Decke, so daß man beim Aufsehen die Sterne erblickte. Ringsum an den
Wänden standen Rohrkörbe, mit Bärten und Haaren angefüllt, den
Erstlingsopfern junger Leute; und in der Mitte des kreisrunden Saales
wuchs aus einem mit Brüsten verzierten Sockel ein weiblicher Körper
hervor. Das dicke bärtige Gesicht hatte halbgeschlossene Augen und
einen lächelnden Ausdruck. Die Hände lagen gefaltet auf dem Schoße des
dicken Leibes, den die Küsse der Menge poliert hatten.
Dann kamen die beiden wieder ins Freie, in einen unbedeckten Quergang,
in dem ein Miniaturaltar an einer Elfenbeintür stand. Hier war der
Gang zu Ende. Nur die Priester durften die Tür öffnen, denn ein Tempel
war kein Versammlungsort für die Menge, sondern die gesonderte Wohnung
einer Gottheit.
»Die Sache ist unausführbar!« sagte Matho. »Daran hast du nicht
gedacht! Wir wollen umkehren!«
Spendius betrachtete prüfend die Mauern. Er wollte den Mantel haben!
Nicht, weil er der Zauberkraft vertraute--Spendius glaubte nur an
Orakel--, sondern weil er überzeugt war, daß die Karthager, seiner
beraubt, tief entmutigt sein würden. Um irgendeinen Eingang zu finden,
schlichen sie hinten um den Tempel herum.
Unter Terpentinbäumen erblickte man kleine Kapellen in verschiedener
Bauart. Hier und da ragte ein steinerner Phallus empor. Große Hirsche
streiften friedlich umher und brachten mit ihren gespaltenen Hufen
abgefallene Pinienäpfel ins Rollen.
Die beiden kehrten um und kamen zwischen zwei lange Galerien, die
nebeneinander herliefen. Sie enthielten Reihen kleiner Zellen. An den
Zedernholzsäulen hingen von oben bis unten Tamburins und Zimbeln. Vor
den Zellen schliefen Frauen, auf Matten hingestreckt. Ihre Leiber
trieften von Salben und dufteten nach Spezereien und Weihrauch. Sie
waren mit Tätowierungen, Halsbändern, Ringen, Zinnober- und
Antimonmalereien derart bedeckt, daß man sie ohne die Atmungsbewegungen
ihrer Brüste für Götzenbilder gehalten hätte, die da auf der Erde
lagen. In einem von Lotosblumen umwachsenen Springbrunnen schwammen
Fische. Weiter hinten, an der Tempelmauer, glänzte ein Weinstock mit
gläsernen Reben und Trauben aus Smaragd. Der spielende Widerschein der
Edelsteine tanzte durch die bunten Säulen und über die Gesichter der
Schläferinnen.
Matho erstickte fast in dem schwülen Dunst, den die Zedernholzwände
ausatmeten. Alle die Symbole der Befruchtung, die Wohlgerüche, das
Spiel der Lichter, die Atemgeräusche beklemmten ihn. Er dachte bei all
diesem mystischen Gaukelwerk an Salambo. Sie war für ihn eins mit der
Gottheit selbst, und seine Liebe sog daraus neue Nahrung, wie die
großen Lotosblumen, die aus der Tiefe des Wassers emporwuchsen.
Spendius berechnete, welche Geldsummen er ehedem beim Verkauf von so
vielen Frauen wie diese hier verdient hätte, und mit raschem Blick
schätzte er im Vorübergehen die goldnen Halsbänder ab.
Der Tempel war auf dieser Seite ebenso unzugänglich wie aus der
andern. Sie kehrten wieder zurück in den unbedeckten Gang. Während
Spendius suchte und spähte, hatte sich Matho vor der elfenbeinernen
Tür niedergeworfen und betete zu Tanit. Er flehte sie an, den
Tempelraub nicht zuzulassen, und suchte sie mit Schmeichelworten zu
besänftigen, wie man sie an einen Erzürnten zu richten pflegt.
Da entdeckte Spendius über der Tür eine enge Öffnung. »Steh auf!«
sagte er zu Matho und hieß ihn sich mit dem Rücken an die Wand
stellen. Dann setzte er einen Fuß auf Mathos Hände, den andern auf
seinen Kopf, gelangte dadurch an das Luftloch, schlüpfte hinein und
verschwand. Einen Moment später fühlte Matho auf seine Schulter den
mit Knoten versehenen Strick fallen, den Spendius sich um den Leib
gewickelt hatte, ehe sie sich in die Zisternen gewagt. Der Libyer
klomm mit beiden Händen daran empor, und bald sah er sich an der Seite
seines Gefährten in einer weiten dunklen Halle.
Ein derartiger Tempeleinbruch war etwas ganz Ungewöhnliches. Die
Unzulänglichkeit der Schutzvorrichtungen zeigte allein schon, daß man
damit überhaupt nicht rechnete. Furcht schützt Tempel besser als alle
Mauern. Matho war bei jedem Schritt auf seinen Tod gefaßt.
Ein Lichtschein schimmerte matt aus dem Dunkel heraus. Die beiden
gingen darauf zu. Es war ein brennendes Lämpchen in einer Muschel vor
dem Sockel eines Standbildes, dessen Haupt eine Kabirenkappe trug. Das
lange blaue Gewand war mit kleinen Mondscheiben aus Brillanten
übersät. Die Füße waren an Ketten befestigt, die in die Steinfliesen
eingelassen waren. Matho unterdrückte einen Schrei. »Ah, hier! Tanit!«
stammelte er. Spendius nahm das Lämpchen, um damit zu leuchten.
»Wie gottlos du bist!« murmelte Matho. Trotzdem folgte er ihm.
Das Gemach, das sie nun betraten, enthielt nichts als ein schwarzes
Wandgemälde, das eine Frau darstellte. Die Beine liefen an der einen
Wand empor, und der Leib reichte über die Decke hinweg. Vom Nabel hing
an einer Schnur ein riesiges Ei herab. An der andern Wand neigte sich
der Körper hinab, mit dem Kopfe nach unten, so daß die Fingerspitzen
den Steinboden berührten.
Um weiterzugelangen, schlugen sie einen hängenden Teppich zurück. Der
Luftzug blies ihr Licht aus.
Nun irrten sie in den labyrinthischen Räumen des Gebäudes umher.
Plötzlich fühlten sie etwas Weiches unter ihren Füßen. Funken
knisterten und sprühten. Sie schritten wie durch Feuer. Spendius
betastete den Boden und erkannte, daß er kunstfertig mit Luchsfellen
ausgeschlagen war. Dann war es ihnen, als ob ein dickes, kaltes,
feuchtes und klebriges Seil zwischen ihren Beinen hinglitt. Durch
schmale Spalten im Mauerwerk drangen dünne weiße Lichtstrahlen. In
diesem Dämmerdunkel schritten sie weiter. Da erkannten sie eine große
schwarze Schlange. Sie schoß schnell vorbei und verschwand.
»Hinweg!« schrie Matho. »Da ist sie ... ich fühl es ... sie kommt!«
»Ach was!« entgegnete Spendius. »Sie ist nicht mehr hier!«
Blendendes Licht zwang sie jetzt, die Augen niederzuschlagen. Dann
erblickten sie rings an den Wänden eine Unmenge von Tierkarikaturen
mit erhobenen Tatzen, die sich in geheimnisvollem, fürchterlichem
Wirrwarr durcheinander drängten: Schlangen mit Füßen, geflügelte
Stiere, Fische mit Menschenhäuptern, die Früchte verzehrten,
Krokodile, aus deren Rachen Blumen sprossen, und Elefanten mit
erhobenem Rüssel, die kühn wie stolze Adler durch die blaue Luft
schwebten. In gräßlicher Kraftentfaltung reckten alle ihre
unvollständigen oder verdoppelten Glieder, und auf ihren
hervorschießenden Zungen schienen sie ihre Seele ausspeien zu wollen.
Alle Formen und Gestalten waren hier dargestellt, just als wäre die
Büchse der Urkeime plötzlich geborsten und hätte sich über die Wände
dieser Halle ergossen.
Zwölf Kugeln aus blauem Kristall standen im Kreise an den Wänden, von
Ungeheuern in Tigergestalt getragen. Ihre Augen quollen weit vor, wie
die der Schnecken. Ihre stämmigen Leiber krümmten sich, und ihre Köpfe
wandten sich dem Hintergrunde zu, wo auf einem zweirädrigen
Elfenbeinwagen die göttliche Astarte thronte, die Allbefruchterin, die
zuletzt Erschaffene.
Von den Füßen bis zum Bauche war ihr Leib mit Fischschuppen, Federn,
Blumen und Vögeln bedeckt. Als Ohrgehänge trug sie silberne Zimbeln,
die ihre Wangen berührten. Ihre großen Augen blickten starr, und auf
ihrer Stirn glänzte, in ein unzüchtiges Symbol gefaßt, ein leuchtender
Stein, der den ganzen Saal erhellte und über der Tür in roten
Kupferspiegeln widerstrahlte.
Als Matho auf eine Steinfliese trat, gab sie unter seinen Füßen nach,
und plötzlich begannen die Kugeln sich zu drehen, die Ungeheuer zu
brüllen. Dazu erklang Musik, eine Melodie, rauschend wie die Harmonie
der Sphären: Tanits wilde Seele brauste durch den Raum. Matho hatte
das Gefühl, als erhebe sie sich, als sei sie hoch wie die Halle, als
breite sie die Arme aus. Plötzlich schlossen die Ungeheuer ihre
Rachen, und die Kristallkugeln standen wieder still.
Eine Zeitlang klangen noch unheimliche Töne durch die Luft, bis sie
endlich verhallten.
»Und der Mantel?« fragte Spendius.
Er war nirgends zu erblicken. Wo war er? Wie sollte man ihn finden?
Wenn ihn die Priester nun versteckt hatten? Matho empfand einen Stich
durch das Herz. Er kam sich wie genarrt vor.
»Hierher!« flüsterte Spendius. Eine Eingebung leitete ihn. Er zog
Matho hinter den Wagen der Tanit, wo eine Spalte, eine Elle breit, die
Mauer von oben bis unten durchschnitt.
Sie drangen in einen kleinen kreisrunden Saal, der so hoch war, daß
man das Gefühl hatte, sich im Innern einer Säule zu befinden. In der
Mitte schimmerte ein großer schwarzer Stein, halbkreisförmig wie ein
Sessel. Über ihm loderte ein Feuer. Hinter ihm ragte ein kegelartiges
Stück Ebenholz empor, mit einem Kopf und zwei Armen.
Dahinter hing etwas wie eine Wolke, in der Sterne funkelten. Aus
tiefen Falten leuchteten Figuren hervor: Eschmun mit den Erdgeistern,
wiederum einige Ungeheuer, die heiligen Tiere der Babylonier und
andre, die den beiden unbekannt waren. Das Ganze breitete sich wie ein
Mantel unter dem Antlitz des Götzenbildes aus. Die langen Enden waren
an der Wand hochgezogen und mit den Zipfeln daran befestigt. Es
schillerte blau wie die Nacht, gelb wie das Morgenrot, purpurrot wie
die Sonne. Es war über und über bestickt, durchsichtig, lichtfunkelnd
und duftig. Das war der Mantel der Göttin, der heilige Zaimph, den
kein Mensch anschauen durfte.
Sie erbleichten beide.
»Nimm ihn!« gebot Matho endlich.
Spendius zauderte nicht. Auf das Götzenbild gestützt, machte er den
Mantel los, der zu Boden glitt. Matho hob ihn auf. Dann steckte er
seinen Kopf durch den Halsausschnitt und breitete die Arme aus, um das
Gewebe besser zu betrachten.
»Fort!« rief Spendius.
Matho blieb keuchend stehen und starrte auf den Boden.
Plötzlich rief er aus:
»Wenn ich jetzt zu ihr ginge? Ich habe keine Furcht mehr vor ihrer
Schönheit! Was vermöchte sie gegen mich? Jetzt bin ich mehr als ein
Mensch! Ich könnte durch Flammen schreiten, über das Meer wandeln!
Begeisterung reißt mich fort! Salambo! Salambo! Ich bin dein Herr und
Meister!«
Seine Stimme dröhnte. Er erschien Spendius höher von Gestalt und wie
verwandelt.
Geräusch von Schritten ward hörbar. Eine Tür ging auf, und ein Mann
erschien, ein Priester mit hoher Mütze. Er riß die Augen weit auf. Ehe
er aber eine Bewegung gemacht, war Spendius auf ihn losgestürzt, hatte
ihn mit beiden Armen umschlungen und ihm seine Dolche in die Seiten
gestoßen. Dumpf schlug der Kopf des Ermordeten auf die Fliesen. Dann
standen sie eine Weile ebenso unbeweglich, wie der Tote dalag, und
lauschten. Man vernahm nichts als des Windes Stimme durch die offene
Tür.
Sie führte auf einen engen Gang. Spendius betrat ihn. Matho folgte.
Sie befanden sich fast unmittelbar an der dritten Umwallung, zwischen
den Seitenhallen, in denen die Priesterwohnungen waren.
Hinter den Zellen mußte ein kürzerer Weg zum Ausgange führen. Sie
beschleunigten ihre Schritte.
Am Rande des Springbrunnens kniete Spendius nieder und wusch sich das
Blut von den Händen. Die Frauen schliefen noch. Der smaragdene
Weinstock glänzte. Sie setzten ihren Weg fort.
Unter den Bäumen lief jemand hinter ihnen her, und Matho, der den
Mantel trug, fühlte mehrmals, wie jemand von unten ganz sacht daran
zupfte. Es war ein großer Pavian, einer von denen, die im Tempelbezirk
frei herumliefen. Er zog an dem Mantel, als wüßte er, daß es sich um
einen Raub handelte. Sie wagten nicht, ihn zu schlagen, aus Furcht, er
möchte laut schreien. Plötzlich besänftigte sich sein Ärger, und er
trabte wiegenden Ganges mit seinen langen herabhängenden Armen neben
ihnen her. An der Umfriedung schwang er sich mit einem Satze in einen
Palmbaum.
Als sie die letzte Mauer hinter sich hatten, lenkten sie ihre Schritte
nach dem Schlosse Hamilkars. Spendius begriff, daß es erfolglos war,
Matho davon abbringen zu wollen.
Sie gingen durch die Gerberstraße, über den Muthumbalplatz, den
Gemüsemarkt und den Kreuzweg von Kynasyn. An einer Mauerecke fuhr ein
Mann vor ihnen zurück, erschreckt durch den glänzenden Gegenstand, der
die Finsternis durchstrahlte.
»Verdeck den Zaimph!« riet Spendius.
Andre Leute kreuzten ihren Weg, bemerkten sie aber nicht.
Endlich erkannten sie die Häuser von Megara.
Der Leuchtturm auf der äußersten Mole erhellte den Himmel weithin mit
rotem Schein, und der Schatten des Palastes mit seinen übereinander
getürmten Terrassen fiel über die Gärten hin wie eine ungeheure
Pyramide. Sie drangen durch die Judendornhecken, indem sie sich mit
ihren Dolchen einen Weg bahnten.
Überall sah man noch die Spuren vom Festmahle der Söldner. Zäune waren
niedergerissen, Wasserrinnen versiegt, Kerkertüren standen offen. In
der Nähe der Küchen und Keller ließ sich kein Mensch blicken. Matho
und Spendius wunderten sich über die Stille, die nichts unterbrach als
hin und wieder das heisere Schnauben der Elefanten, die in ihren
Gehegen auf und ab gingen, und das Prasseln des lohenden Aloefeuers
auf dem Leuchtturm.
Matho wiederholte immer von neuem:
»Wo ist sie? Ich will sie sehen. Führe mich zu ihr!«
»Es ist Wahnsinn!« sagte Spendius. »Sie wird schreien. Ihre Sklaven
werden herbeieilen, und trotz deiner Kraft wird man dich
niedermachen.«
So gelangten sie zur Galeerentreppe. Matho blickte empor und glaubte
ganz oben einen matten Lichtschimmer zu bemerken. Spendius wollte ihn
zurückhalten, aber der Libyer stürmte die Stufen hinauf.
Als er den Ort wiedersah, an dem er Hamilkars Tochter zum ersten Male
erblickt hatte, schwand die ganze inzwischen verflossene Zeit aus
seinem Gedächtnisse. Noch eben hatte Salambo da zwischen den Tischen
gesungen. Eben erst war sie weg ... und seitdem hatte er nichts getan,
war nur die Treppe emporgestiegen ... Der Himmel zu seinen Häupten
flammte in Feuer. Das Meer erfüllte den Horizont. Bei jedem Schritt
weitete sich die Unendlichkeit um ihn herum. Er stieg immer höher, mit
der seltsamen Leichtigkeit, die man im Traum empfindet.
Das Knistern des Mantels, der die Steine streifte, erinnerte ihn an
seine neue Macht. Aber im Übermaß seiner Hoffnung wußte er jetzt nicht
mehr, was er tun sollte, und diese Unsicherheit machte ihn scheu.
Von Zeit zu Zeit preßte er sein Gesicht gegen die viereckigen
Fensteröffnungen der verschlossenen Gemächer. In mehreren wähnte er
schlafende Menschen zu erkennen.
Das oberste, schmalste Stockwerk bildete gleichsam einen Würfel auf
der vorletzten Terrasse. Matho umschritt es langsam.
Milchweißer Schein glänzte auf dem Marienglas, das die kleinen
Öffnungen im Mauerwerk deckte. In ihren regelmäßigen Abständen sahen
sie in der Dunkelheit wie Perlenschnüre aus. Matho erkannte die rote
Tür mit dem schwarzen Kreuz. Sein Herz pochte heftig. Er hätte fliehen
mögen. Er stieß gegen die Tür. Sie sprang auf.
Eine Hängelampe in Form eines Schiffes brannte in der Tiefe des
Gemaches, und drei Lichtstrahlen, die dem silbernen Kiel entglitten,
zitterten über das hohe Getäfel, dessen rote Bemalung von schwarzen
Streifen unterbrochen ward. Die Decke bestand aus lauter kleinen
Balken; sie waren vergoldet und mit Amethysten und Topasen geschmückt.
Von der einen Langseite des Gemaches zur andern zog sich ein niedriges
Lager aus weißem Leder hin, und darüber öffneten sich in der Wand in
Muschelform gewölbte Nischen, aus denen hier und da ein Gewand bis zum
Boden herabhing.
Eine Onyxstufe umgab ein eiförmiges Badebecken. Am Rande standen ein
Paar zierliche Pantoffeln aus Schlangenhaut und ein Krug aus
Alabaster. Daneben bemerkte man nasse Fußspuren. Köstliche Wohlgerüche
erfüllten die Luft.
Matho schritt leicht über die mit Gold, Perlmutter und Glas
ausgelegten Fliesen; aber obgleich er über polierten Stein hinging,
war es ihm, als ob seine Füße einsänken wie in Sand.
Hinter der silbernen Lampe hatte er ein großes viereckiges
himmelblaues Hängebett erblickt, das an vier emporlaufenden Ketten
frei schwebte. Er schritt mit krummem Rücken und offenem Mund darauf
los.
Flamingoflügel mit Griffen aus schwarzen Korallen lagen zwischen
Purpurkissen, Schildpattkämmen, Zedernholzkästchen und Elfenbeinspateln
umher. An Antilopenhörnern steckten Fingerringe und Armreifen.
Tongefäße, die in der Maueröffnung auf einem Rohrgeflecht standen,
kühlten im Winde ab. Des öfteren stieß Matho mit den Füßen an, denn der
Fußboden bestand aus Flächen von ungleicher Höhe, die den Raum
gewissermaßen in eine Gruppe von Zimmern zerlegten. Im Hintergrunde
umgab ein silbernes Geländer einen mit Blumen bemalten Teppich. Endlich
gelangte er an das Hängebett, neben dem ein Ebenholzschemel zum
Hinaufsteigen diente.
Der Lichtschein hörte am Bettrand auf. Schatten lag wie ein großer
Vorhang darüber. Man konnte nur einen Zipfel der roten Matratze
erkennen und die Spitze eines kleinen bloßen Fußes, der auf dem
Knöchel ruhte. Matho nahm behutsam die Lampe herab.
Salambo schlief. Eine Hand lag an ihrer Wange, den andern Arm hatte
sie ausgestreckt. Ihr Haar umwallte sie in solcher Lockenfülle, daß
sie auf schwarzen Federn zu ruhen schien. Ihr weites weißes Gewand
schmiegte sich in weichen Falten den Biegungen ihres Körpers an und
reichte bis zu den Füßen hinab. Unter den halbgeschlossenen Lidern sah
man ein wenig von den Augen. Senkrecht herabfallende Vorhänge hüllten
die Schlummernde in bläuliche Dämmerung. Ihre Bewegungen beim Atmen
teilten sich den Ketten mit, so daß sie in der Luft kaum sichtbar hin
und her schaukelten. Eine große Stechmücke summte um das Lager.
Matho stand unbeweglich, die silberne Lampe weit vorgestreckt. Da fing
das Mückennetz mit einem Male Feuer. Es verflog. Salambo erwachte.
Die Flamme war von selbst erloschen. Die Erwachte sprach kein Wort.
Die Lampe warf lange, wie Wellen rieselnde Lichtstreifen auf die
Täfelung.
»Was ist das?« fragte Salambo.
»Der Mantel der Göttin!«
»Der Mantel der Göttin!« rief sie aus.
Und auf beide Hände gestützt, neigte sie sich über den Rand ihres
Lagers. Sie bebte am ganzen Leibe.
»Ich habe ihn für dich aus dem Allerheiligsten geholt!« fuhr er fort.
»Schau!«
Der Zaimph funkelte wie ein Strahlenmeer.
»Entsinnst du dich?« fragte Matho. »Nachts erschienst du mir im
Traume, doch ich erriet den stummen Befehl deiner Augen nicht!« Sie
setzte einen Fuß auf den Ebenholzschemel. »Hätte ich ihn verstanden,
so wäre ich herbeigeeilt. Ich hätte das Heer verlassen und wäre nicht
aus Karthago gewichen. Um dir zu gehorchen, stiege ich durch die Höhle
von Hadrumet ins Schattenreich hinab! Vergib! Wie Berge lastete es auf
meinem Leben, und dennoch riß mich's fort! Ich versuchte zu dir zu
gelangen! Hätte ich das ohne die Götter je gewagt? ... Komm! Du mußt
mir folgen! Oder, wenn du nicht willst, so bleib ich! Mir ist's
gleichgültig ... Ersticke meine Seele im Hauch deines Odems! Mögen
meine Lippen vergehen in den Küssen, die ich auf deine Hände drücke!«
»Laß mich sehen!« rief sie. »Nahe, ganz nahe!«
Es begann zu tagen, und weinroter Schimmer lief über das Marienglas
der Fenster. Salambo sank halb ohnmächtig in die Kissen ihres Lagers
zurück.
»Ich liebe dich!« schrie Matho.
»Gib her!« stammelte sie.
Sie näherten sich.
Sie schritt auf ihn zu in ihrem weißen schleppenden Gewande. Ihre
großen Augen starrten auf den Mantel. Matho betrachtete sie einen
Augenblick, vom Glanz ihres Hauptes geblendet. Dann streckte er ihr
den Zaimph entgegen und wollte sie umschlingen. Sie breitete die Arme
aus. Plötzlich stand sie still, und beide schauten einander eine Weile
fest in die Augen.
Ohne zu verstehen, was er begehrte, durchzuckte sie ein Schauder. Ihre
feinen Augenbrauen zogen sich empor, ihre Lippen öffneten sich. Sie
zitterte. Dann aber schlug sie auf eine der Metallscheiben, die an den
Zipfeln der roten Matratze herabhingen, und rief:
»Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zurück! Tempelräuber! Ruchloser! Verfluchter! Her
zu mir, Taanach! Krohum! Eva! Mizipsa! Schahul!«
Spendius, dessen erschrockenes Gesicht in der Luke zwischen den
Tonkrügen auftauchte, zischelte:
»Flieh! Sie kommen!«
Lauter Lärm erscholl und kam näher. Die Treppen hallten. Ein Strom von
Menschen: Frauen, Lakaien und Sklaven stürzte in das Gemach mit
Spießen, Keulen, Messern und Dolchen. Sie waren vor Entrüstung wie
gelähmt, als sie einen Mann erblickten. Die Mägde stießen ein
Klagegeschrei aus wie bei einem Begräbnis, und die Eunuchen
erbleichten unter ihrer schwarzen Haut.
Matho stand hinter dem Geländer. In den Zaimph eingehüllt, sah er aus
wie ein Sternengott im Firmament. Die Sklaven wollten sich auf ihn
stürzen. Salambo hielt sie zurück.
»Rührt ihn nicht an! Es ist der Mantel der Göttin!«
Sie war in einen Winkel des Gemaches gewichen. Jetzt tat sie einen
Schritt auf den Libyer zu, streckte den bloßen Arm gegen ihn aus und
rief:
»Fluch über dich, der du Tanit beraubt hast! Haß, Rache, Mord und
Qual! Möge Gurzil, der Gott der Schlachten, dich zerreißen, Matisman,
der Gott der Toten, dich erwürgen, und der andere, dessen Namen man
nicht nennen darf, dich mit Feuer vernichten!«
Matho stieß einen Schrei aus, als hätte ihn ein Schwert durchbohrt.
Sie wiederholte mehrmals: »Fort! Fort!«
Die Dienerschar trat zur Seite, und Matho schritt mit gesenktem Haupte
langsam mitten hindurch. An der Tür konnte er nicht weiter, weil sich
der Zaimph an einem der Goldsterne auf den Fliesen festgehakt hatte.
Mit einem Ruck der Schulter riß er ihn gewaltsam los und eilte die
Treppen hinab.
Spendius rannte von Terrasse zu Terrasse, sprang über die Hecken und
Wassergräben und entkam aus den Gärten. Er gelangte an den Unterbau
des Leuchtturms. Die Mauer war an dieser Stelle menschenleer, weil das
Ufer hier unzugänglich war. Er trat an den Rand, legte sich auf den
Rücken und rutschte, die Füße voran, die ganze Höhe hinunter. Dann
erreichte er schwimmend das Vorgebirge der Gräber, machte einen weiten
Bogen um die Salzlagune herum und kam am Abend in das Lager der
Barbaren zurück.
Die Sonne war indes aufgegangen. Wie ein Löwe auf dem Rückzuge schritt
Matho dahin, furchtbare Blicke um sich werfend.
Ein undeutliches Geräusch drang an sein Ohr. Es war vom Palast
ausgegangen und wiederholte sich in der Ferne, wo die Akropolis lag.
Die einen sagten, der Schatz der Republik sei aus dem Molochtempel
geraubt. Andre munkelten von einem Priestermorde. Anderswo wähnte man,
die Barbaren seien in die Stadt gedrungen.
Matho, der nicht wußte, wie er aus den Stadtmauern hinauskommen
sollte, ging geradeaus weiter. Man bemerkte ihn. Alsbald erhob sich
lautes Geschrei. Der Vorfall ward allgemein bekannt. Zuerst entstand
eine große Bestürzung, dann aber brach eine Wut ohnegleichen aus.
Aus der Tiefe der Mappalierstraße, von der Höhe der Burg, von der
Gräberstadt und vom Meeresgestade eilte die Menge herbei. Die
Patrizier verließen ihre Häuser, die Händler ihre Läden, die Mütter
ihre Kinder. Man griff zu Schwertern, Äxten, Stöcken. Doch das
Hindernis, das Salambo geschreckt hatte, hielt sie alle zurück. Wie
sollte man den Mantel zurückholen? Sein bloßer Anblick war schon
Frevel! Er war göttlicher Natur, und seine Berührung brachte den Tod.
In den Vorhallen der Tempel rangen die Priester verzweifelt die Arme.
Patrouillen der Garde sprengten ziellos umher. Man stieg auf die
Häuser, auf die Terrassen, auf die Schultern der Kolosse und in das
Mastwerk der Schiffe. Matho lief inzwischen weiter. Bei jedem seiner
Schritte wuchs die Wut, aber auch der Schrecken. Die Straßen wurden
bei seinem Erscheinen leer, und der Strom der Fliehenden brandete auf
beiden Seiten zurück, bis in die hohen Häuser hinauf. Überall
erblickte Matho weit aufgerissene Augen, die ihn am liebsten
verschlungen hätten, knirschende Zähne und geballte Fäuste. Salambos
Verwünschungen hallten aus immer zahlreicheren Kehlen wider.