abzuwehren. Alle waren aufgesprungen. Doch der Meersuffet stand als
priesterliches Oberhaupt unter dem Schutz der Sonne und war
unverletzlich, solange ihn der Staatsgerichtshof der Hundert nicht
verurteilt hatte. Vom Altar ging ein heiliges Grauen aus. Sie wichen
zurück. Hamilkar hatte aufgehört zu reden. Starren Blickes, im Gesicht
bleich wie die Perlen seiner Tiara, stand er tiefatmend da, fast
erschrocken über sich selbst. Sein Geist verlor sich in düstere
Visionen. Von seinem erhöhten Standort erschienen ihm all die Fackeln
auf den ehernen Trägern wie eine mächtige Flammenkrone, die auf den
Fliesen lag. Schwarzer Qualm wirbelte daraus empor und reckte sich in
das Dunkel der Wölbung. Eine Weile war die Stille so tief, daß man das
Rauschen des Meeres in der Ferne hörte.
Dann begannen die Alten einander zu befragen. Ihr Eigentum, ja ihr
Dasein war durch die Barbaren bedroht. Aber man konnte diese ohne
Hilfe des Suffeten nicht niederwerfen. Das war trotz allen Stolzes
schließlich maßgebend. Man nahm Hamilkars Freunde beiseite. Es gab
selbstsüchtige Versöhnungen, geheime Abmachungen und feierliche
Versprechen. Aber Hamilkar wollte auf keinen Fall mehr mit der
Regierung zu tun haben. Alle beschworen ihn. Man flehte ihn an. Als
gar das Wort »Verrat« von neuem fiel, da ward er zornig. Der einzige
Verräter sei der Große Rat. Denn da die Verpflichtung der Söldner mit
dem Kriege erlösche, so seien sie mit dem Ende des Krieges frei
geworden. Des weiteren übertrieb er ihre Tapferkeit und alle die
Vorteile, die man daraus ziehen könne, wenn man sie durch Geschenke
und Vorrechte wieder für die Republik gewönne.
Da sagte Magdassan, ein alter Statthalter in den Provinzen, indem er
seine gelben Augen rollte:
»Wahrlich, Barkas, du bist durch deine vielen Reisen ein Grieche oder
ein Lateiner geworden, ich weiß nicht was! Was redest du von
Belohnungen für diese Leute? Besser, daß zehntausend Barbaren zugrunde
gehen als ein einziger von uns!«
Die Alten nickten beifällig und murmelten: »Jawohl, wozu so viel
Rücksichten? Barbaren findet man immer!«
»Und entledigt sich ihrer auch ganz bequem wieder, nicht wahr? Man
läßt sie im Stich, wie ihr es in Sardinien getan habt. Man
benachrichtigt den Feind einfach von dem Wege, den sie einschlagen
müssen, wie bei jenen Galliern in Sizilien, oder man schifft sie auch
wohl mitten im Meere aus. Auf meiner Heimfahrt hab ich das
Felseneiland gesehen, noch ganz weiß von ihren Gebeinen!«
»Welch ein Unglück!« meinte Kapuras schamlos.
»Sind sie nicht hundertmal zum Feinde übergegangen!« schrien die
andern.
»Warum rieft ihr sie denn, euren Gesetzen zuwider, nach Karthago
zurück? Und als sie dann in der Stadt sind, arm und in Menge, inmitten
all eurer Reichtümer, da kommt euch nicht einmal der Gedanke, sie
durch die geringste Teilung zu schwächen! Ihr entlaßt sie mit Weib und
Kind, allesamt, ohne auch nur eine einzige Geisel zurückzubehalten!
Wähntet ihr, sie würden einander morden, um euch den Schmerz zu
ersparen, eure Schwüre zu halten? Ihr haßt sie, weil sie stark sind!
Mich, ihren Marschall, haßt ihr noch mehr! O, ich merkte das soeben
wohl, als ihr meine Hände küßtet. Ihr tatet euch Gewalt an, um nicht
hineinzubeißen.«
Wären die Löwen, die draußen im Hofe schliefen, mit Gebrüll
hereingestürzt, der Lärm hätte nicht furchtbarer sein können. Da erhob
sich der Oberpriester Eschmuns, steif, die Knie gegeneinandergepreßt,
die Ellbogen an den Körper gedrückt und die Hände halb geöffnet.
»Barkas!« sprach er. »Karthago bedarf deiner. Du mußt den Oberbefehl
über die punischen Streitkräfte gegen die Barbaren annehmen!«
»Ich weigere mich!« entgegnete Hamilkar.
»Wir werden dir volle Gewalt geben!« riefen die Häupter der Syssitien.
»Nein!«
»Ohne jede Überwachung! Alleinige Selbständigkeit! Du bekommst so viel
Geld, als du forderst! Alle Gefangenen! Die ganze Beute! Vier
Quadratfuß Land für jeden feindlichen Leichnam!«
»Nein, nein! Weil es unmöglich ist, mit euch zu siegen!«
»Er hat Furcht!«
»Weil ihr feig, geizig, undankbar, kleinmütig und unbesonnen seid!«
»Er will die Soldateska schonen!«
»Um sich an ihre Spitze zu stellen!« fügte irgendeiner hinzu.
»Und über uns herzufallen!« versetzte ein andrer.
Aus dem Hintergrunde aber brüllte Hanno:
»Er will sich zum Könige machen!«
Da sprangen sie alle auf, warfen die Sitze und die Fackeln um. Dolche
zückend, stürzten sie nach dem Altar. Doch Hamilkar griff in seine
Ärmel und zog zwei breite Messer hervor. Vorgebeugt, den linken Fuß
vorgesetzt, stand er mit zusammengepreßten Zähnen und flammenden Augen
da, unbeweglich unter dem goldnen Kandelaber, und blickte sie trotzig
an.
Aus Vorsicht hatten sie also sämtlich Waffen mitgebracht! Das war ein
Verbrechen! Erschrocken blickten sie sich gegenseitig an. Doch da alle
schuldig waren, beruhigte man sich rasch, und einer nach dem andern
wandte dem Suffeten den Rücken und stieg, wütend über die Demütigung,
wieder hinab. Zum zweiten Male wichen sie vor ihm zurück. Eine Weile
blieben sie so stehen. Etliche hatten sich an den Fingern verletzt und
führten sie zum Munde oder wickelten sie behutsam in den Saum ihrer
Mäntel. Man wollte eben allgemein aufbrechen, da hörte Hamilkar die
Worte:
»Pfui! Er tut es aus Rücksicht auf seine Tochter! Er will sie nicht
betrüben!«
Und eine andre lautere Stimme schrie:
»Ohne Zweifel, denn sie wählt sich ja ihre Liebsten unter den
Söldnern!«
Einen Augenblick wankte Hamilkar, dann suchten seine raschen Augen
Schahabarim. Der Priester der Tanit war allein auf seinem Platze
verblieben, aber Hamilkar erblickte von weitem nichts als seine hohe
Mütze. Die Versammlung lachte dem Suffeten höhnisch ins Gesicht. Je
mehr seine Erbitterung wuchs, um so größer ward ihre Freude, und
inmitten des Spottgeschreis riefen die hinten Stehenden:
»Man hat einen aus ihrem Gemache kommen sehen!«
»Eines Morgens im Monat Tammuz!«
»Es war der Räuber des Zaimphs!«
»Ein sehr schöner Mann!«
»Größer als du!«
Hamilkar riß sich die Tiara vom Haupte, das Zeichen seiner Würde,
seine Tiara mit acht symbolischen Reifen, die in der Mitte eine
Rosette aus Smaragden trug, und schleuderte sie mit beiden Händen aus
Leibeskräften zu Boden. Die goldnen Kronen zersprangen und prallten
hoch, und die Perlen schlugen klingend auf die Fliesen. Jetzt konnte
man auf seiner bleichen Stirn eine lange Narbe erblicken, die sich wie
eine Schlange zwischen seinen Augenbrauen hinringelte. Alle Glieder
zitterten ihm. Er stieg eine der Seitentreppen empor, die auf den
Altar führten, und betrat ihn. Damit deutete er an, daß er sich dem
Gotte weihte, sich zum Opfer anbot. Sein Mantel flatterte und brachte
die Lichter des Kandelabers ins Flackern, der sich jetzt zu Hamilkars
Füßen befand, und der feine Staub, den seine Tritte aufwirbelten,
umhüllte ihn bis zu den Lenden wie eine Wolke. Zwischen den Beinen des
ehernen Kolosses blieb er stehen. Er nahm zwei Hände voll von der
Asche, deren bloßer Anblick alle Karthager vor Entsetzen erbeben ließ,
und sprach:
»Bei den hundert Fackeln eures Geistes! Bei den acht Feuern der
Erdgeister! Bei den Sternen, den Meteoren und Vulkanen! Bei allem, was
brennt! Beim Durste der Wüste und dem Salze des Meeres! Bei der Höhle
von Hadrumet und dem Reiche der Seelen! Bei dem Ende aller Dinge! Bei
der Asche eurer Söhne und der Asche der Brüder eurer Ahnen, mit der
ich jetzt die meine menge! Ihr, der Rat der Alten von Karthago, ihr
habt gelogen, als ihr meine Tochter anklagtet! Und ich, Hamilkar
Barkas, der Suffet des Meeres, der Erste der Patrizier und der
Herrscher des Volkes, ich schwöre vor Moloch dem Stierköpfigen ...«
Man erwartete etwas Entsetzliches, doch er fuhr mit lauter und ruhiger
Stimme fort: »... daß ich nicht einmal mit ihr darüber reden werde!«
Die Tempeldiener, goldne Kämme im Haar, traten ein, mit
Purpurschwämmen und Palmzweigen. Sie hoben den hyazinthblauen Vorhang
auf, der vor die Türe gespannt war. Durch die Öffnung erblickte man im
Hintergrunde der Säle den weiten rosenroten Himmel, der die Wölbung
der Decke fortzusetzen schien und sich am Horizont auf das tiefblaue
Meer stützte. Die Sonne erhob sich aus den Fluten und stieg empor.
Ihre Strahlen trafen die Brust des Kolosses. Sein von roten Zähnen
starrender Rachen tat sich in schrecklichem Gähnen auf. Seine
ungeheuern Nasenflügel erweiterten sich. Das helle Licht belebte ihn
und verlieh ihm ein furchtbares, lauerndes Aussehen, als ob er sich
hinausstürzen wollte, um sich mit dem Gestirn, dem Gott, zu vereinen
und mit ihm zusammen die Unendlichkeit zu durchstürmen.
Die umgerissenen Fackeln brannten inzwischen weiter, und ihr
Widerschein goß hier und dort auf die Perlmutterfliesen rote Flecke
wie von Blut hin. Die Alten taumelten vor Ermattung. Sie atmeten die
frische Luft mit vollen Zügen. Schweiß rann über ihre bleigrauen
Lippen. Sie hatten alle so viel geschrien, daß sie einander nicht mehr
verstanden. Aber ihr Zorn gegen den Suffeten war nicht erloschen. Zum
Abschied warfen sie ihm Drohungen zu, und Hamilkar erwiderte sie:
»Auf Wiedersehen morgen nacht, Barkas, im Tempel Eschmuns!«
»Ich werde da sein!«
»Wir werden dich durch die Hundertmänner verurteilen lassen!«
»Und ich euch durch das Volk!«
»Nimm dich nur in acht, daß du nicht am Kreuze endest!«
»Und ihr, daß ihr nicht in den Straßen zerrissen werdet!«
Sobald sie sich auf der Schwelle des Hofes befanden, nahmen sie wieder
eine ruhige Haltung an.
Die Läufer und Wagenführer erwarteten ihre Herren am Tor. Die meisten
Gerusiasten ritten auf weißen Maultieren davon. Der Suffet sprang in
seinen zweirädrigen Wagen und ergriff selbst die Zügel. Die beiden
Rosse trabten im Takt in stolzer Beizäumung über die aufspringenden
Kiesel. Die ganze Straße der Mappalier hinan galoppierten sie. Der
silberne Geier vorn an der Deichsel schien zu fliegen, so schnell
stürmte der Wagen dahin.
Die Straße durchschnitt einen Platz, der mit hohen, oben
pyramidenförmig zugespitzten Steinplatten bedeckt war. Sie trugen in
der Mitte ausgemeißelt eine offene Hand, als ob der Tote, der darunter
lag, sie gen Himmel emporstrecke, um etwas zu erbitten. Dann kamen
verstreute Hütten aus Lehm, Zweigen und Binsengeflecht, kegelförmig
errichtet. Kleine Mauern aus Kieselsteinen, Rinnen mit gießendem
Wasser, aus Spartogras geflochtene Stricke und Hecken von Feigenkaktus
trennten in unregelmäßiger Weise die einzelnen Behausungen, die immer
zahlreicher wurden und sich bis zu den Gärten des Suffeten hinzogen.
Hamilkar heftete seine Blicke auf einen großen Turm, dessen drei
Stockwerke die Form von drei ungeheuren Zylindern hatten. Das unterste
war aus Stein, das zweite aus Ziegeln und das oberste ganz aus
Zedernholz erbaut und trug eine kupferne Kuppel, auf vierundzwanzig
Säulen aus Wacholderholz, von denen Erzketten in Form von
durcheinandergeschlungenen Girlanden herabhingen. Der hochragende Bau
beherrschte die Gebäude, die zur Rechten standen, die Speicher und das
Verwaltungshaus, während der Frauenpalast hinter den Zypressenreihen
hervorlugte, die wie zwei eherne Mauern Wache hielten.
Als der Wagen rasselnd durch das enge Tor gefahren war, hielt er unter
einem breiten Schutzdache, unter dem angehalfterte Pferde an
Heubündeln fraßen.
Diener liefen herbei. Es waren ihrer eine große Menge vorhanden, da
man auch die auf den Feldern Arbeitenden, aus Furcht vor den Söldnern,
in die Stadt hereingetrieben hatte. Diese Feldarbeiter trugen
Tierfelle und schleppten Ketten nach, die um ihre Knöchel
zusammengeschmiedet waren. Die Arbeiter aus den Purpurfabriken hatten
rotgefärbte Arme wie Scharfrichter. Die Seeleute trugen grüne Mützen,
die Fischer Korallenhalsbänder, die Jäger ein Netz auf der Schulter
und die im Schlosse von Megara Beschäftigten weiße oder schwarze
Gewänder, Lederhosen und Kappen aus Stroh, Filz oder Leinwand, je nach
ihrem Dienst und verschiedenem Gewerbe.
Dahinter drängte ein in Lumpen gehüllter Pöbel. Diese Vagabunden
lebten obdachlos ohne jede Beschäftigung. Sie schliefen des Nachts in
den Gärten und nährten sich von den Küchenabfällen. Es war gleichsam
menschlicher Moder, der im Schatten des Palastes wucherte. Hamilkar
duldete sie, mehr aus kluger Vorsicht denn aus verächtlichem Erbarmen.
Sie hatten sich allesamt zum Zeichen ihrer Freude Blumen hinter die
Ohren gesteckt. Viele von ihnen hatten den Gewaltigen noch nie
gesehen.
Aufseher, die ihr Haar wie Sphinxe trugen, warfen sich auf alle diese
Leute und schlugen mit ihren großen Stöcken rechts und links um sich.
Dies geschah, um die auf den Anblick ihres Gebieters neugierigen
Sklaven zurückzutreiben. Hamilkar sollte nicht durch die Menge beengt
und durch ihren Geruch nicht belästigt werden.
Nun warfen sich alle platt auf den Boden und schrien: »Götterliebling,
dein Haus blühe!« Durch diesen in der Zypressenallee auf dem Boden
liegenden Schwarm schritt der Haushofmeister Abdalonim in seiner hohen
weißen Mütze auf Hamilkar zu, ein Weihrauchfaß in der Hand.
Da kam Salambo die Galeerentreppe herab, gefolgt von all ihren Frauen,
die immer, wenn ihre Herrin eine Stufe herabstieg, dasselbe taten. Die
Köpfe der Negerinnen hoben sich als große schwarze Punkte in der
langen Linie der mit Goldplättchen besetzten Binden auf den Stirnen
der Römerinnen ab. Andre trugen im Haar silberne Pfeile,
Schmetterlinge aus Smaragden oder sonnenartig geordnete lange Nadeln.
Auf dem Gewirr der weißen, gelben und blauen Gewänder funkelten Ringe,
Spangen, Halsketten, Fransen und Armbänder. Die leichten Stoffe
knisterten. Man hörte das Klappen der Sandalen und das dumpfe Treten
der bloßen Füße auf den Holzstufen. Hier und da ragte ein großer
Eunuch über die Frauen hinweg mit seinen hohen Schultern und seinem
lächelnden Haupte. Als die Zurufe der Männer nachgelassen hatten,
stießen die Weiber, das Gesicht mit den Ärmeln verhüllend, seltsame
Rufe aus, dem Heulen von Wölfinnen vergleichbar, so wild und so
schrill, daß die große, ganz mit Frauen bedeckte Ebenholztreppe von
oben bis unten dumpf erdröhnte.
Der Wind blähte die Schleier. Die dünnen Papyrosstauden wiegten sich
sacht. Es war im Monat Schebaz, mitten im Winter. Die blühenden
Granatbäume zeichneten sich in runden Linien vom blauen Himmel ab, und
durch die Zweige schimmerte das Meer mit einem fernen Eiland, halb im
Dunste verschwommen.
Hamilkar blieb stehen, als er Salambo erblickte. Sie war ihm nach dem
Tode mehrerer Knaben geboren worden. Zudem galt die Geburt von
Töchtern in allen Ländern der Sonnenanbetung für ein Unglück. Später
hatten ihm die Götter zwar noch einen Sohn geschenkt, aber von seiner
Enttäuschung und von dem Fluch, den er über seine Tochter
ausgesprochen hatte, war etwas in seiner Seele doch verblieben.
Inzwischen kam Salambo heran.
Perlen von verschiedener Färbung hingen in langen Trauben von ihren
Ohren auf die Schultern herab bis an die Ellbogen. Ihr Haar war so
gekräuselt, daß es wie eine Wolke aussah. Um den Hals trug sie kleine
viereckige Goldplättchen. Auf jedem war eine Frau zwischen zwei
aufrecht stehenden Löwen abgebildet. In allem glich ihre Kleidung der
der Göttin. Ihr hyazinthenblaues Gewand mit weiten Ärmeln schloß sich
eng um ihre Hüften und erweiterte sich nach unten. Der Zinnober auf
ihren Lippen ließ ihre Zähne weißer schimmern, und das Antimon in
ihren Wimpern machte ihre Augen größer. Ihre Sandalen, aus Vogelbälgen
geschnitten, hatten überhohe Absätze. Offenbar vor Kälte war Salambo
sehr blaß.
Endlich gelangte sie vor Hamilkar, und ohne ihn anzublicken, ohne den
Kopf zu erheben, sprach sie zu ihm:
»Heil dir, Götterliebling! Unsterblichen Ruhm dir, Sieg, Muße,
Zufriedenheit und Reichtum! Lange war mein Herz traurig und das Haus
voller Sehnsucht. Doch der Herr, der heimkehrt, strahlt wie die
Lenzessonne, die wiederauferstandene; und unter deinem Blick, Vater,
wird Freude und neues Leben überall erblühen!«
Und indem sie aus Taanachs Händen ein kleines längliches Gefäß nahm,
in dem eine Mischung von Mehl, Butter, Paradieskörnern und Wein
dampfte, fuhr sie fort:
»Trink in vollen Zügen den Trank der Heimkehr, den deine Magd dir
bereitet!«
Er erwiderte: »Segen über dich!« und ergriff mechanisch die goldne
Schale, die sie ihm darbot. Dabei musterte er sie so scharfen Blicks,
daß sie verwirrt stammelte:
»Man hat dir gesagt, Herr ...«
»Ja, ich weiß,« versetzte Hamilkar leise.
War das ein Geständnis oder meinte sie die Barbaren? Er fügte ein paar
inhaltslose Worte über die Not der Stadt hinzu, der er unbedingt ein
Ende setzen wolle.
»Ach, Vater!« rief Salambo aus. »Was dahin ist, ist dahin!
Unwiederbringlich!«
Da wich er zurück. Salambo aber staunte über seine Bestürzung. Sie
hatte keineswegs Karthago im Sinne, sondern den Tempelraub, als dessen
Mitschuldige sie sich fühlte. Der Mann, vor dem Armeen zitterten, den
sie selber kaum kannte, war ihr unheimlich wie ein Gott. Er hatte
alles erraten, er wußte alles! Etwas Schreckliches mußte geschehen.
»Gnade!« rief sie.
Hamilkar senkte langsam das Haupt.
Obwohl sie sich anschuldigen wollte, wagte sie doch nicht die Lippen
zu öffnen. Dabei erstickte sie das Bedürfnis, sich zu beklagen und
getröstet zu werden. Hamilkar kämpfte gegen den Drang, seinen Schwur
zu brechen. Er hielt ihn aus Stolz oder aus Furcht, den Trost der
Ungewißheit zu verlieren. Durchbohrend schaute er Salambo ins Antlitz,
um zu ergründen, was sie in der Tiefe ihres Herzens verberge.
Von der Wucht dieses Blickes erdrückt, ließ Salambo mehr und mehr den
Kopf sinken und seufzte tief auf. Jetzt war er überzeugt, daß sie in
der Umarmung eines Barbaren schwach geworden war. Er bebte und hob
beide Fäuste empor. Sie stieß einen Schrei aus und sank in die Arme
ihrer Frauen, die sich eifrig um sie bemühten.
Hamilkar drehte sich auf den Absätzen herum. Die Schar der Verwalter
folgte ihm nach.
Man öffnete das Tor des Speichers und betrat einen weiten runden Saal,
von dem, wie die Speichen eines Rades von der Nabe, lange Gänge
ausliefen, die zu andern Sälen führten. In der Mitte erhob sich eine
Art steinernes Podium mit Einlagerungen für die Kissen, die auf den
Teppich herabgeglitten waren.
Der Suffet ging anfangs mit großen raschen Schritten auf und ab. Er
atmete geräuschvoll, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und fuhr sich
mit der Hand über die Stirn, wie ein Mensch, der von Fliegen geplagt
wird. Dann schüttelte er das Haupt, und beim Anblick der aufgehäuften
Schätze beruhigte er sich. Seine Gedanken, durch den Blick in die
Gänge angeregt, schweiften zu den andern, mit noch selteneren Schätzen
gefüllten Räumen. Erzplatten, Silberstangen und Eisenbarren standen
neben Zinnblöcken, die über das Nebelmeer von den Zinninseln gekommen
waren. Die Harze aus dem Lande der Schwarzen quollen aus ihren Säcken
von Palmenbast hervor, und der Goldstaub, der in Schläuche gefüllt
war, stäubte unmerklich durch die altersschwachen Nähte. Zwischen
dünnen Fasern, aus Seepflanzen gewonnen, hingen Flachse aus Ägypten,
Griechenland, Ceylon und Judäa. Am Fuße der Mauern starrten Korallen
wie große Sträucher empor. Und über alldem schwebte ein unbestimmbarer
Geruch: die Ausdünstung der Wohlgerüche, der Gewürze und der
Straußenfedern, die in großen Büscheln von der Deckenwölbung
herabhingen. Vor jedem Gange standen Elefantenzähne, mit den Spitzen
aneinandergelegt, und bildeten einen Spitzbogen als Eingang.
Hamilkar bestieg das Podium. Die Verwalter standen alle mit gekreuzten
Armen und gesenktem Haupte da. Nur Abdalonims spitze Mütze ragte stolz
empor.
Hamilkar befragte zuerst den Verwalter der Schiffe, einen alten
Seemann, dessen Lider die Winde zerzaust hatten. Weiße Haarflocken
reichten bis zu seinen Hüften herab, als wäre ihm der Schaum der Wogen
im Barte hängen geblieben.
Er antwortete, er habe ein Geschwader über Gades und Senegambien
ausgesandt mit der Order, das Horn des Südens und das Vorgebirge der
Gewürze zu umschiffen und Eziongaber in Arabien zu erreichen.
Andre Schiffe--so berichtete er--waren vier Monde lang gen Westen
gefahren, ohne auf Land zu stoßen. Dann hemmte Seegras den Bug der
Schiffe. Am Horizont donnerten unaufhörlich Wasserfälle. Blutrote
Nebel verdunkelten die Sonne. Düftegeschwängerter Wind schläferte die
Bemannung ein, und hinterher war das Gedächtnis der Leute so
verworren, daß sie nichts zu berichten vermochten. Inzwischen war man
die Flüsse der Szythen hinaufgefahren, bis nach Kolchis, war zu den
Jugriern und Estiern gedrungen und hatte im Archipel fünfzehnhundert
Jungfrauen geraubt. Alle fremden Schiffe aber, die man jenseits des
Kaps Ostrymon gekreuzt, hatte man in den Grund gebohrt, damit das
Geheimnis der Wege unbekannt bliebe. König Ptolemäos hatte den
Weihrauch von Schesbar zurückbehalten. Syrakus, Älana, Korsika und die
Inseln hatten nichts geliefert, und der alte Pilot senkte die Stimme,
als er meldete, daß eine Trireme bei Rusikada von den Numidiern
gekapert worden war: »denn sie halten es mit ihnen, Herr!«
Hamilkar runzelte die Stirn. Dann winkte er dem Verwalter der
Karawanen, er solle Bericht ablegen. Er trug ein braunes, gürtelloses
Gewand, und seinen Kopf umhüllte eine lange Binde aus weißem Stoff,
die am Rande seines Mundes vorbeilief und ihm hinten über die Schulter
fiel.
Die Karawanen waren planmäßig zur Winter-Tag- und Nachtgleiche
abgegangen. Doch von fünfzehnhundert Leuten, die mit vortrefflichen
Kamelen, neuen Schläuchen und Vorräten bunter Leinwand nach
Hinter-Äthiopien den Marsch angetreten hatten, war nur ein einziger
nach Karthago zurückgekehrt. Die übrigen waren den Strapazen erlegen
oder im Wüstenschreck wahnsinnig geworden. Der Gerettete berichtete, er
habe weit jenseits des schwarzen Harudsch, hinter den Ataranten und dem
Lande der großen Affen, ungeheure Reiche angetroffen. Die geringsten
Geräte seien dort aus lauterem Golde. Ferner habe er einen Strom
gesehen von milchweißer Farbe, breit wie ein Meer, dann Wälder von
blauen Bäumen, Berge von Gewürzen, Ungeheuer mit Menschengesichtern,
die auf Felsen hausten, mit Augäpfeln, die sich wie Blumen entfalteten,
wenn sie einen anblickten. Endlich hätte es hinter Seen, die von
Drachen wimmelten, kristallne Berge gegeben, auf denen die Sonne
schliefe. Andre Karawanen waren aus Indien zurückgekehrt, mit Pfauen,
Pfeffer und seltsamen Geweben. Die jedoch, die den Weg nach den Syrten
und zum Ammontempel eingeschlagen hatten, um Chalzedone zu kaufen, die
waren ohne Zweifel im Sande umgekommen. Die Karawanen nach Gätulien und
Phazzana hätten die gewöhnlichen Erzeugnisse von dort mitgebracht.
Zurzeit--so schloß der Verwalter der Karawanen seinen Bericht--wage er
keine neuen Expeditionen auszuschicken.
Hamilkar verstand ihn: die Söldner hielten die Ebene besetzt. Mit
einem dumpfen Seufzer lehnte er sich auf den andern Ellbogen. Der
Verwalter der Landgüter hatte nunmehr solche Furcht zu reden, daß er
trotz seiner breiten Schultern und seiner dicken roten Augen
entsetzlich zitterte. Sein Gesicht war stumpfnasig wie das einer
Dogge. Auf dem Kopfe trug er ein Netz aus Rindenfasern, um die Hüften
einen Gurt aus Leopardenfell, in dem zwei furchtbare Messer blinkten.
Sobald sich Hamilkar abwandte, begann er schreiend alle Götter
anzurufen. Es wäre nicht seine Schuld! Er könne nichts dafür! Er hätte
die Witterung, den Boden und die Sterne beobachtet, hätte die
Anpflanzungen zur Zeit der Wintersonnenwende, die Ausholzungen bei
abnehmendem Monde vorgenommen, die Sklaven beaufsichtigt, ihre Kleider
geschont ...
Seine Geschwätzigkeit ärgerte Hamilkar. Er schnalzte mit der Zunge,
aber der Mann mit den Messern fuhr hastig fort: