Wir stiegen zusammen in die Kutsche, die sie hergeführt hatte, es

war ein Fiacre, sie hatte mit Fleiß weder den Wagen ihres Vaters,

noch den meinigen angenommen. Wir kamen in der Meinung an, ihn beide

zu sprechen, und plötzlich Ja oder Nein von ihm zu hören; aber wir

hatten mit einem Manne zu thun, der sich nicht, wie wir glaubten, zu

beherrschen wußte. Die Wärme, mit der ich zu ihm am Morgen sprach,

und die heftigen Äusserungen meiner Liebe, die aus meinen Worten

hervorleuchteten, hatten ihn überrascht und eine vorübergehende

Empfindung des Mitleidens bei ihm erregt, deren sich selbst die

bösen Geister nicht erwehren können. Er hatte mich angenommen und

bereute es in dem nächsten Augenblick schon wieder, denn er wollte

seine Tochter niemals verheirathen. Er suchte also Mittel auf, das

Versprechen aufzuheben, das er eingegangen war, sie mir zu geben,

wenn sie es wollte; aber doch wollte er auch nicht, daß ich seine

Tochter zuerst unsers Bruchs beschuldigen sollte; denn er sah mich

doch als ihren künftigen Gemahl an, ob er es gleich nicht bei seinem

Leben erlauben wollte. Sein Wille war nicht, mich wegzustoßen, sondern

nur wegzuschieben. Aus dieser Absicht war er wirklich während meiner

Abwesenheit in Traktaten mit _Melville_, dem Vater, getreten, ob er

gleich in der That seiner Tochter niemals einem Mann von so geringen

Verdiensten geben wollte, und der so wenig in guten Umständen war. Da

er nicht zweifelte, daß ich ihn bald nöthigen würde, zum Entschluß zu

kommen, da ich seine Tochter in seiner Gegenwart zu einer Erklärung

gegen mich treiben würde, so beschloß er, uns zuvor zu kommen.

Er wußte unsre Zusammenkunft, und kaum war seine Tochter aus dem Hause,

so schickte er zu dem alten _Melville_, einer dringenden Angelegenheit

wegen, ihn einzuladen. Der Sohn, der eben dem Fräulein einen Besuch

abstatten wollte, fand sich zu gleicher Zeit mit seinem Vater zufällig

an der Thür. Sobald _Ribaupierre_ sie ankommen sah, beschloß er, sie

eben so gut zum Besten zu haben, wie mich und seine Tochter. Nach den

ersten Höflichkeitsbezeugungen sagte er dem alten _Melville_, daß er

über das nachgedacht, was sie zusammen über die Heirath ihrer Kinder

ausgedacht hätten; da er sich alt und gebrechlich fühle, so hätte er

beschlossen, die Sache so bald als möglich zu beendigen. Der junge

_Melville_ konnte, wie wir nachher vernahmen, diese Rede nicht ohne

Kitzel hören, er ließ seinem Vater nicht einmal Zeit zur Antwort,

sondern sprach zuerst, und so wenig man seinen Verstand aus den Reden

erkennen konnte, so viel Liebe sah man doch darin für das Fräulein.

Er schlang sich um den Hals seines neuen Schwiegervaters, und sagte

ihm, daß es neues unerwartetes Glück für ihn sey, aber daß er es mit

dem besten Herzen annähme. Der Vater, der mäßiger in seinen Ausdrücken

war, dankte dem alten _Ribaupierre_ eben mit solchem Vertrauen, als

wenn er wirklich gute Absichten gehabt hätte, und da seine Anträge

ihm sehr vortheilhaft waren, so nahm er sie auf der Stelle an. Man

sprach schon von den Artikeln des Ehecontracts. _Melville_ beraubte

sich zur Gunst seines Sohnes seiner Bedienung und trat sie ihm ab.

Sie bewilligten alle Forderungen, die ihnen _Ribaupierre_ machte, und

die Sache wurde mit solchem Ernst betrieben, daß sie als geschehen

angesehen werden mußte, und wo auch _Ribaupierre_ selbst sich nicht

mehr hätte zurückziehen können, wenn seine Tochter eingewilligt hätte;

aber er wußte sehr wohl, daß sie dieses nicht thun würde, und alles

geschah nur in der Absicht, um ihr selbst einen solchen Streich zu

spielen, daß sie genöthigt werden sollte, sich dem zu widersetzen, was

er wünschte, da er ihr immer betheuert hatte, keine Gewalt zu brauchen.

Er bereitete sich also, ohne irgend Gefahr zu laufen, eine Komödie, die

unnachahmlich war, weil die Spieler so natürlich ihre Rollen spielen

mußten, und sie so wenig eingelernt hatten, als falschen Schmuck

kannten.

Wir kamen eben dazu, als sie noch bei der Aufsetzung der Artikel von

dieser vorgeblichen Heirath beschäftigt waren. _Melville's_ Anblick,

den ich nicht kannte, brachte mich für einen Augenblick zum Schweigen,

doch blieben sie mir beide nicht lange fremd; _Melville's_ Anrede

an das Fräulein unterrichtete mich bald von ihren Absichten. »Mein

Fräulein,« sagte er zu ihr, »wollen Sie mir erlauben, Ihnen meine

Freude über das Glück zu zeigen, dessen mich Ihr Vater versichert hat,

da er mir Ihre Hand giebt? Ich glaube Sie zu gehorsam, um von Ihnen

Widerspruch zu erwarten.« In einem solchen beleidigenden Ton hätte er

noch lange fortgeredet, wenn ich ihn nicht unterbrochen hätte. »Sie

sagen, Herr _von Ribaupierre_ giebt Ihnen sein Wort auf die Hand seiner

Tochter?« »Ja, mein Herr,« war seine Antwort. »Nun dann,« erwiederte

ich, »Herr _von Ribaupierre_ versprach mir es noch diesen Morgen, es

auf seiner Tochter Entscheidung ankommen zu lassen. Ich habe eben so

gut Ansprüche auf sie und eben so gegründete, und doch überlasse ich

es ihrer Wahl, und Sie, mein Herr, da Sie sie zu gehorsam glauben,

als daß Sie Widerspruch von ihr befürchten, sind gewiß zu klug und

edelgebohren, und selbst zu rechtschaffen, um ihr Zwang anzuthun, und

sich nicht dem zu unterwerfen, was ihre Meinung entscheiden wird.

Sprechen Sie nun selbst, mein Fräulein,« redete ich sie an, »diese

Gelegenheit ist zu schön und zu günstig.« Sie erröthete, aber sie blieb

keinen Augenblick unschlüssig. Sie fiel ihrem Vater zu Füßen, ohne

_Melvilles_ anzusehn, und ich hörte von ihr alles, was ein kluges,

frommes, rechtschaffenes und geistvolles Mädchen sagen kann; von dem

Ausdruck der heftigsten Leidenschaft begleitet, hatte sie ihren Worten

noch mehr Gewicht gegeben. Sie endigte damit, daß sie ihrem Vater die

Versicherung gab, daß sie niemals etwas thun würde, was der Tugend

zuwider und was sein Misfallen erwecken könnte; aber sie bat ihn sehr,

daß er sie nicht zwingen möchte, indem er ihre Hand ohne ihre Neigung

vergeben wollte.

Auch ich faßte meinen Entschluß, und ob ich gleich die Betrügerei

ahndete, so unterließ ich nicht, so gut zu meinem Vortheil zu sprechen,

daß selbst der alte _Melville_, der ein sehr rechtschaffener Mann war,

sich zu unserm Beschützer aufwarf. Er sagte dem alten _Ribaupierre_,

wenn ihm die Gesinnungen seiner Tochter und die meinigen bekannt

gewesen wären, so würde er niemahls an diese Verbindung gedacht haben.

Man könnte nichts besseres thun, als zwei Menschen zu verbinden, deren

Herzen schon so fest an einander gekettet wären; dies sei der Rath, den

er ihm als rechtschaffener Mann gäbe, und um dessen Befolgung er ihn

als Freund bäte.

_Ribaupierre_, der eine solche Bitte nicht erwartet hatte, war einen

Augenblick darüber verlegen. Aber da er schon längst seinen Entschluß

gefaßt hatte, so sagte er ohne Umschweife, daß seine Tochter ein

unverschämtes Mädchen wäre, in einem solchem Tone in Gegenwart so

vieler Menschen zu sprechen; sie verletzte die ihm schuldige Ehrfurcht,

und die Zurückhaltung, die sie sich selbst schuldig sey, so daß er

nichts besseres thun können, um sie zu bestrafen, als sie zu lassen,

wer sie wäre. Er würde ihr niemals Zwang auflegen, weil er es ihr

versprochen, aber er würde auch seine Einwilligung nicht geben, weil

sie es wünschte. »Aber Sie versprachen mir ja, sie mir zu geben, wenn

sie darein willigen würde, und nun fordere ich Sie selbst auf, mir Wort

zu halten,« sagte ich. »Das sind Kleinigkeiten,« war seine Antwort.

»Sie hielten mir damahls den Degen in die Seite, und ich vergaß es, daß

ich _Manon_ schon an Herrn _von Melville_ versagt hatte.« -- »Ich gebe

Ihnen Ihr Wort zurück,« sagte dieser, »das soll Sie nicht abhalten, mit

diesem Herrn in Verbindung zu treten.« »So wird es auch nichts,« sagte

_Ribaupierre_ erzürnt, und drehte sich nach der entgegengesetzten Seite

seines Bettes um, und machte es uns in der That unmöglich, noch eine

Antwort herauszubringen.

Der alte _Melville_ wußte nicht, was er davon denken sollte, der Sohn

wollte verzweifeln, seine Hoffnungen verschwinden zu sehn; das Fräulein

verließ uns mit Thränen in den Augen, aber ich konnte nicht länger

schweigen, da ich die ganze Betrügerei entdeckt hatte. »Sie wissen,

mein Herr,« sagte ich, »daß ich schon längst an Ihre Tochter gedacht

habe, Sie wissen auch, daß ich ihr nicht gleichgültig bin; Sie lassen

Herrn _von Melville_ zwischen uns treten und geben ihm den Vorzug. Ich

habe nicht die Ehre ihn zu kennen, aber meine Eigenliebe schmeichelt

mir genugsam, um zu meiner Gunst jeden Unterschied aufzusuchen, der

sich zwischen uns finden mag; ich glaube, daß dieser Herr mir sie nicht

streitig machen könnte, wenn ich ganz von ihm gekannt wäre; ich möchte

wenigstens mich um seinetwillen in nichts verändern, auf welche Art

es auch seyn möchte. Es wird mir schwer, mich auf eine solche Art zu

erklären, aber die Ungerechtigkeit, die Sie an mir begehen, zwingt mich

dazu. Wie es auch sey, mein Herr, was Sie bewegen kann, so zu handeln,

so werde ich dem Beispiel Ihrer Tochter folgen, ich werde schweigen,

weil ich fürchten muß, daß die Leidenschaft, die in mir erweckt ist,

mich die Grenzen der Ehrfurcht überschreiten lassen möchte, die ich dem

Vater eines Mädchens schuldig bin, das ich liebe, ja ich möchte sagen,

das ich bis zur Raserey liebe.« Ich verließ das Zimmer in der That und

suchte sie auf. Sie weinte, und ich bedurfte des Trostes, aber ihr

Schmerz rührte mich stärker, als der meinige. Wir sagten uns, was uns

in den Mund kam, aber wir beschlossen nichts, als uns ewig zu lieben,

was auch der harte Vater ersinnen möchte, uns zu trennen. Sie ließ mir

eine zärtliche Furcht in ihrem Herzen lesen, daß ich doch abgeschreckt

werden könnte, aber ich versicherte sie vom Gegentheil, und gelobte ihr

ewige Liebe und Treue.

Die beiden _Melvilles_ verließen das Haus. Ich fürchtete, einem Zwist

nicht ausweichen zu können, aber ich betrog mich. Der Vater war

rechtschaffen, er sagte mir, die Art, wie ich die Sache genommen,

habe ihn nicht beleidigt, auch nicht die Verachtung, mit der ich von

seinem Sohn in seiner Gegenwart gesprochen hätte; er schrieb alles auf

Rechnung meiner Leidenschaft, und sagte: es wäre unvernünftig, auf

Vernunft in der Verzweiflung der Liebe zu rechnen. Diese Äußerungen

mußten mich Entschuldigungen auffinden lassen, und das Fräulein that

noch einen nachdrücklichen Schritt; denn nachdem sie sich über die

Nothwendigkeit ihrer festen Erklärung entschuldigt hatte, so setzte

sie hinzu, indem sie ihr Gespräch an den Sohn richtete: »Sie wissen

sehr wohl, mein Herr, daß man nicht Herr seines Herzens ist; hätte ich

Sie früher als Herrn _von Autun_ gekannt, Ihre Verdienste würden mein

Herz gerührt haben; aber Sie erschienen mir, da mein Herz schon von

einem andern Gegenstand erfüllt war. Ich könnte Ihnen nichts geben, als

meine Achtung; Sie sind zu rechtschaffen, um es übel aufzunehmen, was

ich Ihnen sage, auch verzeihen Sie mir die Bitte, die ich im Beiseyn

Ihres Vaters an Sie thue, nie mehr einen Anlaß zu irgend einer Art von

Aufsehen zu geben.« »Ich verstehe Sie wohl,« sagte der Vater, »Sie

haben mein Ehrenwort, daß er Sie niemals wieder belästigen soll. Und

ich befehle ihm, in diesem Augenblick von Ihnen auf ewig Abschied zu

nehmen. Niemals,« fuhr er fort, und wendete sich zum Sohn, »muß ein

rechtschaffener Mann irgendwo überflüßig scheinen. Du spieltest hier

eine schlechte Rolle, setze dich niemals wieder dieser Gefahr aus, und

versprich es dem Fräulein in meinem Beiseyn, sie niemals wieder zu

besuchen. Da deine Liebe nicht gut aufgenommen wurde, so sey wenigstens

dein Gehorsam gegen sie in ihren Augen ein Verdienst.« Wir schieden

nach vielen wechselseitigen Höflichkeitsbezeigungen von einander.

So war ich von meinem Nebenbuhler befreit, ohne deswegen glücklicher

zu seyn! Jeder Versuch war uns abgeschnitten; und wir hofften nur von

der Zeit allein noch eine günstige Wendung. _Manons_ Vater sprach mit

seiner Tochter kein Wort mehr, weder von _Melville_, noch von mir;

es war, als hätten wir nie gelebt. Er machte weder ihr noch mir ein

finsteres Gesicht; ich ging beständig zu ihm. Er beobachtete aber so

ein tiefes Stillschweigen über alles, was uns anging, daß wir uns in

der größten Verlegenheit befanden. Wir hatten indeß nichts mehr von

ihm zu befürchten; er hatte uns ermüdet und zurückgestoßen, und mehr

verlangte er nicht.

Er hatte sein Versprechen erfüllt, er wollte unsere Verbindung

aufheben, ohne daß seine Tochter mir den kleinsten Anlaß zur

Unzufriedenheit geben sollte. Er sah mich als den Mann an, den er ihr

bestimmte, aber ich wußte nicht, daß er mich wirklich liebte; und doch

war es so; denn er bewieß es mir einige Monate nachher, auf eine sehr

großmüthige Weise.

Ich hatte längst eine Stelle zu kaufen gesucht, jetzt fand sich eine

erledigt; aber die Rede war nun von der Bezahlung. Ich hatte ohngefähr

zwey Drittheile von dem nöthigen Gelde; aber ich hatte mich verbindlich

gemacht die ganze Summe auf einen einzigen Termin zu bezahlen. Zu

meinem Unglück starb in dieser Zeit der Banquier, der mehr als zwanzig

tausend Thaler von mir hatte; und da die Sachen so standen, daß

man außer Stande war, mir sogleich die ganze Summe auszuzahlen, so

hielt ich mein Geld für verlohren, oder wenigstens sehr dem Zufall

überlassen. Ich suchte Geld aufzutreiben, wo ich nur konnte, aber mein

Credit war nicht groß genug, um eine so große Summe aufzubringen,

zumahl zu einer Zeit, wo die Banquerotte so häufig waren. Ich weiß

nicht, durch welchen Zufall _Ribaupierre_ es erfuhr; denn seine Tochter

wußte nichts von mir, und es wurde ihr erst bekannt, da sie ihr Vater

zu mir schickte. Er borgte Geld, wo er nur welches bekommen konnte,

selbst einen Theil seines Silberzeugs setzte er zum Pfande, und als ich

mir es am wenigsten vermuthen konnte, so sah ich _Manon_ in mein Zimmer

treten. Sie brachte mir zwölf tausend Thaler, und sagte, ihr Vater habe

erfahren, das ich Geld bedürfe, und hätte ihr aufgetragen, von mir zu

erfahren, wenn es nicht hinreiche, er bürge für mich, und würde alle

Kräfte aufbieten, mir das nöthige zu verschaffen. Es war mehr als ich

zu meinem Vorrath noch bedurfte. Sie sagte, sie hätte befürchtet, der

Vater würde ihr einen neuen Streich spielen, da sie gesehen, daß er auf

einmal alles Silber verkauft hätte. Aber jetzt wäre ihre Freude desto

größer, da sie seine Absichten entdecke.

Diese Großmuth von seiner Seite erweckte in meinem Herzen eine tiefe

Rührung, da ich zumal in einer Lage war, wo mir baares Geld so

unentbehrlich war. Er sandte mir die Summe am Morgen des nämlichen

Tages, an welchem ich die Zahlung leisten sollte. Meine erste Sorge

war, ihm zu danken. Ich zeigte ihm ganz, wie groß meine Dankbarkeit

sey, und sagte ihm offenherzig, aus welcher Verlegenheit er mich

gerissen habe. Er unterbrach mich in meinen Danksagungen, und ohne die

Art und Weise zu ändern, mit der er mich sonst behandelte, sagte er

mir ganz trocken: »ich solle nun gehen, meine Geschäfte zu beendigen.

Man lerne seine Freunde in der Noth vorzüglich kennen, und er wäre der

meinige mehr als ich dächte, ob er gleich überzeugt wäre, daß ich ihn

im Herzen oft verwünscht hätte. Kommen Sie zum Abendessen wieder,«

sagte er noch. Da ich sahe, daß er ohne Zwang mit mir umging, so

behandelte ich ihn auf eine ähnliche Weise. Ich ging meinen Geschäften

nach, und endigte sie nach Wunsche.

Ich brachte den Abend in _Ribaupierre's_ Hause zu, und wollte noch

immer in meinen Danksagungen fortfahren, aber er unterbrach mich. »Ey

zum Henker,« rief er, »weil Sie so oft wieder dasselbe Lied beginnen,

so muß ich auch reden. Ist's nicht wahr, daß wenn ich Ihnen meine

Tochter nebst meinem Vermögen gegeben hätte, so hätte ich Ihnen keinen

Dienst geleistet, weil ich es hernach nicht mehr hätte thun können,

oder Sie hätten es wohl nicht nöthig gehabt? Und hätten Sie meine

Tochter ohne Vermögen erhalten, wie Sie sie verlangten, so würden Sie

glauben, es sey Ihr eigenes Gut, was ich Ihnen gegeben, und nicht

das meinige? Und ist es nicht auch noch wahr, daß Sie mir jetzt mehr

Verbindlichkeit haben, als wenn Sie mein Schwiegersohn wären? Ist es

nicht so, daß Sie mehr Dankbarkeit empfinden, und mit einem Wort mehr

gerührt sind.« Ich gestand es ihm zu. »Nun das ist's eben, was ich

meine, lieber Freund,« erwiederte er, indem er mich treuherzig auf die

Schultern klopfte. »Sey immer Herr des Deinigen, und überlaß Deinen

Kindern, wenn Du welche hast, Dir den Hof zu machen, ohne sie und Dich

selbst je in den Fall zu setzen, daß Du _ihnen_ den Hof machst. Es ist

sehr angenehm, sein eigner Herr zu seyn, Du wirst auch einst Kinder

haben, handle auch mit ihnen, wie ich mit Dir handelte, so wirst Du

immer gefürchtet und geehrt seyn.«

So viel ich auch gegen seine Moral einzuwenden hatte, so mußte ich sie

doch sehr vernünftig finden, und wenn alle Eltern mit ihren Kindern

so handelten, so würden die Kinder mehr Achtung und Ehrerbietung vor

ihnen haben. Denn er sagte sehr wahr, daß die Kinder immer ihre Eltern

wiederfänden; aber die Väter und Mütter nicht immer ihre Kinder; und

dann sey es auch beschämend von denen abzuhängen, die uns das Leben

verdanken; aber im Gegentheil wäre es sehr natürlich und ein heiliges

Gesetz, daß wir von denen abhängen, die wir als die Urheber unsers

Daseyns verehren.

Ich mußte den Mann bewundern, der mir willig sein Vermögen anvertraute,

und mir doch seine Tochter versagte, weil er den festen Entschluß

hatte, sich nicht zu entblößen: denn im Grunde liebte er mich, und mit

einem solchen Zutrauen, daß nie davon die Rede war, daß ich ihm eine

schriftliche Sicherheit geben sollte. Denn als ich ihm einen Theil des

überflüssigen Geldes zurück gab, und für das übrige eine schriftliche

Versicherung brachte, so nahm er jenes zwar wieder; fragte mich aber

dabei, ob ich dächte früher als er zu sterben, und setzte hinzu, daß

Leute von Ehre einer solchen Vorsicht nicht bedürften, die ihren

Ursprung immer dem Mißtrauen zu danken habe.

Indem diese Gelegenheit mir bewieß, welchen Antheil er an meinem Glücke

nahm, erfolgte noch ein Vorfall, der mir seinen Antheil an meiner

Person zeigte.

In dem Hause, wo ich wohnte, fand sich ein schönes junges Mädchen, und

da ich keine eigene Haushaltung hatte, so aß ich bei der Dame meines

Hauses. Man sagte das Mädchen sei von einer guten Familie, auch hatte

sie wirklich sehr gute Sitten, und nicht gemeinen Anstand. Sie hatte

oft Verrichtungen in meinen Zimmern, und machte sich noch öfter darin

zu thun, als nöthig war. Ich war jung, die Leidenschaft für _Manon_

hatte meine Sinne aufgeregt, das Mädchen war leichtfertig, und froher

Laune, wir kamen weiter als es die Sittsamkeit erlaubte, und sie

spürte die Folgen unsers Verständnisses, das eine lange Zeit, ohne

Aufsehen zu machen, fortdauerte. Man hatte keinen Verdacht auf mich,

aber endlich wurde es doch entdeckt. _Ribaupierre_, der weitläuftige

Verbindung hatte, und überall Freunde, war auch davon unterrichtet,

als das Mädchen ihrer Niederkunft nahe war, und wußte, daß sie mir

einen Rechtshandel auf den Hals bringen würde, da sie mich schon bei

den Gerichten verklagt hatte. Wirklich war schon der Verhaftsbefehl

ausgefertigt. _Ribaupierre_ erzählte mir, daß ihm alles bekannt sei,

und stürzte mich durch dieses Geständniß in die größte Verlegenheit,

in die ich je in meinem Leben gekommen bin. Zwar wollte er mit mir

nicht in Gegenwart seiner Tochter darüber sprechen, aber sie behorchte

uns. »Es ist nur eine Kleinigkeit,« sagte er, nachdem er seine Rede

geendigt hatte, »aber sie könnte Ihnen doch durch ihre Folgen Kummer

machen, wenn Sie verhaftet würden, und es würde noch dazu schlimmen

Eindruck machen, da Sie im Begriff sind, eine Stelle zu erhalten,

zu der man einen Mann von makellosem Rufe verlangt. Bleiben Sie bey

mir, hier wird man Sie nicht suchen, und man wird Zeit gewinnen, die

Sachen auf einem guten Wege einzuleiten; doch ist's immer gut, zu

wissen, ob Sie nicht in Ihren Versprechungen zu weit gegangen sind,

da Sie das Mädchen zuerst zu einem solchen Umgang beredeten, oder ob

Sir ihr Geschenke gemacht haben?« »Ich versprach nichts,« war meine

Antwort, »aber dreißig Louisd'ors gab ich ihr.« Lachend sagte er:

»Hier ist eine Todsünde theuer genug bezahlt! Gaben Sie ihr seit der

Zeit nichts mehr?« »Nein, denn sie wollte nichts mehr annehmen, ob ich

es ihr gleich verschiedene male angeboten habe.« »So hatte sie ihre

Absichten,« war seine Antwort, »aber mag es seyn, daß beim erstenmal

das Interesse sie zu einem solchen Schritt brachte, das Vergnügen

leitete sie in der Folge, und zu Ihrem Nachtheil. Aber lassen Sie mich

machen, wir werden uns gut herauszuziehen suchen, bleiben Sie hier,

und erwarten mich.« Er ließ eine Sänfte holen, und ohngeachtet seine

Tochter und ich ihn baten nicht auszugehen, denn er hatte seit sechs

Monaten das Zimmer nicht verlassen, weil er die Erlaubniß hatte, in

seinem Hause Messe zu hören, so hörte er auf unsere Bitten nicht und

verließ das Haus.

Es ist mir noch jetzt unbegreiflich, daß er in einem Zeitraum von

zwey Stunden wieder zu Hause war, und zwar mit einem Dokument in

Händen. »Sehen Sie,« sagte er und zeigte mir's, ~emplastrum contra

contusionem~; »nun kann Ihre Schöne Sie nicht mehr festhalten, und

Sie können sie in ihrer Wohnung einziehen lassen. Aber ich hoffe, Sie

sind kein solcher Bösewicht, um das arme Geschöpf ins Gefängniß zu

schicken, die Furcht müssen Sie ihr indeß einflößen, da es in Ihrer

Gewalt ist. Alle Gerichtsdiener wissen, daß Sie einen Verhaftsbefehl

gegen sie in Händen haben, sie wird es bald selbst erfahren. Lassen

Sie sie kommen, sie wird mit sich reden lassen, und wir werden sie

bringen können, wozu wir nur Lust haben.« Er ließ in der That einen

Unteroffizier holen, von dem er wußte, daß er ein Freund des Mädchens

war. Er gab den Verhaftsbefehl in seine Hände, aber kein Geld, um nicht

das Ansehn zu haben, als wolle er ihn bestechen; er versprach ihm nur

nach Beendigung seines Geschäfts eine Belohnung. Der Sergeant that was

er erwartet hatte. Er gab dem Mädchen Nachricht, sie sah sich in großer

Verlegenheit, denn sie fühlte wohl, daß man ihr unangenehme Händel zu

ziehen könnte, wenn sie darauf bestehen wollte, mich ohne meinen Willen

zu heirathen, indem sie es zugleich gegen den Willen von Leuten thun

wollte, die unendlich reicher und mächtiger waren, als sie. Nun wurde

mit ihr von einem Vergleich gesprochen, und _Ribaupierre_ betrieb die

Sache mit einem solchen Feuer, daß alles innerhalb zwey Tage abgethan

war. Es ist wohl wahr, daß es mir einiges Geld kostete, und daß ich

versprechen mußte, mich des Kindes anzunehmen, aber das starb bald nach

der Geburt. _Ribaupierre_ und seine Tochter thaten noch mehr zu ihrer

eigenen Beruhigung; sie verheiratheten das Mädchen.

Diese Geschichte aber hatte doch zwischen _Manon_ und mir Zwist

erregt, sie behauptete, daß ich die Treue gegen sie verletzt habe, und

wurde nicht eher ganz beruhigt, bis das Mädchen mit ihrem Mann Paris

verlassen hatte. _Ribaupierre_ lachte darüber. Er war keinesweges

zum Vortheil des andern Geschlechts gestimmt; und pflegte sich bei

solchen Unterhaltungen eben nicht zu mäßigen, noch seine Worte in

seiner Tochter Gegenwart genau abzuwägen. »Es ist ein schrecklicher

Zustand,« sagte er, »wenn die Mädchen sich von der Sinnlichkeit

hinreißen lassen, zumal in ihrer Jugend. Aber die Beyspiele so vieler

Unglücklichen dienen ihnen nicht zu Warnung, ob sie sie gleich täglich

vor Augen haben, im Gegentheil, je mehr Unglückliche es giebt, die

sich ihren Begierden überlassen, desto mehr Nachahmerinnen finden sie.

Ich stelle mir vor,« setzte er hinzu, »sie sagen zu sich selbst, diese

und jene haben ihre gute Ehre verlohren, und ihren guten Ruf, aber

sie hatten nicht Verstand genug, ihr Geheimniß zu verwahren, wie so

manche andere, deren man gar nicht erwähnt. Auch selbst Weiber gaben

uns Beispiele, daß man nicht nöthig habe, den Männern die Treue zu

halten, und ungeachtet sie die größten Gefahren bei ihrer Niederkunft

ausstehen, so vergessen Sie leicht die vorhergegangenen Schmerzen, und

folgen den Trieben ihrer Sinnlichkeit. Die Neugierde ist der erste

Schritt zur Ausschweifung, das Nachdenken erweckt die Sinne; endlich

unterliegt man aus Schwachheit, und nun ist der erste Schritt gethan,

der unwiederbringlich weiter fortreißt.« _Ribaupierre_ sprach in diesem

Ton fort, der seiner Feinheit keine Ehre machte, aber doch seiner guten

Laune; es war unmöglich ihn über diese Gegenstände mit Ernsthaftigkeit

anzuhören. Selbst seine Stimme änderte sich, er hatte einen gewissen

schreienden Ton, der das Gespräch noch belustigender machte. Seine

Tochter verließ das Zimmer, so oft sie merkte, daß er in einen solchen

Ton fallen wollte, aber er besaß das Geheimniß, sie zum Bleiben zu

zwingen, denn er pflanzte sie an eine Ecke des Tisches, wo sie nicht

herauskonnte. Sie mußte sich endlich gewöhnen ihn anzuhören, erst

antwortete sie ihm sogar, und vertheidigte ihr Geschlecht, so gut sie

konnte, ohne ihn jedoch in seiner Meinung irre zu machen.

Die Bekanntschaft auf der Reise · 第 9 / 11 段