hingen von den Zinnen der Mauern überall Baumwollballen, Decken und
Kissen herab, und die Scharten waren mit Matten verstopft. Zwischen
den Kranen erblickte man auf dem Walle eine lange Reihe von großen
Gabeln und Hackmessern, die an Stangen befestigt waren. Alsbald begann
abermals ein wütender Widerstand.
Baumstämme, von Tauen gehalten, stürzten abwechselnd auf die Widder
herab und wurden dann wieder hoch gezogen. Mit Haken, die durch die
Geschütze geworfen wurden, riß man die Dächer von den Schutzlauben,
und von der Plattform der Türme regneten Ströme von Ziegeln und
Steinen herab.
Endlich brachen die Widder das Tagaster Tor und das Khamontor ein.
Indessen hatten die Karthager den Torbogen mit einer solchen Fülle von
Gegenständen verrammelt, daß die Flügel nicht aufgingen, sondern
stehen blieben.
Nun griff man die Mauer mit Stangenbohrern an, die, in den Fugen
eingesetzt, einzelne Quader ausbrechen sollten. Die Geschütze wurden
nachgerichtet, ihre Bedienungsmannschaften in Nummern und Ablösungen
abgeteilt. Vom Morgen bis zum Abend arbeiteten sie unausgesetzt mit
der eintönigen Genauigkeit von Webstühlen.
Spendius war unermüdlich darin, die Richtungen der Geschütze zu
prüfen. Er half eigenhändig beim Spannen der Ballisten. Da die
Spannung rechts wie links völlig gleichsein mußte, schlug man, während
des Anziehens der Spannerven, abwechselnd auf den rechten und den
linken Spannbolzen, bis beide einen gleichen Klang gaben. Spendius
stieg auf die Lafetten und stieß mit der Fußspitze leise an die Sehne.
Dann lauschte er gespannt, wie ein Zitherspieler, der seine Leier
stimmt. Und wenn dann die Schnellbalken der Schleudergeschütze
losgingen, wenn die Säulen der Ballisten vom Rückschlag erzitterten,
wenn die Steine der Böller und die Pfeile der Katapulte dahinsausten,
dann beugte er sich mit dem ganzen Körper vor und fuhr mit den Händen
in die Luft, um der Flugbahn zu folgen.
Die Soldaten bewunderten seine Geschicklichkeit und führten seine
Befehle stramm aus. Die Arbeit erheiterte sie, und unter Anknüpfung an
die Bezeichnungen der einzelnen Maschinen machten sie Witze. Weil die
Zangen zum Packen der Widder »Wölfe« hießen und die bedeckten Gänge
»Weinlauben«, so nannten sie sich selbst die »Lämmer«, oder sie
scherzten, es gehe »zur Weinlese«. Beim Spannen der Onager riefen sie:
»Los! Schlag mal tüchtig aus!« und zu den Skorpionen: »Stich mal
feste!« Diese Späße--immer dieselben--hielten ihren Mut aufrecht.
Doch die Geschütze vermochten der großen Mauer keine Bresche
beizubringen. Sie bestand eigentlich aus zwei Mauern, mit Erde
dazwischen. Man zerstörte zwar die oberen Teile, doch die Belagerten
besserten sie immer wieder aus. Matho befahl, Holztürme zu bauen,
ebenso hoch wie die steinernen der Stadtbefestigung. Man warf
Rasenstücke, Balken, große Steine, ganze Karren Sand samt ihren Rädern
in den Graben, um ihn möglichst rasch zu füllen. Und noch ehe er ganz
zugeschüttet war, wogte eine ungeheure Menge von Barbaren mit einem
Male von der Landenge her und brandete gegen den Fuß der Mauern, wie
ein überschäumendes Meer.
Man brachte Holzleitern, Strickleitern und Fallbrücken, sogenannte
Sambuken heran. Diese bestanden aus zwei Mastbäumen, von denen sich an
Tauen und Leitrollen eine bewegliche Brücke herabsenkte. Man brachte
eine Reihe solcher Fallbrücken an die Mauer heran und ließ die Brücken
im geeigneten Moment auf die Zinnen fallen. Die Söldner stiegen sodann
einer hinter dem andern mit Waffen in der Hand die schräge Brücke
hinauf. Kein Karthager zeigte sich. Schon waren die Vordersten
ziemlich nahe den Zinnen, da belebten sich diese und spien gleich
Drachenschlünden Feuer und Rauch aus.
Sandmassen flogen herab und drangen den Sturmkolonnen zu Füßen der
Mauer durch die Ritzen der Rüstungen. Siedendes Steinöl floß über die
Kleider, flüssiges Blei rann über die Helme und brannte Löcher ins
Fleisch. Ein Funkenregen spritzte in die Gesichter, und leer gewordene
Augenhöhlen schienen mandeldicke Tränen zu weinen. Männern, die mit Öl
begossen worden waren, brannten die Haare. Sie begannen zu laufen und
steckten die andern auch in Flammen. Man erstickte sie, indem man
ihnen von weitem blutgetränkte Mäntel überwarf. Manche, die
unverwundet aussahen, blieben unbeweglich und steifer als Pfähle mit
offenem Munde und ausgestreckten Armen stehen.
Mehrere Tage hintereinander ward der Sturm immer wieder erneuert. Die
Söldner hofften durch ein Übermaß von Kraft und Kühnheit zu siegen.
Hier und da sprangen Männer auf die Schultern der andern, bohrten
eiserne Stäbe in die Steinfugen, benutzten sie als Sprossen zum
Hinaufklettern, wobei sie einen zweiten und dritten einbohrten.
Dadurch gelangten sie, durch die vorspringende Mauerzinne über ihnen
geschützt, allmählich empor. Doch aus einer gewissen Höhe stürzten sie
rettungslos herab. Der große Graben war bald bis über den Rand mit
Leichen gefüllt. Unter den Füßen der Lebenden lagen Verwundete, Tote
und Sterbende bunt durcheinander. Zwischen herausquellenden
Eingeweiden, verspritztem Hirn und Blutlachen starrten halbverkohlte
Stümpfe wie schwarze Flecken. Arme und Beine ragten halb aus
Leichenhügeln hervor, wie Pfähle in einem ausgebrannten Weinberg.
Da man mit den Sturmleitern und Fallbrücken nichts ausrichtete, begann
man die Tollenonen zu gebrauchen, Gerüste mit einem langen Kran, der
einen großen viereckigen Korb dirigierte, in dem dreißig Mann samt
ihren Waffen Platz finden konnten.
Matho wollte in den ersten dieser Sturmkrane steigen, der bereit war;
aber Spendius hielt ihn zurück.
Die Bedienungsmannschaft drehte an der Winde. Der Korb schwebte
langsam in die Höhe. Die Soldaten darin duckten sich eng aneinander,
bis ans Kinn versteckt. Nur die Helmfedern sahen hervor. Als der Korb
fünfzig Ellen hoch in der Luft schwebte, drehte er sich, dann senkte
er sich ein wenig, wie ein Riesenarm, der auf seiner Hand eine Schar
von Zwergen trägt, und setzte schließlich den mit Menschen gefüllten
Korb oben auf der Stadtmauer ab. Die Soldaten stürzten sich auf die
Gegner und kehrten niemals zurück.
Flugs wurden auch die übrigen Tollenonen aufgestellt. Doch um die
Stadt zu erobern, hätte man ihrer hundertmal mehr haben müssen. Man
gebrauchte sie nun auf eine mörderische Weise. Äthiopische
Bogenschützen traten in die Körbe und wurden hochgezogen. Nachdem man
die Tauenden unten festgewickelt hatte, blieben die Körbe in der
Schwebe, und die Schützen schossen mit vergifteten Pfeilen. So
umringten die fünfzig Tollenonen, von denen man die Zinnen
beherrschte, Karthago wie riesige Geier. Die Neger lachten, wenn sie
die Wallverteidiger unter fürchterlichen Zuckungen sterben sahen.
Hamilkar schickte Schwerbewaffnete auf die Mauern. Er ließ sie alle
Morgen vor dem Ausrücken den Saft gewisser Kräuter trinken, der sie
gegen das Gift feien sollte.
Eines Abends bei dunklem Wetter schiffte er seine Kerntruppen auf Barken
und Flößen ein, fuhr in südlicher Richtung aus dem Hafen hinaus und
landete an der Taenia. Von dort rückte er bis an die äußersten Stellungen
der Barbaren heran, fiel ihnen in die Flanke und richtete unter ihnen ein
Blutbad an. Auch wurden nachts Männer mit Fackeln an Seilen von den
Mauern herabgelassen. Sie steckten die Belagerungsmaschinen der Söldner
in Brand und wurden dann wieder emporgezogen.
Matho war erbittert. Jede Verzögerung, jedes neue Hindernis steigerte
seine Wut. Er verfiel auf fürchterliche und sonderbare Dinge. So lud
er Salambo in Gedanken zu einem Stelldichein und erwartete sie dann.
Sie kam natürlich nicht. Das schien ihm ein neuer Verrat, und fortan
verabscheute er sie. Hätte er ihren Leichnam gesehen, so wäre er
vielleicht abgezogen. Er verdoppelte die Vorposten, pflanzte am Fuße
der Stadtmauern Gabeln auf, legte Fußangeln an und befahl seinen
Libyern, ihm einen ganzen Wald herbeizuschaffen, den er anzünden
wollte, um Karthago auszuräuchern wie einen Fuchsbau.
Spendius betrieb die Belagerung mit zäher Hartnäckigkeit. Er suchte
schreckliche Maschinen zu erfinden, wie man noch nie welche
hergestellt hatte.
Die übrigen Barbaren, die weiter weg auf der Landenge lagerten,
wunderten sich über die Saumseligkeit der Belagerung und begannen zu
murren. Man ließ sie stürmen.
Sie berannten mit ihren Säbeln und Wurfspießen die Tore. Doch ihre
nackten Leiber waren mit Leichtigkeit kampfunfähig zu machen. Die
Karthager erschlugen sie in Massen, und die Söldner freuten sich
darüber, ohne Zweifel aus Eifersucht in Aussicht auf die Plünderung.
Zwiste und Kämpfe brachen unter den Belagerern aus. Da das Hinterland
verwüstet war, fing man an, sich um die Lebensmittel zu reißen. Viele
verloren den Mut, und zahlreiche Banden zogen ab. Aber die Menge war
so groß, daß dies nicht in Betracht kam.
Belagerungskundige versuchten Minen zu graben. Doch Hamilkar erriet
stets die Richtung der Gänge, indem er sein Ohr an einen ehernen
Schild legte. Er grub in der Nacht Gegenminen an Stellen, wo die
Holztürme darüber hinwegfahren mußten. Wenn man sie dann am andern
Tage vorschob, brachen sie ein.
Am Ende kam man allgemein zu der Ansicht, daß die Stadt uneinnehmbar
war, solange man nicht einen langen Erdwall in gleicher Höhe mit der
Stadtmauer aufwarf, der es gestattete, mit den Belagerten auf gleicher
Höhe zu kämpfen. Die Wallkrone sollte gepflastert werden, um die
Geschütze darauf hin und her fahren zu können.
Dann aber konnte Karthago unmöglich länger Widerstand leisten!
Die Stadt begann an Wassermangel zu leiden. Das Wasser, das zu Beginn
der Belagerung zwei Kesitah das Bat gegolten hatte, kostete jetzt
einen Silbersekel. Auch die Fleisch- und Kornvorräte nahmen stark ab.
Man fürchtete eine Hungersnot. Manche sprachen sogar von unnützen
Mäulern, was alle Welt in Schrecken setzte.
Vom Khamonplatze bis zum Melkarthtempel versperrten Leichen die
Straßen; und da es Hochsommer war, quälten große schwarze Fliegen die
Kämpfenden. Greise schafften die Verwundeten fort. Fromme feierten
Scheinbegräbnisse von Verwandten und Freunden, die draußen auf dem
Schlachtfelde gefallen waren. Wachsbilder mit Haaren und Kleidern
lagen quer vor den Türen und schmolzen unter der Hitze der neben ihnen
brennenden Kerzen. Die Bemalung lief ihnen über die Schultern. Tränen
aber rannen über die Gesichter der Lebenden, die um sie herum ihre
Klagelieder sangen. Währenddem lief die Menge auf den Straßen hin und
her. Scharen Bewaffneter zogen vorüber. Die Hauptleute gaben laute
Befehle. Dazu hörte man immerfort den Stoß der Widder, die draußen
gegen den Wall donnerten.
Die Witterung ward so schwül, daß die Leichen aufschwollen und nicht
mehr in die Särge hineinpaßten. Man verbrannte sie auf den Höfen. Doch
in der Enge sprang das Feuer auf die benachbarten Wände über, und
plötzlich schossen lange Flammen aus den Häusern, wie Blut, das aus
einer Ader in die Höhe spritzt. So hauste Moloch in Karthago. Er
umzingelte draußen die Wälle, wälzte sich innen durch die Straßen und
verzehrte alles, selbst die Toten.
Männer, die zum Zeichen ihrer Verzweiflung Mäntel aus aufgelesenen
Lappen trugen, stellten sich an den Straßenecken auf. Sie führten
Reden gegen die Alten, gegen Hamilkar, weissagten dem Volke den
völligen Untergang und forderten es auf, sich alles zu erlauben, alles
zu zerstören. Die Gefährlichsten waren die Bilsenkrauttrinker. In
ihrem Taumel hielten sie sich für wilde Tiere, sprangen die
Vorübergehenden an und zerfleischten sie. Um sie herum entstanden
Aufläufe. Man vergaß darüber die Verteidigung der Stadt. Der Suffet
fand Abhilfe. Er besoldete Mitbürger, die seine Politik vertraten.
Um die Geister der Götter in Karthago festzuhalten, hatte man ihre
Bildnisse an schwere Ketten gelegt. Man hüllte die Kabiren in schwarze
Schleier und umhing die Altäre mit härenen Decken. Man versuchte, den
Ehrgeiz und die Eifersucht der einzelnen Götter anzustacheln, indem
man ihnen ins Ohr brüllte: »Du willst dich besiegen lassen! Sind
fremde Götter am Ende stärker? Ermanne dich! Hilf uns! Sonst sagen die
andern Völker gar: Wo sind jetzt Karthagos Götter!«
Beständige Angst erfüllte die Priesterschaften, besonders die Priester
der Mondgöttin, weil die Rückkehr des heiligen Mantels nichts genützt
hatte. Sie hielten sich in der dritten Umfriedigung eingeschlossen,
die uneinnehmbar war wie eine Burg. Ein einziger von ihnen wagte sich
hinaus: der Oberpriester Schahabarim.
Er kam zu Salambo, verharrte jedoch entweder in tiefem Schweigen und
schaute sie mit starren Blicken an, oder er machte ihr in einer Flut
von Worten härtere Vorwürfe denn je.
Infolge eines unerklärlichen Widerspruches verzieh er ihr nicht, daß
sie seinen Befehlen folgsam gewesen war. Schahabarim hatte alles
erraten. Aber diese Vermutung, die nicht von ihm wich, mehrte seine
ohnmächtige Eifersucht. Er beschuldigte sie, die Ursache des Krieges
zu sein. Matho, so sagte er, belagere Karthago, um den Zaimph wieder
zu erobern. Dabei überschüttete er den Barbaren, der sich anmaße,
heilige Dinge zu besitzen, mit Verwünschungen und Spott. Und doch
wollte der Priester damit etwas ganz anderes ausdrücken.
Salambo empfand jetzt keine Furcht mehr vor ihm. Die Beängstigungen,
an denen sie früher gelitten, hatten sich verloren. Eine seltsame Ruhe
erfüllte sie. Ihre Blicke waren nicht mehr unstet, und ihre Augen
glänzten in klarem Feuer. Die Pythonschlange dagegen war abermals
erkrankt, und da Salambo im Gegensatz zu ihr sichtlich gesünder ward,
so freute sich die alte Taanach darüber. Sie war überzeugt, daß das
Tier durch sein Hinsiechen die Krankheit von ihrer Herrin nehme.
Eines Morgens fand sie es hinter seinem Lager in sich zusammengerollt,
kälter als Marmor. Sein Kopf wimmelte von Würmern. Auf ihr Geschrei
kam Salambo herbei. Sie drehte die Schlange mehrere Male mit der
Spitze ihrer Sandale um. Die Sklavin war erstaunt über die
Gleichgültigkeit ihrer Herrin.
Hamilkars Tochter setzte auch ihr Fasten nicht mehr mit dem alten
Eifer fort. Tagelang verbrachte sie oben auf dem flachen Dache des
Schlosses, die Ellbogen auf die Brüstung gelehnt, und belustigte sich
damit, Ausschau zu halten. Wo die Stadt zu Ende war, da hob sich der
Mauerkranz mit seiner zackigen Zinnenlinie vom Himmel ab, und die
Lanzen der Posten bildeten längs seiner Krone einen Stachelzaun.
Jenseits der Mauern erblickte sie zwischen den Türmen die Bewegungen
der Barbaren. An den Tagen, wo die Belagerung ruhte, konnte sie sogar
erkennen, was sie in ihren Lagern trieben. Sie flickten ihre Rüstungen
aus, salbten sich das Haar mit Fett oder wuschen sich ihre blutigen
Arme im Haff. Die Zelte waren geschlossen, die Lasttiere fraßen.
Dahinter sah man die im Halbkreise aufgestellten Sichelwagen wie einen
silbernen Krummsäbel am Fuße der Berge blinken. Schahabarims Worte
kamen ihr wieder in den Sinn. Sie erwartete ihren Verlobten Naravas,
aber trotz ihres Hasses hätte sie auch Matho gern wiedersehn mögen. In
ganz Karthago war sie vielleicht der einzige Mensch, der ohne Furcht
mit ihm gesprochen hätte.
Oft kam ihr Vater in ihr Gemach. Er setzte sich tiefatmend auf die
Kissen und betrachtete sie mit fast zärtlicher Miene, als fände er in
ihrem Anblick eine Erholung von seinen Mühsalen. Mehrfach forschte er
sie über ihre Reise in das Lager der Söldner aus. Er fragte sogar
einmal, ob sie nicht doch von jemandem dazu angestiftet worden sei.
Sie verneinte es durch eine Kopfbewegung. Salambo war stolz darauf,
den heiligen Mantel gerettet zu haben. Immer wieder kam der Suffet
unter dem Vorwande, militärische Dinge zu erkunden, auf Matho zurück.
Insgeheim begriff er nicht, wozu sie so viel Zeit in seinem Zelte
gewesen war. Auch von Gisgo erzählte Salambo nichts, denn da--nach
ihrem Glauben--schon bloße Worte eine wirkliche Macht besitzen, so
konnten Verwünschungen, die man jemandem berichtete, sich gegen ihn
kehren. Ebenso verschwieg sie ihr Mordgelüst, aus Furcht, getadelt zu
werden, weil sie dem nicht nachgegeben hatte. Sie berichtete nur, der
Schalischim sei sichtlich zornig gewesen und habe sehr laut
gesprochen, dann sei er eingeschlafen. Mehr erzählte Salambo nicht,
vielleicht aus Scham, vielleicht auch, weil sie in ihrer großen
Unschuld den Küssen des Soldaten keine Bedeutung beimaß. Überdies
flossen alle jene Vorgänge in ihrem Kopfe wehmütig und wirr
durcheinander wie die Erinnerung an einen schweren Traum. Sie hätte
nicht gewußt, auf welche Weise und mit welchen Worten sie alles hätte
ausdrücken sollen.
Eines Abends, als sie so einander gegenübersaßen, trat Taanach ganz
bestürzt ein. Ein Greis mit einem Kinde sei unten im Hofe und wolle
den Suffeten sprechen.
Hamilkar erbleichte. Dann erwiderte er rasch:
»Er soll heraufkommen!«
Iddibal trat ein, ohne sich niederzuwerfen. Er führte einen Knaben an
der Hand, der in einen Mantel aus Bocksfell gehüllt war. Er zog rasch
die Kapuze zurück, die das Gesicht des Knaben verhüllte, und sagte:
»Da ist er, Herr! Nimm ihn!«
Der Suffet und der Sklave zogen sich in eine Ecke des Gemaches zurück.
Das Kind war in der Mitte des Gemachs aufrecht stehen geblieben und
musterte mit einem mehr neugierigen als erstaunten Blick die
Zimmerdecke, das Hausgerät, die Perlenschnüre auf den Purpurvorhängen
und das hoheitsvolle junge Weib, das sich zu ihm herabbeugte.
Er war etwa zehn Jahre alt und nicht größer als ein Römerschwert.
Krause Haare beschatteten seine gewölbte Stirn. Seine Augen sahen mit
Vorliebe in die Ferne. Die feinen Nasenflügel vibrierten ihm. Über
seiner ganzen Erscheinung lag ein geheimnisvoller Schimmer, wie ihn
die haben, die zu großen Taten vorbestimmt sind. Als er seinen
schweren Mantel abgeworfen hatte, stand er in einem Luchsfell da, das
seine Hüften umkleidete, und stampfte mit seinen kleinen bloßen Füßen,
die weiß vom Staube waren, fest auf die Fliesen. Offenbar erriet er,
daß man wichtige Dinge verhandelte, denn er blieb unbeweglich stehen,
eine Hand auf dem Rücken und den Kopf gesenkt, einen Finger im Munde.
Endlich winkte Hamilkar Salambo zu sich und sagte leise zu ihr:
»Du wirst ihn bei dir behalten, verstehst du? Niemand, selbst keiner
im Hause, darf um sein Dasein wissen!«
Hinter der Tür fragte er Iddibal noch einmal, ob er sicher sei, daß
ihn niemand mit dem Knaben erblickt habe.
»Sicherlich niemand!« versetzte der Sklave. »Die Straßen waren leer.«
Da sich der Krieg über alle Provinzen ausdehnte, hatte Iddibal um den
Sohn seines Herrn Angst bekommen, und da er nicht wußte, wo er ihn
verbergen sollte, war er in einem Boot an der Küste entlang gefahren.
Drei Tage lang hatte er im Golf gekreuzt und die Wälle beobachtet.
Endlich, an diesem Abend, da die Umgebung des Khamontempels
menschenleer war, hatte er die Durchfahrt schnell passiert und war am
Arsenal gelandet. Der Hafeneingang war noch frei. Nicht viel später
freilich legten die Barbaren ein riesiges Floß davor, um den
Karthagern die Ausfahrt zu sperren. Außerdem errichteten sie hölzerne
Türme. Gleichzeitig stieg auch der Erdwall empor.
Die Verbindung nach außen war nunmehr abgeschnitten, und eine
unerträgliche Hungersnot begann.
Man schlachtete alle Hunde, Maultiere und Esel, dann auch die fünfzehn
Elefanten, die der Suffet zurückgebracht hatte. Die Löwen des
Molochtempels waren toll geworden, und die Tempeldiener wagten sich
nicht mehr an sie heran. Man fütterte sie anfangs mit verwundeten
Barbaren. Dann warf man ihnen Tote vor, die noch warm waren. Aber die
Bestien verschmähten sie, und so starben sie sämtlich. In der
Dämmerung irrten Leute längs der alten Mauern zwischen der Altstadt
und Megara hin und pflückten zwischen den Steinen Kräuter und Blumen,
die sie in Wein kochten. Wein war billiger als Wasser geworden. Andre
schlichen sich bis zu den feindlichen Vorposten und drangen in die
Zelte, um Nahrungsmittel zu rauben. Die Barbaren waren darüber so
verblüfft, daß sie die Dreisten bisweilen entkommen ließen. Endlich
kam der Tag, an dem die Alten beschlossen, die Rosse Eschmuns heimlich
zu schlachten. Das waren heilige Tiere, deren Mähnen die Priester mit
goldenen Bändern durchflochten. Sie versinnbildlichten die Bewegung
der Sonne, die Idee des Feuers in seiner höchsten Gestalt. Ihr Fleisch
wurde in gleichgroße Stücke zerlegt und hinter dem Altar vergraben.
Fortan kamen die Alten, irgendeine Andacht vorschützend, allabendlich
zum Tempel hinauf und sättigten sich verstohlen. Auch nahmen sie unter
ihrem Gewande Stücke für ihre Kinder mit. In den einsamen
Stadtvierteln, die weit von den Mauern ablagen, hatten sich die
weniger Notleidenden aus Furcht vor den andern verrammelt.
Die Steine der feindlichen Geschütze und die Zerstörungen, die zur
Verteidigung der Stadt angeordnet worden waren, hatten die Straßen mit
Schutt und Trümmern erfüllt. In den ruhigeren Stunden zogen oft
schreiende Volksmassen durch. Von der Höhe der Burg betrachtet, sahen
die Feuersbrünste wie hie und da auf die flachen Dächer geworfene
Purpurtücher aus, die im Winde zu flattern schienen.
Trotz aller andern Arbeiten ruhten die drei schwersten Geschütze der
Belagerer nicht. Die Verheerungen, die sie anrichteten, waren
außerordentlich. So ward der Kopf eines Mannes bis an den Giebel der
Syssitien geschleudert. In der Kinisdostraße ward eine Wöchnerin von
einem herabfallenden Marmorblocke zerschmettert und ihr Kind mitsamt
dem Tragekissen bis zum Kinasyner Schlag geworfen, wo man die Decke
wiederfand.
Am unangenehmsten aber waren die Schleuderkugeln. Sie fielen auf die
Dächer, in die Gärten und in die Höfe, während man ängstlich beim
kargen Mahle saß. Die furchtbaren Geschosse trugen eingeritzte
Buchstaben, die sich in das Fleisch eindrückten. So konnte man auf der
Haut von Toten Schimpfworte lesen wie: »Schwein!« »Raubtier!« »Dreck!«
oder Spöttereien wie: »Fang mich!« oder »Ich habs verdient!«
In den Teil des Walles, der vor den Zisternen lag, wurden Breschen
gelegt. Dadurch sahen sich die Bewohner von Malka zwischen der alten
Mauer, die Megara von der Altstadt trennte, zur Rechten, den Mauern
des Burgbezirks im Rücken und den Barbaren von vorn eingekeilt. Doch
man hatte genug zu tun, die Innenmauer am Burgberge instand zu setzen
und sie so hoch wie möglich zu machen. Man konnte sich nicht um arme
Leute kümmern und ließ sie im Stiche. Sie kamen alle um. Obgleich sie
allgemein verhaßt waren, erregte das doch einen großen Abscheu gegen
Hamilkar.
Am Tage darauf öffnete er die Keller, in denen er sein Getreide
aufbewahrte. Seine Verwalter verteilten es unter das Volk. Drei Tage
lang stopfte man sich damit voll.
Der Durst ward nun erst recht unerträglich. Dabei hatte man immerfort
die große Kaskade vor Augen, in der das klare Wasser der zerstörten
Leitung herabplätscherte. Wenn die Sonne ihre Strahlen darauf warf,
umhüllte ein feiner Nebel den Wasserfall, und ein Regenbogen schwang
sich darüber. Ein kleiner Bach aber schlängelte sich durch die Ebene
und ergoß sich in das Haff.
Hamilkar verlor den Mut nicht. Er rechnete auf ein Ereignis, auf etwas
Entscheidendes, auf ein Wunder. Seine Sklaven rissen die silbernen
Platten vom Melkarthtempel. Im Hafen zog man vier große
Transportschiffe ans Land, schaffte sie auf Walzen bis an das Ende der
Straße der Mappalier und durchbrach dort die Mauer zwischen Straße und
Meer. Die Schiffe gingen von da aus nach Gallien in See, um dort um
jeden Preis Söldner anzuwerben. Hamilkar war noch immer zu seinem
großen Ärger vom Numidierfürsten abgeschnitten, obwohl er wußte, daß
Naravas hinter den Barbaren stand, bereit, ihnen in den Rücken zu
fallen. Naravas war aber allein zu schwach und konnte keinen Angriff
wagen. Der Suffet ließ den Wall um drei Meter erhöhen, alles
Kriegsgerät aus den Zeughäusern nach der Burg schaffen und die
Geschütze abermals ausbessern.