Fackeln erloschen. Man nahm glimmende Scheite aus der Glut Molochs.
Auf den Straßen bogen sich die Leute hintenüber und öffneten den Mund,
um den Regen zu trinken. Andre lagen am Rande schmutziger Pfützen,
tauchten die Arme bis zu den Achseln hinein und schlürften sich so
voll Wasser, daß sie es wie Büffel wieder ausspien. Allmählich ward
die Witterung kühl und frisch. Alle sogen die feuchte Luft ein und
reckten die Glieder, und diesem Wonnerausch entsprang alsbald eine
grenzenlose Zuversicht. Alles Elend war vergessen. Das Vaterland mußte
wieder auferstehen.
Man empfand das Bedürfnis, die maßlose Wut, die man in sich selbst
nicht verarbeiten konnte, an andern auszulassen. Das Opfer durfte
nicht nutzlos bleiben. Wenngleich niemand Reue empfand, so fühlten
sich doch alle von jener Raserei ergriffen, die aus der Mitschuld an
unsühnbarem Verbrechen ersteht.
Das Gewitter hatte die Barbaren in ihren schlecht schließenden Zelten
überrascht. Noch am nächsten Tage wateten sie völlig durchnäßt im
Schlamm umher und suchten ihre verdorbenen Vorräte und verlorenen
Waffen zusammen.
Hamilkar begab sich aus freien Stücken zu Hanno und übergab ihm kraft
seiner Machtvollkommenheit den Befehl über die Stadt. Der alte Suffet
schwankte eine Weile zwischen Groll und Herrschsucht. Schließlich aber
nahm er an.
Hierauf ließ Hamilkar eine Galeere auslaufen, die am Bug wie am Steuer
mit je einem Geschütz ausgerüstet war. Sie ging im Golfe dem Floß
gegenüber vor Anker. Sodann schiffte er seine Kerntruppen auf den noch
verfügbaren Schiffen ein. Er entfloh offenbar. Nach Norden steuernd,
verschwand er im Nebel.
Doch drei Tage später--man wollte eben von neuem Sturm laufen--kamen
Leute von der libyschen Küste unter großem Geschrei in das
Söldnerlager. Barkas sei bei ihnen gelandet, mache überall
Beitreibungen und ginge immer weiter hinein in das Land.
Die Barbaren entrüsteten sich darüber, als ob Hamilkar sie verraten
hätte. Die der Belagerung Überdrüssigen, besonders die Gallier,
verließen ohne weiteres die Belagerungswerke, um zu ihm zu stoßen.
Spendius wollte die Helepolis wieder aufbauen. Matho hatte in Gedanken
eine Linie von seinem Zelte bis nach Megara gezogen und sich
geschworen, auf ihr schnurstracks vorzurücken. Von der Mannschaft
beider Befehlshaber rührte sich keiner vom Flecke. Die andern zogen
unter Autarits Führung ab und gaben damit den westlichen Teil der
Stadtmauer frei. Die Sorglosigkeit war so groß, daß man gar nicht
daran dachte, die Weggegangenen zu ersetzen.
Naravas belauerte dies von fern in den Bergen. Während der Nacht ritt
er mit allen seinen Numidiern auf der Seeseite der Lagune am
Meeresgestade hin und zog in Karthago ein.
Hier erschien er mit seinen sechstausend Mann als Retter in der Not.
Sie trugen sämtlich Mehl unter den Mänteln. Seine vierzig Elefanten
waren mit Futter und getrocknetem Fleisch beladen. Man drängte sich um
sie und gab ihnen Namen. Denn mehr noch als die Ankunft einer solchen
Hilfe erfreute die Karthager der Anblick dieser gewaltigen, dem
Sonnengotte geweihten Tiere. Sie waren ein Unterpfand seiner Gnade,
ein Zeichen, daß er ihnen endlich beistehen und in den Krieg
eingreifen wolle.
Naravas nahm die höflichen Worte der Alten entgegen. Dann stieg er zu
Salambo die Schloßtreppe empor.
Er hatte sie nicht wiedergesehn, seit er in Hamilkars Zelt, im Schoße
der fünf Heere, ihre kleine, weiche, kühle Hand in der seinen gehalten
hatte. Nach der Verlobung war sie nach Karthago zurückgekehrt. Seine
Liebe, die eine Weile seinen ehrgeizigen Plänen gewichen war, erwachte
von neuem. Jetzt gedachte er in den Genuß seiner Rechte zu treten, die
Karthagerin zu seiner Frau zu machen und sie mit sich zu nehmen.
Salambo begriff nicht, wie dieser junge Mann je ihr Gebieter werden
könne. Obwohl sie Tanit alle Tage um Mathos Tod anflehte, ward ihr
Abscheu vor dem Libyer doch immer geringer. Sie hatte das dunkle
Gefühl, daß der Haß, mit dem er sie verfolgte, etwas beinahe Heiliges
sei. Sie hätte in Naravas' Wesen einen Abglanz jener wilden Heftigkeit
sehn mögen, von der sie immer noch bezaubert war. Wohl wünschte sie
den Numidier näher kennen zu lernen, aber seine Gegenwart war ihr doch
unangenehm. Sie ließ ihm antworten, sie dürfe ihn nicht empfangen.
Überdies hatte Hamilkar seinen Leuten befohlen, dem jungen
Numidierfürsten keinen Zutritt zu Salambo zu gewähren. Er glaubte
seiner Treue sicherer zu sein, wenn er die Belohnung dafür bis zum
Ende des Krieges aufsparte. Naravas zog sich aus Respekt vor dem
Suffeten zurück.
Gegen die punischen Behörden zeigte er sich nicht so demütig. Er
änderte von ihnen getroffene Anordnungen, forderte Vorrechte für seine
Leute und stellte sie auf wichtige Posten. Die Barbaren machten große
Augen, als sie auf einmal Numidier auf den Türmen der Stadt
erblickten.
Die allgemeine Verwunderung ward noch viel größer, als auf einer alten
punischen Trireme vierhundert Karthager anlangten, die während des
Krieges in Sizilien gefangen genommen worden waren. Hamilkar hatte
nämlich insgeheim den Quiriten die Bemannung der latinischen Schiffe,
die er vor dem Abfall der tyrischen Städte gekapert hatte,
zurückgesandt, und zum Dank für dieses Entgegenkommen schickte ihm Rom
die dortigen Gefangenen zurück. Auch lehnten die Römer das Anerbieten
der sardinischen Söldner ab und schlugen sogar die ihnen angetragene
Schutzherrschaft über Utika aus.
Hiero, der Tyrann von Syrakus, folgte diesem Beispiel. Um sein Reich
zu behaupten, war ihm das Gleichgewicht beider Großmächte nötig. Es
lag ihm also an der Rettung der Punier. Er erklärte sich zu ihrem
Freunde und sandte ihnen zwölfhundert Rinder und dreiundfünfzigtausend
Nebel reinen Weizens.
Der eigentliche Grund für diese Unterstützung Karthagos lag tiefer:
man fühlte, daß bei einem endgültigen Siege der Söldner alles, was
überhaupt in Sold stand, vom Soldaten bis zum Küchenjungen, aufsässig
würde, und daß dann keine Regierung und kein Herrscherhaus seine
Unabhängigkeit wahren könne.
Mittlerweile durchstreifte Hamilkar die östlichen Landstriche. Er
trieb die Gallier zurück, und die Barbaren sahen sich nunmehr selber
gleichsam wieder belagert.
Jetzt begann er sie systematisch zu beunruhigen. Er kam und verschwand
wieder und wiederholte dieses Manöver so lange, bis er sie nach und
nach aus ihren Lagern fortlockte. Spendius war genötigt, den andern zu
folgen, und schließlich zog auch Matho ab.
Letzterer ging jedoch nicht über Tunis hinaus, sondern setzte sich in
dieser Stadt fest. Die Hartnäckigkeit, mit der er dort verblieb, war
sehr klug, denn alsbald sah man Naravas mit seinen Truppen und
Elefanten zum Khamontor herausziehen. Hamilkar hatte ihn zu sich
gerufen. Schon streiften die übrigen Barbaren durch die Provinzen zur
Verfolgung des Suffeten.
Er hatte in Klypea eine Verstärkung von dreitausend Galliern erhalten.
Aus der Kyrenaika ließ er Pferde, aus Bruttium Rüstungen kommen. Er
begann den Krieg von neuem.
Noch nie war sein Genie so reg und schöpferisch gewesen. Fünf Monate
lang lockte er die Söldner hinter sich her. Er hatte ein festes Ziel
vor Augen. Er wollte sie nach einem bestimmten Orte verführen.
* * * * *
Die Barbaren hatten anfangs versucht, dem Punier im Kleinkrieg
beizukommen, aber die kleinen Abteilungen hatten keine Erfolge. Nun
blieben sie vereint. Ihr Heer belief sich auf etwa vierzigtausend
Mann. Jetzt hatten sie in der Tat mehrmals die Freude, die Karthager
zurückweichen zu sehn.
Stark belästigt wurden sie von der Kavallerie des Naravas. Oft zur
heißesten Tageszeit, wenn man unter der Last der Waffen schlaftrunken
durch die Ebene zog, stieg plötzlich dichter Staub am Horizont auf.
Etwas Unsichtbares brauste im Galopp heran, und aus einer Sandwolke,
in der eine Menge flammender Augen blitzte, schoß ein Pfeilhagel
hervor. Von weißen Mänteln umflatterte Numidier stießen ein lautes
Geheul aus, reckten die Arme empor, warfen ihre steigenden Hengste mit
kräftigem Schenkeldruck herum und verschwanden wieder. In einiger
Entfernung führten sie stets auf Dromedaren Vorräte an Wurfspießen
mit. Und so kamen sie immer um so schrecklicher wieder, heulten wie
Wölfe und flohen abermals wie die Geier. Die Flügelmänner der Barbaren
fielen einer nach dem andern. Das währte so fort bis zum Abend, wo man
ins Gebirge zu entkommen suchte.
Obwohl die Berge für die Elefanten gefährlich waren, wagte sich
Hamilkar doch hinein. Er folgte der langen Kette, die sich vom
Hermäischen Vorgebirge bis zum Gipfel des Zoghwan erstreckt. Seine
Gegner glaubten, er wolle dadurch die Schwäche seiner Truppen
verbergen. Die beständige Ungewißheit, in der er sie erhielt,
erbitterte sie schließlich mehr als eine Niederlage. Entmutigen ließen
sie sich allerdings nicht. Sie zogen nach wie vor hinter ihm her.
Endlich eines Abends überraschten die Söldner eine Abteilung leichten
Fußvolks zwischen dem Silberberg und dem Bleiberg in einer wüsten
Felsengegend am Eingang zu einem Engpaß. Ohne Zweifel marschierte das
ganze punische Heer vor ihnen, denn man hörte Marschgeräusch und
Trompetensignale. Die Überraschten verschwanden alsbald in den
Schluchten. Der Engweg führte in einen Talkessel hinab, der rings von
hohen Felswänden umgeben war, die das Aussehen einer Säge hatten und
dem Ort den Namen »die Säge« verliehen. Um die Flüchtigen einzuholen,
stürzten die Barbaren nach. In der Tiefe sah man noch andre Karthager,
dabei eiligst vorwärts getriebene Ochsen und allerlei lärmendes
Getümmel. Auch erblickte man einen Reiter in einem roten Mantel. Das
sei der Marschall, hieß es. Mit um so mehr Wut und Freude stürmte man
weiter. Einige waren aus Trägheit oder aus Vorsicht am Eingang des
Engpasses verblieben. Doch aus einem Gehölz brachen Reiter hervor und
jagten sie mit Lanzenstößen und Säbelhieben den andern nach. Bald
waren alle Barbaren zwischen den Felsenwänden.
Nachdem die große Menschenmenge eine Weile weiter gewogt war, machte
man Halt. Man fand vorn keinen Ausgang.
Die dem Engpaß am nächsten waren, kehrten um, doch auch der Weg dahin
war wie verschwunden. Man rief den Vorderen zu, weiter zu marschieren.
Diese sahen sich gegen die Bergwand gedrückt und schimpften nun auf
die Kameraden hinter sich, daß sie nicht einmal den Herweg
wiederzufinden wüßten.
Kaum waren nämlich die letzten Barbaren hinabgestiegen, als Männer,
die sich hinter den Felsen versteckt gehalten hatten, große Blöcke mit
Balken hoben und umstürzten. Da der Abhang steil war, rollten die
gewaltigen Steinmassen bergab und versperrten den engen Eingang
vollständig.
Am andern Ende des Felsendomes führte ein langer, vielfach von Klüften
durchschnittener Gang durch eine Schlucht wieder zur Hochebene hinauf.
Dort befand sich das punische Heer. In diesem Engwege hatte man im
voraus Leitern an die Felswände gestellt. Durch die Windungen der
Schlucht geschützt, konnte das leichte Fußvolk rasch auf den Leitern
emporklettern, ehe es von den Söldnern eingeholt wurde. Einige
verliefen sich bis ans Ende der Schlucht. Man zog sie an Seilen
herauf, denn der Abhang bestand dort aus losem Sande und war so steil,
daß man selbst auf den Knien nicht hinaufklimmen konnte. Die Barbaren
langten fast unmittelbar hinter ihnen an. Doch ein sechzig Fuß hohes
Drahtgitter, genau dem Hohlraum angepaßt, sauste plötzlich vor ihnen
herab, wie ein vom Himmel fallender Wall.
So war die Berechnung des Suffeten geglückt. Keiner von den Söldnern
kannte das Gebirge, und die Vorhut der Marschkolonne hatte die übrigen
nach sich gezogen. Die Felsblöcke, die nach unten schmaler waren,
hatte man mit Leichtigkeit umgestürzt, und während alles vorwärts
eilte, hatte das punische Hauptheer in der Ferne ein Geschrei erhoben,
als sei es in Not. Allerdings hatte Hamilkar sein leichtes Fußvolk
aufs Spiel gesetzt, doch verlor er nur die Hälfte davon. Für den
Erfolg einer solchen Unternehmung hätte er auch zwanzigmal mehr
geopfert.
Bis zum Morgen drängten sich die Barbaren in geschlossener Ordnung von
einem Ende des Talkessels zum andern. Sie betasteten die Hänge mit
ihren Händen und suchten einen Ausgang.
Endlich ward es Tag. Da sah man ringsum die hohen weißen, senkrecht
aufsteigenden Felswände. Und kein Rettungsmittel, keine Hoffnung! Die
beiden natürlichen Ausgänge der Sackgasse waren durch das
Drahthindernis und die Felshaufen gesperrt.
Sprachlos blickte man einander an. Keiner hatte noch Mut. Allen lief
es eiskalt über den Rücken. Die Lider wurden ihnen schwer wie Blei.
Und doch rafften sie sich wieder auf und rannten gegen die Felsen an.
Aber die unteren standen durch das Gewicht der darüberliegenden
unerschütterlich fest. Man versuchte daran hochzuklettern, um den
Höhenzug zu erreichen, aber die bauchige Gestalt der Steinsäulen bot
nirgends Stützpunkte. Man wollte den Fels zu beiden Seiten der
Schlucht sprengen, aber die Werkzeuge zerbrachen. Aus den Zeltstangen
zündete man ein großes Feuer an, aber verbrennen konnte man das
Felsgebirge nicht.
Man wandte sich wiederum gegen das Drahthindernis. Es starrte von
langen pfahldicken Nägeln, spitzer als die Stacheln eines Igels und
dichter als die Borsten einer Bürste. Die Söldner wurden von einer
solchen Wut ergriffen, daß sie dagegen anstürmten. Aber die Vordersten
wurden bis ins Rückgrat durchstochen, die nächsten prallten zurück,
und schließlich stand man allgemein davon ab, Fleischfetzen und
blutige Haarbüschel an den entsetzlichen Stacheln zurücklassend.
Als sich die Aufregung etwas gelegt hatte, stellte man fest, wieviel
Lebensmittel noch vorhanden waren. Die Söldner, deren Gepäck verloren
gegangen war, besaßen kaum noch für zwei Tage Vorrat und die übrigen
Truppen überhaupt keinen, da sie auf eine von den Dörfern des Südens
versprochene Zufuhr gerechnet hatten.
Noch streiften aber die Stiere umher, die von den Karthagern in die
Schlucht getrieben worden waren, um die Barbaren anzulocken. Man
tötete sie mit Lanzenstichen und verzehrte sie, und als die Magen
gefüllt waren, heiterten sich die Gedanken ein wenig auf.
Am folgenden Tage schlachtete man alle Maultiere, etwa vierzig Stück.
Dann zog man die Häute ab, kochte die Eingeweide und zerstieß die
Knochen zu Mehl. Noch verzweifelte man nicht. Das Heer in Tunis mußte
ohne Zweifel Kunde erhalten und zum Ersatz anrücken!
Am Abend des fünften Tages war der Hunger wieder groß. Man nagte schon
an den Lederkoppeln und den kleinen Schwämmen, die im Innern der Helme
angebracht waren.
So waren vierzigtausend Menschen in einer Art von Rennbahn
zusammengepfercht, rings von hohen Bergwänden umschlossen. Einige
blieben vor dem Drahthindernis, andre an den Felsblöcken am Eingang.
Die übrigen lagerten ordnungslos im ganzen Talkessel. Die Starken
gingen einander aus dem Wege, und die Furchtsamen suchten die Mutigen
auf, die ihnen doch auch nicht helfen konnten.
Man hatte die Leichen der punischen Leichtbewaffneten wegen ihrer
Ausdünstung sofort verscharrt. Die Grabstellen waren nicht mehr zu
erkennen.
Die Barbaren lagerten alle entkräftet am Boden. Nur hier und da
schritt ein Veteran durch die Reihen. Man heulte Verwünschungen gegen
die Karthager, gegen Hamilkar und sogar gegen Matho, obwohl er an
diesem Mißgeschick unschuldig war. Viele bildeten sich jedoch ein, daß
die Leiden geringer sein mußten, wenn er bei ihnen wäre. Nun seufzten
sie. Manche weinten leise wie kleine Kinder.
Man ging zu den Hauptleuten und bat sie um Linderungsmittel. Die aber
antworteten nicht oder griffen wutentbrannt nach Steinen und warfen
sie den Leuten ins Gesicht.
Manche bewahrten in Erdlöchern sorgfältig einen kleinen Eßvorrat, ein
paar Hände voll Datteln und etwas Mehl. Davon aßen sie des Nachts,
wobei sie den Kopf unter ihrem Mantel verbargen. Wer ein Schwert
besaß, hielt es gezückt in der Hand. Noch Mißtrauischere blieben an
die Felswand gelehnt stehen.
Man beschuldigte die Obersten und bedrohte sie. Autarit ließ sich
trotzdem ohne Furcht blicken. Mit der Hartnäckigkeit des Barbaren, der
vor nichts zurückschreckt, ging er jeden Tag zwanzigmal bis zu den
Felsblöcken, immer in der Hoffnung, sie vielleicht verschoben zu
finden. Die wiegende Bewegung seiner breiten pelzbedeckten Schultern
erinnerte seine Gefährten an den Gang eines Bären, der im Frühjahr aus
seiner Höhle hervorkommt, um zu sehen, ob der Schnee geschmolzen ist.
Spendius dagegen verbarg sich mit anderen Griechen in einer der
Felsspalten. Er hatte Furcht und ließ das Gerücht verbreiten, er sei
gestorben.
Die Söldner waren jetzt alle von erschreckender Magerkeit. Ihre Haut
bedeckte sich mit bläulichen Flecken. Am Abend des neunten Tages
starben drei Iberer. Ihre entsetzten Gefährten verließen die Stelle.
Man entkleidete sie, und die nackten weißen Leiber blieben in der
Sonne auf dem Sande liegen.
Da begannen die Garamanten langsam um sie herumzuschleichen. Es waren
das Leute, an das Leben in der Wüste gewöhnt, die keinen Gott
fürchteten. Schließlich gab der Älteste der Schar ein Zeichen. Die
andern beugten sich über die Leichen und schnitten mit ihren Messern
Streifen Fleisch heraus. Auf den Fersen hockend, verzehrten sie es.
Die übrigen Barbaren sahen von weitem zu. Man stieß Schreie des
Abscheus aus, und doch beneideten viele sie insgeheim um ihren Mut.
Einige von ihnen kamen dann mitten in der Nacht näher und baten, ihre
Begierde verhehlend, um einen kleinen Bissen, nur um davon zu kosten,
wie sie sagten. Kühnere traten hinzu. Ihre Zahl wuchs. Bald war es ein
ganzer Haufen. Die meisten ließen jedoch die Hand wieder sinken, als
sie das kalte Fleisch an ihren Lippen fühlten. Manche freilich
verschlangen es mit Wonne.
Um durchs Beispiel verführt zu werden, munterte man sich gegenseitig
auf. Mancher, der das Leichenfleisch anfangs zurückgewiesen hatte,
ging zu den Garamanten und kam nicht wieder. Man briet die Stücke an
den Schwertspitzen über Kohlenfeuer, salzte sie mit Sand und stritt
sich um die besten Bissen. Als von den drei Toten nichts mehr übrig
war, schweiften die Augen der Esser über die ganze Ebene, um andre zu
erspähen.
Hatte man im letzten Treffen nicht zwanzig Karthager gefangen
genommen, die bisher niemand beachtet hatte? Sie verschwanden. Das war
obendrein eine Rache! Und da man leben mußte, da sich der Geschmack an
solcher Nahrung entwickelt hatte, da man am Verhungern war, so
schlachtete man weiterhin die Wasserträger, die Troßknechte und die
Burschen der Söldner. Jeden Tag wurden ein paar abgestochen. Manche
aßen viel, kamen wieder zu Kräften und waren nicht mehr traurig.
Bald aber versiegte diese Hilfsquelle. Nun wandte sich die Gier auf
die Verwundeten und Kranken. Da sie doch nicht wieder gesund würden,
sei es besser, sie von ihren Qualen zu erlösen. Sobald ein Mann matt
wurde, schrien alle, er sei verloren und müsse den andern als Speise
dienen. Um den Tod solcher Unglücklichen zu beschleunigen, wandte man
Hinterlist an. Man stahl ihnen den letzten Rest ihrer Nahrung oder
trat wie aus Versehen auf sie. Damit man sie für frisch und kräftig
halte, versuchten die Sterbenden, die Arme auszustrecken, aufzustehn,
zu lachen. Ohnmächtige erwachten bei der Berührung schartiger Klingen,
die ihnen ein Glied vom Leibe sägten. Manche mordeten auch ohne
Bedürfnis, aus Blutgier, um die Wut zu stillen.
Ein schwerer schwüler Nebel, wie er in diesen Landstrichen gegen das
Ende des Winters eintritt, senkte sich am vierzehnten Tage auf das
Heer herab. Dieser Witterungswechsel führte zahlreiche Todesfälle
herbei, und in der feuchten Hitze, die sich zwischen den Felswänden
verfing, vollzog sich die Verwesung mit entsetzlicher Schnelligkeit.
Der Sprühregen, der auf die Leichen niederfiel, weichte sie auf und
verwandelte den ganzen Talkessel alsbald in eine riesige Aasgrube.
Weiße Dünste wogten über ihr, reizten die Nase, durchdrangen die Haut
und trübten die Augen. Die Barbaren glaubten den ausgehauchten Odem,
die Seelen ihrer toten Kameraden zu spüren. Ungeheurer Ekel ergriff
sie. Sie vermochten keine Leiche mehr anzurühren. Lieber wollten sie
selber sterben.
Zwei Tage später wurde das Wetter wieder klar, und der Hunger stellte
sich von neuem ein. Bisweilen war es den Leidenden, als risse man
ihnen den Magen mit Zangen aus dem Leibe. Sie wälzten sich in
Krämpfen, steckten sich Hände voll Erde in den Mund, bissen sich in
die Arme und brachen in irres Gelächter aus.
Quälender noch war der Durst. Man hatte keinen Tropfen Wasser mehr.
Die Schläuche waren seit dem neunten Tage völlig leer. Um den Gaumen
zu täuschen, legte man sich die Metallschuppen der Koppeln, die
Elfenbeinknäufe und die Klingen der Schwerter auf die Zungen.
Ehemalige Karawanenführer schnürten sich den Leib mit Stricken
zusammen. Andre saugten an Kieselsteinen. Man trank Urin, den man
vorher in den ehernen Helmen erkalten ließ. Und immer noch wartete man
auf das Heer von Tunis! Daß es so lange dauerte, bis es eintraf, das
war--so bildete man sich ein--eine Gewähr für sein baldiges
Erscheinen. Überdies sei Matho ein wackerer Mann, der niemanden im
Stiche ließ! »Morgen wird er kommen!« tröstete man sich. Doch das
»morgen« verging.
Zu Anfang hatten die Söldner Gebete gesprochen, Gelübde getan, alle
möglichen Verschwörungen angewandt. Jetzt aber empfanden sie gegen
ihre Götter nur noch Haß, und aus Rache gab man sich Mühe, nicht mehr
an sie zu glauben.
Naturen von heftiger Gemütsart kamen zuerst um. Die Afrikaner
widerstanden besser als die Gallier. Zarzas lag zwischen seinen
Baleariern der Länge nach ausgestreckt, sein Haupthaar über den Arm
geworfen. Er rührte sich nicht. Spendius hatte eine Pflanze mit
breiten saftreichen Blättern entdeckt und nährte sich von ihr, nachdem
er sie für giftig erklärt hatte, um andere davon abzuschrecken.
Man war zu schwach, um durch Steinwürfe die umherfliegenden Raben zu
töten. Zuweilen, wenn ein Lämmergeier auf eine der Leichen geflogen
war und schon seit einer Weile daran herumhackte, kroch irgendeiner,
mit einem Wurfspieß zwischen den Zähnen, an ihn heran, stützte sich
auf eine Hand und, nachdem er lange gezielt hatte, schoß er seine
Waffe ab. Der weißgefiederte Vogel hielt inne, durch das Geräusch
gestört, und blickte ruhig umher wie ein Seerabe auf einer Klippe.
Dann hackte er mit seinem scheußlichen gelben Schnabel wieder in die
Leiche, und der Schütze sank verzweifelt in den Sand. Manchen gelang
es, Chamäleons und Schlangen ausfindig zu machen. Was aber eigentlich
am Leben erhielt, das war die Liebe zum Leben. Alles Sinnen und
Trachten war ausschließlich auf diesen einen Gedanken gerichtet. Man
klammerte sich an das Dasein mit einer Willenskraft, die es
verlängerte.
Die Gleichmütigsten hockten hier und dort in dem weiten Tal im Kreise
beisammen und überließen sich, in ihre Mäntel gehüllt, schweigsam
ihrer Trübsal.
Die in Städten Geborenen vergegenwärtigten sich geräuschvolle Straßen,
Schenken und Schauspiele, Bäder und Barbierstuben, wo man Geschichten
erzählen hört. Andre sahen in der Abendsonne Landschaften: gelbe Ähren
wogten, und große Ochsen trotteten an der Pflugschar langsam die Höhe
hinauf. Wüstenwanderer dachten an Oasen, Jäger an ihre Wälder,
Veteranen an bestimmte Schlachten, und in der Schlaftrunkenheit, die
alle betäubte, gewannen diese Phantastereien die Farben und die
Plastik von Träumen. Sinnestäuschungen traten auf. Manche suchten an
der Bergwand nach einer Tür, um zu entfliehen, und wollten durch den
Fels hindurch. Andre wähnten sich während eines Sturmes zu Schiff und
erteilten Befehle an die Matrosen. Andre wieder wichen entsetzt
zurück, da sie in den Wolken punische Heerscharen erblickten. Noch
andre glaubten bei einem Feste zu sein. Sie sangen.
Viele wiederholten infolge einer seltsamen Geistesstörung immer
dasselbe Wort oder dieselbe Gebärde. Wenn sie dann den Kopf erhoben
und einander anschauten, erstickten sie beim gegenseitigen Anblick
ihrer furchtbar verstörten Gesichter in Tränen. Manche fühlten keine
Schmerzen mehr, und um die Zeit zu verbringen, erzählten sie von
Gefahren, denen sie entronnen wären.