Pilgerfahrt zum Ammontempel mitgenommen. Dann hatte er in den Wäldern
der Garamanten Elefanten gejagt. Später war er in karthagischen
Söldnerdienst gegangen. Bei der Einnahme von Drepanum war er zum
Offizier befördert worden. Die Republik schuldete ihm vier Pferde,
zwölfhundert Liter Getreide und den Sold für einen Winter. Er war
gottesfürchtig und wünschte, dermaleinst in seiner Heimat zu sterben.
Spendius erzählte ihm von seinen Reisen, von den Völkern und Tempeln,
die er besucht hatte. Er verstand sich auf viele Dinge. Er konnte
Sandalen, Jagdgerät und Netze anfertigen, wilde Tiere zähmen und Gifte
bereiten.
Bisweilen unterbrach er sich und stieß einen heisern Schrei aus.
Daraufhin beschleunigte Mathos Maultier seinen Gang, und die andern
beeilten sich zu folgen. Dann erzählte Spendius weiter, aber immer
voll Angst und Furcht. Erst am Abend des vierten Tages ward er
ruhiger.
Die beiden ritten nebeneinander her, seitwärts rechts vom Heer, auf dem
Abhang eines Hügelzuges. Drunten dehnte sich die weite Ebene, in den
Nebeln der Nacht verloren. Die Reihen der tiefer dahinmarschierenden
Soldaten sahen im Dunkeln wie Wellen aus. Von Zeit zu Zeit kamen sie
über mondbeglänzte Anhöhen. Dann sprühten Sterne an den Spitzen der
Lanzen, und das Mondlicht gleißte auf den Helmen. Ein paar Augenblicke
lang, dann verschwand alles, und immer neue Trupps kamen. In der Ferne
blökten aufgeschreckte Herden. Es war, als ob unendlicher Friede auf
die Erde herabsänke.
Mit zurückgebogenem Kopfe und halbgeschlossenen Lidern sog Spendius in
tiefen Zügen den frischen Wind ein. Er streckte die Arme aus und
spreizte die Finger, um den kosenden Hauch, der seinen Körper
umströmte, noch besser zu spüren. Seine Hoffnung auf Rache war
wiedergekehrt und begeisterte ihn. Er preßte die Hand auf den Mund, um
ein Jauchzen zu ersticken, und halb bewußtlos in seinem Glücksrausch,
überließ er die Zügel seinem Dromedar, das mit geräumigen
gleichmäßigen Schritten vorwärts ging. Matho war in seine Schwermut
zurückgesunken. Seine Beine hingen bis zur Erde hinab, und seine
Panzerstiefel fegten mit stetem Geräusch das Gras.
Indessen zog sich der Weg in die Länge, als wolle er kein Ende nehmen.
Hatte man ein Stück Ebene durchschritten, so kam man jedesmal auf ein
rundes Hochland, und dann ging es wieder in eine Niederung hinab. Die
Berge, die den Horizont zu begrenzen schienen, wichen beim Näherkommen
immer von neuem in die Ferne. Von Zeit zu Zeit blinkte ein Bach
zwischen dem Grün von Tamarisken, aber schon hinter dem nächsten Hügel
verkroch er sich wieder. Hier und da ragte ein Felsblock auf, der wie
ein Schiffsbug aussah oder wie der Sockel eines verschwundenen
Kolosses.
In regelmäßigen Abständen traf man auf kleine viereckige Kapellen:
Raststätten für die Pilger, die gen Sikka wanderten. Die Libyer, die
Einlaß begehrten, klopften mit starken Schlägen an die Pforten; doch
niemand im Innern antwortete.
Dann wurden die bebauten Felder seltener. Unvermittelt folgten
Sandstrecken, mit Dornengestrüpp bewachsen. Schafherden weideten
zwischen großen Steinen. Eine Frau--ein blaues Schurzfell um die
Hüften--hütete sie. Sobald sie die Lanzen der Soldaten zwischen den
Felsen erblickte, entfloh sie kreischend.
Der Marsch ging durch ein breites Tal, das von zwei rötlichen
Hügelketten eingesäumt wurde. Ein ekelhafter Geruch drang dem Heere
entgegen, und an der Krone eines Johannisbrotbaumes hing etwas
Seltsames: ein Löwenkopf, der über den Wipfel hinausragte.
Sie liefen näher. Es war ein Löwe, den man an allen vieren wie einen
Verbrecher ans Kreuz genagelt hatte. Der riesige Kopf hing auf die
Brust herab, und die zwei Vordertatzen, die unter der üppigen Mähne
zur Hälfte verschwanden, waren weit auseinandergespreizt wie die
Flügel eines Vogels. Die Rippen traten unter der stark gespannten Haut
einzeln hervor. Die Hinterbeine waren übereinander genagelt und ein
wenig emporgezogen. Schwarzes Blut war am Fell herabgesickert und am
Ende des Schweifes, der senkrecht herabhing, zu dicken Klumpen
geronnen. Die Söldner standen lachend rundherum, nannten den toten
Löwen »Konsul« und »Römischer Bürger« und warfen Steine nach seinen
Augen, um die Fliegen aufzuscheuchen.
Hundert Schritte weiter kamen zwei andre Kreuze. Und mit einem Male
tauchte ihrer eine ganze Reihe auf. An jedem ein Löwe. Manche waren
schon so lange tot, daß nur noch die Reste ihrer Gerippe am Holze
hingen: andere, zur Hälfte zernagt, verzerrten den Rachen zu
furchtbaren Grimassen. Etliche waren ungeheuer groß. Die Stämme der
Kreuze bogen sich unter ihnen. Sie schaukelten im Winde, während
Rabenschwärme unablässig über ihren Köpfen kreisten. So rächten sich
die karthagischen Bauern an den Raubtieren, die sie fingen. Sie
hofften, die andern durch dieses Beispiel zu schrecken. Die Barbaren
lachten nicht mehr. Tiefes Staunen ergriff sie. »Welch ein Volk,«
dachten sie, »das zu seinem Vergnügen Löwen kreuzigt!«
Übrigens waren sie, besonders die Nordländer, eigentümlich nervös
erregt und halbkrank. Ihre Hände waren wund von den Stacheln der Aloe.
Große Stechmücken summten ihnen um die Ohren. Die Ruhr brach im Heere
aus. Man war verdrossen, daß Sikka noch immer nicht sichtbar ward. Man
bekam Angst, sich in die Wüste zu verirren, in die Regionen des Sandes
und des Schreckens. Viele wollten nicht mehr weiter marschieren. Ein
Teil machte sich auf den Rückweg nach Karthago.
Endlich am siebenten Tage, nachdem man lange am Fuße eines Berges
hingewandert war, bog der Weg plötzlich scharf nach rechts ab, und ein
Mauerstreifen, auf weißen Felsen ruhend und gleichsam eins geworden
mit ihnen, tauchte auf. Alsbald grüßte die ganze Stadt. Blaue, gelbe,
weiße Schleier wehten im Abendrot über den Mauern. Es waren die
Priesterinnen der Tanit, die zum Empfange der Söldner herbeigeeilt
kamen. Sie standen in langen Reihen auf dem Walle, schlugen
Handtrommeln und Zithern und Kastagnetten. Die letzten Strahlen der
Sonne, die hinter den numidischen Bergen versank, spielten an den
Harfensaiten und den nackten Armen. Von Zeit zu Zeit schwiegen die
Instrumente plötzlich, und ein schriller, grausiger, wilder,
langgezogener Schrei erklang, eine Art Geheul, das durch eine
vibrierende Zungenbewegung hervorgebracht ward. Etliche der
Priesterinnen lagen mit aufgestützten Ellbogen, das Kinn in der Hand,
unbeweglicher denn Sphinxe, und starrten aus großen schwarzen Augen
das herannahende Heer an.
Obgleich Sikka ein Wallfahrtsort war, vermochte es eine solche
Menschenmenge nicht zu bergen. Der Tempel allein mit seinen
Nebengebäuden nahm die Hälfte der Stadt ein. Die Barbaren lagerten
sich daher ganz nach Belieben in der Ebene, die Disziplinierten in
regelmäßigen Abteilungen, die andern nach Völkern oder wie es ihnen
just gutdünkte.
Die Griechen schlugen ihre Zelte aus Fellen in gleichlaufenden Reihen
auf. Die Iberer bauten ihre Leinendächer im Kreise. Die Gallier
errichteten sich Bretterbuden, die Libyer Hütten aus Steinhaufen, und
die Neger scharrten sich mit ihren Nägeln Gruben in den Sand, darin
sie schliefen. Viele, die sich nicht unterzubringen wußten, trieben
sich zwischen den Packwagen umher und verbrachten in ihren
zerschlissenen Mänteln die Nächte auf dem Erdboden.
* * * * *
Die Ebene dehnte sich im weiten Kreise, rings von Bergzügen begrenzt.
Hier und dort neigte sich ein Palmbaum über einen Sandhügel. Fichten
und Eichen sprenkelten die Abhänge mit grünen Flecken. Bisweilen hing
ein Gewitterregen in langen Fransen vom Himmel herab, der blau und
klar über der Landschaft lachte. Dann wirbelte ein warmer Wind
Staubwolken auf, und ein Gießbach stürzte in Kaskaden von Sikkas
Felsenhöhe herab, auf der sich der Tempel der karthagischen Venus, der
Herrin des Landes, mit seinen ehernen Säulen und seinem goldenen Dache
erhob. Sie erfüllte die Landschaft mit ihrer Seele. Das Übermaß ihrer
Kraft offenbarte sich in den Erschütterungen des Bodens, im jähen
Wechsel von Wärme und Kälte, und die Schönheit ihres ewigen Lächelns
im Spiele der Beleuchtung. Die Berggipfel hatten die Form von
Mondsicheln, oder sie glichen vollen Frauenbrüsten. Die Barbaren
verspürten vor dieser Augenweide bei aller Ermüdung vom Marsche
wonnevolles Wohlgefühl.
Spendius hatte sich für den Erlös seines Kamels einen Sklaven gekauft.
Den ganzen Tag lang schlief er, vor Mathos Zelt ausgestreckt. Oft
schreckte er empor. Er wähnte im Traume das Sausen der Peitsche zu
hören. Dann strich er lächelnd mit der Hand über die Narben an seinen
Beinen, an den Stellen, wo so lange die Eisen gedrückt hatten, und
schlief wieder ein.
Matho duldete seine Gesellschaft. Wenn er ausging, begleitete ihn
Spendius wie ein Trabant, mit einem langem Schwert an der Seite; oder
Matho stützte nachlässig den Arm auf seine Schulter, denn Spendius war
klein.
Eines Abends, als sie zusammen durch die Lagergassen gingen,
erblickten sie Männer in weißen Mänteln; unter ihnen Naravas, den
numidischen Fürsten. Matho erbebte.
»Dein Schwert!« rief er. »Ich will ihn töten!«
»Noch nicht!« bat Spendius und hielt ihn zurück.
Naravas trat bereits an Matho heran.
Er küßte seine beiden Daumen zum Zeichen seiner kameradschaftlichen
Gesinnung und entschuldigte seinen neulichen Zorn mit der trunkenen
Feststimmung. Sodann sagte er allerhand Feindseliges gegen Karthago,
doch verriet er nicht, was ihn eigentlich zu den Barbaren geführt
hatte.
»Will er uns verraten oder die Republik?« fragte sich Spendius. Da er
aber aus allem Bösen Vorteil zu ziehen gedachte, so war ihm jedwede
zukünftige Verräterei des Naravas nur angenehm.
Der numidische Häuptling blieb bei den Söldnern. Er schien sich mit
Matho befreunden zu wollen, sandte ihm gemästete Ziegen, Goldstaub und
Straußenfedern. Der Libyer, über diese Aufmerksamkeiten erstaunt,
schwankte, ob er sie erwidern oder darüber in Zorn geraten sollte.
Doch Spendius besänftigte ihn, und Matho ließ sich von dem Sklaven
leiten. Er war ein Mensch, der nie wußte, was er wollte, und jetzt
zumal in einem Zustande unbezwinglicher Teilnahmlosigkeit wie jemand,
der einen Trank genommen hat, an dem er sterben muß.
Eines Morgens, als alle drei zur Löwenjagd aufbrachen, verbarg Naravas
einen Dolch in seinem Mantel. Spendius blieb ihm beständig auf den
Fersen, und sie kehrten zurück, ohne daß der Numidier seinen Dolch
gezückt hatte.
Ein andermal lockte Naravas die beiden weit fort, bis an die Grenzen
seines Reiches. Sie kamen in eine enge Schlucht. Da erklärte Naravas
lächelnd, er wisse den Weg nicht mehr. Spendius fand ihn wieder.
Meistens jedoch brach Matho, tiefsinnig wie ein Augur, schon bei
Sonnenaufgang auf, um in der Gegend umherzustreifen. Er streckte sich
auf den Sand hin und blieb bis zum Abend unbeweglich liegen.
Er befragte nacheinander alle Wahrsager des Heeres: die den Lauf der
Schlangen beobachteten, die in den Sternen lasen und die auf die Asche
der Toten bliesen. Er nahm Galbanum, Sesel und herzversteinerndes
Viperngift ein. Negerweiber, die im Mondschein barbarische Lieder
sangen, ritzten ihm die Stirnhaut mit goldnen Dolchen. Er behängte
sich mit Halsbändern und Amuletten. Abwechselnd rief er Khamon,
Moloch, die sieben Kabiren, Tanit und die Aphrodite der Griechen an.
Er grub einen Namen in eine Kupferplatte und verscharrte sie im Sande
an der Schwelle seines Zeltes. Spendius hörte ihn seufzen und mit sich
selbst reden.
Eines Nachts trat er in sein Zelt.
Matho lag auf einer Löwenhaut hingestreckt, nackt wie ein Leichnam,
das Gesicht in beide Hände vergraben. Eine Hängelampe beleuchtete
seine Waffen, die ihm zu Häupten am Zeltmaste hingen.
»Hast du Schmerzen?« fragte der Sklave. »Was fehlt dir? Antworte mir!«
Dabei schüttelte er ihn an der Schulter und rief immer wieder: »Herr,
Herr!« Endlich schaute Matho mit großen verstörten Augen zu ihm auf.
»Weißt du?« flüsterte er, einen Finger auf die Lippen legend. »Es ist
die Rache der Götter. Hamilkars Tochter verfolgt mich! Ich fürchte
mich vor ihr, Spendius!« Er drückte die Fäuste gegen die Augen, wie
ein Kind, dem vor einem Gespenste graust. »Rede mit mir! Ich bin
krank! Ich will gesund werden! Alles habe ich versucht! Doch du, du
kennst vielleicht mächtigere Götter oder irgend eine Beschwörung, die
wirklich hilft.«
»Wogegen?« fragte Spendius.
Matho schlug sich mit beiden Fäusten gegen die Stirn. »Um mich aus
Salambos Bann zu erlösen!« Und wie zu sich selber sagte er in
abgebrochenen Sätzen:
»Gewiß bin ich das Opfer einer Sühne, die sie den Göttern gelobt
hat ... Sie hält mich gefesselt ... mit einer unsichtbaren Kette ...
Gehe ich, so schreitet sie voran ... bleibe ich stehen, so verweilt
sie ... Ihre Augen verzehren mich ... ich höre ihre Stimme ... sie
umgibt mich und durchdringt mich ... Mir ist, als ob sie meine Seele
geworden sei ... Und doch droht etwas zwischen uns wie die
unsichtbaren Fluten eines grenzenlosen Meeres ... Sie ist mir fern und
ganz unerreichbar ... Der Schimmer ihrer Schönheit umfließt sie mit
Strömen von Licht, und bisweilen ist mir's, als hätt ich sie nie
gesehen ... als lebte sie nicht ... als sei alles nur ein Traum! ...«
So durchjammerte Matho die Nacht.
Alles schlief. Spendius betrachtete ihn, und er erinnerte sich an jene
Jünglinge, die ihn ehemals mit goldenen Gefäßen in den Händen
angefleht hatten, wenn er seine Buhlerinnen durch die Städte geführt
hatte. Mitleid ergriff ihn, und er sprach:
»Sei stark, Herr! Wende dich an deinen eigenen Willen und flehe nicht
mehr zu den Göttern, denn die Gebete der Menschen rühren sie nicht. Du
weinst wie ein Feigling! Demütigt es dich nicht, daß du um ein Weib so
leidest?«
»Bin ich ein Kind?« gab Matho zur Antwort. »Glaubst du, daß mich das
Gesicht und der Gesang eines Weibes noch rühren? Wir hatten in
Drepanum ihrer genug. Sie fegten die Ställe. Ich hab ihrer besessen
während des Sturmes auf Städte, unter stürzenden Dächern, und wenn die
Geschütze vom Rückschlag noch zitterten! ... Doch dieses Weib, dieses
Weib!«
Der Sklave unterbrach ihn:
»Wenn sie nicht Hamilkars Tochter wäre ...«
»Nein!« schrie Matho. »Sie hat nichts mit den andern Töchtern der
Menschen gemein! Hast du ihre großen Augen unter den großen Brauen
gesehen? So leuchten Sonnen unter Triumphbögen. Erinnere dich: als sie
erschien, verloren alle Fackeln ihren Glanz. Zwischen den Diamanten
ihrer Halskette schimmerten Stellen ihres blanken Busens. Wo sie
gegangen, duftete es wie nach dem Weihrauch eines Tempels, und ihrem
ganzen Wesen entströmte etwas, süßer als Wein und schrecklicher als
der Tod. So schritt sie hin, und dann blieb sie stehen ...«
Offnen Mundes und gesenkten Hauptes stand Matho da und starrte vor
sich hin.
»Aber ich will sie haben! Ich muß sie besitzen! Sonst sterbe ich! Bei
dem Gedanken, sie an meine Brust zu drücken, ergreift mich wilde
Freude. Und doch hasse ich sie, Spendius, ich möchte sie schlagen! Was
soll ich tun? Ich habe Lust, mich zu verkaufen, um ihr Sklave zu
werden. Du warst es! Du durftest um sie sein! Erzähle mir von ihr!
Allnächtlich, nicht wahr, besteigt sie das Dach ihres Palastes? Ach,
die Steine müssen erbeben unter ihren Sandalen und die Sterne sich
neigen, um sie zu schauen!«
Er fiel wie in Raserei zurück und röchelte wie ein verwundeter Stier.
Dann sang er: »Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich
über das dürre Laub schlängelte wie ein silberner Bach.« Mit
langgezogenen Tönen ahmte er dabei Salambos Stimme nach, indes die
Finger seiner ausgestreckten Hände Bewegungen machten, als spielten
sie in den Saiten einer Lyra.
Auf alle Trostworte des Spendius antwortete er mit den gleichen Reden.
So vergingen den beiden die Nächte unter Klagen und Trostworten.
Matho wollte sich mit Wein betäuben. Doch nach der Trunkenheit war er
noch trauriger. Er versuchte, sich beim Würfelspiel zu zerstreuen,
wobei er nach und nach die Goldmünzen seiner Halskette verlor. Er ließ
sich zu den heiligen Hetären führen; aber schluchzend kam er den Hügel
wieder herab, wie jemand, der von einem Begräbnis heimkehrt.
Spendius hingegen wurde immer kühner und heiterer. Man sah ihn in den
aus Reisig errichteten Schenken mitten unter den Soldaten reden. Er
flickte alte Rüstungen aus, ließ sich als Gaukler mit Dolchen sehen
und suchte aus den Feldern Heilkräuter für die Kranken. Er war lustig,
schlau, beredt und hatte tausend gute Einfälle. Die Barbaren gewöhnten
sich an seine Dienste. Er machte sich bei ihnen beliebt.
Indessen warteten sie auf einen Gesandten aus Karthago, der ihnen auf
Maultieren Körbe voll Gold bringen sollte. Immer wieder überschlugen
sie die alte Rechnung und malten mit den Fingern Ziffern in den Sand.
Ein jeder schmiedete Pläne für die Zukunft. Die einen wollten sich
Dirnen, Sklaven und Landgüter kaufen. Andre wollten ihre Schätze
vergraben oder sie im Seehandel aufs Spiel setzen. Aber bei dieser
Untätigkeit erhitzten sich die Gemüter. Fortwährend kam es zu
Zwistigkeiten zwischen Reitern und Fußvolk, zwischen Barbaren und
Griechen, und unaufhörlich gellten die schrillen Stimmen der Weiber.
Täglich langten Scharen fast nackter Männer an, die zum Schutz gegen
die Sonne Gras auf dem Haupte trugen. Es waren Schuldner reicher
Karthager, von ihren Gläubigern zum Frondienst auf den Feldern
gezwungen und nun entronnen. Libyer strömten herbei, Bauern, die durch
die Steuern zugrunde gerichtet waren, Geächtete und Missetäter. Der
Troß der Krämer, die Wein- und Ölhändler, wütend darüber, daß sie
nicht bezahlt wurden, begannen sich allesamt gegen Karthago zu
ereifern. Spendius hielt Brandreden gegen die Republik. Bald wurden
die Lebensmittel knapp. Man sprach davon, vereint auf Karthago zu
marschieren und die Römer herbeizurufen.
* * * * *
Eines Abends, zur Stunde der Mahlzeit, vernahm man ein dumpfes,
verworrenes Geräusch, das allmählich näher kam. In der Ferne, im
welligen Gelände, tauchte etwas Rotes auf.
Es war eine große Purpursänfte, die an ihren Ecken mit Büscheln von
Straußenfedern geschmückt war. Kristallketten und Perlengirlanden
schlugen gegen die geschlossenen Vorhänge. Kamele folgten, und die
großen Glocken, die ihnen um die Hälse hingen, läuteten lärmend
durcheinander. Zu beiden Seiten ritten Reiter, vom Fuße bis zum Halse
in goldnen Schuppenpanzern.
Dreihundert Schritt vor dem Lager machten sie Halt, um den Behältern
hinter den Sätteln ihren runden Schild, ihr breites Schwert und ihren
böotischen Helm zu entnehmen. Einige blieben bei den Kamelen, die
andern setzten sich wieder in Bewegung. Schließlich erschienen die
Feldzeichen der Republik: blaue Holzstangen, die ein Pferdekopf oder
ein Pinienapfel krönte. Die Barbaren sprangen alle auf und klatschten
Beifall. Die Weiber liefen den Gardereitern entgegen und küßten ihnen
die Füsse.
Die Sänfte nahte auf den Schultern von zwölf Negern, die mit kleinen,
raschen Schritten im Takte liefen. Sie mußten bald nach rechts, bald
nach links ausbiegen, behindert durch die Zeltschnüre, herumlaufende
Tiere und die Feldkessel, in denen das Fleisch kochte. Ein paarmal
schob eine fette, reichgeschmückte Hand die Vorhänge ein wenig
auseinander, und eine rauhe Stimme stieß ärgerliche Worte aus. Da
machten die Träger Halt und schlugen einen andern Weg quer durch das
Lager ein. Nun wurden die purpurnen Vorhänge geöffnet, und man
erblickte auf einem breiten Kopfkissen einen aufgedunsenen
Menschenkopf mit unbeweglichen Zügen. Die Augenbrauen sahen wie zwei
Bogen von Ebenholz aus, die mit den Enden aneinander stießen.
Goldflitter blinkten in dem krausen Haar, und das Gesicht war bleich,
wie mit Marmorstaub gepudert. Der übrige Körper verschwand unter einer
Menge von Fellen.
Die Soldaten erkannten in dem Mann den Suffeten Hanno. Sie hatten noch
wohl im Gedächtnisse, daß seine Langsamkeit schuld war am Verluste der
Schlacht bei den Ägatischen Inseln. Und wenn er sich nach seinem Siege
über die Libyer bei Hekatompylos milde gezeigt hatte, so war dies nach
ihrer Meinung nur aus Habgier geschehen, denn er hatte sämtliche
Gefangene auf eigene Rechnung verkauft, der Republik aber ihren Tod
gemeldet.
Nachdem sich der Suffet eine Weile nach einem bequemen Platz für eine
Anrede an die Soldaten umgesehen hatte, gab er einen Wink. Die Sänfte
machte Halt, und auf zwei Sklaven gestützt, stieg er unbeholfen
heraus.
Er trug schwarze Filzschuhe mit silbernen Monden besät. Seine Beine
waren wie die einer Mumie mit Binden umwickelt, und das Fleisch quoll
zwischen den sich kreuzenden Leinenstreifen hervor. Sein Bauch hing
über den Scharlachschurz herab, der seine Schenkel bedeckte, und die
Falten seines fetten Halses hingen ihm--wie einem Stier die Wampe--bis
auf die Brust. Seine mit Blumen bestickte Tunika krachte in den
Achselhöhlen. Er trug ein Bandolier, eine Feldbinde und einen
schwarzen Mantel mit doppelten Puffärmeln. Der Pomp seines Anzuges,
sein breites Halsband aus blauen Steinen, die goldenen Spangen und die
schweren Ohrgehänge machten seine Mißgestalt noch abstoßender. Er sah
aus wie ein aus Stein gehauenes plumpes Götzenbild. Das leblose
Aussehen verlieh ihm der weiße Aussatz, der seinen ganzen Körper
bedeckte. Lediglich seine Nase, krumm wie ein Geierschnabel, bewegte
sich heftig, beim Einatmen, und seine kleinen Augen mit den klebrigen
Wimpern schimmerten in hartem, metallischem Glanze. In der Hand hielt
er einen Spatel aus Aloeholz, um sich die Haut zu kratzen.
Nunmehr stießen zwei Trompeter in ihre silbernen Hörner. Der Lärm
legte sich, und Hanno fing an zu sprechen. Er begann mit einer Lobrede
auf die Götter und auf die Republik. Die Barbaren sollten sich
glücklich preisen, ihr gedient zu haben. Man müsse vernünftig sein,
die Zeiten seien schwer--»und wenn ein Herr nur drei Oliven hat, ist
es nicht recht, daß er zwei für sich behalte?«
Derart vermischte der alte Suffet seine Rede mit Sprichwörtern und
Gleichnissen und nickte dabei in einem fort mit dem Kopfe, als wolle
er damit Beifall hervorrufen.
Er sprach punisch, aber die Umstehenden (die Hurtigsten, die ohne ihre
Waffen herbeigeeilt waren) waren Kampaner, Gallier und Griechen, so
daß ihn von den vielen Leuten kein einziger verstand. Hanno bemerkte
es, hielt inne und wiegte sich schwerfällig und nachdenklich von einem
Bein auf das andre.
Er kam auf den Einfall, die Hauptleute zusammenzurufen, und seine
Trompeter riefen diesen Befehl auf griechisch aus. Seit Xanthipp war
Griechisch die Kommandosprache im karthagischen Heere.
Die Gardisten trieben die herandrängenden Söldner mit Peitschenhieben
zurück, und alsbald nahten die Hauptleute der nach spartanischem
Muster gebildeten Phalanx und die Offiziere der Barbarenkompagnien in
ihren nationalen Rüstungen und mit ihren Rangabzeichen. Die Nacht war
herabgesunken, und lautes Getöse erscholl ringsum in der Ebene. Da und
dort brannten Lagerfeuer. Man ging von einem zum andern und fragte
einander: »Was soll das? Weshalb zahlt der Suffet nicht das Geld aus?«
Hanno rechnete den Hauptleuten die außerordentlichen Lasten der
Republik vor. Der Staatsschatz sei leer. Der Tribut an die Römer sei
erdrückend ... »Wir wissen nicht mehr aus noch ein ... Karthago ist
wirklich beklagenswert!«
Von Zeit zu Zeit kratzte er sich die Glieder mit dem Aloespatel, oder
er unterbrach sich, um aus einer silbernen Schale, die ein Sklave ihm
reichte, einen Trank aus Wieselasche und in Essig gekochten Spargeln
zu schlürfen. Dann wischte er sich die Lippen mit einem Scharlachtuch
und hub wieder an: