Aber alle diese Geschosse waren schlecht gezielt, aus Furcht, den
Zaimph zu treffen, und so flogen sie über Mathos Kopf hinweg. Zudem
gebrauchte er den Mantel als Schild. Er hielt ihn bald nach rechts,
bald nach links, bald vor sich, bald hinter sich. Die Verfolger wußten
nicht, was sie tun sollten. Er ging immer schneller und lief in die
offenen Straßen hinein. Sie waren mit Seilen, Karren und Schlingen
gesperrt, so daß er bei jeder Straßenbiegung umkehren mußte. Endlich
erreichte er den Khamonplatz, wo die Balearier ermordet worden waren.
Hier blieb Matho stehen, bleich wie ein dem Tode Verfallener. Jetzt
war er verloren. Die Menge klatschte in die Hände.
Er lief bis zu dem großen geschlossenen Tor. Es war riesenhoch, ganz
aus eichenem Kernholz, mit Eisennägeln und ehernen Platten beschlagen.
Matho warf sich dagegen. Das Volk stampfte vor Freude mit den Füßen,
als es seine ohnmächtige Wut sah. Da nahm er seine Sandale, spie
darauf und schlug damit gegen die unbeweglichen Torflügel. Die ganze
Stadt stieß ein Wutgeheul aus. Jetzt vergaß man den Mantel und wollte
Matho zermalmen. Der blickte die Menge mit großen wirren Augen an.
Seine Schläfen pochten wild, er war halbtot, betäubt wie ein
Trunkener. Plötzlich gewahrte er die lange Kette, die zur Handhabung
des Hebebaums diente. Sofort sprang er an ihr hoch, packte sie und
hängte sich mit seinem ganzen Gewicht daran. Da sprangen die riesigen
Torflügel endlich auf.
Als er draußen war, zog er den Zaimph von den Schultern und hielt ihn
hoch über seinen Kopf. Vom Seewind gebläht, schillerte und schimmerte
das Gewebe in der Sonne mit seinen Farben, seinen Edelsteinen und
Götterbildern. So durchschritt Matho die ganze Ebene bis zu den Zelten
der Söldner.
Das Volk auf den Mauern sah zu, wie Karthagos Glück entschwand.
VI
Hanno
»Ich hätte sie entführen sollen!« sagte Matho am Abend zu Spendius.
»Hätte sie erfassen sollen und aus ihrem Hause reißen! Niemand hätte
mir entgegenzutreten gewagt.«
Spendius hörte nicht auf ihn. Behaglich lag er auf dem Rücken und
ruhte sich aus. Neben ihm stand ein großer Tonkrug mit Honigwasser, in
den er von Zeit zu Zeit den Kopf tauchte, um einen großen Schluck zu
tun.
»Was nun?« fuhr Matho fort. »Wie könnte man abermals nach Karthago
hineinkommen?«
»Ich weiß es nicht!« antwortete Spendius. Diese Gleichgültigkeit
erbitterte den Libyer.
»Ha!« schrie er. »An dir liegt die Schuld! Erst verlockst du mich, und
dann läßt du mich im Stich! Feigling du! Warum soll ich dir gehorchen?
Bildest du dir gar ein, du seist mein Herr? Du Kuppler, du Sklave, du
Knechtskreatur!« Er knirschte mit den Zähnen und erhob seine breite
Hand gegen Spendius.
Der Grieche antwortete nicht. Eine Tonlampe glimmte matt am Zeltmast,
an dem der Zaimph über der aufgehängten Rüstung schimmerte.
Plötzlich legte Matho seine Stahlstiefel an, schnallte sich seinen
Küraß um und nahm seinen Helm.
»Wohin willst du?« fragte Spendius.
»Wieder hin! Laß mich! Ich bringe sie her! Und wer mir entgegentritt,
den zertret ich wie eine Viper! Ich töte sie, Spendius! Ja, ich töte
sie, du sollst sehen, daß ich sie töte!«
Da horchte Spendius auf. Blitzschnell riß er den Zaimph herunter, warf
ihn in eine Ecke und legte eine Schaffelldecke darüber. Draußen erhob
sich Stimmengewirr. Fackeln leuchteten. Und Naravas trat ein, von etwa
zwanzig Männern begleitet.
Sie trugen weißwollene Mäntel, lange Dolche, lederne Halsbänder,
Ohrringe von Holz, und Schuhe aus Hyänenfell. Sie blieben am Eingang
stehen und stützten sich auf ihre Lanzen, wie ausruhende Schäfer auf
ihre Hirtenstäbe. Naravas war der Schönste von allen. Perlengeschmückte
Riemen umschlangen seine hageren Arme. Von dem Goldreifen, der sein
weites Gewand am Kopfe festhielt, wallte ihm eine Straußenfeder über
die Schulter herab. Ein beständiges Lächeln ließ seine Zähne sehen.
Seine Blicke waren rasch und scharf wie Pfeile, und aus seiner ganzen
Erscheinung sprach Wachsamkeit und Gewandtheit.
Er erklärte, er sei gekommen, um sich mit den Söldnern zu verbünden.
Die Republik bedrohe seit langem sein Reich. Es sei also sein eigner
Vorteil, wenn er die Barbaren unterstütze; aber auch ihnen könne er
von Nutzen sein.
»Ich werde euch Elefanten liefern--in meinen Wäldern sind ihrer eine
Unmenge--Wein, Öl, Gerste, Datteln, Pech und Schwefel für die
Belagerungen, zwanzigtausend Mann Fußvolk und zehntausend Pferde. Wenn
ich mich an dich wende, Matho, so tue ich es deshalb, weil der Besitz
des Zaimphs dich zum Ersten im Heere gemacht hat. Überdies«, setzte er
hinzu, »sind wir ja alte Freunde.«
Matho beobachtete Spendius, der auf dem Schaffelle sitzend zuhörte und
durch ein leises Nicken mit dem Kopfe seine Zustimmung verriet.
Naravas sprach weiter. Er rief die Götter zu Zeugen an und verfluchte
Karthago. Bei seinen Verwünschungen zerbrach er einen Wurfspieß.
Gleichzeitig stießen alle seine Leute ein lautes Geheul aus. Durch
ihre Wut hingerissen, rief Matho laut aus, er nehme das Bündnis an.
Nun führte man einen weißen Stier und ein schwarzes Schaf herbei,
Wahrzeichen von Tag und Nacht, und schlachtete sie am Rand einer
Grube. Als sie mit Blut gefüllt war, tauchten die beiden Männer ihre
Arme hinein. Dann legte Naravas seine blutige Hand auf Mathos Brust,
und dieser die seine auf die Brust des Naravas. Dasselbe Blutzeichen
drückte man auf die Leinwand der Zelte. Man verbrachte alsdann die
Nacht beim Schmause. Die Reste des Fleisches, die Haut, die Knochen,
die Hörner und Hufe wurden verbrannt.
Als Matho mit dem Mantel der Göttin zurückgekommen war, hatte ihn
ungeheurer Beifall begrüßt. Selbst die nicht kanaanitischen Glaubens
waren, merkten an ihrer vagen Begeisterung, daß ihnen ein Schutzgeist
nahe war. Niemand dachte daran, sich des Zaimphs zu bemächtigen. Die
geheimnisvolle Art seiner Eroberung genügte dem Barbarensinn, Matho
als rechtmäßigen Besitzer anzusehn. So dachten die Söldner
afrikanischer Herkunft. Die andern, deren Haß gegen Karthago nicht so
alt war, wußten nicht, wozu sie sich entschließen sollten. Hätten sie
Schiffe gehabt, so wären sie ohne Verzug aufgebrochen, ihrer Heimat
zu.
Spendius, Naravas und Matho sandten Boten an alle Stämme im punischen
Gebiet.
Karthago sog diese Völker aus. Es bezog ungeheure Steuern von ihnen,
und mit Ketten, Beil oder Kreuz ward jede Verzögerung, jedes Murren
bestraft. Sie mußten anpflanzen, was der Republik gefiel, und liefern,
was sie forderte. Niemand hatte das Recht, eine Waffe zu besitzen.
Empörten sich die Dörfer, so wurden ihre Bewohner als Sklaven
verkauft. Die obersten Verwaltungsbeamten wurden nach den Summen
geschätzt, die sie herauspreßten. Jenseits des den Karthagern
unmittelbar unterworfenen Gebiets lagen die Bundesstaaten, die nur
einen mäßigen Tribut zahlten. Noch weiter dahinter schwärmten die
Nomaden, die man nötigenfalls auf jene losließ. Durch dieses System
waren die Ernten stets ertragreich, die Gestüte im besten Stande, die
Plantagen geradezu mustergültig. Der alte Kato, ein Kenner in Dingen
der Landwirtschaft und der Sklavenausnutzung, war noch zweiundneunzig
Jahre später höchlichst erstaunt darüber, und der Vernichtungsruf, den
er in Rom immerfort erschallen ließ, war nichts als ein Ausdruck
habgierigster Eifersucht.
Während des letzten Krieges hatten sich die Erpressungen verdoppelt,
so daß fast alle libyschen Städte dem Regulus ihre Tore geöffnet
hatten. Zur Strafe hatte man ihnen tausend Talente--das sind über vier
Millionen Mark--zwanzigtausend Ochsen, dreihundert Säcke Goldstaub und
bedeutende Vorauslieferungen von Getreide auferlegt. Die Häuptlinge
der Stämme aber waren gekreuzigt oder den Löwen vorgeworfen worden.
Besonders Tunis verabscheute Karthago. Älter als die Hauptstadt,
verzieh es ihr die Überflügelung nicht. Angesichts ihrer Mauern lag es
im Sumpf am Binnensee, zusammengekauert wie ein giftiges Tier, das
starr nach ihr hinblickte. Die zwangsweisen Verschickungen, die
Blutbäder und Seuchen hatten es nicht geschwächt. Es hatte
Archagathos, den Sohn des Agathokles, unterstützt. Die Esser unreiner
Speisen fanden hier sofort Wehr und Waffen.
Die Boten waren noch nicht fort, als in den Provinzen ein allgemeiner
Freudenrausch ausbrach. Unverzüglich erdrosselte man in den Bädern die
Vertreter und Beamten der Republik, holte die alten Waffen, die man
versteckt hatte, aus den Höhlen und schmiedete Schwerter aus den
Pflugscharen. Die Kinder schärften Pfeilspitzen an den Türschwellen,
und die Weiber gaben ihre Halsbänder, Ringe und Ohrringe hin, und
alles, was irgendwie zur Zerstörung Karthagos dienen konnte. Ein jeder
wollte dazu beitragen. In den Ortschaften häuften sich die
Lanzenbündel wie Maisgarben. Man schickte Schlachtvieh und Geld. Matho
zahlte den Söldnern rasch den rückständigen Sold, und diese Tat, deren
Vater Spendius war, erhob ihn zum Generalissimus, zum Schalischim der
Barbaren.
Gleichzeitig strömten Hilfstruppen herbei: zuerst erschienen die
Ureinwohner des Landes, dann die Feldsklaven. Negerkarawanen wurden
aufgegriffen und bewaffnet, und Kaufleute, die nach Karthago zogen,
schlossen sich den Barbaren aus Gewinnsucht an. Unaufhörlich stießen
zahlreiche Banden zu ihnen. Von der Höhe der Akropolis konnte man
sehen, wie das Heer anwuchs.
Auf der Plattform der Wasserleitung stand eine Kette von Posten der
Garde und neben ihnen in bestimmten Abständen eiserne Bottiche, in
denen flüssiger Asphalt brodelte. Drunten in der Ebene wogte die
gewaltige Menge der Söldner lärmend durcheinander. Sie waren
unschlüssig, voll von jener Ratlosigkeit, die Barbaren stets vor
Festungen zu empfinden pflegen.
Utika und Hippo-Diarrhyt wiesen das angebotene Bündnis zurück. Als
phönizische Kolonien--gleich Karthago--hatten sie ihre eignen
Regierungen und ließen in die Verträge, die sie mit der Republik
schlossen, immer von neuem die ausdrückliche Anerkennung ihrer
Selbständigkeit aufnehmen. Gleichwohl achteten sie die stärkere
Schwester, die sie beschirmte, und glaubten durchaus nicht, daß ein
Barbarenhaufen imstande wäre, sie zu besiegen. Im Gegenteil: man war
überzeugt, daß die Söldner mit Stumpf und Stiel vernichtet würden.
Daher wünschte man, neutral zu bleiben und sich friedlich zu
verhalten.
Doch beide Städte waren so gelegen, daß Karthagos Feinde sie
keinesfalls links liegen lassen durften. Utika, tief drinnen an einem
Meerbusen, lag wie geschaffen, Karthago von auswärts Hilfe zu
schicken. Fiel Utika allein, so trat Hippo-Diarrhyt, sechs Stunden
weiter nordwestlich an der Küste, an seine Stelle, und die Hauptstadt,
von dort mit Lebensmitteln versehen, blieb uneinnehmbar.
Spendius drang auf eine sofortige Belagerung Karthagos. Naravas war
dagegen. Man müsse sich zunächst der umliegenden Orte bemächtigen. Das
war ebenso die Meinung der Veteranen wie die Mathos, und so wurde
bestimmt, daß Spendius Utika und Matho Hippo-Diarrhyt angreifen
sollten. Das dritte Heer sollte sich an Tunis anlehnen und die Ebene
vor Karthago besetzen. Autarit übernahm dies. Naravas sollte indes in
sein Königreich zurückkehren, um Elefanten zu holen, und mit seiner
Reiterei die Zugangsstraßen aufklären.
Die Weiber jammerten weidlich über diesen Beschluß. Sie gelüstete es
nach dem Geschmeide der punischen Damen. Auch die Libyer erhoben
Widerspruch. Man habe sie gegen Karthago aufgerufen, und nun zöge man
ab. Die Söldner traten den Abmarsch an. Matho führte seine Landsleute
sowie die Iberer, die Lusitanier, die Männer aus dem Westen und von
den Inseln, während alle, die Griechisch sprachen, dem Spendius
folgten, seiner Klugheit wegen.
In Karthago war das Erstaunen groß, als man das Heer plötzlich
aufbrechen sah. Es marschierte an den arianischen Bergen die Straße
nach Utika hin, auf der Seeseite. Eine Abteilung blieb vor Tunis
stehen. Der Rest verschwand und tauchte erst am andern Gestade des
Golfes wieder auf, am Saume der Wälder, in die er sich verlor.
Es waren etwa achtzigtausend Mann. Die beiden tyrischen Städte, so
meinten sie, würden keinen Widerstand leisten. Alsdann sollte es von
neuem gegen Karthago gehen. Ein beträchtliches Heer schnitt die Stadt
bereits vom Binnenland ab, indem es die Landenge besetzt hielt. Die
Stadt mußte dem Hunger rasch erliegen, denn ohne Beihilfe der
Provinzen konnte sie nicht leben, da die Bürger nicht wie in Rom
Steuern zahlten. Ein höherer politischer Geist fehlte in Karthago.
Seine unersättliche Gewinnsucht unterdrückte jene Klugheit, die
weitblickender Ehrgeiz zeitigt. Wie ein auf dem libyschen Sande vor
Anker gegangenes Schiff hielt es sich nur durch unermüdliche Arbeit.
Die Völker umbrandeten es wie Meeresfluten, und der geringste Sturm
erschütterte seinen Riesenleib.
Der Staatsschatz war durch den Krieg mit Rom und durch all das Hin-
und Herfeilschen mit den Barbaren vergeudet und vertan worden. Man
brauchte aber Soldaten, und keine Großmacht traute der Republik! Erst
kürzlich hatte Ptolomäus ihr eine Anleihe von nicht einmal zehn
Millionen Mark abgeschlagen. Überdies hatte der Raub des heiligen
Mantels allgemeine Entmutigung zur Folge. Spendius hatte das richtig
vorhergesehn.
Diesem Volk, das sich gehaßt fühlte, lagen sein Geld und seine Götter
am Herzen, und seine Vaterlandsliebe wurde durch die Art seiner
Regierung genährt.
Zunächst gehörte die Macht allen. Keiner war stark genug, sie an sich
zu reißen. Privatschulden galten wie Schulden an das Gemeinwesen. Die
Männer kanaanitischer Abkunft hatten das Vorrecht des Handels. Indem
sie den Ertrag der Seeräuberei durch Wuchergeschäfte noch vermehrten
und den Grund und Boden, die Sklaven und Armen maßlos ausbeuteten,
waren etliche zu Reichtum gelangt. Nur dieser erschloß die obersten
Staatsämter; und wiewohl sich die Macht in den reichen Geschlechtern
forterbte, beließ man es doch bei der Oligarchie, dieweil ein jeder
emporzukommen hoffte.
Es gab, entsprechend den dreihundert Geschlechtern, einen Großen Rat
aus dreihundert Patriziern, von denen dreißig den Rat der Alten
bildeten, die sogenannte Gerusia. Daneben existierte ein
Staatsgerichtshof, das Kollegium der Hundertmänner. Auch diese waren
Ratsmitglieder, repräsentierten aber eine Behörde für sich von
beträchtlichem Einfluß auch auf den Rat. Die Hundertmänner wurden von
den beiden Pentarchien gewählt, die aus je fünf Ratsmitgliedern
bestanden. Die beiden alljährlich aus der Gerusia neugewählten
Suffeten waren Schattenkönige, die weniger Macht hatten als die
Konsuln in Rom. Man entzweite sie durch allerlei Niedertracht, damit
sie sich gegenseitig schwächten. Sie durften nicht mit über den Krieg
beraten. Erlitten sie aber Niederlagen, so ließ der Große Rat sie
kreuzigen.
Karthagos innerste Kraft ging von den Syssitien aus, das heißt von
einem großen Hofe im Mittelpunkte von Malka, an der Stelle, wo nach
der Überlieferung einst die erste Barke mit phönizischen Matrosen
gelandet war. Seitdem war das Meer weit zurückgetreten. Dort gab es
eine Reihe kleiner Blockhäuser von altertümlicher Bauart, aus
Palmenholz mit steinernen Ecken. Sie waren voneinander geschieden, um
die Einzelverbände getrennt aufzunehmen. Die Patrizier hielten sich
dort massenweise den ganzen Tag über auf, um ihre Angelegenheiten und
die der Regierung zu besprechen, vom Pfefferkurs an bis zur
Vernichtung Roms. Dreimal im Monat ließen sie ihre Ruhebetten auf die
Plattform hinaufschaffen, die entlang der Hofmauer hinlief. Von unten
sah man sie dann hoch oben an der Tafel sitzen, ohne Stiefel und
Mäntel, mit diamantgeschmückten Händen, die über die Leckereien
glitten, mit großen Ohrgehängen, die zwischen den Schenkkannen
herabhingen, alle stark und wohlbeleibt, halbnackt, fröhlich, lachend
und in freier blauer Luft schmausend, wie sich große Haifische im Meer
ergötzen.
Jetzt freilich konnten sie ihre Besorgnis nicht verhehlen: sie waren
allzu bleich. Die Menge erwartete sie an den Pforten und begleitete
sie bis zu ihren Palästen, um ihnen Neuigkeiten zu entlocken. Wie in
Pestzeiten waren alle Häuser geschlossen. Die Straßen füllten und
leerten sich ruckweise. Man stieg zur Akropolis hinauf. Man lief nach
dem Hafen. Nacht für Nacht hielt der Große Rat Versammlungen ab.
Schließlich ward das Volk auf den Khamonplatz berufen, und man
beschloß, sich an Hanno zu wenden, den Eroberer von Hekatompylos.
Er war ein bigotter, verschlagener Mann, schonungslos gegen die
Afrikaner, ein Erzkarthager. Seine Einkünfte kamen denen der Barkiden
gleich. Niemand besaß so viel Erfahrung in Verwaltungsangelegenheiten
wie er.
Er befahl die Aushebung aller waffenfähigen Bürger, ließ Geschütze auf
den Türmen aufstellen und brachte übermäßige Waffenvorräte zusammen.
Sogar den Bau von vierzehn Schlachtschiffen ordnete er an, die man
zurzeit gar nicht nötig hatte. Er verlangte, daß alles sorgfältigst
gebucht und beurkundet würde.
Er ließ sich nach dem Arsenal, nach dem Leuchtturm, zu den
Tempelschätzen tragen. Immerfort sah man seine große Sänfte die
Treppen zur Akropolis Stufe um Stufe emporschwanken. Nachts in seinem
Palaste, da er nicht schlafen konnte, brüllte er mit furchtbarer
Stimme Kommandos, um sich auf den Krieg vorzubereiten.
Die übertriebene Furcht machte die ganze Stadt waffenlustig. Schon
beim ersten Hahnenschrei versammelten sich die Patrizier längs der
Straße der Mappalier und übten sich mit aufgeschürztem Gewand im
Lanzenfechten. Doch da es an Exerziermeistern fehlte, gab es öfters
Streitereien. Von Zeit zu Zeit setzte man sich erschöpft auf die
Gräber, dann begann man von neuem. Manche unterwarfen sich sogar einer
bestimmten Lebensweise. Die einen bildeten sich ein, daß man viel
essen müsse, um Kräfte zu bekommen, und aßen übermäßig. Andere, von
ihrer Körperfülle belästigt, fasteten, um magerer zu werden.
Utika hatte von Karthago schon mehrfach Hilfe erbeten. Aber Hanno
wollte nicht ausrücken, solange auch nur eine Schraube noch an den
Kriegsmaschinen fehlte. Er verlor allein drei Monate mit der
Ausrüstung der hundertundzwölf Elefanten, die in Kasematten
untergebracht waren. Es waren dies die Besieger des Regulus. Das Volk
liebte sie. Man konnte diese alten Freunde gar nicht gut genug
behandeln. Hanno ließ die Erzplatten umschmelzen, mit denen man ihre
Brust umpanzerte, ihre Stoßzähne vergolden, ihre Türme vergrößern und
die schönsten Purpurdecken mit ganz schweren Fransen für sie
anfertigen. Zu guter Letzt befahl er, ihre Führer, die man Indier
nannte--ohne Zweifel nach den ersten, die wirklich aus Indien gekommen
waren--, alle nach indischer Sitte zu kleiden, mit weißen Turbanen und
baumwollenen Pumphosen, die sich ihnen wie Austerschalen um die Hüften
bauschten.
Autarits Heer lagerte noch immer vor Tunis, gedeckt durch einen Wall,
der aus dem Schlamm des Haffs aufgeworfen und auf seinem Kamme mit
Heckenhindernissen versehen worden war. Hier und da hatten die Neger
hohe Stangen oben aufgepflanzt und Popanze mit Menschenfratzen,
Vogelfedern und Schakal- oder Schlangenköpfen darangehängt, die dem
Feind entgegengrinsten und ihn erschrecken sollten. Dadurch wähnten
sich die Barbaren unbesiegbar. Sie tanzten und rangen miteinander und
machten Gauklerkunststücke, fest überzeugt, daß Karthago dem baldigen
Untergang geweiht sei. Jeder andre als Hanno hätte diese Soldateska,
die durch einen Vieh- und Weibertroß in ihrer Bewegungsfreiheit
behindert war, mit einem Schlage vernichtet. Davon abgesehen, war sie
taktisch völlig ungeschult. Autarit verlor alle Lust und verlangte
schließlich gar nichts mehr von seinen Leuten.
Man wich ihm aus, wenn er, seine großen blauen Augen rollend,
vorüberschritt. Am Ufer des Haffs angelangt, zog er seinen Waffenrock
von Robbenhaar aus, löste das Band, das seine langen roten Haare
zusammenhielt, und tauchte sie ins Wasser. Es tat ihm jetzt leid, daß
er ehedem nicht mit den zweitausend Galliern im Tempel auf dem Eryx zu
den Römern übergegangen war.
Oft verlor die Sonne plötzlich mitten am Tage ihren Strahlenglanz.
Dann brütete der Golf und das offene Meer unbeweglich wie
geschmolzenes Blei. Eine braune lotrecht aufsteigende Staubwolke trieb
wirbelnd heran. Die Palmen bogen sich, der Himmel schwand. Man hörte
Steine gegen die Rücken der Tiere schlagen. Dann röchelte der Gallier,
die Lippen an die Löcher seines Zeltes pressend, vor Erschöpfung und
Schwermut. Er träumte vom Herbstmorgenduft der Weiden, von
Schneeflocken, vom Gebrüll der im Nebel umherirrenden Auerochsen; und
indem er die Augen schloß, glaubte er in länglichen strohgedeckten
Hütten im Waldesgrunde Herdfeuer glimmen und ihren Schein über das
Moor hinhuschen zu sehen.
Noch andre als er sehnten sich nach ihrer Heimat, wiewohl sie ihnen
nicht so ferne lag. Die gefangenen Karthager konnten nämlich jenseits
des Golfes an den Hängen des Burgberges die über die Höfe gespannten
Zeltdächer ihrer Häuser sehen. Aber sie wurden immerfort von Wachen
umkreist. Man hatte sie alle an eine gemeinsame Kette geschmiedet.
Jeder trug ein Halseisen. Die Menge ward nicht müde, sie anzugaffen.
Die Weiber zeigten den kleinen Kindern ihre einstmals schönen
Gewänder, die nun längst zerfetzt um ihre abgemagerten Glieder hingen.
Jedesmal, wenn Autarit den Gisgo erblickte, ergriff ihn von neuem Wut
über die ihm dereinst angetane Beschimpfung. Ohne den Schwur, den er
Naravas geleistet, hätte er ihn getötet. In solcher Stimmung kehrte
der Gallier in sein Zelt zurück, trank ein Gemisch aus Gerste und
Kümmel, bis er sinnlos betrunken war, und erwachte erst wieder am
hellen Tage, von furchtbarem Durste verzehrt.
Matho belagerte derweilen Hippo-Diarrhyt.
Die Stadt war durch einen See geschützt, der mit dem Meer in
Verbindung stand. Sie besaß drei Umwallungen, und auf den Höhen, die
sie beherrschten, zog sich überdies eine mit Türmen verstärkte Mauer
hin. Matho hatte noch niemals eine derartige Unternehmung geleitet.
Dazu peinigte ihn immerfort der Gedanke an Salambo. Er träumte vom
Genuß ihrer Schönheit. In Wonnen wollte sich sein Stolz an ihr rächen.
Es war ein qualvolles, wildes, endloses Begehren. Er dachte sogar
daran, sich als Unterhändler anzubieten, in der Hoffnung, wenn er erst
in Karthago wäre, auch bis zu ihr zu gelangen. Mehrfach ließ er zum
Sturme blasen und rannte, ohne abzuwarten, auf den Damm, den man im
Meere aufzuschütten versuchte. Er riß die Steine mit seinen Händen
los, warf alles durcheinander, schlug und stieß mit seinem Schwerte um
sich. Die Barbaren folgten ihm in wildem Gewirr. Die Sturmleitern
brachen krachend zusammen, und Massen von Menschen stürzten ins
Wasser, das in roten Wogen gegen die Mauern spritzte. Schließlich ließ
das Getümmel nach. Die Söldner zogen sich zurück,--um baldigst wieder
von neuem zu stürmen.
Matho setzte sich draußen vor dem Lager hin, wischte sich mit dem Arm
das blutbespritzte Gesicht ab und starrte nach dem Horizont in der
Richtung auf Karthago.
Vor ihm, unter Ölbäumen, Palmen, Myrten und Platanen, dehnten sich
zwei große Teiche, die mit einem See in Verbindung standen, dessen
Ufer in der Ferne verschwammen. Hinter einem Berge stiegen weitere
Berge auf, und aus der Mitte des endlosen Sees erhob sich wie eine
Pyramide eine schwarze Insel. Zur Linken, am Ende des Golfes, wellten
sich Sanddünen wie große, gelbe, erstarrte Wogen, während das Meer,
glatt wie eine Platte aus Lapislazuli, eins mit dem Himmel ward. Das
Grün der Landschaft verlor sich hier und da in lange gelbe Streifen.
Die Früchte der Johannisbrotbäume leuchteten wie Korallenknöpfe.
Weinreben hingen von den Wipfeln der Sykomoren herab. Man hörte Wasser
rauschen. Haubenlerchen hüpften umher, und die letzten Sonnenstrahlen
vergoldeten die Rücken der Schildkröten, die aus den Binsen
hervorkrochen, um den kühlen Seewind einzuatmen.
Matho stieß tiefe Seufzer aus. Er warf sich flach auf den Boden, grub
seine Nägel in den Sand und weinte. Er fühlte sich elend, gebrochen,
verlassen. Niemals würde er sie besitzen, er, der ja nicht einmal eine
Stadt zu erobern vermochte!