Katafalk, stand eine riesige Kiste, mit Ringen versehen, die hängenden
Kronen glichen. Dann tauchte die Schar der Dolmetscher auf, mit
Kopfbedeckungen wie Sphinxe und den Umrissen von Papageien auf die
Brust tätowiert. Freunde und Sklaven folgten, alle ohne Waffen und so
zahlreich, daß sie Schulter an Schulter standen. Die drei langen
Barken, bis zum Sinken voll, nahten unter den Beifallrufen des Heeres,
das ihnen entgegensah. Sobald Gisgo landete, liefen die Soldaten ihm
entgegen. Er ließ aus Säcken eine Art Rednerbühne errichten und
erklärte, er ginge nicht eher fort, als bis sie alle restlos gelöhnt
wären.
Ein Beifallssturm brach aus. Gisgo konnte lange nicht wieder zu Worte
kommen. Nunmehr tadelte er die Fehler der Republik und die der
Barbaren. Die Schuld läge an einigen Meuterern, die Karthago durch
ihre Gewalttätigkeit erschreckt hätten. Der beste Beweis für die guten
Absichten der Karthager sei der, daß man ihn, den unversöhnlichen
Feind des Suffeten Hanno, zu ihnen gesandt habe. Sie sollten die
Republik weder für so töricht halten, daß sie sich tapfere Männer
verfeinden wolle, noch für so undankbar, daß sie ihre Dienste
verkenne. Darauf schickte er sich an, die Söldner abzulohnen, indem er
mit den Libyern begann. Da sie die Listen für unrichtig erklärten, so
bediente er sich ihrer nicht.
Sie zogen nach Stämmen geordnet an ihm vorüber, indem sie mit
hochgehaltenen Fingern die Zahl ihrer Dienstjahre angaben. Man malte
jedem, der seine Löhnung empfangen, mit grüner Farbe ein Zeichen auf
den linken Arm. Schreiber zahlten aus der geöffneten Kiste, während
andre die gezahlte Summe mit einem Schreibgriffel auf eine Bleiplatte
ritzten.
Einmal trat, schweren Tritts wie ein Stier, ein Mann heran.
»Komm einmal zu mir herauf!« gebot der Suffet, der einen Betrug
witterte. »Wieviel Jahre hast du gedient?«
»Zwölf!« antwortete der Libyer.
Gisgo fuhr ihm mit der Hand unter das Kinn. Die Schuppenketten der
Helme verursachten nämlich nach langem Tragen an dieser Stelle der
Haut Schwielen, die man »Johannisbrote« nannte, und »Johannisbrote
haben«, das bedeutete Veteran sein.
»Gauner!« rief der Suffet. »Was dir im Gesicht fehlt, wirst du auf dem
Buckel haben.« Er riß dem Manne die Tunika ab und entblößte seinen
Rücken, der mit blutigen Striemen bedeckt war. Es war ein Bauer aus
Hippo-Diarrhyt. Hohngelächter erscholl. Er ward enthauptet.
Sobald es Nacht war, weckte Spendius die Libyer und hielt ihnen
folgende Rede:
»Wenn die Ligurer, Griechen, Balearier und Italiker abgelohnt sind,
werden sie heimkehren. Ihr aber, ihr bleibt in Afrika, in Stämme
zersplittert und ohne jeglichen Schutz! Dann wird sich die Republik
rächen. Seht euch auf dem Heimwege vor! Traut ihr etwa ihren schönen
Worten? Die beiden Suffeten sind im Einverständnis! Gisgo hintergeht
euch! Denkt an die Insel der Totenknochen und an Xantipp, den sie auf
einer morschen Galeere nach Sparta zurückgesandt haben!«
»Was sollen wir tun?« fragten sie.
»Überlegt's euch!« entgegnete Spendius.
Die beiden folgenden Tage vergingen mit der Ablöhnung der Söldner von
Magdala, Leptis und Hekatompylos. Spendius machte sich an die Gallier
heran.
»Man soldet die Libyer ab, dann kommen die Griechen, die Balearier,
die Asiaten und alle andern dran! Ihr aber, die ihr nur wenige seid,
ihr werdet leer ausgehn! Ihr werdet eure Heimat nicht wiedersehn! Ihr
werdet keine Schiffe erhalten! Sie werden euch umbringen, um die
Verpflegung zu sparen!«
Die Gallier begaben sich zu dem Suffeten. Autarit, den Gisgo in den
Gärten Hamilkars geschlagen hatte, forderte eine Erklärung von ihm.
Aber er wurde von den Sklaven zurückgetrieben und trollte sich mit dem
Schwure, sich zu rächen.
Die Beschwerden und Klagen mehrten sich. Die Hartnäckigsten drangen in
das Zelt des Suffeten. Um ihn zu erweichen, ergriffen sie seine Hände
und nötigten ihn, ihre zahnlosen Münder, ihre abgemagerten Arme und
ihre Wundmale zu betasten. Die noch keine Löhnung erhalten, gerieten
in Wut, während die andern, die ihren Sold empfangen hatten, nun auch
die Entschädigungsgelder für ihre Pferde forderten. Landstreicher und
vom Heere Ausgestoßene legten Rüstungen an und behaupteten, man
vergäße sie. Jeden Augenblick drängten neue Lärmer herbei. Die Zelte
krachten und fielen zusammen. Die zwischen die Lagerwälle eingekeilte
Menge wogte laut tobend von den Toren bis zur Mitte des Lagers hin und
her. Wenn der Tumult zu stark wurde, stützte Gisgo den Ellbogen auf
seinen elfenbeinernen Marschallstab und richtete seine Blicke hinaus
auf das Meer. Unbeweglich saß er dann da, die Finger in seinen Bart
vergraben.
Zuweilen trat Matho beiseite, um sich mit Spendius zu unterreden. Dann
stellte er sich wieder dem Suffeten gegenüber auf, und Gisgo fühlte
fortwährend seine Blicke wie zwei flammende Brandpfeile auf sich
gerichtet. Über die Menge hinweg riefen sie sich mehrere Male
Schimpfworte zu, verstanden einander aber nicht. Indessen nahm die
Löhnung ihren Fortgang, wobei der Suffet bei allen Hindernissen einen
Ausweg fand.
Die Griechen versuchten, wegen der Verschiedenheit der Münzen
Schwierigkeiten zu machen. Gisgo gab ihnen derartige Erklärungen, daß
sie sich ohne Murren zurückzogen. Die Neger verlangten weiße Muscheln,
wie sie im Innern Afrikas im Verkehr üblich waren. Der Suffet erbot
sich, deren aus Karthago holen zu lassen. Darauf nahmen sie Silbergeld
an wie die anderen.
Den Baleariern hatte man nun etwas Besonderes zugesichert, nämlich
Frauen. Gisgo erklärte, daß man eine ganze Karawane von Jungfrauen für
sie erwarte, doch der Weg sei weit, und es würden noch sechs Monde
vergehen. Wenn dann aber die Mädchen wieder in gutem Körperzustand und
reichlich mit Benzoe gesalbt wären, würde man sie ihnen auf Schiffen
in die balearischen Häfen senden.
Plötzlich sprang Zarzas, wieder schön und kräftig, wie ein Gaukler auf
die Schultern seiner Freunde und schrie, auf das Khamontor von
Karthago hinzeigend:
»Hast du auch welche für die Toten bestimmt?«
Die Erzplatten, die das Tor von oben bis unten bedeckten, erglühten in
den letzten Sonnenstrahlen. Die Barbaren wähnten, einen Blutstreifen
darauf zu erkennen. Sooft Gisgo reden wollte, hub ihr Geschrei von
neuem an. Schließlich verließ er langsamen Schrittes seinen Sitz und
schloß sich in sein Zelt ein.
Als er bei Sonnenaufgang wieder heraustrat, rührten sich seine
Dolmetscher nicht, die sich vor dem Zelt zur Ruhe hingelegt hatten.
Sie lagen auf dem Rücken, mit starren Augen, heraushängender Zunge und
blauem Gesicht. Weißer Schleim entfloß ihren Nasen, und ihre Glieder
waren so steif, als ob sie im Nachtfrost erstarrt wären. Jeder trug um
den Hals eine dünne Binsenschnur.
Von nun an brach die Empörung offen aus. Die Ermordung der Balearier,
die Zarzas den Söldnern ins Gedächtnis zurückgerufen hatte, bestärkte
das von Spendius erregte Mißtrauen. Man bildete sich ein, die Republik
suche sie noch immer zu täuschen. Man müsse ein Ende machen!
Dolmetscher hätte man nicht nötig! Zarzas, der sich einen Kranz um den
Kopf geschlungen hatte, sang Kriegslieder. Autarit schwang sein langes
Schwert. Spendius flüsterte dem einen ein Wort zu und versah den
andern mit einem Dolche. Die Stärksten suchten sich selbst bezahlt zu
machen. Die minder Aufgebrachten forderten, daß die Ablöhnung
fortgesetzt würde. Keiner legte mehr die Waffen ab, und der Zorn aller
vereinigte sich gegen Gisgo zu stürmischem Hasse.
Etliche wollten für ihn eintreten. Solange sie Schmähungen ausstießen,
hörte man sie geduldig an. Sobald sie aber das geringste Wort für ihn
sprachen, wurden sie unverzüglich gesteinigt, oder man schlug ihnen
hinterrücks mit einem Säbelhieb den Kopf ab. Die aufgehäuften Säcke
sahen blutiger aus als ein Opferaltar.
Nach den Mahlzeiten wurden die Söldner entsetzlich, zumal wenn Wein
getrunken worden war. Dieser Genuß war in den punischen Heeren bei
Todesstrafe verboten. Man schwenkte die Becher gegen Karthago, um
seiner Manneszucht zu spotten. Dann fiel man über die Sklaven des
Zahlmeisters her und begann von neuem zu morden. Der Ruf: »Steinigt
ihn!«--in jeder Sprache verschieden--ward von allen verstanden.
Gisgo wußte wohl, daß ihn das Vaterland im Stiche ließ. Angesichts
aller Undankbarkeit wollte er trotzdem die Ehre Karthagos hochhalten.
Als die Söldner ihn daran erinnerten, daß man ihnen Schiffe
versprochen habe, schwur er beim Moloch, sie ihnen auf eigene Kosten
zu liefern. Er riß sein Halsband aus blauen Steinen vom Halse und warf
es in die Menge als Pfand seines Eides.
Nun forderten die Afrikaner Getreide, gemäß den Versprechungen des
Großen Rates. Gisgo legte amtliche Rechnungen vor, die mit violetter
Tinte auf Lammfelle geschrieben waren. Er verlas alles, was nach
Karthago eingeführt worden war, Monat für Monat und Tag für Tag.
Plötzlich hielt er stieren Blicks inne, als stände da zwischen den
Ziffern sein Todesurteil.
In der Tat hatten die Alten die Zahlen betrügerisch verkleinert und
das Getreide, das in der Zeit der größten Kriegsnot verkauft worden
war, zu einem so niedrigen Preis angerechnet, daß kein vernünftiger
Mensch getäuscht werden konnte.
»Rede!« schrien sie. »Lauter! Ha, er sucht nach Lügen, der Feigling!
Aufgepaßt!«
Eine Weile zauderte er. Endlich las er weiter.
Die Söldner ahnten nicht, daß man sie betrog, und nahmen die
Rechnungsauszüge für richtig an. Aber der Überfluß, der in Karthago
geherrscht, versetzte sie in wilde Eifersucht. Sie zertrümmerten die
Sykomorenholzkiste. Sie war zu drei Vierteln leer. Man hatte solche
Summen aus ihr hervorgehen sehn, daß man sie für unerschöpflich
gehalten. Gisgo mußte Geld in seinem Zelte vergraben haben! Man
stürmte die Rednerbühne. Matho war der Anstifter. Als man schrie: »Das
Geld! Das Geld!« antwortete Gisgo schließlich:
»So mag's euer Führer euch geben!«
Fortan schwieg er und blickte mit den großen gelben Augen seines
langen Gesichtes, das weißer war als sein Bart, kaltblütig in den
Tumult. Ein Pfeil, von seinem eigenen Gefieder gehemmt, blieb in des
Suffeten großem goldenen Ohrring hängen, und Blut rann, gleich einem
roten Faden, von der Tiara auf feine Schulter herab.
Auf einen Wink Mathos stürzten alle auf Gisgo ein. Er breitete die
Arme aus. Spendius fesselte ihn mit einer Schlinge an den
Handgelenken. Ein andrer warf ihn zu Boden, und er verschwand im
Getümmel der Menge, die über die Säcke stürmte.
Man plünderte sein Zelt. Nur die zum Leben unentbehrlichsten
Gegenstände fand man darin, und später, bei genauerem Suchen, noch
drei Bilder der Tanit und, in Affenhaut gewickelt, einen schwarzen
Stein, der vom Monde heruntergefallen sein sollte.
Eine Anzahl Karthager hatten Gisgo freiwillig begleitet, angesehene
vornehme Männer, sämtlich zur Kriegspartei gehörig. Man riß sie aus
den Zelten und warf sie kopfüber in die Latrinen. Mit eisernen Ketten,
die man um ihren Leib schlang, wurden sie an starke Pfähle gefesselt.
Nahrung reichte man ihnen auf den Spitzen von Wurfspießen.
Autarit, der sie bewachte, überschüttete sie mit Schimpfworten. Da sie
aber seine Sprache nicht verstanden, antworteten sie nicht. Von Zeit
zu Zeit warf er ihnen Steine ins Gesicht, damit sie schreien sollten.
* * * * *
Am nächsten Tage ergriff eine Art Erschöpfung das Heer. Jetzt, da der
Zorn verraucht war, stellten sich Angst und Sorge ein. Matho litt an
namenloser Traurigkeit. Ihm war, als habe er Salambo mittelbar
beleidigt. Die gefangenen Patrizier waren ihm gleichsam ein Zubehör zu
ihrer Person. Er setzte sich des Nachts an den Rand ihrer Grube und
fand im Wimmern dort unten etwas von der Stimme wieder, die sein Herz
erfüllte.
Inzwischen klagten alle die Libyer an, die allein bezahlt worden
waren. Aber während die nationalen Gegensätze und der persönliche Haß
erwachten, fühlte man auch die Gefahr, die darin lag, diesen
Leidenschaften nachzugeben. Die Vergeltung für den Vorfall mußte
furchtbar ausfallen. Folglich galt es, der Rache Karthagos
zuvorzukommen. Die Beratungen und öffentlichen Reden nahmen kein Ende.
Jeder sprach, keiner hörte zu, und Spendius, der sonst so gesprächig
war, schüttelte zu allen Vorschlägen den Kopf.
Eines Abends fragte er Matho beiläufig, ob es keine Quellen in der
Stadt gäbe.
»Nicht eine!« antwortete der.
Am nächsten Morgen führte ihn Spendius zum Seeufer.
»Herr!« begann der ehemalige Sklave. »Wenn dein Herz unerschrocken
ist, will ich dich nach Karthago hineinführen.«
»Auf welche Weise?« fragte der andere, nach Atem ringend.
»Schwöre mir, allen meinen Befehlen nachzukommen und mir wie ein
Schatten zu folgen!«
Matho erhob den Arm gegen den Mond und rief:
»Bei der Tanit, ich schwör es dir!«
Spendius fuhr fort:
»Erwarte mich morgen nach Sonnenuntergang am Fuße der Wasserleitung,
zwischen dem neunten und zehnten Bogen. Bring eine eiserne Hacke,
einen Helm ohne Federbusch und ein paar Ledersandalen mit!«
Der Aquädukt, von dem er sprach, ein bedeutendes Bauwerk, das von den
Römern später noch vergrößert wurde, lief schräg über die ganze
Landenge hin. Auf drei übereinandergebauten mächtigen Bogenreihen, mit
Strebepfeilern an den Basen und Löwenköpfen an den Scheiteln, führte
er bis zum westlichen Teil der Akropolis hin und senkte sich dann zur
Stadt hinab, um die Zisternen von Megara mit einer stromähnlichen
Wassermenge zu versehen.
Spendius traf Matho zur verabredeten Stunde. Er knüpfte alsbald eine
Art Harpune an das Ende eines Seiles und ließ dies rasch wie eine
Schleuder schwirren. Der eiserne Haken blieb an der Mauer haften, und
nun begannen sie, hintereinander emporzuklimmen.
Als sie das erste Geschoß erreicht hatten, fiel der Haken bei jedem
Wurfe wieder zurück. Bis sie eine geeignete Stelle entdeckten, mußten
sie um die Pfeiler herum auf dem Sims gehen, den sie bei jeder höheren
Bogenreihe immer schmaler fanden. Nach und nach dehnte sich das Seil.
Mehrere Male wäre es beinahe gerissen.
Endlich waren sie auf der obersten Plattform. Spendius bückte sich von
Zeit zu Zeit, um den Steinbelag mit der Hand zu betasten.
»Hier geht's!« sagte er. »Fangen wir hier an!« Und indem sie sich
beide gegen den Spieß stemmten, den Matho mitgebracht hatte, gelang es
ihnen, eine der Steinplatten zu lockern.
In der Ferne bemerkten sie einen Trupp von Reitern, die auf zügellosen
Pferden dahingaloppierten. Ihre goldenen Armreifen tanzten über den
undeutlichen Falten ihrer Mäntel. Voran ritt ein Mann mit einer Krone
von Straußenfedern auf dem Kopf, in jeder Hand eine Lanze.
»Naravas!« rief Matho.
»Was kümmert uns der?« entgegnete Spendius und sprang in das Loch, das
durch das Aufheben der Platte entstanden war.
Seiner Weisung gemäß versuchte auch Matho einen der Steinblöcke zu
lockern. Aber er hatte keine Ellbogenfreiheit.
»Es wird auch so gehen!« meinte Spendius. »Geh voran!«
Damit wagten sie sich in das Innere der Leitung.
Das Wasser ging ihnen bis an den Bauch. Bald aber gerieten sie ins
Schwanken und mußten schwimmen. Dabei stießen sie mit den Händen und
Füßen gegen die Wände des allzu engen Kanals, in dem das Wasser fast
unmittelbar unter den Deckplatten hinfloß. Sie rissen sich das Gesicht
auf. Die Strömung trug sie fort ... Eine Luft, schwerer als im Grabe,
lastete auf ihrer Brust. Die Arme vor den Kopf haltend, die Knie
geschlossen, sich so lang streckend, wie sie irgend konnten, schossen
sie pfeilschnell durch die Dunkelheit dahin, halb erstickt, röchelnd
und dem Tode nahe. Plötzlich ward es stockfinster vor ihnen, und die
Strömung wurde reißend. Die beiden Männer gerieten in das Gefälle ...
Als sie wieder an die Oberfläche der Flut kamen, ließen sie sich
einige Minuten treiben und sogen mit Wohlbehagen die Luft ein.
Bogenreihen, eine hinter der andern, öffneten sich in der Mitte
mächtiger Mauern, die den Raum in einzelne Becken zerlegten. Alle
waren gefüllt, und das Wasser in den Zisternen bildete eine einzige
Fläche. Durch die Luftlöcher in den Deckenwölbungen fiel bleicher
Schein, der Lichtscheiben auf die Flut warf. Der Schatten ringsum, der
sich nach den Wänden zu verdichtete, ließ diese ins unbestimmte
zurücktreten. Das geringste Geräusch erweckte lauten Widerhall.
Spendius und Matho begannen abermals zu schwimmen. Durch die
Bogenöffnungen gelangten sie von einem Becken immer in das nächste.
Auf beiden Seiten lief noch je eine parallele Reihe kleinerer Becken
hin. Die Schwimmer verirrten sich, kehrten um und kamen an dieselbe
Stelle zurück. Endlich fühlten sie festen Boden unter den Füßen. Es
war das Pflaster der Galerie, die um die Zisternen herumlief.
Mit großer Vorsicht weiterschreitend, tasteten sie das Mauerwerk ab,
um einen Ausgang zu finden. Aber ihre Füße glitten ab, und sie
stürzten wieder in das tiefe Becken. Sie kletterten von neuem empor
und fielen abermals zurück. Eine furchtbare Ermüdung überkam sie, als
ob ihre Glieder sich beim Schwimmen im Wasser aufgelöst hätten. Die
Augen fielen ihnen zu. Sie kämpften mit dem Tode.
Da stieß Spendius mit der Hand gegen die Stäbe eines Gitters. Beide
rüttelten daran. Es gab nach, und sie befanden sich auf den Stufen
einer Treppe. Oben kamen sie vor eine verschlossene Bronzetür. Mit der
Spitze eines Dolches schoben sie den Riegel zurück, der sich nur von
außen öffnen ließ, und plötzlich umfing sie die frische freie Luft.
Die Nacht war still. Der Himmel verlor sich in unendlicher Tiefe. Hier
und da ragten Baumgruppen über die langen Mauerlinien hinweg. Die
Stadt lag im Schlummer. Die Wachtfeuer der Vorposten glänzten wie
herabgefallene Sterne.
Spendius, der drei Jahre im Kerker verbracht hatte, kannte die
Stadtviertel nur ungenau. Matho meinte, um zum Palaste Hamilkars zu
gelangen, müsse man sich nach links wenden und die Straße der
Mappalier überschreiten.
»Nein!« sagte Spendius. »Führe mich zum Tempel der Tanit!«
Matho wollte widersprechen.
»Denke daran!« unterbrach ihn der ehemalige Sklave, indem er den Arm
erhob und nach dem Monde wies, der am Himmel glänzte.
Da wandte sich Matho schweigend gegen die Akropolis.
Sie schlichen sich an den Kaktushecken hin, die die Wege einfaßten.
Das Wasser rann von ihren Leibern in den Staub. Ihre feuchten Sandalen
verursachten kein Geräusch. Spendius suchte mit seinen Augen, die wie
Fackeln glühten, bei jedem Schritt die Gebüsche ab. Er ging hinter
Matho, die Hände an den beiden Dolchen, die er unter den Armen trug
und die ihm, an einem Lederriemen befestigt, von den Schultern
herabhingen.
V
Tanit
Als sie die Gärten durchschritten hatten, sahen sie sich durch die
Mauer zwischen Megara und der Altstadt am Weitergehn gehindert. Da
entdeckten sie einen schmalen Durchlaß in dem gewaltigen Mauerwerk und
kamen hindurch.
Der Boden senkte sich und bildete eine große Mulde. Sie schritten über
einen freien Platz.
»Höre mich einmal an,« sagte Spendius, »und vor allem fürchte
nichts! ... Ich werde mein Versprechen erfüllen!«
Er unterbrach sich und nahm eine nachdenkliche Miene an. Offenbar
suchte er nach Worten. »Entsinnst du dich noch, wie ich dir damals auf
Salambos Terrasse bei Sonnenaufgang Karthago gezeigt habe? An jenem
Tage waren wir stark, doch du wolltest von nichts hören.« Und mit
feierlicher Stimme fuhr er fort: »Herr, im Heiligtum der Tanit
befindet sich ein geheimnisvoller Mantel, der vom Himmel gefallen ist
und die Göttin umhüllt.«
»Ich weiß es,« entgegnete Matho.
»Er ist heilig,« sprach Spendius weiter, »denn er ist ein Teil der
Göttin. Die Götter wohnen, wo ihr Abbild weilt. Karthago ist mächtig,
weil es diesen Mantel besitzt.« Er trat dicht an Matho heran. »Ich
habe dich hierhergeführt, damit wir ihn zusammen rauben!«
Der Libyer prallte vor Entsetzen zurück.
»Geh! Such dir jemand andern! Ich will dir bei solch einem
abscheulichen Frevel nicht helfen!«
»Tanit ist deine Feindin!« erwiderte Spendius. »Sie verfolgt dich, und
du stirbst an ihrem Zorn. Räche dich! Sie soll dir untertan werden! Du
wirst fast unsterblich und unüberwindbar sein!«
Matho senkte das Haupt. Spendius fuhr fort:
»Wir müssen unterliegen. Das Heer wird sich aufreiben. Wir haben weder
Flucht, noch Beistand, noch Vergebung zu erhoffen! Welche Strafe der
Götter brauchst du aber zu fürchten, wenn du ihre Kraft selber in den
Händen hältst? Willst du lieber am Abend nach einer Niederlage elend
im Busch verrecken oder unter den Hohnrufen des Pöbels auf einem
Scheiterhaufen umkommen? Herr, eines Tages wirst du in Karthago
einziehen, von den Priestern umringt, die deine Sandalen küssen! Und
wenn dich dann noch der Mantel der Tanit beängstigt, dann magst du ihn
in ihren Tempel zurücktragen. Komm, wir rauben ihn!«
Glühende Gelüste verzehrten Matho. Er hätte den Mantel besitzen mögen,
doch ohne Tempelraub zu begehen. Er überlegte sich, ob er das
Heiligtum wirklich rauben müsse, um sich dessen Kraft anzueignen. Er
spann seinen Gedanken nicht zu Ende, sondern blieb an dem Punkte
stehen, wo er davor erschrak.
»Gehen wir!« sagte er. Und sie entfernten sich beide raschen Schritts,
Seite an Seite, ohne zu sprechen.
Der Boden stieg an. Die Häuser wurden immer zahlreicher. Die beiden
Männer kamen in enge Gassen, die in tiefem Dunkel lagen. Die
geflochtenen Matten, mit denen die Türen verhängt waren, schlugen
gegen die Wände. Auf einem Platze lagen kauende Kamele vor Haufen von
Heu. Dann gingen sie durch eine Allee buschiger Bäume. Ein Rudel Hunde
bellte sie an. Plötzlich weitete sich die Aussicht, und sie erblickten
die Westseite der Akropolis. Am Fuße des Burgberges dehnte sich eine
lange düstere Masse: das war der Tempel der Tanit, ein Gewirr von
Gebäuden, Gärten, Höfen und Vorhöfen, von einer niedrigen Mauer aus
groben Steinen umgrenzt. Spendius und Matho kletterten darüber.
Die erste Einfriedigung umschloß einen Platanenhain, der zum Schutz gegen
die Pest und gegen verunreinigte Luft angelegt war. Hier und da standen
Zelte, in denen man bei Tage allerlei feilbot: Enthaarungsmittel,
Wohlgerüche, Kleider, mondförmige Kuchen, Bilder der Göttin und
Abbildungen des Tempels, auf Alabasterstücke eingeritzt.
Sie hatten nichts zu fürchten, denn in den Nächten, wo der Mond nicht
schien, fanden keine Gottesdienste statt. Trotzdem verlangsamte Matho
seine Schritte, und vor den drei Ebenholzstufen, die in die zweite
Umzäunung führten, blieb er stehen.
»Weiter!« ermunterte ihn Spendius.
Granat- und Mandelbäume, Zypressen und Myrten, alle unbeweglich, wie
aus Erz gegossen, wechselten regelmäßig miteinander ab. Der blaue Kies
des Weges knirschte unter den Tritten. Den langen Baumgang überdeckte
ein Laubendach, von dem allüberall blühende Rosen herabhingen. Sie
kamen vor ein eirundes Becken, über dem ein Gitter lag. Matho, den die
Stille bedrückte, sagte zu Spendius:
»Hier wird Süßwasser mit salzigem vermischt.«
»Das habe ich alles bereits in Syrien gesehen,« bemerkte der ehemalige
Sklave, »in der Stadt Maphug!«
Auf einer sechsstufigen Silbertreppe stiegen sie nunmehr hinauf in die
dritte Einzäunung.
In der Mitte stand eine riesige Zeder. Ihre unteren Zweige waren über
und über mit Bändern und Halsketten behängt,--von den Gläubigen
dargebracht. Nach ein paar weiteren Schritten erhob sich vor ihnen die
Tempelfassade.
Von einem viereckigen Mittelturme, auf dessen Plattform der Halbmond
ragte, liefen zwei lange Säulengänge aus, deren Architrave auf dicken
Pfeilern ruhten. Über den Enden der Gänge und an den vier Ecken des
Turmes flammte in Schalen Räucherwerk. Die Säulenkapitäle waren mit
Granaten und Koloquinten geschmückt. An den Wänden wechselten
Mäanderbänder, Rauten und Perlstäbe miteinander ab, und ein Zaun aus
Silberfiligran bildete einen weiten Halbkreis vor der ehernen Treppe,
die von der Vorhalle abwärts führte.
Am Eingange stand zwischen einer goldnen und einer smaragdnen Stele
ein Steinkegel. Matho küßte sich beim Vorbeigehen die rechte Hand.