»Ich sah dich eines Abends im Schein meiner brennenden Gärten,

zwischen rauchenden Bäumen und meinen erschlagenen Sklaven, und deine

Wut war so groß, daß du auf mich lossprangst und ich fliehen mußte!

Dann ist der Schrecken in Karthago eingezogen. Man schrie über die

Verwüstung der Städte, die Verheerung der Äcker, das Hinmorden von

Soldaten,--und du, du hattest verwüstet, verheert, gemordet! Ich hasse

dich! Der bloße Klang deines Namens frißt an mir wie bittere Reue! Du

bist verfluchter als die Pest, als der Krieg mit Rom! Die Provinzen

zittern vor deinem Zorn, die Felder sind voller Toten. Ich bin der

Spur deiner Brandfackeln gefolgt, als ob ich hinter Moloch herginge!«

Matho sprang auf. Ungeheurer Stolz schwellte sein Herz. Er fühlte sich

erhaben wie ein Gott.

Mit bebenden Nasenflügeln und zusammengepreßten Zähnen fuhr sie fort:

»Als ob dein Tempelraub nicht schon genug wäre, kamst du zu mir,

während ich schlief, in den Zaimph gehüllt. Deine Worte habe ich nicht

verstanden, aber ich habe wohl gefühlt, daß du mich zu etwas

Schändlichem verführen, mich in einen Abgrund stürzen wolltest ...«

Matho rang die Hände und rief:

»Nein, nein! Ich wollte ihn dir schenken! Ihn dir zurückgeben! Mir

war, als hätte die Göttin ihr Gewand für dich hergegeben, als gehörte

es dir! In ihrem Tempel oder in deinem Hause,--ist das nicht dasselbe?

Bist du nicht allmächtig, rein, glänzend und schön wie Tanit?«

Und mit einem Blick voll unendlicher Anbetung fuhr er fort:

»Vielleicht bist du Tanit selbst!«

»Ich, Tanit?« flüsterte Salambo wie zu sich selbst.

Sie schwiegen beide. Donner rollten in der Ferne. Vom Gewitter

erschreckt, blökten Schafe.

»Komm näher!« hub er wieder an. »Komm näher! Fürchte nichts!

»Ehedem war ich nur ein gemeiner Soldat im großen Haufen der Söldner.

Ich war so sanftmütig, daß ich für die andern das Holz auf dem Rücken

schleppte. Was kümmert mich eigentlich Karthago! Sein Menschengewühl

wimmelt wie verloren im Staube deiner Sandalen, und nach all seinen

Schätzen, all seinen Provinzen, Flotten und Inseln gelüstet mich

weniger als nach der Frische deiner Lippen und der Rundung deiner

Schultern. Ich wollte seine Mauern brechen, um zu dir zu gelangen, um

dich zu besitzen! Inzwischen habe ich mich gerächt. Ich zertrete jetzt

die Menschen wie Muschelschalen, ich werfe mich auf die Regimenter,

ich stoße mit den Händen die Lanzen beiseite, ich packe die Hengste an

den Nüstern. Mich tötet das schwerste Geschütz nicht! O, wenn du

wüßtest, wie ich mitten im Kampfe an dich denke! Zuweilen ergreift

mich plötzlich die Erinnerung an eine Gebärde von dir, an eine Falte

deines Gewandes. Das umschlingt mich wie ein Netz. Ich sehe deine

Augen in den Flammen der Brandpfeile und auf dem Gold der Schilde. Ich

höre deine Stimme im Schalle der Zimbeln. Wende ich mich um, und du

bist nicht da,--dann stürze ich mich von neuem ins Schlachtgewühl!«

Er reckte die Arme hoch, an denen sich die Adern kreuzten, wie

Efeuranken am Stamme eines Baumes. Schweiß rann zwischen den mächtigen

Muskeln seiner Brust hinab. Sein Atem erschütterte seine Rippen und

den ehernen Gürtel mit dem Riemenbesatz, der ihm herabreichte bis auf

die Knie, die fester waren als Marmor. Salambo, die nur Eunuchen

gesehen hatte, ward von der Kraft dieses Mannes hingerissen. Das war

die Strafe der Göttin oder der Zauber Molochs, der um sie her in fünf

Heeren sein Wesen trieb! Mattigkeit ergriff sie. Halb betäubt hörte

sie kaum noch den Ruf der Posten draußen, die in Intervallen einander

zuriefen.

Die Flammen der Lampe flackerten unter dem stoßweise eindringenden

heißen Winde. Zuweilen zuckten grelle Blitze. Hinterher ward die

Dunkelheit immer um so tiefer, und sie sah nichts mehr als Mathos

Augen wie zwei glühende Kohlen durch die Nacht leuchten. Eins fühlte

sie: daß das Schicksal sie hierher geleitet hatte, daß sie vor einer

wichtigen unwiderruflichen Entscheidung stand. Sich aufraffend, ging

sie auf den Zaimph zu und hob die Hände, um ihn zu ergreifen.

»Was tust du?« rief Matho.

»Ich kehre nach Karthago zurück!« erwiderte sie ruhig. Er schritt mit

verschränkten Armen und so furchtbarer Miene auf sie zu, daß sie wie

angewurzelt stehen blieb. »Du kehrst nach Karthago zurück?« stammelte

er. Und zähneknirschend wiederholte er: »Du kehrst nach Karthago zurück?

So, du kamst also, mir den Zaimph zu rauben, mich wehrlos zu machen und

dann zu verschwinden! Nein, nein! Du gehörst mir! Und niemand soll dich

mir wieder entreißen! Ach, ich habe den Hochmut deiner großen stillen

Augen nicht vergessen, noch, wie du mich mit deiner hehren Schönheit zu

Boden schmettertest! Jetzt ist die Reihe an mir! Du bist meine

Gefangene, meine Sklavin, meine Magd! Rufe, soviel du willst, deinen

Vater und sein Heer, die Alten, die Patrizier und dein ganzes verruchtes

Volk! Ich bin der Herr über dreimalhunderttausend Soldaten! Und noch

mehr werde ich herbeiholen aus Lusitanien, aus Gallien und aus dem

Schoße der Wüste, um deine Stadt zu zerstören und alle ihre Tempel zu

verbrennen! Die Kriegsschiffe sollen auf einem Meere von Blut schwimmen!

Kein Haus, kein Stein, kein Palmbaum soll von Karthago übrig bleiben!

Und wenn mir die Menschen fehlen, so hole ich die Bären aus den Gebirgen

und treibe die Löwen in den Kampf. Versuche nicht zu entfliehen! Ich

töte dich!«

Bleich und mit geballten Fäusten stand er da und bebte wie eine Harfe,

deren Saiten zu zerspringen drohen. Plötzlich aber erstickte seine

Stimme in Schluchzen, und er sank in die Knie:

»O, vergib mir! Ich bin ein Ruchloser und weniger wert als ein

Skorpion, als Kot und Staub! Eben als du sprachst, wehte dein Atem

über mein Gesicht, und ich erquickte mich daran wie ein

Verschmachtender, der am Rand eines Baches liegt und trinkt. Zertritt

mich! Wenn ich nur deine Füße fühle! Verfluche mich! Wenn ich nur

deine Stimme höre! Geh nicht fort! Habe Mitleid! Ich liebe dich! Ich

liebe dich!«

Er lag vor ihr auf den Knien, den Kopf zurückgeneigt, und umschlang

ihre Hüften mit beiden Armen, mit zuckenden Händen. Die Goldmünzen an

seinen Ohren glänzten auf seinem bronzefarbenen Hals. Dicke Tränen

quollen aus seinen Augen wie silberne Kugeln. Er seufzte verliebt und

murmelte sinnlose Worte, die leiser als ein Hauch und süßer als ein

Kuß waren.

Salambo ward von einer weichen Wollust ergriffen, die ihr alles

Bewußtsein raubte. Etwas Innigmenschliches und doch Hocherhabenes, ein

Gebot der Götter zwang sie, sich darein zu verlieren. Wolken trugen

sie empor, und halb ohnmächtig sank sie nieder auf das Lager, in das

Löwenfell. Matho ergriff sie an den Füßen. Da zersprang das goldne

Kettchen, und die beiden Enden raschelten gegen die Leinwand wie zwei

zuckende Schlangen. Der Zaimph fiel herab und umhüllte Salambo. Sie

sah Mathos Antlitz sich über ihre Brüste neigen.

»Moloch, du verbrennst mich!«

* * * * *

Die Küsse des Soldaten überliefen sie verzehrender als Flammen. Es

war, als ob ein wilder Sturm sie fortriß, als ob die Glut der Sonne

sie durchlodere.

Er küßte alle ihre Finger, ihre Hände, ihre Arme, ihre Füße, die

langen Flechten ihres Haars.

»Nimm den Mantel mit!« sprach er. »Was liegt mir daran! Entführe aber

auch mich! Ich will das Heer verlassen! Will auf alles verzichten!

Dort hinter Gades, zwanzig Tageslängen weit im Meere, da liegt eine

Insel, übersät von Goldstaub, Bäumen und Vögeln. Auf den Bergen wiegen

sich große Blumen, voll Düften, die emporwirbeln wie der Rauch

heiliger ewiger Lampen. Von Limonenbäumen, die höher ragen als Zedern,

werfen milchweiße Schlangen mit diamantenen Zähnen die Früchte

hinunter auf den Rasen. Die Luft ist so mild, daß man nicht sterben

kann. O, diese Insel will ich finden, du sollst sehen! Wir werden in

Kristallgrotten leben, am Fuße der Hügel. Noch wohnt niemand dort, und

ich werde König des Landes werden!«

Er wischte den Staub von ihren Schuhen. Er wollte ihr ein Stück

Granatapfel zwischen die Lippen stecken. Er schob ihr Decken unter den

Kopf, um ein Kissen für sie zu schaffen. Er suchte ihr auf alle Weise

dienstbar zu sein und breitete schließlich den Zaimph über ihre Füße

wie eine gewöhnliche Decke.

»Hast du noch die kleinen Gazellenhörner, an denen deine Halsbänder

hingen?« fragte er. »Die sollst du mir schenken! Ich habe sie so

gern!«

Er plauderte, als ob der Krieg beendet wäre. Fröhliches Gelächter

entquoll ihm. Die Söldner, Hamilkar, alle Hindernisse waren jetzt

verschwunden. Der Mond kam zwischen zwei Wolken hervor. Sie erblickten

ihn durch ein Loch des Zeltes.

»Ach, wie viele Nächte habe ich verbracht, in seinen Anblick

versunken! Es war mir, als sei er ein Schleier, der dein Antlitz

verbarg. Du blicktest mich durch ihn an. Die Erinnerung an dich ward

eins mit seinem Licht. Ich unterschied euch nicht mehr!«

Sein Kopf ruhte zwischen ihren Brüsten. Er weinte ohne Ende.

»Das ist er also!« dachte Salambo. »Der furchtbare Mann, vor dem

Karthago zittert!«

Er schlief ein. Sie entwand sich seinen Armen und setzte einen Fuß auf

die Erde. Da bemerkte sie, daß ihr Kettchen zersprungen war.

Man gewöhnte die Jungfrauen der vornehmen Häuser daran, diese Fessel

als etwas nahezu Heiliges anzusehn. Errötend knüpfte Salambo die Kette

um ihre Knöchel wieder zusammen.

Karthago, Megara, das väterliche Schloß, ihre Kemenate, die Gegend,

die sie durchritten, alles das tauchte in wildem bunten Wirrwarr vor

ihr auf, aber doch in klaren Bildern. Ein tiefer Abgrund hatte

plötzlich alles das von ihr getrennt und in unendliche Ferne gerückt.

Das Gewitter verzog sich. Ab und zu klatschte noch ein Regentropfen

auf das Zeltdach und brachte es in leise zitternde Bewegung.

Matho lag wie ein Trunkener schlafend auf der Seite. Ein Arm von ihm

hing über den Rand des Lagers hinab. Seine perlengeschmückte Binde

hatte sich ein wenig verschoben und ließ seine Stirn frei. Ein Lächeln

umspielte seine halbgeöffneten Lippen. Die Zähne glänzten zwischen

seinem schwarzen Barte, und um seine nicht ganz geschlossenen Augen

lachte stille Heiterkeit, die Salambo beinahe kränkte. Sie stand vor

seinem Lager und blickte ihn unbeweglich an, mit gesenktem Haupt und

übereinandergelegten Händen.

Am Kopfende des Bettes lag auf einem Tisch von Zypressenholz ein

Dolch. Der Anblick der funkelnden Klinge erregte in Salambo ein

blutdürstiges Verlangen. Es war ihr, als klagten ferne Stimmen durch

die Nacht, ein sie beschwörender Geisterchor. Sie trat näher, sie

faßte den Stahl beim Griff. Ihre Gewänder streiften den Schläfer. Da

öffnete Matho die Augen. Er berührte mit seinen Lippen ihre Hände, und

der Dolch fiel zu Boden.

Draußen erhob sich Geschrei. Erschreckende Helle leuchtete hinter dem

Zelt auf. Matho schlug die Leinwand am Eingang zurück: das Lager der

Libyer stand in Flammen.

Die Schilfhütten brannten. Die Rohrstäbe krümmten sich, platzten im

Qualm und schossen wie Pfeile davon. Am blutroten Horizont sah man

schwarze Schatten wirr durcheinander laufen. In den Hütten heulten

drin Verbliebene. Elefanten, Rinder und Pferde jagten mitten durch das

Getümmel und zertraten Menschen, Kriegsgerät und das aus den Flammen

gerettete Gepäck. Dazu Trompetensignale. Alles rief: »Matho! Matho!«

Man wollte in sein Zelt eindringen. »Komm! Hamilkar verbrennt Autarits

Lager!«

Er stürmte hinaus. Salambo blieb allein zurück.

Sie betrachtete den Zaimph, und als sie ihn sattsam angeschaut hatte,

war sie erstaunt, das Glück nicht zu fühlen, das sie sich davon

ersehnt hatte. Schwermütig stand sie vor ihrem unerfüllten Traume.

Da ward der Saum des Zeltes aufgehoben, und eine unförmige Gestalt

erschien. Salambo erkannte anfangs nichts als zwei Augen und einen

langen weißen Bart, der bis zur Erde hinabhing, denn der übrige Körper

kroch über den Boden, durch die Lumpen eines gelbroten Gewandes

behindert. Bei jeder Bewegung des Vorwärtskriechenden verschwanden die

beiden Hände im Barte und kamen dann wieder hervor. So schleppte sich

die Gestalt bis vor Salambos Füße. Jetzt erkannte sie den alten Gisgo.

Die Söldner hatten den gefangenen Gerusiasten, damit sie nicht

entflohen, mit Eisenstangen die Beine zerschmettert und ließen sie

alle durcheinander in der Grube im Unrat verkommen. Nur die Stärksten

richteten sich schreiend hoch, wenn sie das Klappern der Kochgeschirre

vernahmen. So hatte Gisgo Salambo bemerkt. An den kleinen Achatkugeln,

die an ihre Schuhe schlugen, hatte er erraten, daß es eine Karthagerin

sein müsse, und ergriffen von der Ahnung eines wichtigen Geheimnisses,

war es ihm mit Hilfe seiner Leidensgefährten gelungen, aus der Grube

hinauszuklettern. Dann hatte er sich auf Ellbogen und Händen die

zwanzig Schritte weiter bis zu Mathos Zelt geschleppt. Zwei Stimmen

sprachen darin. Er hatte draußen gelauscht und alles gehört.

»Du bist's!« sagte sie nach einer Weile, ganz entsetzt.

Gisgo richtete sich auf den Händen empor und erwiderte:

»Ja, ich bin's! Man hält mich wohl für tot, sag?«

Sie senkte den Kopf. Er redete weiter:

»O, warum haben mir die Götter diese Gnade nicht erwiesen?« Dabei

kroch er so nahe an sie heran, daß er sie streifte. »Sie hätten mir

den Schmerz erspart, dich verfluchen zu müssen!«

Salambo wich hastig zurück. Ihr graute es vor diesem schmutzigen

Wesen, das scheußlich war wie ein Gespenst und schrecklich wie ein

Ungeheuer.

»Ich bin fast hundert Jahre alt,« fuhr er fort. »Ich habe Agathokles

gesehen und Regulus. Hab es erlebt, daß die römischen Adler die Ernte

der punischen Felder zertraten. Hab alle Greuel des Krieges geschaut

und das Meer bedeckt gesehen mit den Trümmern unsrer Flotte! Barbaren,

deren Feldherr ich war, haben mich nun an Händen und Füßen gefesselt

wie einen Sklaven, der einen Mord begangen hat. Meine Gefährten

sterben einer nach dem andern um mich her. Der Gestank ihrer Leichen

läßt mich nachts nicht schlafen. Ich wehre die Vögel ab, die ihnen die

Augen aushacken wollen. Und dennoch: nicht einen Tag hab ich an

Karthago verzweifelt! Und hätte ich alle Heere der Welt im Kriege

gegen die Stadt gesehen, und wären die Feuer der Belagerer höher als

die Giebel seiner Tempel aufgelodert,--ich hätte doch an Karthagos

Ewigkeit geglaubt! Jetzt aber ist alles zu Ende, alles verloren! Die

Götter verabscheuen es! Fluch über dich, die du durch deine Schandtat

seinen Untergang beschleunigt hast!«

Sie wollte reden ...

»Ich war hier!« rief er aus. »Ich habe dich in girrender Liebe gesehen

wie eine Dirne! Ein Barbar hat dir seine Geilheit gezeigt, und du hast

ihm deine Hände zum Kusse gereicht! Und wenn du deiner schamlosen

Liebeswut auch nachgabst, so mußtest du wenigstens dem Beispiel der

wilden Tiere folgen, die sich bei der Paarung verbergen, nicht aber

deine Schande angesichts deines Vaters zur Schau stellen!«

»Ich verstehe dich nicht!« versetzte Salambo.

»So! Wußtest du nicht, daß die beiden Heereslager nur sechzig Ellen

voneinander entfernt sind? Und daß dein Matho im Übermaß seiner

Frechheit sein Zelt unmittelbar vor den Augen Hamilkars aufgeschlagen

hat? Dein Vater steht dort hinter dir, und wenn ich den Steg

hinaufsteigen könnte, der auf den Wall hinaufführt, so würde ich ihm

zurufen: Komm und sieh deine Tochter in den Armen des Barbaren! Um ihm

zu gefallen, hat sie das Kleid der Göttin angelegt, und mit ihrem

Leibe gibt sie ihm den Ruhm deines Namens preis und die Majestät

unsrer Götter und die Rache des Vaterlandes, ja das Heil Karthagos!«

Bei den Bewegungen seines zahnlosen Mundes flatterte sein langer Bart.

Seine Augen starrten Salambo an, wie um sie zu verschlingen, und im

Staube kriechend, wiederholte er keuchend:

»Gottlose! Verflucht seist du! Verflucht! Dreimal verflucht!«

Salambo hatte die Leinwand aufgehoben und hielt sie mit ausgestrecktem

Arme hoch. Stumm blickte sie nach Hamilkars Lager hinüber.

»Dort drüben, nicht wahr?« fragte sie.

»Was kümmerts dich! Hebe dich von hinnen! Weg von hier! Wühle dein

Antlitz lieber tief in den Boden ein! Das dort ist ein heiliger Ort,

den dein Blick entweiht!«

Sie warf sich den Zaimph um die Schultern, raffte hastig ihren

Schleier, ihren Mantel und ihr Schultertuch auf und rief:

»Ich will hin!«

Damit schlüpfte sie hinaus und verschwand.

Zunächst schritt sie durch das Dunkel, ohne jemandem zu begegnen, denn

alles eilte zur Brandstätte. Der Lärm ward immer heftiger. Große

Flammen röteten den Himmel hinter ihr. Der lange Wall versperrte ihr

den Weg.

Ziellos wandte sie sich nach rechts und nach links, suchte eine

Leiter, einen Strick, eine Treppe, irgend etwas, was ihr hinaufhelfen

könne. Sie hatte Furcht vor Gisgo, und es kam ihr vor, als ob Schreie

und Schritte sie verfolgten. Der Morgen dämmerte. Da gewahrte sie

einen Fußsteig, der schräg an der Schanze hinaufführte. Sie nahm den

Saum ihres Gewandes, der sie behinderte, zwischen die Zähne und

gelangte mit drei Sprüngen auf den Wall hinauf.

Ein lauter Ruf erklang unter ihr im Dunkeln, der nämliche, den sie

jüngst am Fuße der Galeerentreppe vernommen hatte. Sie beugte sich vor

und erkannte den Diener Schahabarims mit den beiden Pferden, die er an

den Zügeln hielt.

Er war die ganze Nacht zwischen den beiden Lagern hin und her

gestreift. Schließlich war er, durch die Feuersbrunst beunruhigt, an

den Wall herangegangen und hatte versucht, zu erspähen, was in Mathos

Lager vorgehe. Da er wußte, daß diese Stelle Mathos Zelt am nächsten

lag, so hatte er sie, dem Gebote des Priesters getreu, nicht wieder

verlassen.

Er stellte sich aufrecht auf eins der Pferde. Salambo glitt vom Walle

zu ihm hinunter. Dann umritten sie galoppierend das punische Lager, um

einen Eingang zu finden.

* * * * *

Matho war in sein Zelt zurückgekehrt. Die qualmende Lampe erhellte es

schwach. Er glaubte, Salambo schliefe. Behutsam tastete er mit der

Hand über das Löwenfell auf dem Palmenlager. Er rief. Keine Antwort.

Da riß er heftig ein Stück aus der Leinwand des Zeltes, damit das

Licht eindringe: der Zaimph war verschwunden.

Der Erdboden erbebte unter zahllosen Tritten. Lautes Geschrei,

Pferdegewieher und Waffengeklirr scholl durch die Luft.

Trompetensignale riefen zu den Alarmplätzen. Wie ein Orkan wirbelte es

um den Rebellenführer her. In maßloser Wut griff er nach seinen Waffen

und stürzte hinaus.

In langen Kolonnen stiegen die Barbaren den Hang hinab, während ihnen

die punischen Karrees in schwerfälligem, taktmäßigem Marsche

entgegenrückten. Der Nebel war eben von den ersten Sonnenstrahlen

zerrissen worden. Kleine tanzende, allmählich höher fliegende Wölkchen

flatterten um die Standarten, Helme und Lanzenspitzen, die mehr und

mehr sichtbar wurden. Bei der raschen Bewegung der Truppenmassen

schien es, als ob sich ganze Teile des Bodens, die noch im Schatten

lagen, mit einem Male verschöben. An andern Stellen war es, als ob

sich Gießbäche kreuzten, aus denen unbewegliche stachlige Massen

herausragten. Matho konnte die Hauptleute, die Soldaten, die Herolde

erkennen, sogar die Troßknechte auf ihren Eseln. Mit einem Male sah

er, wie Naravas seine bisherige Stellung, in der er die Flanke des

Fußvolks decken sollte, verließ und nach rechts abschwenkte, als wolle

er sich von den Puniern in seine eigne Flanke fallen lassen.

Seine Reiter galoppierten über die Elefanten hinaus, die nunmehr

langsamer vorrückten. Die Pferde der Numidier verstärkten ihr Tempo.

Mit weit vorgestreckten zügellosen Hälsen stürmten sie in so wilder

Fahrt dahin, daß ihre Bäuche die Erde zu berühren schienen. Plötzlich

ritt Naravas geradenwegs auf eine der feindlichen Patrouillen los,

warf Schwert, Lanze und Wurfspeere von sich und verschwand alsbald

unter den Karthagern. Als der Numidierfürst in das Zelt Hamilkars

trat, wies er rückwärts auf seine Schwadronen, die Halt gemacht

hatten, und sagte:

»Barkas! Ich führe sie dir zu! Sie sind dein!«

Dann warf er sich zum Zeichen der Unterwürfigkeit vor Hamilkar nieder,

und um ihm seine Treue zu beweisen, erinnerte er ihn an alle

Einzelheiten seines Verhaltens seit dem Ausbruche des Krieges.

Nach seiner Behauptung hatte er die Belagerung von Karthago und die

Niedermetzelung der Gefangenen verhindert. Ferner hätte er den Sieg

über Hanno nach der Niederlage bei Utika nicht ausgenutzt. Was die

tyrischen Städte beträfe, so befänden sie sich ja an den Grenzen

seines Reiches. Endlich hätte er sich an der Schlacht am Makar nicht

beteiligt, ja, sich absichtlich entfernt, um nicht gegen den Marschall

kämpfen zu müssen.

In Wahrheit hatte Naravas sein Reich durch Einfälle in die punischen

Provinzen vergrößern wollen und daher die Söldner je nach den

Siegesaussichten bald unterstützt, bald im Stiche gelassen. Weil er

jetzt aber einsah, daß Hamilkar am Ende doch triumphieren würde, ging

er zu ihm über. Vielleicht lag seinem Abfall auch persönlicher Groll

gegen Matho zugrunde, sei es wegen des Oberbefehls oder wegen seiner

alten Liebe.

Der Suffet hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen. Der Mann, der sich

derart in ein Heer hineinwagte, dessen Rache er gewärtig sein mußte,

war kein zu verachtender Bundesgenosse. Sofort erkannte Hamilkar die

Nützlichkeit des Bündnisses mit ihm für seine großen Pläne. Mit Hilfe

der Numidier vermochte er die Libyer in Schach zu halten. Dann konnte

er die westlichen Völker bei der Eroberung Spaniens mit verwenden.

Ohne ihn zu fragen, warum er nicht früher gekommen sei, und ohne eine

seiner Lügen zu widerlegen, küßte er Naravas und umarmte ihn dreimal.

Um eine Entscheidung herbeizuführen, lediglich aus Verzweiflung, hatte

er das Lager der Libyer in Brand gesteckt. Die Numidier kamen ihm wie

eine von den Göttern gesandte Hilfe. Er verbarg aber seine Freude und

erwiderte:

»Mögen die Götter dir gnädig sein! Ich weiß nicht, was die Republik

für dich tun wird, aber Hamilkar ist kein Undankbarer!«

Das Getöse nahm zu. Stabsoffiziere traten ein. Während Hamilkar seine

Rüstung anlegte, sagte er:

»Rasch! Mache Kehrt! Treibe mit deinen Reitern ihr Fußvolk zwischen

deine und meine Elefanten! Vorwärts! Vernichte sie!«

Naravas wollte hinausstürzen, da erschien Salambo. Sie sprang von

ihrem Pferde, öffnete ihren weiten Mantel, breitete die Arme aus und

entfaltete den Zaimph.

Vom Lederzelt aus, das an den Ecken hochgeschlagen war, übersah man

den ganzen Umkreis des von Soldaten erfüllten Gebirgskessels, und da

Salambo gleichsam im Mittelpunkte stand, so erblickte man sie von

allen Seiten. Ein ungeheurer Lärm brach aus, ein langer Triumph- und

Hoffnungsschrei. Die vorrückenden Kolonnen standen still. Sterbende

stützten sich auf ihre Ellbogen auf, schauten hin und segneten sie.

Auch alle Barbaren wußten nun, daß sie den Zaimph zurückgeholt hatte.

Sie sahen Salambo von ferne oder glaubten sie zu sehen. Von neuem

ertönten Rufe, Schreie der Wut und der Rache, dem Jubel der Karthager

zum Trotz. So stampften und brüllten fünf Heere aus ihren an den

Hängen gestaffelten Stellungen.

Keines Wortes mächtig, dankte Hamilkar mit einem Nicken des Hauptes.

Seine Augen richteten sich bald auf den Zaimph, bald auf seine

Tochter. Da bemerkte er, daß ihre Fußkette zerrissen war. Er

schauderte zusammen, von furchtbarem Argwohn gepackt. Doch rasch nahm

er seine gleichgültige Miene wieder an und blickte Naravas, ohne den

Kopf zu wenden, von der Seite an.

Der Numidierfürst war in bescheidener Haltung zurückgetreten. Auf

seiner Stirn lag noch etwas von dem Staube, den er beim Niederfallen

berührt hatte. Nach einer Weile trat der Marschall auf ihn zu und

sagte in feierlicher Weise:

»Zum Lohne für die Dienste, die du mir geleistet, Naravas, gebe ich

dir meine Tochter zum Weibe! Sei mir Sohn und Bundesgenosse!«

Mit einer Gebärde der größten Überraschung, beugte sich Naravas über

Hamilkars Hände und bedeckte sie mit Küssen.

Salambo stand unbeweglich wie eine Bildsäule da. Sie tat, als

verstünde sie den Vorgang nicht. Sie errötete aber leicht und schlug

die Augen nieder. Und ihre langen geschweiften Wimpern warfen Schatten

über ihre Wangen.

Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren Verlöbnisses

vollziehen. Man legte Salambo eine Lanze in die Hand, die sie Naravas

reichte. Dann band man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus

Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die Häupter, das um sie

her niederfiel und wieder aufsprang wie Hagelschlag.

XII

Die Wasserleitung

Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur noch ein Haufen

Verwundeter, Toter und Sterbender übrig.

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago · 第 17 / 27 段