Ihres theuren Liebhabers sende ich Ihnen zurück, dem ich selbst die
Antwort bringen werde über das was mich darin angeht. Sie haben ihm
ohne Zweifel gesagt, daß ich ein Feiger sei, weil er mein Verderben
beschließt, ohne mich zu kennen. Ich muß diesen neuen Mars sehen. Mein
Leben bringe ich ihm, oder nehme das seinige. Ich will Sie nicht von
ihm trennen, Sie verdienen es nicht; ich würde mich betrüben, einen
solchen Schritt um einer Treulosen willen gethan zu haben. Er soll
sehen, daß Sie nicht die Wahrheit sagten, wenn Sie ihm sagen konnten,
daß ich keinen Muth hätte. Ich habe doch so viel, um mich an Ihnen zu
rächen, und Sie zu verachten als ein unwürdiges Wesen. Sie verdienen
weder Mitleid noch Haß. Leben Sie wohl. Ihr Schicksal wird mich rächen.
Alles was ich von Ihnen erhielt, schicke ich zurück. Ihre Briefe habe
ich verbrannt. Ihre Gunstbezeugungen sind mir nicht mehr werth, als die
der leichtsinnigsten Ihres Geschlecht.«
Sie sehen daraus, sagte Manon zu meinem Freunde, nachdem er den Brief
gelesen hatte, daß Ihr Freund zu leicht Verdacht geschöpft hat, und
Sie sehen wohl auch, daß ich ihn billig nicht wieder aufsuchen sollte;
aber ich liebe ihn zu sehr, um nicht Mitleiden mit dem Kummer zu haben,
den er sich selbst bereitet. Ich vertraue Ihnen den Brief an, lassen
Sie ihn Ihren Freund noch einmahl lesen. Ich sah ihn längst als meinen
Gemahl an, und nur in dieser Rücksicht kann ich ihm seine üble Laune
vergeben. Aber wenn er noch einmahl meine Güte mißbrauchen könnte, so
versichern Sie ihm, daß es das letzte Mahl seyn wird.
Aber erlauben Sie mir zu bemerken, sagte mein Freund zum Fräulein
_Ribaupierre_, der Brief, den _d'Autun_ öffnete, war an Sie gerichtet,
er stimmte mit Ihren Begebenheiten zusammen; er war von einem
begünstigten Liebhaber, und ich sehe nicht ein, warum _Autun_ nicht
sollte Feuer gefangen haben. -- Es ist wahr, daß der Brief _an mich_
gerichtet war, aber es ist nicht wahr, daß er _für mich_ war. Ich werde
ihm, sobald er es verlangt, den Mann zeigen, der ihn schrieb, und
das Frauenzimmer, dem er galt. Sie sind jetzt verheirathet, und ich
bin nicht länger verpflichtet ihr Geheimniß auf Unkosten meiner Ruhe
zu bewahren; sie sind in Paris, und in ihrer Gegenwart will ich mich
erklären. Mein Freund wird ihm gern seine Handschrift zeigen, und er
wird zugleich erfahren, warum die Briefe an mich gerichtet wurden. Ich
hoffe, er wird kommen und meine Rechtfertigung hören, und wir werden
als Freunde auseinander gehen.
Aber was soll ich ihm sagen, wenn er nicht kommen will? fragte der
Freund lächelnd. -- Daß ein Platz im Irrenhaus seiner wartet, sagte
_Manon_ gleichfalls lächelnd; und um ihm zu bezeugen, daß Sie auf
meinen Befehl sprechen, so bringen Sie ihm seinen schönen Brief mit
meinem Bilde zum Pfande. Geben Sie es ihm zurück, und sagen ihm, daß er
ein Thor war, mir es zurück zu schicken. Ich bewahre das seinige stets,
und werde es behalten, so lange ich lebe.
Ich sehe wohl, sagte mein Freund, daß Ihre Aussöhnung leicht gemacht
seyn wird; wenn Sie ihn lieben, so schwöre ich Ihnen zu, daß er Sie
nicht weniger liebt, und daß nur ein verliebter Groll ihn zurück hält.
Gestehen Sie offenherzig, sagte _Manon_, daß er ein Schwärmer ist, und
sich jetzt bittere Vorwürfe macht, die Mittel verschmäht zu haben, die
ich ihm darbot, um seinen Irthum aufzuklären. Bringen Sie ihn zu mir,
sobald er will, wenn er meiner Versicherung Glauben beimißt.
Wie glücklich war ich über den Versuch meines Freundes, und über den
glücklichen Erfolg seiner Bemühungen. Ich eilte zu _Manon_, warf mich
ihr zu Füßen. Von Ihnen will ich meine Verzeihung hören, schönste
_Manon_, rief ich aus; in Ihren Blicken lese ich Ihre Unschuld, und
mein Irthum bringt mich zur Verzweiflung.
Es ist Ihnen alles vergeben, sagte sie, und umarmte mich mit Thränen.
Nicht an mir ist es, ungerechte Ansprüche zu machen, ich will alles
vergessen, und indem ich es Ihnen zusage, so bitte ich Sie, sich ins
künftige nicht so leicht durch den Schein täuschen zu lassen.
Ich habe ihr Wort gehalten. Wir sind glücklich, und ich sehe nicht mehr
in die Vergangenheit zurück, als um mein Schicksal zu preisen, das mir
selbst meine Irrthümer lieb macht, weil ich durch sie den Werth meines
jetzigen Glücks doppelt fühle.
Notizen des Bearbeiters:
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antiqua markiert durch ~ ... ~
Titelseite im Projekt bisher nicht vorhanden; daher neu kreiert.
(Original-Buchdeckel von 1801 hat keine Schrift; nur Rücken beschriftet)
Titelseite als public domain freigegeben.
Satzfehler wurden - so weit erkannt - korrigiert.
Unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden - wie im Original -
überwiegend beibehalten
Bsp.:
damals / damahls ,
dies / dieß ,
foderte / forderte ,
Fantasien / Phantasien ,
reiste / reißte ,
trefflich / treflich ,
usw.
Einige wenige Schreibweisen wurden korrigiert und vereinheitlicht:
Bsp.:
Karakters / Charakters ,
Gemahlinn / Gemahlin