Wie anders steht hier Leibniz der vorangegangenen Zeit gegenüber! Wohl

hat auch er nicht versäumt den Nutzen zu rühmen, den der Fortschritt

der Wissenschaften der Menschheit gebracht habe. Aber wann wäre es

ihm beigefallen, die neue Wissenschaft als die einzige zu preisen,

die diesen Namen wahrhaft verdiene? Freilich war das vor allem eine

Folge seiner in der Scholastik wurzelnden Jugendbildung. Konnte

er sich auch, als er später mit der neuen Naturwissenschaft näher

bekannt wurde, dem imponierenden Eindruck dieser nicht entziehen, so

stellte sich doch, vornehmlich infolge der Bedenken, die sich gegen

die Cartesianische Naturphilosophie in ihm regten, allmählich ein

gewisses Gleichgewicht ein, das ihn mehr und mehr an dem ohnehin

seiner Denkweise entsprechenden Grundsatze festhalten ließ, aus

allem, was Vergangenheit oder Gegenwart Wertvolles bieten mochten,

das Beste zu behalten. So wurde er in einer Zeit, die im ganzen an

einem merkwürdigen Mangel an historischem Sinn litt, unterstützt durch

seine ausgebreitete Literaturkenntnis, bei aller Selbständigkeit des

Denkens ein Eklektiker im höchsten Sinne des Wortes. Rühmt er sich

doch selbst dieser Eigenschaft, wenn er sagt, es sei sein Bestreben

gewesen, die Atomistik mit den vernünftigen Samen der Stoiker und mit

den Entelechien des Aristoteles zu verbinden. Fast steht er darum auch

in der historischen Würdigung des jeweiligen Zustandes der Wissenschaft

einsam da, nicht nur in seiner eigenen, sondern auch in der folgenden

Zeit. Staunen wir doch noch bei der Lektüre Kants nicht selten über

die merkwürdig oberflächliche Kenntnis, die dieser große Denker von

den bedeutendsten Werken der vorangegangenen Philosophie besitzt. Wenn

der Eifer, mit dem Leibniz eine Zeitlang gerade den Hauptvertretern

der neuen Wissenschaft unter den Philosophen, einem Bacon, Descartes

und Gassendi sich zuwandte, später einer ablehnenden Kritik Platz

machte, um in Naturphilosophie und Psychologie dem Aristoteles, in der

Theologie der Scholastik einen überwiegenden Einfluß zu gestatten,

so war aber sichtlich nicht zum wenigsten die Tatsache schuld, daß

jene begeisterten Verkünder der neuen Naturwissenschaft selbst nicht

zu den führenden Naturforschern gehört und zum Teil sogar mit den

neuen Ergebnissen nur mangelhaft vertraut waren. Dies gilt selbst von

Descartes, der, ein so hervorragender Mathematiker er war, doch dem

gewaltigen Umschwung, den Galileis epochemachende Arbeit in der Physik

hervorbrachte, fremd gegenüberstand. Seine Naturphilosophie trägt daher

ganz das Gepräge eines über die Naturerscheinungen spekulierenden

Geometers. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser Mangel einem Manne,

der, wie Leibniz, die Entwicklung der neueren Dynamik mit dem größten

Interesse verfolgte, auf die Dauer nicht verborgen blieb und daß er

in dem allgemeinen Begriffsschematismus der Aristotelischen Physik

bald ein passenderes Mittel fand, die neuen Resultate ihm einzuordnen,

als in den Hypothesen Descartes'. So traten denn in seiner Würdigung

der Zeitgenossen mehr und mehr an die Stelle jener Naturphilosophen

die Naturforscher, die durch ihre Entdeckungen die neue Wissenschaft

begründet hatten. In Galilei verehrte er vor andern den Entdecker

des Prinzips der Trägheit und der Fallgesetze, der damit zugleich

den empirischen Beweis für die Richtigkeit des wahren Gesetzes der

Erhaltung der Kraft bereits vor der Aufstellung desselben geliefert

hatte; in Kepler den Entdecker der Gesetze der Planetenbewegungen.

Meinte er doch, in diesem Fall wohl nicht ganz gerecht, das eigentliche

Verdienst der Gravitationstheorie gebühre Kepler, nicht Newton, der

sie durch den unmöglichen Gedanken der Wirkung in die Ferne gefälscht

habe, während Kepler, indem er sie aus der Fortpflanzung durch ein

kontinuierliches Medium abzuleiten suchte, auf dem richtigen Wege

gewesen sei. So bewegt sich seine Schätzung der Vertreter der neuen

Wissenschaft einigermaßen parallel der Stellung, die er gleichzeitig

der Scholastik gegenüber einnimmt. Hier war er von dem an seiner

heimischen Universität vorherrschenden, auch von seinem Lehrer Jacob

Thomasius vertretenen Nominalismus ausgegangen. Dann trat in seinen

naturphilosophischen Arbeiten Aristoteles selbst an die Stelle der

Scholastik, um, wo es sich um ethische und theologische Fragen

handelte, durch die ältere klassische Scholastik ergänzt zu werden.

Unter den Vertretern der neuen Wissenschaft sind es zuerst die

mehr als Herolde denn als Forscher wirkenden Philosophen, die sein

Interesse fesseln, dann wendet er sich dem Zweigestirn der beiden

großen Forscher zu, die uns noch heute als die Hauptbegründer der

neuen Naturwissenschaft gelten. Ihr Einfluß kreuzt sich aber mit dem

ihm zeitlebens eigen gebliebenen Aristotelischen Begriffssystem. So

ereignet sich das Merkwürdige, daß, nachdem Galilei die Aristotelische

Physik aus der Naturwissenschaft verwiesen hatte, die Leibnizsche

Dynamik beide verbindet, um das allgemeinste Prinzip der modernen

Naturwissenschaft, das der Erhaltung der Kraft, zu gewinnen. Die

Methode der aristotelischen Begriffsgliederung ergibt ihm die

brauchbare Form dieses Prinzips, aus den Galileischen Fallgesetzen

beweist er seine Übereinstimmung mit der Erfahrung. Je mehr ihn

aber die rechtsphilosophischen und theologischen Probleme zu einem

Abschluß drängen, um so mehr wendet sich sein Blick zur klassischen

Scholastik zurück, die hier vornehmlich in den Werken ihres größten

Vertreters, des heil. Thomas, das Aristotelische System in einer dem

christlichen Glauben entsprechenden Weise zu ergänzen versucht hatte.

So mischen sich in der Leibnizschen Philosophie Gedankenströmungen der

Vergangenheit und Gegenwart, wie sich dies weder früher noch später

jemals wiederholt hat. Eben dadurch spiegelt dieser Philosoph den

Charakter dieser ganzen von so mannigfaltigen geistigen Strömungen

bewegten Zeit in einer Weise, die einzigartig mindestens in der

Geschichte der neueren Wissenschaft dasteht. In nichts aber spricht

sich dies deutlicher aus als in der besonderen Ausprägung, die er

den die Entwicklung der Philosophie beherrschenden Grundbegriffen

gegeben hat. In dieser, der eigentlich philosophischen Seite seiner

Lebensarbeit, die erst in dem letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts

eine festere Gestalt gewinnt, tritt dann zugleich immer offener die

kritische Wendung zutage, die sein Auftreten in der Entwicklung des

neueren Denkens bezeichnet. Wie diese im engeren Sinne philosophische

Periode seines Lebens spät erst begonnen hat, so ist sie freilich

niemals ganz zu Ende gelangt. Der Widerstreit der Motive, die sein

Denken bewegen, ist zu gewaltig, als daß ein abschließendes Ergebnis

möglich wäre. Dem widerstrebt überdies allzusehr sein konziliatorischer

Charakter. So bleiben denn nur zu oft Begriffe nebeneinander

stehen, die sich nicht miteinander vertragen. Neue Gedanken werden

in ein Gewand gekleidet, das eigentlich einer überwundenen Periode

seines eigenen Denkens angehört. Religiöse Einflüsse durchkreuzen

wissenschaftliche Überzeugungen auch da, wo wir heute einen

zureichenden Grund zum Konflikt durchaus nicht mehr sehen können. So

wird es, wollen wir uns der vollen Bedeutung der Wendung, die sich hier

vollzogen hat, bewußt werden, unerläßlich sein, auch den Schwankungen

und Widersprüchen der Begriffe nachzugehen, wenn wir ein Bild der

letzten entscheidenden Grundanschauungen dieses, die Wissenschaft

seiner Zeit wie kein anderer beherrschenden Denkers gewinnen wollen.

~a.~ Der Wandel der Substanzbegriffe.

Das Zeitalter Leibnizens könnte, wenn man die Perioden der Philosophie

nach einzelnen Begriffen, nicht nach Systemen oder ihren Urhebern

benennen wollte, wohl auch das kritische Zeitalter des Substanzbegriffs

genannt werden. Kant hat von diesem Begriff gesagt, er sei zu jeder

Zeit schon von dem gemeinen Verstand als der eines beharrlichen, sogar

in seiner Quantität unverändert bleibenden Trägers der Erscheinungen

gedacht worden. Diese Äußerung ist gewiß eines der merkwürdigsten

Zeugnisse für die Macht, welche Denkgewohnheiten auf uns ausüben;

gleichwohl ist es nicht minder gewiß, daß den Tatsachen gegenüber

diese Behauptung nicht bestehen kann, so oft man auch noch immer,

wenn auch vielleicht nicht dem gemeinen Menschenverstand, so doch

mindestens den alten jonischen Physikern den Besitz des Satzes von der

Konstanz der Materie zuschreibt. Was diese Denker die »Archē«, den

Anfang, nannten, das war sichtlich durchaus nicht das, woraus alles

dauernd besteht, sondern das, woraus alles _ent_steht und in was es

wieder _ver_geht. Wenn z. B. Thales behauptete, das Wasser sei die

Archē der Dinge, so spricht nichts dafür, daß er gemeint habe, die

Erde, das Feuer usw. bestünden aus Wasser. Die Verwandlung eines

Dings in ein anderes ist für ein naiveres Bewußtsein durchaus nichts

Wunderbares, wohl aber würde es einem solchen wahrscheinlich wunderbar

vorkommen, wenn man ihm zumuten wollte, zu glauben, ein Gegenstand

sei ein anderer geworden und doch eigentlich derselbe geblieben. Die

ersten Spuren jenes Gedankens der Konstanz finden sich wohl in der

Empedokleischen Lehre von den vier Elementen und namentlich in der

Atomistik. Wenn aber Kant in der Anschauungsform der Zeit die Quelle

jenes Prinzips sah, da, wie er meinte, der unablässige Fluß der Zeit

ein unveränderliches Beharren fordere, an dem dieses Fließen gemessen

werde, so zeigt gerade die Atomistik, daß das beharrende Substratum

zu dieser fließenden Zeit nicht nochmals die Zeit, sondern der Raum

ist, ohne den es in der Anschauung auch keine Zeit gibt. Darum behält

der Satz Kants, daß der Begriff an die Anschauung gebunden ist, seine

Geltung. Nur ist die Form dieser Anschauung nirgends die Zeit allein

und nirgends der Raum allein, sondern sie besteht aus der Vereinigung

beider, und diese räumlich-zeitliche Anschauung ist nur deshalb die

Form, in die wir alle Inhalte unserer Erfahrung kleiden, weil sie

die Form ist, die bei aller Abstraktion von dem wechselnden Inhalt

unserer Erfahrung immer wieder zurückbleibt. In ihren sich ergänzenden

Eigenschaften trägt aber schließlich diese räumlich-zeitliche

Anschauung das Motiv zur Bildung zweier Gegensatzbegriffe in sich,

die sich ebenso begrifflich ergänzen wie Zeit und Raum anschaulich:

Veränderung und Beharren. Nun gibt es in der empirischen Wirklichkeit

nur ein relatives Beharren und nur eine relative Veränderung, ein

Bleibendes im Wechsel und ein Wechselndes gegenüber dem Bleibenden.

Indem jedoch die aristotelisch-scholastische Naturphilosophie in einer

rein begrifflichen Ordnung der Naturerscheinungen besteht, verzichtet

sie auf die Bedingungen der Anschaulichkeit und setzt demnach die

Begriffe als selbständige und doch überall verbundene Bestandteile

der Dinge einander gegenüber: jeder Gegenstand ist nach ihr beharrend

und veränderlich zugleich. Darum bezeichnet schon Aristoteles das

einzelne Ding als die Substanz in der eigentlichen Bedeutung des

Worts, und die Scholastik vereinigt in dem Begriff der »substantiellen

Form« eben diese Dualität von Beharren und Veränderung, die jedem

Wirklichen zukommt. In diesem Sinne definiert sie die Substanz auch

als das »~Ens perdurabile atque modificabile~«. Nirgends ist hier von

einem absoluten Beharren die Rede, darauf kommt es aber dieser rein

logischen Naturbetrachtung überhaupt nicht an: sie konstatiert nur, daß

beiden Begriffen gleichzeitig jedes wirkliche Ding subsumiert werden

kann. Bei Kant hat sich infolge der Erkenntnis, daß alle Begriffe an

Anschauungen gebunden seien, dieses Verhältnis derart verschoben, daß

er die Veränderlichkeit der Dinge für die Anschauung zurückbehält und

das Beharren in einen apriorischen Begriff umwandelt, dem er mit Hilfe

seines Schemas einer beharrenden Zeit Anschaulichkeit zuschreibt.

Die wirkliche Entstehung des Begriffs der beharrenden Substanz

ist aber nicht auf dem Wege dieser von ihm schon dem natürlichen

Bewußtsein zugeschriebenen künstlichen Konstruktion erfolgt, sondern

sie ist, wie die Geschichte lehrt, im Altertum zunächst in jenen

naturphilosophischen Theorien vorausgenommen worden, die, wie

besonders die Atomistik, von den qualitativen Eigenschaften der Dinge

abstrahierend, die Naturerscheinungen auf ein rein räumlich-zeitliches

Geschehen zurückführten. Dabei ist es offenbar keinerlei apriorische

Notwendigkeit, sondern lediglich der Vorzug der Einfachheit der

Betrachtung gewesen, der die Atomistiker zu dieser der Verbindung

der Begriffe Beharren und Veränderung ein anschauliches Substrat

bietenden Hypothese geführt hat. Dagegen ist die ganze folgende

Entwicklung der Wissenschaft bei der Aristotelischen Definition der

Substanz stehen geblieben, die in dem scholastischen gleichzeitig

beharrenden und veränderlichen Sein ihren treffendsten Ausdruck findet.

Auch haben die mittelalterlichen Alchimisten bei ihren Bemühungen,

wertlose Metalle in Gold zu verwandeln, offenbar in der Materie vor

allem ein »~Ens modificabile~« gesehen. Erst die Renaissance hat der

Substanz als einem nach Begriff und Anschauung beharrenden Substrat

der Naturerscheinungen zum Siege verholfen. Dies ist aber zunächst

durch die Rückkehr zu atomistischen oder in dieser Beziehung ihnen

gleichwertigen korpuskularen Anschauungen geschehen, und hier ist es

vor andern Descartes, der in doppelter Weise die Entwicklung dieses

modernen Substanzbegriffs zu Ende geführt hat. Erstens bringt er in

seinem Satz von der Ausdehnung als der einzigen Eigenschaft der Materie

jene Übertragung der Konstanz des Raumes auf die der Gegenstände im

Raum zu klarem Ausdruck. Zweitens stattet er nun nach dem Vorbild

dieses materiellen Substanzbegriffs auch die zwei andern Substanzen,

die er mit jenem in seinem System vereinigt, die Seele und Gott,

mit dem gleichen Attribut des absoluten Beharrens aus, womit dann

freilich diesen die Anschaulichkeit verloren geht. Dadurch entsteht

aber bei ihnen das Bedürfnis nach einem Ersatz, der wiederum nur in

Eigenschaften gesucht werden kann, mit denen der gleiche Begriff des

Beharrens verbunden gedacht wird, wie bei der materiellen Substanz

mit dem Raum. Das ist bei der Seelensubstanz das Denken, bei Gott die

Unendlichkeit mit allem, was sie in sich schließt. Darum bleibt dieser

vom Raum ausgegangene Substanzbegriff schließlich bei Spinoza, der

diese Übertragung von den, wie Descartes sie schon nannte, endlichen

oder »geschaffenen« Substanzen zu Ende führt, schließlich bei der

_einen_ absoluten Substanz stehen, die Gott, Denken und Ausdehnung

zugleich ist. So endet der in seinem Anfang in der sinnlichen

Anschauung wurzelnde Begriff schließlich im völlig Transzendenten,

das nur im Begriff, niemals in der Anschauung erfaßt werden kann. Das

ist der Punkt gewesen, bei dem zuerst David Hume und dann Kant, indem

sie sich auf die Forderung der Veranschaulichung besannen, vom Ende

dieser Entwicklung wieder zu ihren beiden Ausgangspunkten zurückkehren

mußten: Hume zu dem des Dings, Kant zu dem eines beharrenden Substrats

der Naturerscheinungen, während für die Seele und Gott beide den

Substanzbegriff ablehnten.

Wie verhält sich nun Leibniz, der der Zeit nach zwischen Descartes

und Hume, jenem näher als diesem steht, zu diesem im Wandel seiner

Gestaltungen die gesamte Entwicklung der neueren Philosophie

bestimmenden zentralen Begriff? Die gewöhnliche Antwort lautet:

den Substanzbegriffen Descartes' und Spinozas hat er einen dritten

gegenübergestellt, der in andere Attribute als beide das Wesen

der Substanz verlegt, nämlich, statt in Ausdehnung und Denken, in

_Selbständigkeit_ und _Einfachheit_. Die Monaden sind einfache Wesen,

also Substanzen, und sie sind überdies selbständige Wesen. Zunächst

springt in die Augen, daß die hier neu eingeführten Attribute reine

Begriffe sind, nicht, wie bei den dogmatischen Begründern der neueren

Philosophie, Tatsachen der äußeren und inneren Erfahrung, die, über

jede Anschauung gesteigert, mit den transzendenten unendlichen

Attributen der Substanz ausgestattet werden. Demgegenüber ist die

Dreiheit der Leibnizschen Attribute, Einfachheit, Selbständigkeit

und Beharrlichkeit, eine rein begriffliche. Wie man sie anschaulich

zu denken habe, bleibt vorläufig ganz dahingestellt. Aber es kommt

ein psychologischer Gesichtspunkt hinzu, der diese Lücke ausfüllt.

Er beruht auf der unmittelbaren Gewißheit unserer inneren Erfahrung.

Doch auch diese wird nicht ohne weiteres in der Form des Denkens

vorausgesetzt, sondern in den allgemeinsten Formen des Verlaufs

seelischer Vorgänge: im Vorstellen und Streben. Damit ist die

gesamte lebende Welt gleichzeitig mit dem Menschen dem Seelenbegriff

untergeordnet, und ihr fügt sich von selbst jener Satz an, den Leibniz

schon in seiner »~Hypothesis physica nova~« ausgesprochen: die Körper

sind momentane Geister. Mit diesem Satz hatte er bereits den Weg zum

Idealismus beschritten, der sich in der Übertragung des seelischen

Lebens auf die Substanz überhaupt vollendete. Darin liegt sein

wesentlicher Gegensatz gegen die von der Naturanschauung ausgehende

Substanzlehre der Cartesianer und Spinozas. Richtet sich doch auch bei

diesem in dem berühmten Satz »die Ordnung und Verbindung der Ideen

ist dasselbe wie die Ordnung und Verbindung der Dinge« die Idee nach

dem Ding, nicht das Ding nach der Idee. Hier hätte Leibniz den Satz

umgekehrt fassen können: die Dinge richten sich nach den Ideen. Damit

verwandeln sich ihm die Dinge in eine Erscheinungswelt, die, wenn sie

als objektive Wirklichkeit bestehen soll, einer philosophischen Prüfung

bedarf: dann erst ist sie nach Leibniz' Ausspruch ein »~Phänomenon bene

fundatum~«.

Aber ist nicht der Leibnizsche Substanzbegriff willkürlich und

widerspruchsvoll? Wenn seine Monaden einfache Wesen sind, so ist

es undenkbar, daß sie zugleich Spiegel der Welt sind, daß sich in

jeder, auch in der niedersten Monade, nur mit abgestufter Klarheit,

das Universum spiegelt. Der Vorwurf ist so augenfällig, daß man ihn

einem Leibniz eigentlich nicht machen sollte. Auch ist ja »einfach«

kein eindeutiger Begriff, sondern er richtet sich nach dem Gegensatz,

dem er gegenübergestellt ist. Dieser Gegensatz ist aber hier nicht

sowohl das Zusammengesetzte als das Ganze. Nun ist die Monade an sich

unteilbar: sie ist also jedenfalls das Einfachste, was dem Makrokosmos

gegenübersteht. Auch die alten Atomistiker hatten die Atome wegen

ihrer Einfachheit unteilbar genannt, obgleich, da sie räumliche

Gestalten besaßen, an sich eine Teilung denkbar war. Die Monaden, die

ideale Einheiten sind, besitzen überhaupt keine Ausdehnung: der Raum

ist für Leibniz eine Erscheinung geworden, die zu den von ihm bildlich

so genannten Spiegelungen der Welt in der Monade gehört. Es würde ihm

vielleicht absurd erschienen sein, hätte man in die Seele außer ihrem

eigenen Vorstellen und Streben auch noch die Eigenschaften der Welt

außer ihr verlegen wollen. In diesem Sinne konnte er wohl mit größerem

Recht, als die Atomistiker ihre Atome einfach nannten, so seine Monaden

als die letzten unteilbaren Einheiten der Bewußtseinswelt bezeichnen.

Und wenn außerdem noch der Satz »die Monaden haben keine Fenster« so

oft bei ihm wiederkehrt, so hat dies wohl seinen guten Grund darin, daß

er mit diesem Bild jede Annahme eines sogenannten ~Influxus physicus~

so energisch wie möglich zurückweisen will. Die Monaden würden eben

nicht geistige, an sich selbst unräumliche, aber das räumliche

Vorstellungsbild der Welt erzeugende Wesen, sondern sie würden Atome

sein, wenn sie solchen äußeren Einflüssen ausgesetzt wären. Darum eben

bleibt nichts anderes übrig, als daß die Stufenordnung der Wesen, die

nach dem Kontinuitätsprinzip in stetigen Übergängen vor sich geht,

die ursprünglichste Weltordnung selbst ist. Die empirische Stütze

hierfür findet er aber, wie für die Einfachheit der Wesen in der

Unteilbarkeit, so für die Stufenordnung der Welt in der Stufenordnung

der organischen Natur. Hier liegt dann der große Fortschritt des

deutschen Philosophen gegenüber seinen Vorgängern: es ist der Übergang

zum Entwicklungsgedanken, freilich noch nicht in der Form des

Werdens, sondern, ähnlich wie ein Jahrhundert später in der deutschen

Naturphilosophie, in der Form des _Gewordenseins_. Nach ihm gibt es

nicht _eine_ Substanz und nicht neben der einen ungeschaffenen,

der Gottheit, eine Vielheit von geschaffenen Substanzen, Seelen und

Körpern, sondern alle Substanzen sind einander gleichartige geistige

Wesen, und sie bilden eine stetige Aufeinanderfolge von den niedersten

mit unendlich kleinen bis zu den höchsten mit unendlich großen

seelischen Eigenschaften. Diese Philosophie ist echte transzendente

Metaphysik. Aber den Vorwurf, einfach und zusammengesetzt zu

verwechseln, kann man ihr nicht machen. Herbartsche »Reale« können

und wollen diese Monaden nicht sein, ebensowenig wie Monaden im Sinne

Giordano Brunos oder beseelte Atome. Vielmehr sind sie durchaus

einheitlich als geistige Wesen gedacht, deren Vorstellung die Außenwelt

ist, und die eine kontinuierliche Entwicklungsfolge bilden, in denen

jedes von dem andern verschieden und doch jedes dem andern ähnlich ist.

Wie verhält es sich nun mit der zweiten Eigenschaft der Leibnizschen

Substanz, mit der _Selbständigkeit_? Gewiß kann hier von keiner

absoluten Selbständigkeit die Rede sein, sondern eben nur von jener

relativen, die beim Menschen an das Selbstbewußtsein gebunden, und

vermöge deren eine Teilung dieses Selbstbewußtseins in einem und

demselben Augenblick undenkbar ist. Es ist der lichte Punkt in

unserer Seele, der diese selbst beleuchtet, jenes später von Fichte

sogenannte »Ich bin Ich«. Für Leibniz ist das Selbstbewußtsein das

Merkmal des Geistes. Er ist der erste, der den Satz der Identität als

das oberste Axiom des Denkens hinstellt. Aber indem sich dasselbe

im Fluß der Entwicklung befindet, setzt es niedrigere Stufen des

Bewußtseins voraus, aus denen es sich entwickelt, und läßt auf höhere

schließen, denen es zustrebt. Metaphysisch bilden daher das unendlich

dunkle und das unendlich klare Bewußtsein die beiden Grenzpunkte der

Weltharmonie. Indem jedes Einzelwesen in dieser unendlichen Reihe

ein Glied bildet, nimmt es seine selbständige Stellung ein. Jenes

»~Principium indiscernibilium~«, welches dereinst schon Nicolaus

von Cues als Grundgesetz der Weltordnung hingestellt hatte, weil

nicht zu unterscheidende Dinge dasselbe Ding sein würden, kommt

hier dem Selbständigkeitsprinzip der Monade zu Hilfe. Es gehört

zu den Bestandteilen mystischer Logik, deren so manche in das

Leibnizsche System aus älterer Überlieferung übergegangen sind.

Demnach ist das metaphysische Selbständigkeitsaxiom ein zunächst auf

das Selbstbewußtsein gegründetes und von ihm aus auf die Gesamtheit

der unter oder über der selbstbewußten Seele vorauszusetzenden

Wesen übertragenes Postulat. Dieses Postulat führt aber seinerseits

wieder auf dasjenige Prinzip zurück, das Leibniz am frühesten und am

dauerndsten unter allen Bestandteilen seines Systems festgehalten hat:

auf das Prinzip der Harmonie und mit diesem auf das große Gesetz der

Kontinuität, das er als das Grundgesetz alles Seins und Geschehens

betrachtet. Darum ist das Prinzip der Selbständigkeit eine in der

gesamten Weltanschauung des Philosophen verankerte Überzeugung. Das

menschliche Selbstbewußtsein liefert den empirischen Ausgangspunkt,

der Entwicklungsgedanke den nach unten wie oben ins Unbegrenzte

führenden Aufbau, endlich die Idee der Harmonie die letzte Grundlage.

So trägt das Ganze auch hier durchaus den Charakter der metaphysischen

Hypothese. Aber vor den Systemen der Zeitgenossen besitzt es zweifellos

den Vorzug der Folgerichtigkeit. Ihn verdankt sie den zwei Gedanken,

die es zum erstenmal in die neuere Philosophie einführt: der strengen

Durchführung der ~Lex continuitatis~ und dem neuen Idealismus.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 6 / 11 段