zu schleudern. Männer, vor denen römische Konsuln gezittert, starben
nun unter Knüppeln in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die
Söldner mit Stumpf und Stiel.
Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels zurück.
Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis wieder. Zweimal brachen
sie vor. Ein Gegenstoß warf sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager
waren zu viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen den
Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl zu. Man glitt
vor Blut aus. Die Toten rollten den steilen Abhang hinab und umtürmten
den Elefanten, der den Hügel erklimmen wollte, bis an den Bauch. Es
hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne auf ihnen herum, und sein
Rüsselstumpf erhob sich von Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.
Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager schauten
zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die Barbaren standen.
Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel begann
von neuem. Mehrfach ließen die Söldner sie dicht herankommen, indem
sie ihnen zuriefen, sie wollten sich ergeben. Dann aber töteten sie
sich selber mit entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto
höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war, als wachse
allmählich eine Pyramide auf. Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann
zwanzig, dann drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit
einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert besaß.
Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts und links.
Dabei warnte er Matho vor den Schlägen, die man gegen ihn führte:
»Achtung, Herr! Dort! Da!«
Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren. Er war
vollständig nackt und bleicher als die Toten um ihn herum. Das Haar
stand ihm in die Höhe, und zwei Schaumstreifen flossen aus seinen
Mundwinkeln. Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es
ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte es am
Griff. Der Samniter war gefallen, und die Flut der Karthager
umbrandete nun den letzten der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da
hob er seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen und
stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen, wie ein Mensch,
der sich von einem Vorgebirge ins Meer wirft.
Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die Karthager an. Doch
immer wieder gaben sie ihm Raum und wandten ihre Waffen ab. Mathos Fuß
stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen. Da fühlte er sich an
Händen und Füßen gefesselt und fiel zu Boden.
Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und Tritt mit einem
jener großen Netze gefolgt, mit denen man wilde Tiere fängt. Indem er
den Augenblick benutzte, wo Matho sich bückte, hatte er es ihm
übergeworfen. Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig
weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten begleiteten ihn im
Sturmschritt, unter wildem Lärm nach Karthago.
Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon in der dritten
Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr am Khamontempel zeigte die
fünfte Stunde, als man Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf.
Auf den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter, daß die Stadt
in Flammen zu stehen schien.
Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er lag auf dem Rücken
und betrachtete die Sterne.
* * * * *
Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn.
Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der letzte von denen, die
in der »Säge« zurückgeblieben waren.
An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren, hatten heimziehende
Zuaesen die Felsen weggerollt und die Barbaren auf kurze Frist
ernährt.
Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und wollte den Ort nicht
verlassen, aus Mutlosigkeit und Ermattung, auch aus jenem Eigensinn,
mit dem sich Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber
waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen weitergezogen.
Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert Mann von den
Söldnern übrig waren. Um ihnen ein Ende zu bereiten, bedurfte man
keiner Soldaten.
Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit den drei
Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas hatte eine große
Treibjagd veranstaltet, wobei er in bestimmten Abständen Ziegen an
Pfähle gebunden und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort
hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam, um
festzustellen, was von den Barbaren noch übrig sei.
Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote, Waffen und Kleider
bildeten eine einzige Masse. Fast allen Leichnamen fehlte der Kopf
oder irgendein Glied. Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu
Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus Helmen.
Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor. Skelette trugen noch
Mäntel, und gebleichte Gebeine leuchteten wie helle Flecken im Sande.
Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten Vordertatzen
auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht, das grell von den weißen
Felsen zurückstrahlte, blinzelten sie. Andre saßen auf den
Hintertatzen und starrten vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu
Knäueln zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen. Alle
sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus. Unbeweglich lagen sie
wie das Gebirge und die Toten. Die Nacht sank herab. Breite rote
Streifen flammten im Westen am Himmel.
Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten Haufen erhob sich
eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst. Einer der Löwen schritt ihr
entgegen. Sein Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom
purpurroten Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz nahe war, schlug er
ihn mit einem Schlag seiner Tatze zu Boden.
Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit seinen Zähnen
langsam die Eingeweide heraus. Nach einiger Zeit öffnete er seinen
Rachen in ganzer Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes
Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es schließlich in
der Einöde verhallte.
Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab. Tritte huschten
über den Boden. Von der Schlucht und der Drahtsperre her tauchten
spitze Schnauzen und große Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten.
Das waren die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu
verzehren.
Der Karthager, der das, über den steilen Rand der Halde herabgebeugt,
sah, machte sich auf den Heimweg.
XV
Matho
Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser, wahnwitziger
Freude. Man hatte die Zerstörungen flüchtig ausgebessert, die
Götterbilder neu bemalt, das Pflaster mit Myrtenzweigen bestreut und
an den Straßenecken Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen
glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten in hängenden
Gärten.
Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch die Rufe der
Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten. Sklaven Hamilkars
boten in seinem Namen geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar.
Man begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen Städte
waren erobert, die Nomaden zerstreut, die Barbaren mit Stumpf und
Stiel vernichtet. Die Akropolis war vor lauter bunten Zeltdächern kaum
noch zu sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen
Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten wie eine lange
Diamantenkette. Überall war die Ordnung wiederhergestellt. Neues Leben
begann. Ein ungeheures Glück schwebte über allem: es war der Tag von
Salambos Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas.
Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen, mit massigem
Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an denen die Priester, die Alten
und die Patrizier Platz nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht
stehender Tisch war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt. Da
Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des Schleiers gerettet
hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit wie ein Nationalfest und harrte
drunten auf dem Platze ihres Erscheinens.
Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine Ungeduld:
Mathos Tod war für diese Feier verheißen.
Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden, ihm Blei in
die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern zu lassen. Dann sollte er
an einen Baum gebunden werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein
auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt! Die heiligen
Tiere der Göttin sollten Rache üben! Andre machten den Vorschlag, man
solle ihn auf einem Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn
mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen gespickt
hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem Gedanken, wie das große Tier
durch die Straßen jagte und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte
wie ein Kerzenlicht im Winde.
Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut werden, und
warum sollte man die andern des Genusses berauben? Man forderte darum
allgemein eine Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei
der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago bis zum
Straßenpflaster und den Fluten des Golfes, zerreißen, zermalmen,
vernichten konnten. So bestimmten denn die Alten, daß er ohne Geleit,
die Hände auf den Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum
Khamonplatze gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu
treffen--damit er möglichst lange lebe--, oder ihm die Augen
auszustechen--, damit er seine Marter bis zu Ende selber sehen könne.
Auch durfte nicht nach ihm geworfen werden, und niemand sollte ihn
nicht mit mehr als drei Fingern berühren.
Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte, glaubte man ihn
lange vorher schon ein paarmal zu erblicken. Man stürzte nach der
Burg. Die Straßen leerten sich, dann aber kehrte man mit lautem Murren
wieder zurück. Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen auf ein
und derselben Stelle. Sie riefen einander von weitem zu und zeigten
ihre Fingernägel, die sie sich hatten wachsen lassen, um sie recht
tief in Mathos Fleisch bohren zu können. Andre gingen aufgeregt auf
und ab. Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung
entgegensahn.
Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe Federfächer über
den Köpfen auf. Das war Salambo, die vom väterlichen Palast her nahte.
Seufzer der Erleichterung liefen durch die Menge.
Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er bewegte sich
feierlich-langsam.
Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die Eschmuns,
Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften, eine nach der andern,
mit denselben Abzeichen und der gleichen Ordnung wie damals beim
Opfer. Die Molochpriester kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von
einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die Priester der
Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern in den Händen. Die
heiligen Hetären folgten ihnen in durchsichtigen Gewändern von gelber
oder von schwarzer Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie
Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise, um den Reigen
der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten Gewändern entströmten schwere
Düfte überallhin. Mit besonderem Beifall begrüßte man unter diesen
Weibern die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie
versinnbildlichten die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. Ihnen
waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht eigen wie den
priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer flachen Brüste und ihrer
schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt beherrschte und erfüllte die
Verherrlichung des Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische
Lüsternheit schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die Fackeln
in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der Nacht eine allgemeine
geschlechtliche Tummelei stattfinden sollte. Drei Schiffe aus Sizilien
hatten Dirnen hergeführt, und auch aus der Wüste waren welche
gekommen.
Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres
Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und längs der
doppelten Treppen des Tempels, die an der Mauer emporliefen und sich
oben wieder einander näherten. Reihen langer weißer Gewänder wehten
zwischen den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen
Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.
Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der Provinzen und alle
Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges Getöse. Aus den anstoßenden
Straßen strömte das Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit
Stockschlägen zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren
trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen purpurnen
Baldachin, Salambo.
Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten schallten
lauter, die Tamburine rasselten, und der große Purpurbaldachin
verschwand zwischen den beiden Pylonen.
Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein. Salambo schritt,
nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin und dann quer über die Terrasse,
um sich im Hintergrund auf einem Thron niederzulassen, der aus einer
Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen Elfenbeinschemel
mit drei Stufen unter die Füße. Am Rande der untersten knieten zwei
Negerkinder. Hin und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen
belasteten Hände auf die Köpfe der Kleinen.
Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein Gewebe gehüllt,
dessen enge Maschen wie Fischschuppen aussahen und wie Perlmutter
glänzten. Ein dunkelblauer Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über
zwei mondsichelförmigen Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen
durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz bestand aus
edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter schneeweißer Mantel fiel
hinter ihr herab. So saß sie da, die Ellbogen angelegt, die Knie
geschlossen, die Oberarme mit Diamantenreifen geschmückt, starr und
steif wie ein Götterbild.
Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und ihr Gatte
nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar gekleidet, trug seine
Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus der zwei gewundene Haarflechten wie
Ammonshörner hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen
Weinranken bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an der Seite.
Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange des
Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl und beschrieb, sich in den
Schwanz beißend, einen großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand
eine kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne darauf
fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen Seiten.
Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren
Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten mit ihren
Tiaren eine lange goldene Reihe, links die Patrizier mit ihren
Smaragdzeptern ein breites grünes Band, während die Molochpriester mit
ihren roten Mänteln den Hintergrund wie mit einer Purpurwand
abschlossen. Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren Terrassen
ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg auf die Dächer und stand in
dichten Reihen bis zur Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu
ihren Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das unendliche
Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick in die Binnenländer hatte,
da ward sie in ihrem Glanze eins mit Tanit und erschien als Karthagos
Patronin, als die verkörperte Seele der Stadt.
Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige
Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken aus bunter Wolle, mit
denen die niedrigen Tische bedeckt waren. Große Bernsteinkrüge,
Amphoren aus blauem Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote
umgaben die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben
waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen wie um
Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf Schüsseln aus Ebenholz.
Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse und Melonen türmten sich über breiten
Silberplatten. Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen von
Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß es aussah, als
sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben lagen Muschelschalen, mit
Fleischragout gefüllt. Das Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn
man die Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.
Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter Tunika auf den
Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit spielten Leiern eine Hymne,
oder es erhob sich ein Chorgesang. Der Lärm des Volkes, anhaltend wie
Meeresrauschen, umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie
der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten des Gelages der Söldner.
Man überließ sich glückseligen Träumen. Die Sonne begann zu sinken,
und auf der andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.
Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand sie gerufen. Das
Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der Richtung ihres Blickes.
Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers, der zu
Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen war, soeben geöffnet. Ein
Mann stand auf der Schwelle der schwarzen Öffnung.
Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene eines wilden
Tieres, das man plötzlich freigelassen hat. Das Licht blendete ihn.
Eine Weile blieb er unbeweglich stehen. Man hatte ihn allgemein
erkannt und hielt den Atem an.
Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes, fast von einem
Heiligenschein umstrahlt. Man beugte sich vor, um ihn zu sehn,
vornehmlich die Weiber. Sie waren darauf erpicht, den zu betrachten,
der ihre Kinder und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele erhob
sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn vollständig kennen
zu lernen, ein Gelüst, das sich mit Reue paarte und in ein Übermaß von
Haß umschlug.
Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung der ersten
Überraschung. Tausend Arme streckten sich empor, aber man sah ihn
nicht mehr.
Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte sie hinab, wie
in einem Gießbach vom Gipfel eines Berges hinuntergerissen. Dreimal
sah man ihn hochschnellen. Endlich kam er unten wieder auf die Füße.
Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen Stößen, und
er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln zu zerreißen, daß seine
auf dem bloßen Rücken gefesselten Arme anschwollen wie Schlangenleiber.
Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen aus. Durch jede
von ihnen spannten sich zwei dreifache Reihen eherne Ketten, die am
Nabel von Kabirenbildsäulen befestigt waren, in gleicher Richtung von
einem Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser gedrängt.
In der Mitte schritten Ratsdiener und schwangen Peitschen.
Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag an. Da begann
er von neuem seinen Leidensgang.
Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der Weg sei ihm
allzu breit gelassen worden. Er aber schritt, von tausend Fingern
betastet, gestochen und zerhackt immer weiter. War er am Ende einer
Straße, so tat sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite,
um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge brach in
Hohngelächter aus.
Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen, das unter seinem
Ärmel eine spitzige Spindel versteckt hatte, zerschlitzte ihm die
Backe. Man riß ihm Hände voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre
beschmierten ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht und
auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite schoß ein
Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn vollends aus. Dieser
letzte der Barbaren war für das Volk der Vertreter aller andern, des
ganzen Heeres. An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle
Schande. Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres Blutdurstes
zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten sich und drohten zu
brechen. Man fühlte die Schläge der Sklaven nicht mehr, die auf die
Massen einhieben, um sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern
der Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit Köpfen erfüllt, und
das Böse, das man dem Libyer nicht antun konnte, brüllte man ihm
wenigstens zu.
Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt mit spöttischen
Zurufen und Flüchen; und da man an seiner gegenwärtigen Marter nicht
genug hatte, kündigte man ihm noch fürchterlichere Qualen für die
Ewigkeit an.
Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger
Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein heiserer, dumpfer,
wilder Laut ein minutenlanges Echo im ganzen Volke. Die Mauern
erbebten von diesem Geschrei vom Grund bis zum Giebel, und Matho war
zumute, als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen und ihn vom
Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme, um ihn in der Luft zu
erwürgen.
Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden zu haben. Die
gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen Blicke, die gleiche
Raserei! Nur war er damals frei, damals wichen alle vor ihm aus,
damals beschirmte ihn ein Gott! Und diese Erinnerung, die immer
deutlicher ward, erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit.
Schatten schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor ihm. Das
Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der Hüfte. Er fühlte den Tod.
Seine Knie schlotterten, und er sank langsam auf das Pflaster.
Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels die auf Kohlen
glühend gemachte Querstange eines Dreifußes, schob sie unter der
obersten Kette hindurch und stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das
Fleisch rauchen. Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei
des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen. Sechs
Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann noch ein drittes-, ein
viertesmal. Immer jagte ihn eine neue Marter wieder auf. Man
bespritzte ihn durch Röhren mit siedendem Öl, streute Glasscherben
unter seine Füße. Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße
lehnte er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken gegen die
Mauer und ging nicht mehr weiter.
Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen aus
Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die Fransen ihrer Tuniken
von Schweiß troffen. Matho schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich
aber nahm er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen,
während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost habe. Er stürzte
durch die Budesstraße, die Söpogasse, über den Gemüsemarkt und langte
auf dem Khamonplatz an.
Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten die Menge
zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum. Matho schaute sich um, und
seine Blicke trafen Salambo.
Beim ersten Schritte, den er getan, war sie aufgestanden und
unwillkürlich, je näher er kam, immer mehr bis an den Rand der
Terrasse vorgetreten. Bald war die Außenwelt für sie verschwunden. Sie
sah nur noch Matho. In ihrer Seele war es still geworden. Einer jener
Abgründe hatte sich in ihr aufgetan, in dem die ganze Welt versinkt
unter der Wucht eines einzigen Gedankens, einer Erinnerung, eines
Blickes. Dieser Mann, der da auf sie zulief, zog sie mit Zaubergewalt
in seinen Bann.
Er hatte, die Augen ausgenommen, nichts Menschenähnliches mehr. Sein
Körper war eine über und über rote Masse. Die zerrissenen Stricke
hingen an seinen Schenkeln herab, aber sie waren nicht mehr von den
Sehnen seiner völlig entfleischten Fäuste zu unterscheiden. Sein Mund
stand weit offen. Aus seinen Augenhöhlen sprühten zwei Flammen, die
bis zu seinen Haaren emporzulodern schienen,--und doch schritt der
Unglückliche immer noch weiter.
Er kam gerade bis an den Fuß der Terrasse. Salambo hatte sich über die
Brüstung geneigt. Seine fürchterlichen Augen blickten sie an, und
plötzlich kam ihr alles ins Bewußtsein, was er für sie gelitten hatte.
Dort lag er im Sterben. Sie aber sah ihn in seinem Zelte auf den Knien
liegen, ihren Leib mit seinen Armen umschlingen und Koseworte
stammeln. Es dürstete sie darnach, die Worte von damals noch einmal zu
hören. Er sollte nicht sterben! In diesem Augenblick ergriff Matho ein
heftiges Zittern. Sie wollte rufen. Da stürzte er rücklings zu Boden
und regte sich nicht mehr.