Was nutzte ihm dies Heiligtum? Zweifel regten sich im Geiste des
Barbaren. Dann wieder schien es ihm im Gegenteil, als ob das Gewand
der Göttin mit Salambo in Zusammenhang stände, als lebe und webe ein
Teil ihrer Seele darin, flüchtiger wie ein Hauch. Er betastete es, sog
seinen Duft ein, vergrub sein Gesicht darein und küßte es unter
Tränen. Er hing es sich wieder um die Schultern, um sich selbst zu
täuschen, und er bildete sich ein, er sei wieder bei ihr.
Bisweilen trieb es ihn plötzlich hinaus. Beim Sternenlicht schritt er
über die Söldner hinweg, die in ihre Mäntel gehüllt, schliefen. Vor
den Toren des Lagers schwang er sich dann auf ein Pferd, und zwei
Stunden später war er vor Utika im Zelte des Spendius.
Zuerst sprach er von der Belagerung. Aber er war nur gekommen, um von
Salambo zu reden und so seinen Schmerz zu lindern. Spendius ermahnte
ihn zur Vernunft.
»Bezwing diese elende Schwäche! Sie erniedrigt deine Seele! Einst
gehorchtest du. Jetzt befehligst du ein Heer! Und wenn auch Karthago
nicht erobert wird, so muß man uns doch wenigstens Provinzen abtreten,
und wir sind Könige!«
Warum aber verlieh ihnen der Besitz des Zaimphs nicht den Sieg?
Spendius meinte, man müsse es abwarten. Matho bildete sich ein, der
Mantel übe seine Wunderkraft nur auf Männer kanaanitischen Stammes
aus, und mit der Spitzfindigkeit des Barbaren sagte er sich: »Folglich
wird der Zaimph für mich nichts tun. Da ihn aber jene verloren haben,
kann er auch ihnen nicht helfen.«
Sein Aberglaube verwirrte ihn weiterhin. Er fürchtete, Moloch zu
beleidigen, wenn er Aptuknos, den Gott der Libyer, anbete, und so
fragte er Spendius ängstlich, welchem von beiden man guttäte, ein
Menschenopfer zu bringen.
»Opfere nur!« versetzte Spendius lachend.
Matho, der diese Gleichgültigkeit nicht begriff, argwöhnte, daß der
Grieche einen Schutzgeist besäße, von dem er nicht reden wolle.
In diesen Barbarenheeren trafen ebenso wie alle Völkerstämme auch alle
Religionen zusammen. Man achtete die Götter der andern, denn auch sie
erregten Schrecken. Manche mischten fremde Gebräuche unter ihren
heimischen Gottesdienst. Wenn sie auch die Sterne nicht anbeteten, so
brachten sie ihnen doch Opfer, sobald eine Konstellation Unheil oder
Vorteil verkündete. Ein geheimnisvolles Amulett, das man zufällig bei
Gefahr fand, ward zur Gottheit. Oder es war oft nur ein Name, nichts
als ein Name, den man nachplapperte, ohne daß man auch nur versuchte,
seinen Sinn zu ergründen. Da man oft Tempel geplündert, viele Völker
und manche Metzelei gesehen hatte, so war manchem nur noch der Glaube
an Tod und Schicksal geblieben, und man schlief allabendlich mit der
Seelenruhe wilder Tiere ein. Spendius hätte die Bildnisse des
olympischen Zeus angespien. Trotzdem scheute er sich, im Dunkeln laut
zu reden, und er versäumte nie, jeden Morgen zuerst seinen rechten Fuß
in den Stiefel zu stecken.
Er ließ vor Utika einen langen viereckigen Erdwall aufwerfen. Doch in
dem Maße, wie dieser wuchs, erhob sich auch der Stadtwall. Was die
einen zerstörten, ward von den andern fast unmittelbar wieder
aufgebaut. Spendius schonte seine Leute und brütete über allerlei
Plänen. Er suchte sich all der Kriegslisten zu erinnern, von denen er
auf seinen Reisen hatte erzählen hören. Warum kam nur Naravas nicht
zurück? Man war voller Besorgnis und Unruhe.
Hanno hatte seine Mobilmachung beendet. In einer mondlosen Nacht ließ
er seine Elefanten und Soldaten auf Flößen über den Golf von Karthago
setzen. Dann umgingen sie den Berg der Heißen Wasser, um Autarit
auszuweichen, marschierten aber mit solcher Langsamkeit weiter, daß
man am dritten Tage, statt die Barbaren im Morgengrauen zu
überraschen, wie der Suffet es berechnet hatte, erst gegen Mittag an
Ort und Stelle gelangte.
Östlich von Utika erstreckte sich eine Ebene in südöstlicher Richtung
bis zur großen Lagune von Karthago. Im rechten Winkel zu dieser Ebene
mündete dicht südlich Utika von Südwesten her ein Tal, von zwei
niedrigen Höhenzügen umsäumt, die plötzlich abbrachen. Die Barbaren
hatten ihr Lager etwas links des Talausganges aufgeschlagen, um auch
den Hafen im Gesichtskreise zu haben. Sie schliefen in ihren
Zelten--an diesem Tage ruhte nämlich Freund wie Feind kampfesmüde--,
als hinter dem Hügelrücken das Heer der Karthager auftauchte.
Mit Schleudern bewaffnete Troßknechte waren ausgeschwärmt auf den
Flügeln aufgestellt. In der vordersten Front ritt die Garde in ihren
goldenen Schuppenpanzern auf schweren Pferden ohne Mähne, Schopf und
Ohren, die mitten auf der Stirn ein silbernes Horn trugen, damit sie
Rhinozerossen ähnlich sahen. Zwischen ihren Schwadronen marschierte
junge Mannschaft, mit niedrigen Helmen auf dem Kopf, in jeder Hand
einen Wurfspieß aus Eschenholz. Dahinter nahten die langen Lanzen des
schweren Fußvolks. Alle diese Krämer hatten ihre Leiber mit Waffen
überladen. Man sah manche, die eine Lanze, eine Streitaxt, eine Keule
und zwei Schwerter trugen. Andre starrten wie Stachelschweine von
Wurfspießen, während sie ihre mit Horn- oder Eisenschienen gepanzerten
Arme weit vom Küraß abspreizten. Zuletzt erschienen die hohen Gerüste
der Kriegsmaschinen. Karroballisten, Onager, Katapulte und Skorpione
schwankten auf Wagen daher, die von Mauleseln und Ochsenviergespannen
gezogen wurden. Je mehr sich das Heer entwickelte, um so emsiger
eilten die Hauptleute bald nach rechts und bald nach links, um unter
lauten Befehlen geschlossene Ordnung, Fühlung und Marschrichtung
aufrecht zu erhalten. Die Stabsoffiziere, die Gerusiasten waren,
prunkten in Purpurmänteln, deren prächtige Fransen sich in den Riemen
ihrer Panzerstiefel verwickelten. Ihre Gesichter, über und über mit
Zinnober bestrichen, glänzten unter ungeheuren Helmen, auf denen sich
Göttergestalten abhoben. Ihre Schilde mit edelsteinbesetzten
Elfenbeinrändern leuchteten wie Sonnen über ehernen Mauern.
Die Karthager manövrierten so schwerfällig, daß die Söldner sie
höhnisch aufforderten, sich doch lieber hinzusetzen. Sie schrien ihnen
zu, sie würden ihnen demnächst die dicken Bäuche erleichtern, die
Vergoldung von der Haut klopfen und ihnen Eisen zu saufen geben.
Hoch auf dem Maste, der vor Spendius' Zelt aufgepflanzt war, ward eine
Standarte von grüner Leinwand gehißt: das war das Zeichen zum Kampfe.
Das Heer der Karthager antwortete alsbald mit einem gewaltigen Lärm
ihrer Trompeten, Zimbeln, Pauken und Flöten aus Eselskinnbacken. Die
Barbaren waren bereits über die Palisaden gesprungen. Beide Heere
standen einander auf Speerwurfweite gegenüber.
Ein balearischer Schleuderer trat einen Schritt vor, legte eine
Tonkugel in seinen Riemen und schoß sie ab, indem er die nötigen
Griffe machte. Drüben beim Gegner zersprang ein Elfenbeinschild, und
die beiden Heere wurden handgemein.
Die Griechen stachen die feindlichen Pferde mit ihren Lanzenspitzen in
die Nüstern, so daß sie sich überschlugen und auf ihre eignen Reiter
fielen. Die Sklaven hatten zu große Steine geschleudert, die deshalb
unweit vor ihnen schon wieder zu Boden fielen. Beim Ausholen mit ihren
langen Schwertern ließen die punischen Fußtruppen ihre rechte Flanke
ungedeckt. Die Barbaren durchbrachen die Reihen und machten sie
rottenweise nieder. Sie stolperten über Sterbende und Tote, weil sie
nichts sahen vor lauter Blut, das ihnen ins Gesicht spritzte. Dieses
Durcheinander von Lanzen, Helmen, Panzern, Schwertern und Gliedmaßen
drehte sich um sich selbst, dehnte sich aus und zog sich elastisch
wieder zusammen. Die karthagischen Kompagnien lichteten sich immer mehr.
Ihre Geschütze waren im Sand stecken geblieben. Am Ende verschwand sogar
die Sänfte des Suffeten, seine große kristallglitzernde Sänfte, die man
seit Kampfesbeginn immer zwischen den Kämpfern hatte auf- und
niederwogen sehen, wie einen Kahn auf den Fluten. Ohne Zweifel war Hanno
gefallen! Alsbald sahen sich die Barbaren allein.
Der Staub um sie her senkte sich, und sie begannen bereits zu singen.
Da erschien Hanno in eigenster Person auf einem Elefanten. Barhäuptig
saß er unter einem baumwollnen Sonnenschirm, den ein hinter ihm
stehender Neger hielt. Seine Halskette aus blauen Metallschildern
klirrte über den gemalten Blumen seiner schwarzen Tunika.
Diamantreifen umspannten seine dicken Arme. Sein Mund war geöffnet.
Die riesige Lanze in seiner Hand, die an der Spitze wie eine
Lotosblume aussah, glänzte heller als ein Spiegel. Alsbald dröhnte der
Erdboden, und die Barbaren sahen in einer einzigen Linie die
sämtlichen Elefanten Karthagos heranstürmen, mit ihren vergoldeten
Stoßzähnen, ihren blaubemalten Ohren und ihren ehernen Panzern. Auf
ihren Scharlachdecken schaukelten lederne Türme, in denen je drei
Bogenschützen mit großen gespannten Bogen standen.
Die Söldner hatten kaum Zeit, zu den Waffen zu greifen. Sie bildeten
aufs Geratewohl Glieder und Rotten. Der Schreck machte sie starr und
ratlos.
Schon regneten von den Türmen Pfeile, Brandgeschosse und Bleimassen
auf sie herab. Einige der Barbaren klammerten sich an den Fransen der
Decken fest und wollten hinaufklettern. Man hieb ihnen mit Stutzsäbeln
die Hände ab, so daß sie rücklings in die starrenden Schwerter der
andern stürzten. Die Lanzen waren zu schwach und gingen entzwei. Die
Elefanten brachen in die Reihen ein, wie Eber in ein Gebüsch. Sie
rissen mit ihren Rüsseln die Pikettpfähle aus, durchstürmten das Lager
von einem Ende zum andern und warfen mit ihrer Brust die Zelte um. Die
Barbaren waren allesamt geflohen. Sie suchten Deckung hinter den
Hügeln, die das Tal umsäumten, durch das die Karthager marschiert
waren.
Hanno zog als Sieger vor die Tore von Utika. Dort ließ er die
Trompeten blasen. Die drei Räte der Stadt erschienen oben auf einem
Turme in einer Scharte der Brustwehr.
Die Einwohner von Utika sträubten sich, so wohlbewaffnete Gäste
aufzunehmen. Hanno wurde heftig. Endlich willigte man ein, ihn mit
einem schwachen Geleit einzulassen. Für die Elefanten waren die
Straßen zu eng. Sie mußten draußen bleiben.
Sobald der Suffet in der Stadt war, kamen die Patrizier, ihn zu
begrüßen. Er ließ sich in die Bäder führen und rief seine Köche.
* * * * *
Drei Stunden später saß er immer noch in dem mit Zimtöl gefüllten
großen Badebecken. Eine Ochsenhaut war vor ihm ausgespannt. Aus ihr,
als Tisch, schmauste er im Bade Flamingozungen mit Mohnkörnern in
Honigsauce. Neben ihm stand unbeweglich in langem, gelbem Gewande sein
griechischer Leibarzt und ließ von Zeit zu Zeit heißes Öl nachgießen.
Zwei Knaben lagen über die Stufen des Beckens gebeugt und massierten
dem Badenden die Beine. Doch die Sorge für seinen Körper tat seiner
politischen Passion keinen Abbruch, denn er diktierte einen Brief an
den Großen Rat; und da man Gefangene gemacht hatte, überlegte er sich,
welch gräßliche Züchtigung er für sie erfinden solle.
»Halt!« gebot er dem Sklaven, der stehend auf der hohlen Hand schrieb.
»Man führe ein paar von den Gefangenen herein! Ich will sie sehen!«
Aus dem Hintergrunde des mit weißem Dampf erfüllten Raumes, in dem die
Fackeln wie rote Glutflecke schimmerten, trieb man alsbald drei
Barbaren herbei: einen Samniter, einen Spartiaten und einen
Kappadokier.
»Schreib weiter!« rief Hanno.
»Freut euch, Gottbegnadete! Euer Suffet hat die gefräßigen Hunde
ausgerottet! Segen über die Republik! Ordnet Gebete an!« Da erblickte
er die Gefangnen und brach in Gelächter aus: »Ah! Meine Helden von
Sikka! Warum brüllt ihr denn heute nicht? Ich bin's doch! Erkennt ihr
mich nicht? Wo habt ihr denn eure Schwerter? Ihr seid schreckliche
Kerle! Donnerwetter!« Er tat, als wolle er sich verstecken, als
fürchte er sich vor ihnen. »Ihr habt Gäule, Weiber, Land, Ämter
verlangt, natürlich, und Pfründen! Na, ich werde euch in ein Land
schicken, das ihr nie mehr verlassen sollt! Und Galgen sollt ihr
umarmen, ganz jüngferliche! Euer Sold? Den wird man euch aus
geschmolzenen Bleibarren ins Maul gießen! Und hohe Stellen will ich
euch auch verschaffen, sehr hohe, himmelhohe, damit euch die Geier
recht nahe sind ...«
Die drei langhaarigen, in Lumpen gehüllten Barbaren blickten ihn an,
ohne zu verstehen, was er sagte. Man hatte die an den Knien
Verwundeten gefangen, indem man ihnen Stricke überwarf. Die Enden
ihrer schweren Handketten schleppten über die Steinfliesen hin. Hanno
ward ob ihrer Unempfindlichkeit wütend.
»Nieder! Nieder! Ihr Bestien! Dreck seid ihr! Ungeziefer! Mist! Und
ihr antwortet nicht! Gut! Verstummt!--Man soll ihnen lebendig das Fell
abziehen! Auf der Stelle!«
Er schnaufte wie ein Nilpferd und rollte die Augen. Das wohlriechende
Öl floß durch eine plumpe Bewegung seines Körpers über und umschäumte
seine schuppige Haut. Im Fackellicht sah sie rosig aus.
Er fuhr fort zu diktieren:
»Wir haben vier Tage lang schwer unter dem Sonnenbrand gelitten. Beim
Übergang über den Makar Verluste an Maultieren. Trotz der starken
Stellung hat der außerordentliche Mut ...--Demonades! Ich habe große
Schmerzen! Man feure den Ofen, bis die Ziegel glühen!«
Man hörte das Geräusch der Ofentür und des Schaufelns. Der Weihrauch
in den breiten Pfannen wirbelte stärker, und die nackten Badeknechte,
die wie Schwämme schwitzten, rieben dem Karthager die Gelenke mit
einer Salbe aus Weizen, Schwefel, Rotwein, Hundemilch, Myrrhen,
Galbanum und Storaxbaumharz. Unaufhörlicher Durst verzehrte ihn. Aber
den Mann im gelben Gewande rührte dieses Gelüst nicht. Er reichte ihm
einen goldenen Becher, in dem nur Vipernbrühe dampfte.
»Trink!« sprach er, »damit dir die Kraft der sonnengeborenen Schlangen
in das Mark der Knochen dringe, und fasse Mut, du Ebenbild der Götter!
Du weißt überdies, daß ein Priester Eschmuns die grausamen Sterne in
der Nähe des Sirius beobachtet, von denen deine Krankheit herrührt.
Sie verblassen wie die Flecken auf deiner Haut. Du wirst also nicht
daran sterben.«
»Ja ja, nicht wahr?« fiel der Suffet ein. »Ich muß nicht daran
sterben!« Und seinen rotblauen Lippen entströmte ein Atem, ekelhafter
als die Ausdünstung eines Leichnams. Zwei Kohlen schienen an Stelle
seiner wimpernlosen Augen zu glühen. An der Stirn hing ihm ein Klumpen
runzliger Haut. Seine Ohren standen ab und sahen dadurch um so größer
aus, und die tiefen Furchen, die in Halbkreisen um seine Nasenflügel
liefen, verliehen ihm etwas Seltsames, Abschreckendes, das Aussehen
eines wilden Tieres. Seine entstellte Stimme klang wie Brüllen.
»Du hast vielleicht recht, Demonades,« sagte er. »In der Tat, hier:
mehrere Geschwüre haben sich geschlossen! Ich fühle mich kräftig. Da,
sieh nur, wie ich esse!«
Bei diesen Worten machte er sich, weniger aus Eßlust als aus Prahlerei
und um sich selbst zu beweisen, daß er gesund sei, an die Farce von
Käse und Majoran, an die entgräteten Fische, die Kürbisse, Austern,
Eier, Rettiche, Trüffeln und die kleinen am Spieß gebratenen Vögel.
Dabei blickte er unverwandt auf die Gefangenen und weidete sich in
Gedanken an der ihnen bevorstehenden Marter. Doch da fiel ihm Sikka
ein, und die Wut über all seinen damaligen Ärger entlud sich in
Schmähungen gegen die drei Männer.
»Bande! Verräter! Halunken seid ihr! Schurken! Verfluchte! Ihr habt
mich beleidigen wollen, mich, den Suffeten! Eure Dienste? Den Lohn für
euer Blut? Habt ihr nicht so gesagt! Ha, ha, euer Blut!« Er redete wie
zu sich selbst weiter: »Alle miteinander sollen sie sterben! Nicht
einer wird verkauft! Aber vielleicht wäre es besser, sie nach Karthago
mitzunehmen? Als Staffage für mich? Doch ... ganz gewiß hab ich nicht
Ketten genug mitgebracht ... Schreib: Sendet mir ...--wieviele
Gefangene sind es? Man frage sofort Muthumbal darnach! Fort! Nur kein
Mitleid! Man bringe mir in Körben ihre abgehauenen Hände!«
In diesem Augenblick drang ein seltsames Geschrei, heiser und doch
schrill, in das Gemach und übertönte Hannos Stimme und das Klirren der
Schüsseln, die man ihm auftafelte. Es ward immer stärker, und
plötzlich erscholl das Wutgebrüll der Elefanten, als ob die Schlacht
von neuem begönne. Um die Stadt herum lärmte und tobte es laut.
Die Karthager hatten gar nicht versucht, die Barbaren zu verfolgen.
Sie hatten sich am Fuße der Mauern gelagert, mit ihrem Gepäck, ihren
Dienern und ihrem ganzen fürstlichen Troß. Sie ergötzten sich in ihren
schönen, perlengeschmückten Zelten, während das Söldnerlager draußen
in der Ebene nur noch ein Trümmerhaufen war. Spendius hatte seinen Mut
wiedergefunden. Er sandte Zarzas an Matho, durchstreifte die Gehölze
und sammelte seine Leute. Die Verluste waren unbedeutend. Man ordnete
sich wieder in Reih und Glied, voller Wut, daß man ohne Kampf besiegt
worden war. Da entdeckte man ein großes Faß voll Erdöl, das offenbar
von den Karthagern zurückgelassen worden war. Spendius ließ sofort
Schweine aus den Meierhöfen holen, bestrich sie mit dem Erdöl, zündete
es an und ließ die Tiere auf Utika hetzen.
Durch das Feuer erschreckt, ergriffen die Elefanten die Flucht und
liefen bergan. Man schleuderte ihnen Wurfspieße nach. Da machten sie
Kehrt und schlitzten den Karthagern mit ihren Stoßzähnen die Leiber
auf oder erdrückten und zerstampften sie mit ihren Füßen. Hinter den
Tieren kamen die Barbaren den Hügel herab. Das punische Lager, das
keinen Wall hatte, wurde beim ersten Anlauf genommen und geplündert.
Die Karthager wurden gegen die Tore der Stadt getrieben. Aus Furcht
vor den Söldnern wollte man nicht öffnen. Der Tag brach an. Von Westen
her sah man Mathos Fußvolk heranmarschieren. Gleichzeitig tauchten
Reiterscharen auf. Das war Naravas mit seinen Numidiern. Sie setzten
über Hecken und Gräben weg und hetzten die Flüchtlinge, wie Jagdhunde
die Hasen. Dieser Wechsel des Kriegsglücks überraschte den Suffeten.
Er schrie, man solle ihm aus dem Bade helfen.
Die drei Gefangenen standen noch immer vor ihm. Da flüsterte ihm ein
Neger--der nämliche, der in der Schlacht seinen Sonnenschirm trug--ein
paar Worte ins Ohr.
»Ach so?« entgegnete der Suffet langsam. »Ja, töte sie!« fügte er in
barschem Tone hinzu.
Der Äthiopier zog einen langen Dolch aus seinem Gürtel, und die drei
Köpfe fielen. Einer davon rollte über die Reste des Mahls und fiel in
das Badebecken. Eine Weile schwamm er. Das Morgenlicht drang durch die
Mauerspalten ein. Die drei Leichen lagen auf der Brust. Ihr Blut
strömte in dicken Strahlen wie aus drei Quellen. Ein Teppich von Blut
rann über die Mosaik, die mit blauem Sande bestreut war. Der Suffet
tauchte die Hand in diesen warmen Schlamm und rieb sich die Knie
damit! Es galt dies als Heilmittel.
Als es Abend geworden, entwich er mit seinem Gefolge aus der Stadt. In
der Richtung auf die Berge wollte er sein Heer einholen. Er fand nur
die Trümmer davon wieder.
Vier Tage darnach war er in Gorza, auf der Höhe über einem Paß, als
sich die Truppen des Spendius in der Tiefe zeigten. Mit zwanzig guten
Lanzen, gegen die Vorhut ihrer Marschkolonne gerichtet, hätte man sie
leicht aufhalten können. Doch die Karthager ließen sie in höchster
Bestürzung vorübermarschieren. Hanno erkannte bei der Nachhut den
Fürsten der Numidier. Naravas neigte sich zum Gruß und machte dabei
ein Zeichen, das der Karthager nicht verstand.
Unter allerhand Nöten gelangte man nach Karthago zurück. Nur des
Nachts ward marschiert, tagsüber verbarg man sich in den
Olivenwäldern. Auf jeder Rast starben Leute. Mehrere Male glaubte man
sich völlig verloren. Endlich ward das Hermäische Vorgebirge erreicht,
wo Schiffe sie aufnahmen.
Hanno war so ermüdet, so verzweifelt--besonders bedrückte ihn der
Verlust der Elefanten--, daß er Demonades um Gift bat, um seinem Leben
ein Ende zu machen. Es war ihm zumute, als sei er bereits ans Kreuz
geschlagen.
Aber Karthago hatte nicht mehr die Kraft, ihm zu zürnen. Die
Expedition hatte beinahe eine Million Mark, achtzehn Elefanten,
vierzehn Ratsmitglieder, dreihundert Patrizier, achttausend Bürger,
Getreide für drei Monate, beträchtlich viel Gepäck und sämtliche
Kriegsmaschinen gekostet. Der Abfall des Naravas stand außer Zweifel.
Die beiden Belagerungen begannen von neuem. Autarits Heer dehnte sich
jetzt von Tunis bis Rades aus. Von der Höhe der Akropolis sah man in
der Ebene lange Rauchwolken zum Himmel emporsteigen. Das waren die
brennenden prächtigen Landsitze der karthagischen Patrizier. Ein
einziger Mann konnte die Republik noch retten. Man bereute es, ihn
verkannt zu haben, und selbst die Friedenspartei stimmte dafür, den
Göttern Brandopfer zu bringen, damit Hamilkar zurückkehre.
Der Anblick des Zaimphs hatte Salambo tief erschüttert. Nachts glaubte
sie die Schritte der Göttin zu hören und wachte mit entsetztem Schrei
auf. Tagtäglich ließ sie Speisen in die Tempel tragen. Taanach lief
sich beim Ausführen ihrer Befehle müde, und Schahabarim verließ sie
nicht mehr.
VII
Hamilkar Barkas
Der Mondsignalist, der allnächtlich auf dem Dache des Eschmuntempels
wachte und mit seiner Trompete die Bewegungen des Gestirns verkündete,
bemerkte eines Morgens im Westen etwas, das einem Vogel glich, der mit
langen Flügeln über die Meeresfläche hinglitt. Es war ein Schiff mit
drei Ruderreihen. Am Bug trug es ein geschnitztes Pferd. Die Sonne
ging auf. Der Beobachter hielt sich die Hand vor die Augen. Dann griff
er rasch zu seiner Trompete und ließ ihren ehernen Ruf weit über
Karthago hin erschallen.
Aus allen Häusern stürzten Menschen. Man wollte dem Gerücht nicht
glauben. Man stritt sich. Der Außenkai war mit Volk bedeckt. Endlich
erkannte man die Trireme Hamilkars.
In stolzer, trotziger Haltung näherte sich das Schlachtschiff. Die Rah
genau im rechten Winkel zur Seite gestreckt, das dreieckige Segel in
der ganzen Mastlänge gebläht, so durchschnitt es den Schaum der Wogen,
indes seine riesigen Ruder das Wasser taktmäßig schlugen. Von Zeit zu
Zeit kam das Ende des wie eine Pflugschar geformten Kieles zum
Vorschein, und unter dem Rammsporn, in den der Bug auslief, leuchtete
der Elfenbeinkopf des Rosses, dessen hochsteigende Vorderbeine über
die Meeresfläche zu galoppieren schienen.
Am Vorgebirge, wo der Wind aufhörte, sank das Segel, und man sah neben
dem Lotsen einen Mann unbedeckten Hauptes stehen. Das war er. Der
Suffet Hamilkar! Um den Leib trug er einen funkelnden Erzpanzer. Ein
roter Mantel, an den Schultern befestigt, ließ seine Arme frei. Zwei
sehr lange Perlen hingen an seinen Ohren, und sein dichter schwarzer
Bart wallte ihm bis auf die Brust herab.
Inzwischen fuhr die Galeere schaukelnd durch die Klippen und dann den
Kai entlang. Die Menge folgte ihr auf dem Pflaster und rief:
»Heil und Segen! Liebling der Sonne! Sei du unser Befreier! Die
Patrizier sind an allem schuld! Sie wollen dich umbringen! Sei auf der
Hut, Barkas!«
Er antwortete nicht, als ob ihn das Rauschen der Meere und der Lärm
der Schlachten taub gemacht hätten. Doch als er unter der großen
Treppe vorbeifuhr, die hinauf zur Akropolis führte, erhob er das Haupt
und betrachtete, die Arme gekreuzt, den Tempel Eschmuns. Dann
schweifte sein Blick noch höher hinauf in den weiten klaren Himmel.
Mit scharfer Stimme rief er seinen Matrosen einen Befehl zu. Die
Trireme glitt schneller dahin, vorbei an dem Götterbilde, das am
Vorsprunge des Außenkais aufgestellt war, um die Stürme zu bannen, und
durch den länglichen Handelshafen, der voller Unrat, Holzsplitter und
Fruchtschalen war. Sie stieß und drängte die Kauffahrteischiffe
beiseite, die an Pfählen befestigt lagen und in Krokodilsrachen
ausliefen. Das Volk eilte herbei. Manche versuchten heranzuschwimmen.
Doch schon war die Galeere am Ende des Handelshafens vor dem
nägelbeschlagenen Tor. Es rasselte in die Höhe, und die Trireme
verschwand in der Tiefe der Wölbung.
Der Kriegshafen war von der Stadt völlig abgeschlossen. Wenn Gesandte
kamen, wurden sie zwischen hohen Mauern durch einen Gang geleitet, der
durch die westliche Hafenmauer nach dem Khamontempel führte. Die weite
Wasserfläche des Kriegshafens war rund wie eine Trinkschale und von
einem Kai mit zweihundertzwanzig radial angeordneten Schiffshallen--für
je eine Pentere--eingefaßt. Vor ihnen, über den Trennungsmauern der
Dockrinnen, ragte je eine Säule mit Ammonshörnern an den Kapitälen.
Dadurch entstand eine fortlaufende Reihe, ein Säulengang, ringsum das
Hafenrund. In der Mitte, auf einer Insel, erhob sich das Admiralshaus.