Konnten diese zum Teil umfangreichen politischen Schriften i

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Buches.

Leibniz

Zu seinem zweihundertjährigen Todestag

14. November 1916

Von

Wilhelm Wundt

[Illustration]

Alfred Kröner Verlag in Leipzig

1917

Copyright 1916

by Alfred Kröner Verlag in Leipzig

Druck von Metzger & Wittig in Leipzig

Vorwort.

Der Verfasser dieser kleinen Schrift hat sich vor sehr vielen Jahren

einmal mit dem kühnen, vielleicht phantastischen Plan getragen,

eine wissenschaftliche Leibniz-Biographie zu schreiben. Natürlich

ist nichts aus dem Plan geworden, er ist nicht einmal bis zu den

Anfängen seiner Ausführung gediehen. Aber als ich infolge meines

späteren Lehrberufs von Zeit zu Zeit immer wieder veranlaßt war, zur

Beschäftigung mit diesem merkwürdigen Manne zurückzukehren, sammelte

sich mir im Lauf der Jahre eine Anzahl von Bemerkungen an, die mir in

mancher Beziehung das Bild dieser Persönlichkeit in etwas verändertem

Lichte gegenüber dem überlieferten erscheinen ließen. Diese Schrift

beabsichtigt daher nicht, mit den verschiedenen Interpretationen der

Leibnizschen Philosophie in Wettstreit zu treten, und sie hat deshalb

auch nirgends Anlaß gehabt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich bin

überhaupt nicht von seiner Philosophie, sondern zunächst von seinen

mathematisch-physikalischen Arbeiten ausgegangen, die mich dann, so

weit dies möglich war, zu gelegentlichen Beschäftigungen mit seinen

sonstigen wissenschaftlichen und praktischen Interessen geführt haben.

Von hier aus suchte ich endlich den Wegen nachzugehen, auf denen er

zu seinen philosophischen Ideen gelangt ist. Er selbst ist ja, wie

bekannt, im wesentlichen diesen Weg gegangen und darum, hierin nicht

unähnlich seinem großen Nachfolger Kant, erst spät zu der Reihe von

Gedanken gelangt, die man sein System zu nennen pflegt, und die doch

eigentlich mehr den Charakter einer phantasievollen Verknüpfung seiner

wissenschaftlichen Ideen als den eines strengen logischen Systems

besitzen. Ich bekenne, daß mir im Zusammenhang mit dieser Betrachtung

vieles in der Kultur seiner eigenen und der folgenden Zeit sowie in der

weiteren Geschichte der deutschen Philosophie verständlicher geworden

ist, als es zuvor war.

Ich veröffentliche diese Studie zum zweihundertjährigen Todestag des

Mannes, mit dem die neue deutsche Philosophie begonnen hat. Möge dieser

Tag daran erinnern, daß die deutsche Philosophie, mehr als manche

unserer Zeitgenossen Wort haben wollen, aus eigener Kraft entstanden

ist, und daß sie zu einer Zeit geboren wurde, da die deutsche Nation

ungleich mehr als heute einer ungewissen Zukunft entgegensah.

Leipzig, im September 1916.

=W. Wundt.=

Inhalt.

Seite

I. Leibniz und seine Zeit 1

II. Leibniz und die Scholastik 20

~a.~ Leibniz als Mathematiker 24

~b.~ Die dynamische Naturphilosophie 36

~c.~ Die Aktualität der Seele 57

~d.~ Die Einheit der Wissenschaften 66

III. Leibniz und die neue Wissenschaft 73

~a.~ Der Wandel der Substanzbegriffe 79

~b.~ Die ~Lex continuitatis~ 90

~c.~ Der neue Idealismus 103

~d.~ Philosophie und Theologie 114

IV. Leibniz und die Zukunft der deutschen Philosophie 121

Anmerkungen 130

I.

Leibniz und seine Zeit.

Daß der gegenwärtige Krieg der größte und furchtbarste sei, den die

Welt jemals gesehen, ist ein in den letzten Monaten oft gehörtes Wort.

Doch für uns Deutsche trifft dieses Wort nicht zu. Das deutsche Volk

hat einen Krieg erlebt, furchtbarer und zerstörender als diesen. Das

war jener Krieg, in welchem dreißig Jahre lang der deutsche Boden zum

Kriegstheater geworden war, auf dem die Völker Europas ihre Kämpfe

ausfochten und der schließlich nur deshalb zu Ende ging, weil die

Söldnerscharen, die hier aus aller Welt zusammenströmten, in den

niedergebrannten Dörfern und verarmten Städten nichts mehr zu plündern

fanden. Unter den Trümmern der von ihr angerichteten Verwüstung hatte

die Kriegsfurie zuletzt sich selber begraben. Zurückgelassen aber hatte

sie an der Stelle einer zuvor blühenden Kultur eine durch Hunger,

Seuchen und Gewalttaten dezimierte, um den kümmerlichen Aufbau ihres

zerstörten Besitzes sich abmühende Bevölkerung. Über ein Jahrhundert,

in manchen Gegenden das Doppelte dieser Zeit, soll nach der Schätzung

der Wirtschaftsstatistik verflossen sein, bis der Wohlstand der Nation

annähernd wieder auf der gleichen Höhe angelangt war, die er vor dem

Kriege erreicht hatte. Doch wer könnte schätzen, was das deutsche

Volk in diesem halben Jahrhundert der Friedlosigkeit versäumt hatte!

Denn auch für ein Volk gilt in gewissem Sinne, was für den einzelnen

Menschen gilt: eine verlorene Lebenszeit läßt sich nicht wieder

ersetzen. Und was für eine gewaltige Zeit europäischer Kultur ist

gerade diese erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gewesen! Es

ist das Zeitalter, in dem sich England zur ersten Seemacht der Welt

zu erheben begann, in dem Frankreich zur unbestritten herrschenden

Landmacht Europas geworden war, und in dem mit dem politischen

Aufschwung in beiden Ländern die Blüte der Kunst und der Wissenschaft

sich verband. Wohl kann man nicht ohne Rührung dessen gedenken, daß

selbst in dieser trostlosen Zeit des deutschen Niedergangs neben den

Nachfolgern Shakespeares und den großen französischen Klassikern

die Stimmen der deutschen Dichtung ihren eigenen Reiz besitzen. Um

so mehr lastete auf einem andern Gebiet geistigen Schaffens, das

mehr als der Ausdruck seelischer Stimmungen in Poesie und Musik von

der Gunst äußerer Bedingungen abhängt, das schwere Schicksal dieses

Krieges. Es ist die _neue Wissenschaft_, die in diesem Jahrhundert

den glänzenden Abschluß des Zeitalters der Renaissance bildet. Zwar

die große Umwälzung der Himmelskunde, die ihr den Weg bereitete, war

vorangegangen. Noch reichte das Leben des großen deutschen Forschers,

der durch die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegungen dem neuen

Weltsystem die Herrschaft gesichert hatte, in die Zeit der Schrecken

des Krieges hinein. Doch Kepler fristete, unstet von Ort zu Ort

wandernd, notdürftig sein Dasein und starb schließlich im Elend. An

jenem Aufschwung auf allen Gebieten der Forschung, der vornehmlich in

diese erste Hälfte des Jahrhunderts fällt, und von dem mit Recht gesagt

worden ist, er sei nicht bloß eine Wiedergeburt, sondern eine völlige

Neuschöpfung, an ihm hat die deutsche Wissenschaft keinen nennenswerten

Anteil genommen.

Indes die deutschen Universitäten zumeist in der ödesten Spätscholastik

befangen geblieben waren, hatte Richelieu die Pariser Akademie

gegründet, die sich rasch zu einer Art obersten Tribunals der

Wissenschaften erhob. Ihr folgte bald die Königliche Gesellschaft zu

London. Eine Reihe hervorragender Mathematiker und Physiker sammelte

sich um diese neuen Pflanzstätten der Wissenschaft, die auch aus der

Ferne die hervorragendsten Gelehrten in ihren Kreis zogen. Neben den

exakten Wissenschaften sind es die Fragen des Staats- und Völkerrechts,

die in dieser bewegten Zeit besonders die Geister beschäftigen. Vor

allem aber erhebt sich unter dem mächtigen Impuls der Naturwissenschaft

und in grundsätzlicher Abkehr von der aristotelischen Scholastik die

neue Philosophie. Um die Zeit, in der der deutsche Krieg zu einem

Weltkrieg zu werden begann, entwarf Francis Bacon sein großes Werk

»Über den Wert und die Fortschritte der Wissenschaften«, in welchem er

seine Übersicht über alles, was die neue Wissenschaft geleistet und

was sie noch zu leisten habe, mit einer begeisterten Lobpreisung ihres

Wertes für den Fortschritt der Menschheit begleitete. Und zwanzig Jahre

später, als sich das zerstörende Werk des Krieges seinem Ende zuneigte,

verfaßte Descartes jene Reihe seiner Schriften, die seinem und noch dem

größten Teil des folgenden Jahrhunderts als die unbestritten größten

Schöpfungen der Philosophie galten.

Zwei Jahre vor dem Ende des Krieges ist Leibniz geboren. Seine Jugend

fällt in eine Zeit, in die wir uns heute schwer hineindenken können.

Wie anders mußte doch die Welt einem Geschlecht erscheinen, in welchem

die jugendlichere Hälfte der Lebenden den Frieden noch niemals gesehen

hatte, die ältere aber diesen Frieden nur noch in dem verklärenden

Licht jugendlicher Erinnerungen erblickte, das durch den Kontrast

gegen die Schrecken des seither Erlebten um so heller strahlte. So

falsch es darum wäre, zu meinen, dieses Geschlecht habe nun sofort

sich bemüht, auf dem geradesten Wege nachzuholen, was es bis dahin

verabsäumt, so sehr würde man fehlgehen, wollte man vermuten, dieses

so lange Jahre ohnmächtig der äußeren Gewalt fügsam gewordene Volk sei

auf lange hinaus zu einer Wiedererhebung nicht mehr fähig gewesen. Das

letztere würde womöglich noch irriger sein als das erste. Dies zeigt

vor allem die Literatur dieser Jahre nach dem Krieg. Insbesondere

ist es _eine_ Eigenschaft, die die Menschen dieser Restaurationszeit

auszeichnet: das ist das rastlose Streben, die alten glücklichen

Zustände wiederherzustellen, die den religiösen und politischen

Wirren, auf die man diesen unseligen Krieg zurückführte, vorangegangen

waren. So war denn dieses Geschlecht vor allem praktischen Interessen

zugewandt. Es ist erstaunlich zu sehen, wie sehr in der Literatur

dieser Zeit die politischen Fragen und die Verhandlungen über die

religiösen Streitpunkte und ihre mögliche Ausgleichung vorherrschen.

Der Krieg war ja zu einem guten Teil ein Religionskrieg gewesen. Konnte

man nicht hoffen, daß fernerhin für alle Zeit Friede bleiben werde,

wenn nur erst der Glaubenszwiespalt beseitigt sei? In den weitesten

Volkskreisen gingen Gerüchte um, die von einem nahe bevorstehenden

ewigen Religionsfrieden zu erzählen wußten. Der Erzkanzler Johann

Philipp von Schönborn zu Mainz, ein den Protestanten geneigter Fürst,

und sein Minister Boineburg, der selbst von der protestantischen

zur katholischen Kirche übergetreten war, sollten sich, nach der

Volkssage, mit dem Papste bereits über die wechselseitigen Konzessionen

verständigt haben, unter denen die große Vereinigung der Religionen

ins Werk zu setzen sei. Nicht weniger wie die Kirchenspaltung empfand

man aber die politische Zerklüftung Deutschlands als eine Hauptursache

des hereingebrochenen Unheils. In der Wiederaufrichtung des deutschen

Reichs in alter Herrlichkeit, gefestigt durch ein unauflösliches, jede

fremde Einmischung von den deutschen Grenzen künftighin fernhaltendes

Bündnis der Fürsten, sah man die sichere Bürgschaft eines dauernden

Friedens. Das lebendige Nationalgefühl und sein Widerspiel, der Kampf

gegen welsche Mode und fremden Übermut, die uns bei den Dichtern des

dreißigjährigen Krieges in so erfreuendem Kontrast zur Not dieser

Zeit anmuten, sie setzen sich jetzt, wo der ersehnte Friede wirklich

erreicht ist, in hoffnungsreiche Pläne einer politischen und nationalen

Wiedergeburt um, die sich freilich allzu leicht über die äußeren

Schwierigkeiten und die inneren Hemmungen hinwegtäuschen, denen diese

patriotischen Wünsche begegnen.

Um die Stellung, die Leibniz in seiner Zeit einnimmt, richtig zu

würdigen, muß man diesen Charakter der Zeit selbst in Betracht

ziehen. Je weniger wir uns aber heute mehr in jene hochgehenden und

schließlich getäuschten Erwartungen zurückdenken können, um so mehr

sind wir geneigt, einen Mann wie diesen, der mit dem, was er Bleibendes

geschaffen, weit über sie hinausreicht, nach seinem Verhältnis zu uns,

nicht nach dem zu seiner eigenen Umgebung und nach denjenigen Seiten

seines Wirkens zu beurteilen, in denen er selbst die Hauptaufgabe

seines Lebens gesehen hat. Wer Leibniz heute liest, der liest seine

philosophischen, zum Teil wohl auch seine mathematischen Schriften,

falls er sich hier nicht mit dem mehr oder weniger oberflächlichen

Bericht in einer Geschichte der Mathematik begnügt. Selten wirft wohl

einmal ein Jurist seinen Blick in die juristischen oder ein Historiker

in die politischen Schriften. So bleibt denn nur der allgemeine

Eindruck, daß wir hier einem Wissen und Können gegenüberstehen,

das überhaupt, um möglich zu sein, nicht bloß einer erstaunlichen

persönlichen Begabung, sondern vielleicht auch einer außerordentlichen

Zeit bedurfte, in der die Kräfte der Nation nach langem Siechtum wieder

zu neuem Leben erwacht waren. Fast ein Jahrhundert lang war ja die

deutsche Wissenschaft nahezu stehen geblieben. Die Traditionen der

älteren Zeit waren verloren gegangen, die deutschen Vorläufer der neuen

Weltanschauung, ein Nikolaus von Kues, ein Paracelsus sind viel später

erst, als das Interesse an ihnen ein rein historisches geworden war, in

ihrer philosophischen Bedeutung wieder entdeckt worden.

So hatte an der Begründung der neuen Philosophie die deutsche

Wissenschaft bis dahin keinen Anteil genommen. Da ist es denn in der

Tat, als habe der Geist der Nation in dieser einen Persönlichkeit

nachholen wollen, was er bis dahin verabsäumt hatte. Der Reihe der

hervorragenden Denker, die in England und Frankreich von verschiedenen

Seiten, die einen von der empirischen Naturforschung, die anderen

von der abstrakten Mathematik, noch andere von der Theologie oder

der Staatswissenschaft ausgehend, das Gebäude der neuen Philosophie

errichten halfen, tritt dieser deutsche Philosoph als ein einziger,

ganz auf sich selbst gestellt, gegenüber. Er ist ihnen allen überlegen.

Ihm scheinen die Hilfsmittel sämtlich zu Gebote zu stehen, über die

jene nur teilweise verfügen. Er ist Jurist, Historiker und Philologe,

Mathematiker, Physiker, Geologe, wohl bewandert in den verschiedenen

Gebieten der Biologie, daneben unermüdlich bemüht um die theologischen

Streitfragen der Zeit, endlich ein politischer Schriftsteller von

unerreichter Virtuosität juristischer Beweisführung und von einer

Kenntnis konkreter staatsrechtlicher Fragen, in der ihn keiner seiner

Zeitgenossen erreicht. Und seine Philosophie besteht nicht etwa in

beiläufigen Gedanken, die ebensogut unabhängig von diesen mannigfachen

anderen Arbeiten entstanden sein könnten. Einer solchen Meinung hat

Leibniz selbst mehrfach auf das Nachdrücklichste widersprochen. Ihr

widerstreitet zudem seine Überzeugung von dem allgemeinen Zusammenhang

der Wissenschaften, wie er denn auch verhältnismäßig erst spät zu

seinen endgültigen philosophischen Anschauungen gelangt ist. Die

Jurisprudenz und die Mathematik erklärt er für einander nahe verwandte

Gebiete. Jene ist ihm geradezu eine Art Kalkül mit Begriffen, von dem

mathematischen nur dadurch verschieden, daß es bei ihm mehr auf die

Qualität als auf die quantitativen Verhältnisse ankommt. Auch meint er

von der Jurisprudenz, von der seine eigenen Studien ausgingen und mit

der er zeitlebens in enger Fühlung geblieben ist, sie führe zugleich

bei allen ihren Aufgaben von dem abstrakten Begriff zu dem konkreten

Inhalt der Wirklichkeit, so daß der wahre Jurist eigentlich ebensogut

in der Naturwissenschaft wie in der Geschichte und Politik zu Hause

sein müßte. Wie die Idee der Harmonie alles Seins und Geschehens

schließlich das leitende Motiv seiner Philosophie geworden ist, so

gehörte daher der Gedanke einer Harmonie der Wissenschaften, in

der jede berufen sei, die andere zu ergänzen und, wo es nötig sei,

zu erleuchten, zu seinen bleibendsten Überzeugungen. Darum hat es

schwerlich einen Gelehrten gegeben, der mehr gewußt, sicherlich aber

auch keinen, der auf bloße Vielwisserei einen geringeren Wert gelegt

hätte wie Leibniz.

Schon seine erste Schrift, die »~Dissertatio de arte combinatoria~«,

mit der er als Zwanzigjähriger seine philosophische Magisterwürde

erwarb, ist dafür bezeichnend. Sie behandelt, nach der Sitte der

deutschen Hochschulen jener Zeit mit allerlei scholastischen Exkursen

belastet, im wesentlichen die Aufgaben der heute noch sogenannten

Kombinationsrechnung, allerdings, wie ihr Autor selbst später bemerkt

hat, lückenhaft und unzulänglich. Aber wenn sie ihrem Inhalt nach

eine bloß mathematische zu sein scheint, so ist sie dies doch ihrem

Zweck nach durchaus nicht. Vielmehr möchte der jugendliche Autor die

Grundlagen einer systematischen Methode der Ordnung und Gliederung

der Begriffe überhaupt gewinnen. So ist die Arbeit ein erster Anlauf

zur Verwirklichung jenes Planes einer allgemeinen Begriffsrechnung,

der ihn unter dem Namen einer »~Charakteristica universalis~« sein

Leben lang beschäftigt hat. Mit diesem Plan einer über die Gesamtheit

der Wissenschaften sich ausbreitenden Methode der Forschung stehen

dann noch zwei andere, von ihm von frühe an verfolgte, auf die

äußere Systematisierung der Wissenschaft gerichtete Pläne in engem

Zusammenhang. Der eine, die Gründung gelehrter Gesellschaften, der

an die in Paris und London bereits bestehenden Vorbilder anknüpfte,

ist bekannt. Er ist in der Gründung der Berliner Akademie noch zu

seinen Lebzeiten, in den Akademien zu Wien und Petersburg bald nach

seinem Tode zur Verwirklichung gelangt. Weniger pflegt bekannt zu

sein, daß diese Gründungen von ihm von Anfang an als internationale,

planmäßig zusammenarbeitende Assoziationen gedacht waren und namentlich

auch praktische, volks- und staatswirtschaftliche Zwecke verfolgen

sollten. Hier stehen sie daher zugleich mit seinen politischen und

religiösen Friedensbestrebungen in nahem Zusammenhang. Der zweite,

ebenfalls schon in seine Jugendzeit zurückreichende Plan ist vollends

ganz in Vergessenheit geraten. Es war der Plan einer enzyklopädischen

Vereinheitlichung der Literatur, den man wohl als eine Art Vorausnahme

des Gedankens der neuerlichen Gründung der »Deutschen Bücherei«

bezeichnen kann. An Stelle der vorhandenen Zersplitterung der Literatur

sollte nach seinem Vorschlag der gesamte deutsche Büchermarkt in

_einer_ Stadt, in Mainz, konzentriert, außerdem aber halbjährig ein

vollständiger Katalog aller erschienenen Schriften herausgegeben

werden, zu dessen Herstellung sich Leibniz selbst erbot.

Überschritten schon diese wissenschaftlichen Pläne weit den

gewöhnlichen Umfang der Wirksamkeit eines Gelehrten, so kamen nun

aber dazu andere, für ihn noch zwingendere Motive, die es erklärlich

machen, daß er nicht erst durch zufällige Begegnungen in die, wie

man denken könnte, seiner Erziehung und Jugendbildung fernliegende

Laufbahn des Staatsmannes und Diplomaten gedrängt wurde, sondern daß

eben dies in der Tat sein früh erstrebter und frei gewählter Beruf war.

Schwerlich würde er auch sonst den ehrenvollen Antrag einer Professur,

den die damals eine angesehene Stellung unter den deutschen Hochschulen

einnehmende Universität Altdorf ihrem zwanzigjährigen Doktoranden

machte, abgelehnt und sich statt dessen vorläufig mit dem etwas

fragwürdigen Amt des Sekretärs eines Nürnberger Rosenkreuzervereins

begnügt haben. Wer die nach den verschiedenen Richtungen seiner

Tätigkeit noch immer vollständigste Ausgabe Leibnizscher Schriften

von Dutens durchblättert, nicht etwa bloß seine philosophischen oder

mathematischen zu Rate zieht, dem muß sofort in die Augen springen:

dieser Autor ist aus eigenstem Antrieb Jurist und Politiker gewesen,

und er hat diesen Beruf mit jener Hingabe auf sich genommen, die nur

da möglich ist, wo freie Wahl und Beruf zusammentreffen. Wer auch nur

probeweise irgendeine seiner Staatsschriften liest, wie die unter dem

Pseudonym »~Caesarinus Fürstenerius~« erschienene über die Souveränität

der deutschen Fürsten und ihr Verhältnis zur Oberhoheit des Kaisers

oder, um ein noch gleichgültigeres, wenn auch heute vielleicht wieder

aktuell gewordenes Beispiel zu nehmen, seine Denkschrift über die Wahl

eines Königs von Polen, dem tritt hier eine so erstaunliche Virtuosität

juristischer und praktisch-politischer Dialektik entgegen, wie einer

solchen niemand fähig ist, der nicht neben einer eminenten Sachkenntnis

und einer unerreichten logischen Begabung zugleich das scharfe Schwert

dieser Logik mit Begeisterung handhabt. Doch selbst die Frage, die

Leibniz als »~Caesarinus Fürstenerius~« behandelt, hat heute auch für

den Historiker nur noch ein mäßiges Interesse; sie gehört einer uns

gleichgültig gewordenen Vergangenheit an. Das bedeutendste dieser

Aktenstücke, die Denkschrift, die er, diesmal sogar ausnahmsweise unter

Nennung seines Namens, im Auftrage des Kurfürsten von Mainz für Ludwig

XIV. ausarbeitete und im Jahre 1672 selbst nach Paris brachte, ist

nicht nur ungedruckt, sondern bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts,

wo sie als Manuskript im Archiv zu Hannover entdeckt wurde, unbekannt

geblieben: es ist die merkwürdige Denkschrift, in der dem französischen

König eine Expedition nach Ägypten zur Bekämpfung der Türkenmacht

vorgeschlagen wird. Der Plan ist wahrscheinlich in Leibniz' eigenem

Kopf entstanden, doch hatte er dem Kurfürsten eingeleuchtet und dieser

ihn daher mit den notwendigen Reisegeldern für einen mehrjährigen

Aufenthalt in der französischen Hauptstadt ausgerüstet. Aber in so

verlockenden Farben der Verfasser den Erfolg eines solchen Feldzugs

schildert, den Frankreich im Namen der gesamten Christenheit führen

und durch den sich der französische König zum unbestrittenen Oberhaupt

der christlichen Fürsten Europas erheben würde, der Vorschlag blieb

nicht weniger erfolglos wie der zur polnischen Königswahl. Ludwig XIV.

empfing den Abgesandten nicht einmal, sondern ließ ihm durch seinen

Minister sagen, seit Ludwig dem Heiligen seien die heiligen Kriege

aus der Mode gekommen. Kurze Zeit nachher aber nahm er Lothringen

weg, und einige Jahre später überfiel er Straßburg. Die Beraubung des

durch den vorangegangenen Krieg erschöpften Deutschen Reichs galt ihm

also zwar nicht, wie den heutigen Franzosen die nochmalige Eroberung

der von ihnen geraubten Provinzen, als ein heiliger Krieg, jedenfalls

hielt er sie aber für gewinnbringender als die ihn vielleicht etwas

phantastisch anmutende Expedition nach Ägypten. Auch mag es sein, daß

den französischen Staatsmännern die geheime Absicht des Autors, die

Eroberungsgelüste ihres Königs von Deutschland abzulenken, nicht ganz

verborgen blieb.

Konnten diese zum Teil umfangreichen politischen Schriften im Hinblick

auf ihre Erfolglosigkeit leicht in Vergessenheit geraten, um wie

viel mehr gilt das nun aber von der Jahrzehnte sich hinziehenden

Korrespondenz, in der Leibniz über die Frage verhandelte, die ihm mehr

als jede andere, ja anscheinend mehr als seine wissenschaftlichen

Interessen am Herzen lag, die der Wiedervereinigung der beiden

christlichen Kirchen, an deren Stelle dann, als er schließlich auch

hier notgedrungen auf einen Erfolg verzichten mußte, gegen Ende seines

Lebens die andre einer Vereinigung der protestantischen Bekenntnisse

trat. In diesen Unionsbestrebungen ist er eben der hervorragendste

Repräsentant einer der mächtigsten geistigen Strömungen seiner Zeit.

Zugleich galt ihm aber, wie manchen namentlich der weitersehenden

seiner Zeitgenossen, die religiöse als ein wichtiges Mittel zur

politischen Einigung der deutschen Stämme, und in diesem patriotischen

Interesse war er daher, da nun einmal eine Verständigung nur auf dem

Wege des Kompromisses geschehen konnte, überall bemüht, eine solche

durch wechselseitige Zugeständnisse zu erzielen. Das war es aber

schließlich, woran auch hier seine Bemühungen scheiterten und notwendig

scheitern mußten. Wenn ihm der angesehenste Vertreter des französischen

Katholizismus, Bossuet, am Ende eines mit ihm geführten Briefwechsels

bemerkte, Glaubensdifferenzen seien nicht auf diplomatischem Wege zu

beseitigen, so war diese Antwort in der Tat so treffend wie möglich. So

ist es denn auch beinahe tragisch zu nennen, daß gerade die wirksamste

seiner politischen Schriften keine diplomatische, sondern eher das

Gegenteil einer solchen gewesen ist: es ist die kurz nach der mitten im

Frieden erfolgten räuberischen Wegnahme Straßburgs durch die Franzosen

unter dem Titel »~Mars christianissimus~« erschienene Streitschrift

gegen Ludwig XIV. Mit beißendem Spott kennzeichnet ihr Verfasser den

Charakter der Franzosen nicht weniger wie den ihres, wie er sich selbst

nennt, »allerchristlichsten Königs«. Nach jedem der Raubzüge, die

dieser König durch seine Generäle ausführen läßt, errichten ihm die

Pariser Triumphbogen mit der Inschrift »Dem großen Ludwig«, obgleich

sie wohl wissen, daß das einzige, was dieser Große während der Feldzüge

getan hat, darin bestand, daß er sich in Paris amüsierte. Seine

Qualität als allerchristlichster König bekundet er aber dadurch, daß er

seine Feldherren in den eroberten Ländern wie die Mordbrenner hausen

läßt. Leibniz hat damit der aus Empörung und Verachtung gemischten

Volksstimmung Ausdruck gegeben, die noch bis vor wenig Jahrzehnten,

ja vielleicht bis zum heutigen Tage in den süddeutschen Grenzlanden

nachgewirkt hat. Aber auch dieser wirkungsvollsten seiner politischen

Schriften ist nur eine kurze Lebensdauer beschieden gewesen, da sie

durch ihr gelehrtes lateinisches Gewand von vornherein auf engere

Kreise beschränkt blieb.

Vergeblich getane Arbeit ist aber gerade darum, weil sie vergeblich

ist, nicht selten mühseliger und zeitraubender als fruchtbringende. Das

berühmte Problem der Brachystochrone, der Linie des kürzesten Falls, um

das sich sein Freund Johann Bernoulli vergeblich bemüht hatte, löste

Leibniz auf einer Spazierfahrt von Hannover nach Wolfenbüttel, und das

Resultat dieser Leistung ist noch heute im Gedächtnis der Mathematiker

erhalten geblieben. Die persönlichen Unterredungen, die Reisen und die

Briefe, die er der Frage der Vereinigung der Kirchen gewidmet, haben

Jahrzehnte lang einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch genommen;

doch sie sind so gut wie die ergebnislos gebliebenen politischen

Schriften aus dem Gedächtnis der Nachwelt fast ganz verschwunden.

Schon die nächste Generation hat in Leibniz fast nur noch den großen

Philosophen und Mathematiker erblickt. Man hat dabei meist nicht

beachtet, daß dadurch immerhin das Bild, das wir uns auch von dem

Philosophen und Mathematiker machen, der Wirklichkeit nicht entspricht.

Sein Leben ist nicht in erster Linie diesen abstrakten Wissenschaften

gewidmet gewesen, während er nebenbei den Fürsten, an deren Hof er

tätig war, mit seinem Rat an die Hand ging, sondern das Umgekehrte ist

zutreffend: er ist, dem Drang der Zeit und eigenstem Bedürfnis folgend,

Politiker gewesen, er hat sich aus diesem Bedürfnis heraus vor allem

die juristische und staatswissenschaftliche Bildung der Zeit angeeignet

und die äußere Stellung gesucht und gefunden, die ihm die Ausübung

dieses politischen Berufs ermöglichte, ihn aber auch mit einer Last

von Arbeit überhäufte, die für sich allein schon eine ungewöhnliche

geistige Kraft in Anspruch nahm. Die Meisterschaft in der Behandlung

der Fragen des Staats- und besonders des Fürstenrechts, über die er

verfügte, hatte ihn frühe schon zur obersten Autorität nicht nur im

Gebiet des letzteren, sondern in den die Zeit bewegenden politischen

Fragen überhaupt gemacht. Die Verhandlungen über die geplante

Kirchenvereinigung, die teils unter seiner persönlichen Assistenz zu

Hannover, teils durch den von ihm geführten Briefwechsel stattfanden,

haben ihn in den wechselnden Formen zuerst der Reunion der Katholiken

und Protestanten, dann der Union der protestantischen Konfessionen sein

Leben lang beschäftigt. Und daneben fehlte es nicht an fürstlichen

Sukzessions- oder Erbfolgefragen sowie an den damals bei den deutschen

Fürsten leider nicht selten vorkommenden Eheirrungen, bei deren

Ausgleich Leibniz nicht selten als Rechtskonsulent tätig war. Daneben

beschäftigten ihn von früh an allgemeinere Aufgaben des öffentlichen

und privaten Rechts: so schon in Mainz ein nicht zur Vollendung

gelangter »~Codex diplomaticus~«, der die wichtigsten Staatsverträge

zusammenfassen sollte, ein systematisches Kompendium des ~Corpus

juris~, der Entwurf einer Reform des juristischen Studiums und vieles

andere. Wenn Leibniz seine wissenschaftlichen Ergebnisse, insbesondere

die mathematischen und philosophischen, nicht in größeren Werken,

sondern durchgängig in kurzen Mitteilungen und Briefen niederlegte,

so hat man das zuweilen als ein Zeugnis dafür angesehen, daß es ihm

nur um die Sache, wenig um die Geltendmachung seiner Autorschaft zu

tun gewesen sei. Näher liegt es aber doch, daß sein politischer und

diplomatischer Beruf neben den mit diesem zusammenhängenden praktischen

Bestrebungen und privaten Konsultationen seine Zeit allzu sehr in

Anspruch nahm. In Briefen an Freunde klagt er wiederholt, er müsse

eine Menge mathematischer Probleme unerledigt lassen. »Ich wünschte

mir,« sagt er gelegentlich, »um die Aufgaben zu lösen, die mir durch

den Kopf gehen, zehn weitere Köpfe oder mindestens zwölf hilfreiche

Freunde«, ein Ausspruch, der nebenbei zeigt, daß er sich seiner

überragenden Fähigkeiten wohl bewußt war. Sein eigentlicher, den

Hauptinhalt seines Lebens bildender Beruf ist eben der des praktischen

Politikers gewesen. Und darin ist er ein Kind seiner Zeit. Der

Gedanke der Wiederherstellung des Friedens in Staat und Kirche, fand

in ihm ihren genialsten Vertreter. Die sonstigen Arbeiten, besonders

die philosophischen und mathematischen, waren mehr Produkte seiner

Mußestunden, die sich seinem eigentlichen Lebensberuf unterordneten.

Nur zweimal, beidemal bezeichnenderweise auf der Reise, hat er sich

mathematischen und physikalischen Studien in größerer Konzentration der

Arbeit gewidmet. Seine Pariser Mission war nach zwei Jahren bereits

endgültig gescheitert. Er konnte nach Hause zurückkehren; aber er blieb

noch weitere zwei Jahre. In der höheren Mathematik war ihm eine neue

Welt aufgegangen. In ihr völlig heimisch zu werden, empfand er als ein

dringendes Bedürfnis, und er mochte überzeugt sein, daß ihm das nur

hier, an der damals ersten Stätte mathematischer Forschung, möglich

sei. Die Frucht dieser Jahre außerhalb des diplomatischen Dienstes ist

die Erfindung der Differentialrechnung. Zehn Jahre später unternahm

er im Auftrage des Kurfürsten von Hannover eine zweite mehrjährige

Reise. Sie führte ihn nach Wien und Italien, wo er die Archive nach

den Urkunden der Geschichte des Welfischen Hauses durchforschte. Hier

begann er ein großes systematisches Werk über Dynamik, dem er einen

kürzeren Essai bereits vorausgeschickt hatte. Dieses systematische Werk

sollte seine jahrelangen Studien über dieses Gebiet zusammenfassen.

Aber auch dieses Werk ist Fragment geblieben. Die archivalischen

Arbeiten, um derentwillen er die Reise angetreten, mögen doch allzu

sehr seine Zeit in Anspruch genommen haben.

So hat über seinen wissenschaftlichen Werken das Verhängnis

gewaltet, daß, abgesehen von kleineren Aufsätzen und Briefen,

gerade von den philosophischen nur zwei von ihm vollendet worden

sind. Von ihnen ist noch dazu das eine, die »Theodizee«, die er für

die Königin Sophie Charlotte von Preußen schrieb, vielleicht zu

gleichen Teilen seinen konziliatorischen religiösen Bestrebungen

wie seinen philosophischen Arbeiten zuzurechnen. Wie er in der

jahrelangen Korrespondenz mit dem Jesuitenpater Des Bosses in

Hildesheim diesem einleuchtend zu machen sucht, daß, nötigenfalls

mit einigen ergänzenden Hypothesen, die den Grundgedanken unberührt

lassen sollten, das monadologische System mit dem katholischen

Dogma in Einklang zu bringen sei, so will die Theodizee der für die

kirchlichen Unionsbestrebungen lebhaft interessierten Königin die

vollkommene Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Christentum

überhaupt, besonders mit den der katholischen und protestantischen

Kirche gemeinsamen Glaubensüberzeugungen dartun. Das zweite größere

Werk, die »~Nouveaux Essais sur l'entendement humain~«, eine in

Dialogform niedergeschriebene fortlaufende Kritik der Sätze des in

jenen Tagen einen großen Einfluß ausübenden Werkes von Locke, trägt

durchaus den Charakter von Notizen, die sich der Autor zu persönlichem

Gebrauch gemacht hat. Leibniz soll die Veröffentlichung unterlassen

haben, weil Locke während der Abfassung dieser Notizen starb. Aber

die Anhänger Lockes lebten so gut wie die Schüler Descartes', den

Leibniz, obgleich er längst gestorben war, zeitlebens bekämpfte. Es

ist daher viel wahrscheinlicher, daß er die zu eigener Belehrung

geschriebene Arbeit nicht geeignet zur Veröffentlichung fand. Daß ein

halbes Jahrhundert nach seinem Tode das Manuskript dennoch gedruckt

wurde, war sicherlich ein großer Gewinn für das Verständnis seiner

Philosophie. Dennoch blieb es ein Verhängnis für diese, daß bis über

die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinaus die Theodizee sozusagen für

die offizielle Darstellung seiner Philosophie galt. Dies bewirkte

nicht nur, daß die Philosophie des 18. Jahrhunderts unter dem Schein

des Anschlusses an Leibniz in Wahrheit weit hinter diesen zurückging,

sondern daß selbst noch Kant nur ein mangelhaftes Verständnis seiner

Philosophie besaß. Wenn Leibniz, wie nicht zu leugnen ist, durch die

auch in seinen religiösen Unionsbestrebungen hervortretende allzu große

Geneigtheit zu Kompromissen daran zum Teil selber die Schuld trägt,

so hängt das mit zwei Eigenschaften zusammen, die, sonst in der Regel

einander widerstrebend, bei ihm in seltener Weise vereinigt sind: er

ist im höchsten Grade rezeptiv und produktiv zugleich. Er ist stets

geneigt, einen ihm entgegentretenden neuen Gedanken sich anzueignen.

Sagt er doch selbst von sich, in der Diskussion sei er mehr bereit,

anderen zuzustimmen, als ihnen zu widersprechen. Aber seine Zustimmung

ist gewissermaßen immer zugleich ein Widerspruch: er dreht und wendet

den fremden Gedanken so lange, bis er sein eigener, damit aber auch

ein anderer geworden ist. Eigentlich ist das ja nur eine besondere

Anwendung der in den juristischen und politischen so gut wie in den

philosophischen und theologischen Arbeiten zutage tretenden Virtuosität

seiner Dialektik. Aber ohne Gefahr ist natürlich diese dialektische

Gewandtheit nicht. Sie hat ihn gelegentlich zu Konzessionen getrieben,

die er im letzten Augenblick wieder zurücknehmen mußte. So machten

ihn seine katholischen Freunde darauf aufmerksam, nach allem, was

er zugunsten der Wiedervereinigung der Kirchen sage, bleibe ihm

eigentlich nichts übrig als selbst katholisch zu werden. Trotzdem hat

er dreimal der in verlockender Form an ihn herantretenden Versuchung

widerstanden. In Paris konnte er um den Preis des Konfessionswechsels

Mitglied der Akademie, in Rom Bibliothekar beim Vatikan werden, in

Wien eine einflußreiche Stellung am kaiserlichen Hof gewinnen: er

widerstand der Versuchung in allen drei Fällen. »Ich würde,« das

war die charakteristische Antwort, »ich würde, wenn ich katholisch

wäre, nicht Protestant werden, eben darum werde ich aber auch, da ich

Protestant bin, nicht katholisch.« Darum war er nicht bloß genial auf

allen den mannigfaltigen Gebieten der Wissenschaft, denen er sich

zuwandte, sondern er war auch ein genialer Diplomat; aber er war kein

Mann aus dem Holze, aus dem Reformatoren geschnitzt werden. Auch seiner

Philosophie ist diese Eigenschaft verhängnisvoll geworden. Sie hat

nicht nur über seine wirklichen Überzeugungen, über das, was man seine

»esoterische« Philosophie nennen kann, Mißverständnisse erweckt, die

bis zum heutigen Tage nachwirken, sondern sie mag ihn auch bisweilen

veranlaßt haben, Begriffe, die verschiedenen Entwicklungsstufen seines

Denkens angehörten, zu verbinden oder je nach Umständen abwechselnd

zu gebrauchen. So konnte der Schein der Mehrdeutigkeit um so leichter

entstehen, als er vor andern zu den Philosophen gehört, die nur

allmählich zu ihren endgültigen Überzeugungen gelangt sind.

So vieles man nun aber von allem dem der persönlichen Eigenart

zuschreiben mag, die ja besonders bei einer so hervorragenden

Persönlichkeit stets zugleich einzig in ihrer Art ist, so ist es doch

wiederum der Charakter der Zeit, der in diesem ihrem größten Sohne zum

Ausdruck kommt. Das gilt schließlich auch von derjenigen Eigenschaft,

die dem oberflächlichen Betrachter zunächst auffällt, bei der aber

auch derjenige, der sich die geistige Physiognomie dieses Mannes näher

zu vergegenwärtigen sucht, immer wieder als der bewundernswertesten

und unbegreiflichsten stehen bleibt: von der Universalität seines

Wissens und Könnens. So sehr in der Tat das deutsche Volk zu Leibniz'

Zeit unter der Nachwirkung des furchtbaren Krieges hinter den

Fortschritten, die indessen anderwärts die Wissenschaften gemacht

hatten, zurückgeblieben war, die Spuren der tiefen geistigen Erregung,

die die Reformation ausgeübt, waren ebensowenig erloschen, wie die

Eigenart des deutschen Geistes verloren gegangen war, in der sich

schon innerhalb der scholastischen Theologie und Philosophie die

Reformation vorbereitet hatte, und die zum Teil abseits von der

sonstigen scholastischen Tradition lag. Leibniz war in dieser deutschen

Scholastik aufgewachsen. Als die neue Wissenschaft, vor allem die

neue Naturwissenschaft, auf ihn einzuwirken begann, war er schon

ausgestattet mit einem umfassenden Wissen; doch dieses Wissen war

nach Umfang und Methode das der Scholastik. Und universell nach ihrem

Umfang, einheitlich nach ihrer Methode war die Scholastik von Anfang

an. Wenn Leibniz mit einer gründlichen scholastischen Jugendbildung

der neuen Wissenschaft gegenübertrat, so kam er daher nicht mit

leeren Händen. Was die Scholastik errungen, für die neue Wissenschaft

fruchtbar zu machen, das war sein erstes, die Scholastik durch die neue

Wissenschaft endgültig zu überwinden, das wurde sein letztes Ziel.

II.

Leibniz und die Scholastik.

In einem seiner späteren Briefe klagt Leibniz, in seiner Jugendzeit

habe in Deutschland noch die Scholastik geherrscht, während anderwärts

bereits überall die neue Wissenschaft sich verbreitet hatte. Gleichwohl

würde es irrig sein, wollte man daraus schließen, Leibniz stimme

dem absprechenden Urteil zu, das zuerst die Humanisten und dann die

Vertreter der neuen Naturwissenschaft gefällt hatten. Dem würde

schon die unbegrenzte Hochachtung widersprechen, mit der er überall

des Aristoteles gedenkt, der doch allezeit der Vater der Scholastik

gewesen ist. Aber auch gegen die eigentliche Scholastik verhält er

sich durchaus nicht ablehnend. Vielmehr kommt jene Neigung, die er

selbst sich zuschreibt, lieber zuzustimmen als zu widersprechen,

auch ihr gegenüber zur Geltung, und den Spuren seiner scholastischen

Jugendbildung begegnet man überall in seinen späteren Schriften. Von

Kindheit auf waren ihm Aristoteles und die Scholastik vertraut, bereits

zu einer Zeit, als ihm nach seinem eigenen Bekenntnis die neuere

Naturwissenschaft und Philosophie noch fremd geblieben. Mochte er

auch, wie er später erzählt, als er auf der Universität mit der damals

auf der Höhe ihres Ansehens stehenden Cartesianischen Philosophie

bekannt wurde, eine Zeitlang schwanken, ob er den »substantiellen

Formen« der Scholastiker oder den mechanischen Prinzipien Descartes'

den Vorzug geben solle, bereits seine akademische Erstlingsschrift

bewegt sich ganz in den Gedankenkreisen der Scholastik. Behandelt sie

doch die damals hauptsächlich den Zankapfel zwischen den sogenannten

Realisten und Nominalisten bildende echt scholastische Streitfrage,

ob die individuellen Unterschiede der Dinge von der Form oder von der

Materie herrührten. Diese scholastische Jugendbildung hat sein Leben

lang in ihm nachgewirkt. Doch die Scholastik ist keine einheitliche

Philosophie. Wir sind heute allzu sehr geneigt, den Eindruck, den

besonders in den späteren Jahrhunderten der formalistische Betrieb der

scholastischen Logik, die Herrschaft eines blinden Autoritätsglaubens

und die Neigung zu leeren Begriffs- und Wortstreitigkeiten erwecken,

auf die Wissenschaft dieses ganzen Zeitalters zu übertragen. Vor allem

aber steht unser heutiges Urteil unter dem Einfluß der vernichtenden,

natürlich einseitig orientierten Polemik der Humanisten und der

bahnbrechenden Philosophen der Neuzeit, die, ähnlich wie dies dereinst

Plato mit der Sophistik getan hatte, nach den abschreckenden Beispielen

scholastischer Wort- und Begriffsklauberei eigentlich erst jenes

typische Bild der Scholastik geschaffen haben, das heute noch das

geläufige ist. Doch so treffend die Satire sein mag, in der schon die

Erfurter Humanisten in den »Briefen der Dunkelmänner« gegen die Kölner

und Leipziger Magister zu Felde zogen, diese Satire trifft eigentlich

nur den vulgären Schulbetrieb einiger Hochschulen, während die

Verfasser jener satirischen Briefe selbst und ihre Gesinnungsgenossen

in wissenschaftlicher Beziehung noch ebenso wie die Reformatoren dem

Gedankenkreis der Scholastik angehören. So hat denn noch über ein

Jahrhundert später Leibniz Jena, Marburg und Helmstädt als die drei

fortgeschrittensten Universitäten gerühmt, und er bekennt dankbar,

daß ihm erst während des kurzen Semesters seiner Studienzeit in Jena

durch Erhard Weigel ein neues Licht aufgegangen sei. Das will aber

nicht bedeuten, daß auf jenen drei Universitäten die Scholastik nicht

geherrscht hätte, oder daß Erhard Weigel ein Vertreter der modernen

Philosophie gewesen wäre. Vielmehr ging das Bestreben gerade dieses

Mannes vornehmlich dahin, die Scholastik mit der neuen Wissenschaft zu

versöhnen, und wenn in irgend einer Richtung er auf Leibniz gewirkt

hat, so ist es in der Tendenz gewesen, die durch die Scholastik

geschaffenen Denkmittel, so weit er ihnen einen bleibenden Wert

zuerkannte, für diese neue Wissenschaft fruchtbar zu machen.

Außerdem aber gab es in der Scholastik selbst eine Richtung, die

der herrschenden, streng an Aristoteles sich anschließenden fremd

gegenüberstand, und in der ältere gnostische und neuplatonische

Strömungen nachwirkten. Gerade ihr stand auch jener Erhard Weigel,

der sich sein Leben lang mancherlei pythagoreisierenden Spekulationen

und andern phantastischen Plänen hingab, nicht allzu fern. Weit mehr

als in den Gegensätzen der Realisten und Nominalisten, die sich in

ihrem wissenschaftlichen Lehrbetrieb meist wenig unterschieden, sind

es diese mehr von einzelnen Persönlichkeiten ausgehenden mystischen

Richtungen, die der Scholastik niemals fehlten und die besonders auch

in den gelehrten Mönchsorden des 13. Jahrhunderts bedeutende Vertreter

fanden, die sichtlich auf Leibniz in seiner Jugendzeit gewirkt haben.

Zu ihnen gehören Meister Eckhard, der deutsche Dominikaner, zu ihnen

Roger Bacon, der irische Franziskaner. Beide sind die hervorragendsten

Repräsentanten zweier im ganzen heterogener Strömungen, die in dem

Zeitalter der klassischen Scholastik nebeneinander hergehen. In

der Predigt des Meister Eckhard überwiegt die von dem Gedanken der

unmittelbaren Selbstoffenbarung der Gottheit getragene rein religiöse

Mystik; in Roger Bacon verbindet sich dieser mystische Zug mit dem

in dem intellektuellen Universalismus der klassischen Scholastik

wurzelnden Streben nach einer vornehmlich von der wunderbaren Macht

der Mathematik erhofften Welterkenntnis. In der zweiten dieser

Richtungen beginnt sich daher zugleich der Geist der künftigen neuen

Naturwissenschaft und ihres mächtigen Werkzeuges, einer über die

Grenzen der bisherigen Rechenkunst hinausführenden höheren Mathematik,

zu regen. Es ist eine eigenartige, seitdem nie wieder ganz erloschene

Abzweigung der Mystik, die uns hier begegnet. Ein Hauptvertreter dieser

teils mit dem Aberglauben der Zeit, teils mit dem allmählich sich

regenden Gedanken einer neuen Naturerkenntnis sich berührenden Richtung

ist ein zweiter Zeitgenosse des Meister Eckhard, der Spanier Raimundus

Lullus, der vielleicht gerade deshalb, weil in ihm phantastische Mystik

und mathematische Spekulation besonders innig verwebt sind, am längsten

nachgewirkt hat. Noch Jahrhunderte nach ihm galt die »Lullische Kunst«

-- so nach dem Titel »~Ars magna~« seines Werkes genannt -- ähnlich der

Alchemie als eine Art wissenschaftlicher Zauberei. Wie die Alchemie

zum Experiment, so verhielt sich diese mystische Zahlenkunst zur

wissenschaftlichen Mathematik. Der überraschende Eindruck, den das

unerwartete Ergebnis einer Rechenoperation auf den Rechnenden selbst

hervorbringen kann, macht es wohl begreiflich, daß dem mathematischen

Denken dieser Zug zur Mystik eigen geblieben ist, und daß sich vollends

in jenen Tagen, in denen der uralte Zahlzauber im Volksglauben noch

eine größere Rolle spielte als heute, die Wissenschaft gelegentlich

auch auf diesem Gebiet sich zur Magie steigerte. Schon der Astrologie

hatte ja die mathematische Beihilfe, deren sie bedurfte, zum Teil

ihr Übergewicht über die anderen sogenannten Geheimwissenschaften

verschafft. So lag die Übertragung dieser Mystik der Zahlen auf die

mathematischen Operationen selbst, wie sie den spezifischen Charakter

der Lullischen Kunst und verwandter Bestrebungen ausmachte, nahe genug,

während zudem der in der Scholastik herrschende logische Formalismus

dieser Tendenz zu Hilfe kam.

~a.~ Leibniz als Mathematiker.

Leibniz: Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916 · 第 1 / 11 段