mit kretischem Rosenharz und Paradieskörnern gefüllt waren. Dann
rollte sie große babylonische Teppiche auf und hängte sie an Schnüren
rings an den Wänden auf. Salambo wollte von niemandem gesehen werden,
selbst von den Mauern nicht. Der Harfenspieler hockte hinter der Tür.
Der Knabe stand aufrecht daneben und hielt eine Schilfflöte an seinen
Lippen. In der Ferne, halbverklungen, summte der Straßenlärm. Die
Säulenhallen der Tempel warfen lange violette Schatten, und auf der
andern Seite des Golfes verschwammen die Bergzüge, die Olivenhaine und
die gelben, endlos sich hinwellenden Felder in bläulichem Dufte. Man
hörte keinen Laut. Unsägliche Mattigkeit lastete in der Luft. Salambo
kauerte am Rande des Wasserbeckens auf der Onyxstufe nieder, streifte
ihre weiten Ärmel zurück, befestigte sie hinter den Schultern und
begann ihre Waschungen vorschriftsmäßig nach den heiligen Bräuchen.
Dann brachte Taanach ihr in einem Alabasterfläschchen eine
halbgeronnene Flüssigkeit. Es war das Blut eines schwarzen Hundes, der
in einer Winternacht von unfruchtbaren Weibern in den Ruinen eines
Grabes getötet worden war. Salambo rieb sich damit die Ohren, die
Fersen und den Daumen der rechten Hand ein, wobei der Fingernagel ein
wenig gerötet wurde, als hätte er eine Frucht zerdrückt.
Der Mond ging auf. In diesem Augenblicke begannen Harfe und Flöte
ineinander zu tönen.
Salambo legte ihre Ohrgehänge, ihr Halsband, ihre Armringe und ihr
langes weißes Obergewand ab, löste ihre Haarbinde und schüttelte ihr
sie umwallendes Haar eine Weile leise, um sich an den Strähnen die
Schultern zu kühlen. Die Musik draußen tönte fort: es waren drei
hastige wilde Töne, die immer wiederkehrten. Die Saiten der Harfe
klangen schrill, die Flöte gurgelte. Taanach schlug den Takt mit ihren
Händen. Salambo wiegte sich mit ihrem ganzen Körper und sang Gebete
ab, wobei ihre Kleider niederfielen, eins nach dem andern. Einer der
schweren Teppiche an der Wand bewegte sich, und über der Schnur, die
ihn trug, erschien der Kopf der Pythonschlange. Langsam glitt sie
herab wie ein Wassertropfen, der an der Wand herunterrinnt, kroch
zwischen den daliegenden Gewändern hin und richtete sich dann, den
Schwanz auf den Boden gestemmt, kerzengerade in die Höhe. Ihre starr
auf Salambo gerichteten Augen blitzten heller denn Karfunkelsteine.
Aus Scheu vor der Kälte oder vielleicht auch aus Scham zögerte Salambo
eine Weile. Dann aber fielen ihr die Befehle Schahabarims ein, und sie
ging auf die Schlange zu. Diese neigte sich herab, legte die Mitte
ihres Leibes auf den Nacken der Jungfrau und ließ Kopf und Schwanz
herunterhängen wie ein zerbrochenes Halsband, dessen beide Enden zu
Boden fallen. Salambo schlang das Tier um ihre Hüften, unter ihren Arm
hindurch, um ihre Knie. Dann faßte sie es beim Kopfe, drückte seinen
kleinen dreieckigen Rachen dicht an ihre Lippen und beugte sich mit
halbgeschlossenen Augen hintenüber. Das weiße Mondlicht umsickerte sie
mit silbrigem Nebel. Die nassen Spuren ihrer Füße glänzten auf den
Fliesen. Helle Sterne zitterten in der Tiefe des Wassers. Die Schlange
schmiegte ihre schwarzen goldgesprenkelten Schuppen eng an Salambo.
Sie keuchte unter dieser schweren Last. Ihre Hüften gaben nach. Sie
fühlte sich dem Tode nahe. Der Python streichelte ihr mit dem
Schwanzende sanft die Schenkel ...
Plötzlich schwieg die Musik, und das Tier sank zurück.
Taanach trat wieder zu Salambo; und nachdem sie zwei Lampen
aufgestellt hatte, deren Flammen in wassergefüllten Kristallkugeln
brannten, färbte sie die Handflächen ihrer Herrin mit Henna, streute
ihr auf die Wangen Zinnober, Antimon über die Augenlider, und
verlängerte ihre Wimpern mit einem Brei aus Gummi, Moschus, Ebenholz
und zerquetschten Fliegenfüßen.
Salambo saß auf einem Stuhle mit Elfenbeinfüßen und überließ sich der
Sorgfalt ihrer Sklavin. Doch die Hantierungen, der Duft der
Parfümerien und der Hunger nach dem langen Fasten gingen über ihre
Kräfte. Sie wurde so bleich, daß Taanach innehielt.
»Fahr fort!« gebot Salambo.
Sie nahm sich gewaltsam zusammen und kam allmählich wieder zu sich.
Jetzt ward sie voller Unruhe und trieb Taanach zur Eile an. Die alte
Dienerin murmelte:
»Ja, ja, Herrin! Es erwartet dich doch niemand!«
»Doch!« erwiderte Salambo. »Es erwartet mich wohl jemand!«
Taanach fuhr vor Erstaunen zurück, und um mehr zu erfahren, fragte
sie:
»Was befiehlst du, Herrin? Denn wenn du fort mußt ...«
Da brach Salambo in Tränen aus.
»Du leidest!« rief die Sklavin. »Was fehlt dir? Geh nicht fort! Nimm
mich mit! Als du noch ganz klein warst, nahm ich dich an mein Herz,
wenn du weintest, und brachte dich mit den Spitzen meiner Brüste zum
Lachen. Du hast sie ausgesogen, Herrin!« Dabei schlug sie sich auf
ihren vertrockneten Busen. »Jetzt bin ich alt und kann nichts mehr für
dich tun! Du liebst mich nicht mehr! Du verheimlichst mir deine
Schmerzen! Du verachtest die Amme!« Sie weinte vor Liebe und Ärger,
und die Tränen rannen an ihren Wangen herab durch die Narben ihrer
Tätowierung.
»Nein!« sagte Salambo. »Ich liebe dich doch! Sei guten Muts!«
Mit einem Lächeln, das der Grimasse eines alten Affen glich, nahm
Taanach ihre Beschäftigung wieder auf. Die Herrin hatte ihr auf
Schahabarims Geheiß befohlen, sie prächtig zu schmücken, und so ward
Salambo nach einem barbarischen Geschmack geputzt, der eine Mischung
von Unnatur und Naivität war.
Über das dünne weinrote Hemd zog sie ein Kleid, mit Vogelfedern
bestickt. Ein breiter goldschuppiger Gürtel umschloß ihre Hüften, von
dem ihre blauen bauschigen mit Silbersternen besetzten Beinkleider
herabwallten. Dann legte ihr Taanach ein zweites Gewand aus weißer
Chinaseide mit grünen Streifen an. Auf den Schultern befestigte sie
ihr ein viereckiges Purpurtuch, dessen Saum von Sandasterkörnern
beschwert war. Über all diese Kleider hing sie einen schwarzen Mantel
mit langer Schleppe. Hierauf betrachtete sie Salambo; und stolz auf
ihr Werk, konnte sie nicht umhin, zu erklären:
»Am Hochzeitstage wirst du nicht schöner aussehen!«
»Am Hochzeitstage!« wiederholte Salambo und verlor sich in
Träumereien, indes sie den Ellbogen auf die Stuhllehne aus Elfenbein
stützte.
Taanach stellte vor ihr einen Kupferspiegel auf, der so hoch und breit
war, daß sie sich vollständig darin erblicken konnte. Da erhob sich
Salambo und schob mit einer leichten Handbewegung eine Locke zurück,
die zu tief herabhing.
Ihr Haar war mit Goldstaub gepudert, auf der Stirn gekräuselt und floß
in langen Locken, an deren Enden Perlen hingen, den Rücken hinab. Das
Licht der Lampe belebte die Schminke auf ihren Wangen, das Gold auf
ihren Gewändern und die Blässe ihrer Haut. Um die Hüften, an den
Handgelenken, Fingern und Zehen trug sie eine solche Fülle von
Edelsteinen, daß der Spiegel wie von Sonnenstrahlen sprühte. So stand
Salambo hochaufgerichtet neben Taanach, die sich vorbeugte, um sie zu
betrachten, und lächelte über all den Glanz.
Dann ging sie hin und her, damit ihr die Zeit, die ihr noch blieb,
schneller vergehe.
Da ertönte ein Hahnenschrei. Schnell steckte Salambo einen langen
gelben Schleier auf ihrem Haar fest, schlang ein Tuch um den Hals,
fuhr mit den Füßen in blaue Lederschuhe und befahl Taanach:
»Geh und sieh unter den Myrtenbäumen nach, ob da nicht ein Mann mit
zwei Pferden wartet!«
Kaum war Taanach zurück, so stieg Salambo die Galeerentreppe hinunter.
»Herrin!« rief ihr die Amme nach.
Salambo wandte sich um und legte einen Finger auf den Mund, zum
Zeichen, daß sie schweigen und sich nicht rühren solle.
Taanach schlich leise an den Schiffsschnäbeln vorüber an das Geländer.
Im Scheine des Mondes bemerkte sie unten in der Zypressenallee einen
gigantischen Schatten, der schräg zur Linken von Salambo hinhuschte.
Das mußte ein Vorzeichen des Todes sein!
Taanach lief in das Zimmer zurück. Dort warf sie sich lang hin, zerriß
ihr Gesicht mit den Fingernägeln, raufte sich das Haar und stieß ein
lautes, gellendes Geheul aus.
Dann aber kam ihr der Gedanke, man könne sie hören. Da ward sie still
und schluchzte nur noch ganz leise, den Kopf in die Hände und die
Stirn auf den Boden gepreßt.
XI
Im Zelte
Der Mann, der Salambo führte, ritt mit ihr in der Richtung nach der
Totenstadt, erst bergauf, über den Leuchtturm hinaus, dann durch die
langgestreckte Vorstadt Moluya mit ihren abschüssigen Gassen. Der
Himmel begann hell zu werden. Balken aus Palmenholz, die aus den
Mauern herausragten, zwangen sie bisweilen, sich zu bücken. Obwohl die
beiden Pferde im Schritt gingen, glitten sie doch oft aus. So
gelangten sie endlich an das Tevester Tor.
Die schweren Torflügel standen halb auf. Die beiden ritten hindurch.
Dann schloß sich das Tor hinter ihnen.
Zuerst zogen sie eine Zeitlang am Fuße der Festungswerke hin. Auf der
Höhe der Zisternen angelangt, nahmen sie die Richtung nach der Taenia,
einer schmalen Nehrung aus gelbem Sande, die den Golf vom Haff trennt
und sich bis nach Rades erstreckte.
Kein Mensch war zu sehen, weder in Karthago, noch auf dem Meer oder in
der Ebene. Die schiefergraue Flut brandete leise, und der leichte
Wind, der mit dem Schaum spielte, jagte weiße Flocken meerwärts. Trotz
aller ihrer Kleider und Schleier fröstelte Salambo in der Morgenkühle.
Die Bewegung und die frische Luft betäubten sie. Dann aber ging die
Sonne auf. Bald brannte sie ihr auf den Hinterkopf und machte sie
schläfrig. Die beiden Pferde trotteten im Paß nebeneinander her. Ihre
Hufe versanken lautlos im Sande.
Als sie den Berg der Heißen Wasser hinter sich hatten, wurde der Boden
fester. Nun ritten sie in flotterer Gangart weiter.
Obwohl es die Zeit des Ackerns und Säens war, dehnten sich die Felder,
soweit der Blick reichte, doch öde hin wie eine Wüste. An einzelnen
Stellen lagen Haufen von Getreide unordentlich da. Anderswo fielen die
Körner aus überreifen Ähren. Am hellen Horizont hoben sich Dörfer in
losen, zackigen, schwarzen Umrissen ab.
Hin und wieder standen rauchgeschwärzte Mauerreste am Rande des Weges.
Die Dächer der Hütten waren eingestürzt, und im Innern sah man
Topfscherben, Kleiderfetzen, allerlei Hausrat und Gegenstände
zerbrochen und kaum noch kenntlich umherliegen. Oft kroch ein in
Lumpen gehülltes Wesen mit erdfahlem Antlitz und flammenden Augen aus
den Trümmern hervor, lief aber schleunigst wieder davon oder
verschwand in irgendeinem Loche. Salambo und ihr Führer machten
nirgends Halt.
Verödete Ebenen folgten einander. Weite Flächen hellgelben Bodens
waren strichweise mit Kohlenstaub bedeckt, der hinter den Hufen der
Pferde aufwirbelte. Bisweilen kamen sie auch an friedsamen Stätten
vorüber, wo ein Bach zwischen hohen Gräsern rann; und wenn sie am
andern Ufer wieder hinaufritten, riß Salambo feuchte Blätter ab, um
sich die Hände damit zu kühlen. An der Ecke eines Oleandergebüsches
machte ihr Pferd einmal einen großen Satz vor dem Leichnam eines
Mannes, der am Boden lag.
Der Sklave setzte sie sofort wieder auf ihrem Sattelkissen zurecht. Er
war einer von den Tempeldienern, ein Mann, den Schahabarim
gelegentlich zu gefährlichen Sendungen gebrauchte.
Der Sicherheit halber lief er fortan zu Fuß zwischen den Pferden neben
Salambo hin und trieb die Tiere mit dem Ende eines um den Arm
geschlungenen Lederriemens an. Mitunter entnahm er einem an seiner
Brust hängenden Körbchen kleine Kügelchen, die aus Weizen, Datteln und
Eidotter bereitet und in Lotosblätter gewickelt waren. Er reichte sie
Salambo im Gange, ohne ein Wort zu sagen.
Gegen Mittag kreuzten drei mit Tierfellen bekleidete Barbaren ihren
Weg. Nach und nach tauchten noch andre auf. Sie streiften in Trupps
von zehn, zwölf bis fünfundzwanzig Mann herum. Manche trieben eine
Ziege oder eine lahme Kuh. Ihre schweren Stöcke waren mit Eisenspitzen
versehen. Große Messer blitzten unter ihren verwahrlosten, schmutzigen
Kleidern. Sie rissen die Augen auf, halb drohend, halb verblüfft. Im
Vorüberziehen riefen die einen den alltäglichen Gruß, andre
zweideutige Scherzworte aus, und Salambos Begleiter antwortete einem
jeden in seiner Sprache. Manchen erzählte er, er begleite einen
kranken Knaben, der zu seiner Heilung nach einem fernen Tempel
wallfahre.
Inzwischen ward es Abend. Fern erscholl Hundegebell. Sie ritten darauf
zu.
Im Dämmerschein erblickten sie eine Umfriedung aus lose aufgehäuften
Steinen um ein fragwürdiges Gebäude herum. Ein Hund lief auf dem
Geröll hin. Der Sklave verjagte ihn mit ein paar Steinwürfen. Sie
traten in ein geräumiges Gewölbe.
Mitten darin hockte eine Frau und wärmte sich an einem Reisigfeuer,
dessen Rauch durch Löcher in der Decke abzog. Ihr weißes Haar, das ihr
bis auf die Knie herabreichte, verbarg sie zur Hälfte. Sie wollte
keine Antwort geben und murmelte mit blöder Miene Verwünschungen gegen
die Karthager wie gegen die Barbaren.
Der Läufer stöberte rechts und links herum. Dann trat er wieder zu der
Alten und forderte etwas zu essen. Sie schüttelte den Kopf und
murmelte, in die Kohlen starrend:
»Ich war die Hand ... Die zehn Finger sind abgeschnitten ... Der Mund
ißt nicht mehr ...«
Der Sklave zeigte ihr eine Handvoll Goldstücke. Die Alte stürzte sich
darüber her, nahm aber alsbald ihre unbewegliche Haltung wieder an.
Da setzte er ihr den Dolch, den er im Gürtel trug, an die Kehle.
Alsbald schickte sie sich zitternd an, einen großen Stein aufzuheben.
Schließlich brachte sie eine Amphora voll Wein, dazu in Honig
eingemachte Fische herbei, die aus Hippo-Diarrhyt bezogen waren.
Salambo wies diese unreine Speise von sich und schlief auf den
Pferdedecken ein, die ihr Begleiter in einer Ecke des Gemachs auf den
Boden gebreitet hatte.
Vor Tagesanbruch weckte er sie.
Der Hund heulte. Der Sklave schlich leise an ihn heran und hieb ihm
mit einem einzigen Messerschlage den Kopf ab. Mit seinem Blute
bestrich er die Nüstern der Pferde, um sie zu erfrischen. Die Alte
schleuderte ihm aus dem Winkel einen Fluch nach. Salambo hörte ihn und
drückte das Amulett, das sie an der Brust trug, fest an sich.
Sie setzten ihren Marsch fort.
Von Zeit zu Zeit fragte sie, ob sie noch nicht bald da seien. Der Weg
hob und senkte sich über kleine Anhöhen hin. Man hörte nichts als das
Zirpen der Grillen. Die Sonne dörrte das vergilbte Gras. Der Boden war
kreuz und quer von Rissen durchzogen, so daß er aussah wie aus großen
Platten zusammengefügt. Bisweilen kroch eine Schlange vorbei. Adler
flogen über sie hinweg. Der Sklave eilte immer weiter. Salambo träumte
unter ihrem Schleier, lockerte ihn aber trotz der Hitze nicht, aus
Furcht, ihre schönen Gewänder könnten beschmutzt werden.
In regelmäßigen Abständen erhoben sich Türme, von den Karthagern
erbaut, um die Stämme zu überwachen. Die beiden traten ein, um ein
wenig im Schatten zu rasten, und setzten dann ihren Weg fort.
Am Tage vorher hatten sie aus Vorsicht einen weiten Umweg gemacht. Nun
aber begegneten sie niemandem. Die Gegend war unfruchtbar, und die
Barbaren hatten sie darum nicht durchstreift.
Allmählich aber wurden abermals Spuren von Verwüstung bemerkbar.
Bisweilen lag mitten auf einem Felde eine Mosaik, der einzige Überrest
eines verschwundenen Schlosses. Auch kam man an entblätterten Ölbäumen
vorüber, die von ferne aussahen wie große kahle Dornbüsche. Einmal
ritten die beiden durch eine Ortschaft, deren Häuser bis auf den Grund
niedergebrannt waren. An den Mauern erblickte man menschliche
Skelette, auch solche von Dromedaren und Maultieren. Halbzernagtes Aas
versperrte die Straßen.
Die Nacht sank herab. Der Himmel hing tief und war mit Wolken bedeckt.
Noch zwei volle Stunden ritten sie in westlicher Richtung bergan, dann
erblickten sie plötzlich vor sich eine Anzahl kleiner Feuer.
Sie brannten in der Tiefe eines Talkessels. Hier und da blitzten
goldne Flecken auf, die sich hin und her bewegten. Das waren die
Panzer der Klinabaren im punischen Lager. Dann unterschieden sie in
weiten Kreisen noch andre zahlreichere Lichter, denn die jetzt
vereinigten Heere der Söldner nahmen viel Raum ein.
Salambo wollte geradeaus reiten. Doch der Läufer führte sie stark
seitwärts. Bald ritten sie längs des Walles hin, der das Barbarenlager
umschloß. An einer Stelle war ein Durchlaß. Der Sklave verschwand.
Auf der Krone des Walles schritt ein Posten auf und ab, einen Bogen in
der Hand, eine Lanze über der Schulter.
Salambo ritt auf ihn zu. Der Barbar kniete nieder, und ein langer
Pfeil durchbohrte den Saum ihres Mantels. Als sie daraufhin
unbeweglich stehen blieb, rief der Posten sie an und fragte nach ihrem
Begehr.
»Ich will mit Matho reden!« antwortete sie. »Ich bin ein Überläufer
aus Karthago.«
Der Soldat stieß einen Pfiff aus, der sich von Posten zu Posten
wiederholte.
Salambo wartete. Ihr Pferd wurde unruhig und drehte sich schnaubend im
Kreise.
Als Matho kam, ging der Mond gerade hinter Salambo auf. Doch da sie
ihren gelben Schleier, auf dem schwarze Blumen gestickt waren, vor dem
Gesicht und so viele Gewänder um ihren Leib trug, war sie unerkennbar.
Von der Höhe des Walles herab betrachtete der Libyer die formlose
Gestalt, die ihm im Abendzwielicht wie ein Gespenst erschien.
Endlich sprach sie zu ihm:
»Führe mich in dein Zelt! Ich will es!«
Eine unklare Erinnerung schoß ihm durch den Kopf. Er fühlte, wie sein
Herz pochte. Der gebieterische Ton schüchterte ihn ein.
»So folge mir!« sagte er.
Die Schranke fiel. Salambo war im Lager der Barbaren.
Lauter Lärm und Menschenmengen erfüllten es. Helle Feuer loderten
unter aufgehängten Kesseln. Ihr purpurner Widerschein beleuchtete
grell einzelne Stellen, während er andre in schwarzem Dunkel ließ. Man
schrie und rief. Pferde standen in langen geraden Reihen angehalftert,
in der Mitte des Lagers. Die Zelte waren rund oder viereckig, aus
Leder oder Leinwand. Dazwischen sah man Schilfhütten oder auch
einfache Löcher im Sande, wie sie sich die Hunde scharren. Die
Soldaten fuhren Faschinen, lagen mit aufgestütztem Ellbogen auf der
Erde oder schickten sich, in Decken gewickelt, zum Schlafen an. Um
über sie hinwegzugelangen, mußte Salambos Pferd mehrere Male springen.
Sie entsann sich, alle diese Leute schon gesehen zu haben. Nur waren
ihre Bärte jetzt länger, ihre Gesichter schwärzer und ihre Stimmen
rauher. Matho schritt vor ihr her und machte ihr mit Gesten des Armes,
die seinen roten Mantel lüfteten, den Weg frei. Manche der Soldaten
küßten ihm die Hände. Andre sprachen ihn in ehrfürchtiger Haltung an,
um Befehle zu empfangen. Er war jetzt der wirkliche einzige Feldherr
der Barbaren. Spendius, Autarit und Naravas hatten den Mut verloren.
Er dagegen hatte so viel Kühnheit und Ausdauer an den Tag gelegt, daß
ihm alle gehorchten.
Salambo ritt hinter ihm durch das ganze Lager. Mathos Zelt lag am
Ende, nur noch dreihundert Schritte entfernt von Hamilkars
Verschanzungen.
Zur Rechten bemerkte sie eine breite Grube, und es kam ihr vor, als ob
über ihrem Rande dicht am Boden Gesichter auftauchten. Sie sahen wie
abgeschnittene Köpfe aus, doch ihre Augen bewegten sich, und ihren
halbgeöffneten Lippen entflohen Klagen in punischer Sprache.
Zwei Neger mit Harzfackeln standen an beiden Seiten der Zelttür. Matho
schlug hastig die Leinwand zurück. Salambo folgte ihm.
Es war ein längliches Zelt mit einem Mast in der Mitte. Eine große
Lampe in Form einer Lotosblüte erleuchtete es. Sie war bis zum Rande
mit gelbem Öl gefüllt. Dicke Wergflocken schwammen darauf. Im Dunkel
erkannte man blinkendes Kriegsgerät. Ein bloßes Schwert lehnte neben
einem Schilde an einem Schemel. Peitschen aus Flußpferdhaut, Zimbeln,
Schellen und Halsketten lagen bunt durcheinander auf geflochtenen
Körben. Schwarze Brotkrumen bedeckten eine Filzdecke. In einer Ecke
auf einer runden Steinplatte lagen Kupfermünzen nachlässig aufgehäuft,
und durch die Risse in der Leinwand blies der Wind von draußen Staub
und den Geruch der Elefanten herein, die man fressen und mit ihren
Ketten rasseln hörte.
»Wer bist du?« fragte Matho.
Salambo blickte sich langsam nach allen Seiten um, ohne zu antworten.
Dann wandten sich ihre Augen nach dem Hintergrund des Zeltes und
blieben auf einem bläulich glitzernden Gegenstand haften, der über
einem Lager aus Palmzweigen hing. Sofort schritt sie darauf zu. Ein
Schrei entfuhr ihr. Matho blieb hinter ihr und stampfte mit dem Fuße.
»Was führt dich her? Wozu kommst du?«
Sie wies auf den Zaimph und erwiderte:
»Um das da zu holen!«
Mit der andern Hand riß sie den Schleier von ihrem Gesicht. Matho wich
zurück, betroffen, fast erschrocken, die Arme nach hinten gestreckt.
Sie fühlte sich von göttlicher Kraft beseelt. Auge in Auge schaute sie
ihn an und forderte den Zaimph. Sie verlangte ihn zurück mit beredten
hochmütigen Worten.
Matho hörte nicht. Er betrachtete sie. Ihre Gewänder waren in seinen
Augen eins mit ihrem Leibe. Die schillernden Stoffe waren ihm ebenso
wie ihre schimmernde Haut etwas ganz Besonderes, das nur ihr eigen
war. Ihre Augen blitzten im Feuer ihrer Diamanten, und der Glanz ihrer
Fingernägel war der Widerschein der funkelnden Steine, die ihre Finger
umstrahlten. Die beiden Spangen ihrer Tunika zwängten ihren Busen ein
wenig in die Höhe und preßten die beiden Brüste näher aneinander.
Mathos Gedanken verloren sich in dem engen Raume zwischen diesen
beiden Hügeln, wo an einer Schnur ein smaragdbesetztes Medaillon
herabhing. Etwas tiefer lugte es unter der violetten Gaze hervor. Als
Ohrgehänge trug sie zwei kleine Schalen aus Saphir, deren jede eine
hohle, mit wohlriechender Flüssigkeit gefüllte Perle trug. Durch
winzige Löcher in den Perlen sickerte von Zeit zu Zeit ein Tröpfchen
des Parfüms herab und benetzte ihre nackten Schultern. Matho sah eins
fallen.
Unbezähmbare Neugier ergriff ihn, und wie ein Kind, das nach einer
unbekannten Frucht greift, berührte er Salambo zitternd mit der Spitze
eines Fingers oben am Busen. Das kühle Fleisch gab mit elastischem
Widerstand nach.
Diese kaum fühlbare Berührung erregte Matho bis in das Mark feiner
Knochen. Eine wilde Wallung durchflutete seinen ganzen Körper und
drängte ihn jäh nach ihr hin. Er hätte sie umschlingen, sie in sich
saugen, sie trinken mögen. Seine Brust keuchte, seine Zähne klapperten
aufeinander.
Er ergriff Salambo bei den Handgelenken und zog sie sanft an sich.
Dann ließ er sich auf einen Harnisch neben dem Lager aus Palmzweigen
nieder, auf dem ein Löwenfell ausgebreitet war. Salambo blieb aufrecht
stehen. Er hielt sie zwischen seinen Schenkeln und schaute sie vom
Kopf bis zu den Füßen an. Immer wieder sagte er.
»Wie schön bist du! Wie schön bist du!«
Seine Blicke, die unablässig auf ihre Augen gerichtet waren, taten ihr
weh, und dieses Mißbehagen, dieser Widerwille wurde ihr so
schmerzhaft, daß sie an sich halten mußte, um nicht aufzuschreien.
Schahabarim fiel ihr ein. Sie fügte sich.
Matho hielt ihre kleinen Hände immerfort in den seinen, aber von Zeit
zu Zeit wandte Salambo trotz des priesterlichen Gebotes den Kopf weg
und versuchte, sich durch eine Armbewegung loszumachen. Er sog mit
weitgeöffneten Nasenflügeln den Duft ein, der von ihr ausströmte,
einen unbestimmbaren Geruch, frisch und doch betäubend wie Weihrauch,
einen Duft von Honig, Gewürz, Rosen und allerlei Seltsamkeiten.
Aber wie kam sie zu ihm? In sein Zelt, in seine Gewalt? Ohne Zweifel
hatte jemand sie dazu angestiftet. War sie wegen des Zaimphs gekommen?
Seine Arme fielen schlaff herab. Er neigte den Kopf und versank in
schwermütige Träumerei.
Um ihn zu rühren, sagte sie mit klagender Stimme:
»Was habe ich dir getan, daß du meinen Tod willst?«
»Deinen Tod?«
Sie fuhr fort: