zwar gegen den westlichen Abhang, der nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in
der Absicht, die Barbaren allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum
war. Naravas hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei
umgangen und von rückwärts attackiert, während der Marschall sie in
der Front zum Wanken brachte und vernichtete. Übrigens waren sie durch
den Verlust des Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die
sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen und eine Art
Entkräftung.
Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte, das
Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem Siege auf die Höhen
etwas nördlicher zurückgezogen, von wo aus er den Feind in Schach
hielt.
Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an den umgerissenen
Pikettpfählen. Ein langer schwarzer Aschehaufen qualmte an der Stelle,
wo das libysche Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte
wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte mit ihrer
zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit mit zwischen Klippen
gescheiterten und halb gesunkenen Schiffen. Lanzen, Heugabeln,
Trompeten, Holz, Erz und Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke
lagen zwischen den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender
Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck. An manchen Stellen war der
Boden mit weggeworfenen Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver
sahen aus wie lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine,
Sandalen, Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch die
Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie Kugeln hinrollten. An
den Dornsträuchern hingen Haare. Elefanten mit heraushängendem
Eingeweide, ihre Türme noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen
Blutlachen. Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich
es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen.
Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis unten. Die
Überlebenden rührten sich ebensowenig wie die Toten. In großen und
kleinen Gruppen herumhockend, blickten sie einander verstört an und
sprachen kein Wort.
Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt in der
untergehenden Sonne. Rechts davon ragten enggedrängte weiße Häuser
über einen Mauergürtel hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer.
Das Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend ihrer
Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.
Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten auf. Es ward
kühler. Man konnte beobachten, wie das Ungeziefer die erkaltenden
Toten verließ und über den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken
saßen reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.
Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige Hunde, Bastarde,
wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen pflegten, zu den Barbaren
herangeschlichen. Zuerst leckten sie das geronnene Blut von den noch
warmen Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu verzehren,
indem sie zuerst die Bäuche anfraßen.
Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern, wie
Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn es waren noch immer
welche übrig, besonders libysche, trotz des furchtbaren Blutbades, das
die Numidier unter ihnen angerichtet hatten.
Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie als Fackeln zu
benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen. Man legte die Toten darauf
und trug sie beiseite.
Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem Rücken, ihre Lanzen
neben sich, oder in Haufen übereinander. Wenn man einen Vermißten
finden wollte, mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen.
Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über das Gesicht. Alle
die gräßlichen Waffen hatten ihnen die verschiedenartigsten Wunden
beigebracht. Manchen hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre
waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark zerquetscht, blau
vom Würgetode oder von den Stoßzähnen der Elefanten der Länge nach
aufgeschlitzt. Obwohl alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden
hatten, zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen. Die
Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen, während die
sehnigen Afrikaner wie geräuchert erschienen und bereits
vertrockneten. Die Söldner erkannte man an der Tätowierung ihrer
Hände. Die alten Krieger des Antiochus trugen einen Sperber
eingebrannt. Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im
Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel oder
einen Hammer. Die Söldner der griechischen Republiken hatten das Bild
einer Burg oder den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen
waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen Zeichen
bedeckt, die sich mit alten Narben und neuen Wunden vermischten.
Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter, Etrusker, Kampaner
und Bruttier, errichtete man vier große Scheiterhaufen.
Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter Gruben aus. Die
Spartaner nahmen ihre roten Mäntel und hüllten die Toten hinein. Die
Athener legten sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die
Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen. Die
Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten sie mit Riemen aus
Rindsleder, und die Garamanten bestatteten sie am Meeresstrande, damit
die Fluten sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich,
daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die Nomaden
vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten zu Mumien wurden, und die
Kelten ihre üblichen drei unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen
Himmel ihrer Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.
Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille. Das geschah, um
die Seelen zur Rückkehr zu zwingen. Nach regelmäßigen Pausen hub das
Geschrei immer wieder an.
Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht ehren könne,
wie die Bräuche es verlangten, denn ohne die frommen Zeremonien mußten
sie unendliche Zeiträume hindurch unter allerlei Schicksalen und
Verwandlungen umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren
Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil sie sich hatten
besiegen lassen.
Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die blutleeren
Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen lehnten, noch
bleicher erscheinen. Tränen riefen neue Tränen hervor. Das Schluchzen
ward heftiger, die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder.
Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn auf die Toten. Man
mußte sie mit Schlägen wegtreiben, wenn man die Gräber zuschaufelte.
Man schwärzte sich die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich
selber Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder man
brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die geliebte Tote
entstellten. Wehgeschrei durchtönte den Klang der Zimbeln. Manche
rissen sich ihre Amulette ab und spien sie an. Sterbende krümmten sich
in blutigem Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten Fäuste.
Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger Frühling«, mordeten
einander wie Gladiatoren. Bald gebrach es an Holz für die
Scheiterhaufen. Die Flammen erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde
vom Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen neben
ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem Wunsch, am Leben bleiben
zu wollen, und sei es in Angst und Not, die andern, um am liebsten
nicht wieder zu erwachen.
* * * * *
Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden Barbaren
Soldaten, die vorübermarschierten, ihre Helme auf den Spitzen ihrer
Lanzen. Sie grüßten ihre Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts
in ihrer Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher heran.
Man erkannte alte Gefährten.
Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein Heer einzutreten.
Manche hatten sich mutig geweigert, und da er fest entschlossen war,
sie weder zu ernähren noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er
sie mit dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago zu
kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern gefügig machte,
hatte man die Waffen der Besiegten verteilt, und nun zeigten sie sich
ihren alten Kameraden, weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in
einer Anwandlung von Übermut und Neugier.
Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch den Marschall.
Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten sie, obwohl sie die
Feiglinge verachteten. Doch bei den ersten Worten des Vorwurfs
gerieten jene in Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen
Schwerter, ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen auf, sie
sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen nach Steinen. Da
entflohen die Spötter. Bald sah man nur noch die Lanzenspitzen über
dem Höhenkamm.
Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr niederdrückte als
die Demütigung ihrer Niederlage. Sie vergegenwärtigten sich das
Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend starrten sie vor sich hin.
Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder Wut auf die
gefangenen Karthager. Die Soldaten des Suffeten hatten sie durch
Zufall nicht entdeckt, und als er das Schlachtfeld verließ, befanden
sie sich noch immer in der tiefen Grube.
Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den Boden. Posten
bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ man die Weiber hinein, je
dreißig bis vierzig auf einmal. Sie wußten, daß man ihnen nicht viel
Zeit gewährte, und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt von
einem zum andern, dann aber beugten sie sich über die armen Schelme
und schlugen sie aus Leibeskräften. Die Namen ihrer Männer heulend,
zerrissen sie ihnen mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen
mit ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die Männer und
marterten die Unglücklichen von den Füßen, die sie ihnen an den
Knöcheln abhieben, bis zur Stirn, aus der sie kranzartige Stücke
herausschnitten, die sie sich um den Kopf schlangen. Insbesondere
waren die Esser unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie
entzündeten die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben
hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder andre und warteten.
Das Blut floß in Strömen, und die Peiniger ergötzten sich daran wie
Winzer an ihren Keltern.
Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen Stelle, wo er sich
nach der Schlacht hingesetzt hatte, die Ellbogen auf die Knie
gestemmt, die Schläfen in den Händen. Er sah nichts, hörte nichts,
dachte nichts.
Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte er auf. Vor
ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück Leinwand, dessen Ende die
Erde streifte. Darunter lagen Körbe, Decken und ein Löwenfell in
buntem Durcheinander. Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten
sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die Erde versunken
wäre.
Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen berührte der
wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte er ein rotes Zeichen,
offenbar den Abdruck einer Hand. Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen
ihres einstigen Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes Stück
Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich in die Reste
seines Zeltes. Dann stieß er mit der Spitze seines Panzerstiefels
allerlei verstreut umherliegende Gegenstände in die Flammen. Es sollte
nichts übrig bleiben!
Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten können, aus
welcher Richtung.
Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in zwei
Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich und stieß
Klagelaute aus.
»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß schon, daß du ein
Held bist!« Die Ungerechtigkeit des Schicksals hatte ihn so
niedergebeugt, daß er nicht mehr die Kraft hatte, sich über Menschen
zu entrüsten.
Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle im Hange, wo sich
Zarzas und Autarit verborgen hielten.
Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine trotz seiner
Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit. Wer hätte denn, meinten
sie, den Verrat des Naravas, den Brand im Lager der Libyer, den
Verlust des Zaimphs, Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine
geschickten Manöver ahnen können, durch die er die Söldner in den
Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den Haufen zu rennen?
Spendius gestand seine Feigheit nicht ein und beharrte darauf, daß er
ein zerschmettertes Bein habe.
Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim eine
Beratung, was nunmehr zu tun sei.
Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie waren zwischen
seinem Heer und dem Gebiet des Naravas eingeschlossen. Die tyrischen
Städte würden sich zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte
man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten Kräften zu
vernichten.
Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich mußten sie ihn
bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber wie sollten sie die Notwendigkeit
eines endlosen Krieges ihren entmutigten, aus frischen Wunden
blutenden Leuten begreiflich machen?
»Ich übernehme es!« rief Spendius.
Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung von Hippo-Diarrhyt
in raschem Laufe den Berg herauf. Hoch in der Hand schwenkte er eine
Schreibtafel. Da er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.
Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien. Sie
empfahlen ihren Kameraden in Afrika, Gisgo und die andern Gefangenen
gut zu bewachen. Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der
von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß ein Handstreich
in Vorbereitung sei, um sie zu befreien. Man rate deshalb den
Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Die Republik sei allmächtig.
Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst nicht in dem
Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht auf neue Gefahr erregte nur
Schrecken, anstatt Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung,
die Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und erwartete etwas
Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die Nacht verlief in lauter Angst.
Viele warfen sogar ihre Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen,
wenn er erscheine.
Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein zweiter Bote, noch
atemloser und mit noch mehr Staub bedeckt. Der Grieche riß ihm eine
Papyrosrolle mit phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man
beschwor darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die Tapfern
von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung zu Hilfe kommen.
Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal hintereinander vor.
Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern auf den Schultern herumtragen
und verlas ihn überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen. Er
erinnerte die Söldner an die Versprechungen des Großen Rates, die
Afrikaner an die Grausamkeiten der Statthalter, alle Barbaren an die
Unredlichkeit Karthagos. Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie
zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als Sklave verkauft,
im Gefecht Besiegte aber unter Martern hingerichtet. Man rede von
Flucht? Auf welchem Wege denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren
lassen. Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit,
Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten sie darauf nicht zu
warten, denn schon eile ihnen Tunis und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt
den aufgerollten Papyros hoch.
»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich lüge nicht!«
Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten umher. Die
Mittagssonne brannte auf die bloßen Köpfe. Widriger Geruch stieg von
den ungenügend verscharrten Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte
aus der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die Wahrheit
seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste gegen Hamilkar aus.
Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er, um seine Feigheit
zu bemänteln, eine Begeisterung zur Schau, in die er sich nach und
nach wirklich hineinredete. Er weihte sich den Göttern und häufte
Flüche auf Karthago. Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts
weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack immer mit sich
herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man muß ihnen den Garaus machen! Wir
wissen ja, was sie vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein
Mitleid! Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann, und haue
nach Leibeskräften auf sie los!«
Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen. Mehrere röchelten
noch. Man gab ihnen den Rest, indem man ihnen mit dem Absatz in den
Mund trat oder sie mit Lanzenspitzen abstach.
Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe und
Verwirrung nahmen überhand. Man wollte sich von seinem Tode überzeugen
und zugleich daran teilhaben. Endlich entdeckten ihn drei samnitische
Hirten fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden
hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte und riefen die andern.
Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt und die Beine
geschlossen, wie ein Toter, der begraben werden soll. Doch seine
mageren Seiten hoben und senkten sich noch und seine weitgeöffneten
Augen starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher Weise
immerfort geradeaus.
Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen. Seit er in
der Grube lebte, hatte man ihn fast vergessen. Jetzt, im Banne alter
Erinnerungen, blieb man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte
nicht, Hand an ihn zu legen.
Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts, bis ein
Garamant die Menge durchschritt. Er schwang eine Sichel. Alle
verstanden seine Absicht. Die Gesichter röteten sich, und voll Scham
über ihre eigne Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!«
Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo. Er ergriff den Kopf
des Greises, legte ihn auf sein Knie und hackte ihn mit raschen
Schnitten ab. Gisgos Haupt fiel zu Boden. Zwei große Blutströme
bohrten ein Loch in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den
abgeschnittenen Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard
auf das Lager der Karthager zu.
Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte, zog er Gisgos
Kopf am Barte aus seinem Busen hervor, kreiste mit seinem Arm mehrmals
durch die Luft und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen
weiten Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung. Bald
darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles zwei gekreuzte Fahnen,
das übliche Zeichen, daß man die Toten zurückfordere.
Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde mit großen
Trompeten hinaus und erklärten, durch die ehernen Tuben sprechend, daß
es fortan zwischen Karthagern und Barbaren weder Treu und Glauben,
noch Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle Unterhandlungen
ablehne und jeden Unterhändler mit abgeschnittenen Händen
zurückschicken würde.
Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt, um
Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt sandte deren noch am selben
Abend. Man aß gierig. Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die
Söldner eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen Waffen
zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen und ohne Erbarmen gegen die
Verwundeten, die ihnen nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo
nach dem Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe.
Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen, es einzunehmen,
denn sie bedurften einer Stadt.
* * * * *
Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr ärgerlich, trotz des
stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht an und für sich bereitete. Er
hätte auf der Stelle mit frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein
solcher Tag und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger
hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen. Auch konnten sich
die tyrischen Städte ihnen anschließen. Seine Milde gegen die
Besiegten hatte nichts genutzt. Er faßte den Entschluß, fortan
unbarmherzig zu sein. Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen
Rate ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen beladen war,
und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen, ihm Verstärkung zu
schicken.
Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde von seinem
Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen hervor. Die Rückkunft
des Zaimphs, die Hamilkar unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder.
Offenbar gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war er die
Stütze Karthagos.
Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder eine
Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung der einen und der
Feigheit der andern stand alsbald ein Heer von fünftausend Mann noch
vor der bestimmten Frist marschbereit.
Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im Rücken zu decken,
während weitere dreitausend Mann Kerntruppen eingeschifft wurden, um
bei Hippo-Diarrhyt zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.
Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab aber das Landheer
seinem Stellvertreter Magdassan, während er die Truppen auf den
Schiffen in Person führte. Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte
nicht mehr vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel und
Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht gegraben. Auf
zehn Schritte weit sah man ihm in den Schlund hinab, und er war sich
seiner Ekelhaftigkeit so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib
verschleierte.
Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig wie auf die
der Barbaren. Allerdings ließen die Einwohner diesen allmorgendlich
Lebensmittel in Körben hinab, wobei sie von den Türmen herab
vermeldeten, die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner
deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen
Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf dem Meere kreuzte.
Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte keinen
Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt, dreihundert
Soldaten einzulassen. Dann segelte er nach dem Vorgebirge der Trauben
und machte einen weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen,--ein
unzweckmäßiges, ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht hielt ihn
ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing dessen Spione ab,
durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete damit das ganze
Unternehmen. Endlich schrieb Hamilkar dem Großen Rate und forderte
Hannos Entfernung. Da ward dieser nach Karthago zurückberufen, wütend
über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit seines Amtsgenossen.
So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in einer
beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte man sich, darüber
nicht nachzudenken, ja nicht einmal davon zu reden.
Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr man zu
alledem, daß die Söldner in Sardinien ihren Kommandeur ans Kreuz
geschlagen, sich der festen Plätze bemächtigt und die Männer
kanaanitischer Abkunft allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte
Rom die Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht
zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte. Rom hatte das
Bündnis mit den Barbaren angenommen und sandte ihnen Frachtschiffe mit
Mehl und getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge
und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber drei Tage später ging eine
Flotte, die von Bysazene mit Lebensmitteln nach Karthago kam, bei
einem Sturme unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die
Republik.
Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert Leute
Hannos durch einen blinden Alarm auf die Stadtmauern, schlichen sich
hinter sie, packten sie unversehens bei den Beinen und warfen sie über
die Wälle. Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins
Meer gejagt.
Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn nach Hannos Befehl
und Beispiel hatte Magdassan die Stadt eingeschlossen und blieb gegen
Hamilkars Bitten taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt
und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit rückten die Barbaren
an. Magdassan entfloh. Die Tore öffneten sich, und fortan bezeigten
die beiden tyrischen Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche
Ergebenheit, ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen
unbegreiflichen Haß.
Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel, ein Aufruf.
Allerorts erwachte die Hoffnung auf Selbständigkeit von neuem. Völker
und Städte, die bis dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr.
Alles begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle Hoffnung auf
Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich verloren.