Noch blieb aber in der Ableitung des Prinzips eine Lücke, die

die Einheit der Weltbetrachtung beeinträchtigte, und die

bemerkenswerterweise zum Teil noch jetzt besteht, so daß die duale

Begriffsgliederung nach dem Vorbild der Scholastik in der Wissenschaft

noch heute fortlebt. Gleichwohl erkannte schon Leibniz in der späteren

Periode seines Lebens, daß jene Unterscheidung toter und lebendiger

Kräfte eigentlich nur einen provisorischen Wert besitze, da sie auf die

Frage, wie tote in lebendige Kraft übergehen könne, natürlich keine

Antwort gibt. Doch auch darüber, in welcher Richtung die künftige

Lösung dieses Problems liegen müsse, hat er keinen Zweifel gelassen.

Sie erscheint ihm vorgezeichnet durch das Prinzip der Kontinuität,

dessen strenge Anwendung auf alle Gebiete der Erkenntnis ihm im Gefolge

seiner mathematischen Studien als ein unerläßliches Postulat erschien.

In diesem Sinne ist die Ruhe nicht ein Gegensatz zur Bewegung, sondern

eine unendlich kleine Bewegung. Nicht um einen Wechsel absolut

verschiedener Zustände kann es sich also handeln, sondern immer nur

um Transformationen der Bewegung, wobei er sich die toten Kräfte als

Formen einander wechselseitig aufhebender Molekularbewegungen zu denken

scheint, wenn er sie gelegentlich »unsichtbare Bewegungen« nennt.

Indem aber außerdem der Kraftbegriff selbst jene universelle Bedeutung

gewinnt, vermöge deren die Materie überhaupt nur eine Erscheinungsweise

der Kraft ist, greift derselbe Gesichtspunkt auf die sogenannten

passiven Kräfte des obigen Schemas über. Auch die Undurchdringlichkeit

und die Trägheit sind nicht ruhende Eigenschaften der Körper, sondern

Resultanten innerer Bewegungen, wie der Widerstand beweist, den sie

äußeren bewegenden Kräften entgegensetzen. Dies sind Gedanken, die

in der Tat neuere physikalische Spekulationen in gewissem Sinne

vorausnehmen, in denen versucht wird, diese von Leibniz sogenannten

passiven Kräfte nicht als ursprüngliche und darum nicht weiter zu

erklärende Eigenschaften der Materie aufzufassen, sondern sie aus den

allgemeinen Bewegungsgleichungen materieller Systeme abzuleiten.

In der späteren Entwicklung der Leibnizschen Naturphilosophie ist zu

diesen Studien über die Grundbegriffe der Dynamik noch ein anderes,

davon scheinbar weit abliegendes Problem hinzugetreten, das in

der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr und mehr die allgemeine

Aufmerksamkeit gefesselt hatte, das aber den Hilfsmitteln der

mechanischen Naturerklärung völlig unzulänglich zu sein schien: das

_biologische_ der Entwicklung lebender Wesen. Wenn sich hier noch auf

lange hinaus die Physiologie mit der Annahme einer zu den mechanischen

Naturkräften hinzukommenden spezifischen Lebenskraft begnügte, als

deren Teilkräfte nach dem Vorbild der Aristotelischen Vermögensbegriffe

die einzelnen Lebensäußerungen betrachtet wurden, so ließ Leibniz

zwar diese Lebenskräfte als höhere Formen der allgemeinen Naturkräfte

gelten; dennoch hielt er die verbreitete Auffassung, die sie in einen

Gegensatz zu den mechanischen Kräften brachte, für ausgeschlossen.

Widersprach sie doch von vornherein dem Gesetz der Kontinuität.

Hatte Aristoteles schon in der Reihe Pflanze, Tier, Mensch eine

aufsteigende Entwicklung erblickt, so ergänzte daher Leibniz diese

nach unten, indem er als deren letzte Glieder die in den leblosen

Körpern wirkenden mechanischen Kräfte voraussetzte, in denen jene

höheren potentiell bereits vorgebildet seien: und auch hier bot ihm

Aristoteles in seiner Gliederung des Formbegriffs um so mehr einen

Anhalt, als der Kraftbegriff ja selbst eigentlich eine Fortbildung

dieses Aristotelischen Formbegriffs war. Gerade in diesem Punkt hatte

die Scholastik die Grundbegriffe der Aristotelischen Metaphysik

mehr verdunkelt als weitergebildet, indem sie beide zu der »~Forma

substantialis~« vereinigte, aus der sich dann der Substanzbegriff der

modernen Metaphysik entwickelt hat. Demgegenüber ging Leibniz auch

hier auf Aristoteles selbst zurück, der in den beiden Begriffen der

Energeia und der Entelecheia, von denen der erste ihm zugleich als

der allgemeinere, den zweiten einschließende, dieser aber als die

höhere Form galt, dem Gedanken der Einheit der Naturkräfte und ihrer

Wertabstufung vorgearbeitet hatte. Auch für Leibniz sind danach die

allgemeinen Naturkräfte Energien, diejenigen Kräfte dagegen, die ihren

Ausdruck in den Lebenserscheinungen finden, Entelechien. Zugleich

aber sieht er sich durch eben jenes Prinzip der Kontinuität, nach

welchem er die Lebenskräfte der Reihe der allgemeinen Naturkräfte

einordnet, genötigt, den in dem Begriff der Entelechie liegenden

Zweckgedanken wieder nach rückwärts auf das Gebiet der allgemeinen

Energien auszudehnen. So sind ihm die Naturkräfte auf ihren höheren

Stufen in der organischen Welt aktuell zwecktätige, in den allgemeinen

Naturerscheinungen latent zwecktätige. Hieraus entspringt für ihn

aber das Motiv, den so geforderten Charakter der Zweckmäßigkeit, der

sich bei den Lebenskräften den Wirkungen entnehmen läßt, hier, in der

toten Natur, in die Ursachen, d. h. in die _Gesetze_ zu verlegen,

durch die die Erscheinungen bestimmt sind. Dazu bietet dann wieder

die scholastische Gliederung des Begriffs der Ursache in die ~Causa

efficiens~ und in die ~Causa finalis~ einen willkommenen Anhalt. Die

Naturkräfte sind allgemein ~Causae efficientes~, diese aber gewinnen

auf ihren höchsten Stufen zugleich den Charakter von ~Causae finales~.

Leibniz mag sich diese letzteren als komplexe Resultanten gedacht

haben, -- ausgesprochen hat er sich hierüber nicht. Um so mehr betont

er, daß allen Naturerscheinungen der Zweck insofern immanent sei, als

die Prinzipien der Naturerklärung sämtlich den Zweckbegriff in sich

schließen. Er beschränkt diese Prinzipien auf _drei_ von universeller

und von axiomatischer Bedeutung, weil sie aus andern nicht abgeleitet

werden können: das der Kontinuität, der Erhaltung der Kraft, der

Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung. Es ist die Dreizahl der

»~Leges naturae~«, die in verschiedener Form bei den Naturphilosophen

des 17. Jahrhunderts, bei Descartes, Leibniz, Newton, wiederkehrt. Bei

Leibniz sind die beiden ersten Gesetze von überwiegender Bedeutung:

das Kontinuitätsprinzip ist eines der fruchtbarsten Denkmittel

seiner gesamten Philosophie, das Erhaltungsprinzip beherrscht seine

Naturphilosophie. Den Zweckgedanken tragen aber diese Prinzipien in

sich selbst: das gilt in der Tat für das Leibnizsche Kraftprinzip

so gut wie noch für das wesentlich mit ihm identische moderne

Energieprinzip. Rein empirisch betrachtet ist es eine Hypothese, deren

Geltung darauf beruht, daß, soweit unsere Erfahrung reicht, diese mit

ihm übereinstimmt. Logisch betrachtet, ist es aber ein teleologisches

Prinzip, da der Begriff des Beharrens eine Regel angibt, nach der

künftige Zustände mit den gegenwärtigen und vorangegangenen verbunden

sind.

Für Leibniz liefert diese doppelte Erscheinungsform der Teleologie den

Beweis für die Oberherrschaft, die dem Begriff des Zwecks überhaupt

in den allgemeinsten Naturgesetzen und in den höchsten Erzeugnissen

der Naturkausalität zukommt. Denn in dieser Übereinstimmung des ersten

und des letzten Gliedes der Reihe der Entwicklungen liegt nach ihm

ein Zwang, der uns nötigt, auch alle zwischenliegenden Glieder dem

Zweckgedanken unterzuordnen. Darum, wenn er seine Übereinstimmung mit

Aristoteles betont, so ist es vorzugsweise der Begriff der Entelechie,

auf den er hinweist. Hierin liegt aber eine doppelte Übereinstimmung:

die eine besteht in der Auffassung der Natur als einer _aufsteigenden

Stufenfolge_, die andere in der _Einheit der physischen und der

geistigen Welt_, wobei auf den niederen Stufen dieser Einheit

vornehmlich die physische, auf den höheren Stufen die geistige Seite

in die Erscheinung tritt. In beiden Momenten offenbart sich zugleich

der tiefe Gegensatz gegen Descartes, der sich schon in den dynamischen

Arbeiten vorbereitet hatte. Die Cartesianische Philosophie ist

entwicklungslos, eine tiefe Kluft trennt den Menschen von der nur dem

allgemeinen Mechanismus der Natur unterworfenen Tierwelt; sie ist

dualistisch, die menschliche Seele ist nur äußerlich und vorübergehend

mit dem Körper verbunden. Für Leibniz sind körperliches und geistiges

Sein im letzten Grund eins und dasselbe, sie sind Äußerungen einer

allbeherrschenden Kraft, die von Anfang an zwecktätige Kraft ist und

als solche sich ebenso in den Gesetzen der Natur wie in denen des

menschlichen Denkens offenbart. Damit erneuert er den Aristotelischen

Begriff der Seele als der Lebenskraft, zu dem schon, freilich in

mannigfach unter dem Einfluß des religiösen Dogmas veränderter Form,

die Scholastik zurückgekehrt war.

Wenn nun aber Leibniz überall bemüht war, die rein philosophische

Begründung seiner Anschauungen mit einer religiösen Betrachtung der

Dinge in Einklang zu bringen, so konnte er sich kaum verhehlen, daß

in diesem Punkte der moderne Seelenbegriff Descartes' anscheinend dem

religiösen Bedürfnisse besser gerecht werde als das Aristotelische

Lebensprinzip. Da geschah eine Entdeckung, die die damalige

wissenschaftliche Welt in die größte Aufregung versetzte, weil sie

hier plötzlich eine neue Situation zu schaffen schien: es war die

Entdeckung der sogenannten Spermatozoen durch den Holländer Leuwenhoek.

Sie überraschte um so mehr, als kurz zuvor William Harvey durch

seine sorgfältigen Beobachtungen über die Entwicklung des Hühnchens

im Ei die ohnehin nächstliegende Annahme, daß das Ei der Träger der

Entwicklungsvorgänge sei, vollauf zu bestätigen schien und daher

zu dieser als selbstverständlich bereits geltenden Ansicht bloß

die allerdings wichtige Ergänzung hinzufügte, daß organische Wesen

überhaupt nur aus einem vorhandenen Ei hervorgehen könnten, nach dem

Satze: »~Omne vivum ex ovo!~« Dem stellte nun Leuwenhoek auf Grund

seiner Entdeckung der Spermatozoen, in denen er, wie die meisten

seiner Zeitgenossen, wegen ihrer Bewegung kleinste lebende Tiere sah,

den andern Satz gegenüber: »~Omne vivum ex animalculo!~« So entstand

der berühmte Streit der Ovulisten und der Animalkulisten. Für Leibniz

war aber dieser Streit mehr als eine bloß biologische Frage. Die

Entdeckung der Spermatozoen bedeutete für ihn die Errettung aus einer

schweren philosophischen Verlegenheit. In jenen schien ihm die Einheit

von Seele und Körper augenfällig erwiesen zu sein. Aber es schien

ihm auch, wie manchen andern, im höchsten Grade wahrscheinlich, daß

damit das Problem der organischen Entwicklung überhaupt gelöst sei.

Lag es doch nahe, anzunehmen, in dem Animalkulum sei das künftige

Tier oder der künftige Mensch nicht bloß präformiert wie im Ei das

individuelle künftige Hühnchen, sondern jenes sei das Tier selbst in

einem noch unausgewachsenen Zustande. Damit konnte die Frage nach

dem Ursprung des Lebens für gelöst gelten: das Leben, so lautete

die Antwort, ist überhaupt nicht entstanden, sondern es bewegt sich

für jedes Individuum nur zwischen den Stadien der Involution und

Evolution, und die Entwicklungsgeschichte des individuellen Wesens ist

nicht ein einmaliger, sondern ein periodischer, ins Unendliche sich

wiederholender Vorgang. Wichtiger aber noch war eine weitere Folgerung,

die dieser Anschauung ihre Anhänger schaffte. Der Cartesianischen

Lehre von der bloß äußeren Verbindung von Seele und Körper, die der

ersteren ihre Fortdauer nach dem Tode des Körpers sichere, hatte ihre

Übereinstimmung mit dem religiösen Unsterblichkeitsglauben nicht zum

wenigsten ihren Erfolg verschafft. Begreiflich daher, daß Leibniz die

Hilfe willkommen war, die sich ihm in der Theorie der Animalkulisten

bot, um so willkommener, als ihr die empirische Beobachtung zur Seite

stand. Die Cartesianische Seele konnte niemand sehen, sie war eine

bloß metaphysische Annahme. Die Spermatozoen konnte man jedermann

unter dem Mikroskop demonstrieren. So war es Leibniz, der schließlich

dieser Lehre ihren entscheidenden philosophischen Ausdruck gab: »~Non

solum animae sed animalia sunt immortalia!~« Der Unsterblichkeit war

anscheinend ein empirisches Argument zur Seite getreten, das den

religiösen Glauben selbst zu einer Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis

erhob. Für uns, die wir wissen, daß die Spermatozoen keine Tiere,

sondern bewegliche Formelemente sind, wie deren noch unzählig viele

andere im Organismus vorkommen, ist natürlich die animalkulistische

Evolutionshypothese und mit ihr womöglich noch mehr der Leibnizsche

Satz von der Unsterblichkeit der Tiere längst hinfällig geworden.

Dennoch wäre es verfehlt, anzunehmen, Leibniz würde, wenn er seinen

Irrtum erkannt hätte, deshalb seinen Cartesianischen Gegnern das Feld

geräumt haben. Seine Weltanschauung -- und das Verhältnis von Geist

und Körper gehörte zu den wesentlichsten Bestandteilen derselben --

stand nicht auf den gebrechlichen Füßen der damaligen mikroskopischen

Beobachtung. Es waren ganz andere Stützen, auf die er seine neue

Auffassung vom Wesen der Materie gegründet hatte, dieselben, die

ihm seine dynamischen Untersuchungen an die Hand gaben. Sie sind es

zugleich, die mit seinem neuen Aufbau der Psychologie auf das engste

zusammenhängen.

~c.~ Die Aktualität der Seele.

An zwei Stellen pflegt man sich über Leibniz' psychologische

Anschauungen Rat zu holen: in seiner Monadologie und in seiner

Erkenntnistheorie. In so nahen Beziehungen beide aber auch zu

jenen stehen mögen, so wenig geben sie Aufschluß über den Ursprung

seines psychologischen Denkens. Will man die Ausgangspunkte seiner

mehr und mehr über alle Gebiete sich erstreckenden psychologischen

Überzeugungen erkennen, so muß man vielmehr auf seine physikalischen

Studien zurückgehen, aus denen sich ihm zuerst der Begriff der

Kraft als ein an sich gleichzeitig die physische und die geistige

Welt umfassender Grundbegriff ergab. Da hierauf schließlich vor

allem sein für die ganze neuere Philosophie entscheidend gewordener

Gegensatz zu Descartes beruht, so ist es erforderlich, sich die auf

die antike Philosophie zurückreichenden Quellen dieses Zwiespalts zu

vergegenwärtigen. Dies ist um so nötiger, als durch einen merkwürdigen

Wandel der Begriffe der Gegensatz selbst eine völlig veränderte

Bedeutung gewonnen hat. Der Cartesianische Seelenbegriff hat seinen

Ausgangspunkt in der Platonischen Ideenlehre, mit der ja auch die

Lehre von den »angeborenen Ideen« zusammenhängt. Bei Plato war die

Seele ein zwischen der übersinnlichen Welt der Ideen als der Urbilder

der Begriffe und der Sinnenwelt vermittelndes Wesen, das als solches

zugleich an der Unvergänglichkeit der Ideen teilnahm. Unter dem

Einfluß der christlichen Gottesidee verwandelten sich bei dem großen

Platoniker unter den Kirchenlehrern, dem heil. Augustinus, die Ideen

in Schöpfungsgedanken Gottes, zu denen nun auch die menschliche Seele

selbst gehörte. Alle Dinge hat Gott, ehe er sie schuf, vorausgedacht,

unter ihnen ist aber die Seele dasjenige Wesen, das allein befähigt

ist, sie nachzudenken: »Gott denkt die Dinge, ehe sie sind, unsere

Seele denkt sie, nachdem sie sind.« Demnach ist die Seele ein denkendes

Wesen und als solches befähigt, auch die Gottheit und die Dinge der

Außenwelt zu erkennen. Das ist die Quelle der drei Substanzen der

Cartesianischen Philosophie: Seele, Welt, Gott. Mit ihnen hat sich der

Platonische Idealismus in einen dualistischen Realismus umgewandelt,

zu dem als transzendente Ergänzung der Gottesbegriff hinzutritt. Für

Leibniz ist auch hier Aristoteles der führende Philosoph. Dem neuen

von Descartes unter der Leitung der neuen kirchlichen Philosophie

aufgestellten Begriff der Seele als der denkenden Substanz gegenüber

geht er auf den aristotelisch-scholastischen Begriff der Seele zurück:

sie ist ihm das Prinzip des Lebens überhaupt und die Anlage zu ihren

Fähigkeiten ruhen daher bereits in der allgemeinen Materie. Darum

sagt er schon in seiner ~Hypothesis physica nova~: »Die Körper sind

momentane Geister.« So haben sich anscheinend die Begriffe völlig

umgekehrt: Descartes ist, vom Platonischen Idealismus ausgehend, zum

Realisten, Leibniz, vom Aristotelischen Realismus ausgehend, zum

Idealisten geworden. Freilich hat sich damit zugleich der Charakter des

Idealismus selbst gewandelt: der moderne Idealismus ist nicht mehr der

antike. Den ersten Versuch, diesen modernen Idealismus wissenschaftlich

zu begründen, hat aber ohne Frage Leibniz gemacht. Doch es ist nicht

die Monadologie, diese abschließende Darstellung seiner Metaphysik, und

nicht die Erkenntnislehre der Essays über den Verstand, in denen wir

Aufschluß über die Leibnizsche Psychologie suchen müssen, sondern seine

Naturphilosophie. Denn, wie bei Aristoteles die Untersuchung über die

Seele als »Entelechie des lebenden Körpers« der Physik als ihr letzter

Teil sich anschließt, so führt bei Leibniz die Untersuchung über die

Grundlagen der Physik unmittelbar zu dem Postulat einer idealistischen

Naturauffassung und damit zu einer neuen Grundlegung der Psychologie.

Das für diese Psychologie und den auf sie gegründeten Idealismus vor

allen andern bedeutsame Werk ist nun jene »~Hypothesis physica nova~«

mit einigen sie vorbereitenden kleineren Aufsätzen. Sie ist sein

abschließendes Jugendwerk. In wesentlichen Punkten steht es noch auf

dem Standpunkt der Cartesianischen Naturphilosophie, aber in dem, worin

es von ihr abweicht, in dem Begriff der Materie, enthält es vieles, was

bereits Gedanken der späteren dynamischen Schriften vorausnimmt, und in

der Rolle, die in diesen Ausführungen der Begriff des unendlich Kleinen

spielt, klingt leise schon die Infinitesimalrechnung an, obgleich die

Probleme, die ihm in den folgenden Jahren seines Pariser Aufenthalts zu

dieser geführt haben, ihm damals noch fern lagen. Die Unmöglichkeit,

die Materie als Ausdehnung im Raum zu definieren, sucht er hier

daraus zu beweisen, daß jedes noch so kleine Teilchen derselben in

andere noch kleinere teilbar gedacht werden könne, so daß schließlich

nichts übrig bleibe. Die Ausdehnung selbst setze daher eine Bewegung

voraus, die sich in einer unendlich kleinen Zeit bereits über mehrere

Teilchen erstrecke, so daß diese Bewegung nicht als ein räumlicher

Vorgang, sondern nur als ein Streben nach Bewegung, als »~Conatus~«,

gedeutet werden könne. Aus diesem Streben erkläre sich einerseits die

Widerstandskraft, anderseits die Kohäsion der Teilchen der Materie.

So entwickelt hier schon Leibniz eine Hypothese, die die geläufigen

korpuskularen und atomistischen Vorstellungen zurückweist, um an ihre

Stelle ein Kontinuum bewegender Kräfte zu setzen, das die selbständige

Existenz einer diese Kräfte tragenden ausgedehnten Substanz

ausschließt. Es erinnert, von der physikalischen Seite betrachtet,

einigermaßen an die Faradayschen »Kraftfelder«. Wichtiger aber ist die

weitere Folgerung, daß die Ausdehnung eine _Erscheinung_ der Materie,

nicht die Materie selbst sei, die vielmehr als ein bloßes Streben nach

Bewegung, demnach eigentlich als ein immaterielles Sein gedacht werden

müsse. Das eben drückt jener Satz aus: »Die Körper sind momentane

Geister!« Sie würden -- so können wir wohl diesen Satz interpretieren

-- Geister im vollen Sinne des Wortes sein, wenn die strebenden

Kräfte, aus denen sie bestehen, ein Gedächtnis in sich trügen, das

Vorangehendes und Folgendes verbände. Diese Eigenschaft unseres eigenen

Geistes fehlt den leblosen Körpern. Aber da das Gedächtnis eine

besondere, weitere Bedingungen voraussetzende Eigenschaft ist, so sind

wir berechtigt, die Körper überhaupt als geistige Wesen, freilich,

sofern ihnen die Eigenschaft abgeht, Vorangegangenes mit Zukünftigem

zu verknüpfen, nur als momentane Geister aufzufassen, womit zugleich

die Möglichkeit gegeben ist, die höheren geistigen Vorgänge aus ihnen

entstanden zu denken.

Diese Auffassung, die bereits deutlich auf das universelle Prinzip

der Kontinuität alles Geschehens hinweist, schließt jedoch noch

eine andere Folgerung ein. Descartes' Psychologie leitet aus dem

Denken die Gesamtheit der geistigen Vorgänge ab. Sie ist nach dem

vorangestellten Begriff der Seele durch und durch intellektualistisch.

Auch die Leidenschaften der Seele beruhen, ebenso wie die Hilfsmittel

zu ihrer Überwindung, im letzten Grunde halb auf logischen halb auf

physischen Vorgängen. Leibniz überträgt hier, treu den Aristotelischen

Begriffen von der Energie und Entelechie in ihrer physisches und

geistiges Leben umfassenden Bedeutung, unmittelbar die leitenden

naturphilosophischen Gesichtspunkte auch auf das Seelenleben. Alles

geistige Geschehen ist ihm immerwährende Tätigkeit, diese wird aber

in der Wechselwirkung ihrer Faktoren zugleich zu einem Streben, das

neben jener Tätigkeit den Gesamtverlauf der psychischen Vorgänge

bestimmt. So ist es die _Aktualität_ des Seelenbegriffs, die sich

bei ihm gegenüber der Cartesianischen Seelensubstanz durchsetzt.

Damit tritt dem Doppelbegriff Tätigkeit und Leiden bei Descartes ein

neuer, Tätigkeit und Streben, gegenüber, -- ein Unterschied, der,

so gering er auf den ersten Blick erscheinen mag, in Wahrheit einen

völligen Wandel der Lebensanschauung in sich schließt. Tätigkeit und

Leiden sind Wechselbegriffe, die beide auf die an sich der Außenwelt

gegenüberstehende, von ihr spezifisch verschiedene, aber fortwährend

ihren Einwirkungen unterworfene Seelensubstanz zurückführen.

Tätigkeit und Streben sind psychische Begriffe, die den allgemeinen

Naturbegriffen durchaus entsprechen, nur daß sie sich im Menschen

zu klarem Bewußtsein erheben, während sie in der allgemeinen Natur

noch latent bleiben und nur aus dem Zusammenhang der Naturvorgänge zu

erschließen sind. In diesem Sinne finden sie in dem späteren, strenger

durchgeführten Dualismus der naturphilosophischen Begriffe in der

Unterscheidung der toten und der lebendigen Kräfte ihren Ausdruck.

Sind doch die toten Kräfte nichts anderes als ein Streben nach

Bewegung, das aber nun unter Zuhilfenahme des Prinzips der Konstanz der

Naturkräfte mit der Tätigkeit selbst oder den lebendigen Kräften in

einem gesetzmäßigen Zusammenhang steht. Von diesem Prinzip der Konstanz

ist nun in der Leibnizschen Psychologie nicht die Rede: da widerstrebt

ihm offenbar das Prinzip der Entelechie als der höheren bewußten Form

der Naturkräfte, welches zugleich das Prinzip der Entwicklung der

niederen zu den höheren, zwecktätigen Kräften in sich schließt. Hier

durchkreuzt sich also sichtlich jenes allgemeine Naturgesetz, welches

für die gesamte physische Welt und damit auch für die allgemeinen

Naturgrundlagen des geistigen Lebens gilt, mit dem Prinzip der dieses

Leben selbst beherrschenden schöpferischen Kausalität des geistigen

Geschehens. Leibniz hat sich freilich über diesen scheinbaren

Widerspruch seines psychologischen Entwicklungsgedankens mit seinen

allgemeinen Naturgesetzen, ebenso wie über den Weg, der über diesen

scheinbaren Widerspruch hinausführt, keine Rechenschaft gegeben.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 4 / 11 段