»Bin ich nicht recht unglücklich, mein Herr,« sagte er, »ich habe mich

erschöpft, und mein ganzes Leben alle Kräfte angewendet, mehr als man

mir glauben wird, und jeder Versuch schlug mir fehl. Schreckliche

Unglücksfälle haben mir den besten Theil meines Vermögens geraubt,

über diese klage ich nicht, Gott wollte es; ich habe vielleicht nur

wenige Zeit noch zu leben, von vielen Übeln gedrückt, fast ganz

gelähmt will man mich meines Vermögens berauben. Und wer ist es?

Meine einzige Tochter, die mir alles verdankt, und der allein meine

Güte einiges Recht auf mich nach meinem Tode giebt. Man will mich

überreden, mein Vermögen wegzugeben, das ich nicht entbehren kann,

und an einen Menschen, der mir vielleicht nie danken wird. Denn meine

Tochter wird nicht das Privilegium haben, einen Mann zu finden, der

von anderm Teig geformt ist, als wir alle, und nach uneigennützigen

Grundsätzen handeln wird. Ich beurtheile ihn nach mir, ich hatte ihrer

Mutter in den Tagen meiner Liebe geschworen, sie ewig zu lieben, sie

war unverständig genug, mir zu glauben, und erlaubte mir alles; drey

glückliche Tage dauerte diese Verblendung, nach dieser Zeit war es das

Herz nicht mehr, das mich zu ihr zurückführte, es war nur ein Bedürfniß

der Sinne. Auch ist es wahr, daß wenn sich nicht die Folgen dieser

Liebe gezeigt hätten und ich meine Krankheit nicht tödtlich geglaubt

hätte, ich sie nie, ohngeachtet meiner Schwüre und meines Versprechens

geheirathet haben würde. Ich heirathete sie nur um meines Kindes

willen, man machte es mir zur Gewissenssache und es war mir unmöglich,

dem Jesuiten zu widersprechen, dem ich meine Beichte ablegte. Ich

liebte sie nicht mehr, der Genuß hatte die Liebe getödtet. Noch ist

es mir unbegreiflich, wie ich dahin gebracht werden konnte, aber man

sagte mir in jedem Augenblicke, daß ich sterben müsse, und weil ich

es so oft hörte, so glaubte ich es am Ende selbst. Die Furcht des

Todes hatte mich meiner ruhigen Überlegung beraubt. Man sieht in einem

solchem Augenblicke die Dinge aus einem ganz andern Gesichtspunkt an,

als in gesunden Tagen. Meine Frau wäre tugendhaft, sagte man mir, und

ich glaubte es, man knüpfte meine ewige Seeligkeit an ihre Hand. Ich

nahm sie nicht aus Liebe zu ihr, sondern um das Paradies zu erwerben.

Ich erwarb es nicht, weil ich noch auf der Erde bin; aber doch war ich

nicht in der Hölle, sondern im Fegefeuer, wo ich dafür büßte, daß ich

am Leben blieb. Sie starb endlich, und ich gestehe es offenherzig, ihr

Tod machte mir Freude. Und es ist so wahr, daß ich keine Liebe für sie

mehr hatte, indem ich eine Stunde nach unserer Trauung ein Testament

machte, worin ich ihr sehr wenig bestimmte, und auch den Händen meiner

Frau nicht die Verwaltung des Vermögens anvertrauen wollte, das ich

für unsere Tochter ausgesetzt hatte. Da sie früher starb, so hebt

sich dieses Testament auf. Ich lebte ziemlich ruhig mit ihr, weil ich

es nicht ändern konnte, aber ohne den Gedanken an meine Tochter, die

ich immer liebte und noch liebe, hätte ihre Mutter sicher kein gutes

Leben bei mir gehabt. Ich verschloß meine Augen über ihr Betragen, aber

nichts entging mir, und ich wollte nur das Aufsehen vermeiden, was

ich nie liebte. Ich selbst wollte nicht Dinge enthüllen, die mir die

Ehre befahl, zu verbergen, und die mehr auf die Tochter, als auf die

Mutter nachtheilig hätten wirken müssen, zudem hat sie immer den Schein

beibehalten, der mich bei dem Betragen meiner Frau das Wesentlichste

dünkt, denn das Übrige ist unbedeutend.«

»Ich sage es Ihnen, ehrwürdiger Vater,« fuhr er fort, »und unter dem

Siegel der Beichte, daß ich immer unglücklich war; sey es in meiner

Jugend durch meine Anstrengung und durch meinen Verlust, oder in

spätern Jahren durch meine Heirath, indem meine Frau das Geheimniß

besaß, mich wüthend zu machen, und doch die Herrschaft in Händen zu

behalten; jetzt bin ich es durch meine Kränklichkeit und durch eine

Tochter, die mir so viele Verbindlichkeiten schuldig ist, und mich doch

verlassen, mich entblößt zurück lassen will, vielleicht mich gar als

ihren Verfolger ansieht. Aber weil es ihr so wenig kostet, sich von mir

loszureißen, so will ich auch versuchen, mich von ihr loszumachen, und

das erstemahl, daß mir wieder jemand, durch sie veranlaßt, von einer

Hochzeit spricht, oder die erste Thorheit, die sie begeht, wird mich

bestimmen, sie zu verlassen. Ich werde an einen Ort flüchten, dem ich

alles, was mir übrig geblieben ist, übergeben, und wo ich das Glück

finden werde, ruhig sterben zu können.« Ich weiß nicht, ob er mehr

sagte, denn seine Tochter zog sich zurück, sehr gebeugt durch ihre

Neugierde, und darüber, daß ich alles mit gehöret hatte, sie bewog mich

also, mich auch zurückzuziehen.

Wir hatten alle Ursache zu glauben, daß er die Bosheit haben würde

in uns wechselsweise Widerwillen gegen einander zu erregen. _Manon_

sollte durch sein Beispiel mir abgeneigt werden, und ich ihr durch

das Beispiel ihrer Mutter. Diese Gedanken brachten uns in eine solche

Verwirrung, daß wir es nicht wagten, uns anzusehen. Endlich kam der

Beichtvater heraus und theilte uns das Resultat seiner Unterhaltung

mit, so weit sie die Heirath betraf; von _Manons_ Mutter, so wie von

allem, was uns betrüben konnte, schwieg er. Er sagte uns nur, wir

sollten nicht mehr an eine Heirath denken, weil es verlohrene Zeit und

Mühe seyn würde. Er wollte selbst nicht rathen, noch mit Herrn _von

Ribaupierre_ darüber zu sprechen, er wäre zu fest und unerschütterlich

in seinem Entschluß; und würden wir darauf bestehen, ihn zu einer

Sinnesänderung zu bewegen, so würden wir uns selbst am meisten schaden.

Er würde niemahls mehr für uns mit Herrn _von Ribaupierre_ sprechen und

sollte er auch hundert Jahre leben. »Gott bewahre!« rief ich aus. Und

ich weiß selbst nicht, mit welcher Miene ich es muß gesagt haben, denn

der Beichtvater und das Fräulein schlugen ein lautes Gelächter auf.

Der Vater ließ seine Tochter bald nach dem Gespräche des Geistlichen

rufen. Sie bat mich noch den Abend wieder zu kommen, ich könnte, wenn

das Wetter zum Spaziergang nicht günstig wäre, an ihrer Thüre sie

aufsuchen, und so verließ ich sie.

»Glaubst Du,« sagte er zu seiner Tochter, als sie in sein Zimmer trat,

»daß die Welt ihrem Ende schon so nahe sey, daß ein Priester Deine

Sache ausfechten soll, wie ehemahls bei Deiner Mutter der Fall war.

Entsage diesem Wahn, denn man hat nicht alle Tage eine so andächtige

Krisis. Laß Dir's nicht einfallen, mich in meinen Handlungen zu leiten,

ich bin zu alt, um Lehren anzunehmen, ich selbst gebe Dir keine. Ich

lasse Dir Deinen Willen, Dich nach Deiner Phantasie zu betragen,

aber beobachte Dich wohl, damit ich nicht Ursache finden kann, mich

über Dich zu beklagen. Es war anfangs mein Entschluß, Dir den Umgang

mit Deinem Geliebten _d'Autun_ zu untersagen, aber es möchte bei den

Leuten zu viel Gerede machen, und ich habe meine Meinung geändert.

Deine Mutter gab viel Anlaß zum Geschwätze, und den will ich ersparen.

Willst Du daher, daß ich an Dich denken soll, so erinnere mich selbst

nicht daran. Betragt euch klug, Du sowohl, wie Dein Geliebter, und so,

daß die Welt so wie ich mit eurem Betragen zufrieden seyn kann. Du

kennst mich zu gut, und weißt, daß die Sprache eines Pädagogen meinem

Charakter nicht angemessen ist. Ich sagte Dir nie etwas über diesen

Punkt, ich glaube, daß Du immer weise gewesen bist, und hoffe, Du wirst

es auch ferner seyn. Ich werde niemahls wieder über diese Sache mit

Dir sprechen, aber gieb mir nie Gelegenheit zum Handeln, es brauchte

nur eines Augenblickes, Dich unglücklich zu machen, und Du würdest ihn

Dein ganzes Leben hindurch beweinen.« Nach dieser Anrede schwieg er,

und hielt Wort, denn seit dieser Zeit öffnete er den Mund über diese

Angelegenheit nicht mehr. Ich mußte mich dann entschließen, entweder

das Vaterland zu verlassen, oder als ein treuer Romanenheld mein Leben

im Gewebe der Liebe hinzuträumen, bis zu dem Tode des Herrn _von

Ribaupierre_.

Ich hatte alle Ursache zu glauben, daß ich geliebt würde. Jede Gunst,

die nicht strafbar war, wurde mir erlaubt, ich sahe _Manon_ täglich,

und wir machten sogar Spaziergänge mit einander. In _Ribaupierre's_

Hause war ich willkommen, er bezeigte mir seine Freundschaft durch

tausendfache Ausdrücke, ob er gleich wohl im Herzen überzeugt war, daß,

wenn es in meiner Macht gestanden hätte, ich ihn gern in eine andere

Welt gesandt haben würde.

* * * * *

Familien-Geschäfte nöthigten mich nach A. zu reisen, und ich hoffte

in längstens sechs Wochen wieder in Paris zu seyn. Ich bat _Manon_

beim Abschiede mir ihr Bild zu geben, und gab ihr das meinige zuerst,

wie sie es gewünscht hatte. Es war in einer einfachen emaillirten

Dose, mit einem Spiegel in der Mitte, dem Bilde gegenüber. Das

ihrige erhielt ich erst am letzten Tage vor meiner Abreise. Es war

auf Emaille vortreflich gemahlt und sehr ähnlich. Eine Einfassung von

Perlen umgab es, und eine zweite auf der andern Seite den Spiegel. Die

Dose war auch emaillirt und stellte auf der einen Seite _Dido_ vor,

die den Scheiterhaufen besteigt, mit dem Dolch in der Hand; das Meer

mit Schiffen bedeckt war im Hintergrunde und deutete auf die Flucht

des Aeneas, um den Rand waren die Worte eingegraben: Ihrem Beispiele

würde ich folgen; die andere Seite auf dem Rücken des Spiegels stellte

einen Reiter vor, dessen Pferd in vollem Lauf war, vor ihm her flog

ein Amor und that, als wollte er den Zügel halten, und es von einer

Stadt entfernen, die im Hintergrunde war, und wo man mehrere weibliche

Figuren erblickte. Unten standen die Worte: Nichts hält einen

Liebhaber auf, den die Liebe leitet.

Das Geschenk war von großem Werth, der Gedanke sinnreich, der Reiter

legte mir ans Herz, bald zurückzukehren, und die Gelegenheit zu

vermeiden, wo ich ihr die Treue brechen könnte, _Dido_ versicherte mich

der ihrigen bis zum Tode. Ich reiste ab, und konnte nicht so schnell

zurückkehren, als ich hoffte; meine Reise verzögerte sich stets und

statt sechs Wochen blieb ich viele Monate abwesend. Aber ohngeachtet

dieser langen Abwesenheit kam ich doch mit mehr Leidenschaft zurück;

auch _Manon_, schien mir's, zeigte mehr Lebhaftigkeit in den Ausdrücken

ihrer Liebe, als vor meiner Abreise. Ich schrieb ihr mit jedem

Posttage, und erhielt auch jede Woche Briefe von ihr; auch fügte ich

von Zeit zu Zeit kleine Geschenke hinzu, die sie mehr an mich erinnern

sollten.

So bekannt mir ihr Verstand durch unsere Gespräche war, so übertrafen

doch ihre Briefe alle Vorstellung. Selten hatte wohl ein Frauenzimmer

einen leichtern, mittheilendern Verstand. Sie denkt nicht nach über

das, was sie sagen will, und doch ist alles, was sie sagen kann,

richtiger und schöner gesagt, als andere denken. Ihr Styl ist bestimmt,

natürlich und pathetisch, mit einem gewissen rührenden Ausdruck

begleitet, der tausendmahl mehr das Herz ergreift, als ihr belebtes

Gespräch, das der Ton ihrer Stimme und die schönsten Bewegungen

ihres Körpers begleiten. Ich war so erfreut, eine solche Geliebte

zu besitzen, daß ich, um mich bei einigen Damen in der Provinz zu

rechtfertigen, die es nicht artig fanden, daß ich bei ihnen so

gleichgültig wäre, _Manons_ Bild zeigte. Die reiche Aussenseite erregte

ihr Erstaunen, aber mehr noch wunderten sie sich über die Schönheit,

die sie verbarg, und sie sagten mir, daß die Devisen, die darauf

ständen, wohl nicht von ihr erfunden seyn könnten. Sie setzten hinzu,

es müsse eine vollkommene Person seyn, wenn sie so viel Geist als Reize

besäße. Ich erwiederte hierauf, daß gewiß alles von ihrer Erfindung

sey, und um sie zu überzeugen, so zeigte ich ihnen einen Brief, den ich

eben empfangen hatte. Manon schrieb mir:

»Wenn ich mir selbst glaubte, so schriebe ich Ihnen nicht, denn ich

bin in allem Ernst böse auf Sie. Nichts ist für mich so beleidigend,

als die Freiheit Ihres Geistes in Ihren Briefen, und diese vollkommene

Gesundheit, deren Sie sich rühmen. Tausendmahl sagten Sie mir, daß Sie

mich liebten, und ich glaubte es. Sie versprachen mir in einem Monat

zurückzukehren, und unter dieser Bedingung ließ ich Sie abreisen.

Schon sind vier Monate seit dieser Zeit verflossen, und nach einer

solchen Abwesenheit sind Sie doch noch vergnügt und wohl. Wie glücklich

sind Sie, ein Herz und einen Verstand zu haben, die bei einer solchen

Abwesenheit die Probe aushalten! Wie ungleich bin ich Ihnen in diesem

Punkt! Ich bin eifersüchtig bis zum Wahnsinn, ich wünsche selbst, daß

Sie von aller Welt gehaßt werden möchten, daß Sie von allen Seiten

zurückgestoßen, genöthigt würden, zu mir zurückzukehren. Aber diese

Gesinnung ist für Sie zu beleidigend, als daß ich ihr Dauer wünschen

könnte, und schon in diesem Moment sage ich mir, daß, jemehr Sie

geliebt werden, jemehr werde ich meine eigene Neigung rechtfertigen.

Ich möchte, daß alle Mädchen, um Sie zu sehen, meine Augen borgten,

aber ich möchte, daß Sie nur mich ansähen! Allen Ihren Geliebten

wünsche ich Verdienste, damit das Opfer, das sie Ihnen brächten, dem

meinigen eine Folie unterlegte. Aber glauben Sie nicht, was ich da

sage, meine Eigenliebe spricht aus mir, und ich verlange kein Opfer,

sondern nur Liebe. Könnten Sie es thun, so sagen Sie mir's nicht,

ich würde versuchen, mich selbst zu betrügen. Aber wo finde ich ein

Mittel Ihre Nachläßigkeit, Ihren Kaltsinn in Ihren Briefen, Ihre lange

Abwesenheit und die treffliche Gesundheit, zu entschuldigen? Beinahe

ist es mir zur Gewißheit geworden, daß Sie untreu sind; die Schönheiten

in der Provinz haben mich verdunkelt, der gegenwärtige Gegenstand ist

immer anziehender, als eine abwesende Geliebte. Sie haben nichts als

ein Bild, das nur eine Idee und Farbe ist; ich möchte verzweifeln, daß

ich es Ihnen geben konnte. Sie vergleichen es nun mit Ihren Schönen,

diese gefallen Ihnen, und ich nicht mehr! Wann werden Sie zurückkehren?

Soll ich Sie nicht mehr sehen? Werden Sie mich vergessen? -- Wenn Sie

mich so lieben, wie Sie sagten, wie Sie mir's überreden möchten, würden

Sie nicht die Liebe allem andern vorziehen? Können Sie mir kein Zeichen

geben, als die Schrift, die mich vielleicht betrügt? -- Leben Sie wohl,

ich bin so bewegt, daß meine Ungeduld auf dem Papier sichtbar wird. Ich

hatte beschlossen, mit Ihnen zu zanken, aber der Gedanke an Sie ist mir

lebhafter geworden und hat meinen Zorn verlöscht. Mlle. M. hat heute

ihr Gelübde abgelegt, nun ist sie endlich Nonne geworden! Wie glücklich

ist sie, wenn ihr Herz frei ist! Aber wie unglücklich ist sie, wenn sie

an B. denkt, nur mit einem Theil der Gefühle, die in meinem Herzen

erwachen, wenn ich an Sie denke!«

Dieser Brief vollendete bei den Damen die Schilderung des Fräuleins

_Ribaupierre_, sie waren davon entzückt, und ohne daß ich es selbst

wollte, gewannen sie mein Zutrauen. Ich suchte meine Geschäfte so viel

wie möglich zu beschleunigen, und doch mußte ich noch länger als zwei

Monate nach Empfang dieses Briefes dort bleiben, und unter der Zeit

machten die Briefe, die ich von _Manon_ erhielt, den größten Stoff

meiner Unterhaltungen aus. Man wünschte mir Glück über meine Wahl,

man munterte mich selbst auf gegen ein solches Mädchen, die es so

verdiente, nie die Treue zu verletzen.

Ich bekam in der letzten Zeit meiner Abwesenheit einen Nebenbuhler.

Herr _von Melville_ war es, der Sohn eines ~Officier de la maison

du Roi~. Er ließ sich einfallen, dem Fräulein seine Liebe zu zeigen,

aber es war ein Jüngling, der kaum aus der Klasse gekommen war, wo

er die Rechte studiert hatte, und dabei so albern, wie ein Pariser,

der niemals andere Aussichten gehabt hatte, als den Kirchthurm seines

Kirchspiels. _Manon_ machte sich über ihn lustig, und schrieb mir in

einem Ton von demselben, der selbst der Gravität eines Cato ein Lächeln

hätte abzwingen können.

Ich kam nach Paris zurück mit mehr Liebe im Herzen, als da ich

abreiste, und in der Absicht alles Mögliche zu versuchen, um unsere

Heirath zu Stande zu bringen. Der alte _Ribaupierre_ hatte einige

meiner Briefe über diesen Gegenstand gesehen und hatte seine guten

Vorkehrungen getroffen. Wer begreift nicht, mit welcher Freude wir uns

zum erstenmahl wieder umarmten! Wir vergossen heiße Thränen und ich

blieb beinahe unbeweglich zu den Füßen meiner Geliebten liegen. Ich

entschloß mich fest den letzten Versuch zu wagen, und unsere Heirath,

koste es auch, was es wolle, zu vollziehen. In der Absicht ging ich

am folgenden Morgen aus, Herrn _von Ribaupierre_ zu besuchen, während

seine Tochter in der Messe war, ich wählte mit Absicht diesen Zeitpunkt.

Ich warf mich ihm zu Füßen und bat ihn um die Hand seiner Tochter, ich

erbot mich, sie ohne Vermögen, ohne irgend eine Verbindlichkeit von

seiner Seite, und ohne alle Hoffnung auf seine Erbschaft zu heirathen.

Nur seine Einwilligung verlangte ich, er selbst solle die Ehepakten

aufsetzen, ohne daß ich je etwas von ihrem Vermögen hoffen wollte,

sollte er seiner Tochter alle mögliche Vortheile von meiner Seite

zusichern, auch wollte ich es selbst öffentlich bekennen, daß er ihr

eine Aussteuer gegeben habe, die er selbst bestimmen solle.

Wie konnte ich mehr thun? Er schien über meine Heftigkeit verlegen,

aber da er nicht unvorhergesehenes Spiel spielte, da er einige Briefe

von mir an seine Tochter gesehen hatte und darauf vorbereitet war,

so antwortete er mir, daß meine lange Abwesenheit ihn habe glauben

lassen, ich denke nicht mehr an seine Tochter, und daß sich die Dinge

seit meiner Abreise sehr geändert hätten. Ich habe mich, sagte er, in

eine Verbindung mit einem meiner ältesten Freunde eingelassen, dessen

Sohn meine Tochter gewiß eben so liebt, wie Sie, und der ihr, wie

ich glaube, auch nicht mißfällt. Ich habe sie ihm versprochen, und

alle Geister der Hölle könnten mich nicht dahin bringen, mein Wort

zurückzunehmen. Gleichwohl will ich meiner Tochter Neigung keine

Gewalt anthun, willigt sie nicht in die Verbindung, die ich für sie

einging, so darf man nicht mehr daran denken. »Fahren Sie fort,« rief

ich aus, und warf mich noch einmahl ihm zu Füßen, »und weil Sie endlich

Ihre Einwilligung geben, daß sie heirathen soll, so geben Sie sie mir,

wenn sie es will.«

Die Bewegung, in der ich war, ließ mich noch manche Gründe hinzufügen,

die mir entfallen sind, aber von denen er so lebhaft gerührt wurde,

daß er versprach, sie mir zu geben, wenn sie sich für mich erklärte;

erkläre sie sich aber für den andern, so solle ich eine andere

Verbindung suchen. »Ich will es gern,« sagte ich, »denn ich glaube

nicht, daß es schwer seyn wird, Ihre Tochter zur Erklärung zu bewegen,

und ich bin ihrer Einwilligung gewiß.« »Desto besser für Sie,« war

seine Antwort, »aber hüten Sie sich, sich selbst zu täuschen. Sie

kennen die Frauen nicht, sie sind feiner, als Sie wohl glauben, und

bewahren sich oft solche Ausflüchte auf, daß auch der feinste aller

Männer sie nicht voraussehen kann.« »Ich hoffe nicht,« war meine

Antwort, »daß das Fräulein welche finden könnte, die mich betrüben

würden.« »So ist es gut für Sie,« sagte er noch, und ich konnte nichts

weiter von ihm heraus bringen. Aber da er es der Wahl seiner Tochter

überließ, so hatte ich gewonnen Spiel. Er wollte meine Eifersucht

erwecken, ich fühlte sie in mir erwachen, aber sie wurde bald wieder

zerstreut.

Ich erwartete Manon in einem Zimmer des untern Stockwerks; sie war

verwundert, mich so früh bei sich zu sehen, denn ich ging nur des

Nachmittags gewöhnlich zu ihr. Aber noch mehr wuchs ihr Erstaunen,

als ich ihr sagte, was mich zu ihr führte. »Sie wollen uns verderben,«

sagte sie, »der Schritt, den Sie gethan haben, ohne mich zu fragen,

kann sonderbare Folgen haben, Sie hätten dahin nicht kommen sollen,

ohne mich vorher zu fragen, und ohne meine Einwilligung zu erwarten.«

Ihre Antwort brachte mich auf, und ich sagte ihr, daß ich die Folgen

nicht fürchtete; und wäre etwas zu befürchten, so wäre es nicht für

sie. »Der Ton, in dem Sie mit mir sprechen,« fuhr ich fort, »läßt

mich wohl glauben, daß Ihr Vater nicht unrecht hatte, wenn er Ihren

Ausspruch zu meinem Vortheil bezweifelte, und allem Anschein nach

bestimmen Sie sich dem neuen Liebhaber, von dem Ihr Vater mir sprach.«

Ich sprach in einem so hohen Tone, und war so lebhaft, daß ich nicht

weiß, ob ich nicht gar in Schmähungen ausgebrochen wäre, wenn _Manon_

mir Zeit gelassen hätte. »Mein Vater hat Ihnen dieses gesagt!« rief

sie aus, und hob die Hände zum Himmel; »sagte er Ihnen, daß ich einen

neuen Liebhaber hätte?« -- »Er sagte mir mehr, er sagte auch, daß Sie

ihn liebten.« »Hören Sie mich,« sagte sie ruhig, »dies läßt mich einen

neuen Kunstgriff seiner Art argwöhnen. Ich habe Ihnen niemals Anlaß

gegeben, Mißtrauen in meine Offenheit zu setzen. Hier könnten wir keine

Erklärung haben, ohne behorcht zu werden, finden Sie sich heute um

drey Uhr im Garten des Arsenals ein, wir können dort unter vier Augen

sprechen; ich werde mich mit Ihnen auf eine Weise erklären, die Sie

befriedigen wird.« Diese Worte waren mit solcher Unbefangenheit und

Aufrichtigkeit gesprochen, daß ich mich ergab und die Zusammenkunft

annahm. Unsere Unterredung dauerte lange, und ich erzählte ihr Wort für

Wort, was ich ihrem Vater gesagt hatte, und seine Antwort.

»Ich weiß nicht,« sagte sie, »was ich Ihnen darauf erwiedern soll, ich

bin in einer größern Verlegenheit als Sie. Die Ehrfurcht, die ich ihm

schuldig bin, verhindert mich, etwas gegen ihn zu sagen; aber so viel

ich davon urtheilen kann, so betrügt er uns; er weiß zu gut, daß ich

niemals in eine andere Heirath einwilligen würde, als mit Ihnen, und

unter der Bedingung will er mich nicht verheirathen, so lange er lebt.

Was den Liebhaber betrifft, den er mir giebt, so weiß ich nicht, auf

wen ich rathen soll; denn seit Ihrer Abreise sah ich niemanden, als den

jungen _Melville_. Sein Vater ist der Freund des meinigen, aber die

Art, mit welcher ich Ihnen von ihm schrieb, läßt mich hoffen, daß Sie

das Mährchen nicht glauben. Selbst mein Vater sieht ihn noch wie ein

Kind an. Hätte sein Vater mit dem meinigen gesprochen, wovon ich nichts

weiß, so giebt es dafür ein gutes Mittel. Da er Ihnen sagte, daß ich

die Ihrige werden sollte, wenn ich darein willigen würde, so wird die

Sache bald zu Ende seyn; denn ich bin bereit, ihm meine Gesinnungen zu

erklären, so bald es Ihnen gefällt; ob er sie gleich weiß; denn ich

habe mich mehr als einmal darüber erklärt, aber ich werde es vor ihm,

wie vor der ganzen Welt thun, wenn es nöthig seyn sollte, und heute

noch, wenn Sie wollen. Ich glaube nicht, daß man bestimmter sprechen

kann. Sagen Sie, was Sie wollen, das ich thun soll, ich werde es ohne

Anstand thun. Glauben Sie mir, eilen Sie, ihn zu einer bestimmten

Erklärung zu bringen, weil er sein Wort gab; setzen Sie ihn in die

Nothwendigkeit, es zu halten, und aus diesem Grunde geben Sie zu, daß

ich zu ihm und in seiner Gegenwart spreche.« Ich hielt sie beim Wort,

und bat, daß es in demselben Augenblick geschehen möchte.

Die Bekanntschaft auf der Reise · 第 8 / 11 段