Leistungen bedeutender Männer ihrer allgemeinen Richtung nach nicht
selten in ihren, oft an sich höchst unvollkommenen Erstlingsarbeiten
bereits angedeutet sind. Von wenigen gilt das vielleicht mehr als von
Leibniz und seiner »~Ars combinatoria~«. Wie in ihr zum erstenmal
die »~Charakteristica universalis~« mit der hinter ihr stehenden
Entwicklung seines mathematischen Denkens leise anklingt, so verrät
sie, wenn auch mehr in einzelnen Abschweifungen als in wirklichen
Ausführungen, den Einfluß der Scholastik auf seine Naturphilosophie.
Während aber die Anfänge seines mathematischen Denkens an die
Bestrebungen jener mathematischen Mystik anknüpfen, die namentlich
seit dem 13. Jahrhundert eine Nebenströmung der klassischen Scholastik
gebildet haben, ist es eine andere Seite der in der gleichen Zeit
verbreiteten Bestrebungen, die in jenem Jugendwerk zur Geltung kommt:
es ist der vielfach im Gegensatz zu der vorangegangenen Philosophie
sich regende Versuch, die herrschende Scholastik durch den Rückgang
auf ihre Quelle, die Aristotelische Philosophie, zu reformieren. In
zwei merkwürdigen Beilagen zu jener Schrift tritt dies deutlich
zutage: in einem vorausgeschickten Exkurs über den Beweis des Daseins
Gottes, und in einem als Titelbild beigegebenen Schema der bekannten
vier aristotelischen Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde. Der
Gottesbeweis sucht an Stelle der in der Scholastik aufgekommenen
ontologischen und kosmologischen Beweise wieder den aristotelischen
aus dem »Automaton« zu erneuern. Leibniz erklärt ihn für den einzigen,
dem mathematische Evidenz innewohne, weil die Reihe der Bewegungen
in der Natur notwendig einen ersten Beweger voraussetze, der selbst
unbewegt sei. Dieser Versuch, in der Ableitung des Gottesbegriffs
auf Aristoteles zurückzugehen, knüpft zwar an die bereits in der
gleichzeitigen Scholastik herrschende Bevorzugung des sogenannten
kosmologischen Beweises an, aber er entfernt aus ihm die Beziehungen
zur Theologie, um ihn als eine rein naturphilosophische Voraussetzung
bestehen zu lassen. Noch bedeutsamer ist die zweite Beigabe: das
Schema der vier Elemente. Es ist weniger der Begriff der Elemente
selbst als die Methode, durch die Aristoteles die Notwendigkeit ihrer
Unterscheidung zu begründen gesucht hatte, worauf es dem Verfasser
offenbar bei diesem Titelbild ankommt. Um die Bedeutung desselben zu
würdigen, muß man sich vor allem die Stellung vergegenwärtigen, die
die Aristotelische Deduktion der vier Elemente in der Geschichte der
Naturphilosophie einnimmt. Nicht die Unterscheidung der Elemente selbst
ist ja die entscheidende Tat, durch die er ihnen bis tief in die neuere
Zeit zuerst eine fast ausschließliche Herrschaft und dann, nachdem die
chemische Atomistik entstanden war, wenigstens eine Art Nebenherrschaft
gesichert hat, sondern ihre logische Ableitung. In der älteren
jonischen Naturphilosophie waren sie als makrokosmische Bestandteile
der Welt schon vorgebildet. Der äußersten, den Gestirnen entsprechenden
Feuersphäre folgt die Luft, dann das Wasser und endlich die feste
Erde. Empedokles hatte sie in mikrokosmische Elemente verwandelt, aus
denen sich die Einzeldinge zusammensetzen sollten. Was Aristoteles
hinzubrachte, das war die logische Deduktion, nach der diese Elemente
selbst wieder aus der Mischung von Urqualitäten hervorgehen sollten,
die aus den allgemeinsten Eigenschaften der Dinge abstrahiert und nach
Gegensätzen geordnet waren: fest und flüssig, kalt und warm. So ergab
sich das Schema:
Trocken Flüssig
Kalt _Erde_ _Wasser_
Warm _Feuer_ _Luft_
Dieses Schema ist wohl das glänzendste Beispiel für die Aristotelische
Behandlung der Erfahrungsbegriffe. Das empirisch Gegebene bildet die
Grundlage einer Begriffsscheidung, die nach gegensätzlichen Merkmalen
ausgeführt und, wenn nötig, durch Synthese der zu einander passenden
Teilbegriffe zu einem logisch geschlossenen System geordnet wird. Die
Erfahrung bildet das Material, die dialektische Begriffsgliederung
das Mittel, um die empirischen Begriffe zugleich als logisch
notwendige erscheinen zu lassen. Diese Methode der dualistischen
Begriffsgliederung, welcher jedesmal von dem Philosophen gleichzeitig
logische Notwendigkeit und metaphysische Gültigkeit zugesprochen
wird, wiederholt sich in den mannigfaltigsten Gestaltungen in der
Philosophie des Aristoteles. Sie bildet ein Seitenstück und eine
Ergänzung zu der Methode der Begriffssubsumtion, die das ganze
System des Philosophen beherrscht, und die überall darauf ausgeht,
das Erfahrungsmäßige zugleich als ein begrifflich Notwendiges zu
erweisen. Logisch notwendig ist aber derjenige Begriff, der durch
einen anderen als sein Gegensatz gefordert wird. Hieraus entspringt
jenes Prinzip dualer Begriffsgliederung, das auch anderwärts bei
Aristoteles in der besonders wirkungsvollen Form der Viergliederung
vorkommt: so in der Einteilung der Urteilsformen in bejahende und
verneinende, allgemeine und besondere, oder in der Psychologie in
der Einteilung der Erinnerungsformen in solche nach Ähnlichkeit und
Gegensatz, Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge des Erinnerten. Ihren
Vorzug für das systematische Denken gewinnen diese aus zwei logischen
Zweigliederungen synthetisch gewonnenen Vierteilungen sichtlich eben
dadurch, daß durch die Verflechtung der beiden Komponenten zu einem
Ganzen nochmals das Prinzip der Dualität wiederkehrt. Wo eine solche
Kombination zweier logischer Zweiteilungen zur Vierzahl nicht möglich
ist, da kann dann auch eine unmittelbar einsetzende Verbindung der
Gegensätze dem Bedürfnis nach logischer Einheit entgegenkommen: so bei
der Aristotelischen Ableitung der Tugendbegriffe aus dem Prinzip der
richtigen Mitte aus entgegengesetzten Fehlern, wie der Freigebigkeit
aus Geiz und Verschwendung usw., oder bei den grundlegenden
metaphysischen Begriffen Stoff und Form, die ebensowohl als Gegensätze
wie als sich ergänzende Begriffe gedacht werden.
Dieses Prinzip der dualen Gliederung beherrscht nun die Leibnizsche
Naturphilosophie in ihrer ganzen Entwicklung. Den Ausgangspunkt bildet
hier der bei ihm früh sich regende Zweifel an der Haltbarkeit des
Cartesianischen Begriffs der Materie, mit dem seine Opposition gegen
die Cartesianische Naturphilosophie begonnen hat. In einer bis zu
einem gewissen Grade bereits ausgereifteren Gestalt begegnet uns jenes
Schema zuerst in seiner für die ganze Entwicklung seiner Philosophie
überaus bedeutsamen Schrift vom Jahre 1671 »~Hypothesis physica
nova~«. Sie zeigt uns ihren Verfasser mitten auf dem Wege zwischen
der unumschränkten Annahme der Cartesianischen Prinzipien, denen
er sich in einem früheren Stadium zugeneigt hatte, und der vollen
Abwendung von diesen in seinen späteren Arbeiten über Dynamik. In
jener Schrift schließt er sich in der Erklärung der Himmelsbewegungen
noch im wesentlichen an Descartes an, aber dessen Auffassung der
Materie als des durch die einzige Eigenschaft der Ausdehnung im
Raume gekennzeichneten Substrates der Naturerscheinungen bekämpft
er als eine unmögliche. Die Ausdehnung kann, wie er erklärt, nur
aus einer ausdehnenden Kraft begriffen werden, und nur sie macht
jene passiven Eigenschaften der Materie verständlich, die zu Raum
und Bewegung hinzukommen müssen, um den Widerstand eines Körpers
gegenüber einem andern und das Beharren einer ihm mitgeteilten
Bewegung zu erklären. So gelangt er hier bereits zu jener Aufstellung
des Kraftbegriffs als des Grundbegriffs für die Interpretation der
gesamten Naturerscheinungen und zugleich zu einer doppelten Gliederung
dieses Begriffs: zunächst scheidet sich die Kraft in die passive,
die den Körpern fortwährend innewohnt, und in die aktive, die in der
Bewegung sich äußert; die passive Kraft aber scheidet sich wieder
in die Festigkeit (Undurchdringlichkeit) und in die Trägheit, die
Galileische ~Vis inertiae~. Von diesem ersten Entwurf an schreitet
dann in den nach dem Jahr 1680 ausgeführten Arbeiten zur Dynamik diese
Einteilung in folgerichtiger Weiterführung der begonnenen Subsumtion
der Begriffspaare zu dem folgenden endgültigen Schema fort:
{ ~vis primitiva~ = ∞
~Vis = vera~ {
~Substantia~ { { { ~antitypia~
{ ~vis~ { ~vis passiva~ {
{ ~derivativa~ { { ~inertia~
{
{ ~vis activa~ { ~vis mortua~
{ ~= const.~ {
{ { ~vis viva~
Die Analogie dieses Schemas mit den Aristotelischen
Begriffsgliederungen springt in die Augen. Dennoch ist die Beziehung
der Begriffsglieder zu einander offenbar eine wesentlich andere
geworden, und hinter diesem Wandel verbirgt sich der mächtige
Einfluß, den die seit dem Galileischen Zeitalter eingetretene
Umwälzung der Naturanschauungen selbst da hervorgebracht hat, wo man
die neue Anschauung in die alten scholastischen Formen umzuprägen
sucht. In der Tat ist das Schema, in welchem Leibniz seine gesamte
Naturphilosophie zum Ausdruck bringt, ein deutliches Zeugnis dafür,
daß diese Philosophie selbst gewissermaßen eine Resultante aus den
zwei Weltanschauungen ist, die sich hier zu einem Ganzen vereinigen.
In der Form ist dieses System noch in der scholastischen Denkweise
befangen, in seinem Inhalt ist es ganz von den Anschauungen der
neuen mechanischen Naturwissenschaft erfüllt, und es ist zugleich
ein bedeutsamer, zweifellos der Cartesianischen Naturwissenschaft
überlegener Versuch, diese Anschauung in ein einheitliches, von einem
einzigen Grundbegriff, dem der Kraft, getragenes System zu bringen.
Der wesentliche Unterschied in der Anwendung des Prinzips der dualen
Gliederung bei Leibniz gegenüber der aristotelisch-scholastischen,
wie ihn am ausgeprägtesten das von Leibniz selbst dereinst an die
Spitze seiner ~Ars combinatoria~ gestellte Beispiel der vier Elemente
zeigt, besteht darin, daß die Begriffsgliederung der Scholastik auf
dem Prinzip der Subsumtion unter einen Oberbegriff beruht, während
sie bei Leibniz stets zugleich eine kausale Beziehung der einander
gegenübergestellten Begriffe in sich schließt. So sind trocken und
flüssig unter dem allgemeinen Begriff des Aggregatzustandes enthalten,
ohne über die Bedingungen, unter denen etwa die eine in die andere
dieser Eigenschaften übergeht, etwas auszusagen. Die ~Vis primitiva~
und ~derivativa~, die ~Vis viva~ und ~mortua~ sind dagegen derart in
Beziehung zueinander gesetzt, daß die wegen der im Fortschritt der
Zeit ins Unendliche sich erstreckende Summe aller vorangegangenen,
gegenwärtigen und zukünftigen Kraftwirkungen als die an sich unendlich
zu denkende Quelle der jeweils in der Natur vorhandenen Kräfte
betrachtet wird; ebenso sind die ~Vis viva~ und ~mortua~ durch die
Voraussetzung der Konstanz ihrer Summe nicht bloß Teilbegriffe der ~Vis
activa~, sondern sie stehen derart in kausaler Beziehung, daß sie stets
nur in äquivalenten Werten ineinander übergehen können.
Aber dieses Schema des Kraftbegriffs enthält nicht bloß, wenngleich
in äußerlich rein subsumierender Form, ~in nuce~ die reichen
Wechselbeziehungen der Naturerscheinungen, die Leibniz durch die
Modifikation seines Kraftbegriffs auszudrücken sucht, sondern es
weist zugleich über das naturwissenschaftliche Gebiet hinaus auf die
universelle philosophische Bedeutung hin, die bei ihm der Kraftbegriff
gewinnt. Dies tritt vor allem in der dem Ganzen vorangestellten
Begriffsbestimmung der Kraft als der »wahren Substanz« hervor. Eine
eigentliche Definition enthält freilich dieses Attribut nicht, oder es
weist doch höchstens indirekt auf eine solche hin, indem es die Kraft
als den Grundbegriff bezeichnet, der künftighin an die Stelle der
bisherigen Substanz zu treten habe. Nun reicht aber der Substanzbegriff
über das Gebiet der Naturphilosophie hinaus. Er hatte sich in der
bisherigen Philosophie zu dem Begriff eines beharrenden Seins
entwickelt, das bald als allgemeines Substrat der Erscheinungswelt,
bald als unendliches göttliches Sein oder auch als beides zugleich, wie
in der Cartesianischen Dreiteilung der Substanzen in Seele, Körperwelt
und Gott, gedacht wurde. Indem Leibniz die Kraft die wahre Substanz
nennt, gibt er also seinem Kraftbegriff von vornherein ebenfalls
eine universelle metaphysische Bedeutung. Da er anderwärts das Wesen
der Kraft, im Gegensatz zu jenem Begriff der beharrenden Substanz,
in die Tätigkeit und, wo diese nicht zur Wirkung gelangt, in das
Streben nach Tätigkeit verlegt, so ist dieser Ersatz der beharrenden
Substanz durch die tätige Kraft wiederum ein wesentlicher Punkt in
seiner fortschreitenden Abkehr von Descartes. So überaus weittragend
dieser neue Substanzbegriff ist, -- er kommt, wie wir sehen werden,
der Aufhebung des Substanzbegriffs überhaupt gleich --, so hat er
jedoch für die Prinzipien der Naturphilosophie auf den ersten Anschein
keine allzu schwer wiegenden Folgen. Da Leibniz immerhin an der
räumlichen Ausdehnung als der unmittelbar in der Anschauung gegebenen
Eigenschaft der Körper festhält, so gilt auch für ihn der Satz, daß
alles Geschehen in der Natur auf Bewegungen der Materie zurückzuführen
ist, und es scheint zunächst wenig zu bedeuten, ob diese Bewegungen
selbst als das Ursprüngliche angesehen werden oder ob man sie auf eine
hinter ihnen stehende tätige Kraft zurückführt. Hat doch das erstere
den Vorteil den, wie sich später d'Alembert ausdrückte, »mystischen«
Kraftbegriff zu vermeiden, indem man sich nur an die Erscheinungen
selbst hält. Auch muß man zugestehen, daß Descartes schwerlich ohne
seine Voraussetzung der Identität von Raum und Materie auf den
Gedanken gekommen wäre, die Eigenschaft der Unveränderlichkeit des
Raumes auf die Bewegungen im Raum anzuwenden und so zur Aufstellung
seines Prinzips der Erhaltung der Quantität der Bewegung zu gelangen,
eines Prinzips, das zwar falsch war, aber immerhin das Verdienst
hatte, den Gedanken der Konstanz von der Materie als dem Substrat der
Naturvorgänge auf diese selbst zu übertragen. Dennoch offenbarte sich
in dem über diese Frage entstandenen Streit zwischen Leibniz und den
Cartesianern bald der gewaltige Unterschied, der zwischen beiden Formen
der mechanischen Naturanschauung, jener eigentlich rein phoronomischen
Betrachtung Descartes' und seiner Schüler und dieser dynamischen
bestand, und der eben darin seinen tieferen Grund hatte, daß das System
der Kraftbegriffe, wie es das obige Schema darstellt, in allen seinen
Gliedern auf kausalen Beziehungen beruht.
Die bedeutsamsten dieser Beziehungen sind nun die zwischen passiver
und aktiver Kraft und vor allem die zwischen toter und lebendiger
Kraft. Beide Unterscheidungen hängen aber auf das engste zusammen.
Denn die passiven Kräfte, die der Materie außer ihrem Dasein im Raume
zukommen, bewirken, daß die Bewegung Widerstände findet, die die
aktuelle in eine potentielle, in ein bloßes Streben nach Bewegung
umwandeln können, daher denn auch nicht, wie das Cartesianische
Konstanzprinzip voraussetzt, die gesamte Quantität der Bewegung,
sondern nur die _ganze_ ~Vis activa~, also die Summe der toten und der
lebendigen Kräfte, konstant bleibt. Das ist das berühmte Prinzip der
»Erhaltung der Kraft« beinah in demselben Sinne, in dem es fast zwei
Jahrhunderte später von Robert Mayer formuliert wurde. Es ist durch
eine merkwürdige Konfusion der ~Vis viva~ mit der ~Vis activa~ in dem
System der Leibnizschen Kraftbegriffe als eine Vorausnahme und zugleich
unberechtigte Verallgemeinerung des unter gewissen Voraussetzungen
geltenden mechanischen Prinzips der »Erhaltung der lebendigen
Kräfte« gedeutet worden. Das ist falsch, wie ein Blick auf das obige
Schema ohne weiteres zeigt. Leibniz ist bereits im vollen Besitz des
Erhaltungsprinzips, wie es die heutige Physik voraussetzt, wenn er
auch selbstverständlich nach dem damaligen Zustand der Wissenschaft
von den sogenannten Transformationen der Naturkräfte nichts wissen
konnte, die erst durch die Nachweisung der Äquivalenz der Naturkräfte
seine umfassendere empirische Bestätigung und Anwendung möglich
gemacht haben. Jenes Mißverständnis ist aber hauptsächlich dadurch
entstanden, daß der Folgezeit bis zu seiner Wiederentdeckung an der
Hand des Äquivalenzgesetzes der Sinn des Streites, den Leibniz mit
den Cartesianern kämpfte, verlorengegangen war. Man stritt im ganzen
18. Jahrhundert nicht mehr um die Frage der Konstanz der Naturkräfte,
sondern um die andere, ob diese nach Cartesius durch die Quantität der
Bewegung ~m . v~ oder nach Leibniz durch die lebendige Kraft ~m . v²~
zu messen seien. So kam es, daß im allgemeinen die Mathematiker es
schließlich, der Autorität d'Alemberts folgend, für gleichgültig
erklärten, welchen der beiden Ausdrücke man wähle, da diese Wahl nur
davon abhänge, ob man unter den Gleichungen für die Bewegung schwerer
Körper diejenige bevorzuge, die die Zeit der Bewegung, oder diejenige,
die den zurückgelegten Weg enthalte. Auf die Physiker dagegen machte
im allgemeinen der von Leibniz erbrachte Nachweis der Übereinstimmung
seines Prinzips mit den Galileischen Fallgesetzen den größeren
Eindruck. Da in diesem Beispiel das allgemeine Prinzip der Erhaltung
der Kraft mit dem beschränkteren der »Erhaltung der lebendigen
Kräfte« zusammenfiel, so befestigte sich aber dadurch um so mehr die
Meinung, ~Vis viva~ und ~Vis activa~ bedeuteten eins und dasselbe.
So ereignete es sich, daß die »lebendige Kraft« ein dauernder Besitz
der Physik blieb, die »tote Kraft« dagegen geriet in Vergessenheit,
bis sie unter verschiedenen andern Namen, wie »potentielle Energie«,
»Spannkraft«, »Energie der Lage« durch die neuere Energetik wieder
erweckt wurde. Unter diesen neuen Ausdrücken ist besonders die
»potentielle Energie« bemerkenswert. Das Wort hängt mit dem Bestreben
zusammen, das gute deutsche Wort Kraft wegen der mancherlei außerhalb
der exakten Mechanik und Physik liegenden Bedeutungen, in denen es
gelegentlich gebraucht wird, wie Lebenskraft, Denkkraft, ganz aus der
Wissenschaft auszumerzen und durch ein anderes, in dieser Beziehung
unverfänglicheres zu ersetzen. Damit hat die Geschichte dieses
Begriffs einen merkwürdigen Kreislauf zurückgelegt. Leibniz hatte den
alten Kraftbegriff nach dem Vorbild der Aristotelischen »Energeia«
umgeformt, indem er als sein wesentliches Merkmal die Tätigkeit, oder,
wie wir es modern ausdrücken können, die Leistung, für die mechanischen
Kräfte also, da auch nach Leibniz alle Naturkräfte mechanische
Kräfte sind, die _Arbeitsleistung_, betrachtete. Demgegenüber war
natürlich die Aristotelische Energeia weit vieldeutiger gewesen, wie
es denn noch heute das Wort Energie in der Mannigfaltigkeit seiner
Bedeutungen mindestens mit der Kraft aufnehmen kann. Es dürfte also
fraglich sein, ob der Begriff bei diesem Rückgang von Leibniz zu
Aristoteles etwas gewonnen hat, vollends wenn man ihn außerdem in der
Gegenüberstellung der potentiellen und aktuellen Energie den Umweg
über die aristotelische Scholastik nehmen läßt, in der er mehr als bei
Aristoteles selbst zur formelhaften Begriffsschablone geworden war.
Demgegenüber sind die Ausdrücke tote und lebendige Kraft freilich nur
veranschaulichende Metaphern, nicht abstrakte Begriffe wie ~Potentia~
und ~Actus~, aber sie besitzen eben deshalb den Vorzug, nur eine
Veranschaulichung der Begriffe, nicht, wie die Ausdrücke Spannkraft,
Lageenergie, Veranschaulichungen und Beispiele zugleich zu sein.
Immerhin ist der Rückgang der modernen Physik auf die alte
Aristotelische Begriffsgliederung in doppelter Beziehung bedeutsam.
Auf der einen Seite zeigt er, daß jene Neigung zu dualer Gliederung,
mögen die Begriffe nun aus der Erfahrung abstrahiert oder logisch
postuliert oder, wie gewöhnlich, aus einem Zusammenwirken apriorischer
und empirischer Motive hervorgegangen sein, keineswegs mit der
Scholastik verschwunden ist, auch in solchen Fällen, wo man nicht,
wie bei Leibniz, an eine direkte Nachwirkung denken wird. Mag es auch
sein, daß das scholastische Begriffspaar ~Potentia~ und ~Actus~
durch schwache Fäden unbestimmter Erinnerung noch in die heutige
Naturwissenschaft herabreicht; ein starker Antrieb, der in den Dingen
selbst liegt, mußte doch hinzukommen, wenn solche längst für begraben
gehaltene logischen Produkte wieder lebendig werden sollten. Denn
logische Produkte, wenn nicht Artefakte, sind ja alle derartige nach
dem Prinzip des dualen Gegensatzes ausgeführte Begriffsgliederungen.
Daß sie in der Natur selbst existieren, ist jedenfalls im höchsten
Grad unwahrscheinlich, denn, wo immer die Analyse der Erscheinungen
in die Tiefe zu dringen vermag, da pflegen zahlreiche Vermittlungen
von dem einen Glied des Gegensatzes zum andern zu führen, wie dies für
die ethischen Gegensätze Aristoteles selbst bereits bemerkt hat. Aber
als ein treffliches Hilfsmittel vorläufiger Ordnung der Erscheinungen
bewährt sich tatsächlich jene Scheidung überall. Es ist eben der erste
Schritt zur Ausführung einer begrifflichen Ordnung, wie er freilich
auch niemals der letzte bleiben darf. Indem die aristotelische
Scholastik dieses Prinzip zwar in einseitiger und schließlich zu einem
äußeren Schematismus erstarrender Weise durchgeführt hat, bezeichnet
sie daher nicht, wie noch jetzt, im Zeitalter historischer Würdigung
der Zeiten und Zustände, von manchen geglaubt wird, eine Verirrung
der Wissenschaft, die höchstens durch ihre Dauer bemerkenswert sei,
sondern, geschichtlich betrachtet, ganz wie unsere eigene Zeit, eine
in der vorangegangenen Entwicklung begründete und auf die folgende zum
Teil bis zum heutigen Tage nachwirkende Stufe der Geistesgeschichte.
Für Leibniz aber, der selbst noch aus der Schule der Scholastik
hervorging, war sie mehr: sie bedeutete ihm eine der in seiner
eigenen Zeit einander gegenüberstehenden Richtungen, aus der, wie aus
allen andern, das Gute und Brauchbare zu übernehmen und das Irrige
auszuscheiden sei.
Wie die von der Scholastik in übertriebenem Maße geübte Distinktion
der Begriffe unter geeigneten Umständen die empirische Analyse der
Erscheinungen fördern kann, dafür bietet nun gerade die Geschichte des
Erhaltungsprinzips einen sprechenden Beleg. Wenn Leibniz wiederholt
hervorhebt, daß seine Formulierung desselben durch die Galileischen
Fallgesetze bestätigt werde, während die Cartesianische diesen
widerstreite, so würde es zunächst irrig sein, wollte man daraus
entnehmen, sein Prinzip sei aus diesen Gesetzen selbst abstrahiert
worden. Sie waren ihm vielmehr nur eine willkommene Bestätigung eines
auf weit zurückgehende Überlegungen gegründeten Schlusses. In der Tat
war Descartes selbst nicht einmal der erste, der die Idee der Konstanz
der bewegenden Kräfte in die Naturbetrachtung einführte, sondern
auch sie hatte sich bereits in der Scholastik und noch weiter zurück
in dem Aristotelischen »Automaton« vorbereitet. Und anknüpfend an
diesen Begriff eines ersten Bewegers und an den der Unveränderlichkeit
der Himmelsbewegungen war schon in der scholastischen Theologie der
Gedanke aufgetaucht, die Schöpfung sei nicht bloß einmal entstanden,
sondern sie wiederhole sich fortwährend in der Unveränderlichkeit des
Wirkens der Gottheit in der Natur. Hier trat nun Descartes in dem
Bestreben, alle Erscheinungen aus mechanischen Ursachen abzuleiten,
dieser Anschauung entgegen, um sich auf die Seite derer zu stellen,
die die Schöpfung als einen _einmaligen_ Akt betrachteten. Gott hat
nach ihm im Anfang der Dinge allen Teilen der Materie die Bewegung
mitgeteilt, die sich nun unverändert in ihr erhält. So war, indem
er die Immanenz Gottes in der Natur wieder in seine Transzendenz
umwandelte, und den Gedanken der Unveränderlichkeit nun von Gott auf
die Natur selbst übertrug, sein Prinzip der Konstanz der Quantität der
Bewegung entstanden. Den allgemeinen Gedanken nahm Leibniz auf, aber
er erkannte, daß er in der ihm von Descartes gegebenen Form unhaltbar
sei, weil dieser die Hemmungen übersehen hatte, die die materiellen
Teile durch ihre Wechselwirkung erfahren müßten. So half er sich
denn mit einer jener scholastischen Unterscheidungen, die sich ihm
sonst schon fruchtbar erwiesen hatten: er stellte den aktuellen die
potentiellen Wirkungen gegenüber. Diese Auskunft nötigte ihn aber zu
einem weiteren Schritt: auch der Anfang der Bewegung mußte in die Natur
selbst verlegt werden, wenn jenes Streben nach Bewegung, das in den im
Gleichgewicht miteinander stehenden materiellen Teilen erhalten blieb,
möglich sein sollte. Dazu half ihm sein universeller Kraftbegriff mit
seiner Scheidung in tote und lebendige Kräfte, wodurch sich von selbst
das Cartesianische Prinzip der Erhaltung der Quantität der Bewegung
in das neue der Erhaltung der Summe der toten und der lebendigen
Kräfte verwandelte. Damit schloß aber dieses zugleich ein Prinzip der
_Selbsterhaltung der Natur_ in sich, machte also jene erste Mitteilung
aller Bewegung durch die Gottheit überflüssig. Hat auch Leibniz
selbst diese Folgerung nicht ausdrücklich gezogen, so hat er doch in
ihrem Sinne prinzipiell die Aufgabe der mechanischen Naturphilosophie
folgerichtig zum erstenmal gelöst. So ist, wie man wohl sagen darf, das
Prinzip der Erhaltung der Kraft an sich rein aus logischen Überlegungen
hervorgegangen, ganz so wie Galilei sein Trägheitsprinzip ursprünglich
lediglich auf solche gegründet hatte, um es dann erst durch seine
Fallversuche zu bestätigen. Und ähnlich hat nun Leibniz sein
Erhaltungsprinzip, nachdem er es durch Spekulation gefunden, durch den
Nachweis der Übereinstimmung mit den Galileischen Gesetzen empirisch
bestätigt.