Nun befahlen die Alten die Hinrichtung der Gefangenen, obwohl ihnen

der Suffet geschrieben hatte, man solle sie nicht töten. Er gedachte,

die besten in sein Heer einzustellen und dadurch noch andre zum Abfall

zu verlocken. Doch der Haß war stärker als alle Rücksichten der

Klugheit.

Die zweitausend Söldner wurden in der Straße der Mappalier an

Grabstelen gebunden, und nun kamen Krämer, Küchenjungen, Arbeiter, ja

sogar Weiber--die Witwen der Gefallenen--mit ihren Kindern, kurz alle,

die es danach gelüstete, und mordeten mit Pfeil und Bogen. Man zielte

recht lange, um die Qual der Opfer zu verlängern, und hob und senkte

die Waffe immer wieder. Die Menge drängte sich grölend herum. Lahme

ließen sich auf Bahren herbeitragen. Viele brachten aus Vorsicht ihr

Essen mit und blieben bis zum Abend, andre sogar die ganze Nacht. Man

schlug Zelte auf, in denen gezecht wurde. Mancher verdiente sich ein

schönes Sümmchen Geld, indem er Bogen verlieh.

Am Ende ließ man die mit Pfeilen gespickten Leichen stehen, die über

den Gräbern wie rote Statuen ragten. Die Erregung ergriff selbst die

Leute von Malka, die von der Urbevölkerung abstammten und in

patriotischen Dingen sonst sehr gleichgültig waren. Aus Dankbarkeit

für das Vergnügen, das man ihnen bot, nahmen sie jetzt am Glücke des

Vaterlands Anteil und fühlten sich als Punier. Die Gerusiasten priesen

ihre eigene Schlauheit. Sie wähnten durch diesen Racheakt das ganze

Volk zu einer Einheit verschmolzen zu haben.

Auch der Segen der Götter fehlte nicht, denn aus allen Himmelsgegenden

flogen Raben herbei. Sie kreisten mit lautem, heiserem Krächzen durch

die Luft und formten eine ungeheure Wolke, die sich beständig um sich

selbst drehte. Man sah sie von Klypea, von Rades und vom hermäischen

Vorgebirge aus. Manchmal zerriß sie plötzlich, und ihre schwarzen

Kreise zerstoben in alle vier Winde. Ein Adler war mitten in sie

gestoßen. Bald flog er wieder weiter. Auf den Terrassen, den Kuppeln,

den Spitzen der Obelisken und den Giebeln der Tempel, überall hockten

große Vögel, Fetzen von Menschenfleisch in ihren geröteten Schnäbeln.

Des üblen Geruches wegen sahen sich die Karthager genötigt, die

Leichen loszubinden. Eine Anzahl wurde verbrannt. Die übrigen warf man

ins Meer, und die vom Nordwind gepeitschten Wogen schwemmten sie am

andern Ende des Golfes vor Autarits Lager ans Gestade.

Dies Strafverfahren hatte die Barbaren ohne Zweifel in Schrecken

versetzt, denn von der Höhe des Eschmuntempels sah man, wie sie ihre

Zelte abbrachen, ihr Vieh zusammentrieben und ihr Gepäck auf Esel

luden. Noch am Abend desselbigen Tages zog das ganze Heer ab.

* * * * *

Indem das Söldnerheer zwischen dem Berge der Heißen Wasser und

Hippo-Diarrhyt hin- und hermarschierte, sollte es dem Suffeten die

Annäherung an die tyrischen Städte unmöglich machen und ihm die

Rückkehr nach Karthago verlegen.

Währenddem sollten die beiden andern Heere versuchen, Hamilkar im

Süden zu fassen, und zwar Spendius von Osten, Matho von Westen her.

Schließlich wollten sich alle drei vereinigen, ihn überraschen und

einschließen. Da bekamen sie eine völlig unverhoffte Verstärkung.

Naravas erschien wieder und zugleich dreihundert mit Erdpech beladene

Kamele, fünfundzwanzig Elefanten und sechstausend Reiter.

Um die Söldner zu schwächen, hatte es der Suffet für angebracht

erachtet, Naravas fern in seinem Gebiete zu beschäftigen. Hamilkar

hatte sich von Karthago aus mit Masgaba verständigt, einem gätulischen

Banditenführer, der sich ein Reich zu gründen suchte. Dieser Abenteurer

hatte mit punischem Gelde und mit dem Versprechen, ihnen die

Unabhängigkeit zu verschaffen, die numidischen Staaten aufgewiegelt.

Doch Naravas, durch den Sohn seiner Amme benachrichtigt, war in Kirta

eingefallen, hatte den Siegern das Zisternenwasser vergiftet, ein paar

Köpfe abgeschlagen und die Ordnung wiederhergestellt. Nun kam er

zurück, wütender auf den Suffeten als die Barbaren.

Die vier Heerführer verständigten sich über den Kriegsplan. Da der

Krieg lange dauern würde, mußte alles vorgesehen werden.

Zunächst kam man überein, den Beistand der Römer anzurufen. Man bot

diese Sendung Spendius an. Als Überläufer aber wagte er sie nicht zu

übernehmen. Zwölf Männer aus den griechischen Kolonien schifften sich

nun in Annaba auf einem numidischen Ruderboot ein. Sodann forderten

die Führer von allen Barbaren den Fahneneid. Täglich hielten die

Hauptleute Sachen- und Schuh-Appelle ab. Den Posten wurde der Gebrauch

des Schildes verboten. Sie waren nämlich häufig an die Lanze gelehnt

stehend eingeschlafen. Wer zu viel Habseligkeiten mit sich führte,

hatte sich deren zu entledigen. Nach römischem Brauch mußte alles

Gepäck auf dem Rücken getragen werden. Aus Vorsicht gegen die

Elefanten errichtete Matho ein Kürassierregiment, das, Roß wie Reiter,

vom Scheitel bis zur Sohle in nägelbeschlagener Nilpferdhaut steckte.

Um auch die Hufe der Pferde zu schützen, flocht man ihnen Schuhe aus

Spartofasern.

Es wurde verboten, die Ortschaften zu plündern und Einwohner

nichtpunischer Herkunft zu malträtieren. Da die Gegend aber ausgesogen

war, befahl Matho, die Lebensmittel nur noch nach der Kopfzahl der

Soldaten zu verteilen und die Weiber nicht mehr zu berücksichtigen.

Anfangs teilten die Söldner ihre Kost mit ihnen. Viele verloren

dadurch wegen mangelhafter Ernährung die Kräfte. Unaufhörlich kam es

zu Zwisten und Schimpfereien, da manche die Gefährtinnen andrer durch

die Verführungskraft oder durch das Versprechen ihrer Portionen zu

sich lockten. Matho befahl nunmehr, die Weiber samt und sonders

erbarmungslos davonzujagen. Sie flüchteten in Autarits Lager, aber die

Gallierinnen und Libyerinnen daselbst nötigten sie durch fortgesetzte

Schikanen wieder zum Abzug.

Endlich kamen sie unter die Mauern Karthagos, wo sie den Schutz der

Zeres und der Proserpina anriefen, denn im Gebiete der Burg gab es

einen Tempel und auch Priester dieser Gottheiten, zur Sühne für die

Greuel, die einst bei der Belagerung von Syrakus begangen worden

waren. Die Syssitien machten ihr Strandrecht geltend und verlangten

die jüngsten der Weiber, um sie zu verkaufen. Etliche Neukarthager

nahmen sich Spartanerinnen zu Ehegattinnen, weil sie blonde Frauen

liebten.

Manche der Weiber aber ließen nicht vom Heere. Sie liefen an der Seite

der Kompagnien neben den Hauptleuten her, riefen ihre Männer beim

Namen, zupften sie am Mantel, zerschlugen sich die Brust und

verwünschten sie, wobei sie ihnen ihre kleinen, nackten, weinenden

Kinder hinhielten. Dieser Anblick rührte die Barbaren. Aber die Weiber

waren ein Hindernis, eine Gefahr. Man stieß sie immer wieder zurück,

und doch wichen sie nicht. Matho ließ sie schließlich von den Reitern

des Naravas mit den Lanzen verjagen, und als die Balearier ihm

zuriefen, sie müßten Frauen haben, antwortete er: »Ich hab auch

keine!«

Molochs Geist kam über ihn. Trotz der Gegenrede seines Gewissens

vollbrachte er entsetzliche Dinge, wobei er sich einbildete, der

Stimme eines Gottes zu gehorchen. Wenn er die Felder nicht verwüsten

konnte, so ließ er Steine darauf werfen, um sie unfruchtbar zu machen.

Durch wiederholte Botschaften drängte er Autarit und Spendius zur

Eile. Die strategischen Bewegungen des Suffeten waren unbegreiflich.

Nacheinander lagerte Hamilkar bei Eidus, Monchar und Tehent. Aufklärer

glaubten ihn in der Umgegend von Ischiil an den Grenzen des Reiches

des Naravas gesehen zu haben. Dann erfuhr man wieder, daß er den Makar

oberhalb Teburba überschritten habe, als ob er nach Karthago

zurückkehren wolle. Kaum war er an einem Orte, so brach er schon nach

einem andern auf. Die Marschstraßen, die er einschlug, blieben immer

unbekannt. Ohne eine Schlacht zu liefern, wahrte der Suffet seinen

Vorteil. Von den Barbaren verfolgt, dirigierte er sie doch.

Die Märsche und Gegenmärsche ermüdeten die Karthager aber mehr als die

Söldner, und Hamilkars Streitkräfte nahmen, da sie nicht erneuert

wurden, von Tag zu Tag ab. Die Landleute lieferten ihm die

Lebensmittel bereits saumseliger. Überall stieß er auf Zaudern und

stillen Haß, und trotz seiner dringenden Bitten an den Großen Rat kam

ihm keine Hilfe aus Karthago.

Man sagte--vielleicht glaubte man es auch--, daß er keine nötig hätte.

Das sei Arglist oder unnützes Klagen. Um ihm zu schaden, übertrieben

Hannos Anhänger die Bedeutung seines Sieges. Die Truppen, die er

befehligte, hätte man opferwillig aufgebracht; aber man könne doch

nicht alle seine Forderungen erfüllen. Der Krieg sei wahrlich schwer

genug! Er hätte schon zu viel gekostet. Aus Hochmut unterstützten

Hamilkar die Einflußreichsten seiner eigenen Partei nur schwach.

Da verzweifelte Hamilkar an der Republik und trieb mit Gewalt von den

Stämmen alles bei, was er zum Kriege brauchte: Korn, Öl, Holz, Vieh

und Menschen. Alsbald flohen die Einwohner. Die Ortschaften, durch die

er marschierte, waren leer. Man durchstöberte die Hütten, ohne etwas

darin zu finden. Bald umgab schreckliche Einöde das punische Heer.

Die Karthager wurden dadurch erbittert und begannen die Provinzen zu

verwüsten. Sie verschütteten die Zisternen und steckten die Häuser in

Brand. Die Funken, vom Winde fortgetragen, flogen weit umher. Auf den

Bergen gerieten ganze Wälder in Brand, und um die Täler flammten

Feuerkränze. Ehe man durchmarschieren konnte, mußte man erst lange

warten. Und wenn es soweit war, setzte das Heer seinen Marsch in der

Sonnenglut auf der heißen Asche fort.

Bisweilen sah man neben der Straße im Gebüsch etwas funkeln wie die

Augen einer Tigerkatze. Es war irgendein Barbar, der auf den Fersen

hockte und sich mit Staub beschmiert hatte, um mit der Farbe des

Laubes eins zu sein. Oder wenn man durch einen Hohlweg zog, hörten die

Flügelmänner plötzlich Steine rollen, und wenn sie aufblickten, sahen

sie oben am Rande der Schlucht einen barfüßigen Mann davonlaufen.

Währenddem waren Utika und Hippo-Diarrhyt frei, da die Söldner sie

nicht mehr belagerten. Hamilkar befahl diesen Städten, Hilfe zu

schicken. Doch sie wagten nicht, sich ihrer Verteidigungskräfte zu

entblößen, und so antworteten sie ihm mit unbestimmten Worten,

Höflichkeiten und Entschuldigungen.

Er wandte sich nunmehr plötzlich nach Norden, entschlossen, sich eine

der tyrischen Städte zu erschließen, und sollte er sie auch belagern.

Er bedurfte eines Stützpunktes an der Küste, um von den Inseln oder

von Kyrene Proviant und Soldaten beziehen zu können. Am meisten lockte

ihn der Hafen von Utika, weil er Karthago am nächsten lag.

Der Suffet brach also von Zuitin auf und umging vorsichtig den See von

Hippo-Diarrhyt. Doch bald war er gezwungen, seine Regimenter in lange

Marschkolonnen auseinander zu ziehen, um über den Höhenrücken zwischen

den beiden Tälern hinüber zu gelangen. Bei Sonnenuntergang stieg man

gerade eine weite kraterartige Schlucht vom Kamme hinab, als man vor

sich, unmittelbar über dem Boden, Wölfinnen aus Metall erblickte, die

über das Gras zu laufen schienen.

Dazu tauchten große Helmbüsche auf, und von Flöten begleitet, erscholl

ein furchtbarer Schlachtgesang. Es war das Heer des Spendius. Seine

Kampaner und Griechen hatten aus Haß gegen Karthago römische

Feldzeichen angenommen. Gleichzeitig erschienen zur Linken hohe

Lanzen, Schilde aus Leopardenfell, Linnenkoller und nackte Schultern.

Das waren die Iberer des Matho, die Lusitanier, Balearier und Gätuler.

Man hörte die Pferde des Naravas wiehern. Die Reiter ritten

weitausgeschwärmt über den ganzen Hang. Dann kamen die ungeordneten

Scharen, die Autarit führte, die Gallier, Libyer und Nomaden. Mitten

unter ihnen erkannte man die »Esser unreiner Speisen« an den

Fischgräten, die sie im Haare trugen.

So hatten sich also die Barbaren durch genaue Berechnung ihrer

Marschentfernungen vereint. Doch selber überrascht, blieben sie

zunächst eine Weile unbeweglich stehen und berieten sich.

Der Suffet hatte seine Truppen sofort zu einer kreisförmigen Masse

zusammengezogen, so daß sie überallhin gleichen Widerstand bieten

konnten. Die hohen spitzen Schilde waren dicht nebeneinander in den

Rasen gesteckt und bildeten eine Mauer um das Fußvolk. Die Klinabaren

standen außerhalb dieses Kreises, und noch weiter weg, in Abständen,

die Elefanten. Die Söldner waren von den Strapazen erschöpft und

wollten deshalb lieber den kommenden Tag abwarten. Ihres Sieges gewiß,

beschäftigten sie sich die ganze Nacht mit Essen und Trinken.

Sie hatten große helle Feuer angezündet, die sie selbst blendeten und

das punische Heer unter ihnen um so mehr ins Dunkel rückten. Nach

römischem Brauch ließ Hamilkar rings um sein Lager einen Graben von

fünfzehn Schritt Breite und zehn Ellen Tiefe ziehen und dahinter aus

der ausgeschaufelten Erde einen Wall aufwerfen, auf dem spitze, sich

kreuzende Pfähle als Brustwehr eingerammt wurden. Als die Sonne

aufging, waren die Söldner arg erstaunt, daß sie die Karthager so samt

und sonders wie in einer Festung verschanzt sahen.

Sie erkannten Hamilkar inmitten der Zelte, wie er umherging und

Befehle erteilte. Er trug einen braunen kleinschuppigen Panzerrock.

Sein Pferd folgte ihm. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen, um mit der

ausgestreckten Rechten auf etwas zu zeigen.

Manch einer dachte da zurück an ähnliche Morgen, an denen der

Marschall die Front abgeschritten und man sich an seinen Blicken

gestärkt hatte wie an einem Becher Wein. Eine seltsame Rührung ergriff

die Hinabschauenden. Nur wer Hamilkar nicht kannte, war vor Freude

toll, daß man ihn umzingelt hatte.

Wollte man einen allgemeinen Angriff ansetzen, so mußte man sich auf

dem zu engen Raume gegenseitig schaden. Die Numidier konnten zwar eine

Attacke mitten hinein reiten; jedoch waren ihnen die gepanzerten

Klinabaren stark überlegen. Und wie sollte man über die Schanzpfähle

hinwegkommen? Auch die Elefanten waren noch nicht genügend

abgerichtet.

»Ihr seid allesamt Feiglinge!« schrie Matho.

Und mit den Tapfersten stürzte er gegen die Verschanzung vor. Ein

Steinhagel trieb sie zurück, denn der Suffet hatte ihre an der Brücke

zurückgelassenen Geschütze mitgenommen.

Dieser Mißerfolg verursachte in den beweglichen Geistern der Barbaren

einen jähen Umschlag. Ihr Übermut verschwand. Sie wollten zwar siegen,

aber unter so wenig Gefahren wie nur möglich. Spendius meinte, man

müsse die Stellung, die man innehatte, bedachtsam behaupten und das

punische Heer aushungern. Doch die Karthager begannen Brunnen zu

graben, und da ihr Platz rings von Bergen umgeben war, so fanden sie

wirklich Wasser.

Von ihrer Verschanzung herab warfen sie Pfeile, Erde, Mist und

Feldsteine, und die sechs Geschütze rollten unablässig auf dem Walle

vor und zurück.

Indessen mußten die Quellen wieder versiegen, die Lebensmittel zu Ende

gehen, die Katapulte abgenützt werden und die Söldner, an Zahl zehnmal

überlegen, schließlich doch zu Erfolg kommen! Um Zeit zu gewinnen,

begann der Suffet Unterhandlungen, und eines Morgens fanden die

Barbaren in ihren Linien ein mit Schriftzeichen bedecktes Schaffell.

Hamilkar entschuldigte sich ob seines Sieges. Die Alten hätten ihn zum

Kriege gezwungen. Um den Söldnern zu zeigen, daß er sein Wort halte,

bot er ihnen Utika oder Hippo-Diarrhyt--ganz nach Belieben--zur

Plünderung an. Zum Schluß erklärte er, keineswegs aber hege er Furcht,

denn er habe Verräter unter ihnen gewonnen, und mit ihrer Hilfe werde

er leicht mit den übrigen fertig werden.

Die Barbaren waren betroffen. Der Vorschlag einer unmittelbaren Beute

machte sie nachdenklich. Sie fürchteten Verrat, da sie in der

Prahlerei des Suffeten keine Falle argwöhnten, und begannen einander

mit Mißtrauen zu betrachten. Man beobachtete die Reden und das

Benehmen eines jeden. Nachts fuhr man erschrocken aus dem Schlafe auf.

Viel brachen mit ihren bis dahin besten Kameraden. Man wählte sich

nach Gutdünken Anschluß an andre Truppenteile. So schlossen sich die

Gallier unter Autarit den Zisalpinern an, deren Sprache sie

verstanden. Die vier Heerführer kamen allabendlich in Mathos Zelt

zusammen, hockten im Kreise um einen Schild und schoben aufmerksam die

kleinen Holzfiguren hin und her, die Pyrrhus zur Darstellung von

taktischen Hergängen erfunden hatte. Spendius wies auf die

Hilfsquellen Hamilkars hin und bat dringend, die Gelegenheit nicht zu

verpassen. Dabei zitierte er alle möglichen Götter. Matho schritt

erregt und gestikulierend auf und ab. Der Krieg gegen Karthago war

seine ureigene Angelegenheit. Es empörte ihn, daß die andern

dareinredeten, ohne ihm gehorchen zu wollen. Autarit erriet diese

Gedanken an seinem Mienenspiel und zollte ihm Beifall. Naravas hob

verächtlich den Kopf. Es gab keine Maßregel, die er nicht für

verderblich erklärt hätte. Er lächelte nicht mehr. Seufzer

entschlüpften ihm, als unterdrücke er den Schmerz über einen

unerfüllbaren Traum, die Verzweiflung über ein verfehltes Unternehmen.

Während die Barbaren unschlüssig hin und her berieten, verstärkte der

Suffet seine Verteidigungsmittel. Er ließ innerhalb seiner

Verschanzung einen zweiten Wall aufwerfen und an seinen Ecken hölzerne

Basteien errichten. Seine Sklaven wagten sich bis in die feindlichen

Vorposten hinein, um Fußangeln auszulegen. Die Elefanten, deren

Rationen vermindert worden waren, rissen an ihren Fesseln. Um Futter

zu sparen, befahl der Marschall den Klinabaren, ihre minder kräftigen

Hengste zu töten. Man weigerte sich mehrfach. Hamilkar ließ die

Ungehorsamen enthaupten. Man verzehrte die getöteten Pferde. Die

Erinnerung an dies frische Fleisch rief an den folgenden Tagen große

Traurigkeit hervor.

Aus der Tiefe des Amphitheaters, in das die Karthager eingeschlossen

waren, sahen sie ringsum auf den Höhen die vier Barbarenlager, die

voller Bewegung waren. Weiber mit Schläuchen auf den Köpfen gingen hin

und her. Blökende Ziegen grasten zwischen den Lanzenpyramiden. Die

Posten wurden abgelöst. Man aß, um die Feldkessel gelagert. Die Stämme

lieferten Lebensmittel in Fülle, und die Söldner ahnten selber nicht,

wie sehr nervös ihre Untätigkeit das punische Heer machte.

Schon am zweiten Tage hatten die Karthager im Lager der Nomaden einen

Haufen von etwa dreihundert Menschen bemerkt, die abgesondert blieben.

Das waren die Patrizier, die seit Beginn des Krieges Gefangene waren.

Die Libyer stellten sie allesamt in einer Reihe am Rande des Grabens

auf, traten hinter sie und schleuderten Spieße, indem sie die Leiber

der Gefangenen als Deckung benutzten. Die Unglücklichen waren kaum

wiederzuerkennen. Ihre Gesichter waren vor lauter Ungeziefer und

Schmutz gar nicht mehr zu sehen. Das stellenweise ausgerissene Haar

machte Geschwüre auf ihren Köpfen sichtbar. Dabei waren sie so

abgemagert und widerlich, daß sie Mumien in zerlöcherten

Leichentüchern glichen. Manche zitterten und schluchzten mit blöder

Miene. Andre riefen ihren Landsleuten zu, auf die Barbaren zu

schießen. Einer stand ganz unbeweglich mit gesenktem Haupte da und

sprach kein Wort. Sein langer weißer Bart wallte bis hinab auf seine

mit Ketten beschwerten Hände. Den Karthagern war es zumute, als ob die

Republik zusammenbräche: sie erkannten in diesem Manne Gisgo. Obwohl

die Stelle gefährlich war, drängten sie sich heran, um ihn zu sehen.

Man hatte ihm eine komische Tiara aus Flußpferdhaut mit einer

Verzierung aus Kieseln aufgesetzt. Das war ein Einfall Autarits. Matho

mißfiel diese Verhöhnung.

Erbittert ließ Hamilkar die Palisadenbrustwehr öffnen. Er war fest

entschlossen, sich durchzuschlagen,--einerlei wie. In einem wütenden

Ausfalle drangen die Karthager bis zur halben Höhe des Abhanges

dreihundert Schritte weit hinauf. Da aber stürzte ihnen eine solche

Flut von Barbaren abwärts entgegen, daß sie in ihre Verschanzung

zurückgetrieben wurden. Einer von der Garde, der noch draußen war,

strauchelte über einen Stein. Zarzas eilte herbei, warf ihn zu Boden,

stieß ihm den Dolch in die Kehle und zog ihn wieder heraus. Dann

stürzte er sich auf den Daliegenden, preßte den Mund auf seine Wunde

und sog, unter krampfartigen Zuckungen und wilde Jodler ausstoßend,

das Blut in vollen Zügen ein. Hinterher setzte er sich ruhig auf den

Leichnam, warf den Kopf hintenüber, um besser Luft zu bekommen, wie

ein Hirsch, der eben an einem Gießbach getrunken hat, und stimmte mit

schrillen Lauten ein balearisches Lied an, eine wirre Melodie voll

langgezogener Töne, die öfters abbrach und sich dann wiederholte wie

ein Echo in den Bergen. Er rief seine toten Brüder an und lud sie zum

Feste ein. Dann nahm er seine Hände zwischen die Beine, neigte langsam

den Kopf und weinte. Seine Untat entsetzte die Barbaren, vornehmlich

die Griechen.

Fortan versuchten die Karthager keinen Ausfall mehr. Ebensowenig aber

dachten sie daran, sich zu ergeben, eines qualvollen Todes gewiß.

Trotz Hamilkars Fürsorge nahmen die Lebensmittel erschrecklich ab. Für

jeden Mann blieben nur noch zehn Khomer Getreide, drei Hin Hirse und

zwölf Betza getrocknete Früchte. Kein Fleisch, kein Öl, kein

Eingesalzenes mehr, kein Korn Gerste für die Pferde. Man sah sie den

abgemagerten Hals herniederbeugen und im Staube nach zertretenen

Strohhalmen suchen. Oft bemerkten die auf dem Walle stehenden Posten

beim Schein des Mondes Barbarenhunde, die vor den Verschanzungen in

den Abfällen wühlten. Man tötete sie mit Steinwürfen, ließ sich mit

Schildriemen an den Schanzpfählen hinunter und verzehrte die Tiere

alsdann, ohne ein Wort zu reden. Bisweilen freilich erhob sich ein

furchtbares Gebell, und der Mann kehrte nicht zurück. In der vierten

Gliederschaft der zwölften Kompagnie erstachen sich drei Phalangiten

mit Messern im Streit um eine Ratte.

Alle sehnten sich nach ihren Familien, ihren Häusern: die Armen nach

ihren bienenkorbförmigen Hütten mit Muschelschalen an der Türschwelle

und einem aufgehängten Netz davor, die Patrizier nach ihren geräumigen

Gemächern, wo sie im Blau der Dämmerung während der heißen

Tagesstunden zu ruhen und dem gedämpften Straßenlärm zu lauschen

pflegten, den das Blätterrauschen im Garten melodisch machte. Und um

sich tiefer in solche Träumerei zu versenken und sie mehr zu genießen,

schlossen sie die Augen, bis das Brennen der Wunden sie wieder weckte.

Alle Augenblicke gab es ein Gefecht, einen Alarm. Die hölzernen

Basteien brannten. Die »Esser unreiner Speisen« kletterten an den

Pfählen herauf. Man hieb ihnen mit Beilen die Hände ab. Andre stürmten

heran. Ein Eisenhagel prasselte auf die Zelte hernieder. Man

errichtete Gänge aus Rohrgeflecht, um sich gegen die Wurfgeschosse zu

schützen. Die Karthager verbargen sich darunter und rührten sich nicht

mehr.

Täglich verschwand der Sonnenschein nach den ersten Morgenstunden

wieder vom Erdboden des weiten Bergkessels und ließ ihn dann im

Schatten. Die Sonne blieb hinter den hohen Bergen. Auf allen Seiten

stiegen die grauen Hänge empor, mit großen Steinen übersät, die mit

spärlichem Moose gesprenkelt waren, und hoch darüber wölbte sich der

ewig klare Himmel, der den Augen glatter und kälter erschien als eine

Kuppel aus Stahl. Hamilkar war so ärgerlich über Karthago, daß er Lust

spürte, sich den Barbaren in die Arme zu werfen und sie gegen die

Stadt zu führen. Schon fingen die Troßknechte, die Marketender, die

Sklaven zu murren an, und weder das Volk, noch der Große Rat, noch

sonst jemand sandte ein Hoffnungszeichen. Die Lage war unerträglich,

zumal bei dem Gedanken, daß sie immer schlimmer werden mußte.

* * * * *

Bei der Kunde von diesem Mißgeschick raste man in Karthago vor Zorn

und Haß. Man hätte den Suffeten weniger verwünscht, hätte er sich

gleich zu Anfang besiegen lassen.

Um neue Söldner anzuwerben, dazu gebrach es an Zeit und Geld. Wollte

man aber Soldaten in der Stadt ausheben: womit sollte man sie

ausrüsten? Hamilkar hatte alle Waffen mitgenommen. Und wer sollte sie

befehligen? Die besten Hauptleute befanden sich ja draußen bei ihm!

Inzwischen trafen Sendboten des Suffeten ein, die laut rufend durch

die Straßen zogen. Der Große Rat geriet darüber in Aufregung und ließ

sie beiseite schaffen.

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago · 第 14 / 27 段