Befremdlicher mag es scheinen, daß Leibniz nicht bloß die Moral,

sondern schließlich auch die _Metaphysik_ zu den apriorischen

Wissenschaften zählt. Dennoch wird man zugestehen müssen, daß ihm kaum

eine andere Wahl blieb. War es doch noch weniger zulässig, sie auf die

Seite der von ihm sogenannten »tatsächlichen Wahrheiten« zu stellen.

Hier zeigt es sich eben, daß es zwischen dem »Notwendigen« und dem

»Tatsächlichen« noch eine Region gibt, die keines von beiden ist und

gleichwohl an der Apriorität der sogenannten notwendigen Wahrheiten

teilnimmt. Das ist die Region des ~a priori~ _Möglichen_. In der

Tat ist eben dies überall der Charakter metaphysischer Hypothesen,

sofern sie überhaupt ein Recht für sich in Anspruch nehmen können.

Sie stützen sich auf apriorische Gründe, aber diese Gründe sind nicht

objektiv zwingend, sondern hypothetischer Art. Auch findet man, so

überzeugt sich Leibniz selbst an vielen Stellen zu seiner Monadologie

bekennt, in dem Briefwechsel, den er über sie geführt, Belege genug

dafür, daß er ihr eine andere als eine solche hypothetische Apriorität

eigentlich nicht beigelegt hat. Bezeichnend ist in dieser Beziehung

seine Hilfshypothese eines »~Vinculum substantiale~«, die er in

der Korrespondenz mit den ihm befreundeten katholischen Theologen

entwickelt, um diesen die Vereinbarkeit des Systems der Monaden mit

dem Dogma der Transsubstantiation plausibel zu machen, und besonders

bezeichnend ist seine beiläufige Äußerung, man könnte sich vielleicht

auch die Monaden selbst durch ein substantielles Band ersetzt denken,

das alle Teile der Welt potentiell miteinander verbinde. An Stelle der

Monaden, die »keine Fenster haben«, würde dann ein einziges geistiges

Kontinuum treten, ein Universum, das eigentlich _nur_ Fenster wäre,

weil es in allen seinen Teilen zusammenhinge. So labil denkt sich

Leibniz metaphysische Hypothesen, trotz ihrer Apriorität. Das Rätsel

löst sich dadurch, daß für ihn die monadologische, wie jede andere

Hypothese, nicht an sich, sondern nur insofern Bedeutung besitzt, als

sie ein geeigneter Ausdruck für das universelle Weltgesetz selbst ist.

Dieses Weltgesetz ist aber die _~Lex continuitatis~_. Auf sie kommt

es an, nicht darauf, ob die Monaden das einzige denkbare Substrat für

die Verwirklichung dieses Gesetzes sind oder nicht. Leibniz hält sie

allerdings im Hinblick auf die seelische Natur der Monade für das am

besten begründete. Ihren Hauptwert hat aber doch die monadologische

Hypothese darin, daß sie ein anschauliches Bild des Gesetzes der

Kontinuität selbst ist, sobald man das geistige Geschehen als den

letzten Inhalt dieses Gesetzes ansieht. Unter diesem Gesichtspunkt

tritt dann aber auch das Bild von der fensterlosen Monade in die

richtige Beleuchtung. Gerade die Kontinuität des Systems bringt es

mit sich, daß jedes einzelne Glied seine fest bestimmte Stelle in

diesem Kontinuum einnimmt: nicht als stabiles Gebilde, sondern als

immerwährende Kraftäußerung, als solche aber verschieden von jeder

anderen und doch in gesetzmäßigem Zusammenhang mit jeder andern. Die

Monaden oder Seelen haben keine Fenster, das bedeutet also: jede ist

mit allen gesetzmäßig verbunden und außerhalb dieses Zusammenhangs der

allgemeinen Weltordnung gibt es keinen ~Influxus physicus~, der von

irgendeinem einzelnen Teil dieser Ordnung auf einen anderen übergehen

könnte.

Bewegt sich auf diese Weise das Gebiet der apriorischen Erkenntnis,

mit den apodiktischen Sätzen der Logik und Mathematik beginnend, über

die normativen der Moral schließlich bis zu den hypothetischen der

Metaphysik, so umfaßt nun demgegenüber die empirische Erkenntnis die

_Erscheinungswelt_. Leibniz nennt sie geradezu auch das Gebiet des

»Zufälligen«. Damit ist natürlich nicht ein Zufall im objektiven Sinne

des Wortes gemeint, sondern in jenem subjektiven Sinne, in welchem

uns eine Erscheinung tatsächlich gegeben sein muß, wenn sie als wahr

anerkannt werden soll. Darin ist schon ausgesprochen, daß hier jene

apriorischen Axiome versagen, die nur aus uns selbst stammen, darum

aber auch ursprünglich nur auf die in uns selbst liegenden Inhalte

des Denkens angewiesen sind. Nichtsdestoweniger erstreckt sich der in

unserem logischen Denken wurzelnde Erkenntnistrieb auf _alle_ Inhalte

des Bewußtseins, also auch auf jene rein tatsächlichen. So entspringt

hier eine Aufgabe, die in einem _dritten_ Prinzip ihren Ausdruck

findet, das den beiden ersten der Identität und des Widerspruchs als

das empirische oder phänomenologische an die Seite tritt: das Prinzip

des _zureichenden Grundes_. Das Wort »zureichend« ist mit Vorbedacht

gewählt. Es soll aussprechen, daß es sich hier um eine Maxime der

Verknüpfung der Tatsachen handelt, der keine Notwendigkeit innewohnt,

und die daher jederzeit einer Berichtigung zugänglich ist. Es ist,

abweichend von dem in den rein spekulativen Systemen der Philosophie

angewandten Begriff des Grundes, etwa von der »~ratio sive causa~«

des Spinoza, ein empirisches Kausalprinzip, das Leibniz hier den

Gesetzen des apriorischen Denkens gegenüberstellt. Zugleich ist aber

ersichtlich, daß diese Scheidung der Prinzipien auf das engste mit

der Scheidung von Sein und Erscheinung, von Seinswissenschaften und

empirischen Wissenschaften zusammenhängt, die dieser neue Idealismus

entwickelt. Insofern hat Leibniz hier einen Gedanken vorausgenommen,

den später Schopenhauer gegen das Kantische Kategoriensystem einwandte:

die einzige unter den zwölf Kategorien, die ihre Stellung behaupte, sei

die Kausalität.

~c.~ Der neue Idealismus.

Zweimal hat die Geschichte der Philosophie die Begründung eines

eigenartigen, auf lange hinaus die Wissenschaft beherrschenden

Idealismus erlebt: in der Platonischen Ideenlehre und in dem

Leibnizschen System. Für Plato bilden die Ideen eine rein geistige

übersinnliche Welt, bei Leibniz ist diese geistige Welt der sinnlichen

immanent. Dem antiken Idealismus ist die Sinnlichkeit eine Trübung der

Ideen durch die Materie; dem neuen ist die Sinnlichkeit die Erscheinung

des Geistes selbst. Der Platonische Idealismus ist dualistisch,

der moderne ist monistisch. An diesen Gegensatz ist ein anderer

folgenreicher geknüpft: die Platonische Seele ist ein Mittelwesen

zwischen Ideen- und Sinnenwelt, das, in die Sinnlichkeit verstrickt,

der Erhebung zu den Ideen und damit der Rückkehr zu diesen, von denen

sie ausging, fähig ist. Die Leibnizsche Seele oder Monade gehört

selbst zur Ideenwelt. Die Seelen oder Monaden umfassen die geistige

Welt in ihrer ganzen unendlichen Totalität, aber beschränkt, weil sie

als endliche vorstellende und strebende Kräfte nur einzelne unter den

zahllosen Lichtpunkten sind, die das Universum in der unendlichen

Stufenfolge jener Kräfte bilden. So wird der moderne Idealismus zum

Pluralismus und an die Stelle der Zweiheit von Idee und Materie

tritt die andere von Sein und Erscheinung. In dieser Einsetzung

der Erscheinungswelt in ihre Rechte besteht der große Schritt, den

dieser neue Idealismus getan hat, und der in doppelter Beziehung als

die bedeutsamste philosophische Errungenschaft des Zeitalters der

Erneuerung der Wissenschaften gelten kann. Auf der einen Seite ist

es die volle Anerkennung der Erscheinungswelt als der Stätte des

menschlichen Erkennens und Handelns, die sich hier durchgesetzt hat.

Auf der andern Seite ist es die Erkenntnis, daß das geistige Leben

selbst, nicht eine ihm äußerlich gegenüberstehende Welt transzendenter

Ideen, Sein und Erscheinung aneinander bindet. Darum sind beide,

Sein und Erscheinung, gleich wirklich. Wie das Sein die Wirklichkeit

unseres eigenen Geistes, so ist die Erscheinung diejenige Wirklichkeit,

die das Universum für uns besitzt. Damit wird aber auch erst die

wissenschaftliche Erkenntnis, nicht die unmittelbare Wahrnehmung zum

Maß der erscheinenden Wirklichkeit.

Die neuere Philosophie hat nach Leibniz noch manche Versuche

unternommen, auf der Basis jener Selbstgewißheit des Denkens, die zu

jeder Zeit dem Idealismus seine Stütze gegeben hat, diesen in einer

der modernen Wissenschaft entsprechenden Weise auszubilden. Sie alle

berühren sich irgendwie mit dem Leibnizschen Idealismus. Er aber hat

vor allen andern das Schicksal gehabt, in seiner wahren Bedeutung

verkannt zu werden. Der Zeit nach am nächsten steht ihm Berkeley.

Er stellt nur das eine der beiden idealistischen Argumente in den

Vordergrund: das psychologische, und damit allerdings dasjenige,

das am unmittelbarsten und einleuchtendsten wirkt. Wir können

nicht aus unserer Seele hinaus, es sind immer nur unsere eigenen

Vorstellungen, nicht die Dinge außer uns, die wir wahrnehmen. Ein

Ding außer uns zu sein, ist selbst nur eine Vorstellung in uns.

Das ist das unwiderlegbare Berkeleysche Argument. Aber es liefert

die Welt restlos dem Schein aus. Es verwandelt nicht die Dinge in

subjektive Täuschungen -- dagegen konnte Berkeley mit Recht Verwahrung

einlegen --, aber es macht die Erkenntnis einer von uns unabhängigen

Außenwelt illusorisch und stellt den Wert unseres praktischen Handelns

und Strebens in Frage. Auf Berkeley folgte Kant. Er hat das Verhältnis

von Schein und Erscheinung scharf herausgearbeitet, und sein Nachweis

der Verbindung von Anschauung und Begriff in den Grundgesetzen

der Erfahrungserkenntnis gehört zu den wenigen epochemachenden

Entdeckungen der spekulativen Erkenntnistheorie. Im übrigen liegt

jedoch der Schwerpunkt seiner Leistung in seinem ethischen Idealismus,

in welchem er dem dualistischen Idealismus Platos verwandter ist als

dem theoretisch folgerichtigeren, den Leibniz begründet hat. Eben

deshalb hat aber Kant hier eine Bahn beschritten, die einen zunehmenden

Zwiespalt zwischen Philosophie und positiver Wissenschaft herbeiführen

mußte. Denn statt von der von der positiven Wissenschaft geleisteten

Analyse der Erfahrung auszugehen, legte er die Synthese der sinnlichen

Wahrnehmung mit allen Widersprüchen und subjektiven Täuschungen

zugrunde, die dieser Analyse vorausgehen. So wurde ihm die Außenwelt

nicht zu einer berechtigten und bis zu der jeweils erreichbaren Grenze

auf ihr reales Substrat zurückführbaren Erscheinungswelt, sondern sie

blieb ihm derselbe Schein, der sie gewesen, bevor sich die Wissenschaft

um sie bemüht hatte. Daher denn auch die Grundgesetze, von denen nach

Kant die Sinnenwelt beherrscht wird, mittels der Anschauungs- und

logischen Denkformen ~a priori~ gegeben sind: sie werden von jeder

Wissenschaft auf den Inhalt jeder beliebigen Erfahrung angewandt, auf

den Sinnenschein ebensogut wie auf die Ergebnisse wissenschaftlicher

Analyse.

Dies ist zugleich der Punkt, wo Kants Vorbild auf die folgende

Entwicklung des deutschen Idealismus trübend eingewirkt hat. Hatte

sich Kant selbst noch vorwiegend in der Schule Newtons eine tiefe,

nur etwas einseitig der mechanischen Naturlehre zugewandte Achtung

vor der positiven Wissenschaft bewahrt, so rückte unter dem Einfluß

der großen politischen Umwälzungen um die Wende der Jahrhunderte

der Schwerpunkt der philosophischen Interessen auf die Seite der

geschichtlichen Wissenschaften. Die nun kommende Generation betrachtete

daher fortan, hierin weit über Kant hinausgehend, einen der

Gesamtheit der Wissenschaften gegenübertretenden spekulativen Aufbau

der Philosophie als ihre eigenste Domäne. Dieser Zwiespalt offenbarte

sich zunächst in der Naturphilosophie, dehnte sich aber allmählich

auch auf die historischen Wissenschaften aus. Die Scheidung hat sich

nicht ausnahmslos durchgesetzt. An Anleihen der einen bei der andern

Seite hat es wohl niemals gefehlt. Nachdem um die Mitte des vorigen

Jahrhunderts die Entfremdung ihr Maximum erreicht haben dürfte,

mag aber die Zeit nicht mehr allzu fern sein, in der der deutsche

Idealismus wieder in die Bahnen ihres Begründers einmündet.

Zu Leibniz' Zeit war in der Tat im Gegensatz zu dieser späteren

Wendung der Dinge das Einheitsbewußtsein der exakten Wissenschaft

und der Philosophie auf seinem Höhepunkt angelangt. Für Leibniz

selbst standen Mathematik und Naturphilosophie im Vordergrund des

wissenschaftlichen Interesses, und auf beiden Gebieten waren für ihn

die allgemeineren Probleme zugleich philosophische Probleme. Galt das

für dieses ganze Zeitalter, so trennte sich aber Leibniz in einem

sehr wesentlichen Punkte von der vorangegangenen und gleichzeitigen

Philosophie der andern Länder Europas. Die Cartesianische Philosophie

war von der Geometrie, die Newtonsche Naturphilosophie von der Mechanik

ausgegangen: das verlieh beiden einen stark realistischen Zug. Bei

Leibniz verbanden sich vornehmlich die Analysis des Unendlichen und die

Dynamik, um die einzigartige Schöpfung einer idealistischen Philosophie

hervorzubringen, _die selbst von der Naturwissenschaft ausging_. Im

Lichte der Infinitesimalmethode wandelte sich ihm die ausgedehnte

Welt in die Erscheinungsform einer unendlichen Vielheit tätiger

Kräfte um. Die Grundbegriffe der Dynamik gaben diesen Kräften ihren

zwecktätigen Charakter und ließen in ihnen geistige Kräfte erkennen;

und im Hinblick auf die unmittelbare Gewißheit unseres denkenden

Selbstbewußtseins konnten diese geistigen Kräfte nicht wohl anders

denn nach Analogie unseres eigenen Seelenlebens als strebende und

vorstellende Tätigkeiten gedacht werden.

Wie dieser Idealismus in seiner Eigenart von den früheren wie

den späteren Formen dieser Denkweise abweicht, so auch in seiner

Begründung. Die Natur ist für Leibniz nicht, wie für Plato, eine

Trübung der rein geistigen, in einem übersinnlichen Jenseits

liegenden Ideenwelt, und sie ist für ihn nicht, wie für Kant, eine

gesetzmäßig geordnete, aber niemals innerhalb des sinnlichen Daseins

zu überschreitende Erscheinungswelt, sondern beides zugleich: sie

ist eine gesetzmäßig geordnete Welt, aber ihre Gesetze sind geistige

Gesetze, und sie ist daher mit Notwendigkeit an unser eigenes geistiges

Sein gebunden. Als Erscheinung ist sie aber auf ein System von

Bewegungsgesetzen zurückzuführen, die den Prinzipien der Kontinuität

und der Erhaltung untergeordnet sind. Auch die Begriffe des Raumes

und der Zeit, nicht weniger wie die der Zahl sind daher nicht

unabhängig von uns vorhandene Formen, sondern, wie Leibniz mehrfach

hervorhebt, _ideale_ Formen, in die wir die Dinge ordnen. Demnach

ist ein nach Denkgesetzen und Zweckprinzipien geordnetes System von

Bewegungen offenbar im Sinne von Leibniz das notwendige Substrat der

Erscheinungswelt: es ist nicht das Sein selbst, aber das »~Phänomenon

bene fundatum~«. Dabei nimmt die Bewegung in ihrer räumlich-zeitlichen

Gesetzmäßigkeit schon bei Leibniz eine von den ordnenden Begriffen

und Gesetzen wesentlich verschiedene Stellung ein. Wenn er Raum und

Zeit die Formen nennt, nach denen wir die Dinge im Raum ordnen und in

der Zeit zählen, so ist damit dasselbe ausgedrückt, wofür Kant das

treffende Wort »Anschauungsformen« gebraucht hat. Mit jenem Ordnen im

Raum und jenem Zählen in der Zeit kennzeichnet er eine Tätigkeit des

anschauenden Denkens im Gegensatz zu dem unanschaulichen abstrakten

Begriff. Auch steht er schon auf der Schwelle der Erkenntnis der

Zusammengehörigkeit beider Funktionen, der begrifflichen und der

anschaulichen. In einem aber geht er über Kant hinaus: ihm ist die

objektive Welt ein System nach Zweckgesetzen geordneter Bewegungen ohne

ein anderes Substrat als das der tätigen Kräfte selbst. Das ist der

Unterschied seines »wohlbegründeten Phänomens« von den nach Anleitung

der Urteilsfunktionen geordneten Kategorien Kants.

Daß Leibniz den neuen Idealismus nicht auf die Psychologie, wie nach

ihm Berkeley, und nicht auf ein logisches Begriffssystem, wie der

spätere spekulative Idealismus, noch endlich auf den Widerstreit

zwischen Naturgesetz und sittlicher Norm gegründet hat, wie Kant,

sondern auf diejenige Wissenschaft, die nach der bisherigen Meinung

vom Idealismus am weitesten entfernt war, auf die Naturwissenschaft,

dies bildet die große, allen andern Richtungen der gleichen Denkweise

überlegene Macht dieses Idealismus. Auch ist sie es, die ihn eigentlich

zum einzigen folgerichtig durchgeführten macht und ihm zu dem

unschätzbaren Vorzug verhilft, daß er nicht außerhalb der positiven

Wissenschaft steht, sondern sich auf diese selbst stützt. Wenn dieser

Sachverhalt zumeist verkannt wird, so liegt das offenbar daran, daß man

sich von der engen Zugehörigkeit der mathematischen und dynamischen

Arbeiten zu seiner Philosophie keine zureichende Rechenschaft zu geben

pflegt. Man orientiert seine Philosophie ganz nach der Monadologie und

nebenbei nach den Essays über den Verstand. Doch die Monadologie gibt

eigentlich nur ein ansprechendes Bild für das Prinzip der Kontinuität.

An die Bedeutung dieses Prinzips selbst reicht sie nicht heran. Kann

ihm, der von der engen Beziehung seiner mathematisch-physischen

zu seinen philosophischen Arbeiten durchdrungen war, an diesem

Mißverständnis kaum die Schuld aufgebürdet werden, so verhält es sich

aber zum Teil anders mit dem Gebiet der _Moral_. Hier bildete später

die Rückkehr zu Plato für Kant einen Vorzug, der ihm Vorgängern wie

Nachfolgern gegenüber eine überragende Stellung gibt. Hier trat aber

auch zutage, daß der gewaltige Umschwung, den als der erste Begründer

des neuen Idealismus Leibniz gegenüber der transzendenten Ideenlehre

bewirkt hatte, unvermeidlich zugleich mit einer Abschwächung des

sittlichen Idealismus verbunden war, der dem Platonischen Gedanken

seine dauernde Macht gegeben hatte. Der neue Idealismus, der das

Geistige und Übersinnliche in ein dem Sinnlichen immanentes Sein

verwandelte, mußte darauf verzichten, zwischen dem Sittlichen und

Sinnlichen jene Kluft bestehen zu lassen, die dem Sittengesetz seinen

höchsten, durch nichts mehr zu steigernden Wert verlieh. Diesen

höchsten Wert brachte Kant zum Ausdruck, indem er das Sittengesetz

selbst zur Gottesidee erhob. Wohl hatte schon Plato die Gottheit der

Idee des Guten gleichgesetzt. Aber Kant erst verband beide zur vollen

Einheit, als er seinen moralischen Gottesbeweis, im Gegensatz zu den

von ihm als unhaltbar erkannten ontologischen und kosmologischen

Beweisen, für den einzigen erklärte, so daß, wie dies später Fichte

offen aussprach, an Stelle der bei Plato der übersinnlichen Welt

angehörigen Idee des Guten das der Welt immanente Sittengesetz trat,

eine Folgerung, die freilich Kant selbst nicht Wort haben wollte. Doch,

wie dem auch sein mochte, dieses auf das Höchste gesteigerte sittliche

Selbstbewußtsein war um so mehr bereit, auf die Erkennbarkeit der

Sinnenwelt zu verzichten, je mehr es mit Plato wiederum darin einig

war, daß die unbedingte Herrschaft des Sittengesetzes nur in einer

idealen übersinnlichen Welt möglich sei. Hier war der Standpunkt

Leibnizens in doppelter Beziehung ein anderer gewesen. Einerseits

war ihm die Begründung der Gottesidee eine metaphysische Aufgabe. Er

glaubte sie in einer Weise gelöst zu haben, die zugleich die Erkenntnis

Gottes als des höchsten moralischen Gesetzgebers in sich schloß.

Anderseits ist nach ihm das Sittengesetz dem Menschen selbst zugleich

mit seinen sinnlichen und intellektuellen Trieben eingepflanzt.

Darin lag für ihn auch das Motiv, dieses Gesetz mit den überkommenen

Tugendbegriffen in Verbindung zu bringen. Darum formuliert er die

Gerechtigkeit, Liebe und Frömmigkeit gleichzeitig als Tugenden und als

Normen, letzteres in Anlehnung an die drei Rechtsnormen der römischen

Jurisprudenz, denen er mit Hilfe jener Tugendbegriffe einen tieferen

ethischen Wert gibt. Entfernt er sich schon darin von dem Eudämonismus

der alten Tugendlehre, so geschieht dies noch weiter durch die die

Strenge des ~Jus strictum~ nicht bloß mildernde ~Aequitas~, sondern

durch die den Menschen an den Menschen bindende Liebe, deren letzte

Wurzel die auf dem Gefühl der Einheit des Menschen mit Gott beruhende

Frömmigkeit ist.

Man hat es als einen Vorzug der Kantischen Ethik gerühmt, daß sie

das Sittengesetz auf sich selbst stellt. Hat man dabei die vom

scholastischen Nominalismus ausgegangene und bis in die neuere

Orthodoxie sich forterstreckende heteronome Moral im Auge, so kann

dem sicherlich nicht widersprochen werden. Aber die Gerechtigkeit

fordert es doch hervorzuheben, daß die Leibnizsche ~Pietas~ mit diesem

»statutarischen Kirchenglauben«, wie ihn Kant später nannte, nichts

zu tun hat. Gerade diese Veräußerlichung des Sittlichen, wie sie die

unmittelbar vorangegangene theologische Ethik vertreten hatte, wird

bei ihm durch die Verbindung der drei Tugendnormen in ihr Gegenteil

verkehrt, indem diese Einheit von ihm als eine ebenso an das eigene

Wesen des Menschen wie an die göttliche Weltordnung gebundene gedacht

wird. Außerdem muß man sich aber, um die Stellung dieser Ethik in

ihrer Zeit richtig zu würdigen, ihr Verhältnis zu den im allgemeinen

außerhalb dieser kirchlichen Strömungen sich bewegenden politischen

und rechtsphilosophischen Gegensätze des Zeitalters vergegenwärtigen.

Hier hatte zuerst in England der moderne Staatsgedanke Wurzel

geschlagen. Seine Vertreter, mochten sie sonst den verschiedensten

politischen Richtungen zugetan sein, waren in dem Widerstreben gegen

die Gebundenheit des alten Autoritätsglaubens, außerdem aber auch in

der Begründung von Sitte und Recht auf Maximen des äußeren Nutzens,

also im letzten Grunde des Egoismus einig. Leibnizens angesehenster

juristischer Zeitgenosse, Samuel Pufendorf, hatte auch in Deutschland

diesen auf das Prinzip des egoistischen Interesses aufgebauten

Standpunkt zur Geltung gebracht, und in dem überwuchernden Formalismus

der deutschen Jurisprudenz nach dem großen Krieg hatte diese äußerliche

Auffassung des Rechtsstaats eine fruchtbare Stätte gefunden. Da ist

es Leibniz, der dieser Veräußerlichung von Recht und Moral energisch

entgegentritt. Er geht zurück auf die in ihrer sittlichen Bedeutung

verkannte römische Jurisprudenz, vornehmlich aber stützt er sich auf

die in der klassischen Scholastik des 13. Jahrhunderts bereits zur

Herrschaft gelangte Lehre von der Einheit von Recht und Sittlichkeit,

um darauf eine normative Ethik zu gründen, die, mag sie auch von jenen

vorangegangenen Gedankenrichtungen ihre Anregungen empfangen haben,

im wesentlichen doch das eigenste Erzeugnis dieses neuen Idealismus

ist. Eben darum, weil der Mensch ein geistiges und als solches allein

ein sittliches Wesen ist, widerspricht es der eigensten Natur des

Menschen, aus seinen sinnlichen Eigenschaften die sittlichen Motive

und die Grundlagen der Rechtsordnung ableiten zu wollen. Indem sich

so bei ihm der das römische Recht erfüllende Gedanke der Autonomie des

Rechtsstaats mit der religiösen Gesinnung der klassischen Scholastik

verbindet, erhebt sich seine Ethik zugleich über diese, da sie von

der kirchlichen Gebundenheit der Scholastik frei ist. Ihm beruht das

sittliche Wesen der Rechtsordnung nicht wie dieser darauf, daß die

Kirche zu ihrer Aufrechterhaltung dem Staat das weltliche Schwert

übergeben hat, sondern auf dem sittlichen Geist der Rechtsordnung

und demnach auch des Staates selbst, dessen Auffassung als einer dem

Einzelnen übergeordneten sittlichen Gesamtpersönlichkeit in dieser

Leibnizschen Ethik zum erstenmal wieder zum vollen Ausdruck kommt.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 8 / 11 段