In der Tat ist es durchaus diese Richtung der mathematischen Mystik,

die uns in der Schrift entgegentritt, mit der Leibniz die Reihe

seiner mathematischen Arbeiten eröffnete, in der »~Dissertatio de

arte combinatoria~«. Nach dem Titel ist man geneigt, in ihr eine

Kombinationslehre im heutigen Sinne zu vermuten, und teilweise ist

dies auch zutreffend. Aber ihr eigentlicher Zweck ist ein höherer.

Er ist im wesentlichen der gleiche, den dereinst Raimund Lull mit

seiner »~Ars magna~« verfolgt hatte; und nicht nur der Zweck, sondern

auch die Mittel, ihn zu erreichen, sind im ganzen die nämlichen.

Auch Raimund Lulls Werk war eine Art Kombinatorik gewesen. In der

Verbindung einfacher zu komplexen Begriffen sah er eine »~Ars

inveniendi~«, eine Erfindungskunst, die der theoretischen Erkenntnis

wie ihrer praktischen Anwendung dienen und alle Wissenschaften zu einer

großen Einheit verbinden sollte. Genau so schildert Leibniz später

im Rückblick auf seine eigene Entwicklung die Gedanken, die ihm bei

jener mathematischen Erstlingsschrift vorschwebten. Sein Plan sei

gewesen, die »zusammengesetzten Begriffe der ganzen Welt in wenige

einfache, gleichsam als deren Alphabet, zu zerlegen« und dann durch

deren systematische Kombinationen zu verbinden. Dazu sollte außerdem

ein zweckmäßiges Zeichensystem für die Charakteristik der Begriffe

dienen. Danach ist die »~Ars combinatoria~« ein erster Versuch zur

Ausführung jener »~Charakteristica universalis~«, deren Plan Leibniz

sein Leben lang beschäftigt hat. Sie ist aber zugleich eine Erneuerung

des Unternehmens von Raimund Lull. Ein wesentlicher Unterschied besteht

allerdings zwischen beiden. Mag auch in den Hoffnungen, die Leibniz

an seine ~Charakteristica universalis~ geknüpft hat, noch ein leiser

Hauch mathematischer Mystik zu verspüren sein, von der phantastischen

Mystik eines Raimund Lull, der unter anderem in der Kombinatorik

ein Mittel sah, die Ungläubigen zum Christentum zu bekehren, ist er

vollkommen frei. Er erkennt ihr nur insoweit den Charakter einer

»Erfindungskunst« zu, als die Zerlegung und Verbindung der Begriffe

der systematischen Ordnung derselben dienen kann. Darum bleibt nun

aber auch das Resultat seiner »~Ars combinatoria~« im wesentlichen

ein rein formales; und sie ist später ihrem Urheber selbst höchstens

als eine Art Einleitung zu jener von ihm gesuchten »~Ars inventiva~«

erschienen. Um so mehr ist gerade die Kombinatorik ein echtes Erzeugnis

des scholastischen Formalismus, wie denn auch ihr Verfasser die

Variationen der Urteilsformen in den syllogistischen Figuren als

ein Hauptbeispiel gewählt hat. Gleichwohl spiegeln sich in dieser

mathematischen Erstlingsschrift des Philosophen bereits die in ihm zur

höchsten Ausbildung gelangten Seiten der Scholastik: ihre Universalität

und das mit dieser zusammenhängende Streben nach einer streng logischen

und zugleich einheitlichen Methode. Auf der einen Seite erblickt er in

der Anwendbarkeit der Kombinatorik auf alle möglichen Begriffe eine

Eigenschaft, die sie zu einer universellen Methode geeignet macht; auf

der andern ist ihm ihr mathematischer Charakter eine Bürgschaft ihrer

logischen Exaktheit.

Doch als die Hoffnungen scheiterten, die Leibniz auf die Kombinatorik

gesetzt hatte, verzichtete er darum noch keineswegs auf den Plan, zu

dessen Verwirklichung sie ihm um ihrer universellen Anwendbarkeit

willen zunächst dienen sollte. Aber man gewinnt den Eindruck, daß nun

dieser Plan eine andere Gestalt annahm. Hatte die »~Ars combinatoria~«

das ungeheure Problem einer universellen Methode mit einem Mal

zu lösen versucht, so sollte nun eine stückweise Bewältigung der

einzelnen mathematischen Aufgaben im Sinne einer die verschiedenen

Gebiete in engere Beziehung zu einander bringenden Behandlung treten.

Sehr bezeichnend tritt uns dieser mutmaßliche Wandel des Planes

der »~Charakteristica universalis~« in einigen die mathematische

Behandlung der Logik betreffenden Blättern entgegen, die J. E. Erdmann

in der Bibliothek zu Hannover aufgefunden und in seiner Ausgabe der

philosophischen Werke veröffentlicht hat. Sie enthalten einen Entwurf,

in dem zum ersten Male der Versuch einer Darstellung der Logik in

der Form eines dem arithmetischen nachgebildeten Algorithmus gemacht

wird. Die Stellung dieser Aufgabe ist sichtlich aus der von Leibniz

des öfteren ausgesprochenen Überzeugung entsprungen, die gesamte

Mathematik sei eigentlich nichts anderes als eine erweiterte Logik.

Er sucht demnach vornehmlich die veränderte Bedeutung festzustellen,

welche den arithmetischen Fundamentaloperationen angewiesen werden

muß, wenn man sie, statt speziell auf Größenbegriffe, auf irgendwelche

logische Begriffe überhaupt anwendet. Ohne von diesem Leibnizschen

Unternehmen etwas zu wissen, haben in neuester Zeit namentlich

englische und amerikanische Mathematiker dasselbe Problem einer

»symbolischen Logik« auf verschiedenen Wegen in Angriff genommen. Aber

der Standpunkt der Behandlung ist dabei durchgängig ein diametral

entgegengesetzter gewesen. Während Leibniz unmittelbar aus den

logischen Denkformen selbst den ihnen eigentümlichen Algorithmus

entwickelt, gehen jene neueren Forscher umgekehrt von der Mathematik

aus, indem sie unter der Voraussetzung der Allgemeingültigkeit der

arithmetischen Operationen einen zur Lösung spezifisch logischer

Aufgaben geeigneten mathematischen Kalkül zu entwickeln suchen. Der

Unterschied zwischen Leibniz und ihnen besteht also darin, daß diese

lediglich den praktischen Zweck einer Gewinnung von mathematischen

Methoden zur Lösung mehr oder weniger verwickelter syllogistischer

Aufgaben verfolgen, ohne sich um die Frage nach dem Verhältnis der

allgemein logischen zu den spezifisch mathematischen Denkoperationen

zu kümmern, wogegen Leibniz ausschließlich diese theoretische

Frage behandelt, ohne sich auf praktische Anwendungen einzulassen.

Gerade dies rein theoretische Interesse an der Frage ist offenbar

von der auf die Anregungen seiner scholastischen Jugendbildung

zurückgehenden Hochschätzung der formalen Logik getragen, die bei

den modernen Bearbeitern des gleichen Themas vielmehr dem Bestreben

Platz gemacht hat, die unvollkommenen logischen Hilfsmittel durch

vollkommenere mathematische zu ersetzen. Diese Wendung des Problems

würde Leibniz wahrscheinlich als einen Versuch betrachtet haben,

die allgemeinen Gesetze des logischen Denkens nicht zu erleuchten,

sondern zu verdunkeln. Dagegen entspricht seine Behandlung durchaus

dem aus der Beziehung zwischen Logik und Mathematik sich ergebenden

theoretischen Problem, und sie liegt außerdem in der Richtung der von

der Scholastik gepflegten Verwendung der aristotelischen Syllogistik

in Geometrie und Arithmetik. Diese Verbindung hatte die Scholastik aus

dem Altertum übernommen; die Elemente des Euklid blieben aber nicht

zum wenigsten deshalb das führende und fast das einzige Lehrgebäude

der Mathematik, weil bei ihnen bereits die aristotelische Syllogistik

Pate gestanden und wesentlich mitgewirkt hatte, in der Wissenschaft

des Abendlandes den Aristoteles jahrhundertelang zur unbestritten

obersten Autorität zu erheben. Wie jedoch die »~Charakteristica

universalis~« bei Leibniz von Anfang an ein Ideal ist, das in

der Logik ihr zugleich die Sicherheit der Mathematik verbürgendes

Vorbild hat, so legt dies den weiteren Gedanken nahe, den Maßstab der

mathematischen Evidenz wiederum an die allgemeinen Operationen des

logischen Denkens anzulegen und damit, wie bisher durch die Syllogistik

eine Stütze für den mathematischen Beweis, so nun umgekehrt aus den auf

eine exakte mathematische Form gebrachten Grundsätzen der logischen

Denkoperationen ein Mittel für die Nachweisung wissenschaftlicher

Wahrheiten überhaupt zu gewinnen. Der Versuch einer solchen in das

Gewand einer mathematischen Symbolik gekleideten Logik erscheint so als

eine Verallgemeinerung jener oben erwähnten Behauptung, Jurisprudenz

und Mathematik seien einander verwandte Wissenschaften.

Noch bewegten sich jedoch diese Pläne einer die Logik mit der

Mathematik zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfassenden

Universalwissenschaft im wesentlichen auf dem Boden der

Elementarmathematik und der überlieferten Logik. Neue und zugleich

fruchtbarere Ausblicke in dieser Richtung eröffneten sich, als Leibniz,

wie er selbst bekennt, zum erstenmal in Paris in den Geist der höheren

Mathematik eindrang. Wenn er Descartes' Geometrie und Pascals Briefe

über die Zykloide als die beiden Werke bezeichnet, deren Studium er

die ersten Anregungen verdankt habe, so geschah dies hier freilich

fast mehr in negativem als in positivem Sinne. Die Lektüre jener Werke

regte ihn an, die Lösung der in ihnen behandelten Probleme auf einer

neuen Grundlage zu versuchen. Dabei zeigt sich aber auch gerade in

diesem Fall, daß er selbst jenen Problemen keineswegs mit leeren Händen

entgegenkommt, sondern daß diejenigen Ideen, die deren ganze Behandlung

auf eine neue Basis stellen sollten, tief in seiner scholastischen

Jugendbildung wurzeln. Doch während seine bisherigen Bemühungen auf

die Herstellung einer engeren Beziehung zwischen Mathematik und Logik

gerichtet sind, veranlassen ihn die schwierigeren Probleme der höheren

Mathematik, tiefer in den Vorrat überlieferter philosophischer Begriffe

zurückzugreifen. Die Logik genügt dazu nicht mehr, die Mathematik

muß zu Hilfe gerufen werden. Da sind es zwei Lücken, die ihm bei dem

Studium der neueren mathematischen Arbeiten begegnen: die eine läßt

ihn Descartes' analytische Geometrie als unzulänglich erkennen; die

andere zeigt sich bei dem in jenen Tagen viel verhandelten Problem

der Quadratur des Kreises, bei dem man immer noch im wesentlichen

auf die alte Archimedische Exhaustionsmethode zurückging. Um diesen

Mängeln abzuhelfen, dazu genügten die Hilfsmittel der in fest begrenzte

Begriffsverhältnisse eingeschlossenen Logik nicht mehr. Wohl aber fand

sich in dem Arsenal der aristotelisch-scholastischen Metaphysik ein

bedeutsamer Begriff, den zwar die Mathematik gelegentlich gestreift,

von dem sie aber nirgends eine folgerichtige Anwendung gemacht hatte.

Das war der Begriff des _Unendlichen_. Fast könnte man sagen: es war

eine Art ~Horror vacui~, der bis dahin die Mathematik wie die Logik

von der Verwendung des Unendlichkeitsbegriffs ferngehalten hatte.

Eine um so wichtigere Rolle hatte er in der Metaphysik gespielt.

Ausgehend von der Voraussetzung einer Unendlichkeit der Zeit, die

Aristoteles für das »Automaton«, jenen ersten Beweger, der für ihn

einerseits mit der Gottesidee, anderseits mit dem Begriff einer

unaufhörlich wirksamen Ursache des kosmischen Geschehens zusammenfiel,

angenommen hatte, war die scholastische Theologie in ihrem Streben,

die Gottesidee über alle denkbaren Grenzen zu erhöhen, zu dem Begriff

einer absoluten Unendlichkeit fortgeschritten, der eben darum

nicht mehr positiv bestimmt, sondern nur durch die Negation aller

endlichen Eigenschaften definiert werden konnte. So entstand aus der

ursprünglich der empirischen Wirklichkeit angehörenden aristotelischen

Substanz (~ousia~), die in dem Einzelding ihre unmittelbare Grundlage

hatte, der Begriff einer _absoluten_ unendlichen Substanz, der bis

tief in die neuere Philosophie hinein fortgewirkt hat. Da dieser

Begriff des Unendlichen von uns zwar als ein notwendiger erkannt

wird, an sich aber die Fähigkeiten unserer begrenzten Erkenntnis

überschreitet, so nennt ihn die Scholastik einen _transzendenten_.

Dieses von ihr geschaffene Wort hat zuerst Leibniz von der Metaphysik

in die Mathematik hinübergetragen, und die Anregung dazu gab ihm das

Studium von Descartes' Geometrie. Descartes hatte in seinem Werk

nur diejenigen geometrischen Gebilde analytisch behandelt, deren

Gleichungen bloß einer begrenzten Zahl arithmetischer Operationen

zu ihrer Lösung bedürfen. Kurven, bei denen diese algebraischen

Hilfsmittel nicht zureichen, nannte er »mechanische Kurven«, insofern

man sie sich gleichwohl durch eine nach irgendeinem Gesetz erfolgende

Bewegung erzeugt denken kann. Sein Werk war also nicht eine analytische

Geometrie im heutigen Sinne des Wortes, obgleich man es meist so zu

bezeichnen pflegt, sondern eine algebraische Geometrie oder, wie man

es vielleicht treffender nennen könnte, eine Theorie der algebraischen

Funktionen und ihrer geometrischen Anwendungen. Dazu muß freilich

bemerkt werden, daß der mathematische Begriff der Funktion, der unter

diesem Namen erst später durch Johann Bernoulli eingeführt wurde,

zu Descartes' Zeit noch nicht oder doch nur latent existierte. Hier

erkannte nun Leibniz sofort in dieser Beschränkung einen Mangel, dem

er durch die Forderung einer analytischen Behandlung auch dieser,

die Hilfsmittel der gewöhnlichen mathematischen Elementaroperationen

überschreitenden Funktionen zu begegnen suchte. Um diese neue,

eine einheitliche Betrachtung aller analytischen Funktionen

vermittelnde Aufgabe auch äußerlich zu kennzeichnen, greift er

aber in den Begriffsschatz der scholastischen Metaphysik, indem er

die »mechanischen Kurven« Descartes', eben weil sie die Grenzen der

bisherigen Arithmetik überschreiten, als transzendente bezeichnet.

Dabei ist freilich ein wichtiger Bedeutungswandel dieses Begriffes

eingetreten. Transzendent in dem metaphysischen Sinne der Scholastik

ist das unendliche, darum dem endlichen Erkennen unzugängliche

Sein; transzendent im mathematischen Sinne ist seit Leibniz eine

Aufgabe, deren Lösung neue, über die Hilfsmittel der gewöhnlichen

Arithmetik hinausreichende mathematische Operationen fordert. Dort

entzieht sich das transzendente Objekt endgültig unserer Erkenntnis,

hier weist der Ausdruck umgekehrt auf neue Hilfsmittel hin, die

das bisher Unerkennbare erkennbar machen. Im Hintergrund steht in

beiden Fällen der Begriff des Unendlichen. Damit ist die Einführung

des neuen Begriffs der transzendenten Funktion zugleich gebunden an

die neue Rechnungsmethode, die man wohl auch eine ins Unendliche

fortgeführte Arithmetik nennen kann, an die Differentialrechnung,

oder, wie Leibniz selbst sie im Hinblick auf die Hilfe, die ihm

dabei der Unendlichkeitsbegriff geleistet, genannt hat, an die

_Infinitesimalrechnung_.

Hier greift aber in diese von der Beschäftigung mit der Geometrie

ausgehende Erweiterung des Funktionsbegriffs außerdem jenes andere

Problem ein, um das sich zu dieser Zeit wiederholt die Mathematiker

bemühten: die Quadratur des Kreises. Bis dahin ging man von dem uralten

Prinzip der praktischen Feldmessung aus, eine krummlinig begrenzte

ebene Fläche durch parallele Ordinaten in kleine Quadrate zerlegt zu

denken, deren Summe dann das der betreffenden Fläche entsprechende

Quadrat ergab. Je kleiner man sich diese Quadrate denkt, um so näher

kommt natürlich das Resultat der Wirklichkeit. Doch eine bestimmte

Grenze gibt dieses metrische Prinzip nicht an die Hand, und die

Methode bleibt daher unbefriedigend. Leibniz suchte nun nach einem

andern Verfahren, das ein solches absolutes Minimum ergebe. Er hoffte

es zu finden, indem er, statt von dem relativen Unterschied des Großen

und Kleinen, von dem absoluten Gegensatz des unendlich Großen und

des unendlich Kleinen ausging. Dazu mußte vor allem als Maßelement

ein solches gewählt werden, das seinem allgemeinen Begriff nach der

Forderung der Einfachheit entsprach. Die in diesem Sinne einfachste

Figur in der Ebene ist aber das Dreieck als die von der kleinsten Zahl

von Geraden umschlossene Ebene. Leibniz, ohnehin überall geneigt,

bei der Behandlung bestimmter Aufgaben neue Wege einzuschlagen,

versuchte daher, durch die Zerlegung in Dreiecke statt in Quadrate

dieses Ziel zu erreichen. So gelangte er zu der berühmten unendlichen

Reihe 1 – 1/3 + 1/5 – 1/7 ... für den Flächeninhalt des Kreises vom

Durchmesser 1. Indem zur Konstruktion der Dreiecke, die bei dieser

»Arithmetisierung des Kreises«, wie er sein Verfahren nannte, die auf

die Punkte des Kreisumfangs gelegten Tangenten und Sekanten benutzt

wurden, führte aber diese Methode, auf Kurven von beliebiger Gestalt

übertragen, unmittelbar zu dem Gedanken, das Dreieck zur Lösung der

allgemeineren Aufgabe einer solchen Arithmetisierung des Verlaufs

einer Kurve zu verwenden. Er dachte sich also ein zu diesem Zweck

rechtwinkliges Dreieck aus den zu den zwei einander nächsten Punkten

der Kurve gehörigen Koordinaten als Katheten und der für diesen Fall

mit der Kurve selbst zusammenfallenden Tangente als Hypothenuse

gebildet. Dieses Dreieck nannte er das »~Triangulum charakteristicum~«.

Gewiß ist es kein Zufall, daß der Name an die ~Charakteristica

universalis~ erinnert. Eine universelle, den Umkreis der überlieferten

arithmetischen Operationen überschreitende Arithmetik hat Leibniz zu

jeder Zeit unter ihr verstanden. Die Differentialrechnung ist aber

tatsächlich eine solche: sie ist es mehr als alle vorangegangenen

Bemühungen in ähnlicher Richtung, die zumeist erst durch sie ihre

Erledigung fanden. Von der Differentialrechnung kann man darum wohl

sagen: mit ihrer Erfindung hat er im wesentlichen erreicht, was er

in seiner ~Charakteristica universalis~ erstrebt hatte. Wenn er das

selbst nicht direkt anerkannt hat, so mag dies wohl darin seinen

Grund haben, daß er nirgends eingestehen wollte, ein Problem könne

jemals abgeschlossen sein, besonders aber darin, daß zur Anerkennung

der Universalität der Methode ein notwendiges Desiderat fehlte: die

Anwendung auf andere Wissenschaften, die er im Hinblick auf den von ihm

behaupteten Zusammenhang alles Wissens forderte.

Die Umwandlung, die der Unendlichkeitsbegriff auf seinem Wege von

der aristotelischen Scholastik zu Leibniz und von diesem zur neueren

Mathematik erfahren hat, ist übrigens zugleich eines der bedeutsamsten

Stücke moderner Begriffsgeschichte. Der Scholastik galt, wie noch

jetzt dem populären Bewußtsein, in welchem die scholastische Theologie

heute noch nachwirkt, das Unendliche als oberster Grenzbegriff alles

Denkbaren. Aber latent war darin vermöge des die Wissenschaft seit

Aristoteles beherrschenden Prinzips der Antithetik, nach welchem

jeder selbständige Begriff seinen Gegensatzbegriff fordert, auch der

unterste Grenzbegriff des unendlich Kleinen bereits vorausgesetzt. Wir

werden auf dieses Prinzip unten bei dem direkt auf ihm aufgebauten

Begriffssystem der scholastischen wie der Leibnizschen Naturlehre

zurückkommen. Dabei besteht nun die Selbständigkeit der Begriffe

wesentlich darin, daß jeder unvermischt mit andern gedacht werde,

weil er dann erst in seinem reinen Gegensatz zu dem ihn antithetisch

ergänzenden erscheint. Darum sind solche Begriffe _absolute_

Gegensätze, nicht bloß relative, und jedes Glied des Gegensatzes

ist selbst ein absoluter Begriff. Dies gilt für das Unendliche in

seinen beiden Formen, für das unendlich Große wie für das unendlich

Kleine. So ist denn auch das »~Triangulum charakteristicum~« in den

ersten Begründungen, die Leibniz der Differentialrechnung gab, das

absolut, nicht das relativ kleinste Dreieck, das man zur Ausmessung

einer Kurve verwendet. Daß es außerhalb dem absolut Kleinsten noch

ein kleineres gebe, ist ihm hier eine widersprechende Annahme. Das

charakteristische Dreieck ist also nicht eines neben andern, sondern

ein einziges. Es ist, wie das Unendliche überhaupt, niemals in der

Anschauung gegeben, wohl aber begrifflich das denkbar kleinste Dreieck

an dem betreffenden Punkt der Kurve. Hier ist die Fluxionsmethode

Newtons der Leibnizschen Infinitesimalmethode von vornherein überlegen.

Indem jene nicht an das geometrische Bild der Funktion, sondern an

das andere einer im gleichförmigen Flusse der Zeit veränderlichen

Geschwindigkeit anknüpft, liegt ihr zwar in der gleichförmig fließenden

Zeit eine metaphysische Voraussetzung zugrunde, die nämliche, deren

sich Newton auch in seiner Naturphilosophie bedient hat; aber das Bild

der Bewegung eines räumlichen Punktes führt doch ohne weiteres zu dem

der Geschwindigkeitsänderung hinüber. Dagegen bietet der Leibnizsche

geometrisch fundierte Differentialbegriff in dem aus dem Verhältnis

der Koordinatenabschnitte des charakteristischen Dreiecks gebildeten

Differentialquotienten von vornherein einen für die Gewinnung eines

konsequent durchgeführten Algorithmus weit geeigneteren Ausgangspunkt.

Dabei erwies sich gerade dieser Begriff eines absoluten, unveränderlich

gedachten Minimums deshalb hilfreich, weil sich von ihm aus um so

zwingender mittels der so eingeführten Symbolik ein Fortschritt zu

weiteren, entsprechend gebildeten Differentialfunktionen ergab. Hierzu

mußte dann freilich die absolute Bedeutung des unendlich Kleinen

beseitigt, und durch die Feststellung einer allzeit nur _relativen_

ersetzt werden. Das ergab sich aber mit Notwendigkeit aus der weiteren

Aufgabe, einen entsprechenden Ausdruck für die _Richtungsänderung_

einer Kurve zu finden. Und da konnte es nicht zweifelhaft sein, daß

ein solcher Ausdruck aus einer Wiederholung desselben Verfahrens

bestehen mußte, das zu dem ersten Differentialquotienten als dem

arithmetischen Ausdruck der _Richtung_ geführt hatte. Sobald Leibniz

die Richtungsänderung der Funktion als die reale Bedeutung des

zweiten Differentialquotienten erkannte, konnte er sich aber auch

der Möglichkeit einer unbegrenzten weiteren Fortsetzung der gleichen

Operation nicht mehr entziehen. So verwandelte sich der Begriff des

absoluten in den des _relativen Minimums_, das übrigens immerhin seinen

Zusammenhang mit jenem absoluten Grenzbegriff darin bewahrte, daß die

Grenze, bis zu welcher in der Bildung der Differentialfunktion zu gehen

ist, durch die Natur des Problems jedesmal fest bestimmt wird, was im

Erfolg der Feststellung eines absoluten Minimums gleichkommt. Damit

hat Leibniz selbst schon den Übergang zur sogenannten Grenzmethode

vollzogen, der später Maclaurin und d'Alembert nur eine anschaulichere

Form gaben, und die noch heute, soweit man sich überhaupt auf eine

Begründung der Differentialrechnung einläßt, als die bevorzugte gelten

kann.

Für Leibniz aber wurde die Erkenntnis der realen Bedeutung des

zweiten Differentialquotienten ein epochemachendes Ereignis, ja sie

ist in ihren Folgen vielleicht das epochemachendste gewesen, das er

überhaupt in seinem Denken erlebt hat. Der Übergang vom absoluten zum

relativen Unendlichkeitsbegriff bezeichnet für ihn eine Katastrophe,

die durchaus nicht auf die Mathematik beschränkt bleibt, sondern sich

von hier aus auf alle Gebiete der Wissenschaft und nicht zum wenigsten

auf seine philosophische Weltanschauung erstreckt. Als das oberste

Prinzip alles Wirklichen gilt ihm von da an die »~Lex continuitatis~«,

das Gesetz der Stetigkeit, das, folgerichtig zu Ende gedacht, alle

absoluten Gegensätze in relative umwandelt, indem es die Starrheit

der alten Substanzbegriffe durch den Fluß aller tätigen Kräfte der

Welt ersetzt. Dies ist der Punkt, bei dem zugleich die Entwicklung der

Naturphilosophie an diesen Wandel der mathematischen Begriffe sich

anschließt.

~b.~ Die dynamische Naturphilosophie.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 2 / 11 段