstieg vom Fichtelberg nach allen Richtungen
aus angetreten werden kann, da außer den eben genannten Straßen
auch solche nach dem _Keilberg_ und nach _Gottesgab_ ins Böhmische
hineinführen. Über Crottendorf gelangen wir über den _Scheibenberg_ mit
seiner prachtvollen Fernsicht über das westliche Gebirge nach dem an
seiner Kuppe nur etwas über einhundertfünfzig Meter niedriger liegenden
gleichnamigen Städtchen, von dort in das schöne Mittweidatal über Ober-
und Unter-Scheibe nach Mittweida-Markersbach, Raschau, Grünstädtel
nach _Schwarzenberg_ ins romantische Schwarzwassertal. Eine reichliche
Tagestour aber ist dazu erforderlich. Bilder hoher Romantik und solche
wunderbarer Lieblichkeit wechseln in steter Folge. Von Schwarzenberg
ist es bis _Aue_ nicht allzu fern. Beide Städte liegen an der
Werdau–Zwickau–Aue–Buchholz–Annaberger Bahnlinie, die das Erzgebirge
von Westen erschließt. Es würde den Raum aber weit überschreiten
heißen, wollte ich hier des Näheren auf diese Route eingehen.
Die Wege ins Sehmatal und in das des Pöhlbaches bringen uns wieder den
alten Weg zurück, den wir gekommen sind. Nur daß das Pöhlbachtal weiter
östlicher verläuft und in Sachsen nach _Bärenstein_ noch _Königswalde_,
in prächtiger Talmulde gelegen, _Geyersdorf_ am Ostfuße des Pöhlberges
aufzuweisen hat.
[Illustration: Abb. 6 =Der Frohnauer Hammer=]
Eine prachtvolle Wanderung, hart an der Grenze entlang führt uns von
Bärenstein aus durch schönen Fichtenhochwald über Berg und Tal nach
dem Grenzstädtchen _Jöhstadt_ (siebenhundertneunundvierzig Meter).
Es liegt zum Teil tief unten im Schwarzwassertale, teils oben auf
der Höhe und zeigt den Charakter eines echten Erzgebirgsstädtchens.
Das forellenreiche, über Felsgestein einhertollende Schwarzwasser
stürmt der Preßnitz zu, das es bei _Schmalzgrube_ erreicht.
Höhenzüge, Bergkuppen und -wellen von achthundertzwölf,
achthundertsiebenundzwanzig, siebenhundertvierundneunzig,
siebenhunderteinundachtzig, siebenhundertachtundachtzig,
achthundertachtundfünfzig, achthunderteinundzwanzig Metern Höhe geben
uns mit ihren dunklen Waldbekrönungen das stete Geleit auf dieser
Wanderung nach dem Preßnitztal.
Schmalzgrube selbst besteht nur aus wenigen im Walde fast versteckten
und verstreuten Häusern und Gehöften und ist von allen Seiten von
Bergen umschlossen. Ruhe und Einsamkeit kann der Naturfreund in diesem
Tale auskosten und daneben ladet die Schönheit der Natur, die köstlich
reine Höhenwaldluft, die durch keinen Essenrauch verpestet wird,
unwillkürlich zum Verweilen ein. Wald und Berge, soweit das Auge reicht!
Gern wird man in dem freundlichen Ort übernachten, um am nächsten
Morgen eine Talwanderung nach Wolkenstein anzutreten oder aber mit der
Kleinbahn dorthin zu fahren, denn auch diese führt das Tal, nur wenige
Meter über der Preßnitz gelegen, und den vielen Windungen des Flüßchens
treu folgend, hinab.
Das Preßnitztal mit seinen hohen Talwänden gehört zu den Perlen des
oberen Erzgebirges und sollte viel mehr aufgesucht werden. Es besitzt
romantische, aber noch mehr idyllische Reize auf engem Raume vereint
und trägt bald Thüringer Charakter. Ich möchte es mit dem oberen
Schwarzatale zwischen Katzhütte und Schwarzburg vergleichen. Schmale
Bachtäler münden zudem von allen Seiten in das Tal und gestalten
die Szenerie noch mannigfaltiger. Dazu kommt, daß das sächsische
Preßnitztal von Schmalzgrube bis nach der Mündung eine gute Straße
aufweist, die etwa drei Meilen lang ist, so daß die Talwanderung in
einer bequemen Tagestour mit reichlichen Rastpunkten zu erledigen ist.
Noch manche schöne Wanderung könnte ich hier anführen, doch befürchte
ich, den Leser zu ermüden und auch den mir zur Verfügung stehenden Raum
zu überschreiten. Vielleicht in späteren Wanderbildern etwas mehr vom
Erzgebirge.
Die Schlösser im Walde
Moritzburg und Fasanenschlößchen
Von _K. Berger_, Leipzig
Aufnahmen von _Walter Hahn_, Dresden
Es liegt eine tiefe Symbolik darin, wie die deutsche Sprache die
Entfernung und Entfremdung von der heimatlichen Scholle bezeichnet:
»Elend« hieß im Mittelalter der Landfremde und »bodenlos«, das ist
uns mehr als schlimm noch heute. Und daß gerade wir Deutschen die so
tiefsinnige und weise Sage von Antäus, dessen Kraft sich immer wieder
erneute, so oft er Mutter Erde berührte, so wohl nachzuempfinden
vermögen, das beweist allein überzeugender als dicke Folianten die
Seelenverwandtschaft, die über Zeiten und Meere das Volk Hölderlins
und Winkelmanns mit dem begnadeten Stamme im klassischen Griechenland
verbindet.