sich einen Ausgang zu schaffen! Sollten sie den Sieger um seine
Bedingungen bitten! Aber durch welche Vermittlung? Wußte man doch
nicht einmal, wo sich Hamilkar befand!
Der Wind blies von der Schlucht her. Rastlos ließ er den Sand in
Bächen in das Drahthindernis rieseln. Die Mäntel und das Haar der
Barbaren bedeckten sich damit, als ob sich die Erde über sie hinwälze
und sie begraben wolle. Nichts rührte sich. Die ewigstarren Berge
schienen jeden Morgen noch höher geworden zu sein.
Bisweilen zogen Vogelschwärme raschen Fluges am klaren blauen Himmel
über den Eingeschlossenen hin, in der Freiheit der Lüfte. Man schloß
die Augen, um sie nicht zu sehen.
Manche verspürten ein Summen in den Ohren. Dann wurden ihre
Fingernägel schwarz, und Kälte ergriff die Brust. Sie legten sich auf
die Seite und verschieden ohne Laut.
Am neunzehnten Tage waren zweitausend Asiaten, fünfzehnhundert von den
Inseln, achttausend Libyer, die Jüngsten unter den Söldnern und ganze
Landsmannschaften tot,--insgesamt zwanzigtausend Mann, das halbe Heer.
Autarit, der nur noch fünfzig von seinen Galliern hatte, wollte sich
schon töten lassen, um allem Leid überhoben zu sein. Da glaubte er,
auf einem Saumpfad hoch in den Felsen einen Mann zu erblicken. Er war
so weit entfernt, daß er wie ein Zwerg aussah. Trotzdem erkannte
Autarit am linken Arm des Mannes einen kleeblattförmigen Schild.
»Ein Karthager!« schrie er.
Im Nu war in dem Talkessel, von der Drahtsperre bis zu den
Felsblöcken, alles auf den Beinen.
Der Karthager schritt an den abschüssigen Hängen hin. Die Barbaren
sahen ihm von unten aus zu.
Spendius nahm einen Ochsenschädel auf, krönte ihn um die Hörner mit
einer Art Diadem, aus zwei Gürteln hergestellt, und befestigte ihn als
Symbol friedlicher Gesinnung an einer Stange.
Der Karthager verschwand. Man wartete.
Endlich am Abend fiel plötzlich von der Felswand ein Bandolier herab
wie ein losgelöster Stein. Es war aus rotem Leder, mit Stickereien
bedeckt und mit drei Diamantsternen besetzt. In der Mitte trug es ein
Siegel mit dem Wappen des Großen Rates: ein Roß unter einem Palmbaum.
Das war Hamilkars Antwort, der Geleitbrief, den er ihnen sandte.
Die Söldner hatten im Grunde nichts zu fürchten: jede Änderung ihres
Schicksals war wenigstens das Ende der bisherigen Qual. Maßlose Freude
ergriff sie. Sie umarmten einander unter Tränen. Spendius, Autarit und
Zarzas, vier Italiker, ein Neger und zwei Spartiaten erboten sich zu
Unterhändlern. Man erteilte ihnen unverzüglich Vollmacht. Allerdings
wußten sie noch nicht, wie sie aus der Enge kommen sollten.
Da erscholl ein Krach in der Richtung der Eingangsschlucht. Der
oberste Felsblock wankte und rollte über die andern hinab. Während die
Blöcke nämlich auf der Seite der Barbaren unerschütterlich waren, da
man sie eine schräge Fläche hätte hinaufschieben müssen--zudem waren
sie durch die Enge der Schlucht zusammengedrängt--, so genügte von der
andern Seite ein starker Stoß, um sie umzuwerfen. Die Karthager taten
dies, und bei Tagesanbruch rollten die Blöcke in die Tiefebene
hinunter wie die Stufen einer zerstörten Riesentreppe.
Aber auch so konnten die Barbaren noch nicht ohne weiteres über sie
hinweg. Man reichte ihnen Leitern. Alle stürzten sich darauf. Das
Geschoß eines schweren Geschützes trieb die Menge zurück. Nur die Zehn
wurden durchgelassen.
Sie marschierten zwischen Klinabaren, wobei sie sich mit einer Hand
auf den Rücken der Pferde aufstützen durften, sonst hätten sie sich
vor Mattigkeit nicht aufrecht halten können.
Nachdem die erste Freude vergangen war, begannen sich die Zehn Sorgen
zu machen. Hamilkars Forderungen würden grausam sein! Doch Spendius
beruhigte sie:
»Ich werde schon reden!« Und er rühmte sich zu wissen, was zum Heile
des Heeres zu sagen dienlich sei.
Hinter jedem Busch bemerkte man versteckt aufgestellte Posten. Beim
Anblick des Bandoliers, das Spendius über seine Schulter trug,
salutierten die Posten.
Im punischen Lager angelangt, wurde die Gesandtschaft von der Menge
umdrängt. Man vernahm Geflüster und Lachen. Eine Zelttür öffnete sich.
Hamilkar saß im Hintergrunde auf einem Schemel neben einem niedrigen
Tische, auf dem sein blankes Schwert lag. Offiziere umstanden ihn.
Als er die Unterhändler erblickte, fuhr er zurück. Dann beugte er sich
vor, um sie zu betrachten. Ihre Augen waren unnatürlich groß. Breite
schwarze Kreise, die bis zu den Ohren reichten, umschatteten sie. Ihre
bläulichen Nasen standen spitz und weit ab von den hohlen, tief
gefurchten Wangen. Die Haut war für die Körper zu weit geworden und
überdies unter einer schiefergrauen Staubkruste kaum zu sehen. Die
Lippen klebten an den gelben Zähnen. Ein widerlicher Geruch machte
sich bemerkbar, wie aus geöffneten Gräbern, von wandelnden Leichen.
Mitten im Zelt stand auf einer Matte, auf der sich die Offiziere
niederlassen sollten, eine Schüssel mit dampfenden Kürbissen. Die
Barbaren starrten sie an, am ganzen Leibe schlotternd. Tränen traten
ihnen in die Augen. Trotzdem bezwangen sie sich.
Hamilkar wandte sich um, um mit einem der Offiziere zu sprechen. Da
stürzten die Zehn über das Gericht her, indem sie sich flach auf den
Bauch warfen. Ihre Gesichter tauchten in das Fett, und das Geräusch
des Hinterschlingens mischte sich mit dem freudigen Schluchzen, das
sie dabei ausstießen. Offenbar mehr aus Verwunderung denn aus Mitleid
ließ man sie die Schüssel leeren. Als sie sich wieder erhoben hatten,
winkte Hamilkar dem Träger des Bandoliers, zu reden.
Spendius ward ängstlich. Er stotterte.
Hamilkar hörte ihm zu, während er den großen goldnen Siegelring an
seinem Finger drehte, mit dem er das Wappen Karthagos auf das
Bandolier gedrückt hatte. Er ließ ihn auf die Erde fallen. Spendius
hob ihn rasch auf. Vor seinem Herrn und Meister kam sein ehemaliges
Sklaventum wieder zum Vorschein. Die andern erbebten vor Entrüstung
über diese freiwillige Demütigung.
Jetzt erhob der Grieche die Stimme, wies auf Hannos Übeltaten hin, den
er als Feind des Barkas kannte, und suchte Hamilkar durch eine
Schilderung der Einzelheiten ihres Elends und durch den Hinweis auf
ihre frühere Ergebenheit zu erweichen. Er sprach lange, in rascher,
durchtriebener, bisweilen heftiger Weise. Von seinem Enthusiasmus
fortgerissen, vergaß er sich schließlich.
Hamilkar erwiderte, er nehme ihre Entschuldigungen an. Es solle also
Friede gemacht werden, und diesmal endgültig! Doch verlange er, daß
man ihm zehn Söldner nach seiner Wahl ausliefere, ohne Waffen und ohne
Kleidung.
Solche Milde hatten sie nicht erwartet.
»O, zwanzig, wenn du willst, Herr!« rief Spendius aus.
»Nein, zehn genügen mir!« antwortete Hamilkar gnädig.
Man ließ die Gesandten aus dem Zelte, damit sie sich beraten konnten.
Sobald sie allein waren, sprach Autarit zugunsten der zu opfernden
Kameraden, und Zarzas sagte zu Spendius:
»Warum hast du ihn nicht getötet? Sein Schwert lag dicht neben dir!«
»Ihn!« stieß Spendius hervor. Und mehrmals wiederholte er: »Ihn!
Ihn!«--als ob das ein Ding der Unmöglichkeit und Hamilkar ein
Unsterblicher sei.
Eine solche Mattigkeit überkam alle, daß sie sich mit dem Rücken auf
die Erde legten. Sie wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten.
Spendius riet zur Annahme der Bedingung. Endlich willigten sie ein und
traten wieder in das Zelt.
Nun legte der Marschall seine Hand der Reihe nach in die Hände der
zehn Barbaren und drückte ihnen den Daumen. Hinterher wischte er sich
die Hand an seinem Gewand ab, denn die klebrige Haut dieser Menschen
verursachte bei der Berührung eine rauhe und zugleich weiche
Empfindung, ein fettiges, widerliches Kribbeln. Sodann sprach er zu
ihnen:
»Ihr seid also die Obersten der Barbaren und habt als Bevollmächtigte
die Bedingung angenommen ...«
»Jawohl!« antworteten sie.
»... aus freien Stücken, ohne Arglist, und in der Absicht, die Zusage
zu halten?«
Sie versicherten, daß die Bedingung nach ihrer Rückkehr zum Heere
erfüllt würde.
»Gut!« sagte der Suffet. »Kraft der Vereinbarung, zwischen mir,
Hamilkar Barkas, und euch, den Bevollmächtigten der Söldner,
geschlossen, wähle ich _euch und behalte euch_!«
Spendius sank ohnmächtig auf die Matte. Die Barbaren drängten sich
nach der andern Seite eng zusammen, als hätten sie nichts mit ihm
gemein. Kein Wort, keine Klage ward laut.
Die in der Säge Eingeschlossenen, die der Unterhändler harrten und sie
nicht zurückkehren sahen, hielten sich für verraten. Offenbar hatten
sich die Zehn dem Suffeten ergeben.
Man wartete noch zwei Tage. Am Morgen des dritten ward ein Entschluß
gefaßt. Auf Strickleitern, die man aus Lanzen, Pfeilen und
Leinwandstücken herstellte, gelang es vielen, die Felsen zu erklimmen.
Unter Zurücklassung der Schwächeren machten sich auf diese Weise etwa
dreitausend Mann auf, um zu dem Heere in Tunis zu stoßen.
Oberhalb des Felsenkessels dehnte sich Wiesenland, mit kärglichem
Gesträuch bewachsen. Die Barbaren verzehrten die Knospen. Dann fanden
sie ein Bohnenfeld. Bald war es verschwunden, als wäre ein
Heuschreckenschwarm darüber hergefallen. Drei Stunden später gelangte
man auf eine Hochebene, die ein Kranz von grünen Hügeln umrahmte.
Zwischen den Hügeln glänzten in gleichen Abständen silberne Bündel.
Darunter erblickten die Barbaren, von der Sonne geblendet, undeutliche
dicke, schwarze Massen, auf denen diese Bündel lagerten. Mit einem
Male entfalteten sie sich, als ob sie aufblühten. Es waren die Lanzen
in den Türmen grauenhaft bewaffneter Elefanten.
Außer den Spießen an ihrer Brust, den Eisenspitzen ihrer Stoßzähne,
den Erzplatten, die ihre Seiten panzerten, und den scharfen Dolchen an
ihren eisernen Kniekappen trugen sie in ihren Rüsseln Lederschlaufen,
an denen breite Säbel befestigt waren. Alle Elefanten waren
gleichzeitig vom Ende der Hochebene aufgebrochen und rückten von allen
Seiten gleichmäßig heran.
Ein namenloser Schreck erstarrte die Barbaren. Sie machten nicht
einmal den Versuch, zu fliehen. Schon waren sie umzingelt.
Die Elefanten drangen in die Menschenscharen. Die Spieße an ihrer
Brust zerteilten sie. Die Spitzen ihrer Stoßzähne wühlten sie auf wie
Pflugschare. Die Säbel an ihren Rüsseln zerschnitten und zerhackten
sie. Die Türme mit ihrem Brandpfeilregen glichen wandelnden Vulkanen.
Man unterschied nichts als eine breite Masse, in der das
Menschenfleisch weiße Flecke, die Erzplatten graue Flächen und das
Blut rote Springbrunnen bildete. Die furchtbaren Tiere, die mitten
hindurchstampften, gruben schwarze Furchen hinein. Das wütendste wurde
von einem Numidier gelenkt, der eine Federkrone auf dem Haupte trug.
Er schleuderte Wurfspieße mit gräßlicher Geschwindigkeit und stieß
dabei von Zeit zu Zeit einen langen schrillen Pfiff aus. Folgsam wie
Hunde, wandten die riesigen Tiere während des Gemetzels fortwährend
ihre Blicke nach ihm.
Allmählich verengte sich ihr Kreis. Die kraftlosen Barbaren leisteten
keinen Widerstand weiter. Bald waren die Elefanten in der Mitte der
Hochebene. Schon hatten sie keinen genügenden Raum mehr. Sie drängten
sich und gerieten aneinander. Ihre Hauer berührten sich bereits. Aber
Naravas beruhigte sie. Sie machten Kehrt und trabten nach den Hügeln
zurück.
Indessen hatten sich zwei Kompagnien Söldner nach rechts in eine Mulde
geflüchtet und ihre Waffen weggeworfen. Dort fielen sie in die Knie
und streckten die Arme, Gnade flehend, nach den punischen Zelten aus.
Man fesselte sie an Händen und Füßen. Als sie dann nebeneinander auf
dem Boden lagen, führte man die Elefanten zurück.
Alsbald krachten die Brustkörbe wie einbrechende Kästen. Jeder Tritt
zermalmte zwei Menschen. Die plumpen Füße schlürften über die Leiber
hin mit Bewegungen, die aussahen, als hinkten die Tiere. Unaufhaltsam
vollendeten sie ihr Werk.
Dann lag die Hochebene wieder still und tot da. Die Nacht brach an.
Hamilkar weidete sich am Anblick seiner Rache. Doch plötzlich erbebte
er.
Er und alle erblickten zur Linken auf der Höhe eines Hügels auf
sechshundert Schritt Entfernung noch andre Barbaren. In der Tat hatten
sich vierhundert der tüchtigsten Söldner, Etrusker, Libyer und
Spartiaten, von Anfang an in die Hügel zurückgezogen und waren dort
bisher unschlüssig verblieben. Nach der Niedermetzlung ihrer Gefährten
beschlossen sie, sich durch die Karthager durchzuschlagen. Just
marschierten sie nun in einer wohlgeordneten Breitkolonne herab, ein
wunderbar schrecklicher Anblick.
Sofort ward ein Herold an sie abgesandt. Der Suffet brauche Soldaten.
Er bewundere ihre Tapferkeit so, daß er sie bedingungslos annehme. Sie
dürften sogar, fügte der Karthager hinzu, noch etwas näher rücken, bis
zu einer Stelle, die er ihnen bezeichnen ließ. Dort fänden sie
Lebensmittel.
Die Barbaren begaben sich dorthin und verbrachten die Nacht mit Essen.
Da murrten die Karthager über die parteiische Vorliebe des Suffeten
für die Söldner.
Gab er in der Folge diesen Äußerungen unersättlichen Hasses nach, oder
war sein gesamtes Verhalten eine wohlberechnete Verräterei? Jedenfalls
kam er selbst am nächsten Morgen, ohne Schwert, barhäuptig, mit einem
kleinen Stabe von Klinabaren zu den Söldnern und erklärte ihnen, er
hätte schon allzuviel Leute zu ernähren und beabsichtige darum nicht,
sie allesamt zu behalten. Da er jedoch Soldaten brauche und nicht
wisse, auf welche Weise er die Tüchtigsten von ihnen ermitteln könne,
so sollten sie auf Tod und Leben miteinander kämpfen. Die Sieger wolle
er dann in seine Leibwache aufnehmen. Solch ein Tod sei ja so gut wie
jeder andre. Dabei zeigte er ihnen, indem er seine Truppen auseinander
rücken ließ--denn die punischen Fahnen hatten den Söldnern bisher das
verborgen, was weiter hinten stand--: die hundertundzweiundneunzig
Elefanten des Naravas, die eine einzige gerade Linie bildeten und mit
ihren Rüsseln breite Klingen schwangen. Da ward den Barbaren zumute,
als ob Riesenarme Henkersbeile über ihre Köpfe hielten.
Sie blickten einander schweigend an. Nicht der Tod war es, der sie
durchzitterte, sondern der furchtbare Zwang, der ihnen angetan ward.
Die Kameradschaft hatte manchen engen Bund zwischen den Söldnern
geschaffen. Das Feldlager ersetzte den meisten die Heimat. Da sie ohne
Familie lebten, widmeten sie ihr Zärtlichkeitsbedürfnis einem
Waffengefährten, mit dem sie Seite an Seite, unter demselben Mantel,
im Sternenlichte schliefen. Auch waren bei dem beständigen Wandern
durch aller Herren Länder, den gemeinsamen Todesgefahren und
Abenteuern seltsame Liebschaften entstanden, unzüchtige Verbindungen,
ihnen ebenso ernsthaft wie andern Leuten die Ehe, kraft deren der
Stärkere den Jüngeren im Mordgewühl verteidigte, ihm beim Sprung über
Abgründe half, ihm den Fieberschweiß von der Stirn trocknete und
Nahrung für ihn stahl, während der andere, ein am Straßenrand
aufgelesener Bursche, der dann Soldat geworden war, ihm diese Hingabe
mit tausend zarten Aufmerksamkeiten und den Gefälligkeiten einer
Gattin vergalt.
Sie tauschten ihre Halsketten und Ohrgehänge aus, Geschenke, die sie
sich dereinst nach irgendeiner großen Gefahr, in trunkenen Stunden
gemacht hatten. Alle verlangten den Tod, keiner wollte ihn geben. Es
war da manch ein Jüngling, der zu einem graubärtigen Manne sagte:
»Nein, nein, du bist der Stärkere! Du wirst uns rächen! Töte mich!«
Und der alte Landsknecht erwiderte: »Ich hab nicht lange mehr zu
leben! Stoß mir ins Herz und denk nicht mehr daran!« Brüder blickten
sich Hand in Hand an, und Liebende sagten ihren Geliebten auf ewig
Lebewohl, indem sie weinend an ihren Schultern hingen.
Man warf die Panzer ab, damit die Schwerter rascher durchdrängen. Da
kamen wie Inschriften an Denkmälern die Narben der schweren Wunden zum
Vorschein, die sie für Karthago empfangen hatten.
Man ordnete sich in vier gleichgroßen Reihen nach Gladiatorenart und
begann zaghaft gegeneinander zu fechten. Manche hatten sich sogar die
Augen verbunden, und ihre Schwerter tappten unsicher durch die Luft
wie der Stock eines Blinden. Die Karthager stießen ein Hohngeschrei
aus und schimpften: »Feiglinge!« Das regte die Barbaren auf, und bald
ward der Kampf allgemein, leidenschaftlich und gräßlich.
Bisweilen hielt ein Kämpferpaar blutüberströmt inne, sank einander in
die Arme und starb unter Küssen. Keiner wich zurück. Man stürzte in
gezückte Klingen. Die Raserei ward so wild, daß die Karthager trotz
der Entfernung Angst bekamen.
Endlich rastete der Kampf. Die Lungen keuchten laut, und man erkannte
wilde Augen zwischen langem, wirrem Haar, das blutig herabhing, als
wär es einem Purpurbade entstiegen. Manche drehten sich rasch um sich
selbst wie Panther, die an der Stirn verletzt sind. Andre standen
unbeweglich und starrten auf einen Leichnam zu ihren Füßen. Dann
zerrissen sie sich plötzlich das Gesicht mit den Fingernägeln, packten
ihr Schwert mit beiden Händen und stießen es sich in den eigenen Leib.
Sechzig waren noch übrig. Sie verlangten zu trinken. Man rief ihnen
zu, sie sollten die Schwerter wegwerfen. Nachdem sie das getan,
brachte man ihnen Wasser.
Während sie tranken und das Gesicht tief in die Gefäße drückten,
sprangen sechzig Karthager hinterrücks auf sie zu und erdolchten sie.
Hamilkar ließ dies alles geschehen, um den Gelüsten seines Heeres
nachzukommen und es durch diesen Verrat an seine Person zu fesseln.
* * * * *
Der Krieg war somit beendet. Wenigstens glaubte man es. Matho würde
keinen Widerstand leisten! In seiner Ungeduld befahl der Suffet sofort
den Abmarsch. Seine Aufklärer meldeten ihm, sie hätten einen Wagenzug
gesehen, der den Weg nach dem Bleiberge verfolge. Hamilkar kümmerte
sich nicht darum. Waren erst die Söldner völlig vernichtet, so sollten
ihm die Nomaden keine Sorge mehr machen. Die Hauptsache war jetzt die
Einnahme von Tunis. In starken Tagesmärschen eilte er dorthin.
Er sandte Naravas nach Karthago, um die Siegeskunde zu überbringen.
Stolz auf seine Erfolge, trat der Numidierfürst vor Salambo.
Auf einem gelben Lederkissen ruhend, empfing sie ihn in ihren Gärten
unter einer breitästigen Sykomore. Taanach stand neben ihr. Salambos
Gesicht war mit einem weißen Schleier bedeckt, der ihr so über Mund
und Stirn gewunden war, daß er nur die Augen frei ließ. Aber ihre
Lippen leuchteten unter dem zarten Gewebe, ebenso die Edelsteine an
ihren Fingern, denn sie trug auch ihre Hände verhüllt. Während des
ganzen Gespräches machte sie nicht eine Gebärde.
Naravas berichtete ihr von der Niederlage der Barbaren. Sie dankte ihm
mit einem Segensspruche für die ihrem Vater geleisteten Dienste.
Darauf begann er den ganzen Feldzug zu erzählen.
Die Tauben in den Palmen um sie herum girrten leise. Haubenlerchen,
tartessische Wachteln und punische Perlhühner hüpften im Grase. Der
Garten war seit langem vernachlässigt und verwildert. Koloquinten
kletterten in die Zweige der Kassien empor. Asklepien wucherten in den
Rosenbeeten. Allerlei Gewächse rankten sich durcheinander und formten
Lauben. Wie in einem Walde malten die schrägen Sonnenstrahlen da und
dort die Schatten der Blätter auf die Erde. Zahme Tiere, die wieder
verwildert waren, flohen beim leisesten Geräusch. Bisweilen erblickte
man eine Gazelle, an deren zierlichen schwarzen Hufen verlorene
Pfauenfedern hingen. Der ferne Lärm der Stadt ertrank im Rauschen der
Meereswogen. Der Himmel war tiefblau. Kein Segel leuchtete auf den
Fluten.
Naravas hatte auserzählt. Salambo blickte ihn an, ohne zu sprechen. Er
trug ein mit Blumen bemaltes Linnengewand mit goldenen Fransen am
Saum. Zwei silberne Pfeile hielten sein über den Ohren geflochtenes
Haar zusammen. Mit der Rechten lehnte er sich auf den Schaft seiner
Lanze, der mit Bernsteinringen und Tierhaarbüscheln geschmückt war.
Wie Salambo ihn so betrachtete, versank sie tiefer und tiefer in lose
Gedanken. Der Jüngling mit seiner sanften Stimme und seiner
frauenhaften Gestalt bezauberte ihre Augen durch die Anmut seiner
Erscheinung. Er erschien ihr wie eine ältere Schwester, von den
Göttern zu ihrem Schutze gesandt. Da aber überkam sie die Erinnerung
an Matho, und sie konnte der Neugier nicht widerstehen, nach dem
künftigen Schicksal des Libyers zu fragen.
Naravas antwortete ihr, daß die Karthager auf Tunis marschierten, um
es zu erobern. Je ausführlicher er über die Wahrscheinlichkeit des
Gelingens und über Mathos Schwäche sprach, desto mehr schien sie von
einem ganz besonderen Wunsche erfüllt. Ihre Lippen bebten, ihre Brust
atmete tief. Als Naravas endlich versprach, ihn mit eigener Hand zu
töten, rief sie:
»Ja! Töte ihn! Es muß sein!«
Der Numidier entgegnete, auch er wünsche Mathos Tod leidenschaftlich,
da der Krieg dann beendet sei und er ihr Gemahl werde.
Salambo schrak zusammen und ließ den Kopf sinken.
Naravas aber fuhr fort und verglich seine Wünsche mit Blumen, die nach
dem Regen dürsten, und mit verirrten Wanderern, die des Tages harren.
Er sagte ihr, sie sei schöner als der Mond, köstlicher als der
Morgenwind und holder als das Antlitz eines Gastes. Er wolle Dinge für
sie aus dem Negerlande kommen lassen, die es in Karthago nicht gäbe,
und die Gemächer ihres Schlosses sollten mit Goldstaub bestreut
werden.
Der Abend nahte. Balsamische Düfte durchwehten die Luft. Die beiden
blickten einander lange schweigend an, und Salambos Augen blitzten
zwischen ihren breiten Schleiern wie zwei Sterne aus einem
Wolkenspalt. Ehe die Sonne verschwand, verabschiedete sich Naravas.
Die Alten fühlten sich von einer großen Sorge befreit, als Naravas
Karthago wieder verließ. Das Volk hatte ihm mit noch größerer
Begeisterung zugejauchzt, als bei seinem ersten Kommen. Wenn Hamilkar
und der Numidierfürst allein über die Söldner triumphierten, so war
jeder Widerstand gegen die beiden unmöglich! Daher beschlossen die
Gerusiasten, ihren Liebling, den alten Hanno, an der Rettung der
Republik teilnehmen zu lassen.
Hanno begab sich unverzüglich nach den westlichen Provinzen, damit die
Orte, die seine Schmach erlebt hatten, auch seine Rache sähen. Doch
die Einwohner und die Barbaren waren tot, versteckt oder entflohen.
Nun ließ er seine Wut an dem Lande aus. Er verbrannte die Trümmer der
Trümmer, ließ keinen Baum, keinen Halm stehen, richtete die Kinder und
die Kranken, die man aufgriff, unter Martern hin, und gab seinen
Soldaten die Weiber preis, ehe er sie morden ließ. Die schönsten
wurden in seine Sänfte geworfen, denn seine scheußliche Krankheit
reizte ihn zu wilden Gelüsten, die er mit der ganzen Wut eines
Verzweifelten befriedigte.
Oft sanken auf dem Kamme der Hügel schwarze Zelte, wie vom Winde
verweht, zusammen, und breite Scheiben mit glänzendem Rande, die man
als Wagenräder erkannte, rollten mit knarrendem, fast klagendem Laut
hinab in die Täler. Auf diese Weise irrten einzelne Stämme, die von
der Belagerung Karthagos Abstand genommen hatten, durch die Provinzen
und warteten auf eine Gelegenheit, auf einen Sieg der Söldner, um
wiederzukommen. Doch aus Furcht oder Hunger schlugen sie schließlich
alle den Heimweg ein und verschwanden. Hamilkar war auf Hannos Erfolge
keineswegs eifersüchtig. Trotzdem hatte er es eilig, den Krieg zu
beenden. Er befahl ihm also, sich auf Tunis zu werfen, und Hanno, der
glühende Patriot, fand sich am befohlenen Tage vor den Mauern der
Stadt ein.