von den Platanen. Das Blut spritzte wie Regen auf die Blätter, und
rote Fleischmassen wanden sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen
Ketten angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren
Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe Schläge schallten.
Bisweilen gellte ein schriller Schrei durch die Luft. In der Nähe der
Küchen kauerten Männer zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und
abgerissenen Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch von
verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten brachen zusammen,
doch die Stricke an ihren Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die
Augen und ließen die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die
übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu schreien, und die
Löwen, die sich vielleicht des Festtages erinnerten, reckten sich
gähnend hinauf zum Rand ihrer Gruben.
Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse. Sie lief vor
Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte sie. Es schien ihm, als ob
sie die Arme gegen ihn ausstreckte, um seine Gnade zu erbitten. Mit
einer Gebärde des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.
Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen Häuser. Sie
hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten gesiegt, und man
verehrte sie als Lieblinge der Sonne. Die von Megara waren die
stärksten in Karthago. Vor seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim
schwören lassen, daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die
meisten waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur drei lagen
noch in der Mitte des Hofes im Sande vor ihren zertrümmerten Krippen.
Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.
Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der andre hatte am
Knie eine breite Wunde, dem dritten war der Rüssel abgehauen. Die
Tiere blickten ihren Herrn traurig wie denkende Wesen an, und der
eine, der keinen Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie
beugte und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf seines
Rüssels zu streicheln.
Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen in die Augen.
Er stürzte auf Abdalonim los.
»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!«
Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden.
Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam zum Himmel
schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar blieb stehen.
Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt, als ob ihn
ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar seine eignen Kräfte
fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte weiterdauernd. Die Sklaven
begriffen freilich nicht, warum er mit einem Male besänftigt war.
Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis vorüber, einem
langen Gebäude aus schwarzen Steinen, das in einer großen viereckigen
Grube erbaut war. Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den
vier Ecken.
Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende
Zeichen gab.
»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den Kerker hinab.
»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten ihm.
Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen Fenster lugte
das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene Ketten an den Wänden
hängen.
Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben!
Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter, die sich von
draußen über die Grube neigten, sahen, wie er sich mit der Hand an die
Mauer stützte, um nicht umzufallen.
Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar blickte auf. Er
sprach kein Wort, machte keine Gebärde.
Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand er hinter der
Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung der Patrizier im
Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten:
»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl unsrer Armee
gegen das Heer der Barbaren an!«
VIII
Die Schlacht am Makar
Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien anderthalb
Millionen Mark in Gold und legte jedem Mitgliede der dreihundert
Patriziergeschlechter eine Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die
Frauen und Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften--etwas
Unerhörtes nach karthagischer Sitte--zwang er, Geld herzugeben.
Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. Manche
wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre Güter wurden einfach
verkauft. Um den Geiz der andern einzuschüchtern, lieferte er selber
sechzig Rüstungen und siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war
allein soviel, wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.
Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner anzuwerben:
dreitausend Bergbewohner, die mit Bären zu kämpfen gewohnt waren. Man
zahlte ihnen im voraus auf sechs Monate den Sold.
Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er nicht, wie Hanno,
jeden Bürger an. Zunächst wies er alle Leute mit sitzender Lebensweise
zurück, ferner solche, die einen dicken Bauch oder ein ängstliches
Aussehen hatten. Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka,
Barbarenabkömmlinge und Freigelassene. Den Neukarthagern versprach er
als Belohnung das volle Bürgerrecht.
Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese Truppe von
schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische Blüte der
Republik hielt, wählte sich ihre Führer selbst. Er verabschiedete ihre
bisherigen Offiziere und faßte die Mannschaft hart an, ließ sie
laufen, springen, in einem Atem den Abhang des Burgbergs erklettern,
Speere werfen, ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen
biwakieren. Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.
Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und stärkerem Schuhwerk
aus, beschränkte die Zahl der Burschen und das Gepäck. Im Molochtempel
bewahrte man dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des
Einspruchs des Oberpriesters.
Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und andern aus
Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren, die er
bis an die Zähne bewaffnete. Ihre Führer rüstete er mit Hammern und
Meißeln aus, damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen
Tieren die Schädel spalten konnten.
Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen. Die
Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, aber er ging nicht
darauf ein. Da wagte man nicht mehr zu murren. Alles beugte sich der
Gewalt seines Geistes.
Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und Finanzen. Um
Beschwerden vorzubeugen, forderte er den Suffeten Hanno zum Nachprüfen
der Rechnungen auf.
Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen, die längst
zwecklos gewordenen alten Binnenmauern niederreißen. Der Unterschied
im Vermögen, der an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt
die Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt.
Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der alten, schon
halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen an, während sich das Volk
darüber freute, ohne recht zu wissen warum.
Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller Bewaffnung durch
die Straßen. Aller Augenblicke vernahm man Trompetensignale. Wagen mit
Schilden, Zelten und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller
Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte sich den
andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. Er hatte seine
Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt und Sorge getragen, daß in
den Langreihen abwechselnd immer ein Starker neben einem Schwachen
stand, so daß der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen
geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen dreitausend
Ligurern und der Elite der Karthager konnte er freilich nur eine
einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig Gepanzerten bilden,
die eherne Helme trugen und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus
Eschenholz, sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.
Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen und Sandalen
ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert andre, die
Rundschilde und Römerschwerter bekamen.
Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, dem Reste der
Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren mit vergoldeten
Erzschienen gepanzert. Ferner hatte er über vierhundert berittene
Bogenschützen, die man Tarentiner nannte, mit Mützen aus Wieselfell,
Doppeläxten und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger aus
dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, neben den Pferden
herlaufen, indem sie sich mit der Hand an den Mähnen festhielten.
Alles war marschbereit, und dennoch rückte Hamilkar nicht aus.
Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich über die
Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar. Suchte er mit den Söldnern
Fühlung? Die Ligurer, die in der Straße der Mappalier lagen, schützten
sein Haus.
Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, als man eines
Tages dreihundert Barbaren den Mauern näher kommen sah. Der Suffet
öffnete ihnen die Tore. Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem
General zurück, von Furcht oder Treue getrieben.
Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht. Dieser
Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt nicht sterben. Er kehrte
endlich zurück, um sein Versprechen zu erfüllen. Das war eine
Hoffnung, die nichts Widersinniges hatte. So tief war die Kluft
zwischen Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt.
Das Gelage hatte man vergessen.
Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines andern. Das war ein
Triumph für die Unzufriednen, und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu
kam, daß die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man brachte
es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten. Viele hatten sich vom
Heere getrennt und durchstreiften das Land. Bei der Kunde von den
Rüstungen der Karthager kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude.
»Endlich! endlich!« rief er aus.
Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun gegen Hamilkar.
Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer vor sich. Und da seine
Rachgier vielleicht doch Befriedigung finden konnte, so wähnte er die
Beute schon in seinen Händen und weidete sich bereits an ihr.
Gleichzeitig ward er von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer
heftigerer Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner
Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike durch die Luft
schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem Purpurbette, wo er die
Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht mit Küssen bedeckte und mit den
Händen über ihr langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser
Traum nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine
Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so schwor er sich,
den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung, daß er daraus
nicht zurückkehren würde, reizte ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu
wollen.
Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:
»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen herbeiführen!
Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift!
Verstehst du mich? Steh auf!«
Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft. Matho ließ
sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn er zuweilen auch heftig erregt
gewesen war, so war dieser Zustand stets schnell wieder vergangen.
Jetzt erschien er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen
loderte ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.
Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er wohnte jetzt in
einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle Getränke aus
Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein Haar wachsen und leitete
die Belagerung mit Muße. Übrigens hatte er geheime Verbindungen in der
Stadt angeknüpft. Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt,
daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.
Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte, befand sich
gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung, ja, er tadelte den
Libyer, daß er den Feldzugsplan aus Tollkühnheit aufgeben wolle.
»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho an. »Du hast
uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk und Pferde versprochen! Wo sind
sie?«
Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien
vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, so jage man zurzeit in
den Wäldern danach. Das Fußvolk würde mobil gemacht. Die Pferde seien
unterwegs.
Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, streichelte die
Straußenfedern, die ihm auf die Schultern herabwallten, und lächelte
in verletzender Weise. Matho wußte ihm nichts zu antworten.
Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt, mit
verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem Gürtel, ganz außer Atem.
Seine mageren Flanken schlugen. In unverständlicher Mundart berichtete
er etwas. Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer
Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und rief seine
Reiter.
Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn herum. Naravas
bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes starrte er vor sich hin und biß
sich auf die Lippen. Endlich teilte er seine Mannschaft in zwei
Hälften und gebot der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit
herrischer Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der
Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.
»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete Zufälle nicht!
Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt uns ...«
»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.
Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung mit Autarit
zuvorzukommen! Doch wenn man die Belagerungen jetzt aufhob, kamen die
Einwohner wahrscheinlich aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in
den Rücken, während man die Karthager vor der Front hatte. Nach vielem
Hin- und Herreden wurden folgende Maßregeln beschlossen und
unverzüglich ausgeführt.
Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke, zwölf
Kilometer vor Utika. Die Brücke war durch ein Kastell gedeckt. Es
wurde durch Schanzen verstärkt und mit vier großen Geschützen besetzt.
Alle Wege und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden durch
Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse und Steinwälle gesperrt. Auf
den Berggipfeln wurde Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können,
und in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute Augen
hatten, als Beobachtungsposten auf.
Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der Hannos über den
Berg der Heißen Wasser zu erwarten. Er mußte sich sagen, daß ihm
Autarit als Beherrscher des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch
mußte ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, während
eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn die Söldner erst weiter
entfernt standen. Er konnte allerdings auch am Vorgebirge der Trauben
landen und von da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber
kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings war er dieser
Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften kaum fähig.
Folglich mußte er dicht südlich der arianischen Berge hinmarschieren,
dann nach links schwenken, um nicht in das Morastgebiet des Makar zu
geraten, und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn Matho
erwarten.
Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten. Er eilte nach
Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten im Gebirge, kam zurück und
ruhte keinen Augenblick. Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles,
was die Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der
Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige
Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig seinem Gefährten.
Von Salambo sprachen beide nicht mehr. Der eine dachte nicht an sie,
und den andern machte eine Art Scham schweigsam.
Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung nach Karthago, in der
Hoffnung, Hamilkars Annäherung zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute
er nach dem Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und
wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch eines Heeres zu
vernehmen.
Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier Tage
erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft entgegenrücken
und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage verstrichen darüber hinaus.
Spendius hielt ihn zurück. Am Morgen des sechsten aber brach Matho
auf.
* * * * *
Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht erpicht als die
Barbaren. In den Zelten und in den Häusern herrschte der gleiche
Wunsch, die gleiche Besorgnis. Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum
Zauderer mache.
Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des Eschmuntempels zu
dem Mondbeobachter und schaute nach dem Winde.
Eines Tages--es war der dritte im Monat Tibby--sah man ihn hastigen
Schritts von der Burg herabkommen. In der Straße der Mappalier
entstand lauter Lärm. Bald ward es auf allen Straßen lebendig, und
überall begannen sich die Soldaten zu wappnen, umringt von
schluchzenden Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann eilten
sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih und Glied zu stellen.
Niemand durfte ihnen folgen, noch gar mit ihnen reden, noch sich den
Befestigungswerken nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still wie
ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre Lanzen gelehnt.
Die Menschen in den Häusern seufzten. Bei Sonnenuntergang rückte das
Heer durch das Westtor ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis
einzuschlagen oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu
marschieren, zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die Lagune,
um die herum runde, über und über mit weißem Salz bedeckte Stellen wie
riesige Silberschüsseln schimmerten, die man am Strande liegen
gelassen hatte.
Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde immer sumpfiger.
Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt stets bei der Vorhut, und sein
Pferd, das gelb gescheckt war wie ein Drache und Schaum um sich warf,
trat geräumigen Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht sank
herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, man renne ins
Verderben. Der Suffet entriß den Schreiern die Waffen und gab sie den
Troßknechten. Der Schlamm wurde immer grundloser. Man mußte die
Lasttiere besteigen. Manche klammerten sich an die Schweife der
Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die ligurischen
Schwadronen stießen das Fußvolk mit den Lanzenspitzen vorwärts. Die
Dunkelheit nahm zu. Man hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.
Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die Merkzeichen zu
suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten Abständen
eingerammt worden waren. Sie riefen durch die Dunkelheit, und das Heer
folgte ihnen von weitem.
Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen. Bald ließ sich
eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen. Man befand sich am
Ufer des Makar. Trotz der Kälte wurden keine Feuer angezündet.
Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte die
Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die Unteroffiziere klopften
ihnen leise auf die Schultern.
Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte ihm nicht bis
zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.
Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert Schritte oberhalb
im Flusse aufzustellen, während die übrigen ein Stück unterhalb etwa
vom Strome fortgerissene Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt
das ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den Fluß wie
zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich beobachtet, daß der
Westwind den Sand vor sich hertrieb und den Fluß hemmte, so daß in
seiner ganzen Breite eine natürliche Straße entstand, eine Barre.
Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von Utika, in einer
weiten Ebene,--ein Vorteil für die Elefanten, die Hauptkraft des
punischen Heeres.
Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das vollste Vertrauen
kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich auf die Barbaren werfen.
Der Suffet ließ sie aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne
aufging, rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die Elefanten
voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei und schließlich die
Phalanx.
Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend an der Brücke
nahmen voll Erstaunen wahr, daß sich der Boden in der Ferne bewegte.
Der Wind blies sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie
erhoben sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten gelben
Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen immer wieder von neuem,
so daß sie das punische Heer verbargen. Da die Karthager hochragende
Hörner an den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern, eine
Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der Mäntel getäuscht,
behaupteten, Flügel zu erkennen, und Wüstenkenner zuckten die Achseln
und erklärten das Ganze für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber
rückte etwas Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn wie
dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin. Die höhersteigende
Sonne leuchtete stärker. Ein grelles zitterndes Licht rückte das
Himmelsgewölbe scheinbar mehr in die Höhe, durchleuchtete die
Gegenstände und machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die
weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, und die kaum
merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum äußersten Himmelsrand, durch
eine lange blaue Linie begrenzt: das Meer, wie man wußte. Die Heere
hatten ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner von
Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen auf den Wällen.
Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von gleichhohen
Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter und größer. Schwarze Hügel
schaukelten auf und ab. Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das
waren Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die
Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung eilten die
Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung heran, um sich gemeinsam
auf Hamilkar zu werfen.
Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« wiederholte
er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen!
Keine Möglichkeit zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor dem
Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses
verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt,
enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann
harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er
klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle von Glück, die
ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er sich kühner als Epaminondas.
Um seine Blässe zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober,
dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, goß
eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die
denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so
schnell, daß der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu
verändern. Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die
Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Straußenfedern
geschmückten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die
Schultern.
Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die Kompagnien der
Leichtbewaffneten und weiterhin die großen Helme der Klinabaren, in
der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner.
Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann,
erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes
Rechteck mit schmalen Flanken bildete.
Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal
stärker waren, von unbändiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar
nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens
daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von Karthago hegte,
verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so
war er allerorts auch aufgefaßt und schon ausgeführt.