Er selbst beschloß, nach Karthago zurückzukehren, dort eine neue
Aushebung zu machen und den Krieg abermals zu beginnen.
Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer, wie es aus den
Bergen herabkam.
Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie der Hunger. Durch
ihre Leiden von Sinnen, wollten sie trotz ihrer Schwäche eine Schlacht
suchen ... Doch jetzt wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also!
Man konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die Barbaren
machten sich schleunigst an die Verfolgung.
Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten. Er war diesmal
breit, und kein Westwind hatte geweht. Die einen schwammen hindurch,
die andern setzten auf ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie
weiter. Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.
Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts, um eine
Furt zu finden. Bewaffnete Banden aus Tunis eilten herbei, auch von
Utika kamen welche. Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die
Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten sie
Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner aufzuhalten, ließ
Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel hinter sich abschießen.
Etliche Barbaren fielen. Als der Morgen dämmerte, war man in den
arianischen Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung
machte.
Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont auf dem Gipfel
einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen. Der Boden fiel allmählich ab.
Obelisken, Kuppeln, Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er mußte
sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken, so heftig pochte sein
Herz.
Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war, seit er das
letztemal dort geweilt hatte! Er war tief verwundert, wie betäubt.
Dann aber ergriff ihn maßlose Freude bei dem Gedanken, Salambo
wiederzusehen. Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam
ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich. Bebend und
mit starren Augen blickte er von der Kuppel des Eschmuntempels weg
nach der hohen Terrasse des Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein
verzücktes Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer
überflute. Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in den Wind und
murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer hob seine Brust, und Tränen, lang
wie Perlen, rannen in seinen Bart.
»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts! Der Marschall
wird uns entrinnen! Was? Deine Knie zittern? Du schaust mich an wie
ein Trunkener!«
Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und indem er die Augen
aufriß, als erblicke er plötzlich ein lang erstrebtes Ziel, setzte er
hinzu:
»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!«
Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes Aussehn, daß
Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte und sich fortgerissen
fühlte. Die Worte des Griechen trafen ihn im Augenblicke tiefster
Trübsal, verwandelten seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten
seiner Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die bei der
Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug mit dem langen Riemen
aus Leibeskräften auf die Nachzügler ein. Abwechselnd lief er rechts
und links um die Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde
vorwärts treibt.
Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen enger zusammen.
Selbst die Lahmen beschleunigten ihren Schritt. Auf der Mitte der
Landenge nahm der Abstand zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die
Vorhut der Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager. Bald
waren sie einander ganz nahe und berührten sich beinahe. Doch da taten
sich das Malkaer Tor, das Tangaster Tor und das große Khamontor auf.
Die punischen Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie
hinein und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde aber das Gewühl
so groß, daß schließlich niemand mehr vorwärts kam. Die Lanzen stießen
in der Luft aneinander, während die Pfeile der Barbaren gegen die
Mauern prallten.
Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte sich um und rief seinen
Leuten zu, Platz zu machen. Er selber saß ab und jagte sein Pferd,
indem er es mit dem Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren
entgegen.
Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen fütterte und der
in die Knie sank, wenn sein Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn
Hamilkar zurück? Wollte er damit ein Opfer bringen?
Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen Lanzen hinein,
riß Soldaten um, verwickelte sich mit den Füßen in seine Eingeweide,
stürzte, sprang dann mit wütenden Sätzen wieder auf, und während die
Soldaten beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft
zusahen, kamen die Karthager wieder in Ordnung und zogen durch das
riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter ihnen schloß.
Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen an, und ein paar
Minuten lang lief durch das Heer vom Anfang bis zum Ende eine
Wellenbewegung, die allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte.
Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten gestellt, die
Steine, Kugeln und Balken zu schleudern begannen. Spendius machte den
Söldnern klar, daß sie nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten
sich nunmehr in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago
zu erobern.
* * * * *
Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die Grenzen des
punischen Reiches hinausgedrungen. Von den Säulen des Herkules bis
über Kyrene hinaus träumten die Hirten davon, während sie ihre Herden
weideten, und die Karawanen plauderten nachts darüber beim
Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten, das große Karthago
anzugreifen, die Stadt, die so glänzend war wie die Sonne und
furchtbar wie ein Gott! Die Königin der Meere! Man hatte schon
mehrfach ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt, weil
alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften wie die
zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen wie die unabhängigen
kleinen Stämme, kurzum alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um
seine Macht beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten
hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen. Die Niederlage
am Makar hatte dann allerdings die übrigen zurückgeschreckt, aber
schließlich hatten sie wieder Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt
und näher gekommen, und jetzt standen die Männer aus den östlichen
Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes. Sobald sie die
Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.
Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos--diese bildeten
schon lange das dritte Heer--, sondern Nomaden aus der Hochebene von
Barka, die Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne, aus
Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste durchzogen und aus den
Brackwasserbrunnen getrunken, die aus Kamelsknochen aufgemauert sind.
Die Zuaesen, mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen
gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht,
ritten rücklings auf ihren angemalten Stuten. Andre kamen auf Eseln,
Wildeseln, Zebras oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren
Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen Hütten
mit. Man sah Ammoniter, deren Haut durch das Wasser der heißen Quellen
runzlig war, Ataranten, die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die
ihre Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner scheußliche
Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden, die Läuse verzehren,
und Gysanten, die mit Zinnober bemalt sind und Affenfleisch essen.
Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne
aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken im Wirbelwind. Auf
der Mitte der Landenge machten die Scharen Halt, da die Söldner, die
vor ihnen unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle
rührten.
Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens auf, Numidier.
Naravas beherrschte nämlich nur die Massylier, und da ihnen überdies
die Sitte gestattete, nach Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen,
so hatten sie sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten
Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen die Jäger vom
Maleluth-Baal und den garaphischen Bergen, die Löwenfelle trugen und
ihre kleinen, mageren, langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen
lenkten. Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern aus
Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen Kränzen aus Wachs und
Harz auf den Köpfen, und endlich die Kauner, Makarer und Tillabaren,
alle bewaffnet mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus
Flußpferdhaut. Sie machten am Fuße der Totenstadt an der Lagune Halt.
Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der Stelle, wo sie
gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie eine schwarze sich am
Boden hinwälzende Wolke aussahen. Sie waren aus dem weißen und
schwarzen Harudsch, der augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen
Agazymba gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig
Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten lag. Mit ihren
Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer schmutzigen schwarzen Haut
glichen sie reifen Maulbeeren, die lange im Staube gerollt sind. Sie
trugen Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern und die
Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere. Indem sie wie Wölfe
heulten, schwenkten sie Stangen, an denen Metallringe klirrten, und
Kuhschwänze, die wie Wimpel an Stöcken flatterten.
Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten die
gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir gelegenen
Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell hingen auf ihrem Rücken.
Sie führten an Leinen riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und
nicht bellten.
Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet und als ob
man, um alle bösen Triebe zu versammeln, selbst der Hefe der Völker
bedurft hätte, sah man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende
Menschen mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche Krankheiten
entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge von zweifelhaftem
Geschlecht, Albinos, die mit roten Augen in die Sonne blinzelten. Sie
stammelten unverständliche Laute und steckten die Finger in den Mund,
zum Zeichen, daß sie Hunger hätten.
Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das Chaos der Trachten
und Völker. Kein Mordwerkzeug fehlte, von den hölzernen Dolchen, den
Steinbeilen und elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen,
sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen gefertigt
waren. Man schwang Säbel, die wie Antilopenhörner in mehrere Spitzen
ausliefen, Messer, die an einem langen Strick befestigt waren, eiserne
Triangel, Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse trugen
kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche hatten Steine in
Säcken mitgebracht. Andre waren mit leeren Händen gekommen und
klapperten mit ihrem Gebiß.
Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen. Dromedare, wie
Schiffe über und über mit Teer bestrichen, rissen die Weiber um, die
ihre Kinder auf dem Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man
trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene Datteln
und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf einer von Ungeziefer starrenden
Brust an einer dünnen Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet
hätten, schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren. Die
meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten. Ein rätselhafter
Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie her. Nomaden, die noch nie eine
Stadt gesehen, empfanden Furcht vor dem Schatten der Mauern.
Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt, und diese
breite Masse, aus der die Zelte hervorragten wie die Häusergiebel bei
einer großen Überschwemmung, dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen
des waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu beiden Seiten
des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen war.
Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das Erscheinen ihrer
Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern oder wandelnden Häusern,
die von den tyrischen Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit
ihren Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs auf
sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze, achtzig Schleudergeschütze,
dreißig Steinböller, fünfzig Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei
besonders schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben bis
acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen, gegen die
Untergestelle der Maschinen gestemmt, schoben sie vorwärts. Bei jedem
Schritt erzitterten sie. So gelangten sie vor die Mauern.
Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die Zurüstungen
vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen gewitzigten Söldner
wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen opfern. Man hatte beiderseits
keine Eile, wohl wissend, daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg
oder völliger Vernichtung enden mußte.
Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten Mauern hatten
eine Reihe vorspringender Basteien; eine Anlage, zur Abwehr von
Stürmen sehr vorteilhaft.
Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer eingestürzt,
und in dunklen Nächten sah man durch die verfallenen Stellen die
Lichter in den Hütten von Malka, die hie und da höher lagen als die
Wälle.
Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber der Söldner mit
ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten Männer wiedersahen, konnten sie
nicht widerstehen. Sie winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen
dann in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den Söldnern zu
plaudern, und eines Morgens ward dem Großen Rat vermeldet, daß sie
allesamt entflohen waren. Die einen hatten sich zwischen den Steinen
hindurchgezwängt, andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.
Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen.
Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte ihn bisher daran
gehindert, und seitdem er wieder vor der Stadt lag, schien es ihm, als
ob die Einwohner sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie
die Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute zur
Verteidigung der Mauern.
Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im Bogenschießen,
indem er auf die Flamingos am Haff jagte. Dann, an einem mondhellen
Abend, bat er Matho, mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer
anzünden und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu
lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin, in der
Richtung auf Tunis.
In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts bogen sie
nach rechts und gingen stracks auf ihn zu. Das Terrain bot keine
Deckung. Sie krochen bis an den Unterbau der Pfeiler.
Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf und ab.
In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen auf, und
Trompeten erklangen. Die Posten glaubten, der Feind mache einen
Sturmangriff, und eilten der Stadt zu.
Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz vom Himmel ab.
Der Mond stand gerade hinter ihm, und der riesige Schatten des Mannes
fiel weit über die Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.
Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg über ihnen stand.
Da griff Zarzas nach seiner Schleuder. Doch aus Vorsicht oder aus
Blutgier hielt Spendius ihn zurück.
»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu viel Lärm! Ich wills
tun!«
Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das eine Ende gegen
die große Zehe seines linken Fußes stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil
flog ab.
Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand. »Wäre er verwundet,
so würden wir ihn hören!« meinte Spendius.
Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie das erstemal,
kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu Stockwerk hinauf. Als er
oben neben dem Erschossenen stand, ließ er das Seil hinab. Der
Balearier band einen Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das
Lager zurück. Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder ruhig.
Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben, war ins Wasser
gestiegen und hatte den Gang über sich wieder geschlossen.
Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte berechnete,
gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er ehedem einen kleinen
senkrechten Spalt in der Mauer bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei
Stunden lang bis zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er
durch die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters von
Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem Tode nahe wähnte.
Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock stürzte, von Stockwerk zu
Stockwerk fallend, hinab, und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein
voller Wasserstrom aus den Lüften hinab in die Ebene. Die
durchbrochene Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod für die
Stadt und der Sieg für die Barbaren!
Bald darauf waren die Karthager alarmiert und erschienen auf den
Mauern, den Häusern, den Tempeln. Die Barbaren stürzten laut jubelnd
herbei. Wie rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten im
Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten.
Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen Mann in brauner,
zerrissener Tunika. Die Hände in die Hüften gestemmt, beugte er sich
über den Rand und schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk.
Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick stolz über den
Horizont schweifen, als wolle er sagen: »Das alles ist jetzt mein!«
Die Karthager, die ihr Unglück voll begriffen, heulten vor
Verzweiflung. Da begann Spendius auf der Plattform von einem Rande zum
andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den olympischen
Spielen triumphiert, hob er im Rausche seines Stolzes die Arme gen
Himmel.
XIII
Moloch
Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren keines Walles.
Das Hinterland war in ihrer Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der
Stadt heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben angelegte
Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete Matho in einem großen
Halbkreise an und schloß damit Karthago an der Landseite vollständig
ab. Das schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste
Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei und zuhinterst
das Gepäck, die Wagen und die Pferde. Vor der ganzen Heeresmasse,
dreihundert Schritte von den Türmen Karthagos entfernt, standen die
Geschütze und Belagerungsmaschinen.
Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen, die im Laufe
der Jahrhunderte mehrfach gewechselt hatten, konnte man die Geschütze
immerhin noch in zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit
Horizontalspannung und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren, die
Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile, auch
Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller, warfen
Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau abgemessene Steine, auch
mächtige balkenartige Pfeile. Die Katapulte hießen auch Skorpione.
Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager, so genannt nach
den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen Steine werfen.
Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte
wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den härtesten
Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren aus Erz. Die größeren
Kaliber wurden nicht mit der Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge
und dergleichen. Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze wurde
durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung erfolgte auf Walzen.
Die größten, die man stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts
des Feindes zusammengesetzt.
Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die drei
Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte er einen Widder, vor
jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die Karroballisten, das waren die
Geschütze auf fahrbaren Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie
überschossen die vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus
den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben zuschütten.
Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der Belagerten
schützen. Man schob Lauben aus Reisig und sogenannte Schildkröten aus
Eichenholz vor, die riesigen Schilden glichen und auf drei Rädern
liefen. Kleine, mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras
gepolsterte Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die Katapulte und
Ballisten schützte man durch Seilvorhänge, die in Essig getaucht
waren, um sie unverbrennbar zu machen. Frauen und selbst Kinder halfen
den Geschützbedienungen, indem sie die nötigen Steine suchten und
herbeischleppten.
Die Karthager rüsteten sich gleichfalls.
Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte, daß in den
Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig Tage vorhanden sei. Diese
Versicherung, seine Gegenwart und namentlich die des heiligen Mantels
machten die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung,
und auch die Einwohner nicht kanaanitischer Herkunft wurden durch den
Eifer der andern mit fortgerissen.
Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser. Jeder Bürger
erhielt sein Amt und seinen Posten. Von den Überläufern waren noch
zwölfhundert da. Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren.
Die Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten
angestellt. Die Karthager besaßen noch einige schwere Geschütze, den
Friedensbedingungen mit den Römern zuwider. Man setzte sie wieder
instand. Die Handwerker verstanden sich darauf.
Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer und den Golf
geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die von den Barbaren belagerte
Mauer auf der Landenge schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche
mit Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte Steine auf
der Plattform der Türme und füllte die Häuser, die unmittelbar an den
Wall stießen, mit Sand, um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und
Stärke zu zu vermehren.
Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in Wut. Sie
wollten den Kampf unverzüglich beginnen. Die Steine, mit denen sie
ihre Ballisten luden, waren aber so ungeheuer schwer, daß die
Geschütze defekt wurden. Der Sturm mußte aufgeschoben werden.
Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar, vernahm man in der
Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen Stoß gegen das Khamontor.
Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder heran. Das war
ein mächtiger Balken, der an Ketten wagrecht von einem Gerüste
herabhing und vorn in einen ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den
Balken mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen Reifen
umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein Mannskörper und siebzig
Meter lang. Wenn ihn die Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er
in regelmäßigen Schwingungen vor und wieder zurück.
Auch die Widder vor den andern Toren begannen ihre Tätigkeit. In den
hohlen Treträdern sah man Menschen von Staffel zu Staffel springen.
Die Flaschenzüge und Walzen knarrten und knirschten, die Seilvorhänge
sanken herab, und ein Hagel von Steinen und Pfeilen sauste mit einem
Male los. Die Schleuderer liefen sämtlich in ausgeschwärmter Ordnung
vor. Einige, die Töpfe voll brennenden Harzes unter ihren Schilden
versteckt trugen, näherten sich dem Walle. Dort schleuderten sie sie
aus Leibeskräften hinüber. Der Pfeil-, Kugel- und Feuerregen überflog
die oben Kämpfenden und fiel im Bogen hinter den Mauern nieder. Auf
deren Kamm aber erhoben sich lange Kräne, wie sie zum Aufrichten der
Schiffsmasten gebraucht wurden. Durch sie ließ man riesige Zangen
herab, die in zwei innerlich gezahnte Halbkreise ausliefen. Diese
packten je einen Widder. Die Söldner klammerten sich am Balken fest
und zerrten ihn rückwärts. Die Karthager dagegen zogen ihn empor.
Dieses Ringen dauerte bis zum Abend.