Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die über die

Flügel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als

sich beide Heere auf dreihundert Schritt genähert hatten, machten die

punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten

die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das

Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch die

feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder zu den andern zu

stoßen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures

Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem

Dromedar herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts!

Vorwärts!«

Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln alle auf

einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen

getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten

sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.

Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, übertönt von

dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wütend geblasen wurden. Der

Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und

wildem Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein.

Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und

gleichzeitig sah man auf den Flügeln das leichte Fußvolk wieder im

Laufschritt heranstürmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.

Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle

zu öffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in

ihrer Rückwärtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch

auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese verlängern. Er

hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, daß die Karthager

in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine

lange gerade Schlachtlinie bildeten.

In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen

Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je sechzehn Mann tief und

ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von

Lanzenspitzen, die weit über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder

hielten ihre Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe

zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die

Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden

zur Hälfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schützten den

rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis

zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte wie ein

einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich

zuverlässig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die

Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die

Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken

blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen

Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen im Zug,

während in den Türmen Schützen, bis an die Schultern gedeckt, große

Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt,

als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten

die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, eine zweite

um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die

Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen

zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold

strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die

Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen

der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schließlich

bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein

Handpferd führten, die beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.

Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht

festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen Ausdehnung waren

Bogen und Lücken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.

Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung und machte

mit gefällten Lanzen einen Vorstoß im Laufschritt. Unter ihrem

wuchtigen Anprall gab die allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der

Mitte nach.

Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner zu umfassen.

Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx aber durchbrach nunmehr durch

eine nochmalige Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden

langen Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber die

karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, Wurfspießen

und Pfeilen gegen die eingedrungene Phalanx zurück. Um den

Geschoßangriff abzuschlagen, fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die

wenige, die da war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem

rechten Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So war alles

festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen Massen

loskommen. Die Gefahr war drohend und ein Entschluß dringend

notwendig.

Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden Flanken

anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber die Flügelrotten

manöverierten so geschickt, daß die Phalanx sich auch hier gegen die

Barbaren wandte, ebenso furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher

in der Front gewesen war.

Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein, doch die Reiterei

störte sie von hinten im Angriff, und die Phalanx, an die Elefanten

gelehnt, schloß sich bald zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus,

bald bildete sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein

Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung flutete beständig

von der Front nach der Queue. Die nämlich, die in den hintern Gliedern

standen, drängten nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder

verwundet waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich gegen die

Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich vorwärts. Sie glich

einem Meer, in dem die roten Federbüsche und die blitzenden

Metallschuppen wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie

Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen stürzten breite Ströme

von einem Ende zum andern und fluteten dann wieder zurück, während in

der Mitte eine schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben

und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke Schwerter in so

hastiger Bewegung, daß man nur die Spitzen erkannte, und

Reiterschwärme brachen durch die Masse, die sich hinter ihnen rasch

wieder wirbelnd zusammendrängte.

Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale der Trompeten und

den schrillen Klang der Leiern pfiffen die Blei- und Tonkugeln, um die

Schwerter aus den Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern.

Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem Schild und streckten

die Schwerter vor, den Knauf auf den Boden gestemmt. Andre wälzten

sich in Blutlachen, um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse

stand so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so stark, daß

man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, die sich ergeben

wollten, wurden nicht einmal gehört. Wenn man keine Waffen mehr hatte,

rang man Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer, und

Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen zwei sie

umklammernden Armen. Eine Kompagnie von sechzig Umbriern marschierte

festen Tritts, die Lanzen eingelegt, zähneknirschend und

unerschütterlich vor und zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum

Weichen. Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen

des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den Mähnen und ließen

ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen ihre Reiter ab und jagten über

die Ebene hin. Die ausgeschwärmten punischen Schleuderer standen

verblüfft da. Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen

ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen aus der

Reihe. Die Barbaren aber hatten sich wieder geordnet. Sie griffen von

neuem an: der Sieg war ihnen!

Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein Gebrüll von

Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig Elefanten, die in zwei

Treffen anstürmten. Hamilkar hatte nur gewartet, bis die Söldner auf

einem einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann loszulassen.

Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam gestachelt, daß ihnen das

Blut über die breiten Ohren rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel

standen senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit einem

Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne durch eiserne

Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt waren. Um sie wilder zu

machen, hatte man sie mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und

Weihrauch berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder,

und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den über sie

hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von den Türmen

herabzufliegen begannen.

Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den Ungetümen in dichten

Haufen entgegen. Die Elefanten stürmten ungestüm mitten in sie hinein.

Die Spieße an ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die

Heerscharen, die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten die

Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und reichten sie über

ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den Türmen. Mit ihren Stoßzähnen

schlitzten sie den Gegnern die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in

die Luft. Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie Tauwerk

an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren die Augen auszustechen oder

die Kniekehlen durchzuschneiden. Manche krochen ihnen unter den Bauch,

stießen ihnen das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von

ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das Riemenzeug und

sägten mitten in Flammen, Kugeln und Pfeilen die Gurtung durch, bis

der Weidenturm umklappte wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten

vom rechten äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt,

wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen die Indier zu

ihren Hämmern, setzten die Meißel auf die Schädeldecken und schlugen

mit aller Kraft zu. Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen

übereinander. Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen von Kadavern

und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant, »Zorn Baals« genannt, die

Beine in Ketten verstrickt, einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum

Abend.

Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten,

zerstampften und zertrümmerten die übrigen Tiere alles und ließen

ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln aus. Um die Reihen von

Soldaten zurückzudrängen, von denen die Kolosse umringt wurden,

drehten sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum,

wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die Karthager fühlten

sich wieder stark und frisch, und die Schlacht begann von neuem.

Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten warf

ein Teil die Waffen weg. Schrecken ergriff die übrigen. Man sah

Spendius, auf seinem Dromedar hockend, wie er es an den Schultern mit

zwei Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln und eilte

auf Utika zu.

Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten keinen Versuch,

die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer, von Durst verzehrt, schrien und

wollten nach dem Flusse. Nur die Karthager, die in der Mitte der

Karrees gestanden und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften vor

Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu entgehen drohte. Schon

machten sie sich zur Verfolgung der Söldner auf,--da erschien

Hamilkar.

Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen

Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes flatternden Bänder wehten

hinter ihm im Winde. Seinen ovalen Schild hatte er unter den linken

Schenkel geschoben. Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot

er dem Heere Halt.

Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden auf ihre

Handpferde und galoppierten in verschiedenen Richtungen nach der Stadt

und nach dem Flusse zu.

Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den Barbaren noch

übrig war. Gegnerischen Schwertern nah, hielten die Söldner die Kehle

hin und schlossen die Augen. Andre verteidigten sich verzweifelt. Man

warf sie aus der Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte

befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten ihm nur

mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen, ihre Schwerter in die Leiber

der Barbaren zu stoßen. Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie

Schnitter, mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, um

Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, die in der

Ebene hinter Söldnern herjagten, und sahen zu, wie es ihnen gelang,

die Flüchtlinge bei den Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang

festhielten und dann mit Axthieben niederschlugen.

Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren verschwunden.

Flüchtige Elefanten jagten am Horizont mit brennenden Türmen umher. Da

und dort leuchteten sie durch die Finsternis wie halb im Nebel

verlorene Blinkfeuer. In der weiten Ebene bemerkte man keine andre

Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die vielen Leichen

geschwollen war, die er dem Meere zutrug.

* * * * *

Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein der Sterne sah er lange,

unregelmäßige Haufen auf dem Boden liegen.

Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich. Sie waren alle tot.

Er rief. Keine Stimme gab ihm Antwort.

Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt

verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. Als er Utika erreichte,

war das Heer des Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren

eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. Man hatte sich auf

beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. Doch als das Getöse, das man

in der Richtung auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm,

war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge geeilt. Niemand

begegnete ihm, da die Barbaren in die Ebene flohen.

Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige Massen, und

diesseits des Flusses, noch näher, brannten dicht über dem Boden

unbewegliche Lichter. Die Karthager hatten sich hinter die Brücke

zurückgezogen. Um die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet

zahlreiche Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.

Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen zu erkennen. Es

waren regungslose Pferdeköpfe auf den Spitzen von Lanzenpyramiden, die

er undeutlich sah. In der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder

und Becherklang.

Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden könne. Von Angst

befallen, verwirrt und im Dunkel verloren, kehrte er in noch größerer

Hast auf demselben Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der

Berghöhe Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten

Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den Stadtmauern

lehnten, und südlicher das Söldnerlager.

Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen den Soldaten,

dicht an den Zelten, schliefen halbnackte Männer, auf dem Rücken

liegend oder die Stirn auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte.

Einige wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende rollten

sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und brachten ihnen zu

trinken. In den engen Lagergassen gingen die Posten auf und ab, um

sich zu erwärmen, oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in

trotziger Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. Matho

fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, die über zwei in die

Erde gerammten Stöcke gespannt war. Er saß da, die Hände um die Knie

geschlungen, mit gesenktem Haupte.

Lange verharrten beide in Stillschweigen.

Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«

»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.

Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten Gebärden.

Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug die Leinwand

zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte ihn an ein andres Unglück an

nämlicher Stätte, und zähneknirschend rief er aus:

»Elender! Schon einmal ...«

»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn Spendius.

»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am Ende werd ich ihn

doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn töten! Ach, wär ich dagewesen!«

Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte ihn noch mehr

als die Niederlage an sich. Er riß sein Schwert ab und schleuderte es

zu Boden.

»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch geschlagen?«

Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang der Schlacht zu

erzählen. Matho sah im Geiste alles vor sich und geriet in große

Aufregung. Das Heer, das vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken

fallen müssen, statt zur Brücke zu eilen, meinte er.

»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.

»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief nehmen müssen!

Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen die Phalanx führen! Und

Lücken für die Elefanten offen halten! Noch im letzten Moment wäre

alles wieder zu gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«

Spendius entgegnete:

»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem Arm aus dem Staub

emporragen. Wie ein Adler flog er an den Flanken der Bataillone hin.

Bei jedem Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder dehnten

sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander. Er hat mich

angeblickt und mir war zumute, als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«

»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte Matho bei sich.

Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter den ungünstigsten

Umständen herbeigeführt haben könnte. Dann kamen sie auf die

Kriegslage zu sprechen. Spendius, der seinen Fehler beschönigen oder

sich selber ermutigen wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.

»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief Matho. »Ich ganz

allein werde den Krieg fortsetzen!«

»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf. Mit großen

Schritten ging er auf und ab. Seine Augen blitzten, und ein seltsames

Lächeln verzog sein Schakalgesicht.

»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich nur nicht wieder!

Ich habe kein Geschick für die offnen Feldschlachten. Der Glanz der

Schwerter trübt meinen Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu

lange im Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen,

und ich will in die Festungen eindringen und die Insassen sollen kalt

sein, ehe noch die Hähne krähen! Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen

Feind, einen Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »_ein Weib_, und

wäre sie eine Königstochter,--ich bringe dir schleunigst, was du

begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst mir vor, daß ich die

Schlacht gegen Hanno verloren hätte. Aber ich habe sie ja dann doch

wiedergewonnen! Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns mehr

genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem er dem Bedürfnis

nachgab, sich herauszustreichen und Rache zu üben, zählte er alles

auf, was er für die Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in

den Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in Sikka, habe ich

sie mit der Furcht vor der Republik toll gemacht! Gisgo leuchtete

ihnen heim,--ich ließ die Dolmetscher gar nicht zu Worte kommen! Ha,

wie ihnen die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich noch? Ich

habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich habe den Zaimph geraubt!

Ich habe dich zu _ihr_ geführt. Und ich werde noch mehr tun! Du sollst

sehen!«

Er brach in ein tolles Gelächter aus.

Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand Grauen vor diesem

Manne, der so feig und dabei so schrecklich war.

Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in heiterem Tone fort:

»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in den Steinbrüchen

Fronarbeit getan und unter goldnem Sonnendache auf einem Schiffe, das

mein war, Massiker geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den

Zweck, uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden. Es

liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«

Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.

»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du hast ein

ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine Leute gehorchen dir!

Stelle sie in das Vortreffen! Die meinen werden folgen, um Rache zu

nehmen. Ich habe noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und

Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine Phalanx

formieren. Kehren wir um!«

Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch nicht zu der

Überlegung gekommen, wie er es vielleicht wieder gutmachen könne. Er

hörte mit offenem Munde zu, und die Erzschuppen, die seine Brust

umspannten, drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen.

Er hob sein Schwert auf und rief:

»Folge mir! Vorwärts!«

Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß die Toten der

Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört und Hamilkar verschwunden

sei.

IX

Im Felde

Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder vor Utika

erwarten oder gegen ihn vorrücken. Aber da er seine Streitkräfte weder

zum Angriff noch zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf

dem rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn vor einem

unmittelbaren Überfalle sicherte.

Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache der Barbaren

abspenstig machen, indem er ihnen ihren Abfall stillschweigend

verzieh. Später freilich, wenn sie wieder isoliert dastanden, wollte

er einzeln über sie herfallen und sie vernichten.

In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen Thukkaber und Utika

mit den Städten Tignikabah, Tessurah, Vakka und andern Orten weiter im

Westen. Das in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel

berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado, Thapitis und Hagur

schickten ihm Gesandte. Die Landleute kamen mit Lebensmitteln, baten

ihn um Schutz, küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten

sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken die Köpfe von

Söldnern, die sie angeblich getötet hatten. In Wahrheit hatten sie nur

Tote geköpft. Viele von den Barbaren hatten sich nämlich auf der

Flucht verirrt, und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und in

den Vignen ihre Leichname.

Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am Tage nach dem Siege

die zweitausend Gefangenen, die man auf dem Schlachtfelde gemacht

hatte, nach Karthago gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je

hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen hinten aufgebundene

Eisenstangen gefesselt. Sogar die Verwundeten mußten blutend

mitlaufen. Reiter hinter ihnen trieben sie mit Peitschenhieben

vorwärts.

Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich immerfort, daß

sechstausend Barbaren gefallen waren, daß die andern nicht Widerstand

leisten könnten, daß also der Krieg beendet sei. Man umarmte einander

auf den Straßen und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit

Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus, als ob sie mit

ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und den bis zu den Schultern

erhobenen Armen unter der frischen Bemalung Leben gewönnen und an dem

Jubel des Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste. Die

Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die Tempel waren

allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der Göttin zogen nach Malka

hinunter und errichteten an den Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz,

auf denen sie sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die

Sieger, Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für den

Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den Antrag, ihm neue

Würden und Vorrechte zu verleihen.

Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit anzuknüpfen, um

den alten Gisgo und die mit ihm in Gefangenschaft geratenen Karthager

gegen gefangene Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders

ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und Nomaden, aus

denen Autarits Heer bestand, hatten aber nur wenig Zusammenhang mit

den gefangenen Söldnern, die von italischer oder griechischer Abkunft

waren. Und da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige

Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die andern aber

sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle, und Autarit lehnte das

Angebot ab.

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago · 第 13 / 27 段