des Grundes hinabsehen konnte. Der Straßenlärm drang nicht bis
hierher. Im Vorbeifahren erkannte Hamilkar die Schlachtschiffe, die er
früher befehligt hatte. Es waren ihrer nur noch gegen zwanzig. Sie
lagen in den Schiffshallen, einige auf die Seite geneigt, andre
aufrecht auf dem Kiele, mit sehr hohem Heck und geschweiften
Schnäbeln, die mit Vergoldungen und mystischen Symbolen geschmückt
waren. Die Schimären hatten ihre Flügel verloren, die Götterbilder
ihre Arme, die Stiere ihre silbernen Hörner. Alle diese Schiffe waren
verblichen, untätig, morsch, doch voller geschichtlicher Erinnerungen
und noch immer vom Dufte ihrer weiten Fahrten umweht. Wie invalide
Soldaten, die ihren alten Hauptmann wiedersehen, schienen sie ihm
zuzurufen: »Hier sind wir! Und auch du bist besiegt!«
Niemand außer dem Meersuffeten durfte das Admiralshaus betreten.
Solange man nicht den Beweis für seinen Tod hatte, betrachtete man ihn
als noch am Leben. Die Alten hatten auf solche Weise einen Herrscher
weniger. Auch bei Hamilkar hatten sie gegen diesen Brauch nicht
verstoßen.
Der Suffet betrat die öden Räume. Auf Schritt und Tritt sah er
Rüstzeug, Gerät und Gegenstände wieder, die ihm bekannt waren und ihn
im Augenblick doch überraschten. In der Vorhalle lag in einer
Opferpfanne noch die Asche des Räucherwerks, das bei der Abfahrt
verbrannt worden war, um Melkarths Gunst zu beschwören. So hatte er
nicht heimzukehren gehofft! Alles, was er vollbracht und erlebt, zog
wieder an seinem Geiste vorüber: die Sturmangriffe, die Feuersbrünste,
die Legionen, die Seestürme, Drepanum, Syrakus, Lilybäum, der Ätna,
die Hochfläche des Eryx, fünf Jahre voller Kämpfe--bis zu dem
Unglückstage, an dem man die Waffen niedergelegt und Sizilien verloren
hatte. Dann wieder sah er Limonenhaine, Hirten und Ziegen aus grauen
Bergen, und sein Herz pochte bei dem Gedanken an das neue Karthago,
das dort drüben erstehen sollte. Pläne und Erinnerungen schwirrten ihm
durch den Kopf, der noch vom Schwanken des Schiffes betäubt war.
Bangigkeit bedrückte ihn, und plötzlich empfand er das Bedürfnis, sich
den Göttern zu nahen.
Er stieg in das oberste Stockwerk des Hauses hinauf, entnahm einer
goldnen Muschel, die an seinem Arme hing, einen Schlüssel und öffnete
ein kleines Gemach, dessen Wände ein Eirund bildeten.
Durch dünne schwarze Metallscheiben, in die Mauer eingelassen und
durchschimmernd wie Glas, sickerte schwaches Licht. Zwischen den
Reihen dieser gleichgroßen Scheiben waren Nischen in der Wand, wie in
Grabkammern für die Urnen. In einer jeden lag ein runder, dunkler,
schwerer Stein. Menschen von höherer Einsicht verehrten diese vom Mond
gefallenen Wundersteine. Aus Himmelshöhen gekommen, waren sie Symbole
der Gestirne, des Himmels und des Lichts. Ob ihrer Farbe gemahnten sie
an die dunkle Nacht und durch ihre Dichtigkeit an den Zusammenhang
aller irdischen Dinge. Eine erstickende Luft erfüllte diesen
geheimnisvollen Raum. Seesand, den wohl der Wind durch die Tür
hereingetrieben hatte, überzog die runden Steine in den Nischen mit
leichtem Weiß. Hamilkar zählte sie mit der Fingerspitze, einen nach
dem andern. Dann hüllte er sein Antlitz in einen safrangelben Schleier
und warf sich mit ausgestreckten Armen zu Boden.
Draußen traf das Tageslicht auf die schwarzen Scheiben. Zweigartige
Schatten, kleine Hügel, wirbelnde Linien, unbestimmte Tierformen
zeichneten sich auf den matthellen Platten ab. Das Licht drang
hindurch, grausig und doch friedsam, wie es hinter der Sonne in den
düsteren Werkstätten der Schöpfung sein mag. Hamilkar bemühte sich,
aus seinen Gedanken alle Formen, Symbole und Benennungen der Götter zu
verbannen, um besser den unwandelbaren Geist zu erfassen, den der
äußere Schein verbirgt. Etwas von der Lebenskraft der Planeten
durchdrang ihn, und er empfand gegen den Tod und alle Wechselfälle des
Lebens eine bewußt tiefe Verachtung. Als er sich erhob, war er
heiteren Mutes, unzugänglich der Furcht und dem Mitleid; und um sich
ganz frei zu fühlen, bestieg er den Söller des Turmes, der Karthago
hoch überragte.
In weitem Bogen senkte sich die Stadt nach allen Seiten: Karthago mit
seinen Kuppeln, Tempeln und Golddächern, seinem Häusermeer, den hie
und da dazwischen gestreuten Palmengruppen, den vielen feuersprühenden
Glaskugeln. Die Wälle bildeten gleichsam die gigantische Rundung des
Füllhorns, das sich vor ihm ausgoß. Er sah unter sich die Häfen, die
Plätze, das Innere der Höfe, das Netz der Straßen und ganz klein die
Menschen, kaum vom Pflaster unterscheidbar.
Ach, wäre doch Hanno am Morgen der Schlacht bei den Ägatischen Inseln
nicht zu spät gekommen!
Hamilkars Blicke blieben am fernsten Horizont haften, und er streckte
zitternd beide Arme aus in der Richtung nach Rom.
Die Menge füllte die Stufen zur Akropolis. Auf dem Khamonplatze
drängte man sich, um den Suffeten herauskommen zu sehen. Immer mehr
Menschen bedeckten die Terrassen. Manche erkannten ihn. Man grüßte
ihn. Aber er zog sich zurück, um die Ungeduld des Volkes noch mehr zu
reizen.
Unten im Saale fand Hamilkar die bedeutendsten Männer seiner Partei
versammelt: Istatten, Subeldia, Hiktamon, Yehubas und andre. Sie
berichteten ihm alles, was sich seit dem Friedensschlusse zugetragen
hatte: den Geiz der Alten, den Abzug der Söldner, ihre Rückkehr, ihre
übertriebenen Forderungen, Gisgos Gefangennahme, den Raub des Zaimphs,
Utikas Entsetzung und abermalige Belagerung. Niemand aber wagte ihm
die Ereignisse zu berichten, die ihn persönlich betrafen. Schließlich
trennte man sich, um sich bei Nacht in der Versammlung der Alten im
Molochtempel wiederzusehn.
Hamilkar war kaum allein, als sich draußen vor der Tür Lärm erhob.
Trotz der Abwehr der Diener versuchte jemand einzudringen, und da der
Tumult zunahm, befahl der Suffet, den Unbekannten hereinzuführen.
Es erschien ein altes Negerweib, bucklig, runzlig, zitterig, blöd
dreinblickend und bis zu den Sohlen in weite blaue Schleier gehüllt.
Sie trat vor den Suffeten, und beide blickten sich eine Weile an.
Plötzlich erbebte Hamilkar. Auf einen Wink seiner Hand gingen die
Sklaven hinaus. Alsdann gab er der Alten ein Zeichen, leise
mitzukommen, und zog sie am Arm in ein abgelegenes Gemach.
Sie warf sich zu Boden, um seine Füße zu küssen. Er riß sie heftig
wieder hoch.
»Wo hast du ihn gelassen, Iddibal?«
»Da drüben, Herr!«
Die Gestalt warf ihre Schleier ab, dann rieb sie sich mit dem Ärmel
das Gesicht. Die schwarze Farbe, das greisenhafte Zittern, der krumme
Rücken, alles das verschwand. Jetzt stand ein kräftiger alter Mann da,
dessen Haut von Sand, Wind und Meer wie gegerbt aussah. Auf seinem
Haupte ragte ein Büschel weißer Haare hoch, wie der Federstutz eines
Vogels. Mit einem spöttischen Blick wies er auf die am Boden liegende
Verkleidung.
»Das hast du gut gemacht, Iddibal! Sehr gut!« Und ihn mit seinem
scharfen Blicke schier durchbohrend, fragte Hamilkar: »Es ahnt doch
keiner etwas?«
Der Greis schwur bei den Kabiren, daß das Geheimnis bewahrt sei.
»Nie,« so sagte er, »verlassen wir unsre Hütte, die drei Tagereisen
von Hadrumet fern liegt. Der Strand ist dort nur von Schildkröten
bevölkert, und Palmenbäume wachsen auf den Dünen. Und wie du befohlen,
Herr, lehre ich ihn Speere werfen und Gespanne lenken.«
»Er ist kräftig, nicht wahr?«
»Jawohl, Herr, und auch beherzt! Er fürchtet sich weder vor Schlangen,
noch vor dem Donner, noch vor Gespenstern. Barfuß wie ein Hirtenbub
läuft er am Rande der Abgründe hin.«
»Erzähl mir mehr! Sprich!«
»Er erfindet Fallen für die wilden Tiere. Vorigen Mond--wirst du es
glauben?--hat er einen Adler gefangen. Er brachte ihn hinter sich
hergeschleppt, und die großen Blutstropfen des Vogels und des Kindes
fielen wie abgeschlagene Rosen. Das wütende Tier schlug mit seinen
Flügeln um sich. Der Junge erwürgte es an seiner Brust, und je matter
es wurde, um so lauter und stolzer erscholl sein Lachen--wie
Schwertergeklirr.«
Hamilkar neigte das Haupt, ergriffen von diesem Vorzeichen künftiger
Größe.
»Aber seit einiger Zeit quält ihn Unruhe. Er schaut immer nach den
Segeln, die in der Ferne vorüberziehen. Er ist trübsinnig, will nicht
essen, fragt nach den Göttern und will Karthago kennen lernen ...«
»Nein, nein! Noch nicht!« rief der Suffet.
Der alte Sklave schien die Gefahr zu kennen, die Hamilkar schreckte,
und er fuhr fort:
»Wie soll ich ihn zurückhalten? Schon muß ich ihm Versprechungen
machen, und ich bin nur nach Karthago gekommen, um ihm einen Dolch mit
einem silbernen perlenbesetzten Griff zu kaufen.« Dann erzählte er
noch, daß er den Suffeten auf der Terrasse erblickt und sich bei den
Hafenwächtern für eine der Frauen Salambos ausgegeben hätte, um zu ihm
zu gelangen.
Lange blieb Hamilkar in Nachdenken versunken. Endlich sagte er:
»Morgen bei Sonnenuntergang wirst du dich in Megara hinter der
Purpurfabrik einfinden und dreimal den Schrei des Schakals nachahmen.
Siehst du mich nicht, dann kehrst du am ersten Tage in jedem Mond nach
Karthago zurück. Vergiß das nicht! Liebe ihn! Jetzt darfst du ihm von
Hamilkar erzählen.«
Der Sklave legte seine Verkleidung wieder an, und sie verließen
zusammen das Haus und den Hafen.
Hamilkar schritt zu Fuß und ohne Begleitung weiter, denn die
Versammlungen der Alten waren bei außergewöhnlichen Umständen stets
geheim, und man begab sich möglichst unauffällig dahin.
Zuerst schritt er an der Ostseite der Akropolis entlang, ging dann
über den Gemüsemarkt, durch die Galerien von Kinisdo und das
Stadtviertel der Spezereienhändler. Die wenigen Lichter erloschen,
eins nach dem andern. Die breiteren Straßen wurden still. Alsbald
huschten Schatten durch die Dunkelheit. Sie folgten ihm. Andre kamen
dazu, und alle schritten in der Richtung nach der Straße der
Mappalier.
Der Molochtempel stand am Fuß einer steilen Schlucht, an einem
unheimlichen Orte. Von unten erblickte man nur endlos emporsteigende
Mauern, gleich den Wänden eines ungeheuren Grabmals. Die Nacht war
dunkel. Grauer Nebel lastete auf dem Meere, das mit einem röchelnden,
jammernden Geräusch gegen die Klippen schlug. Die Schatten
verschwanden nach und nach, als seien sie in die Mauern
hineingeschlüpft.
Sobald man das Tor durchschritten, befand man sich in einem weiten
viereckigen Hofe, der rings von Säulengängen umgeben war. In der Mitte
erhob sich ein großes achtseitiges Gebäude, von Kuppeln überragt, die
ein zweites Stockwerk umschlossen. Auf ihm thronte eine Art von
Rundbau, den ein Kegel mit einer Kugel auf der Spitze abschloß.
In zylinderförmigen Silberdrahtkörben auf Stangen, die von Männern
getragen wurden, brannten Feuer. Bei jähen Windstößen flackerten die
Flammen und warfen roten Schein auf die goldenen Kämme, die das
geflochtene Haar der Fackelträger im Nacken hielten. Sie liefen hin
und her und riefen einander, um die Alten zu empfangen.
In bestimmten Abständen hockten auf den Steinfliesen--wie
Sphinxe--ungeheure Löwen, lebendige Symbole der verzehrenden Sonne.
Sie schliefen mit halbgeschlossenen Lidern. Die Schritte und Stimmen
weckten sie auf. Sie erhoben sich gemächlich und trotteten den Alten
entgegen. Sie erkannten sie an ihrer Tracht, rieben sich an ihren
Beinen und krümmten unter lautem Gähnen den Rücken. Ihr Atem flog in
das flackernde Fackellicht. Das Geräusch nahm zu. Türen schlossen
sich.
Kein Priester war mehr zu sehen. Auch die Alten verschwanden unter den
Säulen, die eine tiefe Vorhalle rings um den Tempel bildeten.
In konzentrischen Reihen angeordnet, stellten diese Säulen die
saturnische Periode in der Weise dar, daß die Jahre die Monate und die
Monate die Tage umschlossen. Der innerste Säulenkreis stieß an die
Mauer des Allerheiligsten.
Dort legten die Alten ihre Stöcke aus Narwalhorn ab. Ein nie außer
acht gelassenes Gesetz bestrafte nämlich jeden mit dem Tode, der in
der Sitzung mit irgendeiner Waffe erschien. Mehrere trugen am Saum
ihres Gewandes einen Riß, zum Zeichen, daß sie bei der Trauer um den
Tod ihrer Angehörigen ihre Kleider nicht geschont hatten. Doch
verhinderte ein am Ende des Risses angesetzter Purpurstreifen, daß er
größer wurde. Andre trugen ihren Bart in einem Beutel aus
veilchenblauem Leder, der mit zwei Bändern an den Ohren befestigt war.
Alle begrüßten sich, indem sie einander umarmten. Sie umringten
Hamilkar und beglückwünschten ihn. Man hätte meinen können, Brüder
sähen einen Bruder wieder.
Diese Männer waren in der Mehrzahl untersetzt und hatten gebogene
Nasen, wie die assyrischen Kolosse. Etliche jedoch verrieten durch
ihre vorspringenden Backenknochen, ihren höheren Wuchs und ihre
schmäleren Füße afrikanische Abkunft und nomadische Vorfahren. Die
beständig in ihren Kontoren hockten, hatten bleiche Gesichter. Andre
verrieten in ihrer Erscheinung den Ernst der Wüste, und seltsame
Juwelen funkelten an allen Fingern ihrer Hände, die von fernen Sonnen
gebräunt waren. Die Seefahrer erkannte man an ihrem wiegenden Gang,
während die Landwirte nach der Kelter, nach Heu und Maultierschweiß
rochen. Diese alten Seeräuber waren Ackerbauer geworden, diese
Wucherer rüsteten Schiffe aus, diese Plantagenbesitzer hielten sich
Sklaven, die allerlei Handwerk betrieben. Alle waren sie in den
religiösen Bräuchen bewandert, in Ränken erfahren, unbarmherzig und
reich. Sie sahen versorgt aus, und ihre flammenden Augen blickten
mißtrauisch. Das fortwährende Reisen und Lügen, Schachern und Befehlen
hatte ihrem ganzen Wesen einen Anstrich von List und Gewalttätigkeit,
eine Art verstohlener, krampfhafter Roheit verliehen. Überdies
verdüsterte sie die fromme Umgebung.
Zuerst durchschritten sie einen gewölbten Saal, dessen Grundriß
eiförmig war. Sieben Türen, den sieben Planeten entsprechend, bildeten
an der Wand verschiedenfarbige Vierecke. Ein langes Gemach folgte.
Dann ging es wieder in einen dem ersten ähnlichen Saal.
Im Hintergrunde brannte ein Kandelaber, über und über mit ziselierten
Blumen bedeckt. Jeder seiner acht goldenen Arme trug einen Kelch von
Diamanten mit einem Leinwanddochte. Er stand auf der obersten der
langen Stufen, die zu einem großen Altar führten, dessen Ecken eherne
Hörner schmückten. Zwei seitliche Treppen führten zur Altarplatte
hinauf. Sie war kaum mehr zu erkennen. Sie glich einem Berg
aufgehäufter Asche, auf dessen Spitze etwas Unerkennbares langsam
rauchte. Darüber, höher als der Kandelaber und viel höher als der
Altar, starrte der Moloch, ganz aus Eisen, mit einer Männerbrust, in
der eine weite Öffnung klaffte. Seine ausgespannten Flügel erstreckten
sich über die Wand, und seine überlangen Hände reichten bis zum Boden
hinab. Drei schwarze Steine mit gelben Rändern funkelten als drei
Augen auf seiner Stirn. Er sah aus, als wolle er brüllen und als recke
er mit furchtbarer Anstrengung seinen Stierkopf in die Höhe.
Ringsum im Gemache waren Ebenholzschemel aufgestellt. Hinter einem
jeden stand auf drei Klauen ein eherner Fackelhalter. Die vielen
Flammenscheine spiegelten sich in den Perlmutterrauten, mit denen der
Fußboden getäfelt war. Der Saal war so hoch, daß das Rot der Wände
gegen die Wölbung hin schwarz erschien, und die drei Augen des
Götzenbildes hoch oben schimmerten wie halb im Dunkel verlorene
Sterne.
Die Alten nahmen auf den Schemeln Platz, nachdem sie die Schleppen
ihrer Gewänder über die Köpfe gezogen hatten. Unbeweglich saßen sie
da, die Hände in ihren weiten Ärmeln übereinander gelegt. Der
Perlmutterboden aber glich einem Lichtstrome, der vom Altar bis zur
Tür unter ihren bloßen Füßen hinrieselte.
In der Mitte saßen, Rücken an Rücken, die vier Oberpriester auf vier
Elfenbeinstühlen, die im Kreuz aufgestellt waren. Der Oberpriester
Eschmuns war in ein hyazinthenblaues Gewand gekleidet, der Tanits in
weißes Linnen, der Khamons in gelbrote Wolle und der Molochs in
Purpur.
Hamilkar näherte sich dem Kandelaber, schritt um ihn herum und
betrachtete die brennenden Dochte. Dann streute er wohlriechendes
Pulver darauf. Violette Flammen loderten in den Kelchen auf.
Alsbald erhob sich eine schrille Stimme, eine andre antwortete, und
die hundert Alten, die vier Oberpriester und Hamilkar, der immer noch
stand, stimmten einen Hymnus an. Sie wiederholten immerfort die
gleichen Silben, verstärkten aber jedesmal den Ton, und so schwollen
ihre Stimmen an, wurden schreiend und schrecklich, bis sie dann mit
einem Schlage schwiegen.
Man wartete eine Weile. Endlich zog Hamilkar aus seinem Busen eine
kleine saphirblaue Statuette mit drei Köpfen und stellte sie vor sich
hin. Das war das Bild der Wahrheit, die er damit zum Schutzgeist
seiner Worte machte. Dann steckte er sie wieder zu sich; und wie von
plötzlicher Wut ergriffen, schrien alle durcheinander:
»Die Barbaren sind deine guten Freunde! Verräter! Verruchter! Du
kommst zurück, um unsern Untergang anzusehen, nicht wahr?--Laßt ihn
reden!--Nein, nein ...!«
Sie rächten sich für den Zwang, den ihnen das staatsmännische
Zeremoniell bisher auferlegt hatte. Wiewohl sie Hamilkars Rückkehr
gewünscht hatten, so waren sie jetzt doch darüber entrüstet, daß er
ihrem Unglück nicht vorgebeugt, oder vielmehr, daß er es nicht mit
ihnen geteilt hatte.
Als sich das Getobe gelegt hatte, stand der Oberpriester Molochs auf.
»Wir fragen dich: warum bist du nicht nach Karthago zurückgekehrt?«
»Was geht das euch an?« antwortete der Suffet verächtlich.
Das Geschrei ward noch einmal so groß.
»Wessen beschuldigt ihr mich? Hab ich etwa den Krieg schlecht geführt?
Ihr habt meine Schlachtpläne gesehen, ihr, die ihr gemütlich zulaßt,
daß Barbaren ...«
»Genug! Genug!«
Mit leiser Stimme, damit schärfer darauf gehört würde, fuhr er fort:
»Ach, wahrlich, ich täusche mich, ihr Gottbegnadeten! Es gibt doch
noch Tapfere unter euch! Gisgo erhebe dich!« Er schritt mit
halbgeschlossenen Lidern vor dem Altar hin, als ob er jemanden suchte,
wobei er wiederholte: »Erhebe dich, Gisgo! Du kannst mich anklagen.
Sie werden dich schützen! Aber wo ist er?« Dann, als besänne er sich,
gab er sich selbst zur Antwort: »Ach, gewiß in seinem Hause, im Kreise
seiner Söhne. Er gebietet seinen Sklaven. Er ist glücklich. Er zählt
an der Wand die Ehrenketten, die ihm das Vaterland verliehen!«
Sie zuckten mit den Schultern, wie von Peitschenhieben getroffen.
»So wißt ihr nicht einmal, ob er lebt oder tot ist?« Und ohne sich um
ihr Geschrei zu kümmern, erklärte er: Indem sie den Suffeten im Stich
gelassen hätten, sei die Republik selbst in Gefahr geraten. Auch der
Friede mit Rom, so vorteilhaft er ihnen scheine, sei verderblicher als
zwanzig Schlachten.
Einige klatschten ihm Beifall: die weniger Reichen des Rates, die
allezeit im Verdacht standen, zum Volke oder zur Tyrannis zu neigen.
Ihre Gegner, die obersten Staatsbeamten und Syssitienvorstände, hatten
indessen die Majorität. Die Angesehensten hatten sich um Hanno
geschart, der am andern Ende des Saals vor der hohen Tür saß, die ein
hyazinthenblauer Vorhang verhängte.
Er hatte die Schwären seines Gesichts mit Schminke bestrichen. Der
Goldpuder seiner Haare war ihm auf die Schultern gefallen und bildete
dort zwei glänzende Flecke. Dadurch sah das Haar weißlich, dünn und
kraus wie Wolle aus. Seine Hände waren mit Binden umwickelt, die mit
wohlriechendem Öle getränkt waren, das auf den Boden herabtropfte.
Seine Krankheit hatte sich offenbar beträchtlich verschlimmert, denn
seine Augen verschwanden in den Falten der Lider. Um sehen zu können,
mußte er den Kopf zurückbiegen. Seine Anhänger veranlaßten ihn zu
reden. Endlich begann er mit heiserer, widerwärtiger Stimme:
»Weniger Anmaßung, Barkas! Wir alle sind besiegt worden! Jeder trage
sein Unglück! Füge dich!«
Hamilkar lächelte und sprach:
»Erzähle uns lieber, wie du unsre Penteren in die römische Flotte
hineinmanövriert hast!«
»Ich wurde vom Winde getrieben,« gab Hanno zur Antwort.
»Du machst es wie das Rhinozeros, das auf seinem Mist herumtrampelt.
Du stellst deine eigne Dummheit zur Schau! Schweig!«
Alsdann begannen sie, einander wegen der Schlacht bei den Ägatischen
Inseln anzuschuldigen.
Hanno machte Hamilkar den Vorwurf, er sei ihm nicht entgegen gekommen.
»Ei, dann hätte ich den Eryx entblößt. Du mußtest die offene See
gewinnen! Was hinderte dich daran? Ach, ich vergaß: die Elefanten
haben ja alle Angst vor dem Meere!«
Hamilkars Freunde fanden diesen Witz so gut, daß sie in ein lautes
Gelächter ausbrachen. Die Wölbung hallte davon wider, als hätte man
Pauken geschlagen.
Hanno wies auf das Unwürdige einer solchen Beleidigung hin. Er habe
sich seine Krankheit bei der Belagerung von Hekatompylos durch eine
Erkältung zugezogen. Dabei rannen ihm die Tränen über das Antlitz, wie
ein Winterregen über eine verfallene Mauer.
Hamilkar fuhr fort:
»Hättet ihr mich geliebt, wie ihr den da geliebt habt, so wäre jetzt
eitel Freude in Karthago! Wie oft hab ich euch um Hilfe angerufen! Und
stets versagtet ihr mir das Geld!«
»Wir brauchten es selber!« erklärten die Syssitienvorstände.
»Und als meine Lage zum Verzweifeln war, als wir den Urin unsrer
Maultiere tranken und an den Riemen unsrer Sandalen nagten, als ich am
liebsten Soldaten aus dem Erdboden gestampft und die Asche unsrer
Toten zu Heerhaufen verwandelt hätte, da rieft ihr die Schiffe zurück,
die mir noch geblieben waren!«
»Wir durften nicht alles aufs Spiel setzen,« entgegnete Baat-Baal, der
im darischen Gätulien Goldminen besaß.
»Was tatet ihr indessen hier in Karthago, in euren Häusern, hinter
euren Mauern? Es wohnen Gallier am Po, die ihr aufreizen mußtet,
Kanaaniter in Kyrene, die herbeigeeilt wären. Und während die Römer
Gesandte an Ptolemäos schicken ...«
»Jetzt rühmt er uns die Römer!«
Irgend jemand anders schrie ihm zu: »Wieviel haben sie dir bezahlt,
damit du sie verteidigst?«
»Das frage die Ebenen von Brutium, die Trümmer von Lokri, Metapont und
Heraklea! Ich habe alle ihre Bäume verbrannt, alle ihre Tempel
geplündert, und bis zum Tod der Enkel ihrer Enkel ...«
»Du deklamierst wie ein Schulmeister der Redekunst!« rief Kapuras, ein
berühmter Kaufherr. »Was willst du denn eigentlich?«
»Ich sage, man muß entweder klüger oder gefürchteter sein! Wenn ganz
Afrika euer Joch abschüttelt, so geschieht es, weil ihr schwächliche
Herrscher seid, nicht imstande, das Joch jemandem fest in den Nacken
zu drücken! Agathokles, Regulus, Scipio ... irgendein verwegener Mann
braucht nur zu landen, und schon hat er das Land erobert. Und wenn
sich die Libyer im Osten mit den Numidiern im Westen verbrüdern, wenn
die Nomaden von Süden und die Römer von Norden kommen ...« Ein Schrei
des Entsetzens erhob sich. »Ja, dann werdet ihr an eure Brust
schlagen, euch im Staube wälzen und eure Mäntel zerreißen! Dann hilft
das alles nichts! Ihr werdet doch fortmüssen, um in der Suburra die
Mühlen zu drehen und auf den Hügeln von Latium Wein zu lesen.«
Sie schlugen sich mit den Händen auf den rechten Schenkel, um ihre
Entrüstung auszudrücken, und die Ärmel ihrer Gewänder blähten sich wie
die großen Flügel erschrockener Vögel.
Immer noch auf der höchsten Stufe am Altare stehend, fuhr Hamilkar in
heiligem Feuer bebend und drohend fort. Er erhob die Arme, und die
Strahlen der hinter ihm lodernden Flammen schossen aus seinen Fingern
wie goldne Pfeile.
»Ihr werdet eure Schiffe verlieren, eure Landgüter, eure Wagen, eure
Hängebetten und eure Sklaven, die euch die Füße reiben! Die Schakale
werden in euren Palästen hausen, der Pflug wird eure Gräber umwühlen.
Man wird nichts mehr hören als den Schrei der Adler über Haufen von
Ruinen! Du wirst fallen, Karthago!«