Die während des Krieges verwahrlosten Äcker bringen nichts ein. Unsre
Purpurfischereien sind fast zugrunde gerichtet, und selbst die Perlen
werden äußerst selten. Kaum haben wir noch Salben genug zum
Gottesdienste! Was die Nahrungsmittel anbetrifft, so will ich gar
nicht davon reden ... Das ist ein Elend! Aus Mangel an Galeeren
bekommen wir keine Gewürze, und wegen der Aufstände an der Grenze von
Kyrene kann man sich nur mit Mühe und Not Silphium verschaffen.
Sizilien, das uns viele Sklaven lieferte, ist uns jetzt verschlossen.
Gestern erst habe ich für einen Badeknecht und vier Küchenjungen mehr
gezahlt als für ein Paar Elefanten!«
Er entrollte ein langes Papyrusstück und verlas, ohne eine einzige
Ziffer zu übergehen, alle Ausgaben, die von der Regierung gemacht
worden waren: so viel hatte die Wiederherstellung der Tempel gekostet,
so viel die Straßenpflasterung, so viel der Bau der Kriegsschiffe, so
viel die Korallenfischerei, so viel die Vergrößerung der Syssitien und
so viel die Maschinen in den Bergwerken im Lande der Kantabrer.
Aber die Hauptleute verstanden ebensowenig Punisch wie die Gemeinen,
wiewohl sich die Söldner in dieser Sprache begrüßten. Man pflegte in
den Barbarenheeren einige karthagische Offiziere anzustellen, die als
Dolmetscher dienten. Doch hatten sich diese nach dem Kriege aus Furcht
vor der Rache der Söldner unsichtbar gemacht, und Hanno hatte nicht
daran gedacht, welche mitzunehmen. Überdies verlor sich seine dumpfe
Stimme im Winde.
Die Griechen mit ihren ehernen Waffengehenken um den Leib lauschten
gespannt und bemühten sich, Hannos Worte zu erraten, während die
Bergbewohner, in Pelze gehüllt wie Bären und auf ihre mit Eisennägeln
beschlagenen Keulen gestützt, ihn mißtrauisch anblickten oder gähnten.
Die unaufmerksamen Gallier schüttelten grinsend ihren hohen
Haarschopf, und die Wüstensöhne, in graue Wollkittel gemummt, hörten
unbeweglich zu. Andre kamen von hinten herzu. Die Gardisten, von dem
Schwarme gedrängt, schwankten auf ihren Pferden. Die Neger hielten
brennende Fichtenzweige hoch, aber der dicke Karthager, der auf einen
Rasenhügel getreten war, fuhr in seiner Ansprache fort.
Indessen wurden die Barbaren ungeduldig. Murren erhob sich. Ein jeder
rief Hanno etwas zu. Der gestikulierte mit seinem Spatel. Die einen
wollten die andern zum Schweigen bringen, überschrien einander und
vermehrten dadurch den Tumult.
Plötzlich sprang ein Mann von dürftigem Aussehen vor Hannos Füße,
entriß einem Herold die Trompete und stieß hinein. Spendius war es. Er
erklärte, daß er etwas Wichtiges zu sagen hätte. Auf diese Erklärung
hin, die er rasch in fünf Sprachen--griechisch, lateinisch, gallisch,
libysch, balearisch--wiederholte, antworteten die Hauptleute halb
belustigt, halb überrascht:
»Sprich! Sprich!«
Spendius zauderte. Er zitterte. Endlich wandte er sich an die Libyer,
die am zahlreichsten anwesend waren, und sagte:
»Ihr habt alle die furchtbaren Drohungen dieses Mannes gehört!«
Hanno widersprach nicht. Somit verstand er kein Libysch, und Spendius
wiederholte, um die Probe fortzusetzen, den nämlichen Satz in den
andern barbarischen Sprachen.
Man blickte erstaunt einander an. Sodann aber nickten alle, in der
Einbildung, Hannos Rede doch verstanden zu haben, zum Zeichen ihrer
Zustimmung wie in stummer Übereinkunft mit den Köpfen.
Da begann Spendius mit gewaltiger Stimme:
»Zunächst hat er gesagt, die Götter der übrigen Völker seien neben
Karthagos Göttern nur Phantasiegebilde. Er hat euch Feiglinge, Gauner,
Lügner, Hunde und Söhne von Hündinnen genannt! Ohne euch--so hat er
gesagt--wäre die Republik nicht gezwungen, den Römern Tribut zu
zahlen, und durch eure Ausschreitungen hättet ihr die Vorräte an
Wohlgerüchen, Gewürzen, Sklaven und Silphium erschöpft, denn ihr wäret
im Einvernehmen mit den Nomaden an der Grenze von Kyrene! Aber die
Schuldigen sollen bestraft werden! Er hat das Verzeichnis dieser
Strafen verlesen. Man will sie beim Straßenpflastern, beim Schiffsbau
und bei der Ausschmückung der Syssitien arbeiten lassen. Die übrigen
sollen im Lande der Kantabrer in den Bergwerken Frondienste tun!«
Das gleiche wiederholte er den Galliern, den Kampanern, den
Baleariern. Da die Söldner mehrere von den Eigennamen, die ihr Ohr bei
Hannos Rede getroffen hatte, wieder heraushörten, so waren sie
überzeugt, daß Spendius die Rede des Suffeten wortgetreu wiedergegeben
habe. Etliche schrien ihm zwar zu: »Du lügst!« Doch der Lärm der
übrigen verschlang ihre Stimmen.
Spendius begann abermals:
»Habt ihr nicht gesehen, daß er da draußen vor dem Lager eine
Schwadron Reiter zurückgelassen hat? Auf ein Signal stürmen sie
herbei, um euch alle zu erwürgen!«
Die Barbaren wandten sich nach der bezeichneten Richtung. Da, als sich
die Menge gerade teilte, tauchte aus ihrer Mitte, langsam wie ein
Gespenst, ein menschliches Wesen auf: tiefgebückt, abgemagert, völlig
nackt, bis zu den Hüften mit langen Haaren bedeckt, die von
vertrockneten Blättern, Staub und Dornen starrten. Lenden und Knie
waren mit Lehm, Stroh und Leinwandfetzen verbunden. Die welke
erdfarbene Haut hing um seine entfleischten Glieder wie Lumpen auf
dürren Zweigen. Seine Hände zitterten und bebten beständig. Beim Gehen
stützte er sich auf einen Olivenstock.
Bei den fackeltragenden Negern blieb er stehen, grinste wie ein
Blödsinniger und ließ dabei sein blasses Zahnfleisch sehen. Mit großen
verstörten Augen schaute er die Menge der umstehenden Barbaren an.
Plötzlich stieß er einen Schrei des Entsetzens aus, stürzte hinter sie
und suchte Deckung hinter ihren Leibern. »Da sind sie! Da sind sie!«
stammelte er, auf die Leibwache des Suffeten weisend, die in ihrer
glänzenden Rüstung unbeweglich harrte. Die Pferde, geblendet vom
Scheine der Fackeln, die in der Dunkelheit sprühten, stampften mit den
Hufen. Das menschliche Gespenst wand sich im Krampf am Boden und
heulte:
»Sie haben alle erschlagen!«
Bei diesen Worten, in balearischer Sprache hervorgestoßen, traten die
Balearier näher und erkannten in ihm einen Kameraden namens Zarzas.
Ohne ihnen zu antworten, wiederholte er:
»Ja, erschlagen, alle, alle! Zerquetscht wie Trauben! Die schönen
Jungen! Die Schleuderer! Meine Kameraden, meine und eure!«
Man flößte ihm Wein ein. Er heulte. Endlich fand er Worte.
Spendius vermochte seine Freude kaum zu bezwingen, indes er den
Libyern und Griechen die grauenhaften Dinge verdolmetschte, die Zarzas
berichtete. Er glaubte selbst kaum daran, so gelegen kamen sie ihm.
Die Balearier erbleichten, als sie vernahmen, wie ihre Landsleute
umgekommen waren.
Eine Schar von dreihundert Schleuderern, die erst am Tage vorher
ausgeschifft worden waren, hatte die Stunde des Abmarsches
verschlafen. Als sie auf den Khamonplatz kam, waren die Barbaren schon
ausgerückt, und sie sah sich wehrlos, da ihre Tonkugeln mit dem
übrigen Gepäck auf die Kamele verladen waren. Man ließ sie durch die
Sathebstraße marschieren bis zu dem doppelten, mit Erzplatten
beschlagenen Tore aus Eichenholz. Dort hatte sich das Volk wie ein
Mann auf sie geworfen.
Die Söldner entsannen sich nun, nach ihrem Abmarsch Geschrei vernommen
zu haben. Spendius, der bei der Spitze der Marschkolonne geritten war,
hatte nichts gehört.
Die Leichen waren in die Arme der Götterbilder gelegt worden, die um
den Khamontempel herumstanden. Man schob den Ermordeten alle
Verbrechen der Söldner in die Schuhe: ihre Gefräßigkeit, ihre
Diebstähle, ihre Freveltaten, ihre Übergriffe und den Mord der Fische
im Garten Salambos. Man verstümmelte die toten Leiber auf die
schimpflichste Weise. Die Priester verbrannten das Haar, um die Seelen
zu martern. Schließlich hängte man sie zerstückelt bei den
Fleischhändlern auf. Einige bissen sogar hinein, und am Abend zündete
man Scheiterhaufen an den Straßenecken an, um die letzte Spur von
ihnen zu vertilgen.
Das waren die Feuer, die so weithin über den See geleuchtet hatten! Da
dabei einige Häuser in Brand geraten waren, hatte man die Reste der
Toten und Sterbenden flugs über die Mauern geworfen. Zarzas hatte sich
bis zum nächsten Tage im Schilf am Seeufer verborgen gehalten. Dann
war er auf den Feldern herumgeirrt und den Spuren des Heeres im Sande
gefolgt. Tagsüber verbarg er sich in Höhlen; aber abends nahm er
seinen Marsch immer wieder auf, mit blutenden Wunden, ausgehungert und
krank, nur von Wurzeln und Aas genährt. Eines Tages endlich bemerkte
er Lanzen am Horizont. Willenlos war er gefolgt, denn sein Verstand
war durch Schreck und Not verstört.
Solange er erzählte, bezwangen die Soldaten ihre Entrüstung. Nun brach
sie wie ein Gewitter los. Am liebsten hätten sie die Gardisten samt
dem Suffeten niedergemetzelt. Einige aber legten sich ins Mittel und
sagten, man müsse Hanno erst hören, zum mindesten um zu erfahren, ob
sie bezahlt werden sollten. Da schrien alle: »Unser Geld!« Hanno
erwiderte, er habe es mitgebracht.
Man stürzte zum Lager hinaus, und die Kamele mit dem Gepäck, von den
Barbaren vorwärts getrieben, gelangten bis in die Mitte des Lagers.
Ohne auf die Sklaven zu warten, öffnete man eiligst die Körbe. Man
fand darin hyazinthenblaue Gewänder, Schwämme, Rasiermesser, Bürsten,
Parfümerien und Antimonstifte zum Ummalen der Augen,--alles den
Gardisten gehörig, reichen Leuten, die an solche Luxusdinge gewöhnt
waren. Ferner entdeckte man auf einem Kamel eine große kupferne Wanne.
Sie gehörte dem Suffeten, der unterwegs darin badete. Er hatte für
sich jedwede Bequemlichkeit vorgesehen und sogar Wiesel aus
Hekatompylos in Käfigen mitgenommen, die man lebendig verbrannte, um
Arznei für ihn zu bereiten. Und da die Krankheit seine Eßlust sehr
gesteigert hatte, führte er auch eine Menge von Eßwaren und Wein mit
sich, Salzlake, Fleisch und Fische in Honig, Eingemachtes aus
Kommagene und geschmolzenes Gänsefett, das mit Schnee und Häcksel
bedeckt war. Die Vorräte waren bedeutend. Mit jedem Korbe, den man
aufmachte, kam etwas Neues zum Vorschein. Die Zuschauer schüttelten
sich vor Lachen.
Was den Sold betraf, so füllte er kaum zwei Spartomattenkörbe. In dem
einen erblickte man sogar die runden Lederstücke, deren sich die
Republik zur Ersparnis von Metallgeld bediente. Als der Suffet das
große Erstaunen der Barbaren darüber merkte, erklärte er ihnen, die
Prüfung ihrer Rechnungen sei sehr umständlich. Die Alten hätten noch
keine Zeit dazu gehabt. Einstweilen schickten sie ihnen dies.
Da ward alles über den Haufen gerannt: Maultiere, Diener, Sänfte,
Vorräte, Gepäck. Die Söldner ergriffen die Geldbeutel, um Hanno damit
zu erschlagen. Mit knapper Not erkletterte er einen Esel und entfloh,
sich an die Mähne klammernd, heulend und weinend, gestoßen und
gequetscht, indes er den Fluch aller Götter auf das Heer herabflehte.
Sein breites Halsgehänge aus Edelsteinen flog ihm um die Ohren. Mit
den Zähnen hielt er seinen zu langen Mantel fest, der hinter ihm
herschleifte. Noch aus der Ferne schrien die Barbaren ihm nach: »Pack
dich! Feigling! Schwein! Abschaum Molochs! Schwitze in deinem Gold und
deiner Pest! Fort! Fort!« Die Leibwache galoppierte neben ihm her.
Die Wut der Barbaren besänftigte sich nicht. Man entsann sich, daß
mehrere von ihnen, die sich wieder nach Karthago gewandt hatten, nicht
zurückgekehrt waren. Ohne Zweifel hatte man auch sie ermordet. So
viele Untaten erbitterten die Söldner. Sie begannen die Zeltpfähle
auszureißen, ihre Mäntel zu rollen und die Pferde aufzuzäumen. Ein
jeder griff nach Helm und Schwert, und im Nu war alles marschbereit.
Wer keine Waffe hatte, eilte in die Gehölze, um sich Knüppel zu
schneiden.
Der Tag brach an. Die Einwohner von Sikka erwachten und füllten die
Straßen. »Sie marschieren gegen Karthago!« sagte man, und bald
verbreitete sich dies Gerücht durch die ganze Gegend.
Auf jedem Fußsteige, aus jedem Hohlwege strömten Menschen herbei. Man
sah die Hirten von den Bergen herabeilen.
Als die Barbaren bereits aufgebrochen waren, kam Spendius auf einem
punischen Hengste von einem Ritt durch die Ebene zurück. Sein Sklave
folgte ihm mit einem dritten Pferde zur Hand.
Ein einziges Zelt war stehen geblieben. Spendius trat hinein.
»Auf, Herr! Mach dich bereit! Wir marschieren!«
»Wohin?« fragte Matho.
»Nach Karthago!« rief Spendius.
Matho sprang auf das Pferd, das der Sklave vor der Tür am Zügel hielt.
III
Salambo
Der Mond kam über dem Saum der See heraus. Noch war die Stadt im
Dunkel. Nur hier und da blinkten leuchtende Punkte und lichte Flecke:
die Deichsel eines Wagens in irgendeinem Hofe, ein aufgehängtes Stück
Leinwand, eine Mauerecke, der goldne Schmuck auf der Brust eines
Götterbildes. Da und dort funkelten die Glaskugeln auf den
Tempeldächern wie riesige Diamanten, während linienlose Gebäudeteile,
schwarze Flächen Landes und Baumgruppen in der Dunkelheit noch
massiger und düsterer aussahn. Wo der Stadtteil Malka aufhörte,
spannten sich Fischernetze von einem Hause zum andern, wie ungeheure
Fledermäuse mit entfalteten Flügeln. Das Knarren der Räder, die das
Wasser bis in die obersten Stockwerke der Paläste trieben, war
verstummt. Auf den Terrassen schlummerten friedlich die Kamele, wie
Strauße auf dem Bauche liegend. Die Türhüter schliefen auf den Straßen
vor den Haustüren. Über die menschenleeren Plätze krochen die Schatten
gigantischer Monumente. An verschiedenen Stellen in der Ferne drang
durch die Lücken eherner Dächer die Lohe von Opferfeuern. Der schwüle
Seewind trug Blütenduft vermischt mit Meeresgeruch und dem Dunst
sonnendurchglühter Mauern her. Rings um Karthago glitzerte die starre
Meeresflut. Der Mond goß sein Licht über den bergumfriedeten Golf und
über das Haff von Tunis, auf dessen Sanddünen Flamingos in langen
rosigen Reihen hockten, während weiter weg, hinter der Totenstadt, die
große Salzlagune wie eine Silberplatte glänzte. Das dunkelblaue
Himmelsgewölbe versank auf der einen Seite im Staubnebel der Ebenen,
auf der andern in den Dämpfen des Meeres. Oben auf der Akropolis
wiegten die hohen spitzigen Zypressen, die den Eschmuntempel
umhüteten, ihre Wipfel und rauschten genau so monoton wie die Wogen,
die zu Füßen der Befestigungen in schwerfälliger Regelmäßigkeit an den
Quadern des langen Hafendammes zerstoben.
Salambo stieg auf das flache Dach ihres Palastes, gestützt von einer
Sklavin, die in einem eisernen Becken glühende Kohlen trug. Mitten auf
der Terrasse stand ein niedriges Ruhebett aus Elfenbein. Luchsfelle
und mit Papageienfedern gefüllte Kissen lagen darauf. Diese
weissagenden Vögel waren den Göttern geweiht. Über den vier Ecken
waren die Pfannen angebracht, gefüllt mit Spezereien, Narde, Zimt und
Myrrhen. Die Sklavin entzündete das Räucherwerk.
Salambo blickte zum Polarstern auf, grüßte feierlich die vier
Windrichtungen und kniete dann auf dem blauen Sande nieder, der--ein
zweiter Himmel--mit goldenen Sternen besät war. Sie drückte die
Ellbogen an die Hüften, streckte die Unterarme wagerecht vor, öffnete
die Hände, bog das Haupt zurück, so daß ihr das Mondlicht voll ins
Angesicht schien, und sprach:
»O Rabbetna ... Baalet ... Tanit!« Das klang wie Klagelaute, gedehnt,
wie ein Ruf in die Ferne. »Anaïtis ... Astarte ... Derketo ...
Astoreth ... Mylitta ... Athara ... Elissa ... Tiratha ... In deinen
Symbolen ... in der heiligen Musik ... in den Furchen der Äcker ... im
ewigen Schweigen ... und in der ewigen Fruchtbarkeit ... Herrin des
düsteren Meeres ... und der blauen Gestade ... o Königin des Feuchten
... sei mir gegrüßt!«
Zwei- oder dreimal beugte sie den Oberkörper vor und zurück, dann warf
sie sich mit ausgestreckten Armen mit der Stirn in den Sand. Die
Sklavin richtete sie sofort wieder auf, denn gläubigem Brauch gemäß
mußte man den Betenden emporheben. Es bedeutete, daß die Götter ihn
erhörten. Salambos Amme versäumte diese fromme Pflicht niemals.
Kaufleute aus dem darischen Gätulien hatten Taanach als kleines Kind
nach Karthago gebracht. Selbst nach ihrer Freilassung hatte sie ihre
Herrschaft nicht verlassen, was das weite Loch in ihrem rechten
Ohrläppchen vermeldete. Ihr buntgestreifter Rock, um die Hüften von
einem Gürtel gehalten, reichte bis zu den Knöcheln hinab, an denen je
zwei Zinnringe aneinander klirrten. Ihr etwas plattes Gesicht war gelb
wie ihre Tunika. Auf ihrem Hinterkopfe bildeten überlange silberne
Nadeln eine Sonne. Unter der Nase trug sie einen Korallenknopf. So
stand sie, starr wie eine Bildsäule, mit fast geschlossenen Lidern,
neben dem Ruhebett.
Salambo trat an das Geländer der Terrasse. Einen Augenblick lang
liefen ihre Blicke den Horizont ab, dann senkten sie sich zur
schlummernden Stadt. Sie stieß einen Seufzer aus, der ihren Busen
schwellte und das lange weiße spangen- und gürtellose Schleppgewand
von oben bis unten durchzitterte. Ihre Sandalen mit vorn aufwärts
gebogenen Spitzen verschwanden unter einer Fülle von Smaragden, und
ihr loses Haar ward von einem Netz aus Purpurfäden zusammengehalten.
Nun hob sie den Kopf wieder und betrachtete den Mond. Indem sie
Brocken aus Hymnen unter ihre Worte mengte, murmelte sie.
»Wie leicht und leise wandelst du, aus den Fittichen des ungreifbaren
Äthers. Um dich herum schläft er. Erst deine Bewegung und dein Gang
wecken die Winde und streuen fruchtbaren Tau aus. Je nachdem du
zunimmst oder ab, werden die Augen der Katzen und die Flecken der
Panther groß oder klein. In Kindesnöten schreien die Mütter deinen
Namen. Du läßt die Muscheln schwellen, den Wein gären, die Toten zu
Staub zerfallen. Du formst die Perlen im Meeresgrunde.
»O Göttin, alle Keime quellen in den dunklen Tiefen deiner Nebel. Wenn
du erscheinst, fließt Frieden in die Welt hinab. Die Blumen schließen
sich, die Fluten schlummern ein, die müden Menschen strecken sich
nieder, die Brust dir zugewandt, und die Erde mit ihren Meeren und
Gebirgen schaut sich in deinem Antlitz wieder wie in einem Spiegel.
Weiß bist du, mild, licht, makellos, hilfreich, beseligend und
heiter!«
In diesem Augenblicke stand die Mondsichel über dem Berge der heißen
Wasser, im Sattel zwischen seinen beiden Gipfeln, jenseits des Golfes.
Unter ihr blinzelte ein kleiner Stern, und um sie herum schimmerte
fahler Schein. Salambo fuhr fort:
»Doch bist du auch eine grausige Herrin! Durch dich entstehen die
Ungeheuer, die schrecklichen Gespenster, die trügerischen Träume. Dein
Blick nagt an den Steinen der Häuser, und die Affen werden krank,
sooft du dich verjüngst.
»Wohin läufst du? Warum wandelt sich immerfort deine Gestalt? Als
schmale Sichel schwimmst du wie ein Schiff ohne Mast durch den weiten
Weltraum. Hütest die Schar der Sterne, wie ein hagerer Schäfer seine
Herde. Rund aber und im vollen Glanze gleitest du wie das Rad eines
Wagens über den Kamm der Berge.
»O Tanit, liebst auch du mich? Ich schaue so viel zu dir empor. Nein,
nein! Du gehst deinen Gang im Himmelsblau, und ich bleibe auf der
starren Erde.
»Taanach, nimm die Harfe und rühre lind und leise die silberne Saite,
denn mein Herz ist traurig!«
Die Sklavin nahm das Nebal, eine Art Harfe aus Ebenholz, höher als sie
selber und dreieckig wie ein Delta, stellte es mit der unteren Spitze
in einen Glasnapf und begann mit beiden Händen zu spielen.
Die Töne folgten dumpf und ungestüm aufeinander wie Bienengesumm.
Allmählich wurden sie heller und lauter und flohen in die Nacht
hinaus, zu den wimmernden Wogen und den rauschenden hohen Bäumen auf
der Kuppe der Akropolis.
»Hör auf!« rief Salambo.
»Was hast du, Herrin? Der weiche Wind, der weiter weht, Wolken, die
schon wieder weg sind, alles bewegt und erregt dich jetzt.«
»Ich weiß es nicht!«
»Du machst dich matt durch zu viel Beten.«
»O Taanach, ich möchte in meinem Gebete zerfließen wie der Duft einer
Blume im Wein.«
»Vielleicht ist der Weihrauch daran schuld?«
»Nein!« sagte Salambo. »In den Wohlgerüchen wohnen der Götter Seelen.«
Da sprach die Sklavin von Hamilkar. Man glaube, er sei nach dem Lande
des Bernsteins gefahren, über die Säulen des Melkarth hinaus. »Und
wenn er nicht wiederkommt,« flüsterte sie, »dann mußt du dir, wie es
sein Wille war, unter den Söhnen der Alten einen Gatten wählen. In den
Armen eines Mannes wird dann dein Kummer vergehen.«
»Wieso?«
Die Männer, die Salambo bisher gesehen, flößten ihr allesamt Furcht
ein mit ihrem wilden Lachen und ihren plumpen Gliedern.
»Taanach, bisweilen steigt aus der Tiefe meines Wesens heißer Hauch
auf, schwüler als die Dämpfe eines Vulkans. Stimmen rufen mich. In
meiner Brust rollt und kreist eine Feuerkugel. Ich ringe nach Atem und
vermeine zu sterben. Dann aber durchströmen süße Schauer meinen Leib
vom Kopfe bis zu den Füßen. Eine Liebkosung ist's, die mich umfängt.
Ich fühle mich bedrückt, als ob ein Gott sich über mich legte. Ach,
ich möchte mich verlieren im Nebel der Nächte, in der Flut der
Quellen, im Safte der Bäume! Ich möchte meinen Körper verlassen.
Möchte nur noch ein huschender Hauch sein, ein schimmernder Schein,
und aufschweben zu dir, o Mutter!«
Sie hob die Arme, so hoch sie konnte, und bog sich zurück. In ihrem
langen Gewande sah sie licht und leicht aus wie die Mondsichel selbst.
Dann sank sie stöhnend auf das elfenbeinerne Bett. Taanach legte ihr
eine Bernsteinkette mit Delphinzähnen um den Hals, ein Amulett gegen
die Angst.
Mit fast erloschener Stimme gebot Salambo:
»Hol mir Schahabarim!«
Ihr Vater hatte weder zugegeben, daß sie in den Orden der
Tanitpriesterinnen eintrat, noch daß sie mit der volkstümlichen
Auffassung des Kults dieser Göttin bekannt wurde. Er sparte sie für
irgendein Bündnis auf, das seine politischen Pläne fördern sollte.
Darum lebte Salambo einsam im Schlosse. Ihre Mutter war schon lange
tot.
In Klösterlichkeit, unter Fasten und frommen Zeremonien war sie
aufgewachsen, immer umgeben von erlesenen und ernsten Dingen. Ihr
Körper war von Parfümerien durchtränkt, ihre Seele erfüllt von
Gebeten. Nie hatte sie Wein getrunken, nie Fleisch gegessen, nie ein
unheiliges Tier berührt, nie das Haus eines Toten betreten.
Sie hatte noch keine unzüchtigen Götterbilder gesehen. Jeder Gott kann
sich in verschiedener Gestalt offenbaren, und voneinander ganz
verschiedene Kulte haben oft denselben Grundgedanken. Salambo betete
die Göttin in ihrer Erscheinung als Himmelsgestirn an, und ihr
jungfräulicher Leib stand in seinem Banne. Wenn der Mond abnahm,
fühlte sie sich schwach. Den ganzen Tag über matt und müde, lebte sie
immer erst abends auf. Während einer Mondfinsternis wäre sie beinahe
gestorben.
Die eifersüchtige Göttin rächte sich für die ihrem Dienste entzogene
Jungfrauschaft und suchte Salambo mit Anfechtungen heim, die um so
stärker waren, je wesenloser sie blieben. Sie wurzelten im Glauben und
wurden durch ihn genährt. Unaufhörlich ward Hamilkars Tochter von
Tanit beunruhigt. Sie kannte der Göttin Abenteuer, ihre Wanderfahrten
und alle ihre Namen, die ihr fortwährend über die Lippen kamen, ohne
daß sie damit deutliche Vorstellungen verband. Um in die Tiefe dieses
Kults einzudringen, begehrte sie im Allerheiligsten des Tempels das
altertümliche Götterbild zu schauen, das den prächtigen Mantel trug,
an dem Karthagos Geschick hing. Der Gottesbegriff wurde von seiner
Verkörperung kaum getrennt. Wer ein Götterbild berührte oder auch nur
ansah, raubte dem Gott einen Teil seines Wesens und gewann in gewisser
Weise sogar Macht über ihn.
Salambo wandte sich um. Sie hatte das Klingen der goldenen Glöckchen
vernommen, die Schahabarim am Saume seines Kleides trug. Er kam die
Treppe herauf. Beim Betreten der Terrasse blieb er stehen und kreuzte
die Arme. Seine tiefliegenden Augen glommen wie Lampen in einer Gruft.
Sein linnenes Gewand schlotterte um einen schlanken mageren Körper. Es
war an den Säumen abwechselnd mit Schellen und Smaragdknöpfen besetzt.
Schahabarim hatte schwächliche Glieder, einen Kegelkopf und ein
spitzes Kinn. Wer seine Hand anfaßte, empfand Kälte, und sein gelbes
tiefgefurchtes Antlitz sah aus, wie von Sehnsucht und ewigem Kummer
verzerrt.
Das war der Hohepriester der Tanit, Salambos Erzieher.
»Sag, was willst du?« sprach er sie an.
»Ich hoffte ... Hattest du mir nicht versprochen?« Sie stockte und
geriet in Verwirrung. Plötzlich aber fuhr sie fort: »Warum mißachtest
du mich? Hab ich irgendeine fromme Pflicht versäumt? Du bist mein
Lehrmeister. Du hast mir gesagt, niemand wüßte so viel von der Göttin
wie ich. Und doch gibt es noch Dinge, die du mir verheimlichst. Hab
ich recht, Vater?«
Schahabarim gedachte der Befehle Hamilkars und erwiderte:
»Nein, ich habe dich nichts weiter zu lehren.«
Da sagte sie: