zwölftausend Söldner und alle Esser unreiner Speisen, denn sie standen
ebenso wie Matho im Banne Karthagos. Der Pöbel wie der Schalischim
betrachteten von fern seine hohen Mauern und träumten von den
unendlichen Genüssen, die sie bargen. Bei solchem Einklang im Hasse
war der Widerstand rasch ins Werk gesetzt. Man nahm Schläuche, um
Helme daraus zu machen, fällte alle Palmen in den Gärten, um Lanzen
herzustellen, grub Zisternen und fischte, um Lebensmittel zu haben, am
Ufer des Hafen die großen weißen Fische, die sich von Leichen und
Abfällen nährten. Die Wälle, die dank der Eifersucht Karthagos in
Trümmern lagen, waren freilich so schwach, daß man sie durch einen
Stoß mit der Schulter umwerfen konnte. Matho ließ die Löcher und
Lücken darin mit den Steinen der Häuser verstopfen. Es galt den
letzten Kampf. Er hoffte nichts mehr, und doch sagte er sich, das
Glück sei wandelbar.
Beim Anrücken bemerkten die Karthager auf dem Wall einen Mann, der
halb über die Brustwehr ragte. Die Pfeile, die ihn umschwirrten,
schienen ihn nicht mehr zu schrecken als ein Schwarm von Schwalben.
Seltsamerweise traf ihn keins der Geschosse.
Hamilkar schlug sein Lager auf der Südseite der Stadt auf, Naravas
besetzte östlich davon das ebene Land um Rades. Hanno nahm eine
Stellung nördlich von Tunis, an der Straße nach Karthago ein. Die drei
Generale sollten später auf Verabredung die Stadtmauern von allen
Seiten zugleich angreifen.
Zuvörderst aber wollte Hamilkar den Söldnern zeigen, daß er sie wie
Sklaven zu behandeln gedachte. Er ließ die zehn Gesandten, einen neben
dem andern, auf einer Anhöhe im Angesicht der Stadt ans Kreuz
schlagen.
Bei diesem Anblick verließen die Belagerten den Wall. Matho erfuhr,
daß Hannos Lager nicht genügend gesichert sei und daß daselbst
Unordnung und Sorglosigkeit herrsche. Sofort entschloß er sich zu
einem kräftigen Ausfall. Dieser gelang so vollkommen, daß Matho die
überraschten Karthager über den Haufen warf und, den Flüchtlingen
nachdrängend, in das Lager und bis an Hannos Zelt gelangte, der gerade
dreißig der vornehmsten Karthager, die gesamte Gerusia, bei sich
hatte.
Sichtlich entsetzt über die kühnen Eindringlinge, rief er nach seinen
Unterführern. Aber die Barbaren griffen mit zahllosen Händen nach
seiner Gurgel und schrien ihn mit Schimpfworten an. Es entstand ein
allgemeines Gedränge, und die, die Hanno in den Händen hatten, hielten
ihn nur mit großer Mühe fest. Inzwischen suchte er ihnen ins Ohr zu
flüstern: »Ich gebe euch alles, was ihr verlangt! Ich bin reich!
Rettet mich nur!« Man zerrte ihn fort. So schwer er war, so berührten
doch seine Füße den Boden nicht. Die Alten hatte man bereits von ihm
fortgerissen.
Sein Schrecken steigerte sich: »Ihr habt mich besiegt! Ich bin euer
Gefangener! Ich kaufe mich los! Hört mich, meine Freunde!«
Unter den zahllosen Händen, die sich gegen ihn reckten, wiederholte er
immer wieder: »Was wollt ihr? Was verlangt ihr? Ihr seht ja, ich
widersetze mich nicht! Ich bin immer gutmütig gewesen!«
Ein riesiges Kreuz stand vor dem Tore. Die Barbaren brüllten:
»Hierher! Hierher!« Hanno überschrie sie und beschwor sie bei ihren
Göttern, ihn zum Schalischim zu führen, denn er habe diesem etwas
anzuvertrauen, wovon ihr Heil abhinge.
Man hielt inne. Einige meinten, es wäre klug, Matho zu rufen. Man
eilte, ihn zu suchen.
Hanno sank auf den Rasen. Rings um sich sah er Kreuz an Kreuz, als ob
sich die Todesmarter, die ihm bevorstand, im voraus vervielfältige. Er
suchte sich einzureden, daß er sich täusche, daß nur ein einziges
dastehe, ja, daß überhaupt keins vorhanden sei. Da hob man ihn auf.
»Rede!« sprach Matho.
Hanno erbot sich, Hamilkar auszuliefern. Dann wolle er zusammen mit
dem Söldner in Karthago einziehen, beide als Könige.
Matho entfernte sich, indem er ein Zeichen gab, sich zu beeilen. Er
hielt den Vorschlag nur für eine List, um Zeit zu gewinnen.
Der Barbar täuschte sich. Hanno war in einer jener verzweifelten
Lagen, wo man nichts mehr achtet. Überdies haßte er Hamilkar so sehr,
daß er ihn bei der geringsten Hoffnung auf Rettung mit allen seinen
Soldaten geopfert hätte.
Am Fuße der dreißig Kreuze lagen die Alten halb ohnmächtig am Boden.
Schon waren ihnen Stricke unter die Achseln gelegt. Da begriff der
alte Suffet, daß er sterben mußte, und begann zu weinen. Man riß ihm
die Reste seiner Kleider vom Leibe, und sein widerlicher Körper kam
zum Vorschein. Schwären bedeckten die kaum noch menschliche Gestalt.
Die Nägel seiner Füße verschwanden unter den Fettwülsten seiner Beine.
An seinen Fingern hing es wie grünliche Lappen, und die Tränen, die
zwischen den Eiterbeulen seiner Wangen herabrannen, verliehen seinem
Gesicht etwas so entsetzlich Trauriges, daß es aussah, als ob sie hier
mehr Raum einnähmen als auf einem andern Menschenantlitz. Seine
Hoheitsbinde hatte sich halb gelöst und schleifte mit feinen weißen
Haaren im Staube. Man glaubte, nicht genügend starke Stricke zu haben,
um ihn am Kreuze emporziehen zu können. Daher nagelte man ihn, ehe das
Holz wieder aufgerichtet ward, nach punischem Brauche daran fest. Sein
Stolz erwachte im Schmerze. Er begann die Barbaren mit Schmähworten zu
überschütten. Er schäumte und wand sich wie ein Meerungeheuer, das man
am Strande erschlägt. Er weissagte ihnen, daß sie alle noch viel
schrecklicher umkommen und daß er gerächt werden würde.
Er war es bereits. Auf der andern Seite der Stadt rangen die zehn
Gesandten der Söldner an ihren Kreuzen mit dem Tode.
Einige, die anfangs ohnmächtig geworden waren, kamen im frischen Winde
wieder zu sich. Doch ihr Kinn blieb auf der Brust liegen, und ihr
Körper sank ein wenig herab, trotzdem ihre Arme etwas höher als der
Kopf angenagelt waren. Von ihren Fersen und Händen rann das Blut in
dicken Tropfen hernieder, langsam, wie reife Früchte von den Zweigen
eines Baumes fallen. Karthago, der Golf, die Berge und die Ebenen,
alles schien sich um sie zu drehen wie ein ungeheures Rad. Bisweilen
wirbelte eine Staubwolke vom Boden auf und hüllte sie ein.
Fürchterlicher Durst verzehrte sie. Die Zunge klebte ihnen am Gaumen,
und sie fühlten einen eisigen Schweiß über ihre Glieder rinnen,
während das Leben langsam entfloh.
Unter sich, wie in unendlicher Tiefe, erblickten sie Straßen,
marschierende Soldaten, blitzende Schwerter. Schlachtenlärm drang
verworren zu ihnen herauf wie das Meeresbrausen zu Schiffbrüchigen,
die in den Masten eines Schiffes verschmachten. Die Italiker,
kräftiger als die andern, schrien noch laut. Die Spartiaten blieben
stumm und hielten die Augen geschlossen. Zarzas, einst so kraftvoll,
neigte sich wie ein geknicktes Rohr. Der Äthiopier neben ihm hatte den
Kopf rückwärts über den Querbalken des Kreuzes geworfen. Autarit hing
unbeweglich und rollte nur die Augen. Sein langes Haar, das sich an
einem Spane des Holzes über seinem Haupte festgeklemmt hatte, stand
auf seiner Stirn hoch, und das Röcheln, das er ausstieß, klang fast
wie Wutgebrüll. Über Spendius war ein seltsamer Mut gekommen. Jetzt
verachtete er das Leben, in der Gewißheit, bald für immer erlöst zu
sein, und gleichgültig erwartete er den Tod.
Inmitten ihrer Ohnmacht aber erbebten die Zehn bisweilen bei der
Berührung von Federn, die ihre Gesichter streiften. Große Fittiche
warfen schwankende Schatten über sie. Krächzen ertönte in der Luft,
und da Spendius am höchsten Kreuze hing, stieß der erste Geier auf ihn
hernieder. Da wandte er sein Antlitz Autarit zu und sagte langsam, mit
unbeschreiblichem Lächeln:
»Entsinnst du dich der Löwen am Wege nach Sikka!«
»Das waren unsre Brüder!« erwiderte der Gallier und verschied.
* * * * *
Der Suffet hatte von allen diesen Vorgängen nichts bemerkt. Die Stadt
vor ihm verdeckte das jenseitige Gelände. Im übrigen war er von Hannos
Abteilung nördlich von Tunis durch das Haff und im Westen durch die
vor der Stadt sich langhin dehnende Lagune völlig getrennt. Die
Offiziere, die er nach und nach an die beiden andern Feldherren
abgesandt hatte, waren nicht zurückgekehrt. Jetzt aber kamen
Flüchtlinge an, die von Hannos Niederlage berichteten.
Hamilkar begab sich unverzüglich auf einen erhöhten Punkt, um sich
über die neue Lage zu vergewissern. Er sah Hannos Lager in Brand, aber
ein Windstoß trieb den Rauch auseinander und machte ihm den Blick frei
bis zu den Mauern von Karthago. Er glaubte sogar Leute zu erkennen,
die auf der Plattform des Eschmuntempels Ausschau hielten. Dann wandte
er den Blick mehr nach links und erkannte am Ufer des Haffs die
dreißig riesigen Kreuze.
Die Barbaren hatten sie nämlich, um den grausigen Eindruck zu erhöhen,
aus aneinandergesetzten Zeltmasten errichtet, und so ragten die
dreißig Leichen der Alten hoch in den Himmel. Auf ihrer Brust
schimmerte etwas wie weiße Schmetterlinge. Es war das Gefieder der
Pfeile, die man von unten auf sie abgeschossen hatte.
An der Spitze des höchsten Kreuzes glänzte ein breites goldenes Band.
Es hing auf die Schulter des Gekreuzigten hinab. Der Arm fehlte der
Leiche auf dieser Seite. Hamilkar hatte Mühe, Hanno zu erkennen. Die
schwammigen Knochen des Gerichteten waren an den Eisennägeln nicht
fest hängen geblieben. Teile seiner Gliedmaßen hatten sich losgelöst,
und so hingen am Kreuze nur unförmige Bruchstücke, Tierresten ähnlich,
die sich Jäger an ihre Türen zu nageln pflegen.
Das Heer Hamilkars war angesichts dieses unerwarteten Unglücks wie
betäubt. Es hörte nicht auf Hamilkars Befehle.
Matho benutzte diese Untätigkeit, sich nunmehr gegen die Numidier zu
wenden. Naravas hatte den Ausfall Mathos rechtzeitig bemerkt. Wohl war
er mit seinen Reitern und Elefanten nach Südwesten vorgerückt, um
Hamilkar den Rücken zu decken. Mehr aber tat er nicht. War es aus
Hinterlist gegen Hanno oder aus Beschränktheit? Man hat es nie
erfahren.
Jetzt geriet er mit Matho ins Gefecht. Die numidischen Elefanten
rückten an. Aber die Söldner machten sich Fackeln und rückten, sie
schwenkend, in die Ebene vor. Die mächtigen Tiere scheuten und rannten
nach rückwärts in den Golf, wo sie um sich schlugen und sich
gegenseitig töteten oder unter der Last ihrer Panzer ertranken. Auch
seine Reiterei setzte Naravas in Bewegung. Die Söldner warfen sich
jedoch mit den Gesichtern auf den Boden, und als die Pferde auf drei
Schritt heran waren, sprangen sie ihnen unter die Bäuche und
schlitzten sie mit Dolchstößen auf. Als Barkas endlich herbeikam, war
bereits die Hälfte der Numidier gefallen.
Erschöpft, wie sie waren, vermochten die Söldner Hamilkars Truppen
nicht Widerstand zu leisten. Sie zogen sich daher in guter Ordnung
nach dem Berge der Heißen Wasser zurück. Der Suffet war so klug, sie
nicht zu verfolgen. Er gab die Belagerung von Tunis auf und wandte
sich nach der Makarmündung.
Die Kadaver der numidischen Elefanten trieben, vom Winde geführt, am
Gestade des Golfes hin, wie schwarze schwimmende Inseln. Um den Krieg
mit Nachdruck zu unterstützen, hatte Naravas seine Wälder erschöpft.
Er hatte die jungen und die alten Tiere, die Männchen und die Weibchen
genommen. Diese kriegerische Kraft seines Reiches erholte sich nie
wieder.
Das karthagische Volk hatte die Elefanten von weitem umkommen sehn und
war untröstlich darüber. Männer jammerten auf den Straßen und riefen
ihre Namen wie die verstorbener Freunde: »Ach, der Unbesiegliche! Der
Sieg! Der Blitz! Die Schwalbe!« Am ersten Tag sprach man von ihnen
mehr als von den gefallenen Bürgern. Doch am nächsten Tage erblickte
man die Zelte der Söldner am Berge der Heißen Wasser. Da ward die
allgemeine Verzweiflung so groß, daß sich viele, namentlich Frauen,
kopfüber von der Akropolis hinabstürzten.
* * * * *
Hamilkars Pläne kannte keiner. Er lebte einsam in seinem Zelte. Nur
ein kleiner Knabe war um ihn. Niemand aß mit den beiden, nicht einmal
Naravas. Gleichwohl bezeigte ihm der Feldherr seit Hannos Niederlage
ungewöhnliche Höflichkeit. Der Numidierfürst begehrte zwar nichts
sehnlicher denn Hamilkars Schwiegersohn zu werden, aber er war
trotzdem mißtrauisch.
Des Marschalls scheinbare Untätigkeit verdeckte in der Tat schlaue
Machenschaften und Absichten. Durch allerhand Kunstkniffe gewann er
die Dorfältesten und die Söldner wurden gejagt, vertrieben und
umstellt wie wilde Tiere. Wenn sie in ein Gehölz kamen, begann es zu
brennen, wenn sie aus einer Quelle tranken, war sie vergiftet. Man
vermauerte die Höhlen, in denen sie nachts lagerten. Die
Nomadenstämme, ihre früheren Mitschuldigen, die bisher auf ihrer Seite
gestanden hatten, wurden jetzt die Verfolger der Söldner. Man bemerkte
bei diesen Banden stets karthagische Rüstungen.
Viele Barbaren hatten im Gesicht rote Flechten. Man munkelte, das sei
durch die Berührung von Hannos Leib entstanden. Andre bildeten sich
ein, es wäre die Strafe dafür, daß sie Salambos Fische gegessen
hätten. Doch weit entfernt, Reue darüber zu empfinden, sannen sie auf
noch abscheulichere Frevel, um die punischen Götter noch mehr zu
beschimpfen. Man hätte sie am liebsten ausgerottet.
So zogen die Barbaren drei Monate lang an der Ostküste hin und dann
über die Sellumer Berge hinaus bis zum Rande der Wüste. Man suchte
einen Zufluchtsort, gleichviel wo. Nur Utika und Hippo-Diarrhyt waren
treu geblieben. Doch beide Städte wurden von Hamilkar belagert.
Deshalb zog man schließlich auf gut Glück wieder gen Norden, ohne die
Straßen zu kennen. Das lange Elend hatte die Köpfe schwachsinnig
gemacht. Man empfand nichts mehr als eine immer wachsende Erbitterung.
Eines Tages waren die Söldner wieder in den Schluchten von Kobus,
abermals vor Karthago.
Nun wurden die Treffen häufiger. Das Kriegsglück war wechselnd. Doch
Freund wie Feind war derart erschöpft, daß man auf beiden Seiten
anstatt dieser kleinen Scharmützel eine große Schlacht herbeiwünschte.
Man sehnte sich nach der letzten Entscheidung.
Matho hatte Lust, diesen Vorschlag dem Marschall persönlich zu
überbringen. Aber einer seiner Libyer übernahm das Wagnis. Als man ihn
abziehen sah, waren alle überzeugt, daß er nie wiederkäme.
Er kehrte noch am selben Abend zurück.
Hamilkar nahm die Herausforderung an. Man sollte sich am nächsten
Morgen bei Sonnenaufgang in der Ebene von Rades treffen.
Die Söldner wollten wissen, ob Hamilkar noch etwas gesagt hätte, und
der Libyer berichtete weiter:
»Als ich vor ihm stehen blieb, fragte er mich, worauf ich noch
wartete. Ich antwortete: 'Daß man mich töte!' Da erwiderte er: 'Nein!
Geh! Du stirbst morgen mit den andern!'«
Diese Großmut verwunderte die Barbaren. Viele waren entsetzt darüber,
und Matho bedauerte, daß der Bote nicht getötet worden war.
* * * * *
Matho hatte noch dreitausend Afrikaner, zwölfhundert Griechen,
fünfzehnhundert Kampaner, zweihundert Iberer, vierhundert Etrusker,
fünfhundert Samniter, vierzig Gallier und eine Schar Naffurs, das
waren heimatlose Banditen, die er im Dattellande aufgetrieben hatte,
insgesamt siebentausend zweihundert und neunzehn Soldaten, aber
darunter keine einzige vollständige Kompagnie. Die Truppen hatten die
Löcher ihrer Harnische mit den Schulterblättern von Vierfüßlern
geflickt und ihre Panzerstiefel durch Sandalen aus Lumpen ersetzt.
Kupfer- und Eisenstücke beschwerten ihre Röcke. Ihre Panzerhemden
hingen in Fetzen herab, und zwischen den Haaren ihrer Arme und
Gesichter liefen die Narben wie Purpurfäden.
Der Zorn ihrer toten Gefährten beseelte sie und vermehrte ihre Kräfte.
Sie fühlten dunkel, daß sie Diener eines Gottes waren, der in den
Herzen der Unterdrückten waltete, und hielten sich für die heiligen
Werkzeuge der allgemeinen Rache. Auch versetzte sie die maßlose
Perfidie der Punier in Schmerz und Wut, und ganz besonders der Umriß
Karthagos am Horizonte. Man schwur sich zu, bis in den Tod füreinander
zu kämpfen.
Man tötete Lasttiere und aß soviel wie möglich, um sich zu stärken.
Dann schlief man ein. Manche beteten zu irgend einem Sternenbilde.
Die Karthager langten vor den Barbaren in der Ebene an. Sie hatten die
Schildränder mit Öl bestrichen, damit die Pfeile besser abglitten. Die
Infanterie, die langes Haar trug, schnitt es sich aus Vorsicht über
der Stirn ab. Hamilkar ließ um die fünfte Stunde alle Feldkessel
umwerfen, denn er wußte, daß es sich mit überfülltem Magen nicht gut
fechten läßt. Sein Heer zählte vierzehntausend Mann, das Doppelte des
Barbarenheeres. Trotzdem hatte er nie eine gleiche Unruhe empfunden.
Wenn er unterlag, so war die Republik verloren, und er selbst mußte am
Kreuze sterben. Siegte er hingegen, so konnte er über die Pyrenäen,
Gallien und die Alpen nach Italien gelangen, und das Reich der
Barkiden war von ewiger Dauer! Zwanzigmal erhob er sich in der Nacht,
um alles bis auf die geringsten Einzelheiten persönlich zu überwachen.
Was seine Truppen betraf, so waren sie durch die lange Schreckenszeit
arg erbittert.
Naravas zweifelte an der Treue seiner Numidier. Zudem konnten die
Barbaren siegen. Eine seltsame Schwäche hatte ihn ergriffen. Aller
Augenblicke trank er einen großen Becher Wasser.
Da öffnete ein ihm Unbekannter sein Zelt und legte auf den Boden eine
Krone aus Steinsalz mit symbolischem Zierat aus Schwefelkristallen und
Perlmuttervierecken. Man sandte bisweilen dem Bräutigam solch eine
Hochzeitskrone. Das war ein Liebespfand, eine Art Aufforderung.
Dennoch empfand Hamilkars Tochter keine Zärtlichkeit für Naravas. Die
Erinnerung an Matho beunruhigte sie in unerträglicher Weise. Es dünkte
ihr, als ob der Tod dieses Mannes einen Bann von ihrer Seele nehmen
müsse, wie man den Biß einer Giftschlange heilt, indem man sie auf der
Wunde zerquetscht. Der Numidierfürst schmachtete nach ihr. Ungeduldig
harrte er seiner Hochzeit, und da diese dem Siege folgen sollte, so
sandte Salambo ihm dieses Geschenk, um seinen Mut anzufeuern. Da
verschwand seine Bangigkeit, und er dachte nur noch an das Glück, ein
so schönes Weib besitzen zu sollen.
Der gleiche Traum lockte auch Matho. Aber er bezwang seine Liebe und
widmete sich völlig seinen Waffengefährten. Er liebte sie wie Teile
seines eigenen Ichs. Sein Haß beseligte ihn. Er fühlte seine Seele
geläutert und seine Arme gekräftigt. Alles, was er auszuführen hatte,
stand ihm klar vor Augen. Wenn ihm zuweilen ein Seufzer entschlüpfte,
so galt er dem Angedenken des Spendius.
Er ordnete seine Barbaren zu sechs gleichstarken Abteilungen. In die
Mitte nahm er die Etrusker, die alle durch eine eherne Kette
aneinandergefesselt waren. Hinter ihnen standen die Schützen. Auf die
beiden Flügel stellte er die Naffurs, die kurzgeschorene, mit
Straußenfedern geschmückte Kamele ritten.
Der Suffet brachte seine Karthager in eine ähnliche Schlachtordnung.
Rechts und links von der Phalanx des gepanzerten Fußvolks stellte er
die Leichtbewaffneten und die Klinabaren auf, an den Flügeln die
Numidier. Als es tagte, standen sich beide Heere in dieser Aufstellung
gegenüber und musterten einander von weitem mit großen wilden Augen.
Zuerst zauderte man, dann aber setzten sie sich gegeneinander in
Bewegung.
Die Barbaren rückten langsam vor, um nicht außer Atem zu kommen. Der
Boden dröhnte unter dem Takte ihres Marsches. Die Mitte des punischen
Heeres war in einem konvexen Bogen ein wenig vorgeschoben. Es erfolgte
ein furchtbarer Zusammenprall, gleich dem Krachen zweier gegeneinander
stoßenden Flotten. Die vorderste Linie der Barbaren schloß sich rasch
auf. Die dahinter gedeckt stehenden Schützen schleuderten jetzt ihre
Kugeln, Pfeile und Wurfspieße. Nunmehr flachte sich der Bogen der
karthagischen Mitte allmählich ab. Sie wurde gerade, ja sie bog sich
nach innen. Jetzt schwenkten die beiden Massen der Leichtbewaffneten
schräg vorwärts wie die beiden Schenkel eines sich schließenden
Zirkels. Die Barbaren, im wilden Handgemenge mit der Phalanx, waren
nahe daran, in diesen Winkel hineinzugeraten. Das wäre ihr Verderben
gewesen. Matho beorderte sie zurück, und während die punischen
Leichtbewaffneten in ihrer begonnenen Bewegung verharrten, dirigierte
er seine Reserven gegen sie. Dadurch verlängerte sich alsbald sein
Zentrum nach beiden Seiten, und seine Stellung erschien um das
Dreifache verlängert.
Aber die Barbaren, die an den beiden Enden standen, namentlich die auf
dem linken, die bald ihre Pfeile verschossen hatten, waren zu schwach.
Als die punischen Leichtbewaffneten gegen sie anstürmten, wurden sie
in Unordnung gebracht.
Matho ordnete die Rückwärtsbewegung seines linken Flügels an. Auf dem
rechten Flügel hatte er noch die mit Äxten bewaffneten Kampaner. Er
warf sie gegen den linken Flügel der Karthager. Sein Mitteltreffen
griff ebenfalls wieder an, und der linke Flügel, jetzt außer Gefahr,
hielt den Leichtbewaffneten wieder stand.
Nun stellte Hamilkar seine Reiterei in Echelons auf und ließ sie
attackieren.
Diese kegelförmigen Massen zeigten in der Front Reiter, während ihre
breiteren Flanken von den Lanzen Schwerbewaffneter starrten. Die
Barbaren vermochten nicht standzuhalten. Allein das griechische
Fußvolk besaß Kürasse und Lanzen, alle andern führten nur Messer, an
langen Stangen befestigt. Die weichen Klingen verbogen sich beim
Schlagen, und während man sie mit den Stiefelabsätzen wieder
geradetrat, machten die Karthager die Wehrlosen von rechts und links
mühelos nieder.
Nur die Etrusker, an ihre Kette geschmiedet, wankten nicht. Da die
Toten nicht zur Erde fallen konnten, behinderten sie die Lebenden mit
ihren Leibern. Die breite, eherne Masse dehnte sich bald aus, bald zog
sie sich wieder zusammen, biegsam wie eine Schlange und
unerschütterlich wie eine Mauer. Die Barbaren ordneten sich hinter ihr
immer wieder, verschnauften ab und zu, und brachen dann wieder hervor,
die Stümpfe ihrer Waffen schwingend.
Viele hatten überhaupt keine Wehr mehr. Sie sprangen auf die Karthager
los und bissen ihnen ins Gesicht wie Hunde. Die Gallier warfen
hochmütig ihre Waffenröcke ab und zeigten von weitem ihre kräftigen
weißen Körper oder rissen, um den Feind zu entsetzen, ihre Wunden auf.
In den punischen Kompagnien hörte man die Stimme der Signalisten nicht
mehr, von denen die Befehle laut ausgerufen wurden. Nur die
Standarten, die aus dem Staube ragten, hielten die Verbände
einigermaßen zusammen. Der einzelne Mann ward von den Wogen des wilden
Getümmels fortgerissen.
Hamilkar ließ den Numidiern den Befehl zur Attacke zugehen. Die
Naffurs warfen sich ihnen entgegen.
Sie trugen weite schwarze Gewänder, Haarschöpfe auf dem Wirbel,
Schilde aus Rhinozerosleder und schwangen Klingen ohne Griffe, die an
einem Strick befestigt waren. Ihre über und über mit Federn gespickten
Kamele stießen langgedehnte heisere Gluckser aus. Die Klingen trafen
genau ihr Ziel, fuhren mit kurzem Ruck zurück, und das getroffene
Glied fiel herab. Die wildgewordenen Tiere galoppierten mitten durch
die Kompagnien. Einige, denen ein Bein zerschmettert worden war,
hüpften wie verwundete Strauße.
Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem auf die
Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die auseinandergesprengten Züge
wirbelten um sich selbst, und die glänzenden Kürasse und Waffen der
Karthager umschlossen sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes
Gewühl herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf die
Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren lagen in der Ebene
niedergestreckt. Die Söldner rissen ihnen die Rüstungen ab, legten sie
selbst an und stürzten sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht,
rannten manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die
Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei, das in
der Ferne erscholl, trieb sie hin und her, wie Schiffstrümmer der
Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung. Alles drohte dem Genie Mathos und
dem unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen.
Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es war eine Schar von
Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen Kindern, ja selbst Frauen, die ihre
Angst nicht länger bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen
waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem zu
stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark den einzigen Elefanten
mitgenommen, den die Republik noch besaß. Es war der, dessen Rüssel
abgehauen worden war.
Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt ihre Mauern
verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen zu gebieten, für die Heimat
zu sterben. Ungeheure Wut ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle
übrigen mit fort. Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit
dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine Hoffnung mehr auf
Sieg, nicht einmal auf ihr Leben. Aber dieser Rest bestand aus den
besten, unerschrockensten und stärksten Leuten.