Stufen Eschmuns hinaufgestiegen, des Gottes der Planeten und der
denkenden Wesen. Ich habe unter dem goldenen Ölbaume Melkarths
geschlafen, des Schirmherrn der tyrischen Kolonien. Ich bin durch die
Pforte des Baal Khamon geschritten, des Lichtspenders und Befruchters.
Ich habe den Erdgeistern geopfert, den Göttern der Wälder, der Winde,
der Ströme und der Berge. Aber alle sind sie zu fern, zu weit, zu
fremd. Verstehst du mich? Sie dagegen ist mit mir verwoben, sie
erfüllt meine Seele, ich erbebe unter inneren Bewegungen. Mir ist's,
als wolle sie sich aus mir herauswinden, um sich von mir loszumachen.
Ich vermeine ihre Stimme zu hören, ihr Angesicht zu schauen. Blitze
blenden mich ... und dann sinke ich zurück in die Finsternis.«
Schahabarim schwieg. Salambo sah ihn mit flehentlich bittenden Blicken
an. Endlich gab er ihr einen Wink, die Sklavin wegzuschicken, die
nicht von kanaanitischer Rasse war.
Taanach verschwand. Schahabarim streckte seine Arme gen Himmel und hub
an:
»Ehe es noch Götter gab, herrschte Finsternis, und es wehte ein Hauch,
schwül und trüb wie das Bewußtsein der Menschen im Traume. Der Hauch
verdichtete sich und erzeugte Gewölk und die Sehnsucht. Und aus der
Sehnsucht und den Wolken entsprang der Urstoff. Das war ein tiefer,
schwarzer, eisiger Sumpf. In ihm keimten fühllose Ungeheuer,
zusammenhangslose Elemente der werdenden Wesen, wie sie auf den Wänden
der Tempel abgebildet sind.
»Dann verdichtete sich der Urstoff. Er ward zum Ei. Das zerbarst. Die
eine Hälfte wurde zur Erde, die andere zum Himmelsgewölbe. Sonne,
Mond, Winde und Wolken erschienen, und unter Donner und Blitz die
denkenden Wesen. Eschmun kam in der Sternenwelt auf, Khamon erstrahlte
in der Sonne, Melkarth trieb ihn mit starkem Arm bis hinter Gades
zurück. Die Erdgeister stiegen hinunter in die Vulkane, und Rabbetna
neigte sich gleich einer Amme über die Welt, und spendete ihr Licht
wie einen Milchstrom, und deckte sie mit der Nacht zu wie mit einem
Mantel ...«
»Und dann?« fragte Salambo.
Er hatte ihr das Geheimnis der Schöpfung erzählt, um sie durch weite
Ausblicke abzulenken. Aber an seinen letzten Worten entzündete sich
das Begehren der Jungfrau von neuem, und Schahabarim fuhr in halbem
Nachgeben fort:
»Sie weckt und lenkt die Liebe im Menschen ...«
»Die Liebe im Menschen ...« wiederholte Salambo versonnen.
Der Hohepriester redete weiter:
»Sie ist Karthagos Seele. Obgleich sie überall webt und lebt, ist ihre
Heimat hier bei uns unter dem heiligen Mantel.«
»O Vater!« rief Salambo. »Ich werde sie schauen, nicht wahr? Du wirst
mich zu ihr führen! Lange hab ich gezaudert. Das Begehren, sie zu
sehen, verzehrt mich. Erbarmen! Hilf mir! Wir wollen hin zu ihr!«
Mit heftiger und hochmütiger Gebärde stieß er sie zurück.
»Niemals! Weißt du nicht, daß man dann sterben muß? Die
doppelgeschlechtlichen Götter entschleiern sich nur uns allein, die
wir Männer durch den Geist und Weiber durch die Schwäche sind. Dein
Begehren ist Gotteslästerung. Begnüge dich mit dem, was du kennst!«
Salambo sank in die Knie, legte zum Zeichen der Reue die beiden
Zeigefinger an die Ohren und schluchzte, niedergeschmettert durch die
Worte des Priesters. Zorn, Schrecken und Demut erfüllten sie
gleichzeitig.
Schahabarim stand vor ihr, hochaufgerichtet, gefühlloser als die
Fliesen der Terrasse. Er blickte auf Salambos Gestalt herab, die
zitternd zu seinen Füßen lag, und empfand eine seltsame Freude, weil
er sie für seine Gottheit, die selbst er nicht ganz zu erfassen
imstande war, so leiden sah.
Schon begannen die Vögel zu singen, kalter Wind wehte, und kleine
Wölkchen jagten über den erblassenden Himmel.
Da bemerkte der Priester am Horizont hinter Tunis etwas wie einen
leichten Nebelstreifen, der über das Land hin zu ziehen schien. Eine
Weile später verwandelte sich dieser Nebel in eine senkrechte Wand von
grauem Staub. Aus den Wirbeln dieser mächtigen Masse tauchten
Kamelköpfe, Lanzen und Schilde auf.
Es war das Heer der Barbaren, das gegen Karthago vormarschierte.
IV
Vor den Mauern von Karthago
Landleute, auf Eseln oder zu Fuße, strömten bleich, atemlos und irr
vor Angst in die Stadt. Sie flohen vor dem Heere. In drei Tagen hatte
es den Weg von Sikka zurückgelegt, um Karthago zu berennen und in
Grund und Boden zu zerstören.
Man schloß die Tore. Fast unmittelbar darauf erschienen die Barbaren,
machten jedoch auf der Mitte der Landenge am Haffufer Halt.
Zuerst zeigten sie keine feindlichen Absichten. Mehrere kamen nahe
heran, Palmenzweige in den Händen. Man trieb sie mit Pfeilschüssen
zurück. So groß war die Bestürzung.
Frühmorgens und in der Abenddämmerung patrouillierten Aufklärer vor
den Stadtmauern. Besonders fiel ein kleiner Mann auf, der sorgfältig
in einen Mantel gehüllt war und dessen Gesicht unter der tief
herabgezogenen Helmblende verschwand. Stundenlang stand er da und
betrachtete den hohen Bau der Wasserleitung mit solcher
Beharrlichkeit, daß er die Karthager offenbar über seine wahren
Absichten täuschen wollte. Ein andrer begleitete ihn, ein wahrer
Riese, der barhäuptig einherging.
Karthago war in der ganzen Breite der Landenge stark befestigt: zuerst
durch einen Graben, dann durch einen Rasenwall und schließlich durch
eine dreißig Ellen hohe zweistöckige Quadermauer. Darin befanden sich
Ställe für dreihundert Elefanten, Rüstkammern für ihre Harnische und
ihr Kettenzeug, dazu Futterböden. Ferner Unterkunftsräume für
viertausend Pferde samt Sattelzeug und Fourage, sowie Kasernen für
zwanzigtausend Soldaten mit ihren Rüstungen und allem Kriegsgerät. Aus
dem zweiten Stockwerk erhoben sich zinnengekrönte Türme, die an der
Außenseite Panzerplatten, an Krampen befestigt, trugen.
Diese erste Befestigungslinie schützte unmittelbar Malka, das Viertel
der Seeleute und Färber. Masten ragten da, an denen Purpurgewebe
trockneten, während aus den flachen Dächern weiter weg Tonöfen zum
Sieden der Salzlake rauchten.
Dahinter türmte sich amphitheatralisch die Stadt mit ihren hohen
würfelförmigen Häusern, die teils aus Steinen, teils aus Holz, Sand,
Rohr, Muschelkalk und Lehm erbaut waren. Die Tempelhaine schimmerten
wie grüne Seen in diesem Gebirge bunter Blöcke. Die öffentlichen
Plätze bildeten in unregelmäßigen Abständen Ebenen darin. Zahllose
Gassen durchschnitten das Häusermeer kreuz und quer, von oben bis
unten. Man erkannte die Ringmauern der drei alten Stadtviertel, die
jetzt miteinander verschmolzen waren. Sie ragten hier und dort wie
steile Klippen auf oder dehnten sich in breiten Mauerflächen, halb mit
Blumen überwachsen, geschwärzt und von breiten Ausgußstreifen
durchzogen. Durch die klaffenden Lücken liefen Straßen, wie Flüsse
unter Brücken.
Der Hügel der Akropolis in der Mitte der Byrsa, das heißt des
Burgbezirks, verschwand beinahe unter einem Wirrwarr von Bauwerken. Da
standen Tempel mit gewundenen Säulen, die eherne Kapitäle und
metallene Ketten trugen, blaugestreifte mörtellose Steinkegel,
kupferne Kuppeldächer, Marmorarchitrave, babylonische Strebepfeiler,
Obelisken, die wie umgekehrte Fackeln mit der Spitze auf dem Boden
ruhten. Vorhallen stießen an Giebel, Voluten kräuselten sich zwischen
Säulengängen, Granitmauern schmiegten sich an Ziegelwände. Das alles
kletterte eins über das andre und vermengte sich in wunderlicher,
unbegreiflicher Weise. Es kündete vom Wechsel der Zeiten und rief die
halbvergessene Heimat der einzelnen Erbauer wach.
Hinter der Akropolis zog sich durch rötliches Erdreich, mit Grabmälern
besäumt, die Straße der Mappalier schnurgerade von der Küste bis zur
Gräberstadt. Seitwärts sah man lange Gebäude, von Gärten umgeben. Das
dritte Stadtviertel, die Neustadt Megara, erstreckte sich bis zur
felsigen Meeresküste, über der sich ein riesiger Leuchtturm erhob,
Nacht für Nacht sein Licht spendend.
So breitete sich Karthago vor den Blicken der in der Ebene lagernden
Söldner.
Von fern erkannten sie die Marktplätze und Straßenkreuzungen. Sie
stritten sich über die Lage der Tempel. Der Khamontempel gegenüber den
Syssitien hatte goldene Dachziegel. Das Heiligtum Melkarths links vom
Eschmuntempel trug Korallenäste auf seinem Dache. Weiterhin wölbte
sich zwischen Palmenwipfeln die Kupferkuppel vom Heiligtume Tanits.
Das düstere Haus Molochs stand am Fuße der Zisternen nach der Seite
des Leuchtturms hin. Auf den Giebelecken, auf den Zinnen der Mauern,
an den Ecken der Plätze, überall erblickte man Götterbilder mit
scheußlichen Köpfen, riesengroß oder untersetzt, mit dicken oder
unnatürlich platten Bäuchen, offnen Mäulern und ausgestreckten Armen,
Gabeln, Ketten oder Speere in den Händen. Im Hintergrunde der Straßen
aber, die durch den schrägen Einblick noch steiler erschienen,
schimmerte das blaue Meer.
Eine lärmende Menge erfüllte die Straßen vom Morgen bis zum Abend.
Knaben schrien, Schellen schwingend, an den Türen der Bäder. Die Buden
mit warmen Getränken rauchten. Die Luft bebte vom Schlagen der
Ambosse. Auf den Terrassen krähten die weißen, der Sonne geweihten
Hähne. In den Tempeln brüllten die Opferstiere, die man abwürgte.
Sklaven mit Körben auf den Köpfen eilten dahin, und in der Tiefe der
Säulenhallen tauchte hin und wieder ein Priester auf, in dunklem
Mantel, barfüßig und mit spitzer Mütze.
Dieser Anblick von Karthago erbitterte die Barbaren. Sie bewunderten
und verabscheuten es. Sie hätten es gleichzeitig zerstören und
bewohnen mögen. Was barg dort der Kriegshafen, den eine dreifache
Mauer beschirmte? Und dort über der Stadt, am Ende von Megara, noch
höher als die Akropolis, da ragte Hamilkars Schloß.
Dorthin richteten sich unverwandt Mathos' Augen. Er kletterte auf
Olbäume und beugte sich vor, indem er die Augen mit der Handfläche
beschattete. Aber die Gärten waren leer, und die rote Tür mit dem
schwarzen Kreuz blieb beständig geschlossen.
Mehr als zwanzigmal umkreiste er die Wälle und suchte nach einem
Durchlaß, um einzudringen. Eines Nachts stürzte er sich in den Golf
und schwamm drei Stunden lang. Er gelangte bis an das Seetor und
wollte die steile Küste emporklimmen. Er stieß sich die Knie blutig
und zerbrach sich die Nägel. Schließlich fiel er zurück ins Meer und
kehrte um.
Seine Ohnmacht erbitterte ihn. Er war eifersüchtig auf dieses
Karthago, das Salambo umschloß, wie auf jemanden, der sie leiblich
besessen hätte. Seine Erschöpfung hörte auf, und tolle fortwährende
Tatenlust erfüllte ihn. Mit glühenden Wangen, sprühenden Augen und
rauher Stimme durchmaß er raschen Schritts das Lager, oder er saß am
Gestade und putzte sein großes Schwert mit Sand. Oder er schoß mit
Pfeilen auf die vorüberfliegenden Geier. Sein Herz quoll in wütenden
Worten über.
»Laß deinem Zorn seinen Lauf wie einem hinstürmenden Streitwagen!«
sagte Spendius zu ihm. »Schreie, schimpfe, verwüste und morde! Derlei
Leid wird nur mit Blut gestillt; und da du deine Liebe nicht sättigen
kannst, so mäste deinen Haß. Er wird dich aufrechterhalten!«
Matho übernahm wieder den Befehl über seine Söldner. Er ließ sie
schonungslos exerzieren. Man achtete ihn wegen seines Mutes und vor
allem um seiner Kraft willen. Außerdem flößte er eine Art mystische
Furcht ein: man glaubte, er rede nachts mit Geistern. Sein Beispiel
ermutigte die andern Hauptleute. Bald war das Heer in guter Zucht. Die
Karthager hörten in ihren Häusern die Trompetensignale, die den Dienst
regelten. Nun rückten die Barbaren näher.
Um sie auf der Landenge zu schlagen, hätte es zweier Heere bedurft,
die ihnen gleichzeitig in den Rücken hätten fallen müssen, nachdem das
eine im Golfe von Utika, das andre am Berge der Heißen Wasser gelandet
wäre. Aber was sollte Karthago mit nichts als seiner Garde beginnen,
die höchstens sechstausend Mann stark war? Wandten sich die Barbaren
nach Osten, so konnten sie sich mit den Nomaden vereinigen und die
Straße nach Kyrene sowie den Wüstenhandel abschneiden. Wandten sie
sich nach Westen, so erhob sich Numidien. Schließlich mußte der Mangel
an Lebensmitteln sie früher oder später zwingen, die Umgegend zu
verwüsten wie Heuschreckenschwärme. Die Patrizier zitterten für ihre
schönen Landsitze, ihre Weingärten und Äcker.
Hanno schlug grausame und undurchführbare Maßregeln vor. Man solle auf
den Kopf jedes Barbaren einen hohen Preis setzen oder ihr Lager mit
Hilfe von Schiffen und Geschützen in Brand stecken. Sein Amtsbruder
Gisgo dagegen drang darauf, daß man die Söldner bezahle. Aber die
Alten haßten ihn wegen seiner Beliebtheit beim Volke. Sie fürchteten
in ihm einen etwaigen Herrscher und bemühten sich, aus Angst vor der
Monarchie, alles zu schwächen, was noch davon bestand oder zu ihr
zurückführen konnte.
Außerhalb der Festungswerke lebten Menschen andrer Rasse und
unbekannten Ursprungs. Sie jagten Stachelschweine und aßen Weichtiere
und Schlangen. In Fallgruben fingen sie lebendige Hyänen, die sie des
Abends zu ihrer Belustigung auf den Dünen bei Megara zwischen den
Grabmälern wieder laufen ließen. Ihre Hütten aus Schlamm und Schilf
klebten am Hange der Küste wie Schwalbennester. So lebten sie ohne
Regierung und ohne Götter in den Tag hinein, völlig nackt, wild und
schwächlich zugleich, und seit Jahrhunderten ihrer unreinen Nahrung
wegen vom Volke verachtet. Eines Tages bemerkten die Posten, daß sie
sämtlich verschwunden waren.
Endlich faßten die Mitglieder des Großen Rates einen Entschluß. Sie
gingen ohne Halsketten und Gürtel, mit offenen Sandalen ins Lager, wie
zu Nachbarn. Ruhigen Schritts nahten sie, warfen den Hauptleuten Grüße
zu und blieben des öfteren stehen, um mit den Soldaten zu sprechen.
Sie erklärten, es sei alles beendet, und man wolle ihren Ansprüchen
gerecht werden.
Viele unter ihnen sahen zum ersten Male ein Söldnerlager. Statt des
Durcheinanders, das sie vermutet hatten, herrschte überall Ordnung und
beängstigende Stille. Das ganze umschloß ein hoher Rasenwall, der den
Geschossen der Katapulte unbedingt Widerstand zu leisten vermochte.
Die Lagergassen waren mit frischem Wasser besprengt. Durch die
Zelttüren erblickte man wilde Augen, die im Dunkeln glühten. Die
Lanzenpyramiden und die aufgehängten Rüstungen blendeten wie Spiegel.
Die Karthager sprachen leise miteinander und nahmen sich in acht, daß
sie mit ihren langen Mänteln nichts umrissen.
Die Söldner forderten Lebensmittel und verpflichteten sich, sie mit
dem ausstehenden Solde zu bezahlen.
Man sandte ihnen Rinder, Schafe, Perlhühner, getrocknete Früchte und
Lupinen, auch geräucherte Makrelen von jener vortrefflichen Sorte, die
Karthago nach allen Häfen versandte. Doch die Söldner betrachteten das
prächtige Vieh geringschätzig von allen Seiten, und indem sie
herabsetzten, was sie begehrten, boten sie für einen Widder den Preis
einer Taube, für drei Ziegen so viel, wie ein Granatapfel wert war.
Die »Esser unreiner Speisen« warfen sich zu Sachverständigen auf und
behaupteten, man betröge sie. Dabei fuchtelten sie mit ihren
Schwertern herum und drohten mit Mord und Totschlag.
Bevollmächtigte des Großen Rates buchten die Zahl der Dienstjahre, für
die man jedem Soldaten den Sold schuldete. Doch es war jetzt unmöglich
noch zu wissen, wieviele Söldner man angenommen hatte, und die Alten
waren entsetzt über die ungeheure Summe, die sie zu bezahlen hatten.
Man war gezwungen, die Silphiumvorräte zu verkaufen und die
Handelsstädte zu besteuern. Die Söldner mußten indessen ungeduldig
werden. Schon hatte Tunis mit ihnen paktiert. Die durch Hannos
Wutausbrüche und die Vorwürfe seines Amtsgenossen nervös gewordenen
Patrizier legten es deshalb jedem Bürger nahe, der zufällig einen der
Barbaren kannte, ihn sofort aufzusuchen und ihm gute Worte zu geben,
damit er wieder freundlich gesinnt würde. Solches Vertrauen sollte die
Söldner beruhigen.
Kaufleute, Schreiber, Arsenalarbeiter, ganze Familien begaben sich zu
den Barbaren.
Diese ließen alle Karthager ins Lager, aber nur durch einen einzigen
Eingang, der so eng war, daß sich vier nebeneinandergehende Männer mit
den Ellbogen berührten. Spendius stand an der Schranke und ließ alle
genau durchsuchen. Matho, ihm gegenüber, musterte die Menge, um
irgendwen wiederzuerkennen, den er um Salambo gesehen hatte.
Das Lager glich einer Stadt, so voll war es von Menschen und Leben.
Die beiden deutlich unterscheidbaren Massen vermengten sich, ohne sich
völlig zu vermischen: die eine in leinenen oder wollenen Gewändern mit
Filzhüten, die wie Pinienäpfel aussahen, die andere in Panzerkleid und
Helm. Zwischen den Troßknechten und Marketendern trieben sich Weiber
von allerhand Rassen umher: wie reife Datteln so braun, wie Oliven so
grünlich, wie Orangen so gelb, von Seeleuten verkauft, in Spelunken
aufgelesen, den Karawanen gestohlen, bei der Plünderung von Städten
gefangen. Man hetzte sie mit Liebe, solange sie jung waren, und
überhäufte sie mit Schlägen, wenn sie alt wurden, bis sie schließlich
auf irgendeinem Rückzuge, mit dem Gepäck und den Lasttieren im Stich
gelassen, am Wege starben. Die Frauen der Nomaden gingen wiegenden
Schrittes, in karierten gelbroten langen Kamelhaarröcken.
Lautenspielerinnen aus der Kyrenaika, in violette Gaze gehüllt, mit
gemalten Augenbrauen, hockten auf Strohmatten und sangen. Alte
Negerweiber mit Hängebrüsten lasen Tiermist auf, den man dann in der
Sonne dörrte und zum Feueranmachen benutzte. Die Syrakusanerinnen
trugen Goldplättchen im Haar, die Frauen der Lusitanier
Muschelhalsbänder, die Weiber der Gallier Wolfsfelle über der weißen
Brust. Kräftige Kinder, voller Ungeziefer, nackt und unbeschnitten,
rannten den Vorübergehenden mit dem Kopf vor den Leib oder schlichen
sich hinterrücks heran wie junge Tiger, um sie in die Finger zu
beißen.
Die Karthager gingen im Lager umher, erstaunt über die Menge von
Gegenständen, mit denen es vollgepfropft war. Die Allerärmsten wurden
traurig. Die andern ließen sich ihre Unruhe nicht anmerken.
Die Soldaten klopften ihnen auf die Schultern, um sie aufzuheitern.
Wen immer sie erblickten, den luden sie zu ihren Spielen ein. Beim
Diskoswerfen richteten sie es dann so ein, daß dem Aufgeforderten die
Füße zerquetscht wurden, und beim Faustkampfe zerschmetterten sie ihm
beim ersten Gange die Kinnlade. Die Schleuderer schreckten die
Karthager mit ihren Schleudern, die Schlangenbeschwörer mit ihren
Vipern, die Reiter mit ihren Pferden. Die an friedliche
Beschäftigungen gewöhnten Leute ließen alle Verhöhnungen stumm über
sich ergehen und bemühten sich sogar zu lächeln. Einige, die sich
tapfer zeigen wollten, gaben zu verstehen, daß sie Soldaten werden
möchten. Man hieß sie Holz spalten und Maultiere striegeln oder
schnallte sie in eine Rüstung und rollte sie wie Tonnen durch die
Lagergassen. Wenn sie sich dann zum Aufbruch anschickten, rauften sich
die Söldner unter albernen Verrenkungen die Haare.
Viele hielten nun naiverweise, aus Einfalt oder Aberglauben, alle
Karthager für steinreich. Sie liefen hinter ihnen her und baten und
bettelten, ihnen etwas zu schenken. Sie begehrten alles, was ihnen
gefiel: Ringe, Gürtel, Sandalen, Gewandfransen, alles mögliche, und
wenn der ausgeplünderte Karthager schließlich ausrief: »Ich habe
nichts mehr! Was willst du noch« so antworteten sie: »Dein Weib!« oder
auch wohl: »Dein Leben!«
Die Soldrechnungen wurden den Hauptleuten zugestellt, den Soldaten
vorgelesen und endgültig anerkannt. Nun forderten sie Zelte. Man gab
sie ihnen. Dann verlangten die Offiziere der Griechen eine Anzahl der
schönen Rüstungen, die man in Karthago verfertigte. Der Große Rat
bewilligte Summen zum Ankauf. Es sei recht und billig, behaupteten
sodann die Reiter, daß die Republik sie für ihre eingebüßten Pferde
entschädige. Der eine behauptete, bei der und jener Belagerung drei,
ein andrer auf dem und jenem Marsche fünf verloren zu haben. Einem
dritten waren beim Passieren des Gebirges vierzehn abgestürzt. Man bot
ihnen Hengste von Hekatompylos an, aber alle zogen Geld vor.
Weiterhin verlangten sie, daß man ihnen in bar--in Silbermünzen, nicht
in Ledergeld--alles Getreide bezahlte, das man ihnen noch schuldete,
und zwar zu dem höchsten Preise, den es während des Krieges gehabt
hatte, so daß sie für ein Maß Mehl vierhundertmal mehr verlangten, als
sie für einen ganzen Sack Weizen gegeben hatten. Diese Unredlichkeit
empörte die Karthager; trotzdem mußten sie nachgeben.
Danach söhnten sich die Bevollmächtigten der Söldner mit den
Abgesandten des Großen Rates aus, wozu sie beim Schutzgeist Karthagos
und bei den Göttern der Barbaren schworen. Unter morgenländischem
Wortschwall und Gebärdenspiel überboten sie einander in
Entschuldigungen und Schmeicheleien. Dann forderten die Söldner als
Freundschaftsbeweis die Bestrafung der Verräter, die das Heer mit der
Republik veruneinigt hätten.
Man tat, als verstände man sie nicht. Jene erklärten sich etwas
deutlicher, indem sie Hannos Kopf forderten.
Täglich kamen sie mehrere Male aus dem Lager heraus und trieben sich
am Fuße der Mauern herum. Sie riefen, man solle ihnen den Kopf des
Suffeten herabwerfen, und breiteten ihre Mäntel aus, um ihn
aufzufangen.
Der Große Rat hätte vielleicht auch hierin nachgegeben, wenn nicht ein
letztes Ansinnen gestellt worden wäre, unverschämter als alle andern.
Die Söldner forderten nämlich Jungfrauen aus den vornehmsten Häusern
zu Gattinnen für ihre Obersten. Es war dies ein Einfall von Spendius,
den manche ganz einfach und sehr wohl ausführbar fanden. Aber die
Anmaßung der Barbaren, sich mit punischem Blute vermischen zu wollen,
empörte das karthagische Volk. Man bedeutete ihnen kurz und bündig,
daß sie nichts mehr zu empfangen hätten. Nun schrien sie, man habe sie
betrogen, und wenn der Sold nicht binnen drei Tagen ankäme, würden sie
nach Karthago kommen und sich ihn selbst holen.
Die Unredlichkeit der Söldner war nicht so groß, wie ihre Feinde
meinten. Hamilkar hatte ihnen tatsächlich wiederholt und in
feierlicher, wenn auch unbestimmter Form weitgehende Versprechungen
gemacht. Bei ihrer Landung in Karthago hatten sie deshalb wohl Anlaß
gehabt zu glauben, man würde ihnen die Stadt preisgeben, deren Schätze
sie unter sich teilen sollten. Als sie nun aber merkten, daß ihnen
kaum der Sold ausgezahlt ward, war dies eine Enttäuschung für ihren
Stolz wie für ihre Begehrlichkeit.
Hatten Dionys, Pyrrhus, Agathokles und die Generale Alexanders nicht
Beispiele wunderbaren Glücks geliefert? Das Vorbild des Herkules, den
die Kanaaniter der Sonne verglichen, stand allen Soldaten leuchtend
vor Augen. Man dachte daran, daß einfache Krieger Kronen errungen
hatten, und der dröhnende Sturz großer Reiche verführte den Gallier in
seinen Eichenwäldern, den Äthiopier in seinen Sandwüsten zu hohen
Träumen. Und es gab ein Volk, das stets bereit war, den Mut anderer
auszunutzen. Der von seinem Stamme ausgestoßene Dieb, der auf den
Straßen umherirrende Vatermörder, der von den Göttern verfolgte
Tempelschänder, alle Hungrigen und Verzweifelten rangen sich bis zu
dem Hafen durch, wo der punische Werber Söldner aushob. Gewöhnlich
hielt Karthago seine Versprechungen. Diesmal jedoch hatte sein
grenzenloser Geiz es zu einem gefährlichen Wortbruch verleitet. Die
Numidier, die Libyer, ganz Afrika drohte sich gegen die Punier zu
erheben. Nur das Meer war frei. Dort aber stieß Karthago mit den
Römern zusammen. Wie ein von Mördern Überfallener blickte es rings dem
Tod ins Antlitz.
Es mußte sich wohl oder übel an Gisgo wenden. Die Barbaren nahmen
seine Vermittlung an. Eines Morgens sahen sie die Ketten des Hafens
sinken, und drei flache Boote fuhren durch den Kanal der Taenia in das
Haff ein.