Stieren oder Sprungsehnen von Hirschen. Nun aber gab es in Karthago
weder Hirsche noch Stiere mehr. Hamilkar forderte daher von den Alten
das Haupthaar ihrer Frauen. Alle opferten es. Doch das genügte noch
nicht. In den Gebäuden der Syssitien befanden sich zwölfhundert
mannbare Sklavinnen, die für die Prostitution in Griechenland und in
Italien bestimmt waren und deren Haar, sehr geschmeidig durch den
Gebrauch von Salben, vorzüglich geeignet gewesen wäre. Doch der
Verlust hätte sich später zu fühlbar gemacht. Daher ward beschlossen,
unter den Frauen der Plebejer das schönste Haar auszuwählen. Aber
gleichgültig gegen die Bedürfnisse des Vaterlandes schreien sie
verzweifelt, als die Schergen der Hundertmänner mit Scheren kamen und
Hand an sie legten.
Vermehrte Wut beseelte die Barbaren. Man sah von weitem, wie sie
Leichenfett ausschmolzen, um ihre Maschinen damit zu ölen. Andre
rissen den Toten die Nägel von den Händen und Füßen und nähten sie
Stück für Stück aneinander, um Panzer herzustellen. Man kam auf den
Einfall, Gefäße voll Schlangen, die von Negern herbeigebracht wurden,
in die Ballisten zu laden. Die so in die Stadt geschleuderten Tontöpfe
zerbrachen auf dem Pflaster, die Schlangen schlüpften heraus und waren
schließlich in solchen Mengen anzutreffen, daß es aussah, als kämen
sie aus den Mauern. Fortwährend verbesserten die Barbaren ihre
Erfindungen, da sie ihnen noch immer nicht genügten. Sie schleuderten
Unrat aller Art, Menschenkot, Stücke von Aas und Leichen. Die Pest
brach in der Stadt aus. Den Karthagern fielen die Zähne aus dem Munde,
und ihr Zahnfleisch ward blaß, wie das der Kamele nach einer allzu
weiten Reise.
Die Maschinen wurden auf dem Erdwall aufgestellt, obwohl er noch nicht
überall die Höhe der Stadtmauer erreicht hatte. Vor den dreiundzwanzig
Steintürmen erhoben sich dreiundzwanzig hölzerne. Alle Tollenonen
waren instand gesetzt, und etwas hinter ihrer Linie ragte die
furchtbare »Helepolis«, eine Erfindung von Demetrius Poliorketes, eine
fahrbare Riesenbatterie, die Spendius mühselig nachkonstruiert hatte.
Sie hatte die Gestalt einer oben abgestumpften Pyramide, ähnlich wie
der Leuchtturm von Alexandria. Die Seitenlänge ihrer quadratischen
Basis betrug fünfundzwanzig Meter, ihre Höhe fünfzig Meter. Sie
bestand aus neun Stockwerken, eins immer kleiner, im Durchmesser wie
in der Höhe, als das andre. Die Front und die beiden Seiten waren mit
Eisenblech ausgeschlagen und mit zahlreichen Schießscharten versehen.
Diese Scharten waren durch bewegliche Lederpolster gedeckt. Der ganze
Turm war voller Soldaten und durch sechsundzwanzig Geschütze, darunter
zehn schwere, armiert.
Jetzt ließ Hamilkar Kreuze aufrichten, an die jeder kommen sollte, der
von Übergabe rede. Sogar Frauen wurden als Soldaten eingestellt. Man
schlief auf den Straßen und wartete voller Bangigkeit.
Eines Morgens kurz vor Sonnenaufgang--es war am siebenten Tage des
Monats Nyssan--vernahm man in der Stadt ein ungeheures Geschrei, das
alle Barbaren draußen zugleich ausstießen. Die bleiernen Fanfaren
schmetterten dumpf, und die großen paphlagonischen Hörner brüllten wie
Stiere. Alles sprang auf und eilte nach dem Walle.
Ein Wald von Lanzen, Spießen und Schwertern wälzte sich heran und
brandete an die Mauern. Sturmleitern wurden angelegt, und in den
Scharten der Brustwehren tauchten Barbarenköpfe auf.
Balken, von langen Menschenreihen getragen, rannten gegen die Tore. An
den Stellen, wo kein Erdwall gegenüberstand, rückten die Söldner in
geschlossenen Kompagnien zur Zerstörung der Mauer heran. Das erste
Glied warf sich nieder, das zweite beugte ein Knie, und die übrigen
duckten sich stufenweise immer weniger, so daß die letzten ganz
aufrecht standen, während an andern Stellen, wo man dadurch eine Art
Treppe schaffen wollte, die Aufrechtstehenden zuvorderst und die
Liegenden zuhinterst standen. Alle drückten mit der Linken den Schild
auf ihren Helm und hielten die Ränder so dicht zusammen, daß sie wie
ein Haufen großer Schildkröten aussahen. An diesen schrägen Dächern
glitten die Geschosse ohnmächtig ab.
Die Karthager schleuderten Mühlsteine, Mörserkeulen, Bottiche, Tonnen
und Bettstellen herab, alles, was Gewicht hatte und jemanden
erschlagen konnte. Manche lauerten mit Netzen an den Scharten, und
wenn ein Barbar erschien, ward er von den Maschen umstrickt und wie
ein zappelnder Fisch gefangen. Man warf sogar die Zinnen um. Die
Mauerstücke stürzten hinab und wirbelten große Staubwolken auf. Die
schweren Geschütze auf den Wällen beschossen sich gegenseitig. Ihre
Steine prallten in der Luft gegeneinander und zerschellten in tausend
Stücke, wodurch die Kämpfer von einem dichten Steinsplitterhagel
überschüttet wurden.
Bald bildeten die beiden feindlichen Massen nur noch einen einzigen
Strom von Menschenleibern, der den Raum zwischen den beiden Wällen
erfüllte und, an den Rändern etwas dünner, beständig hin und her
wogte, ohne seinen Platz zu verlassen. Man umschlang sich, auf dem
Boden liegend, wie Ringer. Man zertrat einander. Weiber neigten sich
über die Zinnen und heulten laut. Man zog sie an ihren Schleiern
hinab, und ihre plötzlich entblößten weißen Leiber glänzten in den
Armen der Neger, die ihnen den Dolch ins Gekröse stießen. In dem
ungeheuren Gedränge fielen die Toten nicht um. Von den Schultern der
Lebendigen hochgehalten, gingen sie noch eine Weile aufrecht weiter,
mit starren Augen. Manche, denen beide Schläfen von einem Wurfspieß
durchbohrt waren, wiegten den Kopf wie Bären. Zum Schreien geöffnete
Lippen blieben aufgesperrt. Abgehauene Hände flogen umher. Es fielen
mächtige Streiche, von denen die Überlebenden noch lange sprachen.
Inzwischen sprühten die Pfeile von den Stein- und Holztürmen. Die
Tollenonen bewegten rastlos ihre langen Arme. Die Barbaren hatten den
alten Begräbnisplatz der Ureinwohner unterhalb der Totenstadt
geplündert und schleuderten die Grabsteine auf die Karthager. Unter
der Last zu schwerer Körbe rissen bisweilen die Taue der Sturmkrane.
Ganze Knäuel von Menschen stürzten mit emporgestreckten Armen aus den
Lüften herab.
Bis zur Mitte des Tages waren die Veteranen der Gepanzerten hartnäckig
gegen die Taenia angestürmt, um in den Hafen zu dringen und die Flotte
zu zerstören. Hamilkar ließ auf dem Dache des Khamontempels ein Feuer
aus feuchtem Stroh anzünden. Der Rauch trieb den Angreifern in die
Augen und blendete sie. Da warfen sie sich nach links und vermehrten
das fürchterliche Getümmel in Malka. Kompagnien aus kräftigen, eigens
dazu ausgewählten Mannschaften hatten drei Tore eingerannt. Hohe
Verhaue aus nägelbeschlagenen Brettern hielten sie auf. Ein viertes
Tor gab mühelos nach. Man stürmte im Laufschritt durch und stürzte in
eine Grube, in der die Karthager Fallen versteckt angelegt hatten.
Autarit und seine Leute zerstörten die südlichste Bastei der Mauer,
deren Durchgänge mit Ziegeln verbaut worden waren. Dahinter stieg das
Gelände an. Man eilte im Sturme hinauf. Oben aber fand sich eine
zweite Mauer aus Steinen und großen wagerechten Balken, die
schachbrettförmig angeordnet waren. Das war eine gallische Art, die
der Suffet den Bedürfnissen des Augenblicks angepaßt hatte. Die
Gallier glaubten sich vor einer Stadt ihrer Heimat. Sie griffen ohne
Nachdruck an und wurden zurückgeworfen.
Von der Khamonstraße bis zum Gemüsemarkt war jetzt der ganze innere
Wallgang im Besitze der Barbaren. Die Samniter machten den Sterbenden
mit Lanzenstichen den Garaus. Andre blickten, mit einem Fuß an der
Mauer stehend, auf die rauchenden Trümmer zu ihren Füßen und sahen von
weitem der Schlacht zu, die von neuem begann.
Die Schleuderer, die hinter den andern Truppen mit großen Abständen
voneinander aufgestellt waren, schossen unablässig. Doch vielfach
waren die Federn an den akarnanischen Schleudern durch den übermäßigen
Gebrauch zerbrochen, und manche der Schleuderer warfen nun wie Hirten
Feldsteine mit der Hand. Andre schleuderten ihre Bleikugeln mit
Peitschenstielen. Zarzas mit seinem langen schwarzen Haar, das ihm die
Schultern umwallte, sprang bald hierin, bald dorthin und feuerte die
Balearier an. An seinen Hüften hingen zwei Hirtentaschen, in die er
unaufhörlich mit der Linken griff, während sein rechter Arm sich
schleudernd in einem fort drehte wie ein Wagenrad.
Matho hatte sich anfangs vom Nahkampfe ferngehalten, um den
Gesamtangriff besser zu leiten. Man hatte ihn am Golfe bei den
Söldnern, an der Lagune bei den Numidiern und am Ufer des Haffs
zwischen den Negern gesehen. Unaufhörlich trieb er die aus der Tiefe
der Ebene anstürmenden Soldatenmassen gegen die Befestigungen vor.
Allmählich kam er ihnen selbst näher. Der Blutgeruch, der Anblick des
Gemetzels und das Trompetengeschmetter steigerten seine Kampfeslust.
Darum war er in sein Zelt zurückgekehrt, hatte seinen Harnisch
abgeworfen und sein Löwenfell angelegt, das für den Nahkampf bequemer
war. Der aufgesperrte Rachen umrahmte seinen Kopf und umsäumte sein
Gesicht mit einem Kreise von Raubtierzähnen. Die beiden Vordertatzen
kreuzten sich über seiner Brust, und die Krallen der Hintertatzen
schlugen ihm in die Kniekehlen.
Er hatte sein breites Bandolier an, an dem eine Doppelaxt blitzte.
Sein großes Schwert mit beiden Händen schwingend, warf er sich
ungestüm in eine der Breschen. Wie ein Weidenbauer, der Weidenzweige
abschneidet und deren so viel wie möglich abzuschlagen trachtet, um
recht viel Geld zu verdienen, so schritt er einher und mähte die
Karthager rings um sich her nieder. Wenn ihn einer von der Seite zu
fassen suchte, schlug er ihn mit dem Schwertknauf nieder. Wer ihn von
vorn angriff, den durchbohrte er. Fliehenden spaltete er den Schädel.
Einmal sprangen ihm zwei Männer zugleich auf den Rücken. Mit einem
Satze sprang er rückwärts gegen ein Tor und zerquetschte sie. Sein
Schwert hob und senkte sich in einem fort. An einer Mauerecke
zersprang es. Da faßte er seine schwere Axt und schlachtete die
Karthager vor und hinter sich ab wie eine Hammelherde. Sie wichen vor
ihm zurück, und so gelangte er ganz allein bis an die zweite Ringmauer
am Fuße des Burgberges. Vom Gipfel herabgerollte Gegenstände sperrten
die Treppenstufen und überragten die Mauer. Inmitten dieser Trümmer
wandte sich Matho um und rief seine Kameraden.
Er sah Helmbüsche hier und da über der Menge. Dann tauchten sie unter.
Ihre Träger waren in Gefahr. Matho stürzte ihnen entgegen. Da zog sich
der weite Kranz roter Federn enger zusammen. Bald hatten sie den
Führer erreicht und umringten ihn. In diesem Augenblicke ergoß sich
ein ungeheurer Menschenstrom aus den Seitengassen. Der Libyer wurde um
die Hüften gepackt, hoch gehoben und bis vor die Mauer zu einer Stelle
gerissen, wo die Befestigung besonders hoch war.
Matho gab laut ein Kommando. Alle Schilde legten sich auf die Helme.
Er sprang darauf, um eine Art Sprungbrett zur Mauer zu bekommen und
wieder in die Stadt einzudringen. Seine furchtbare Axt schwingend,
lief er über die Schilde hin, die ehernen Wogen glichen, wie ein
Meergott, der seinen Dreizack über den Fluten schwingt.
Indessen schritt ein Mann in weißem Gewande, gleichgültig und fühllos
gegen den Tod, der ihn umringte, auf der Krone des Walles hin.
Bisweilen legte er seine Hand über die Augen, als spähe er nach
jemandem aus. Da erschien Matho gerade vor ihm. Die Augen des Mannes
flammten auf. Sein bleiches Gesicht verzerrte sich. Seine beiden
mageren Arme erhebend, rief er dem Libyer Schmähworte zu.
Matho verstand sie nicht, aber er fühlte sich von einem so grausamen
Blicke durchbohrt, daß er ein Gebrüll ausstieß. Er schleuderte seine
langstielige Axt nach ihm. Es war Schahabarim. Leute warfen sich auf
den Priester. Als Matho ihn nicht mehr sah, wich er erschöpft zurück.
Ein fürchterliches, donnerndes Geräusch näherte sich, vermischt mit
dem Klange rauher, im Takt singender Stimmen. Es war die mächtige
Helepolis, inmitten von mehreren hundert Söldnern. Man zog sie mit
beiden Händen an Seilen oder schob mit den Schultern nach, denn obwohl
sich das Terrain von der Ebene zur Stadtmauer nur mäßig hob, so war
diese schwache Steigung doch für einen Wandelturm von so fabelhafter
Schwere Hemmnis genug. Trotzdem die Helepolis acht, je einen Meter
breite Räder mit eisernen Reifen hatte, bewegte sie sich seit Morgen
nur langsam vorwärts, gleich wie ein Berg, der sich über einen andern
wälzt. Aus ihrem untersten Stockwerk ragte ein riesiger Widder hervor.
An den drei Seiten, die nach der Stadt zu lagen, waren die Laden
heruntergelassen. Von hinten sah man im Innern eine große Schar
gepanzerter Krieger. Aus den beiden Treppen, die durch alle Stockwerke
liefen, stiegen immerfort welche hinauf und hinunter. Andre warteten
darauf, hervorzustürzen, sobald die Haken der Fallbrücken die Mauer
gefaßt hätten. Hinter den Schießscharten drehten sich die Stränge der
Ballisten, und die Schnellbalken der Schleudergeschütze gingen hoch
und nieder.
Hamilkar stand in diesem Augenblick auf dem Dache des Melkarthtempels.
Er hatte berechnet, daß die Helepolis gerade auf ihn zukommen und
gegen eine unersteigliche Stelle der Mauer anrennen mußte, die eben
deswegen nur schwach besetzt war. Schon seit geraumer Zeit trugen
seine Sklaven Schläuche voll Wasser auf den Wallgang, auf dem sie an
der bestimmten Stelle aus Lehm zwei Querwände errichtet hatten,
wodurch eine Art Becken entstanden war. Das Wasser sickerte unmerklich
in die Erde des Walles, aber Hamilkar schien dies seltsamerweise nicht
zu beunruhigen.
Als die Helepolis nur noch gegen dreißig Schritt entfernt war, ließ er
von den Zisternen bis zum Wall über die Straßen hin von Haus zu Haus
Bretter legen. Eine Kette von Leuten reichte sich von Hand zu Hand
Helme und Krüge voll Wasser, die sie in das Becken hineingossen. Die
Karthager entrüsteten sich über diese sichtliche Wasservergeudung. Der
Widder zertrümmerte die Mauer. Da quoll ein Wasserstrahl aus den
gelockerten Quadern hervor, und das neunstöckige gepanzerte Gerüst,
das mehr als dreitausend Soldaten barg, begann leise zu schwanken wie
ein Schiff. Das Wasser, das durch die Bresche herausquoll, weichte den
Weg vor der Helepolis auf. Alsbald blieben die Räder im Morast
stecken. Im ersten Stockwerke tauchte hinter einem der Schutzleder der
Schießscharten der Kopf des Spendius auf, der aus vollen Backen in ein
Elfenbeinhorn stieß. Die Riesenbatterie kam ruckweise wohl noch zehn
Schritte weiter, dann aber ward der Boden weicher und weicher. Die
Räder versanken bis an die Achsen, und schließlich stand die Helepolis
still und neigte sich bedrohlich nach einer Seite. Die schweren
Geschütze in den unteren Stockwerken schoben sich von ihren Plätzen
und nahmen dem Turm noch mehr sein Gleichgewicht. Eins brach durch und
richtete arge Zerstörung im Innern an. Die Soldaten, die schon an den
Fallbrücken standen, wurden herausgeschleudert oder klammerten sich
draußen an und vermehrten so durch ihr Gewicht die Neigung des
Ungetüms, das in allen Fugen krachte und schließlich zusammenbrach.
Andere Barbaren eilten herbei, um zu helfen. Es bildete sich ein
dichter Menschenknäuel. Da machten die Karthager vom Walle herab einen
Ausfall, fielen ihnen in den Rücken und machten sie mühelos nieder.
Jetzt brausten die Sichelwagen heran. Sie galoppierten im Kreise um
das Gewirr herum. Die Karthager flohen auf ihre Mauern. Die Nacht
brach an. Nach und nach zogen sich die Barbaren zurück.
Auf der Ebene erblickte man vom bläulichschimmernden Golf bis zu der
weißen Lagune nichts als ein rabenschwarzes Gewimmel, und das blutrote
Haff dehnte sich in das Land hinein wie ein großer Purpursumpf.
Der Erdwall war so mit Toten bedeckt, daß er aus Menschenleibern
errichtet schien. Vor seiner Mitte ragten die Trümmer der Helepolis,
Waffen und Rüstungen darüber. Von Zeit zu Zeit lösten sich große
Bruchstücke von ihr ab, wie die Steine von einer zusammenstürzenden
Pyramide. Auf den Mauern waren breite Streifen sichtbar, wo das
geschmolzene Blei geflossen war. Hier und da brannte ein umgerissener
Holzturm. Das Häusermeer verschwamm im Dunkel und sah aus wie die
Stufen eines zerstörten Amphitheaters. Schwere Rauchschwaden stiegen
empor und wirbelten Funken in die Höhe, die sich am schwarzen Himmel
verloren.
Inzwischen waren die Karthager, vom Durst verzehrt, nach den Zisternen
gestürzt. Sie erbrachen die Tore. Schlammpfützen standen auf dem
Grunde der Becken.
Was sollte nun werden? Der Barbaren waren unzählige. Sobald sie sich
erholt hatten, würden sie wieder anstürmen!
Das Volk beriet die ganze Nacht hindurch, stadtviertelweise, an den
Straßenecken. Die einen meinten, man müsse die Weiber, die Kranken und
Greise fortschicken. Andere schlugen vor, die Stadt zu verlassen und
sich in einer fernen Kolonie anzusiedeln. Doch die Schiffe fehlten,
und als die Sonne aufging, war noch kein Entschluß gefaßt.
An diesem Tage wurde nicht gekämpft. Die Erschöpfung auf beiden
Parteien war zu groß. Die Schlafenden sahen aus wie Tote.
Die Karthager sannen über die Ursache ihres Unglücks nach. Da fiel
ihnen ein, daß sie das jährliche Opfer, das sie dem tyrischen Melkarth
schuldeten, noch nicht nach Phönizien gesandt hatten. Ungeheurer
Schrecken erfaßte sie. Offenbar zürnten die Götter der Republik und
wollten gründliche Rache üben.
Man sah in den Göttern grausame Herren, die man durch Gebete
besänftigen und durch Weihgeschenke gewinnen konnte. Alle aber waren
ohnmächtig vor Moloch, dem Verschlinger. Das Leben, sogar das Fleisch
der Menschen gehörte ihm. Daher war es bei den Karthagern Brauch, ihm
einen Teil davon zu opfern, um seine Gier zu stillen. Man brannte den
Kindern an der Stirn oder im Nacken Zeichen ein, und da diese
symbolische Art, den Baal zu befriedigen, den Priestern viel Geld
eintrug, so verfehlten sie nicht, diesen leichten und milden Ausweg
höchlichst zu empfehlen.
Diesmal aber handelte es sich um das Heil der Republik. Da jeder
Vorteil durch irgendeinen Verlust erkauft werden muß und jeder Vertrag
sich nach dem Bedürfnis des Schwächeren und der Forderung des
Stärkeren regelt, so durfte für den Gott, der am entsetzlichsten sein
Ergötzen hatte und in dessen Hand man jetzt völlig war, kein Opfer zu
groß sein. Man mußte Moloch sattsam befriedigen. Beispiele bewiesen,
daß das Übel dann aufhörte. Überdies glaubte man, ein Brandopfer würde
Karthago entsühnen. Die wilden Instinkte des Volkes regten sich
sofort. Zudem mußte die Wahl der Opfer lediglich die Patrizierfamilien
treffen.
Die Alten versammelten sich. Die Sitzung währte lange. Auch Hanno nahm
daran teil. Da er nicht mehr sitzen konnte, lag er neben der Tür, von
den Fransen des hohen Vorhanges halb verdeckt. Als der Oberpriester
Molochs fragte, ob man bereit wäre, die Kinder zu opfern, da erscholl
Hannos Stimme plötzlich aus dem Dunkel wie das Gebrüll eines bösen
Geistes aus einer tiefen Höhle. Er bedaure, sagte er, keine Kinder
eigenen Blutes opfern zu können. Dabei schielte er Hamilkar an, der
ihm gegenüber am andern Ende des Saales saß. Der Suffet ward durch
diesen Blick derart verwirrt, daß er die Augen niederschlug. Alle
bejahten die Frage des Oberpriesters der Reihe nach durch Kopfnicken.
Auch Hamilkar mußte dem Brauch gemäß antworten: »Ja, so sei es!«
Darauf ordneten die Alten das Opfer durch eine herkömmliche
Umschreibung an; denn es gibt Dinge, die schwerer auszusprechen als
auszuführen sind.
Der Beschluß ward fast augenblicklich in Karthago bekannt. Wehgeschrei
erscholl. Überall hörte man die Frauen jammern. Die Männer trösteten
oder schalten sie und redeten ihnen zu.
Drei Stunden später verbreitete sich eine neue wichtige Nachricht: der
Suffet hatte am Fuße der steilen Küste Quellen gefunden. Man eilte
hin. Im Sande waren Löcher gegraben. Wasser stand darin, und schon
lagen Menschen flach auf dem Bauche und tranken daraus.
Hamilkar wußte selbst nicht, ob dies eine Erleuchtung durch die Götter
oder die dunkle Erinnerung an eine vertrauliche Mitteilung war, die
ihm sein Vater einst gemacht hatte. Als er die Alten verlassen, war er
zum Strande hinabgestiegen und hatte mit seinen Sklaven begonnen, den
Sand aufzuscharren.
Er ließ Gewänder, Schuhe und Wein verteilen. Er gab das letzte
Getreide hin, das er noch besaß. Er ließ die Menge sogar in sein
Schloß ein und öffnete die Küchen, die Vorratskammern und alle
Gemächer außer denen Salambos. Er machte bekannt, daß sechstausend
gallische Söldner unterwegs seien und daß der König von Mazedonien
Hilfstruppen schicke.
Doch schon am zweiten Tage begannen die Quellen nachzulassen, und am
Abend des dritten waren sie völlig versiegt. Da lief der Befehl der
Alten abermals von Mund zu Munde, und die Molochpriester gingen
nunmehr an ihre Arbeit.
Männer in schwarzen Gewändern erschienen in den Häusern und Palästen.
Viele Bewohner hatten sie vorher verlassen, indem sie ein Geschäft
oder eine Besorgung vorschützten. Die Schergen Molochs traten
rücksichtslos ein und nahmen die Kinder. Manche lieferten sie ihnen
stumpfsinnig selbst aus. Man führte die Kleinen zum Tempel der Tanit,
deren Priesterinnen es oblag, sie bis zu dem Tage der Feier zu
belustigen und zu ernähren.
Man kam auch zu Hamilkar und fand ihn in seinem Garten.
»Barkas! Wir kommen. Du weißt, weshalb ... Dein Sohn ...«
Sie fügten hinzu, im vergangenen Monat sei der kleine Hannibal in der
Straße der Mappalier gesehen worden. Ein alter Mann habe ihn an der
Hand geführt.
Hamilkar stand zuerst da wie vom Schlage gerührt. Doch er begriff
rasch, daß alles Leugnen vergeblich wäre. Er verneigte sich und führte
sie in das Verwaltungshaus. Sklaven, die auf einen Wink herbeigeeilt
waren, bewachten die Umgebung.
Ganz verstört betrat er Salambos Gemach. Er ergriff Hannibal mit einer
Hand, riß mit der andern die Saumschnur eines daliegenden Gewandes ab,
band den Knaben an Händen und Füßen, stopfte ihm das Ende als Knebel
in den Mund und verbarg ihn unter dem rindsledernen Lager, über das er
eine große Decke bis zum Fußboden breitete.
Dann schritt er auf und ab, rang die Arme, drehte sich im Kreise herum
und biß sich auf die Lippen. Endlich blieb er mit stieren Blicken
stehen und atmete schwer, als ob er dem Tode nahe sei.
Plötzlich klatschte er dreimal in die Hände.
Giddenem erschien.
»Gib acht!« befahl er ihm. »Suche unter den Sklaven einen Knaben im
Alter von acht bis neun Jahren mit schwarzem Haar und gewölbter runder
Stirn und bring ihn hierher! Aber sofort!«
Giddenem kehrte bald zurück und brachte einen Knaben mit, ein
armseliges Kind, mager und dabei aufgedunsen. Seine Haut sah ebenso
grau aus wie die häßlichen Lappen, die um seine Hüften hingen. Sein
Kopf steckte zwischen den Schultern. Mit dem Handrücken rieb er sich
die Augen, die voller Schmutz waren.
Wie hätte man diesen Jungen je mit Hannibal verwechseln können! Doch
es war keine Zeit mehr, einen andern zu holen. Hamilkar blickte
Giddenem an. Am liebsten hätte er ihn erwürgt.
»Pack dich!« schrie er.
Der Sklavenaufseher verschwand.
So war das Unglück, das er so lange gefürchtet, also hereingebrochen!
Er gab sich die erdenklichste Mühe, einen Ausweg zu ersinnen.
Abdalonim ward hinter der Tür hörbar. Man verlangte nach dem Suffeten.
Die Schergen Molochs seien ungeduldig.
Hamilkar unterdrückte einen Schrei. Es war ihm, als wenn er mit
glühendem Eisen gefoltert würde. Von neuem begann er wie ein Rasender
im Zimmer auf und ab zu laufen. Dann brach er am Geländer zusammen und
preßte die Stirn in seine geballten Fäuste.