»Aber,« sagte sie einmal zu ihm, »wenn Sie von der Schwachheit meines

Geschlechts so überzeugt sind, warum erlauben Sie, daß ich auf Treu und

Glauben leben darf, wie ich lebe? Warum glauben Sie nicht, daß ich auch

Thorheiten begehen könne, wie jede andere? Glauben Sie, daß ich eine

Ausnahme von der Regel sey, und mich allein gut zu betragen wisse, Sie,

der allen Glauben an die gute Aufführung eines Mädchens verloren hat?

Würde mich jemand abgehalten haben, mich schlecht aufzuführen, wenn

ich die Neigung dazu hätte, da Sie mir alle Freiheit ließen? Selbst

der Umgang mit Herrn _d'Autun_ könnte weit führen, er würde mich nicht

auf den rechten Weg zurückbringen, oder ich müßte mich sehr betrügen.«

»Dieß würden Sie nicht,« sagte ich, »und ich möchte Ihnen offenherzig

in Ihres Vaters Gegenwart gestehen, daß Sie Unrecht haben, nicht auch

durch Ihr Beispiel die Meinung zu bestätigen, die er von Ihrem ganzen

Geschlecht hat.«

»Davon ist nicht die Rede,« sagte _Ribaupierre_, »jeder handelt

in der Welt nach seinen Einsichten. Ich bin weder Spanier, noch

Italiener, oder Türke, und baue auf die Enthaltsamkeit der Frauen nicht

sonderlich, wenn sie durch Schlösser verwahrt sind. Die gute Aufführung

eines Mädchens hat keinen Werth, wenn sie nicht ihrer eigenen Tugend

überlassen bleibt. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Menschen,

besonders der Frauen, mit Wärme gerade nach demjenigen zu streben, was

verboten ist. Dieß ist gewiß der Grund, daß es in Spanien und Italien

mehr verdorbene Sitten giebt, als in Frankreich, und mehr Libertins,

als bei uns, wo die Frauen Freiheit haben, und wo sie sehr selten

die ersten Schritte thun. Die wahre Tugend der Frauen besteht in dem

Widerstande, den sie der Versuchung entgegen setzen; und eben deswegen

sind die Französinnen, die ihre Reinheit bewahren, viel mehr zu

preisen, als Frauen anderer Nationen, die ich vorher nannte; denn sie

sind durch ihre freiere Geselligkeit stets der Versuchung ausgesetzt,

da im Gegentheil die andern ihre Sittlichkeit nur den Mauern verdanken,

die sie einschließen.«

»Wenn ich,« sagte er zu uns beiden, »da ich euch nicht verheirathen

wollte, dir _Manon_ verboten hätte _d'Autun_ zu sehen, hättest du

mir gehorcht? gesteh es aufrichtig. Wenn ein Mädchen heimliche

Zusammenkünfte mit ihrem Geliebten hat, ohne den Willen ihrer Eltern,

so muß sie die Zeit dazu stehlen; aber sie verliert dann auch keinen

Augenblick. Der Geliebte bringt seine Angelegenheiten viel weiter in

einer Viertelstunde, als er es bringt, wenn er seine Geliebte täglich

sehen kann. Nur in solchen Fällen hätte ich fürchten müssen, daß du zu

sehr den Neigungen deines Herzens folgen möchtest; aber da ich dich

mit ihm leben ließ, und ganz nach deiner Phantasie, so bin ich gewiß,

daß er nun seine Zeit zu nichts schlimmern verwendet, als zu klagen,

oder mich zu verwünschen, und schwerlich hättet ihr eure Zusammenkünfte

unter andern Umständen eben so unschuldig gehalten.«

»Ich war auch jung wie ihr. Ich liebte ein Mädchen, mit der ich mich

ehelich verbinden wollte. Ich wurde von ihr geliebt, und so dreust und

kühn ich gegen die andern Frauen war, so war sie die Einzige, die

mir Achtung einflößte. Vielleicht hat mich die Liebe, mit der ich sie

liebte, auch verschämt gemacht, und nie hat mich meine Kühnheit zu weit

verleitet. Ich weiß also aus Erfahrung, daß man ein Mädchen, um dessen

Hand man sich bewirbt, mit ganz andern Augen ansieht, als eine andre.

Habe ich mich betrogen?« sagte er zu mir, »hätten Sie die Zeit außer

meinem Hause auch auf eine so unschuldige Art zugebracht?«

»Ich weiß nicht,« sagte ich, »aber das weiß ich, daß ich die Ehrfurcht

gegen das Fräulein nie würde verletzt haben, und daß sie sich immer

gleich anständig betragen haben würde!«

»Und ich glaube es nicht;« sagte er.

»Aber was für ein Vergnügen kann es Ihnen machen, uns der Gefahr

auszusetzen, einer Versuchung zu unterliegen? Warum willigen Sie nicht

in unsre Verbindung? da Sie sie nicht mißbilligen.«

So endigte sich immer unser Gespräch, und _Ribaupierre_ brach entweder

von der Materie ab, oder er sagte, daß wir nicht zu eilen hätten.

So verlebten wir die Zeit, jeden Augenblick konnte ich zu ihm gehen,

ich aß täglich bey ihm, und es fehlte nichts daß ich wirklich sein

Schwiegersohn war, als daß ich mit der Tochter in einer solchen

Entfernung lebte. Vergebens erschöpfte ich meine Beredsamkeit bey ihr,

und suchte durch alle Gründe die ich finden konnte, uns einander näher

zu bringen, aber sie blieb unbeweglich, und ließ sich zu nichts bereden.

Ich hatte eine Art zu leben, die mir selbst unbegreiflich war. Täglich

sah ich einen Mann, dessen langes Leben mir Kummer machte, und den

ich nicht hassen konnte. Alles abgerechnet was er für mich gethan

hatte, so empfing er mich immer wie seinen Sohn, und belustigte mich

durch seine gute Laune, und witzigen Einfälle. Täglich fand ich mich

in der Gesellschaft eines Mädchens, die ich bis zur Raserey liebte,

und von der ich mich geliebt glaubte, und doch fühlte ich keine

dieser stürmischen Empfindungen, die die Liebe in uns erweckt, wenn

die Leidenschaft sich des Herzens bemächtigte. Es ist als wenn nach

so vielen fruchtlosen Versuchen, das Herz und die Sinne sich der

Gewohnheit unterworfen hätten, sich von der Vernunft leiten zu lassen,

die über beide ihre Herrschaft ausübt.

Nachdem wir lange auf diese Weise fort gelebt hatten, überfiel den

alten _Ribaupierre_ unerwartet eine solche Schwäche, der die Natur in

wenig Augenblicken unterlag. Er hatte lange genug gelebt, um nicht vom

Tode überrascht zu werden, und er bereitete sich zu diesem Schritte als

ein Christ. Da er fühlte, daß er nicht wieder genesen könne, so wollte

er auch mit mir sich aussöhnen, und mich in seinem Herzen lesen lassen.

Nachdem er die letzte Oelung empfangen hatte, ließ er mich und seine

Tochter an sein Bette rufen.

In wenig Worten, und ohne sich zu schmeicheln, erzählte er mir sein

Leben. Ich sah darin eine stete Folge von erlittenen Verlusten

und Unglücksfällen; aber bey aller Schuld, die er durch eine

unordentliche Lebensart auf sich geladen hatte, bemerkte ich doch einen

unerschütterlichen Grund von Rechtschaffenheit; gewiß war er einer der

biedersten Menschen; wäre er es weniger gewesen, er würde unermeßliche

Reichthümer erworben haben, die er aber lieber verachtete, als daß

er gegen sein Gewissen gehandelt hätte. Er gestand mir, daß die

Überzeugung, daß er nicht zum Glück gebohren sey, ihn gezwungen hätte,

sich gegen alle Zufälle zu verwahren. Zwar hätte er nie im Ernst

gezweifelt, daß ich und seine Tochter ihn gut behandeln würden, wenn

er unsre Heirath bewilligte; aber er gestand mir doch, daß die Furcht

vor der Zukunft in seinem Herzen zu groß und unüberwindlich gewesen

sey. »Ich gebe Ihnen nichts, wenn ich Ihnen meine Tochter gebe, sie

gehört Ihnen schon an, aus vielen Gründen. Verzeiht mir beide, daß ich

mich so lange eurer Verbindung widersetzte, aber ich verdiene mehr

Entschuldigung als Verzeihung, ich konnte eine Schwachheit in mir nicht

unterdrücken, die die Annäherung des Todes allein bekämpft. Ich weiß,

Sie lieben _Manon_ aufrichtig, und ich kann sie in keinen bessern

Händen zurücklassen, als in den Ihrigen. Sie sey Ihnen auch um Ihrer

selbst willen empfohlen, auch um meinetwillen darf ich hinzusetzen,

es ist die Bitte eines Sterbenden, der Ihnen mit Wahrheit betheuert,

daß er Sie immer unendlich geliebt und geschätzt hat. Gebt Euch die

Hände, sagte er: ich hoffe, sie wird Ihnen nach der Heirath eben so

theuer seyn, als sie es bisher war, und niemals Anlaß geben, daß Sie

Ihre Wahl bereuen. Ich bitte Gott, daß er Euch seinen Segen gebe, den

meinigen gebe ich Euch, aber, indem er sich zu seiner Tochter wendete,

unter der Bedingung, daß du durch Tugend dich dessen würdig machst, und

durch eine wahre unverbrüchliche Anhänglichkeit an Herrn _d'Autun_.

Danke Gott, daß er dir einen solchen Mann bestimmte, hege alle die

Zärtlichkeit gegen ihn, die er verdient, und alle Dankbarkeit für

die Ehre die er dir erzeigt; denn er könnte natürlich auf eine höhere

Verbindung Ansprüche machen. Bewahre ihm alle Treue und Ergebenheit und

Ehrfurcht, die eine tugendhafte Frau ihrem Mann schuldig ist; dieß sind

die Bedingungen, unter denen ich dir meinen Segen gebe.«

»Gehen Sie nun,« sagte er zu mir, »wiederholen Sie meinem Beichtvater

was ich Ihnen sagte, und fragen ihn, ob es erlaubt ist, Sie in meinem

Zimmer zu trauen? Ich habe keine Forderung mehr an die Welt zu machen;

ich stürbe völlig beruhigt, wenn ich Euch noch verbunden sehen könnte,

und meine Tochter vor meinem Tode noch unter sicherm Schutz, und in

einer Verbindung, die vielleicht manchen Hindernissen ausgesetzt seyn

könnte, wenn ich nicht mehr bin. Eilen Sie, wenn Sie wollen, daß ich

noch diesen Wunsch erfüllt sehe. Ich fühle meine Kräfte, und habe nur

noch wenige Stunden zu leben.«

Es war, als wenn er voraus sähe, was nach seinem Tode geschehen

könnte. Gern hätte ich diese gute Stimmung benutzt, aber ich glaubte

nicht, daß es schon so weit mit ihm wäre; denn seine Sinne waren noch

ungeschwächt, sein Urtheil bestimmt, seine Gespräche reichhaltig,

und zu dem hatte er eine starke Stimme, und lebhafte feurige Augen.

Sein Zustand schmerzte mich aufrichtig, die Thränen seiner Tochter,

die aus einem wahrhaft gerührten Herzen flossen, durchdrangen mich.

Ich bewunderte die Ruhe, mit der ihr Vater ihr Trost einsprach; kein

Zeichen von Ungeduld gab er von sich, kein Wort verrieth einen Wunsch

in die Welt zurückkehren zu können. Ich sprach in seiner Gegenwart mit

dem Beichtvater, und er bestätigte alles was ich sagte. Der Geistliche

durfte uns aber ohne die Einwilligung des Erzbischoffs von Paris nicht

trauen; doch versicherte er, daß er gar nicht zweifle, sie unter diesen

Umständen zu erhalten. Wir baten ihn, sich selbst hin zu bemühen. Er

that es, nachdem er vorher unsern Namen und Stand aufgezeichnet hatte,

und ließ bei dem Kranken einen andern Geistlichen. Auch wir blieben

bei ihm, und ich sah in dem Sterbenden eine wahre Ergebung und eine

ungeheuchelte Entsagung aller irrdischen Dinge, mit einem Wort solche

Gesinnungen, wie sie sich jeder wünschen sollte.

Die Erlaubniß zu unserer Trauung kam zu spät, eben als er seine Augen

geschlossen hatte; sie wurde uns unnöthig, denn der Geistliche wollte

nun nicht davon Gebrauch machen. Er sagte, der Erzbischof habe nur

die Erlaubniß ertheilt, um das Gewissen eines Sterbenden zu beruhigen,

und um sein Herz von weltlichen Angelegenheiten loszumachen; aber der

letzte Seufzer desselben habe alle diese Ansichten verändert, wir wären

nicht mehr in der Lage uns den gewöhnlichen Ceremonien der Kirche

entziehen zu dürfen.

Ich erschöpfte vergebens meine Beredsamkeit, so wie auch die Tante des

Fräuleins; man bot dem Geistlichen eine ansehnliche Summe, um ihn dahin

zu bringen, uns den Segen zu geben; aber alles war umsonst.

Ich führte nun _Manon_ in mein Haus, und bat die Freundin, bei der ich

sie zum erstenmale sah, ihr Gesellschaft zu leisten, ich selbst ging zu

_Ribaupierre's_ Wohnung zurück, wo sich die Tante mit ihrem Sohn nebst

noch mehreren Verwandten des Verstorbenen befanden. Sie betrachteten

mich alle als Herrn des Hauses, und überließen meiner Einsicht alle

Einrichtungen. Ich ließ versiegeln, ordnete das Leichenbegängniß an

und die Seelenmessen, und nahm alle Kostbarkeiten in meine Verwahrung.

_Manon_ unterschrieb alles, was ich wollte, und verließ sich ganz auf

mich. Ihre Erbschaft machte wenig Umstände, sie war die einzige Tochter

und Erbin, also waren keine Einsprüche zu befürchten. Bald war sie

in alle ihre Rechte eingesetzt, und als ich sie wieder in ihr Haus

zurückführte, war sie so erschöpft, und bewegt, daß ich nicht wagen

durfte, mit ihr sobald von unserer Heirath zu sprechen.

Ihre Tante aber erklärte ihr in meiner Gegenwart, daß sie sich nicht

sobald nach dem Tode ihres Vaters verheirathen dürfe, weil diese

Eilfertigkeit zu vielen Gesprächen Anlaß geben könnte. Sie war die

erste, die darein willigte, und ich mußte nachgeben, so schwer es

mir auch fiel; zumal da dringende Geschäfte mich wieder nach A--

riefen. Da die Tante dafür hielt, daß es sich für ein unverheirathetes

Frauenzimmer nicht schicke, mit so vielen Bedienten allein zu

wohnen, so rieth ich ihr, die Zeit meiner Abwesenheit bei der Tante

zuzubringen, wo die lebhafte Gesellschaft zugleich ihren Kummer

zerstreuen würde.

Nach vierzehn Tagen ging ich zum letztenmal vor meiner Abreise zu ihr;

ich sah sie Briefe schreiben, und auf die Post geben. Dieß beunruhigte

mich nicht, da ich wußte, daß sie Herr über ihr Vermögen war, und,

weil ein Theil davon in einer entfernten Provinz stand, leicht

Veranlassungen zum Schreiben haben konnte. Aber ich entdeckte doch,

daß ein Brief darunter war, dessen Aufschrift sie mir verbergen wollte.

Will man einem Liebhaber etwas verheimlichen, so ist dieß gerade ein

Mittel, seine Neugierde zu erregen. Unser Verhältniß erlaubte mir

die Frage an sie zu thun, an wen dieser Brief gerichtet sei? aber

ich that sie nicht, und begnügte mich damit, daß ich einen Handschuh

fallen ließ, und den Kopf erhob, indem ich ihn aufnahm. Da die Adresse

umgekehrt lag, so konnte ich nur den Namen _Rosier_ lesen, ohne zu

sehen, nach welchem Ort er gerichtet war; ich hatte niemals einen

ähnlichen Namen gehört, und bekümmerte mich nicht weiter darum.

Ich trat meine Reise an, nach deren Beendigung unsere Heirath vollzogen

werden sollte; der Abschied war zärtlicher als das erstemahl. Dießmahl

war ich wie ein Mann, der vor Begierde brennt, sich des Besitzes zu

erfreuen. Ich sah in A-- nur Menschen, mit denen ich Geschäfte hatte,

selbst einen Theil meiner Ansprüche und Rechte opferte ich auf, um

meine Geschäfte nur schnell zu beendigen, und war vierzehn Tage früher

wieder in Paris, als man mich erwartete.

Ich ging sogleich zu _Manon_, noch eh ich in meine eigne Wohnung

trat. Sie war nicht zu Hause. Es kamen zwei Briefe an sie an. Da ich

ihre Geschäfte zu besorgen gewohnt war, so ließ mich die Kammerfrau

die Briefe in Empfang nehmen. Ich empfahl ihr meine Ankunft zu

verschweigen, weil mir's einfiel, einen Brief von meiner Hand in einen

von diesen einzuschieben, um sie in Verlegenheit zu setzen, und mich

über sie lustig zu machen. Die Kammerfrau versprach das Geheimniß zu

bewahren, und ich ging in meine Wohnung, um mich umzukleiden. Ich

war überzeugt, daß die Briefe nur von Geschäften handelten, die ihre

Erbschaft beträfen, und daß sie nicht darüber böse werden könnte,

wenn ich einen davon aufbräche. Ich zauderte also nicht lange. Der

Brief war mit dem Namen _Rosier_ unterschrieben. Dieß erinnerte mich

an die Sorgfalt, die sie angewandt hatte, mir einen Brief mit dieser

Aufschrift zu verbergen. Meine Gedanken verwirrten sich, und ich wußte

keinen Ausweg. Der Inhalt des Briefs machte mich schaudern. Man schrieb

ihr:

»Mit der größten Freude, mein Fräulein, empfing ich Ihren Brief vom

neunzehnten, und ich erfuhr, daß Sie nicht mehr unter der Tyrannei

eines Vaters seufzen müßten. Tausendmal habe ich Ihre Gefälligkeit

für ihn bewundert, und Ihre Tugend, mit der Sie seine üblen Launen

ertrugen. Ich glaubte nicht, daß die kindliche Liebe so weit gehen

könnte. Endlich sind Sie frey, ich danke Gott täglich dafür um meinet-

und Ihrentwillen. Ich bleibe nur noch kurze Zeit hier, spätestens in

vierzehn Tagen hoffe ich zu Ihnen zu kommen, und in Ihrer Nähe alle

Freuden zu genießen, die eine glückliche Liebe verspricht; nach so

vielen Durchkreuzungen des Schicksals und nach den Hindernissen, die

ein glücklicherer Nebenbuhler, von einem Manne begünstigt, von dem Sie

abhängig waren, uns in den Weg legte. Mag er seyn, wer er will, dieser

Nebenbuhler, so schwöre ich es Ihnen zu, er ist verloren bei meiner

Ankunft, oder meine Mutter wird mich von dem schrecklichen Anblick

befreien, Sie in seinen Armen zu sehen. Sie wollen mein seyn, nichts

wird mich von meinem Glück abhalten, und ich werde Ihnen Beweise

geben, daß niemand zärtlicher und treuer geliebt hat, als Ihr

_Rosier_.«

Könnte der Schmerz tödten, so wäre ich in diesem Moment gestorben.

Eine ganze Stunde blieb ich fast ohne Bewußtseyn, so hatte mich dieser

unerwartete Schlag betäubt. Aber die Wuth folgte dem Schmerz bald nach.

Ich horchte nur auf die Stimme der Rache, und entschloß mich, diesem

Menschen zuvor zu kommen, der mir den Tod drohete, ehe er mich gesehen

hatte. Ich nahm die Feder, aber ich weiß nicht, was ich in der Bewegung

niederschrieb. Ich sandte _Manon_ die Briefe zu, auch den meinigen. Ich

stieg wieder aufs Pferd und nahm den Weg nach _Grenoble_; ich hatte

den Plan, jenen _Rosier_ selbst ausfindig zu machen, und zu sehen, ob

er eben so tapfer in der Nähe als in der Ferne wäre. Der Zorn gab mir

Flügel; in dreißig Stunden war ich dort. Ohne auszuruhen machte ich

Anstalt den Menschen aufzusuchen, wo ich nur hoffen konnte, Nachrichten

von ihm einzuziehen; aber ich konnte ihn nicht finden. Endlich von den

vielen mißlungenen Versuchen abgeschreckt, mehr noch als wüthend über

die Untreue meiner Braut durchreiste ich das Lioner Gebiet und den

Wald, und ging nach A-- zurück, wo ich entschlossen war zu bleiben, bis

die Zeit das Andenken an _Manon_ in meinem Herzen getilgt haben würde.

Vier Monate blieb ich dort, aber ich erreichte nicht meinen Zweck. Ich

wäre länger geblieben, hätte mich meine Stelle nicht gezwungen nach

Paris zurückzukehren.

_Manon_, die meine Ankunft sogleich erfuhr, kam gleich den andern Tag

zu mir in mein Haus, aber ich ließ mich verläugnen und verbot meinen

Bedienten, sie je zu mir zu führen, so oft sie auch kommen möchte. Sie

schrieb mir einigemal, aber ich schickte die Briefe unerbrochen zurück,

auch ihr Bild und alle Briefe, die ich von ihr hatte, schickte ich ihr

wieder. Ihre Verwandten machten viele fruchtlose Versuche zu unserer

Aussöhnung, aber diese Verrätherey war zu schwarz in meinen Augen, als

daß ich hätte leicht verzeihen können. Ich suchte aber ihren _Rosier_

nicht mehr auf, denn ich hielt es für die beste Rache, die ich nehmen

konnte, sie beide zu verachten.

So lebte ich eine geraume Zeit mit dem Anschein einer ruhigen Kälte,

aber doch merkten meine Freunde, daß mein Herz ein schwerer Kummer

drückte. Einer von ihnen, der mir am nächsten war, und mein Vertrauen

mehr besaß als die andern, nahm sich das Herz, in einem Gespräch meine

Verhältnisse mit _Manon_ zu berühren, da wir einmal mehr als gewöhnlich

auf eine vertrauliche Art zusammen sprachen.

Ist das Fräulein, sagte er, dir untreu, so billige ich dein Verfahren

sehr. Sie verdient alsdann nicht, daß ein rechtschaffener Mann an

sie denkt; aber ich, der ich nicht so befangen urtheile, wollte fast

schwören, daß ein Mißverständniß zum Grunde liegt. Wie hätte sich

in der That so ein Verhältniß entspinnen können, mit diesem Herrn

_Rosier_, den du niemals gesehen hast, da du doch täglich bey ihr

warst. Warum sollte sie zwey Menschen zugleich ihre Hand versprochen

haben? Warum dir ihr Versprechen nicht halten, nachdem sie so viele

Schritte zu deinem Vortheil gethan hatte? Warum hätte sie dich so oft

aufgesucht? was wäre aus _Rosier_ geworden? und warum sollte sie dir

noch schreiben? Warum, wenn sie dir untreu ist, eine Versöhnung mit dir

versuchen wollen? Dahinter steckt ein Geheimniß, und ich bin sicher,

daß zum wenigsten eine Übereilung von deiner Seite, und ein Spiel des

Zufalls von der ihrigen zum Grunde liegt, oder sie ist die größte

Betrügerin, die in der Welt ist.

Seine Gründe machten auf mein Herz einigen Eindruck. Ich dachte der

Sache tiefer nach, und bat ihn endlich, wenn er _Manon_ spräche, die

Unterredung auf mich zu leiten. Thue was du kannst, um die Wahrheit zu

entdecken. Als ich ihr neulich begegnete, machte mich ihr Blick, der

gerade auf mich gerichtet war, stutzen, und zerstreuete einen Theil

meines Zorns, darum möchte ich nicht gern mit ihr selbst sprechen,

weil ich meinem Herzen nicht traue; aber suche Du sie auf.

Ich werde heute Gelegenheit haben sie zu sehen, sagte mein Freund, da

ich ihren Verwandten besuchen muß, und erlaubst du es mir, so will ich

suchen _Manon_ zu sprechen und das Gespräch auf dich lenken.

Er ging, und ich erwartete mit Unruhe seine Zurückkunft. Kaum war er

wieder ins Zimmer getreten, so ging ich hastig auf ihn zu. Welche

Nachrichten bringst du mir? Hast du mir gute zu bringen? Nein, sagte

er lächelnd; aber ich soll dich schelten in _Manons_ Namen, die sehr

unschuldig an jenem Briefe ist, den du an sie gerichtet glaubst. Man

liebt dich immer und ist auch deiner Liebe gewiß. Man hält dich nur für

einen Thoren und unhöflichen Menschen, aber man läßt dir Gerechtigkeit

widerfahren, und ist bereit dir die Hand zu geben. Hier ist das

Bild der Braut wieder zurück, und auch der schöne Brief, den du ihr

schriebst. Du sollst den ganzen Irrthum erfahren, so bald du sie sehen

wirst.

Nun, nachdem ich das wußte, was meinem Herzen am nächsten lag, so

erzählte er mir den Inhalt und die Wendung seines Gesprächs.

Bei seinem Eintritt ins Zimmer war _Manon_ sehr erfreut ihn wieder zu

sehen, denn er war lange abwesend gewesen. Er sagte ihr, da er sich

als ein Fremdling wieder in seinem Vaterlande fände; so wäre er sehr

glücklich gewesen, Herrn _d'Autun_ zu begegnen, der ihn sehr gütig

aufgenommen habe, und ihm dadurch gezeigt hätte, daß er noch die alte

Freundschaft für ihn habe. Es ist, setzte er hinzu, ein rechtschaffener

Mann, dem ich gern dienen möchte. Sie können es, sagte _Manon_, wenn

Sie ihm seine Vernunft wiedergeben, die er seit acht Monaten verloren

hat. -- Mir schien er ganz vernünftig, erwiederte mein Freund. -- Und

doch ist er von Sinnen, sagte sie; Sie werden mir Recht geben, wenn

Sie hören, welcher Thorheiten er sich gegen mich schuldig machte. --

Ich weiß, sagte mein Freund, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen

ist. -- Hat er Ihnen die schönen Träumereyen erzählt, die er sich in

den Kopf gesetzt hat? fragte _Manon_. Anfangs hatte ich Mitleid mit

ihm, fuhr sie fort. Ich that mein möglichstes ihm die Wahrheit zu

enthüllen, und ließ mich's nicht verdrießen, mehrere Mahl zu ihm zu

gehen, ob er gleich so unhöflich war, mich an seiner Thür abzuweisen.

Dieses Betragen hat der Welt ein großes Ärgerniß gegeben, man sprach

viel davon, aber es hat mich doch nicht abschrecken können. Ich

schrieb ihm einen Brief nach dem andern, aber auch diese schickte er

mir unerbrochen zurück. Ja, er treibt es noch weiter, er sucht mich

zu beleidigen, wo er mir begegnet, und ist weit entfernt nur die

gemeinste Höflichkeit zu zeigen, die sein Geschlecht dem meinigen

schuldig ist; und dieß alles um eines Briefes willen, dessen Inhalt ich

ihm hundertmahl habe erklären wollen, ohne daß er mich hören wollte.

Sagen Sie selbst, fügte sie noch hinzu, ist es nicht zum Erstaunen, daß

ein Mann, der thörigt genug ist, nach Dauphiné zu reisen, um sich mit

einem Nebenbuhler zu schlagen, es abschlagen kann nur einen Schritt

der Aussöhnung gegen ein Mädchen zu thun, das er liebt? Denn wie sehr

er sich auch überreden mag, daß er mich hasse, so betrügt sich doch

der arme Freund. Ich kenne ihn zu gut, um an eine Veränderung seiner

Gesinnung zu glauben. Ich für meinen Theil verberge meine Neigung

nicht, obgleich ich sehr große Ursache hätte, sie zu unterdrücken. Ich

wollte seine Eifersucht wecken, um eine Erklärung herbei zu führen,

aber ich verlohr meine Zeit fruchtlos. Nur von mir hing es ab mich zu

verheirathen, und auf eine vortheilhafte Art; aber ich kann nur an ihn

denken, und sterbe unverheirathet, wenn ich ihm meine Hand nicht geben

kann. Ich sehe ihn nicht allein als meinen Verlobten an, weil es meines

Vaters letzter Wille war, sondern weil ich ihn liebe. Lange habe ich

seine Veränderung beweint, oder vielmehr seine Halsstarrigkeit; ich

habe noch keinen Trost finden können! Aber es muß aufhören. Sie sind

sein Freund, haben Sie Mitleid mit unserm Zustand. Ich bin es müde,

mich unnützer Weise so zu quälen. Erzeigen Sie uns diese Gefälligkeit,

ihn nur zu fragen, wann er meine Rechtfertigung hören will; es wird

bald geschehen seyn; ich brauche nur zu wiederholen, was ich ihm schon

oft geschrieben habe. --

Aber wenn Sie sich nicht versöhnen, wie dann? fragte mein Freund. -- So

werde ich Ihnen danken, daß Sie in mir den Entschluß befestigt haben,

ins Kloster zu gehen, ehe noch diese Woche zu Ende ist. Aber ich hoffe

wir knüpfen wieder an, denn ich bin sicher, daß er mich liebt wie

ehemals; und Sie sollen sehen, in welchem hohen Grade ich ihn liebe, da

sogar dieser Brief nicht meine Liebe vermindern konnte.

Sie gab ihm den Brief, den ich damals in der Wuth schrieb, und dessen

Inhalt mir jetzt selbst fremd war, da ich ihn mit einer mehr ruhigen

Besinnung durchlas.

Die Bekanntschaft auf der Reise · 第 10 / 11 段