Fremdartiger erscheint die dritte Eigenschaft der Substanz, diejenige,

in deren Forderung Leibniz allem Anscheine nach mehr der Tradition,

wie sie sich in seinem Zeitalter entwickelt hatte, als der Konsequenz

seines Systems folgt: die _Beharrlichkeit_. Es ist bemerkenswert,

daß gerade die zu dieser Zeit vorherrschende Philosophie, die

Cartesianische, sich am widerspruchslosesten mit dieser Eigenschaft

abfinden konnte. Die Materie, das Ausgedehnte, ist vermöge der

Eigenschaften des Raumes absolut beharrlich; die Seele kann, da sie nur

in ihren Erscheinungen erkennbar ist, trotz des Wechsels der letzteren

an sich als beharrend vorausgesetzt werden, indem hierbei die Analogie

mit dem Menschen und seinen Handlungen zu Hilfe kommt. Denn da wir nach

dieser Philosophie die Seele selbst nicht kennen, sondern nur ihre

Lebensäußerungen, so steht es natürlich frei, ob man sie beharrend

denken will oder nicht. Anders die Leibnizsche Monade. Sie ist uns

unmittelbar in unserem eigenen Bewußtsein gegeben. Mögen auch in diesem

unendlich viele Strebungen und Vorstellungen, wenngleich zumeist nur

unendlich dunkel, vorhanden sein, unser Selbstbewußtsein bietet uns

klar das eigenste Wesen der Seele. Dieses Wesen ist fortwährende

Tätigkeit, ein unaufhörliches Fließen der geistigen Vorgänge, niemals

und nirgends ein Beharren. Mit dem Satze »~Vis est Substantia~« ist

streng genommen der überlieferten Substanzlehre der Krieg erklärt.

Denn der idealistische Grundgedanke bringt es mit sich, daß nicht etwa

die Kraft an einem spezifischen Träger haftet, sondern, mag dies auch

für die äußere Erscheinungswelt zutreffen, das seelische Geschehen hat

nach Leibniz den Vorzug, daß es das wirkliche Geschehen selbst ist,

so daß hier die Kraft und ihre Wirkung in eins zusammenfallen. Die

Naturerscheinungen dagegen sind nach ihm nicht wirkliche Vorgänge im

Sinne unserer Wahrnehmungen, sondern Erscheinungen. Zwar läßt er im

allgemeinen dahingestellt, wie diese Erscheinungen auf ein hinter ihnen

stehendes wirkliches Geschehen zurückzuführen seien; aber es steht

nichts im Wege, anzunehmen, daß er die Hypothesen der Naturforschung,

sofern sie zureichend durch Beobachtungen und Experimente begründet

sind, als erste Annäherungen an die Lösung dieser Aufgabe betrachtet

habe. Doch, wie er auch sein »~bene fundatum~« gemeint haben mag, fest

steht jedenfalls, daß er das Dogma von der transzendenten beharrenden

Substanz, das in dieser Zeit den Höhepunkt seiner Herrschaft erreicht

hatte, wieder aufhob. Diese scheinbare Umkehr bedeutete freilich in

Wahrheit keine Umkehr. Statt des widerspruchsvollen Mischbegriffs eines

»~Ens perdurabile atque modificabile~«, eines Dings, das gleichzeitig

beharrt und sich verändert, beschreitet er zum erstenmal den Weg, der

auf den einzig unangreifbaren Standpunkt führt: dem eigenen geistigen

Geschehen sind die Urbilder des Wirklichen zu entnehmen, unmittelbar,

nicht auf Grund einer Phantasmagorie transzendenter Substanzen,

sondern in der unaufhörlichen, in keinem Augenblick unseres wachen

Bewußtseins stillehaltenden Tätigkeit, in der die Kraft selbst und ihre

Wirkung in einem einzigen Geschehen zusammenfallen. Indem Leibniz den

Übergang in einen neuen Idealismus vollbringt, wandelt er die Dinge der

Erscheinungswelt wieder in das zurück, was sie vor der Umwandlung aus

relativ in absolut beharrende Substanzen gewesen waren. Er entdeckt

in der geistigen Welt die wirkliche Welt. Für sie gilt ihm aber in

Wahrheit das Prinzip der _Aktualität_, nicht der Substantialität.

Doch Leibniz konnte sich der Herrschaft, die sich der Substanzbegriff

errungen, nicht entziehen. War diese Herrschaft dadurch entstanden,

daß zuerst von dem körperlichen Ding der Begriff des Beharrens auf die

hypothetischen Elemente der Körper und damit aus einem relativen in

einen absoluten Begriff übertragen wurde, so wäre es wohl an der Zeit

gewesen, diesen aus jener über alles, Geistiges und Körperliches und

selbst über die Gottesidee sich ausbreitenden und so schließlich ins

Unbestimmte zerfließenden Stellung zu beseitigen. Aber Leibniz hielt

trotz seinem Idealismus an ihm fest. Nachdem nun einmal die Substanz

die allgemeinere Bedeutung eines letzten Grundes der Dinge angenommen

hatte, ohne daß man den Eigenschaften näher nachfragte, denen sie

diese Bedeutung verdankte, glaubte er auch den Wert der Monaden nicht

eindringlicher hervorheben zu können, als wenn er sie die »wahren

Substanzen« nannte. Doch mag es wohl sein, wie gerade das Wort »wahr«

andeutet, daß sie ihm eben doch nicht eigentliche Substanzen, sondern

vielmehr, wie er sie häufiger nennt, Kräfte, Entelechien, Seelen sind.

Das Wort Substanz hatte, das kam schon bei der Cartesianischen Seele

zum Ausdruck, mit der Übertragung von der Körperwelt auf das geistige

Leben einen Bedeutungswandel erlebt, der an der Stelle der ehemaligen

Attribute nur noch den unbestimmten Begriff einer letzten, nicht weiter

zurückzuverfolgenden Grundlage angenommen hatte. Darum hat sich erst in

dem späteren Idealismus der Gedanke durchgesetzt, daß Substanzbegriff

und geistiges Wirken inadäquate Begriffe seien. So zunächst bei

Kant, der in seiner Erkenntnistheorie die Substanz sogar für die

Naturwissenschaft als einen apriorischen Begriff beansprucht, für die

Psychologie aber ihn gänzlich negiert, um ihn schließlich doch als

religiöses Postulat abermals zuzulassen. Erst Fichte hat die Substanz

als einen dogmatischen Begriff vergangener Zeiten erkannt, der sich

vom Standpunkt des kritischen Idealismus aus in einen hypothetischen

Hilfsbegriff der Naturwissenschaft umwandle.

~b.~ Die ~Lex continuitatis~.

Unter den drei »~Leges naturae~«, die Leibniz nach der Sitte der Zeit

an die Spitze seiner Naturphilosophie stellt, ist das Gesetz der

Stetigkeit das erste und wichtigste. Kein anderer der Zeitgenossen hat

ihm diese beherrschende Stellung gegeben. Bei Leibniz schließt es die

andern Prinzipien in gewissem Sinne als seine notwendigen Ergänzungen

ein. An den stetigen Zusammenhang aller Kräftewirkungen schließt sich

als seine quantitative Anwendung das Prinzip der Erhaltung der Kraft,

an dieses der Satz von der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung als

seine nächste Folgerung. Nicht minder greift die ~Lex continuitatis~

auf die geistige Welt über, die sich schließlich zusammen mit dem auch

dieses Gesetz erfüllenden Zweckgedanken als seine eigentliche Heimat

erweist. Von den beiden Quellen, aus denen Leibniz die frühesten

Anregungen seines selbständigen Denkens schöpfte, ist es aber nicht

die Neue Philosophie, aus der ihm dieser Gedanke zufloß. Wohl waren

es hier alte Emanationsideen gewesen, die in der Mystik nachklangen

und durch den Entwicklungsgedanken ihre Verwandtschaft mit dem

Kontinuitätsprinzip bekundeten. Dagegen fehlte einem Descartes und

Spinoza so gut wie einem Bacon und Newton jede ausgebildete Kosmogonie,

und es fehlte ihnen noch mehr eine Vorstellung von der Entwicklung

der lebenden Welt. Hier war es gerade Aristoteles gewesen, der in

seiner die Biologie mit der Psychologie verbindenden Auffassung des

Lebens das Schema einer aufsteigenden Entwicklung bot. Der Scholastik

ist dieser Zug nicht verloren gegangen, sie hat ihn aber nicht bloß

naturphilosophisch nach dem Vorbild des Aristoteles, sondern vorwiegend

im theologischen Interesse verwertet. Die Stufenfolge der Wesen

setzt sich ihr über den Menschen hinaus auf die himmlischen Wesen

fort, oder die Naturkräfte steigern sich nach der Lehre des heil.

Thomas zu übernatürlichen Kräften. Doch diese Ideen bleiben bei einer

willkürlichen Stufenordnung stehen, die von einer Kontinuität der

Entwicklung weit entfernt ist.

Dies ist nun der große Schritt, den Leibniz getan hat, daß er, wenn

auch vielleicht angeregt durch jene Gedanken, das Kontinuitätsprinzip

folgerichtig auszubauen und exakt durchzuführen versuchte. Das

Hilfsmittel dazu ist ihm aber die Mathematik in ihrer Ausbildung zur

Infinitesimalmethode gewesen. Von ihr aus hat er jenen scholastischen

Begriffsdualismus, der anfänglich sein Denken beherrschte, Schritt für

Schritt überwunden. Die Ruhe wird ihm zur unendlich kleinen Bewegung,

das Gleichgewicht zur Oszillation um eine Gleichgewichtslage, die

bewußtlose Vorstellung zu einer dunkel bewußten, der Körper zum

momentanen Geist. Aber gehören denn nicht -- so könnte man fragen

-- diese Begriffe in verschiedene Kontinua, die nicht miteinander

vergleichbar und auf keine Weise aufeinander zurückzuführen sind?

Mag es mit Hilfe der Auffassung der Ruhe oder des Gleichgewichts als

unendlich kleiner Bewegung möglich sein, die dynamischen Begriffe in

ein einziges Kontinuum zu ordnen, die psychologischen Begriffe stehen

jenen anscheinend völlig fremd gegenüber. Heißt das also nicht, den

Cartesianischen Dualismus auf einem Umweg wieder einführen? Doch

Leibniz hat die ~Lex continuitatis~ so oft und so nachdrücklich nicht

bloß als ein allgemeines Naturgesetz, sondern als ein universelles

Weltgesetz in Anspruch genommen, daß es unmöglich ist, ihm einen

so groben Widerspruch aufzubürden. Es scheint unabweisbar, er

denkt sich alles Wirkliche als ein einziges großes Kontinuum, in

dem man von jedem Punkt aus zu jedem beliebigen andern in stetigem

Übergang gelangen kann. Doch für ihn hat, wie wir uns erinnern, der

Unterschied zwischen Sein und Erscheinung ebensogut seine Geltung

wie für Kant. Nur in _einem_, allerdings wesentlichen Punkt trennen

sich beide: Leibniz verlegt das Sein, in der Sprache Kants das »Ding

an sich«, in das geistige Leben, Kant erklärt das Sein überhaupt für

unerkennbar. Und daran ist ein folgenreicher Unterschied geknüpft:

auch das uns unmittelbar gegebene geistige Sein zählt Kant unter

die »Erscheinungen«. So sehen wir uns rettungslos einer reinen

Erscheinungswelt gegenüber, aus der nirgends ein Weg zum Sein führt.

Die Idee dieses Seins ist in uns gelegt, niemand weiß, woher sie

gekommen. Nur in dem Sittengesetz, das sich hier auf den Widerstreit

gegen die sinnliche Natur des Menschen berufen kann, ist das Licht

zu erblicken, das in die übersinnliche ideale Welt des Seins einen

Ausblick eröffnet. Für Kant ist die sinnliche Welt ein gesetzmäßig

geordneter Schein, für Leibniz ist sie ein »~Phaenomenon bene

fundatum~«.

Die zwei kleinen bedeutungsschweren Worte »~bene fundatum~« bezeichnen

hier deutlich die Kluft zwischen Leibniz und Kant. Die Außenwelt ist

auch nach Leibniz eine gesetzmäßig verbundene Kette von Erscheinungen,

die unter unserer Mitwirkung entstehen, darum nicht die Dinge selbst

sind, jedoch schon um des Gesetzes der Kontinuität willen als ihr

wahres Wesen ein geistiges Sein annehmen lassen, ähnlich dem, das wir

in uns selber finden. Gleichwohl kann uns in seinem wirklichen Sein

nur der Inhalt unserer eigenen Seele gegeben sein, nicht irgendein

fremdes Sein, das uns mit allem, was aus dem Makrokosmos in den

Mikrokosmos der Seele eingeht, als eine Welt bloßer Erscheinungen

gegenübersteht. Als eine solche weist sie hin auf ein Sein, aber sie

ist nicht selbst dieses Sein. Bis dahin begegnen sich Leibniz und

Kant. Beide unterscheiden Schein und Erscheinung. Alle Erkenntnis

bleibt ein System unter Gesetze geordneter Erscheinungen. Diese Gesetze

samt den Begriffen und Anschauungsformen, die sie voraussetzen,

liegen ~a priori~ in uns, wenn auch erst der uns in der Empfindung

gegebene Inhalt der Erfahrung die Wirksamkeit dieser Formen auslöst.

So ist die Erscheinung für Kant das Mischergebnis eines gegebenen

Stoffs und der diesen Stoff gestaltenden Formen. Es ist der alte

Aristotelische Begriffsschematismus, der sich hier in strengerer

logischer Umarbeitung wieder erneuert. Die Wissenschaften, die sich

seitdem um die Probleme der Erscheinungswelt bemüht haben, bleiben

beiseite. In die rein begriffliche Analyse der Erfahrung haben sie

nicht dreinzureden. Ganz anders Leibniz. Ihm ist das seelische Erleben

das wirkliche Sein. Vorstellende und strebende Kräfte sind die

allgemeinen Formen dieses Erlebens, und die Vorstellungen von einer

Außenwelt sind unlöslich an dieses unser eigenes Sein gebunden. Damit

wird jedoch das Sein, das hinter den zu Inhalten unseres Vorstellens

gewordenen Objekten steht, weder zu einem Schein noch auch zu einem

unerkennbaren Ding an sich, sondern der erscheinende Gegenstand ist,

wie Leibniz wiederholt versichert, ein »wohlbegründetes Phänomen«! Was

will dieser Ausdruck sagen? Sollte auch er nur eine transzendente Idee

bedeuten? Diese Vermutung ist schlechthin ausgeschlossen. Begleitet

er doch so regelmäßig den Begriff des Phänomens, daß Leibniz ohne

Frage einen bestimmten Sinn damit verbunden haben muß. Und kann es

zweifelhaft sein, welches dieser Sinn gewesen ist? Es war _nicht_, wie

man wohl gewöhnlich annimmt, das System der Monaden, an das er dabei

dachte. Daß die Naturerscheinungen direkt aus der monadologischen

Hypothese abgeleitet werden sollten, das wäre in der Tat ein so

phantastischer Plan gewesen, daß man einen Leibniz, der inmitten der

physikalisch-mathematischen Forschung seiner Zeit stand, dessen nicht

für fähig halten sollte. Auch ist zu bedenken, daß die Monadologie

in ihrer ausgebildeten Form den dynamischen Arbeiten, in denen er

die festen Grundlagen für den Aufbau der Naturerkenntnis gewonnen

zu haben glaubte, nachgefolgt, nicht vorangegangen ist. Es war aber

schlechterdings unmöglich, daß er sein sorgfältig ausgearbeitetes

System der Dynamik samt dem an seine Spitze gestellten universellen

Prinzip der Kontinuität aus den Voraussetzungen der Monadenlehre

ableitete. Vielmehr bestand der wirkliche Unterschied zwischen ihm und

der späteren Lehre Kants eben darin, daß dieser unbewußt Aristoteliker

blieb, indem er in der Spaltung der Begriffe nach dem Schema der

Anschauungsformen und der Kategorien die spezifische Aufgabe der

Erkenntnistheorie sah, während für Leibniz diese hier direkt _in die

positive wissenschaftliche Aufgabe einmündete_. Für einen Mann, der

insbesondere die von ihm selbst begründete Dynamik als die Vorschule

der Erkenntnislehre schätzen gelernt hatte, konnte das Wort, die Welt

außer uns sei nicht die Welt des Seins selbst, sondern nur eine Welt

»wohlbegründeter Erscheinungen« keinen andern Sinn haben, als eben den,

jede dieser Erscheinungen sei, ehe sie als wirklich angenommen werde,

in ihrer objektiven Wirklichkeit wissenschaftlich sicherzustellen.

Hier eröffnete ihm aber der _Kraftbegriff_ die Pforte, die ihn von

der Physik zur Metaphysik führte. Suchte er doch schon in seiner

»~Hypothesis physica nova~« zu erweisen, daß die Kraft jenes tote

Substrat nach dem Bild der Cartesianischen Materie hinfällig mache,

und daß der Zweckcharakter der Naturgesetze auf den geistigen, den

Naturerscheinungen selbst immanenten Ursprung dieser Gesetze hinweise.

Wenn er aber in der Erscheinungswelt die bewegenden, in der geistigen

Welt die vorstellenden Kräfte als die Grundlagen der Weltordnung

betrachtet, so muß man sich erinnern, daß er auch in Raum, Zeit und

Bewegung Phänomene sieht, hinter denen als das Wirkliche die Kraft

steht. Nicht die Erscheinung gewordene Kraft ist darum das Wirkliche,

sondern das, was in gleicher Weise in der phänomenalen wie in der

geistigen oder wirklichen Welt das Wesen der Kraft ausmacht: die

Gesetze, die für beide Welten zugleich gelten. Denn es sind dieselben

_Gesetze unseres Denkens_, nach denen in der äußeren Anschauung die

bewegenden Kräfte wirken, und die die in uns liegenden geistigen

Kräfte regieren. Hier ist daher der Punkt, wo die Erscheinungswelt und

die Seinswelt, die körperliche und die geistige Welt zu einer Einheit

zusammenfließen. Hier wie dort gelten die Prinzipien der Identität

und des Widerspruchs und für einen großen Teil der Erscheinungswelt

wegen der notwendigen Schranken unserer Erkenntnis das Prinzip des

zureichenden Grundes. Auch dieses ist ein apriorisches Gesetz, aber

infolge der Zuhilfenahme empirischer Erwägungen, deren es zu seinen

Anwendungen bedarf, ist es das empirische Grundgesetz der Erfahrung,

also der Erscheinungswelt. Auch kann es nicht, wie die beiden ersten

jener logischen Gesetze, selbst wieder zu apriorischen, sondern nur

zu empirischen Gesetzen von mehr oder minder großer Allgemeinheit

verhelfen. Daraus, daß es die gleichen Denkgesetze sind, nach denen

wir unsere eigene geistige Tätigkeit, und diejenigen, nach denen wir

die Naturerscheinungen ordnen, wird es nun aber auch verständlich,

daß alle Naturgesetze Zweckgesetze sind, das allgemeine Gesetz der

Erhaltung der Kraft ebenso wie die Gesetze der Lebenserscheinungen.

Hier, wo physische und geistige Welt einander berühren, trägt eben

das Naturgesetz am deutlichsten das Gepräge eines geistigen Gesetzes

an sich, das die von ihm beherrschte Erscheinung durch eine weite

Kluft scheidet von dem Scheine. Wurde darum Leibniz zunächst durch die

Dynamik und dann durch die Biologie in seiner Überzeugung befestigt,

daß die geistige Welt die wirkliche Welt sei, so betrachtet er

schließlich doch als den endgültigen Beweis für diese Auffassung die,

wie er meinte, unmittelbar einleuchtende Tatsache, daß die Gesetze des

logischen Denkens überhaupt die allgemeinsten Gesetze seien, die das

Universum beherrschen. In dieser Überzeugung kommt bei ihm der gleiche

Rationalismus zum Durchbruch, dessen rücksichtslosester Vertreter im

gleichen Zeitalter Spinoza ist. Aber wie wenig im ganzen mit solchen

Schlagwörtern gesagt wird, das zeigt sein Gegensatz zu diesem. Wie weit

ab liegt hier insbesondere der Begriff des wohlbegründeten Phänomens

von Spinozas »inadäquater Erkenntnis«! Diese ist nichts als Schein,

schlimmer als der Irrtum, weil sie der wahren Erkenntnis im Wege steht.

Bei Leibniz ist die Erscheinung auf die gleiche Denknotwendigkeit

gegründet wie das Sein, ja sie gehört im Grunde als ein wesentlicher

Bestandteil zu diesem. Denn in ihr kommt nur die niemals aufzuhebende

Tatsache zum Ausdruck, daß das denkende Subjekt sich verschieden weiß

von der es umgebenden Welt, daß aber diese Welt ebenso notwendig

zu ihm wie es zu ihr gehört. Darum hat nun aber auch die rohe

sinnliche Wahrnehmung, die das Läuterungsfeuer der wissenschaftlichen

Prüfung noch nicht bestanden hat, keinen Anspruch auf den Begriff

der Erscheinung im Leibnizschen Sinne. Sie ist nur Schein. Zur

Erscheinung wird sie erst, wenn sie in dem kausalen Zusammenhang

des Einzelnen und in der logischen Ordnung des Ganzen erkannt ist.

Da übrigens diese gleichzeitig empirische und logische Ordnung der

empirischen Wirklichkeit selbstverständlich eine niemals vollendbare

Aufgabe ist, so liegt die Erscheinung in fortwährendem Kampf mit dem

Schein. Sicheres scheidet sich innerhalb der Erscheinungswelt von dem

Zweifelhaften, und der Fortschritt des Wissens bringt es mit sich, daß

es auch an Zurücknahme von Irrtümern niemals fehlt.

Leibniz hat dieses Prinzip der Relativität des Erkennens die

»_Schranke_« genannt, die dem Einzelnen vermöge der allgemeinen

Weltordnung zukommt. In dieser unabänderlich an das Wesen des Menschen

gebundenen Schranke liegt ihm ebensosehr das unbegrenzte Streben nach

ihrer Überwindung begründet, wie die Unmöglichkeit, dieses Ziel je ganz

zu erreichen. Gäbe es überall nur ein beschränktes Erkennen, also nur

Erscheinungen, so würde uns auch der Begriff eines Seins versagt sein.

Aber in dem vollkommen klar Erkannten, in den Wahrheiten, die an und

für sich einleuchten, wie in dem Satze ~A = A~ und in andern logischen

und mathematischen Axiomen, sind uns unbedingte, also schrankenlose

Wahrheiten zugänglich. Doch sie sind uns nicht als äußere Erfahrungen,

sondern rein auf Grund unserer unmittelbaren inneren Erfahrung

als an sich evidente Wahrheiten gegeben. Indem aus ihnen durch

Verbindung und Schlußfolgerung andere abgeleitet werden, erweitert

sich dann das Gebiet dieser notwendigen Wahrheiten und damit das des

unbedingten Seins. Immerhin bleibt es ein beschränktes gegenüber

der unerschöpflichen Erscheinungswelt, die mit jenen apriorischen

Wahrheiten in mannigfaltiger Weise in Wechselwirkung tritt. Die beiden

Sätze der Identität und des Widerspruchs betrachtet Leibniz als die

letzten Grundsätze, auf denen die apriorischen Wissenschaften, in

erster Linie die Logik und Mathematik in ihrer reinen, von empirischen

Anwendungen unabhängigen Form beruhen. Doch er geht weit darüber

hinaus, indem er selbst die Moral und die Metaphysik apriorische

Wissenschaften nennt. Natürlich will er damit nicht sagen, diese

gehörten in den Anwendungen auf das praktische Leben oder in ihren

mit den empirischen Lebensverhältnissen zusammenhängenden Problemen

zur Welt des reinen Seins. Das hat er ebensowenig geglaubt, wie er

daran denken konnte, die konkreten mathematischen Aufgaben, mit denen

er sich beschäftigte, in eine überempirische Welt zu verweisen. Nur

die letzten Grundsätze des sittlichen Handelns sind nach ihm nicht

aus der Erfahrung abzuleiten. Sie liegen in uns, wenn sie auch immer

erst im Zusammenwirken mit den Eindrücken der Außenwelt in Aktion

treten können. Hier sind es dann jene eine innere Einheit bildenden

Tugenden der Gerechtigkeit, der Liebe und der Frömmigkeit, die er

als absolute Sittengebote betrachtet. Sie sind ganz in dem Sinne,

in dem später Kant das allgemeine Sittengesetz auffaßte, Normen, die

ein Sollen, nicht Gesetze, die ein Sein oder Geschehen bedeuten,

anders ausgedrückt: sie sind _Willensgesetze_, die die Möglichkeit

der Unterlassung in sich schließen, nicht Seinsgesetze. Es ist Kants

Verdienst, diese doppelte Form der Apriorität klar geschieden zu

haben. Aber schon bei Leibniz ist sie stillschweigend vorausgesetzt.

Nur daß er das Sittengesetz zugleich im Anschluß an die überlieferte

Sittenlehre auf ein System von Tugendbegriffen zurückführt. Kant

löst es erst aus dieser eine empirische Verursachung vortäuschenden

Verbindung, um es in das innere Pflichtgebot, in die reine Form des

»Du sollst« zu verlegen. Es ist ein bedeutsamer Wandel, den dieser im

Laufe des 18. Jahrhunderts erfolgte Übergang von einer eudämonistischen

und optimistischen Tugendlehre zu einer rigorosen und pessimistischen

Pflichtenlehre bezeichnet. Er ist charakteristisch für die Zeit selbst,

in der er sich in seinem Fortschritt von Leibniz über Wolff und seine

Schule bis zu Kant verfolgen läßt. Aber nicht der ethische Gehalt

ist es, der sich dabei geändert hat: auf das strenge Pflichtgebot

ist diese ganze Ethik gegründet; es bildet das auszeichnende Merkmal

der deutschen Moralphilosophie gegenüber dem in dieser Zeit bei den

andern europäischen Nationen zur Herrschaft gelangten englischen

Individualismus und Utilitarismus. Jene Ethik der Pflicht ist es,

die sich bei Leibniz noch in die Form einer weltliche und religiöse

Motive verbindenden Tugendlehre gekleidet hat. Die Lösung aus dieser

Verbindung hat ihr dann bei Kant jene Macht eines sittlichen Pathos

verliehen, das diesen zu ihrem eindrucksvollsten Verkünder erhob. Dazu

war aber auch außerdem die ganze Folgerichtigkeit einer strengen, jeder

Paktierung mit Selbstsucht und Neigungsmotiven abholden sittlichen

Lebensauffassung erforderlich, wie sie Kant vertrat. Hier war daher

die Größe Kants gebunden an seine einseitig moralische Wertung der

Dinge.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 7 / 11 段