Die Porphyrwanne enthielt noch etwas klares Wasser für Salambos

Waschungen. Trotz seines Widerwillens und all seines Hochmutes tauchte

der Suffet das Kind eigenhändig hinein und begann es wie ein

Sklavenhändler zu waschen und mit Bürsten und mit rotem Ocker zu

reiben. Dann entnahm er den Wandschränken zwei viereckige Stück

Purpur, legte ihm eins auf die Brust, das andre auf den Rücken und

befestigte sie über den Schlüsselbeinen mit zwei Diamantspangen. Er

goß dem Jungen noch Parfüm über den Kopf, legte ihm eine

Bernsteinkette um den Hals und zog ihm Sandalen mit perlengeschmückten

Absätzen an, die Sandalen seiner Tochter. Dabei stampfte er vor Scham

und Wut. Salambo, die ihm eifrig behilflich war, sah ebenso blaß aus

wie er. Das Kind lachte, entzückt über all die Herrlichkeiten. Es ward

dreister und begann in die Hände zu klatschen und zu springen. Da zog

Hamilkar es fort. Mit starker Hand hielt er es am Arme fest, als

fürchte er, es zu verlieren. Da dies dem Kinde weh tat, begann es zu

weinen, während es neben ihm herlief.

In der Nähe des Gefängnisses, unter einem Palmenbaum, stammelte eine

klägliche flehende Stimme:

»Herr! Ach, Herr!«

Hamilkar wandte sich um und erblickte neben sich einen widerlich

aussehenden Menschen, einen der Arbeitsunfähigen, die im Hause

hinvegetierten.

»Was willst du?« fragte der Suffet.

Der Sklave, wie Espenlaub zitternd, stotterte:

»Ich bin sein Vater!«

Hamilkar schritt weiter. Der Mensch folgte ihm mit gekrümmtem Rücken,

schlotternden Knien und vorgestrecktem Halse. Unsägliche Angst

verzerrte sein Gesicht. Unterdrücktes Schluchzen erstickte seine

Stimme. Es drängte ihn gleichzeitig, den Suffeten zu fragen und ihn um

Gnade anzuflehen.

Endlich wagte er, ihn mit einem Finger leicht am Ellbogen zu berühren.

»Willst du ihn ...«

Er hatte nicht die Kraft, zu vollenden, und Hamilkar blieb stehen,

ganz verwundert über diesen Schmerz.

Nie hatte er daran gedacht--so groß war der Abstand zwischen Herrn und

Sklaven!--, daß es zwischen ihnen etwas Gemeinsames geben könne. Das

erschien ihm geradezu als eine Beleidigung, eine Schmälerung seiner

Vorrechte. Er antwortete mit einem Blicke, der kälter und schwerer war

als das Beil eines Henkers. Der Sklave sank ohnmächtig in den Staub.

Hamilkar schritt über ihn hinweg.

Die drei schwarz gekleideten Männer erwarteten ihn stehend in der

großen Halle des Verwaltungshauses. Alsobald zerriß Hamilkar sein

Gewand und sank mit einem schrillen Aufschrei auf die Steinfliesen.

»Ach, armer kleiner Hannibal! O mein Sohn! Mein Trost! Meine Hoffnung!

Mein Leben! Tötet mich mit! Nehmt auch mich! Wehe! Wehe!«

Er zerriß sich das Gesicht mit den Nägeln, raufte sich die Haare und

heulte wie die Klageweiber bei einem Begräbnisse.

»Führt ihn doch fort! Ich leide zu sehr! Geht! Fort! Tötet mich wie

ihn!«

Die Schergen Molochs waren betroffen, den großen Hamilkar so schwach

zu sehen. Sie wurden fast gerührt.

Da hörte man den Tritt nackter Füße und ein stoßweises Röcheln, das

dem Schnaufen eines heranjagenden wilden Tieres glich. Auf der

Schwelle der Haupttüre erschien der bleiche, verstörte Mensch,

streckte die Arme aus und schrie:

»Mein Kind!«

Hamilkar warf sich mit einem Satz auf den Sklaven, verschloß ihm den

Mund mit seinen Händen und überschrie ihn:

»Das ist der alte Mann, der meinen Sohn erzogen hat! Er nennt ihn sein

Kind! Er wird wohl nun seinen Verstand ganz verlieren! Machen wir ein

Ende!«

Damit drängte er die drei Priester und ihr Opfer an den Schultern zum

Ausgang, trat mit ihnen hinaus und warf die Tür hinter sich mit einem

mächtigen Fußtritt zu.

Eine Weile noch lauschte er aufmerksam, denn er fürchtete, die drei

könnten zurückkommen. Dann dachte er daran, den Sklaven zu beseitigen,

um seines Schweigens sicher zu sein. Die Gefahr war noch nicht völlig

vorüber, aber ein Mord konnte durch den Zorn der Götter auf das Haupt

seines Sohnes zurückfallen. Da änderte er seinen Plan und sandte dem

Sklaven durch Taanach die besten Speisen aus der Küche: ein Stück

Bockfleisch, Bohnen und eingemachte Granatäpfel. Der Unglückliche, der

lange nichts gegessen hatte, stürzte sich darauf. Seine Tränen fielen

in die Schüsseln.

Endlich kehrte Hamilkar zu Salambo zurück und löste Hannibals Fesseln.

Der aufgeregte Knabe biß ihm die Hand blutig. Der Suffet wehrte ihn

mit einer Liebkosung ab.

Damit er sich ruhig verhalte, wollte ihn Salambo einschüchtern, indem

sie ihm von Lamia, einer Menschenfresserin aus Kyrene, erzählte.

»Wo ist sie denn?« fragte der Knabe.

Nun erzählte man ihm, es seien Räuber dagewesen, um ihn einzukerkern.

Er erwiderte:

»Mögen sie kommen! Ich töte sie!«

Da sagte ihm Hamilkar die furchtbare Wahrheit. Hannibal aber ward

gegen seinen eigenen Vater zornig und behauptete, als Karthagos Herr

könne er doch das ganze Volk ausrotten.

Schließlich fiel der Kleine, von Anstrengung und Aufregung erschöpft,

in einen unruhigen Schlaf. Er redete im Traume. Mit dem Rücken auf

einem Scharlachkissen, den Kopf etwas hintenüber, machte sein

ausgestrecktes Ärmchen eine gebieterische Gebärde.

Als es finstere Nacht geworden, hob ihn Hamilkar behutsam auf und

stieg ohne Fackel die Galeerentreppe hinab. Er ging durch das

Verwaltungshaus und nahm einen Korb Weintrauben und einen Krug klaren

Wassers mit. Vor dem Standbild des Aletes erwachte das Kind im

Edelsteingewölbe und lächelte--ganz wie das Kind des Sklaven--auf dem

Arm seines Vaters beim Glanze der Pracht ringsumher.

Jetzt war Hamilkar sicher, daß man ihm seinen Sohn nicht raubte. Der

Ort war unzugänglich und stand durch einen unterirdischen Gang, den er

allein kannte, mit der Küste in Verbindung. Er blickte sich um und

holte tief Atem. Dann setzte er den Knaben auf einen Schemel neben den

goldenen Schilden.

Niemand sah ihn hier. Er brauchte nicht mehr besorgt zu sein. Das

erleichterte ihm das Herz. Wie eine Mutter, die ihren verlorenen

Erstgeborenen wiederfindet, warf er sich auf seinen Sohn, drückte ihn

an seine Brust, lachte und weinte zugleich, gab ihm die zärtlichsten

Namen und bedeckte ihn mit Küssen. Der kleine Hannibal, von dieser

wilden Zärtlichkeit erschreckt, blieb ganz still.

Mit Diebesschritten kehrte Hamilkar zurück, indem er sich an den

Mauern entlang tastete. So gelangte er in die große Halle, in die das

Mondlicht durch einen Spalt in der Kuppel hereinfiel. In der Mitte lag

der gesättigte Sklave lang ausgestreckt auf den Marmorfliesen und

schlief. Der Suffet betrachtete ihn, und eine Art Mitleid ergriff ihn.

Mit der Spitze seines Panzerstiefels schob er ihm einen Teppich unter

den Kopf. Dann erhob er die Augen und schaute empor zu Tanit, deren

schmale Sichel am Himmel glänzte. Er fühlte sich stärker als alle

Götter und voller Verachtung gegen sie.

* * * * *

Die Zurüstungen zum Opfer hatten indessen begonnen. Man entfernte ein

Stück aus der Hintermauer des Molochtempels und zog das eherne

Götterbild hindurch bis ins Freie, ohne die Asche auf dem Altare zu

berühren. Sobald die Sonne aufging, schoben die Tempeldiener es weiter

nach dem Khamonplatze.

Das Götterbild bewegte sich rückwärts auf rollenden Walzen. Seine

Schultern ragten über die Mauern hinweg. Die Karthager entflohen

eiligst, sobald sie es nur von ferne erblickten. Denn nur dann durfte

man den Gott ungestraft anschauen, wenn er seinem Zorn Genüge tat.

Weihrauchduft wehte durch die Straßen. Alle Tempel hatten sich

gleichzeitig geöffnet, und heraus kamen Tabernakel auf Wagen und auf

Sänften, von Priestern getragen. Hohe Federbüsche nickten an ihren

Ecken, und Strahlen blitzten aus den Ecken ihrer Firsten, die von

Kugeln aus Kristall, Gold, Silber oder Kupfer gekrönt waren.

Das waren die punischen Götter, Nebensonnen des höchsten Gottes, die

zu ihrem Herrn und Meister wallten, um sich vor seiner Macht zu

demütigen und vor seinem Glanze zu vergehen.

Auf der aus feinem Purpurstoff gefertigten Sänfte Melkarths brannte

eine Erdölflamme. Auf dem hyazinthenblauen Tabernakel Khamons ragte

ein Phallus aus Elfenbein, rundum mit Edelsteinen besetzt. Unter den

himmelblauen Vorhängen Eschmuns schlief eine zusammengerollte

Pythonschlange, und die Kabiren, die von ihren Priestern im Arme

getragen wurden, glichen großen Wickelkindern, die mit den Füßen die

Erde streiften.

Dann kamen alle niedrigen Formen der Gottheit: Baal Samin, der Gott

der Himmelsräume, Baal Peor, der Gott der heiligen Berge, Beelzebub,

der Gott der Verderbnis, ferner die Götter der Nachbarländer und

stammesverwandten Völker: der Jarbal Libyens, der Adrammelech

Chaldäas, der Kijun der Syrer. Derketo mit ihrem Jungfrauenantlitz

kroch auf ihren Flossen, und die Mumie des Tammuz ward zwischen

Fackeln und Haarkränzen auf einem Katafalk vorbeigefahren. Um die

Herrscher des Firmaments dem Sonnengotte untertan zu machen und zu

verhindern, daß ihr besonderer Einfluß den seinen störe, schwenkte man

an langen Stangen verschiedenfarbige Metallsterne. Alle waren

vertreten, vom schwarzen Nebo, dem Geiste Merkurs, bis zu dem

scheußlichen Rahab, der Verkörperung des Sternbilds des Krokodils. Die

Abaddirs, Steine, die aus dem Monde gefallen sind, kreisten an

Schleudern aus Silberdraht. Die Zerespriester trugen auf Körben kleine

Brote von der Gestalt weiblicher Genitalien. Andre trugen ihre

Fetische, ihre Amulette. Vergessene Götterbilder tauchten auf. Sogar

von den Schiffen hatte man die mystischen Symbole genommen, als wolle

sich ganz Karthago versammeln in dem einen Gedanken des Todes und der

Verzweiflung.

Vor jedem Tabernakel trug ein Mann auf dem Kopfe ein großes Gefäß, in

dem Weihrauch brannte. Dampfwolken schwebten über dem Zuge, über den

Teppichen, den Behängen und Stickereien der heiligen Gezelte. Bei

ihrer beträchtlichen Schwere kamen sie nur langsam vorwärts. Bisweilen

blieb einer der Wagen wegen irgendeines Hemmnisses stehen. Dann

benutzten die Gläubigen die Gelegenheit, die Götterbilder mit ihren

Gewändern zu berühren, die dann selber wie Heiligtümer in Ehren

gehalten wurden.

Der eherne Koloß rückte dem Khamonplatz immer näher. Die Patrizier,

die Zepter mit Smaragdknäufen trugen, brachen jetzt von Megara auf.

Die Alten, mit Diademen geschmückt, hatten sich in Kinisdo versammelt,

und die Staatswürdenträger, die Statthalter der Provinzen, die

Handelsleute, die Soldaten, die Seeleute und der ganze Schwarm, der

bei Begräbnissen verwendet ward, alle mit den Abzeichen ihrer Würden

oder den Werkzeugen ihres Handwerkes versehen, strömten den

Tabernakeln zu, die inmitten der Priesterschaften von der Akropolis

herabwallten.

Aus Verehrung für Moloch hatten die Priester ihre glänzendsten

Edelsteine angelegt. Diamanten funkelten auf den schwarzen Kutten. Zu

weite Ringe glitten an abgemagerten Händen hin und her. Ein

trübseliger Anblick: diese schweigende Schar, deren Ohrgehänge gegen

die bleichen Gesichter schlugen und deren goldene Tiaren fanatische

starre Stirnen krönten.

Endlich gelangte der Baal genau in die Mitte des Platzes. Seine

Priester errichteten aus Gittern eine Umzäunung, um die Menge

zurückzuhalten, und stellten sich zu seinen Füßen um ihn herum auf.

Die Priester Khamons in gelbroten Wollgewändern ordneten sich unter

den Säulen der Vorhalle ihres Tempels zu Reihen. Die Priester Eschmuns

in leinenen Mänteln mit Halsketten, an denen Amulette hingen, und

spitzen Mützen, nahmen auf der Treppe der Akropolis Aufstellung. Die

Priester Melkarths in violetten Tuniken nahmen die Westseite des

Platzes ein. Die Priester der Abaddirs, mit Binden aus phrygischem

Stoffe umwickelt, stellten sich im Osten auf, und die Südseite wies

man den Nekromanten an, die über und über mit Tätowierungen bedeckt

waren, ferner den Heulern, die in geflickte Mäntel gehüllt waren, den

Dienern der Kabiren und den Yidonim, die zur Erforschung der Zukunft

einen Totenknochen in den Mund nahmen. Die Cerespriester in ihren

blauen Gewändern hatten klüglich in der Sathebstraße Halt gemacht und

sangen mit leiser Stimme ein Thesmophorion in megarischem Dialekt ab.

Von Zeit zu Zeit zogen Reihen völlig nackter Männer heran, die sich

mit ausgestreckten Armen bei den Schultern hielten. Sie stießen

heisere, hohlklingende Brusttöne aus. Ihre Augen, auf den Koloß

gerichtet, funkelten, staubbedeckt. Alle wiegten sie ihre Körper im

Gleichtakt, wie von ein und derselben Kraft getrieben. Sie waren so in

Raserei, daß die Tempeldiener, um die Ordnung aufrecht zu erhalten,

sie schließlich durch Stockschläge nötigten, sich flach auf den Bauch

zu legen und sich damit zu begnügen, das Gesicht gegen die ehernen

Gitter zu pressen.

Jetzt näherte sich vom Hintergrund des Platzes ein Mann in weißem

Gewande. Er bahnte sich langsam einen Weg durch die Menge, und man

erkannte einen Tanitpriester: Schahabarim. Hohngeschrei erhob sich,

denn die Vergötterung der Männlichkeit herrschte an diesem Tage in

aller Herzen vor. Ja, die Göttin war derart vergessen, daß man das

Fehlen ihrer Priesterschaft gar nicht bemerkt hatte. Doch das Staunen

verdoppelte sich, als man den Oberpriester eine der Türen der Gitter

öffnen sah, die nur für solche bestimmt waren, die dem Gotte Opfer

bringen wollten. Das war--so meinten die Molochpriester--ein Schimpf,

den er ihrem Gotte antat. Sie versuchten ihn unter heftigen Gesten

zurückzutreiben. Sie, die sich vom Fleische der Opfertiere nährten,

die wie Könige in Purpur gehüllt waren und dreifache Kronen trugen,

spien nach diesem bleichen, durch Kasteiungen abgezehrten Eunuchen,

und zorniges Gelächter erschütterte ihre schwarzen Bärte, die

sonnenförmig ihre Brust bedeckten.

Schahabarim schritt weiter, ohne darauf zu antworten. Er durchquerte

Schritt für Schritt den ganzen umfriedigten Raum, kam bis zu den Füßen

des Kolosses und berührte ihn mit ausgebreiteten Armen, als wolle er

ihn umarmen. Das war eine feierliche Form der Anbetung. Die Mondgöttin

quälte ihn schon allzu lange, und aus Verzweiflung, vielleicht auch

aus Mangel an einem Gotte, der seine Gedankenwelt völlig befriedigte,

ging er jetzt zu Moloch über.

Entsetzt über diese Abtrünnigkeit, stieß die Menge ein nicht

endenwollendes Murren aus. Man fühlte das letzte Band zerrissen, das

die Seelen an eine milde Gottheit fesselte.

Als Kastrat konnte Schahabarim nicht am Dienste des Gottes teilnehmen.

Die Männer in den Purpurmänteln vertrieben ihn aus der Umzäunung.

Wieder draußen, ging er um alle Priesterschaften nacheinander herum.

Dann verschwand er in der Menge, der Gottesdiener, der keinen Gott

mehr hatte. Man wich zurück, wo er nahte.

Inzwischen war ein Feuer aus Aloe-, Zedern- und Lorbeerholz zwischen

den Beinen des Kolosses angezündet worden. Die Spitzen seiner langen

Flügel tauchten in die Flammen. Die Salben, mit denen er bestrichen

war, rannen wie Schweiß über seine ehernen Glieder. Um das runde

Postament, auf dem seine Füße ruhten, standen die Kinder, in schwarze

Schleier gehüllt, unbeweglich im Kreise. Seine übermäßig langen Arme

reichten mit den Händen bis zu ihnen hinab, als wollten sie diesen

lebendigen Kranz ergreifen und ihn in den Himmel emporheben.

Die Patrizier, die Alten, die Frauen und die ganze Volksmenge drängten

sich hinter den Priestern, überallhin, bis auf die flachen Dächer der

Häuser. Die großen bunten Sterne kreisten nicht mehr, die Tabernakel

waren auf den Boden gestellt, und die Qualmsäulen der Weihrauchfässer

stiegen senkrecht empor, wie riesige Bäume, die ihre bläulichen Wipfel

im Äther entfalten.

Manche wurden ohnmächtig. Andre standen starr und versteinert in ihrer

Ekstase. Unendliche Bangigkeit lastete auf aller Brust. Die letzten

Rufe verhallten nach und nach. Das Volk von Karthago atmete schwer und

lechzte nach dem Entsetzlichen.

Endlich fuhr der Oberpriester Molochs mit der Linken unter die

Schleier der Kinder, riß einem eine Haarlocke von der Stirn und warf

sie in die Flammen. Dann stimmten die Männer in den roten Mänteln den

heiligen Hymnus an:

»Heil dir, Sonne, König beider Zonen, Schöpfer, der sich selbst

erzeugt, Vater und Mutter, Vater und Sohn, Gott und Göttin, Göttin und

Gott!«

Ihre Stimmen gingen unter im Schall der Instrumente, die alle auf

einmal einfielen, um das Geschrei der Opfer zu übertönen. Die

achtsaitigen Scheminits, die zehnsaitigen Kinnors und die

zwölfsaitigen Nebals knarrten, pfiffen und stöhnten. Riesige

Dudelsäcke gaben ihren scharfen rasselnden Ton von sich. Die aus

Leibeskräften geschlagenen Trommeln brummten in dumpfen, wilden

Wirbeln, und durch das wütende Trompetengeschmetter rauschten die

Salsalim wie schwirrende Heuschreckenflügel.

Bevor die eigentliche Feier begann, prüfte man vorsichtigerweise die

Arme des Gottes. Dünne Ketten liefen von seinen Fingern zu den

Schultern hinauf und über den Rücken wieder hinab, wo sie von Männern

gezogen wurden. Auf diese Weise stiegen seine beiden offenen Hände bis

zur Höhe der Ellbogen empor, näherten sich einander und legten sich

dann vor die Opfermündung seines Leibes. Man zog die Ketten mehrmals

hintereinander mit kleinen ruckweisen Bewegungen und ließ dann wieder

los. Dann schwieg die Musik. Das Feuer prasselte.

Die Molochpriester schritten auf dem Postament hin und her und

beobachteten die Menge.

Es bedurfte eines persönlichen, gänzlich freiwilligen Opfers, das

gewissermaßen die andern nach sich zog. Bisher aber zeigte sich

niemand, und die sieben Gänge, die von den Schranken hin zu dem

Kolosse führten, blieben leer. Da zogen die Priester, um das Volk zu

ermutigen, Geißeln aus ihren Gürteln und zerfetzten sich die

Gesichter. Nun ließ man auch die Geweihten, die draußen auf dem Boden

hingestreckt lagen, in die Umzäunung. Man warf ihnen ein Bündel

furchtbarer Marterwerkzeuge zu, und jeder wählte sich eins. Sie

stießen sich Nadeln in die Brust, schlitzten sich die Wangen auf und

setzten sich Dornenkronen aufs Haupt. Dann umschlangen sie einander

mit den Armen und umringten die Kinder in einem zweiten großen Kreise,

der sich bald zusammenzog, bald erweiterte. Sie liefen bis an das

Geländer zurück, stürzten wieder vor und fingen immer von neuem an,

indem sie die Menge durch den Zauber dieses blutigen, lärmvollen

Schauspiels anlockten.

Allmählich kamen Leute bis an das Ende der Gänge. Sie warfen Perlen,

goldene Schalen, Becher, Leuchter, all ihre Reichtümer in die Flammen.

Die Opfer wurden immer kostbarer und massenhafter. Schließlich wankte

ein Mann herein, ein bleicher, vor Entsetzen entstellter Mensch, und

stieß ein Kind vor sich her. Alsbald erblickte man zwischen den Händen

des Kolosses eine kleine schwarze Masse, die oben in der unheimlichen

Öffnung verschwand. Die Priester neigten sich über den Rand des

Postaments, und ein neuer Gesang erscholl, der die Freuden des Todes

und die Wiedergeburt in der Ewigkeit pries.

Die Kinder wurden nun eins nach dem andern hochgehoben, und da der

Rauch in großen Schwaden emporwirbelte, so sah es von weitem aus, als

verschwänden sie in einer Wolke. Keins rührte sich. Sie waren an

Händen und Füßen gefesselt, und ihre dunklen Schleier hinderten sie,

etwas zu sehen oder genau erkannt zu werden.

Hamilkar, wie die Molochpriester in einem roten Mantel, stand vor dem

Baal neben der großen Zehe des rechten Fußes des Kolosses. Als man das

vierzehnte Kind opferte, machte er, jedermann sichtbar, eine heftige

Gebärde des Abscheus. Doch sofort nahm er seine frühere Stellung

wieder ein, kreuzte die Arme und starrte zu Boden. Auf der andern

Seite der Bildsäule stand der Oberpriester ebenso unbeweglich wie er,

eine assyrische Mitra auf dem Haupte. Er senkte den Kopf und

betrachtete sein goldenes Brustschild mit den weissagenden Steinen, in

denen sich die Flammen in den Regenbogenfarben widerspiegelten. Bei

Hamilkars Gebärde erschrak und erblaßte er. Der Suffet sah nicht hin.

Beide standen dem glühenden Ofen so nahe, daß der wallende Saum ihrer

Mäntel ihn von Zeit zu Zeit streifte.

Die ehernen Arme bewegten sich schneller. Sie ruhten keinen Augenblick

mehr. Jedesmal, wenn man wieder ein Kind darauf legte, streckten die

Molochpriester die Hände darüber, um es mit den Sünden des Volkes zu

belasten, und schrien:

»Es sind keine Menschen, sondern Tiere!«

Und die Menge ringsum wiederholte: »Tiere! Tiere!«

Die Gläubigen riefen: »Herr, iß!« Und die Priester der Proserpina, die

sich aus Angst mit den Bräuchen Karthagos abfanden, murmelten die

eleusinische Formel: »Gieß Regen aus! Sei fruchtbar!«

Kaum am Rande der Öffnung, verschwanden die Opfer wie Wassertropfen

auf einer glühenden Platte. Und eine weiße Rauchwolke stieg jedesmal

aus der scharlachroten Glut empor.

Die Gier des Gottes war unersättlich. Er verlangte immer mehr. Um ihn

zu befriedigen, schichtete man mehrere Kinder auf einmal in seinen

Händen auf und schlang eine Kette darüber, um sie festzuhalten.

Anfangs wollten einige Gläubige die Opfer zählen, um zu sehen, ob ihre

Zahl den Tagen des Sonnenjahres entspräche. Doch man legte eins auf

das andre, und es war bei der raschen Bewegung der furchtbaren Arme

unmöglich, die einzelnen zu unterscheiden. Das währte lange, endlos,

bis zum Abend. Dann ward die Glut im Innern dunkler, und man erkannte

brennendes Fleisch. Manche glaubten sogar Haare, Glieder und ganze

Körper wahrzunehmen.

Der Tag ging zur Rüste. Rauchwolken schwebten über dem Baal. Der

Opferherd glühte nur noch. Eine Aschenpyramide war herabgerieselt, die

dem Gotte bis zu den Knien reichte. Über und über rot, wie ein

blutüberströmter Riese, schien er mit seinem zurückgeworfenen Haupte

unter der Last seiner Sattheit zu wanken.

Je emsiger die Priester wurden, um so mehr nahm der Wahnsinn des

Volkes zu. Als nicht mehr allzuviel Opfer übrig waren, schrien die

einen, man solle diese schonen, aber die andern riefen, man müsse

ihrer noch mehr holen. Es war, als ob die mit Menschen beladenen

Mauern unter dem Gebrüll des Entsetzens und der mystischen Wollust

zusammenbrächen. Gläubige drängten sich in die Gänge und schleppten

ihre Kinder herbei, die sich an sie anklammerten. Sie schlugen sie, um

sie von sich loszumachen und den roten Männern zu überliefern. Die

Spielleute hielten bisweilen erschöpft inne. Dann hörte man das

Schreien der Mütter und das Prasseln des Fetts, das auf die Kohlen

herabtropfte. Die Bilsenkrauttrinker krochen auf allen vieren um den

Koloß herum und brüllten wie Tiger. Die Yidonim weissagten. Die

Geweihten sangen mit zerrissenen Lippen. Man hatte die Schranken

durchbrochen. Alle begehrten ihr Teil an dem Opfer. Väter, deren

Kinder vordem gestorben waren, warfen wenigstens deren Bilder,

Spielzeug und aufbewahrtes Gebein ins Feuer. Manche stürzten sich mit

Messern auf die andern. Man brachte sich gegenseitig um. Die

Tempeldiener scharrten die herabgefallene Asche in Schwingen aus Erz

und streuten sie in die Luft, um die Opferwirkung über die ganze Stadt

und bis in den Sternenraum zu senden.

Der laute Lärm und der helle Feuerschein hatte die Barbaren an den Fuß

der Mauern gelockt. Um besser zu sehen, kletterten sie an den Trümmern

der Helepolis hoch und schauten starr vor Entsetzen zu.

XIV

In der Säge

Die Karthager waren noch nicht in ihre Häuser zurückgekehrt, als sich

die Wolken bereits dichter ballten. Die vor dem Koloß Gebliebenen

fühlten große Tropfen auf der Stirn. Der Regen begann.

Er fiel die ganze Nacht hindurch, reichlich, in Strömen. Donner

rollten. Das war Molochs Stimme. Er hatte Tanit besiegt, und die

befruchtete Göttin öffnete nun droben ihren Riesenschoß. Bisweilen

erblickte man sie durch zerrissene Wolken auf Nebelkissen ruhend, bald

aber schlossen sich die düsteren Dunstgebilde wieder, als sei Tanit

noch müde und wolle weiterschlafen. Die Karthager, nach deren Glauben

das Wasser vom Monde geboren wird, schrien. Das sollte ihr die Wehen

erleichtern.

Der Regen schlug auf die Terrassen und überschwemmte sie, bildete

Teiche auf den Höfen, Wasserfälle auf den Treppen und Strudel an den

Straßenecken. Er ergoß sich hier in schweren trüben Massen, dort in

hurtigen Strahlen. Von allen Hausgiebeln plätscherten breite

schäumende Fluten herunter, und an den Mauern hing der Regen wie loses

graues Tuch. Die abgespülten Tempeldächer blinkten im Schein der

Blitze. In tausend Rinnen stürzten Kaskaden von der Akropolis herab.

Häuser brachen zusammen, und Dachbalken, Stuck und Gerät schwammen in

den Bächen, die jäh über das Pflaster hinschossen.

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago · 第 22 / 27 段