»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet ihr nicht Br

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Bibliothek der Romane

Vierzehnter Band

Salambo

Ein

Roman aus Alt-Karthago

von

Gustave Flaubert

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Inhalt

1. Das Gelage

2. In Sikka

3. Salambo

4. Vor Karthagos Mauern

5. Tanit

6. Hanno

7. Hamilkar Barkas

8. Die Schlacht am Makar

9. Im Felde

10. Die Schlange

11. Im Zelte

12. Die Wasserleitung

13. Moloch

14. In der Säge

15. Matho

Anhang

I

Das Gelage

Es war in Megara, einer der Vorstädte von Karthago, in den Gärten

Hamilkars.

Die Söldner, die er in Sizilien befehligt hatte, feierten den

Jahrestag der Schlacht am Eryx durch ein großes Gelage. Da der

Feldmarschall abwesend und die Versammlung zahlreich war, schmauste

und zechte man auf das zwangloseste.

Die Offiziere hatten sich gestiefelt und gespornt in der Hauptallee

gelagert, unter einem goldbefransten Purpurzelt, das von der

Stallmauer bis zur untersten Schloßterrasse ausgespannt war. Die

Scharen der Gemeinen lagen weithin unter den Bäumen, durch die man

zahlreiche flachdachige Baracken, Winzerhäuschen, Scheunen, Speicher,

Backhäuser und Waffenschuppen schimmern sah, einen Elefantenhof,

Zwinger für die wilden Tiere und ein Sklavengefängnis.

Feigenbäume umstanden die Küchen. Ein Sykomorenhain endete an einem

Meere grüner Büsche, daraus rote Granatäpfel zwischen weißen

Baumwollenkotten leuchteten. Traubenschwere Weinreben strebten bis in

die Wipfel der Pinien. Unter Platanen glühte ein Rosenfeld. Hier und

da wiegten sich Lilien über dem Grase. Die Wege bedeckte schwarzer

Kies, mit rotem Korallenstaub vermischt. Von einem Ende zum andern

durchschnitt den Park eine hohe Zypressenallee, gleich einem

Säulengange grüner Obelisken.

Ganz im Hintergrunde leuchtete auf breitem Unterbau das Schloß mit

seinen vier terrassenartigen Stockwerken, aus numidischem,

gelbgesprenkeltem Marmor. Seine monumentale Freitreppe aus Ebenholz,

deren einzelne Stufen links und rechts mit den Schnäbeln eroberter

Schlachtschiffe geschmückt waren,--seine roten Türen, die je ein

schwarzes Kreuz vierteilte,--seine Fensteröffnungen, die im untersten

Stock Drahtgaze vor den Skorpionen schützte, während sie in den oberen

Reihen vergoldetes Gitter zeigten,--all diese wuchtige Pracht dünkte

die Soldaten so hoheitsvoll und unnahbar wie Hamilkars Antlitz.

Das Gelage fand auf Anordnung des Rates an diesem Orte statt. Die

Verwundeten, die im Eschmuntempel lagen, waren bei Morgengrauen

aufgebrochen und hatten sich an Krücken und Stöcken hergeschleppt.

Immer mehr Menschen trafen ein. Auf allen Wegen strömten sie herbei,

unaufhörlich, wie sich Bäche in einen See ergießen. Die Küchensklaven

liefen unter den Bäumen hin und her, hastig und halbnackt. Klagend

flohen von den Rasenplätzen die Gazellen. Die Sonne ging unter. Der

Zitronenbäume Duft machte den Dunst der erhitzten Menschenmenge noch

schwerer.

Alle Völker waren vertreten: Ligurer, Lusitanier, Balearier, Neger und

römische Überläufer. Neben der schwerfälligen dorischen Mundart

dröhnten, rasselnd wie Feldgeschütz, die Worte der Kelten, und die

klangvollen jonischen Endungen wurden von Wüstenlauten verschlungen,

rauh wie Schakalgeheul. Den Griechen erkannte man an seiner schlanken

Gestalt, den Ägypter an den hohen Schultern, den Kantabrer an den

feisten Waden. Karier schüttelten stolz die Federbüsche ihrer Helme.

Kappadokische Bogenschützen sah man, die auf ihrem Körper

Blumenarabesken trugen, mit Pflanzensäften aufgemalt. Auch Lydier

saßen beim Mahle, in Frauengewändern und Pantoffeln, Gehänge in den

Ohren. Andre hatten sich zum Schmucke mit Zinnober angestrichen und

sahen aus wie Statuen aus Korall.

Sie ruhten auf Kissen, hockten schmausend um große Schüsseln oder

lagen auf dem Bauche, die Ellbogen aufgestemmt, und zogen die

Fleischstücke zu sich heran, alle in der gemächlichen Haltung von

Löwen, die ihre Beute verzehren. Die zuletzt Gekommenen lehnten an den

Bäumen, blickten nach den niedrigen Tischen, die unter ihren

scharlachroten Decken halb verschwanden, und harrten, bis die Reihe an

sie kam.

Da Hamilkars Küchen nicht ausreichten, hatte der Rat Sklaven, Geschirr

und Liegebänke geschickt. In der Mitte des Gartens flammten wie auf

einem Schlachtfelde, wenn man die Toten verbrennt, große helle Feuer,

an denen Ochsen gebraten wurden. Brote, mit Anis bestreut, lagen neben

Käsen, größer und schwerer als Diskosscheiben. Mischkrüge voll Wein

und Wasser standen neben Körben aus Goldfiligran, in denen Blumen

dufteten. Die Freude, nun endlich nach Belieben schwelgen zu können,

weitete aller Augen. Hier und da erklang bereits ein Lied.

Auf roten Tonschüsseln mit schwarzen Verzierungen trug man zuerst

Vögel in grüner Sauce auf, dann allerlei Muscheln, wie man sie an den

punischen Küsten aufliest, Suppen aus Weizen, Bohnen und Gerste, und

Schnecken, in Kümmel gekocht, auf Platten von Bernstein.

Dann wurden die Tische mit Fleischgerichten beladen: Antilopen noch

mit ihren Hörnern, Pfauen in ihrem Gefieder, ganze Hammel, in süßem

Wein gedünstet, Kamel- und Büffelkeulen, Igel in Fischsauce, gebackene

Heuschrecken und eingemachte Siebenschläfer. In Mulden aus

Tamrapanniholz schwammen safranbedeckt große Speckstücke. Alles war

reichlich gewürzt mit Salz, Trüffeln und Asant. Früchte rollten über

Honigscheiben. Auch hatte man nicht vergessen, ein paar von den

kleinen, dickbäuchigen Hunden mit rosigem Seidenfell aufzutragen, die

mit Oliventrebern gemästet waren, ein karthagisches Gericht, das die

andern Völker verabscheuten. Die Verwunderung über neue Gerichte

erregte die Lust, davon zu essen. Die Gallier, mit ihrem langen auf

dem Scheitel geknoteten Haar, rissen sich um die Wassermelonen und

Limonen, die sie mit der Schale verzehrten. Neger, die noch nie

Langusten gesehen, zerstachen sich das Gesicht an ihren roten

Stacheln. Die glattrasierten Griechen, weißer als Marmor, warfen die

Abfälle ihrer Mahlzeit hinter sich, während bruttinische Hirten, in

Wolfsfelle gehüllt, das ganze Gesicht in ihre Schüsseln tauchten und

ihr Essen schweigsam verschlangen.

Es ward Nacht. Man entfernte das Zeltdach über der großen

Zypressenallee und brachte Fackeln. Der flackernde Schein des

Steinöls, das in Porphyrschalen brannte, erschreckte die dem Mond

geweihten Affen in den Wipfeln der Zedern. Sie kreischten laut, den

Söldnern zur Belustigung.

Flammenzungen leckten die ehernen Panzer. Die mit Edelsteinen

eingelegten Schüsseln glitzerten in bunten Lichtern. Die Mischkrüge,

deren Bäuche gewölbte Spiegel bildeten, gaben das in die Breite

verzerrte Bild eines jeden Dinges wieder. Die Söldner drängten sich um

diese Spiegel, blickten erstaunt hinein und schnitten Gesichter, um

sich gegenseitig zum Lachen zu bringen. Andre warfen sich über die

Tische hinweg mit elfenbeinernen Fußbänken und goldnen Löffeln und

schlürften in vollen Zügen Wein: griechischen, den man in Schläuchen

aufbewahrt, kampanischen, der in Amphoren verschlossen ist,

kantabrischen, der in Fässern verfrachtet wird, auch Wein aus

Brustbeeren, Zimt und Lotos. Auf dem Erdboden stand er in Lachen,

darin man ausglitt. Der Dampf der Speisen stieg, mit dem Dunst des

Atems vermischt, in das Laubwerk der Bäume. In das Krachen der

Kinnbacken tönte der Lärm der Stimmen, der Lieder und der

Trinkschalen, das Klirren kampanischen Geschirrs, das in Stücke

zersprang, und der helle Klang der großen Silberschüsseln.

Je mehr die Trunkenheit zunahm, desto lebhafter gedachte man der

Unredlichkeit Karthagos. Die durch den Krieg erschöpfte Republik hatte

nämlich die Ansammlung aller Söldner in der Stadt zugelassen. Gisgo,

ihr General, war umsonst so vorsichtig gewesen, sie nur

abteilungsweise von Sizilien nach Afrika zu schicken, um die

Auszahlung ihres Soldes zu erleichtern, aber der Rat hatte gemeint,

sie würden zu guter Letzt in Abzüge einwilligen. Jetzt haßte man sie,

weil man sie nicht bezahlen konnte. In den Köpfen der Karthager

verwuchs diese Schuld mit den zehn Millionen Mark, die Lutatius beim

Friedensschluß ausbedungen, und die Söldner erschienen ihnen als ihre

Feinde, genau so wie Rom. Das hatten die Truppen in Erfahrung

gebracht, und ihre Entrüstung war in Drohungen und Ausschreitungen zum

Ausdruck gekommen. Schließlich hatten sie verlangt, sich zur

Erinnerungsfeier eines ihrer Siege versammeln zu dürfen. Die

Friedenspartei gab nach aus Rachlust gegen Hamilkar, der die Seele des

Krieges gewesen war. Trotz Hamilkars starkem Widerspruch hatte der

Feldzug ein Ende genommen, worauf der Feldherr--an Karthago

verzweifelnd--den Oberbefehl über die Söldner an Gisgo abgegeben

hatte. Wenn nun die Karthager seinen Palast dem Soldatenfeste zur

Verfügung stellten, so wälzten sie damit einen Teil des Hasses, der

den Söldnern galt, auf Hamilkar ab. Ihm sollten die zweifellos

riesigen Ausgaben möglichst allein zur Last fallen.

Stolz darauf, daß sich die Republik ihrem Willen gebeugt hatte,

wähnten die Söldner, nun endlich heimkehren zu können, mit dem Lohn

für ihr Blut in der Tasche. Jetzt im Taumel der Trunkenheit erschienen

ihnen die überstandenen Strapazen ungeheuer groß und in keinem

Verhältnis zu dem kärglichen Solde. Sie zeigten einander ihre Wunden

und erzählten sich von ihren Kämpfen, ihren Fahrten und den Jagden in

ihrer Heimat. Sie ahmten das Geschrei und die Sprünge der wilden Tiere

nach. Dann kam es zu schweinischen Wetten. Man steckte den Kopf in die

großen Steinkrüge und trank, ohne abzusetzen, wie verschmachtete

Dromedare. Ein Lusitanier, ein wahrer Hüne, trug auf jeder Hand einen

Mann und lief so zwischen den Tischen einher, indem er dabei Feuer aus

den Nasenlöchern blies. Lakedämonier, die ihre Panzer nicht abgelegt

hatten, tanzten schwerfällig herum. Einige sprangen mit unanständigen

Gebärden vor die andern und ahmten Weiber nach. Andre zogen sich nackt

aus, um inmitten des Trinkgeräts gleich Gladiatoren miteinander zu

kämpfen. Ein Fähnlein Griechen hüpfte um eine Vase, auf der Nymphen

tanzten, während ein Neger mit einem Ochsenknochen den Takt dazu auf

einem Blechschild schlug.

Plötzlich vernahm man klagenden Gesang, der bald laut, bald leise

durch die Lüfte zitterte, wie der Flügelschlag eines verwundeten

Vogels.

Es waren die Sklaven im Kerker. Ein paar Söldner sprangen mit einem

Satz auf und verschwanden, um sie zu befreien.

Sie kamen zurück und trieben unter lautem Geschrei etwa zwanzig Männer

mit auffällig bleichen Gesichtern durch den Staub vor sich her. Kleine

kegelförmige Mützen aus schwarzem Filz bedeckten die glatt geschorenen

Köpfe. Alle trugen sie Holzsandalen, und ihre Ketten klirrten wie das

Rasseln rollender Wagen.

Als sie die Zypressenallee erreichten, mischten sie sich unter die

Menge, die sie ausfragte. Einer von ihnen war abseits stehen

geblieben. Durch die Risse seiner Tunika erblickte man lange Striemen

an seinen Schultern. Mit gesenktem Haupte blickte er mißtrauisch um

sich und kniff, vom Fackelschein geblendet, die Augen zu. Als er aber

sah, daß ihm keiner von den bewaffneten Männern etwas zuleide tat,

entrang sich seiner Brust ein tiefer Seufzer. Er stammelte und lachte

unter hellen Tränen, die ihm über das Antlitz rannen. Dann ergriff er

eine bis zum Rande volle Trinkschale an den Henkeln, hob sie hoch in

die Luft mit den Armen, von denen noch die Ketten herabhingen, blickte

gen Himmel und rief, das Gefäß immerfort hochhaltend:

»Gruß zuerst dir, Gott Eschmun, du Befreier, den die Menschen meiner

Heimat Äskulap nennen! Und euch, ihr Geister der Quellen, des Lichts

und der Wälder! Und euch, ihr Götter, die ihr in den Bergen und Höhlen

der Erde verborgen lebt! Und euch, ihr tapferen Männer in glänzender

Rüstung, die ihr mich befreit habt!«

Dann ließ er das Gefäß sinken und erzählte seine Geschichte. Er hieß

Spendius. Die Karthager hatten ihn in der Schlacht bei den Ägatischen

Inseln gefangen genommen. In griechischer, ligurischer und punischer

Sprache dankte er nochmals den Söldnern, küßte ihnen die Hände und

beglückwünschte sie schließlich zu dem Gelage. Dabei sprach er seine

Verwunderung darüber aus, daß er nirgends die Trinkschalen der

karthagischen Garde erblickte. Diese Schalen, die auf jeder ihrer

sechs goldenen Flächen das Bild eines Weinstocks aus Smaragden trugen,

gehörten einem Regiment, das ausschließlich aus den stattlichsten

Patriziersöhnen bestand. Ihr Besitz war ein Vorrecht, und so ward denn

auch nichts aus dem Schatze der Republik von den Söldnern heißer

begehrt. Um dieser Gefäße willen haßten sie die Garde, und schon

mancher hatte sein Leben gewagt, des eingebildeten Vergnügens wegen,

aus jenen Schalen zu trinken.

Jetzt befahlen die Söldner, die Schalen herbeizuholen. Die befanden

sich im Gewahrsam der Syssitien. Das waren staatsrechtlich

organisierte Familienverbände. Die Sklaven kamen zurück mit der

Mitteilung, zu dieser Stunde schliefen alle Mitglieder der Syssitien.

»So weckt sie!« riefen die Söldner daraufhin.

Die Sklaven gingen und kehrten mit der Nachricht wieder, die Schalen

seien in einem Tempel eingeschlossen.

»Man öffne ihn!« brüllten die Söldner.

Zitternd gestanden nun die Sklaven, die Gefäße wären in den Händen des

Generals Gisgo.

»So soll er sie selber herbringen!« schrien die Soldaten.

Bald erschien Gisgo im Hintergrunde des Gartens, von einer Leibwache

aus Gardisten umgeben. Sein weiter schwarzer Mantel, an der goldnen,

edelsteingeschmückten Mitra auf seinem Haupte befestigt, umwallte ihn

bis auf die Hufe seines Pferdes und verschwamm in der Ferne mit dem

Dunkel der Nacht. Man sah nichts als seinen weißen Bart, das Gefunkel

seines Kopfschmuckes und die dreifache Halskette aus breiten blauen

Schildern, die ihm auf die Brust herabhing.

Als er nahte, begrüßten ihn die Söldner mit lautem Willkommengeschrei.

»Die Schalen!« riefen sie. »Die Schalen!«

Er begann mit der Erklärung, sie seien der Schalen in Anbetracht ihres

Mutes durchaus würdig.

Die Menge heulte vor Freude und klatschte Beifall.

Er wisse das wohl, fuhr Gisgo fort, er, der sie dadrüben geführt habe

und mit der letzten Kompagnie auf der letzten Galeere zurückgekehrt

sei!

»Das ist wahr! Das ist wahr!« rief man.

Die Republik, redete er weiter, habe ihre Teilung nach Völkern, ihre

Bräuche und ihren Glauben geachtet. Sie seien frei in Karthago! Was

aber die Schalen der Garde anbeträfe, so sei das Privateigentum.

Da sprang ein Gallier, der neben Spendius gestanden hatte, über die

Tische weg, gerade auf Gisgo zu und fuchtelte drohend mit zwei bloßen

Schwertern vor ihm herum.

Ohne seine Rede zu unterbrechen, schlug ihn der General mit seinem

schweren Elfenbeinstab auf den Kopf. Der Barbar brach zusammen. Die

Gallier heulten. Ihre Wut teilte sich den andern mit und drohte sich

gegen die Leibwache zu richten. Gisgo zuckte die Achseln, als er die

Gardisten erbleichen sah. Er sagte sich, daß sein eigner Mut gegenüber

rohen, erbitterten Bestien nutzlos sei. Besser wäre es, dachte er,

sich später durch eine Hinterlist an ihnen zu rächen.

Er gab seinen Kriegern einen Wink und zog sich langsam zurück. Unter

der Pforte aber wandte er sich noch einmal nach den Söldnern um und

rief ihnen zu, das solle sie eines Tages gereuen.

Das Gelage begann von neuem. Doch Gisgo konnte zurückkommen und sie

durch Umstellung der Vorstadt, die an die äußeren Wälle stieß, gegen

die Mauern drücken. Trotz ihrer Anzahl fühlten sie sich mit einem Male

verlassen; und die große Stadt, die im Dunkel unter ihnen schlief,

flößte ihnen plötzlich Furcht ein mit ihrem Treppengewirr, mit ihren

hohen düstern Häusern und ihren unbekannten Göttern, die noch

grauenhafter waren als selbst die Bewohner. In der Ferne spielten

Scheinwerfer über den Hafen hin. Auch im Tempel Khamons war Licht. Da

gedachten sie Hamilkars. Wo war er? Warum hatte er sie verlassen, als

der Friede geschlossen war? Sein Zerwürfnis mit dem Rat war gewiß nur

Blendwerk, um sie zu verderben. Ihr ungestillter Haß übertrug sich auf

ihn. Sie verfluchten ihn und entfachten ihren Zorn aneinander zur Wut.

In diesem Augenblick entstand ein Auflauf unter den Platanen. Mit

Händen und Füßen um sich schlagend, wand sich ein Neger auf dem Boden,

mit stierem Blick, verrenktem Hals und Schaum auf den Lippen. Jemand

schrie, er sei vergiftet. Da wähnten sich alle vergiftet. Sie fielen

über die Sklaven her. Ein furchtbares Geschrei erhob sich, und ein

Taumel wilder Zerstörungswut erfaßte das trunkene Heer. Man schlug wie

blind um sich, zerbrach und mordete. Einige schleuderten Fackeln in

die Baumkronen. Andre lehnten sich über die Brüstung der Löwengrube

und schossen nach den Löwen mit Pfeilen. Die Verwegensten liefen zu

den Elefanten, um ihnen die Rüssel abzuschlagen. Es gelüstete sie nach

Elfenbein.

Inzwischen waren balearische Schleuderer, um gemächlicher plündern zu

können, um die Ecke des Palastes gelaufen. Sie stießen auf ein hohes

Gitter aus indischem Rohr, durchschnitten die Riemen des

verschlossenen Tores mit ihren Dolchen und befanden sich nun unter der

Karthago zugewandten Palastfront in einem zweiten Garten mit

verschnittenen Hecken. Lange Reihen dicht aneinander gepflanzter

weißer Blumen beschrieben hier auf dem azurblauen Boden weite Bogen

gleich Sternenketten. Die dunkeln Gebüsche hauchten schwüle Honigdüfte

aus. Mit Zinnober bestrichene Baumstümpfe schimmerten wie blutige

Säulen. In der Mitte des Gartens trugen zwölf kupferne Träger je eine

große Glaskugel, in deren Rundungen bizarre rötliche Lichter spielten;

sie glichen riesigen, lebendigen, zuckenden Augäpfeln. Die Söldner

leuchteten mit Pechfackeln, indes sie über den abschüssigen und tief

umgegrabenen Boden stolperten. Da erblickten sie einen Weiher, der

durch Wände von blauen Steinen in mehrere Becken zerlegt war. Das

Wasser war so klar, daß das Licht der Fackeln bis auf den Grund fiel

und auf einem Bett von weißen Steinen und Goldstaub zitterte. Das

Wasser begann zu schäumen. Sprühende Funken glitten durch die Flut,

und große Fische, die Edelsteine am Maule trugen, tauchten zur

Oberfläche empor.

Die Söldner steckten ihnen unter lautem Gelächter die Finger in die

Kiemen und trugen sie zu ihren Tischen.

Es waren die Fische der Barkiden. Sie stammten sämtlich von jenen

Urquappen ab, die das mystische Ei ausgebrütet hatten, aus dem die

Göttin entstanden war. Der Gedanke, einen gottlosen Frevel zu begehen,

reizte die Begierde der Söldner. Flugs machten sie Feuer unter ehernen

Becken und ergötzten sich daran, die schönen Fische im kochenden

Wasser zappeln zu sehen.

Die Söldner schoben und drängten sich. Sie hatten keine Furcht mehr.

Von neuem begannen sie zu zechen. Die Salben, die ihnen von der Stirn

trieften, flossen in schweren Tropfen auf ihre zerrissenen

Waffenröcke. Sie stemmten beide Ellbogen auf die Tische, die ihnen wie

Schiffe zu schwanken schienen, und schauten mit stieren, trunkenen

Blicken umher, um wenigstens mit den Augen zu verschlingen, was sie

nicht mitnehmen konnten. Andre stampften mitten unter den Schüsseln

auf den purpurnen Tischdecken herum und zertrümmerten mit Fußtritten

die Elfenbeinschemel und die tyrischen Glasgefäße. Gesänge mischten

sich in das Röcheln der Sklaven, die zwischen den Scherben der

Trinkgefäße ihr Leben aushauchten. Man forderte Wein, Fleisch, Gold.

Man schrie nach Weibern. Man phantasierte in hundert Sprachen. Einige

glaubten sich im Dampfbade wegen des Brodems, der sie umwogte. Andre

wähnten sich beim Anblick des Laubwerks auf der Jagd und stürmten auf

ihre Gefährten ein wie auf Wild. Das Feuer sprang von Baum zu Baum,

und die hohen grünen Massen, aus denen lange weiße Rauchkringel

emporstiegen, sahen wie Vulkane aus, die zu qualmen beginnen. Das

Geschrei nahm zu. Im Dunkeln brüllten die verwundeten Löwen.

Mit einem Schlage erhellte sich die oberste Terrasse des Palastes. Die

Mitteltür tat sich auf, und eine weibliche Gestalt, Hamilkars Tochter,

in einem schwarzen Gewande, erschien auf der Schwelle. Sie stieg die

erste Treppe hinab, die schräg vom obersten Stockwerk abwärts lief,

dann die zweite, die dritte. Auf der untersten Terrasse, am oberen

Ende der Freitreppe mit den Schiffsschnäbeln, blieb sie stehen.

Unbeweglich und gesenkten Hauptes schaute sie auf die Soldaten hinab.

Hinter ihr standen zu beiden Seiten zwei lange Reihen bleicher Männer

in weißen rotgesäumten Gewändern, die in senkrechten Falten bis auf

die Füße herabwallten. Sie hatten weder Bärte noch Haare noch Brauen.

In ringfunkelnden Händen trugen sie riesige Lyren, und mit gellenden

Stimmen sangen sie einen Hymnus auf Karthagos Göttlichkeit. Es waren

die Eunuchenpriester aus dem Tempel der Tanit, die Salambo des öfteren

in ihr Haus berief.

Salambo stieg die Galeerentreppe hinunter. Die Priester folgten. Dann

schritt sie die Zypressenallee hin, langsam, zwischen den Tischen der

Hauptleute, die ein wenig zur Seite rückten, als sie vorüberging.

Ihr Haar war mit einer Art violetten Staubes gepudert und nach der

Sitte der kanaanitischen Jungfrauen hochgetürmt. Es ließ sie größer

erscheinen, als sie wirklich war. An den Schläfen festgesteckte

Perlenschnüre hingen bis an die Winkel ihres Mundes herab, der wie ein

aufgesprungener Granatapfel glühte. Auf der Brust trug sie einen

Schmuck aus blitzenden Edelsteinen, bunt wie das Schuppenkleid einer

Muräne. Ihre diamantgeschmückten Arme traten nackt aus der ärmellosen

schwarzen Tunika hervor, die mit roten Blumen bestickt war. Zwischen

den Knöcheln trug sie ein goldnes Kettchen, das ihre Schritte regelte,

und ihr weiter dunkelpurpurner Mantel aus fremdländischem seltenen

Stoffe schleppte hinter ihr her.

Von Zeit zu Zeit griffen die Priester auf ihren Leiern halb erstickte

Akkorde, und wenn diese Musik schwieg, vernahm man das leise Geklirr

des Goldkettchens und das taktmäßige Klappen der Papyrussandalen

Salambos.

Niemand kannte sie bis dahin. Man wußte nur, daß sie zurückgezogen in

frommer Andacht lebte. Soldaten hatten sie manchmal nachts auf dem

flachen Dache des Palastes gesehen, wie sie zwischen den Wirbeln

qualmender Räucherpfannen vor den Sternen auf den Knien lag. Der

Mondschein hatte sie blaß gemacht, und etwas Göttliches umwob sie wie

leiser Duft. Ihre Augen schienen über das Irdische hinweg in weite

Fernen zu schauen. Gesenkten Hauptes schritt sie dahin, in der Rechten

eine kleine Lyra aus Ebenholz.

»Tot! Alle tot!« hörte man sie murmeln. »Nie mehr werdet ihr, meinem

Rufe gehorsam, zu mir eilen wie einst, wenn ich am Rande des Wassers

saß und euch Melonenkerne zuwarf. Der Tanit Geheimnis kreiste auf dem

Grunde eurer Augen, die klarer waren als die Wasserblasen der Ströme.«

Und sie rief sie bei ihren Namen, den Namen der Monate: »Sivan,

Thammus, Elul, Tischri, Schebar ... O Göttin, erbarme dich meiner!«

Die Söldner umdrängten sie, ohne ihre Rede zu verstehen. Sie staunten

ihren Schmuck an. Salambo aber ließ einen langen erschrockenen Blick

über die Menge gleiten, zog dann den Kopf zwischen die Schultern und

rief, indem sie die Arme erhob, mehrere Male:

»Was habt ihr getan! Was habt ihr getan! Hattet ihr nicht Brot und

Fleisch und Öl und alles Malobathron aus den Speichern, um euch zu

erlaben? Aus Hekatompylos hatte ich Ochsen kommen lassen. Jäger hatte

ich in die Wüste geschickt ...« Ihre Stimme schwoll an, ihre Wangen

röteten sich. »Wo seid ihr denn hier? In einer eroberten Stadt oder im

Schlosse eines Herrschers? Und welches Herrschers? Meines Vaters, des

Suffeten Hamilkar, des Dieners der Götter! Er war es, der sich

weigerte, eure Waffen dem Lutatius auszuliefern, eure Waffen, an denen

jetzt das rote Blut seiner Sklaven klebt! Kennt ihr einen in euern

Heimatlanden, der besser Schlachten zu lenken weiß? Schaut empor! Die

Treppenstufen unsres Schlosses strotzen von den Zeichen unsrer Siege.

Fahrt nur fort! Verbrennt es! Ich werde den Genius meines Hauses mit

mir nehmen, meine schwarze Schlange, die da oben auf Lotosblättern

schlummert. Ich pfeife, und sie wird mir folgen. Und wenn ich in die

Galeere steige, wird sie im Kielwasser meines Schiffs auf dem Schaume

der Wogen hinter mir hereilen ...«

Ihre feinen Nasenflügel bebten. Sie zerbrach ihre Fingernägel an den

Juwelen auf ihrer Brust. Der Glanz ihrer Augen ermattete. Abermals

begann sie:

»O, armes Karthago! Beweinenswerte Stadt! Du hast zu deinem Schutze

nicht mehr die Helden der Vorzeit, die über die Ozeane schifften, um

an fernen Küsten Tempel zu erbauen! Alle Länder arbeiteten für dich,

und die Meeresfläche, von deinen Rudern gepflügt, wiegte deine Beute!«

Dann begann sie von den Abenteuern Melkarths zu singen, des Gottes der

Sidonier und des Ahnherrn ihres Hauses.

So erzählte sie von der Besteigung der ersiphonischen Berge, von der

Fahrt nach Tartessus und dem Krieg gegen die Masisabal, um die Königin

der Schlangen zu rächen.

»Er verfolgte im Walde die Unholdin, deren Schweif sich über das dürre

Laub schlängelte wie ein silberner Bach. Und er kam auf eine Wiese, wo

Frauen auf den Flossen ihrer Drachenleiber um ein großes Feuer

standen. Der Mond, rot wie Blut, leuchtete in einem bleichen

Lichtkreis, und ihre scharlachroten Zungen, wie Fischerharpunen

gespalten, schnellten gierig bis an die Flammen ...«

Ohne innezuhalten, berichtete Salambo, wie Melkarth die Masisabal

bezwang und ihr abgeschlagenes Haupt am Bug seines Schiffes

befestigte. »Bei jedem Schlage der Wellen tauchte es in den Schaum!

Doch die Sonne balsamierte es ein, und es ward härter denn Gold. Die

Augen aber hörten nicht auf zu weinen, und die Tränen rollten

beständig in das Meer ...«

Das alles sang Salambo in einer alten kanaanitischen Mundart, die

keiner der Barbaren verstand. Sie fragten sich, was sie ihnen mit den

furchtbaren Gebärden, die ihren Gesang begleiteten, wohl sagen wollte.

Aber sie lauschten ihr, indem sie auf die Tische, die Liegebänke und

in die Äste der Sykomoren stiegen, mit offenem Mund und vorgestrecktem

Kopfe, und mühten sich, die geheimnisvolle Sage zu fassen. Das Dunkel,

das über dem Ursprung der Götter liegt, wallte vor ihrer Phantasie,

wie Gespenster in den Wolken.

Nur die bartlosen Priester verstanden Salambo. Ihre welken Hände

hingen zitternd in den Saiten der Leiern und entlockten ihnen von Zeit

zu Zeit einen dumpfen Akkord. Schwächer als alte Weiber, bebten sie

gleichzeitig in mystischen Schauern und in Furcht vor den Kriegern.

Die Barbaren achteten ihrer nicht. Sie lauschten dem Gesange der

Jungfrau.

Keiner aber sah sie so unverwandt an wie ein junger numidischer

Häuptling, der am Tische der Hauptleute unter den Soldaten seines

Volkes saß. Sein Gürtel starrte dermaßen von Wurfspießen, daß er unter

dem weiten Mantel, der mit einem Lederriemen um seine Schläfen

befestigt war, einen Höcker bildete. Der Mantel bauschte sich auf

seinen Schultern und beschattete sein Gesicht, so daß man nur das

Feuer seiner beiden starren Augen gewahrte. Er wohnte zufällig dem

Feste bei. Es war Brauch, daß die afrikanischen Fürsten, um Bündnisse

anzuknüpfen, ihre Kinder in punische Patrizierhäuser schickten. So

ließ ihn sein Vater in der Familie Barkas leben. Doch Naravas hatte

Salambo in den sechs Monden seines Aufenthalts noch keinmal zu Gesicht

bekommen. Jetzt nun, auf den Fersen hockend, den Bart in den Schäften

seiner Wurfspieße vergraben, blickte er auf sie mit geblähten Nüstern,

wie ein Leopard, der im Bambusdickicht kauert.

Auf der andern Seite des Tisches saß ein Libyer von riesenhaftem

Wuchse, mit kurzem schwarzem Kraushaar. Er trug nichts als seinen

Küraß, dessen eherne Schuppen den Purpurstoff des Polsters

aufschlitzten. Ein Halsband aus silbernen Monden verwickelte sich in

die Zotteln seiner Brust. Blutspritzer befleckten sein Antlitz. Auf

den linken Ellbogen gestützt, lächelte er mit weit geöffnetem Munde.

Salambo hatte den heiligen Sang beendet. Aus weiblichem Feingefühl

redete sie nun die Barbaren in ihren eigenen Sprachen an, um ihren

Zorn zu besänftigen. Zu den Griechen sprach sie griechisch, dann

wandte sie sich zu den Ligurern, den Kampanern und Negern. Ein jeder,

der sie so verstand, fand in ihrer Stimme die süßen Laute seiner

Heimat wieder.

Von der Erinnerung an Karthagos Vergangenheit begeistert, sang sie nun

von den alten Schlachten gegen Rom. Man klatschte ihr Beifall. Sie

berauschte sich am Glanze der nackten Schwerter. Sie schrie, die Arme

weit geöffnet. Die Lyra entfiel ihr. Sie verstummte ...

Indem sie beide Hände gegen ihr Herz preßte, stand sie eine Weile mit

geschlossenen Augenlidern da und weidete sich an der Erregung aller

der Männer vor ihr.

Matho, der Libyer, neigte sich zu ihr hin. Unwillkürlich trat sie auf

ihn zu und füllte, von ihrem befriedigten Ehrgeiz getrieben, eine

goldene Schale mit Wein. Dies sollte sie mit dem Heere versöhnen.

»Trink!« gebot sie.

Er ergriff die Schale und führte sie zum Munde, als ein

Gallier--jener, den Gisgo niederschlagen hatte--ihm auf die Schulter

klopfte und mit vergnügter Miene einen Scherz in seiner Muttersprache

machte. Spendius stand in der Nähe. Er bot sich als Dolmetsch an.

»Rede!« sprach Matho.

»Die Götter sind dir gnädig! Du wirst reich werden! Wann ist die

Hochzeit?«

»Was für eine Hochzeit?«

»Deine!« entgegnete der Gallier. »Wenn nämlich bei uns ein Weib einem

Krieger einen Trunk spendet, so bietet sie ihm damit ihr Bett an.«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Naravas aufsprang, einen

Wurfspieß aus seinem Gürtel riß, den rechten Fuß auf den Tischrand

stemmte und die Waffe gegen Matho schleuderte.

Sausend pfiff der Speer zwischen den Schalen hin, durchbohrte den Arm

des Libyers und nagelte ihn mit solcher Wucht an die Tischplatte, daß

der Schaft in der Luft vibrierte.

Matho riß ihn rasch heraus. Doch er war ohne Waffen und nackt. Da hob

er mit beiden Armen den beladenen Tisch hoch und schleuderte ihn gegen

Naravas, mitten in die Menge, die sich dazwischenwarf. Die Söldner und

die Numidier standen so dicht, daß sie ihre Schwerter nicht ziehen

konnten. Matho brach sich Bahn, indem er gewaltsam mit dem Kopfe gegen

die Menge stieß. Als er wieder aufblickte, war Naravas verschwunden.

Er suchte ihn mit den Augen. Auch Salambo war fort.

Da wandte er den Blick nach dem Schlosse und bemerkte, wie sich ganz

oben die rote Tür mit dem schwarzen Kreuze eben schloß. Er stürzte

hinauf.

Man sah ihn zwischen den Schiffsschnäbeln laufen, dann auf den drei

schrägen Treppen hinaufeilen und schließlich oben gegen die rote Tür

mit der Wucht seines ganzen Körpers anrennen. Schwer atmend lehnte er

sich an die Mauer, um nicht umzusinken.

Ein Mann war ihm nachgefolgt, und in der Dunkelheit--der Lichterschein

des Festes wurde durch die Ecke des Palastes abgeschnitten--erkannte

er Spendius.

»Weg!« rief Matho.

Ohne etwas zu erwidern, begann der Sklave seine Tunika mit den Zähnen

zu zerreißen. Dann kniete er neben Matho nieder, faßte behutsam dessen

Arm und befühlte ihn, um im Dunkeln die Wunde zu finden.

Ein Mondstrahl glitt aus einer Wolkenspalte, und Spendius erblickte in

der Mitte des Armes eine klaffende Wunde. Er verband sie mit dem Stück

Stoff. Doch der andre rief zornig:

»Laß mich! Laß mich!«

»Nein, nein!« antwortete der Sklave. »Du hast mich aus dem Kerker

befreit. Ich bin dein, und du bist mein Gebieter! Befiehl!«

Matho tastete sich an der Mauer hin, die ganze Terrasse entlang. Bei

jedem Schritte horchte er auf und tauchte seinen Blick durch die

vergoldeten Gitterstäbe hinein in die stillen Gemächer. Endlich blieb

er verzweifelt stehen.

»Höre!« redete der Sklave ihn an. »Verachte mich nicht wegen meiner

Armseligkeit! Ich habe in diesem Palast gelebt. Wie eine Schlange kann

ich durch die Mauern schlüpfen. Komm! In der Ahnengruft liegt ein

Goldbarren unter jeder Steinfliese. Ein unterirdischer Gang führt zu

den Gräbern ...«

»Was kümmert das mich!« antwortete Matho.

Spendius schwieg.

Sie standen auf der Terrasse. Eine ungeheure Schattenmasse breitete

sich vor ihnen in phantastischer Gliederung aus, wie die gigantischen

Wogen eines schwarzen versteinerten Meeres.

Da glühte im Osten ein lichter Streifen auf. Und tief unten begannen

die Kanäle von Megara mit ihren silbernen Windungen im Grün der Gärten

aufzublitzen. Allmählich reckten die kegelförmigen Dächer der

siebenseitigen Tempel, die Treppen, Terrassen und Wälle ihre Umrisse

aus dem bleichen Morgengrau heraus. Rings um die karthagische

Halbinsel brodelte ein weißer Schaumgürtel. Das smaragdgrüne Meer

schlief noch in der Morgenfrische. Je höher die Röte am Himmel

emporstieg, um so deutlicher wurden die hohen Häuser, die sich an die

Hänge klammerten oder wie eine zu Tal ziehende Herde schwarzer Ziegen

abwärts drängten. Die menschenleeren Straßen schienen endlos lang.

Palmen, die hier und da die Mauern überragten, standen regungslos. Die

bis an den Rand gefüllten Zisternen in den Höfen glichen silbernen

dort liegen gelassenen Schilden. Das Leuchtturmfeuer auf dem

hermäischen Vorgebirge glimmte nur noch. Im Zypressenhain oben auf dem

Burgberge setzten die Rosse Eschmuns, des Tages Nahen witternd, ihre

Hufe auf die Marmorbrüstung und wieherten der Sonne entgegen.

Sie tauchte auf. Spendius erhob die Arme und stieß einen Schrei aus.

Alles war von Rot überflutet. Der Gott goß wie in Selbstopferung den

Goldregen seines Blutes in vollen Strömen über Karthago aus. Die

Schnäbel der Galeeren blitzten, das Dach des Khamontempels schien ein

Flammenmeer, und im Innern der andern Tempel, deren Pforten sich nun

auftaten, schimmerten matte Lichter. Große Karren, die vom Lande

hereinkamen, rollten und rasselten über das Straßenpflaster.

Dromedare, mit Ballen beladen, schwankten die Abhänge hinab. Die

Wechsler in den Gassen spannten die Schutzdächer über ihren Läden auf.

Störche flogen dahin. Weiße Segel flatterten. Im Haine der Tanit

erklangen die Schellentrommeln der geheiligten Hetären, und auf der

Höhe der Mappalierstraße begann der Rauch aus den Öfen zu wirbeln, in

denen die Tonsärge gebrannt wurden.

Spendius beugte sich über das Geländer. Seine Zähne schlugen

aufeinander.

»Ja ... ja ... Herr!« wiederholte er mehrmals. »Ich begreife, warum du

soeben vom Plündern des Hauses nichts wissen wolltest!«

Matho erwachte beim Zischen dieser Stimme wie aus einem Traume.

Offenbar hatte er die Worte nicht verstanden.

»Ach, was für Reichtümer!« hob Spendius von neuem an. »Und ihre

Besitzer haben nicht einmal Schwerter, sie zu verteidigen!«

Dann wies er mit der ausgestreckten Rechten auf ein paar Leute aus dem

niedern Volke, die auf dem Sande vor dem Hafendamm herumkrochen und

Goldkörner suchten.

»Sieh!« sagte er. »Die Republik gleicht diesen Schelmen. An den

Gestaden der Meere hockend, wühlt sie mit gierigen Händen in allen

Landen. Das Rauschen der Wogen betäubt ihr Ohr, und sie hört nichts;

auch nicht wenn ihr von rückwärts der Tritt eines Herrschers nahte!«

Damit zog er Matho nach dem andern Ende der Terrasse und zeigte ihm

den Park, wo die Schwerter der Söldner an den Bäumen hingen und in der

Sonne glänzten.

»Hier aber sind starke Männer voll grimmigsten Hasses, die nichts an

Karthago fesselt: keine Familie, keine Pflicht, kein Gott!«

Matho stand an die Mauer gelehnt. Spendius trat dicht an ihn heran und

fuhr mit flüsternder Stimme fort:

»Verstehst du mich, Kriegsmann? In Purpurmänteln könnten wir

einhergehen wie Satrapen. Uns in Wohlgerüchen baden. Ich hätte dann

selber Sklaven! Bist du's nicht müde, auf harter Erde zu schlafen, den

sauren Wein der Marketender zu trinken und ewig Trompetensignale zu

hören? Später willst du dich ausruhen, nicht wahr? Wenn man dir den

Küraß vom Leibe reißt und deinen Leichnam den Geiern vorwirft! Oder

vielleicht, wenn du blind, lahm und altersschwach am Stabe

einherschleichst, von Tür zu Tür, und kleinen Kindern und Hausierern

von deinen Jugendträumen erzählst! Erinnere dich all der Schindereien

deiner Vorgesetzten, der Biwaks im Schnee, der Märsche im

Sonnenbrande, der Härte der Manneszucht und des stets drohenden Todes

am Kreuze! Nach so vielen Leiden hat man dir einen Orden verliehen,

just wie man den Eseln ein Schellenhalsband umhängt, um sie auf dem

Marsche einzulullen, damit sie die Strapazen nicht merken! Ein Mann

wie du, tapferer als Pyrrhus! Ach, wenn du nur wolltest! Ha! Wie wohl

wäre dir zumute in einem hohen kühlen Saale bei Leierklang, auf einem

Blumenlager, von Narren und Frauen umringt! Sag nicht, das seien

Phantastereien! Haben die Söldner nicht schon Rhegium und andre feste

Plätze Italiens besessen? Wer hindert dich? Hamilkar ist weit. Das

Volk verabscheut die Patrizier. Gisgo vermag mit seinen Feiglingen

nichts anzufangen! Du aber bist tapfer! Dir werden sie gehorchen.

Führe du sie! Karthago ist unser! Erobern wir es!«

»Nein!« sprach Matho. »Molochs Fluch lastet auf mir. Ich hab es in den

Augen der Einzigen gelesen, und eben ist in einem Tempel ein schwarzer

Widder vor mir zurückgewichen ... Wo ist sie?« fügte er hinzu, indem

er sich umschaute.

Spendius begriff, daß den Libyer eine ungeheure innere Erregung

quälte. Er wagte nicht weiter zu reden.

Die Bäume hinter ihnen glimmten noch. Aus verkohlten Zweigen fielen hin

und wieder halbverbrannte Affenknochen in die Schüsseln hinab. Die

trunkenen Söldner schnarchten mit offenem Munde neben den Leichen, und

die nicht schliefen, senkten das Haupt, geblendet vom Morgensonnenlicht.

Auf dem zerstampften Boden starrten große Blutlachen. Die Elefanten in

ihren Pfahlgehegen schwenkten die blutigen Rüssel hin und her. In den

offenen Speichern lag das Getreide ausgeschüttet, und unter dem Tor

stand ein Wirrwarr von Karren, von den Barbaren ineinandergefahren. Die

Pfauen auf den Zedernästen entfächerten ihre Schweife und begannen zu

schreien.

Mathos Unbeweglichkeit setzte Spendius in Staunen. Der Libyer war noch

bleicher denn zuvor und verfolgte, beide Fäuste auf die Terrassenmauer

gestützt, mit starrem Blick etwas am Horizont. Spendius beugte sich

vor und entdeckte endlich, was jener betrachtete. Ein goldner Punkt

rollte in der Ferne im Staub auf der Straße nach Utika. Es war die

Radnabe eines mit zwei Maultieren bespannten Gefährts. Ein Sklave lief

an der Spitze der Deichsel und hielt die Tiere an den Trensen. Auf dem

Wagen saßen zwei Frauen. Die Schöpfe der Tiere standen nach persischer

Sitte kammartig hoch zwischen den Ohren unter einem Netz von blauen

Perlen. Spendius erkannte die Insassen. Er unterdrückte einen

Aufschrei.

Ein langer Schleier flatterte im Winde hinterdrein.

II

In Sikka

Zwei Tage später verließen die Söldner Karthago. Man hatte einem jeden

ein Goldstück gezahlt, unter der Bedingung, daß sie ihr Standquartier

nach Sikka verlegten. Auch hatte man ihnen allerlei Schmeicheleien

gesagt:

»Ihr seid die Retter Karthagos! Doch ihr würdet es in Hungersnot

bringen, wenn ihr hier bliebet. Ihr machtet es zahlungsunfähig.

Marschiert ab! Die Republik wird euch einstens für diese

Willfährigkeit Dank wissen. Wir werden unverzüglich Steuern erheben.

Euer Sold soll euch auf Heller und Pfennig ausgezahlt werden. Dazu

wird man Galeeren ausrüsten, die euch in eure Heimat zurückbringen.«

Sie wußten nicht, was sie auf solchen Wortschwall erwidern sollten.

Zudem langweilte die kriegsgewohnten Männer der Aufenthalt in der

Stadt. Und so waren sie ohne große Mühe zu überreden. Das Volk stieg

auf die Mauern, um sie abziehen zu sehen.

Der Abmarsch erfolgte durch die Khamonstraße und das Kirtaer Tor. Bunt

durcheinander zogen sie ab: leichte Bogenschützen neben

Schwerbewaffneten, Offiziere neben Gemeinen, Lusitanier neben

Griechen. Stolzen Schritts marschierten sie vorbei und ließen ihre

schweren Stahlstiefel auf dem Pflaster klirren. Ihre Rüstungen trugen

Beulen von Katapultgeschossen, und ihre Gesichter waren vom

Schlachtenbrand geschwärzt. Rauhe Rufe drangen aus ihren dichten

Bärten. Ihre zerfetzten Panzerhemden klapperten über den

Schwertergriffen, und durch die Löcher im Erz sah man ihre nackten

Glieder, drohend wie Geschütz. Die langen Lanzen, die Streitäxte, die

Speere, die Filzhauben und ehernen Helme, alles wogte im Takt in

gleicher Bewegung. Die Straße war von dem Zuge derartig angefüllt, daß

die Mauern dröhnten. Zwischen den hohen sechsstöckigen Häusern, die

mit Asphalt getüncht waren, wälzte sich der Strom der gewappneten

Krieger hin. Hinter den Fenstergittern aus Eisen oder Rohr saßen

verschleierte Frauen und sahen schweigend dem Vorbeimarsch der

Barbaren zu.

Terrassen, Festungswälle, Mauern, alles verschwand unter der Masse der

schwarz gekleideten Karthager. Die Jacken der Matrosen leuchteten in

dieser dunklen Menge wie Blutflecke. Halbnackte Kinder, auf deren

blendender Haut sich kupferne Armringe abhoben, schrien von den

Blattornamenten der Säulen und von den Zweigen der Palmen herab.

Mehrere der »Alten« hatten sich auf die flachen Dächer der Türme

gestellt, aber man wußte nicht, warum diese langbärtigen Gestalten in

bestimmten Abständen so nachdenklich dort oben wachten. Von weitem

gesehen, hoben sie sich vom Hintergrunde des Himmels unheimlich wie

Gespenster ab und unbeweglich wie Steinbilder.

Alle bedrückte die gleiche Besorgnis: man fürchtete, die Barbaren

könnten, da sie sich so stark sahen, auf den Einfall kommen, bleiben

zu wollen. Doch sie zogen so vertrauensselig ab, daß die Karthager Mut

schöpften und sich zu den Söldnern gesellten. Man überhäufte sie mit

Beteuerungen und Freundschaftsbezeugungen. Einige redeten ihnen sogar

aus übertriebener Berechnung und verwegener Heuchelei zu, die Stadt

nicht zu verlassen. Man warf ihnen Parfümerien, Blumen und Geldstücke

zu. Man schenkte ihnen Amulette gegen Krankheiten, hatte aber vorher

dreimal darauf gespien, um den Tod herbeizubeschwören, oder

Schakalhaare hineingetan, die das Herz feig machen. Laut rief man

Melkarths Segen auf die Abziehenden herab, leise indessen seinen

Fluch.

Es folgte das Gewirr des Trosses, der Lasttiere und Nachzügler. Kranke

saßen stöhnend auf Dromedaren. Andre hinkten vorüber, auf einen

Lanzenstumpf gestützt. Trunkenbolde schleppten Weinschläuche mit sich,

Gefräßige Fleisch, Kuchen, Früchte, Butter in Feigenblättern, Eis in

Leinwandsäcken. Etliche sah man mit Sonnenschirmen in der Hand und

Papageien auf den Schultern. Andre wurden von Hunden, Gazellen und

Panthern begleitet. Frauen libyschen Stammes ritten auf Eseln. Sie

verhöhnten die Negerweiber, die den Soldaten zuliebe die Bordelle von

Malka verlassen hatten. Manche säugten Kinder, die in Ledertragen an

ihren Brüsten hingen. Die Maultiere, die man mit den Schwertspitzen

anstachelte, vermochten die Last der ihnen aufgepackten Zelte kaum zu

erschleppen. Ein Schwarm Knechte und Wasserträger, hager, fiebergelb

und voller Ungeziefer, die Hefe des karthagischen Pöbels, hängte sich

den Barbaren an.

Als alle hinaus waren, schloß man die Tore. Das Volk blieb auf den

Mauern. Der Söldnerzug füllte alsbald die ganze Breite der Landenge.

Er teilte sich in ungleiche Haufen. Die Lanzen sahen nur noch wie hohe

Grashalme aus. Schließlich verlor sich alles in Staubwolken. Wenn von

den Söldnern einer nach Karthago zurückblickte, sah er nichts denn die

langen Mauern, deren verlassene Zinnen in den Himmel schnitten.

Plötzlich vernahmen die Barbaren lautes Geschrei. Da sie nicht einmal

wußten, wie viele ihrer waren, dachten sie, daß einige von ihnen in

der Stadt zurückgeblieben seien und sich das Vergnügen machten, einen

Tempel zu plündern. Diese Vermutung belustigte sie, und sie setzten

ihren Marsch fort. Sie freuten sich, wieder wie einst die weite Ebene

gemeinsam zu durchziehen. Die Griechen stimmten den alten Sang der

Mamertiner an:

»Mit meiner Lanze und meinem Schwert pflüg ich und ernt ich. Ich bin

der Herr des Hauses. Der Waffenlose fällt mir zu Füßen und nennt mich

Herr und Großkönig.«

Sie schrien und hüpften. Die Lustigsten fingen an Geschichten zu

erzählen. Die Zeiten der Not waren vorüber. Als man Tunis erreichte,

bemerkten einige, daß ein Fähnlein balearischer Schleuderer fehlte.

»Die werden nicht weit sein! Sicherlich!« Weiter gedachte man ihrer

nicht.

Die einen suchten Unterkunft in den Häusern, die andern kampierten am

Fuße der Mauern. Die Leute aus der Stadt kamen heraus und plauderten

mit den Soldaten.

Die ganze Nacht hindurch sah man am Horizont in der Richtung auf Karthago

Feuer brennen. Der Lichtschein--wie von Riesenfackeln--spiegelte sich auf

dem regungslos liegenden Haff. Keiner im Heere wußte zu sagen, welches

Fest man dahinten feierte.

Am nächsten Tag durchzogen die Barbaren eine allenthalben bebaute

Gegend. An der Straße folgten die Meierhöfe der Patrizier, einer auf

den andern. Durch Palmenhaine rannen Wassergräben. Olivenbäume standen

in langen grünen Reihen. Rosiger Duft schwebte über dem Hügelland.

Dahinter dämmerten blaue Berge. Ein heißer Wind ging. Chamäleons

schlüpften über die breiten Kaktusblätter.

Die Barbaren verlangsamten ihren Marsch.

Sie zogen in Abteilungen oder schlenderten einzeln in weiten Abständen

voneinander hin. Man pflückte sich Trauben am Rande der Weinberge. Man

streckte sich ins Gras und betrachtete erstaunt die mächtigen,

künstlich gewundenen Hörner der Ochsen, die zum Schutze ihrer Wolle

mit Häuten bekleideten Schafe, die Bewässerungsrinnen, die sich in

Rhombenlinien kreuzten, die Pflugschare, die Schiffsankern glichen,

und die Granatbäume, die mit Silphium gedüngt waren. Die Üppigkeit des

Bodens und die Erfindungen kluger Menschen kamen allen wunderbar vor.

Am Abend streckten sie sich auf die Zelte hin, ohne sie aufzuschlagen.

Das Gesicht den Sternen zugekehrt, schliefen sie ein und träumten von

dem Feste in Hamilkars Gärten.

Am Mittag des dritten Tages machte man in den Oleanderbüschen am

Gestade eines Flusses halt. Die Soldaten warfen hurtig Lanzen, Schilde

und Bandoliere ab und wuschen sich unter lautem Geschrei, schöpften

die Helme voll Wasser oder tranken, platt auf dem Bauche liegend,

inmitten der Maultiere, denen das Gepäck vom Rücken glitt.

Spendius, auf einem aus Hamilkars Ställen geraubten Dromedare,

erblickte von weitem Matho, der, den Arm in der Binde, barhäuptig und

kopfhängerisch ins Wasser starrte, indes er sein Maultier trinken

ließ. Sofort eilte der Sklave mit dem Rufe: »Herr, Herr!«

schnurstracks durch die Menge auf ihn zu. Matho dankte kaum für den

Gruß. Spendius nahm ihm das nicht übel, begann vielmehr seinen

Schritten zu folgen und warf nur von Zeit zu Zeit einen besorgten

Blick nach Karthago zurück.

Er war der Sohn eines griechischen Lehrers der Redekunst und einer

kampanischen Buhlerin. Anfangs hatte er durch Mädchenhandel Geld

verdient, dann aber, als er bei einem Schiffbruch sein ganzes Vermögen

verloren, hatte er mit den samnitischen Hirten gegen Rom gekämpft. Man

hatte ihn gefangen genommen; er war entflohen. Wiederergriffen, hatte

er in den Steinbrüchen gearbeitet, in den Bädern geschwitzt, unter

Mißhandlungen geschrien, vielfach den Herrn gewechselt und allen

Jammer des Daseins erfahren. Aus Verzweiflung hatte er sich einmal vom

Bord der Triere, auf der er Ruderer war, ins Meer gestürzt. Matrosen

Hamilkars hatten ihn halbtot aufgefischt und nach Karthago ins

Gefängnis von Megara gebracht. Weil die Überläufer an Rom ausgeliefert

werden mußten, hatte er die allgemeine Verwirrung benutzt, um mit den

Söldnern zu entfliehen.

Während des ganzen Marsches blieb er bei Matho. Er brachte ihm zu

essen, half ihm beim Absitzen und breitete nachts eine Decke unter

sein Haupt. Durch diese kleinen Dienste ward Matho schließlich

gerührt, und nach und nach sprach er mit dem Griechen.

Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago · 第 1 / 27 段