So beginnt mit Leibniz in doppelter Beziehung eine Reform der Ethik.

Aus dem neuen Idealismus entspringt eine neue normative Ethik, und

diese wird durch den Normgedanken zur Grundlage einer von sittlichem

Geiste erfüllten Rechtswissenschaft. Leibniz hat kein System der Ethik

geschrieben. Er hat nur an spärlichen Stellen seine ethischen Gedanken

ausgesprochen, aber seine reiferen juristischen Werke sind überall

von diesem Geiste beseelt. Im Hinblick hierauf kann von ihm gesagt

werden, daß er nicht tiefer, aber umfassender das Problem einer reinen

Ethik der Pflicht aufgenommen, als es später Kant zu Ende geführt

hat. Während dieser sein Sittengesetz als eine durchaus individuell

beschränkte Norm hinstellt, fließen in der Dreieinigkeit der Normen

bei Leibniz individuelle Pflicht und sittliche Gebundenheit an die

Gemeinschaft zusammen, und jedes von beiden Pflichtgebieten ordnet sich

dem andern nach dem Wert seiner Bedeutung unter. Mag daher immerhin

Kants »Metaphysische Rechtslehre« als ein Altersprodukt betrachtet

werden, das der Vergangenheit des großen Ethikers kaum würdig ist,

bezeichnend bleibt es doch, daß Kant hier durchaus den Spuren des

alten individualistischen Naturrechts gefolgt ist, während Leibniz

gerade in seinen Äußerungen über das Verhältnis des Einzelnen zur

Gemeinschaft bereits kommende Zeiten vorausverkündet. Dieser Rückgang

der auf Leibniz zunächst folgenden Zeit wird aber daraus verständlich,

daß nicht bloß Kant, sondern dem ganzen Zeitalter, dem er angehörte,

die Ethik und Rechtstheorie Leibnizens beinahe ein verschlossenes Buch

war. Die mangelhafte Kenntnis, die das 18. Jahrhundert von Leibniz

besaß, wie die allgemeine Geistesrichtung dieser Verstandesaufklärung

brachte es mit sich, daß die Idee der Pflicht nur in ihrer individuell

gerichteten Form auf Christian Wolff und seine Schule überging und in

dieser Beschränkung wieder in die Bahnen der alten eudämonistischen

Tugend- und Wohlfahrtsmoral einmündete. Hier hing dann dieser Wandel

des Normbegriffs mit dem andern, folgeschweren des Zweckbegriffs auf

das engste zusammen. Die Leibnizsche Teleologie war eine _immanente_

gewesen. Jeder Teil des Universums, jedes lebende Wesen hat seinen

Zweck in sich selbst. Liegt doch dieser Zweck unmittelbar ausgedrückt

in den Gesetzen aller Erscheinungen von dem Mechanismus der leblosen

Natur bis herauf zu dem Sittengesetz. Bei Wolff und seinen Schülern

hat sich der Zweck in eine den Bedürfnissen des Menschen angepaßte

Weltordnung umgewandelt. Eine solche anthropozentrische Teleologie

war natürlich nur mit einer ebenso ausschließlich individualistischen

Ethik vereinbar, und es bildet gegenüber dieser Veräußerlichung der

deutschen Aufklärungsmoral immerhin ein Verdienst, daß sie sich auch

in ihrer Beschränkung so ernst um das Problem der Pflicht bemüht, das

in ihr mehr und mehr als die Zentralfrage der Philosophie hervortritt.

Wenn Wolff auf das eindringlichste die »Selbstvervollkommnung« als

die höchste aller Pflichten hinstellt, so liegt darin ebenso das

Verdienst wie die Schranke dieser individualistischen Pflichtmoral

ausgesprochen. Auch brachte es die Orientierung des Zwecks nach den

Bedürfnissen des Menschen mit sich, daß diese Teleologie wieder in die

Bahnen der theologischen Moral der Scholastik einlenkte, die Leibniz

im Prinzip überwunden hatte. Hier setzt dann Kant ein. Er kehrt zur

Idee des immanenten Zwecks zurück und gründet damit nicht mehr die

Moral auf die Pflicht gegen Gott, sondern den Glauben an Gott auf das

Sittengesetz. Doch rein individualistisch bleibt die Ethik Kants wie

die des ganzen Zeitalters, in welchem die deutsche Pflichtmoral nur

eine ihn vorbereitende Nebenströmung der über ganz Europa verbreiteten

eudämonistischen Nützlichkeitsmoral gewesen war. Den zweiten großen

Schritt, in welchem sich die mit Leibniz beginnende Entwicklung

fortsetzt, den der Gemeinschaftsmoral, hat erst der mit Fichte

beginnende neueste deutsche Idealismus getan.

~d.~ Philosophie und Theologie.

In keinem Jahrhundert ist wohl das Verhältnis der Philosophie zur

Theologie ein vielgestaltigeres gewesen als in dem des großen

Religionskrieges. Mit dem Opfertod Giordano Brunos auf dem

Scheiterhaufen der Inquisition beginnt es, mit dem Auftreten des

englischen Freidenkertums schließt es. Zwiespältig zwischen beiden

stehen die im Lauf des Jahrhunderts auftretenden führenden Philosophen.

Die Schriftsteller, denen Leibniz seine erste Kenntnis der neuen

Philosophie verdankte, Descartes und Gassendi, legten sich in der

Darstellung ihrer materialistischen Naturphilosophie keinen Zwang

auf, aber sie versäumten selten zu versichern, daß sie jederzeit

bereit seien zurückzunehmen, was in ihren Lehren etwa der Kirche

mißfallen sollte. Wohl waren im ganzen die Zeiten vorüber, in denen

das Verhältnis zur Kirche das Schicksal der Philosophen bestimmte,

aber die Macht der Theologie war der Philosophie gegenüber immer noch

die größere. Darum, wer seinen inneren und äußeren Frieden bewahren

wollte, der folgte der Losung Pierre Bayles, des berühmten Skeptikers,

in dem Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen dem Glauben zu folgen

und auf das Wissen zu verzichten, da es eine volle Gewißheit ohnehin

nicht gebe. Freilich, was einmal vorüber ist, das läßt sich nicht

unverändert erneuern, im Glauben so wenig wie im Wissen. Die Wahl, die

Bayle stellt, ist selbst schon auf dem Boden der neuen Wissenschaft

entstanden. Hinter ihr liegt bereits weit jener andere Standpunkt,

auf dem es überhaupt keine Wahl gibt: das ist der der klassischen

Scholastik, für den Theologie und Philosophie eins sind, weil die

Philosophie, soweit man sie als ein gesondertes Gebiet anerkennen

will, nur den Beruf hat, die Glaubenswahrheiten für die Vernunft

einleuchtend zu machen und sie durch die bereits dem natürlichen

Verstande zugänglichen Erkenntnisse zu ergänzen. Für Pierre Bayle gibt

es, nachdem sich nun einmal die neue Wissenschaft gebildet hat, nur

_eine_ Gewißheit: die wissenschaftliche; der Glaube ist ein Werk der

Offenbarung. So ist der Standpunkt Bayles der auf dem Boden der neuen

Wissenschaft folgerichtig zu Ende geführte Nominalismus der Scholastik.

Auch Leibniz war von diesem Nominalismus ausgegangen. Hatte er doch

in seiner Jugendschrift über die Kombinatorik den Aufbau der alten

scholastischen Theologie zur Seite gelassen, um zum rein kosmologischen

Gottesbegriff des Aristoteles zurückzukehren. Ganz anders, nachdem

er auf dem Höhepunkt seiner durch Mathematik und Naturwissenschaft

vermittelten idealistischen Denkweise angelangt ist. Jetzt wird ihm

gerade in der Theologie die klassische Scholastik des 13. Jahrhunderts

zur Führerin, und keine Autorität nennt er häufiger und mit größerer

Anerkennung als die des heil. Thomas. Ja fast geht er in der strengen

Durchführung des Systems der Gottesbeweise weiter als dieser. Es ist

die ganze Skala der scholastischen Kausalbegriffe, die er durchmißt, um

aus jedem eine besondere Grundlage für den Gottesbegriff zu gewinnen.

Vor allem hilft ihm die »~Causa formalis~« zu derjenigen Gestalt des

ontologischen Beweises, in deren rein logischer Fassung er sowohl den

alten Anselmus wie Descartes hinter sich läßt. Jener hatte immerhin

nebenbei, dieser sogar ausschließlich dem psychologischen Motiv der

in uns lebenden Gottesidee seine Bedeutung gewahrt. Leibniz operiert

im Sinne seiner Metaphysik als einer ~a priori~ möglichen Auffassung

des Universums ganz mit den Begriffen des Möglichen und Wirklichen.

Er definiert Gott als den Inbegriff aller Möglichkeiten, dem eben

damit auch Wirklichkeit zukommen müsse. Das ist die berühmte Form

des ontologischen Gottesbeweises, die später Kant benutzt, und von

der man mit Recht gesagt hat, sie sei gar nicht die wirkliche. Kant

hat sie in der Tat weder dem Anselm noch Descartes, sondern Leibniz

entnommen, der sie erst durch ihre völlige Loslösung von dem denkenden

Subjekt zu ihrer abstrakten Höhe erhoben hatte. Neben die »~Causa

formalis~« stellt sich sodann die »~Causa efficiens~«, nach der Gott

als die wirkende Ursache aller Dinge gedacht werden müsse. Es ist

der kosmologische Beweis, den auch noch die Scholastik, selbst der

Nominalismus, fast bis zuletzt neben dem Glaubensprinzip festgehalten

hatte. Der dritte, für Leibniz wichtigste Beweis entspringt aber

aus der »~Causa finalis~«: die Welt ist nach Zwecken geordnet, und

nur ein höchstes geistiges Wesen kann als eine letzte Zweckursache

angenommen werden. »Gott regiert«, so faßt er diesen teleologischen

Beweis zusammen, »die Körper wie ein Techniker seine Maschine nach

den Gesetzen der Mechanik, die Menschen aber wie ein Fürst seine

Bürger nach den Gesetzen der Moral.« Er weist damit auf die beiden

großen Zweckgebiete hin, die er in seiner Philosophie einander

gegenüberstellt: die Naturgesetze und die sittlichen Normen. Er sucht

den kennzeichnenden Unterschied beider durch diese Bilder zu beleuchten

und dabei doch als eine unter dem religiösen Gesichtspunkt einheitliche

Gesetzgebung aufzufassen. Diesen drei Argumenten stellt er endlich,

als eine Art Abwandlung des dritten, das auf die Beziehung zu seiner

Metaphysik hinweist, das der »Harmonie der Welt« zur Seite. Die Welt

ist nicht nur zweckmäßig, sondern sie ist harmonisch, weil jedes

Einzelne nicht bloß seiner eigenen Bestimmung, sondern auch der aller

andern angepaßt ist. Hier liegt die hauptsächlichste Bereicherung, die

Leibniz dem teleologischen Gottesbeweis gegeben, und um derentwillen

noch Kant diesen den ehrwürdigsten genannt hat. Er ist in dieser Form

im 18. Jahrhundert besonders verbreitet gewesen, hat aber auch die

Wurzel jener Abirrung in eine äußerliche anthropozentrische Teleologie

gebildet, die später in der Wolffschen Schule um sich griff, bis sie

durch Kant wieder beseitigt wurde.

Könnte Leibniz angesichts dieses Systems der Gottesbeweise als der

bloße Wiedererneuerer der gesamten vorangegangenen scholastischen

Theologie, insbesondere der klassischen Scholastik angesehen werden, so

gewinnt nun aber diese Behandlung des Gottesproblems eine wesentlich

tiefere Bedeutung im Hinblick auf seine Philosophie. Hier kommt bei

ihm in bevorzugter Weise ein Prinzip zur Geltung, wenn auch freilich

nicht zur folgerichtigen Durchführung, das auch sonst in seinem

Denken eine bedeutende Rolle spielt: wir können es wohl das Prinzip

der _Gleichberechtigung einander ergänzender Standpunkte_ nennen. Es

sind vor allem der philosophische und der theologische Standpunkt,

die bei der Betrachtung der Natur wie des sittlichen Lebens in

diesem Sinne einander ergänzen, zugleich aber auch als Gegensätze

erscheinen können, die erst bei einer tieferen Betrachtung der Dinge

sich aufheben. Nirgends offenbart sich dieses Prinzip deutlicher

als in der Monadologie. Denn aus diesem Ergänzungsprinzip ist das

letzte, vielleicht das entscheidende Motiv des monadologischen

Denkens hervorgegangen. Wohl haben der Infinitesimalbegriff, das

Prinzip der tätigen Kraft, das Selbstbewußtsein als seelische Einheit

ebenfalls wirksame philosophische Motive gebildet, aber entscheidend

für Leibniz war doch, daß kein System so wie das monadologische die

Zusammengehörigkeit des Ganzen zu einer höchsten, die Gottesidee

befriedigenden Einheit in sich schloß. Darum gibt es für den

Grundgedanken, die Harmonie des Universums, zwei Ausdrücke, die

einander gegenüberstehen und doch dasselbe bedeuten: universelle

Harmonie heißt das System philosophisch betrachtet, prästabilierte

heißt es theologisch betrachtet. In streng philosophischen Erörterungen

zieht Leibniz den ersten, in theologischen und in populär religiösen

Schriften den zweiten Ausdruck vor. Dort entschlüpft ihm wohl

gelegentlich das Wort »~Harmonia universalis id est Deus~«, hier

gewinnt durch die Beziehung alles Geschehens auf eine göttliche Fügung

das Universum die Bedeutung eines Schauplatzes unablässiger Tätigkeit

Gottes. In dieser Doppelheit des Ausdrucks lag dann freilich auch der

Anlaß zu einer Abweichung von jenem Prinzip der Gleichwertigkeit, da

unter dem Begriff der prästabilierten Harmonie leicht den Ansprüchen

der Theologie Zugeständnisse gemacht werden konnten, die über das

vom philosophischen Gesichtspunkt der universellen Harmonie aus

Erlaubte weit hinausgingen. Dafür bieten sowohl die Theodizee wie der

theologische Briefwechsel zahlreiche Beweise. Die Neigung, andern

Zugeständnisse zu machen, namentlich in religiösen Dingen, wie nicht

minder die Virtuosität, fremde Gedanken den eigenen anzupassen,

spielen hier nicht selten eine bedenkliche Rolle. Dazu leistet die

Methode der scholastischen Begriffsspaltung eine weitere Hilfe.

Sehen wir aber ab von den Dogmen der Trinität, der Ewigkeit der

Höllenstrafen, der Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl u. a., die

zum Teil bis auf Lessing und Kant herab nach dem Vorbild von Leibniz

Gegenstände philosophischer Erörterungen gebildet haben, so sind es

hier besonders zwei Gesichtspunkte, die unter diesen Zugeständnissen

an die dogmatische Theologie eine gewisse Wirkung auf die Folgezeit

geübt haben: der eine besteht in der aus der Scholastik überkommenen

Unterscheidung des »Widervernünftigen« und des »Übervernünftigen«

zur Erklärung des Wunders, der andere in der wohl von Leibniz selbst

herrührenden Unterscheidung der »metaphysischen« und der »moralischen«

Notwendigkeit zur Erklärung des Übels. Was den ersteren betrifft, so

hat Leibniz höchstens das Verdienst, diese scholastische Distinktion

durch seine Analogie mit einer mathematischen Funktion, die innerhalb

bestimmter Grenzen einen gewissen Verlauf nimmt, darüber hinaus aber

davon abweicht, verdeutlicht, damit aber freilich den Begriff des

Wunders eigentlich überhaupt beseitigt zu haben. Der zweite Gedanke

stammt aus der scholastischen Mystik. Doch durch die Verbindung mit der

ebenfalls echt scholastischen Unterscheidung der metaphysischen und der

moralischen Notwendigkeit hat auch er mehr verloren als gewonnen. Die

Mystiker hatten das Übel als einen zum Heil des Menschen notwendigen

Bestandteil der göttlichen Weltordnung angesehen, da der Weg zum Heil

nur durch Leiden und Prüfungen führen könne. Sie hatten sich damit

vollkommen naiv auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, auf dem auch

der Mensch mit den Vorzügen und Mängeln vorausgesetzt werden muß, die

er tatsächlich besitzt. Die Theodizee, die den Schöpfer deshalb glaubt

rechtfertigen zu sollen, weil er den Menschen nicht von vornherein ohne

Fehl geschaffen hat, gehört bereits einer Zeit reflektierender Skepsis

an, die besser täte daran zu zweifeln, ob eine nach menschlichem

Ermessen absolut vollkommene Welt überhaupt einen ethischen Wert haben

würde. Gleichwohl blieb bei Leibniz jenes Prinzip der Harmonie zwischen

Theologie und Philosophie, nach welchem zwar der Gesichtspunkt der

Betrachtung für jede von beiden ein anderer sei, darum aber doch keiner

dem des anderen widersprechen dürfe, der herrschende Gedanke, und nach

Analogie der Übereinstimmung der universellen und der prästabilierten

Harmonie dachte er sich das Verhältnis von Religion und Wissenschaft

überhaupt. Er ist diesem Programm keineswegs selbst nachgekommen, und

noch mehr ist der Scheinrationalismus der folgenden Zeit infolge der

überhandnehmenden theologisierenden Teleologie ihm untreu geworden.

Doch verlorengegangen ist auch hier der Leibnizsche Gedanke nicht. In

wesentlich anderer Form, aber vielleicht am ehesten in gleichem Geiste

hat Hegel das gleiche Prinzip zu einer leitenden Idee seines Systems

gemacht, wenn er die Religion im Reich der Vorstellungen dasselbe

nannte, was die Philosophie im Reich der Begriffe sei.

IV.

Leibniz und die Zukunft der deutschen Philosophie.

Die deutsche Philosophie ist von Leibniz ausgegangen. Was vor ihm lag,

war nahezu der Vergessenheit anheimgefallen. Wenn er selbst es dereinst

beklagte, in seiner Jugend sei die deutsche Wissenschaft noch in der

Scholastik befangen gewesen, so ist dieses Schicksal vielleicht an

ihm selbst zum Segen geworden. Er ist tiefer als irgend einer seiner

Zeitgenossen wie Nachfolger in die Vergangenheit eingedrungen und hat

aus ihr der neuen Wissenschaft verlorene Schätze wieder zuzuführen

gewußt. So ist seine Philosophie eklektisch und schöpferisch im

höchsten Sinne des Wortes. Niemand wird heute mehr daran denken, seine

Weltanschauung unverändert erneuern zu wollen. Dazu trägt sie allzu

sehr die Spuren seines Zeitalters an sich. Um so mehr lohnt es sich

vielleicht, von diesem kurzen Überblick seiner reichen Gedankenarbeit

ausgehend, noch einmal sich die Hauptmotive zu vergegenwärtigen, die

in ihr zutage treten, und zu deren Fortbildung teils die folgende Zeit

beigetragen, teils aber auch noch Wege offengelassen hat, die weiter

zu verfolgen eine Aufgabe der Zukunft deutscher Philosophie sein

wird. Hier steht in erster Linie seine Neubegründung des Idealismus.

Sie ist in ihrem Aufbau auf der Naturphilosophie und auf der exakten

mathematischen Naturwissenschaft einzig in ihrer Art, und, wenn

nicht alle Anzeichen trügen, so wird ihr noch eine reiche Zukunft

bevorstehen. Ein zweiter für die Zeit epochemachende Gedanke ist die

Idee der Einheit und Harmonie des Universums. Er ist nicht vollkommen

neu wie der vorige, aber Leibniz hat ihn tiefer erfaßt als irgend einer

seiner Vorgänger, und er hat ihm in seinem Gesetz der Kontinuität

eine festere Basis zu geben und ihn dadurch mit dem Grundgedanken

seines Idealismus in Verbindung zu bringen gesucht. Eine Frucht dieser

Verbindung war der Entwicklungsgedanke in seiner Anwendung auf die

organische Natur, die er auf die im letzten Grunde überall gleichzeitig

als mechanische Gesetze und als Zweckgesetze aufzufassenden allgemeinen

Naturgesetze zurückzuführen sucht. Er hat diese Idee in einer

Form theoretisch gestaltet, die an den mangelhaften biologischen

Erkenntnissen des Jahrhunderts scheiterte, aber den Weg zu einer

natürlichen Entwicklungstheorie hat er dem Prinzip nach eingeschlagen.

Über diese Grenze hinaus hat er dann das geistige Leben als ein eng

an das körperliche, das selbst eine Manifestation des geistigen Seins

sei, gebundenes gedacht, um so die Prinzipien zu finden, die, beiden

gemeinsam, notwendig zugleich übereinstimmende sein müßten. Er hat dem

unvermeidlichen Intellektualismus der Zeit seinen Tribut gezollt, indem

er als diese Prinzipien zunächst die logischen Denkgesetze betrachtete,

deren universelle Gültigkeit von niemandem bestritten werde, sodann

aber auf jene großen Zweckgesetze der unorganischen wie der organischen

Welt hinwies, in denen sich die Harmonie des Universums bewähre.

Die zweite, oft übersehene und an sich doch vielleicht noch

bedeutsamere Leistung ist seine Begründung der Moral- und

Rechtsphilosophie. Hier ist er der Schöpfer der kommenden deutschen

Ethik der Pflicht nicht nur, sondern einer auf diese Ethik gegründeten

Auffassung von Recht und Staat. Nicht als ob auch diese Ideen völlig

neue gewesen wären, aber Leibniz hat als der erste die Fundamente

einer weltlichen, auf die eigenste sittliche Natur des Menschen

gegründeten Moral- und Rechtsphilosophie gelegt. Wenn dies übersehen

worden ist, so beruht es zumeist wohl darauf, daß er die damit

verbundene religiöse Betrachtungsweise durchaus in ihrer Berechtigung

anerkennt, daß er sie aber nicht, wie der vorangegangene scholastische

Nominalismus, für die einzige hält, sondern in der Natur des Menschen

selbst ihre unmittelbaren Quellen zu finden sucht. Wenn darum

irgendein Denker den theoretischen Egoismus und seine Nebenform, den

Utilitarismus der Aufklärungszeit, im Prinzip überwunden hat, so ist es

Leibniz gewesen.

Der folgenden deutschen Philosophie sind zunächst unter dem

überwiegenden Einfluß, den die englisch-französische Aufklärung auf

das 18. Jahrhundert und seine populäre Philosophie ausübte, diese von

Leibniz gestreuten fruchtbaren Keime zum großen Teil verlorengegangen.

Nur die Pflichtmoral ist so weit erhalten geblieben, daß in Kant

ihr ein Erneuerer erstehen konnte, der, indem er das Sittengesetz

selbst zum höchsten Gesetz einer übersinnlichen Welt erhob, nach

dieser ethischen Seite den Leibnizschen Gedanken in strengerer, aber

auch beschränkterer Form wieder aufnahm. Schritt für Schritt sind

sodann in der Folgezeit zu einem großen Teil die weiteren Motive des

Leibnizschen Denkens hervorgetreten. Der deutsche Idealismus des

19. Jahrhunderts hat so, ohne freilich selbst davon zu wissen, und

zumeist in veränderter Gestalt die Ideen erneuert, die Leibniz in

seinem Prinzip der universellen Harmonie vereinigt hatte. So ist vor

allem der Gedanke, daß die logischen Gesetze die Welt regieren, in der

späteren Geschichtsphilosophie dieses Idealismus wieder zur Herrschaft

gelangt. Damit ist aber auch die Ethik und Rechtsphilosophie der

Romantik abermals in die Bahnen eingelenkt, die Leibniz beschritten.

Daneben sind schließlich in den positiven Wissenschaften in vielen

Fällen Gedanken wieder lebendig geworden, die in ihm zuerst als

allgemeine Konzeptionen in ihren Anfängen entstanden waren. Das

Prinzip der Erhaltung der Kraft ist das glänzendste, die Einlenkung

naturwissenschaftlicher Hypothesen in eine idealistische Weltanschauung

das interessanteste dieser Beispiele.

Daß ein Gedankensystem, das nach so vielen Seiten mannigfache,

weit über sein eigenes Zeitalter hinausreichende fruchtbare Ideen

hervorbrachte, ein in sich folgerichtiges und widerspruchsloses sei,

wäre auch dann unmöglich, wenn es nicht, wie das Leibnizsche, zumeist

in zerstreuten und zu verschiedenen Zeiten entstandenen Bruchstücken

überliefert, und wenn nicht sein Urheber allzu oft geneigt gewesen

wäre, dem Standpunkt seiner Leser sich anzupassen. Aber auch davon

abgesehen war es unvermeidlich, daß der allgemeine Charakter der

Zeit in den Schriften ihres größten Sohnes seinen Ausdruck fand. So

folgenreich, weit dieser Zeit vorausgreifend der Gedanke war, den

neuen Idealismus auf den Grundlagen der mathematisch-physikalischen

Forschung, dieser seiner früher wie später zumeist hartnäckigsten

Gegnerin, zu errichten, so sah sich doch in den Gesetzen des geistigen

Geschehens, die er als die universellen Weltgesetze nachzuweisen bemüht

war, Leibniz auf die sein Zeitalter beherrschenden Gedanken angewiesen,

und dies waren und blieben schließlich die logischen Denkgesetze. So

wurden ihm einerseits die allgemeinen logischen Axiome, nach denen wir

unsere Begriffe ordnen, anderseits die Zweckprinzipien, unter denen

wir die Erscheinungen der Wirklichkeit zusammenfassen, zu objektiven

Weltgesetzen. Aber woher nahm er, so kann man fragen, die Gewißheit,

daß die Regeln unseres Denkens die Gesetze der Gegenstände selbst sind,

und woraus schöpfte er die Überzeugung, daß diese allgemeinen Denk-

und Zweckprinzipien die unendliche Mannigfaltigkeit des Wirklichen

erschöpfen? Mag man zugeben, jenes Postulat der Übereinstimmung der

Normen des Denkens mit den allgemeinen Bedingungen der Wirklichkeit

sei ein notwendiges, weil auf ihm ebenso die subjektive Entstehung

der Denkgesetze wie die Möglichkeit ihrer objektiven Geltung beruhen

muß, so gehört doch die ganze Einseitigkeit des Intellektualismus

dieser Zeit dazu, um auf die abstrakten Sätze der Identität und des

Widerspruchs und auf ihre Ergänzung durch den »zureichenden Grund« die

ungeheure Mannigfaltigkeit alles Seins und aller Erscheinung begründen

zu wollen. Auch bilden hier die weiter hinzutretenden Zweckbegriffe

um so weniger eine volle Ergänzung, als wiederum dahingestellt

bleibt, ob solche Sätze wie der der Kontinuität oder der Erhaltung

der Kraft wirklich ~a priori~ notwendig sind oder nicht doch erst der

Bestätigung durch die Erfahrung bedürfen. So fruchtbar ferner jene

zum erstenmal von Leibniz einleuchtend dargestellte, der späteren

Kantischen Auffassung ohne Frage überlegene Scheidung der Begriffe

Sein und Erscheinung auch sein mag, so hat ihn doch offenbar wieder

diese Scheidung dazu verführt, auch die allgemeinen Prinzipien des

Denkens und die auf sie gegründeten Wissenschaften in einen Gegensatz

zu bringen, den die wissenschaftliche Logik nicht aufrechterhalten

kann. Es ist der Gegensatz der im engeren Sinne logischen Prinzipien

der Identität und des Widerspruchs und des nach Leibniz die

Erscheinungswelt beherrschenden Satzes vom Grunde. Daß die ersteren

auch für die Erscheinungen gelten, erkennt er selbst an. Dagegen sollen

die apriorischen Gebiete von der Logik und Mathematik an bis herauf

zur Moral und Metaphysik nur von den logischen Axiomen, nicht vom

Prinzip des Grundes beherrscht werden. Und doch kann es keinem Zweifel

unterliegen, daß die Verknüpfung nach Grund und Folge nicht minder eine

unerläßliche Aufgabe der sogenannten apriorischen Gebiete ist, daher

er denn auch des begrenzenden Beisatzes »zureichend« bedarf, um das

Prinzip unzweideutig auf seine empirische Verwendung einzuschränken.

So verdienstlich es daher war, daß er der sonst in dem Rationalismus

der Zeit verbreiteten völligen Vermengung von Erkenntnisgrund und

Ursache zu steuern suchte, so hat ihn doch gerade seine epochemachende

Festlegung des Begriffs der »wohlbegründeten Erscheinung« dazu

verführt, hier noch einmal eine jener scholastischen Gliederungen

einzuführen, die er im Prinzip selbst schon überwunden hatte.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 9 / 11 段