und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.
Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie
unauslöschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie
verbergen zu müssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wünsche
einzuwilligen, und läßt mich hoffen, daß wir, -- wenn auch in keinem
herzlichen, doch in einem anständigen Vernehmen mit ihr leben können.
Justinens Wangen überflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin?
fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.
Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher geführten Lebensart
nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet
wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande
Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich
nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres
Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich
dadurch unumschränkter über ihr Vermögen gebieten kann, und zweitens,
weil sie für ihre Schönheit die Trauer vortheilhaft hält. Sie hat
ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die
Luft jener Gegend rein, -- wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so
gleichgültig als ihre Abwesenheit seyn könnte, da eine sorgenfreie,
wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhängig macht,
ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit
Lorchen starb, wo möglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn,
bestehen nämlich darauf, daß ich schon jetzt Langenfeld als mein
Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschränkung zu
lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als daß ich nicht streben
sollte, sie beizubehalten, da ihre Güte meine lebhaftesten Wünsche
übertrifft.
Justinens Auge hing am Boden, und glänzte von Thränen, aber nicht von
Thränen, wie sie der Kummer erpreßt. Lorenz beugte sich zu ihr, und
umschlang sie innig. Laß mich nun das süße Wort vernehmen, sagte er,
das vor dem Altar unsre Hände vereinigt, wie unsere Herzen es schon
lange waren. Justine erröthete tiefer, -- sie erhob ihren gesenkten
Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes
Gemisch von Freude, Rührung und Zutrauen gab, und lächelnd neigte sie
sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und
ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die
mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie
das, welches Du verlohren hast. --
Zu den Glückwünschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten
sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm.
Gern hätte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich
nöthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen,
aber mein Schicksal rief mich vorwärts, und ich mußte mich beugen unter
dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und
theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied
dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Färbers fand ich ein Paar
treuherzige, ebenfalls wie Justine über ihren Stand gebildete Menschen,
die aber den höhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn
eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nämlich:
zum feinern Genuß des Lebens, und zur wärmern Ausübung häuslicher und
geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in
einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen
dort, wie die Früchte eines milden Klimas unter einen nördlichen
Himmelsstrich gedeihen.
Mit warmen Dank für ihre gastfreien Anerbietungen verließ ich das
glückliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewiß den beiden
Verlobten das schönste Beispiel eines unerschütterlichen, häuslichen
Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit
eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen
hatte, sie einst in Langenfeld zu überraschen, und mich mit ihr ihrer
schönern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden
an diese kleine, trauliche Hütte, in der ich so viel Edelmuth und Güte
angetroffen hatte, -- endlich mußte ich doch von ihr scheiden, aber
das Bild ihrer liebenswürdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit
hinweg.
Autun und Manon.
Eine Erzählung.
Als ich eines Tages eine meiner Freundinnen besuchte, fiel es mir nicht
wenig auf, eine ältliche Frau, begleitet von einem jungen Frauenzimmer,
ins Zimmer treten zu sehen. Die Schönheit der jungen Dame übertraf
alles, was ich bisher noch gesehen hatte, sie war ungefähr fünfzehn
Jahre alt, und die Tochter des ältern Frauenzimmers, wie ich nachher
erfuhr. Sie war kaum aus dem Kloster gekommen, um ihren Vater zu sehen,
und sollte nach drei Monaten wieder dahin zurückkehren, weil ihre
Mutter nicht gern eine so große Tochter um sich sah, da sie selbst noch
Ansprüche auf Schönheit machte. Damahls sah ich zum erstenmahl eine
Person, die mein künftiges Schicksal bestimmte.
Herr _von Ribaupierre_ war Offizier, er hatte die Welt gesehen, und
große Reisen gemacht, durch die er zwar an Erfahrung reicher, aber an
Vermögen desto ärmer geworden war. Alle Pläne, die er zur Vergrößerung
seines Vermögens entworfen hatte, waren mislungen, und zuletzt hatte
er gelernt, dem Glück nicht mehr zu trauen. Bei der Belagerung von
_Charenton_ wurde er mit drei Stichen in den Leib tödtlich verwundet.
Man gab ihm die letzte Ölung, und nach einer allgemeinen Beichte,
erhielt er die Absolution nicht eher, bis er gelobt hatte, sich mit
seiner Frau, mit der er längst schon auf einen vertrauten Fuß gelebt
hatte, trauen zu lassen. Sie wurden auf seinem Bette getraut, und als
er sich wieder erholte, streute man aus, daß er schon seit einem
Jahre heimlich verheirathet gewesen sey. Nach sechs Wochen erfolgte
die Niederkunft des Fräuleins _von Ribaupierre_; ihr Gemahl wollte es
niemahls erlauben, daß man sie Frau nennen durfte. Sie gebahr ihm eine
Tochter. Nach der Geburt dieses Kindes lebte die Mutter sehr gut mit
ihrem Gemahl, aber da sie schön und jung, und Herr _von Ribaupierre_ in
seinem achtundfunfzigsten Jahre war, so bekam er bald die unheilbare
Krankheit der alten Männer. Er wurde mistrauisch, und lebte in keiner
großen Harmonie mit einer Frau, der man weiter keine Vorwürfe machen
konnte, als daß sie mehr Aufmerksamkeit zu erregen suchte, als einer
verheiratheten Frau erlaubt ist.
Als der Tod diese Ehe zerriß, war es gerade um die Karnevalszeit,
und Herr _von Ribaupierre_ besuchte einen Ball bei dem Marquis von
S., der sonst ein Freund des Fräuleins _Ribaupierre_ war. Er wußte
die Nachricht von ihrem Tode, und sie betrübte ihn nicht wenig. Doch
ehe man sichs versah, trat Herr _von Ribaupierre_ in einer eleganten
Maske in den Saal, wo er schöne Gesellschaft fand. Er präsentirte
dem Marquis einen Beutel voll Louisd'ors; der Marquis und mehrere
andere von der Gesellschaft ließen sich ins Spiel ein, und verlohren.
_Ribaupierre_ gewann ansehnlich und gestand nachher, daß dieß der
einzige glückliche Tag in seinem Leben gewesen sei, indem er zugleich
den Tod seiner Frau zu seinem Gewinn schlug. Da er sich im Spiel so
groß angekündigt hatte, nahm man ihn für einen reichen Mann und bat
ihn, sich zu erkennen zu geben. Anfangs weigerte er sich, aber als
er die Maske vom Gesichte zog, erkannte ihn der Marquis, und der
Schrecken preßte ihm einen lauten Schrei aus. »Wie!« sagte er, »ein
Mann, dessen Frau eben verschieden, kann sich in einem solchen Aufzug
sehen lassen? Unglücklicher Mann!« fuhr er fort, »sind dieses die
Thränen, die Sie um eine Gattin vergießen, die eine der schönsten und
tugendhaftesten Frauen der Welt war?« -- »Mildern Sie Ihre Ausdrücke,
mein Herr!« gab ihm jener zur Antwort, »der Verlust meiner Gemahlin
ist vielleicht größer für Sie, als für mich, _mir_ gehörte sie an,
aber _Sie_ besaßen sie, ein Vortheil wiegt vielleicht den andern auf.
Ich würde weinen, wenn ich mein Geld verlohren hätte, oder wäre doch
traurig geworden, und dadurch hätte ich vielleicht den Damen gefallen,
die meine Betrübniß auf die Rechnung meiner verstorbenen Gemahlin
geschoben hätten, aber jetzt habe ich das Recht, mich zu freuen. Ich
verliehre eine Frau, die mich immer betrübte, und gewinne sechshundert
Louisd'ors. Ich muß mich freuen, aber nicht Sie, Herr Marquis, Sie
verlohren Ihr Geld und eine Geliebte, und hiermit gute Nacht.« So
verließ er den Saal, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Marquis schalt ihn, als er fort war, einen Narren und rohen
Menschen; er bat seine Freunde, die Zeugen dieses Auftritts
gewesen waren, um Verschwiegenheit; auch seinen Bedienten gebot er
Stillschweigen, und erklärte feierlich, daß er in seiner künftigen Frau
so viel Klugheit möchte erwarten können, als er in der Gemahlin des
Herrn _von Ribaupierre_ gefunden. Der Wittwer, der Verstand hatte, und
erfuhr, daß sein Mißverhältniß mit seiner verstorbenen Gemahlin kein
Geheimniß mehr war, fürchtete, man möchte ihm Händel zuziehen, zumahl,
da schon hin und wieder ein Gerede von Vergiftung entstand. Er ließ
Ärzte und Wundärzte herbeirufen, und den Leichnam öffnen. Da man den
Tod seiner Gemahlin natürlich fand, so ließ er sie beerdigen. Übrigens
gab er selbst die erste Veranlassung, seine Gemahlin für untreu zu
halten, weil er behauptete, daß niemand ihre Aufführung kenne, als er
selbst. Und dieser Grundsatz ist so allgemein in der Welt angenommen,
daß, sobald ein Mann selbst über die Treue seiner Frau Zweifel
aufwerfen kann, es die andern zwiefach berechtigt, das Böse zu glauben.
Aber seine Tochter konnte man trotz der Äusserungen ihres Vaters
nicht verkennen, sie war ihm zu ähnlich, und je größer und schöner
sie wurde, desto mehr nahm diese Ähnlichkeit zu, ob er gleich selbst
einer der häßlichsten Menschen war. Der Tod ihrer Mutter brachte
keine Veränderung der Lage des Fräuleins _von Ribaupierre_ hervor,
denn der Vater wollte nicht die Last auf sich nehmen, über eine
Tochter von siebenzehn Jahren die Aufsicht zu führen. Allein da er
anfing, schwächlich zu werden, rief er sie zu sich. Sie erschien in
der Welt und trug Sorge für ein Vermögen, das sie einst zu erwarten
hatte. Um diese Zeit, in ihrem zwanzigsten Jahre sah ich sie zum
erstenmahl wieder, seitdem ich sie bei meiner Freundin gesehen hatte.
Schon damahls war ihre Schönheit bewundernswürdig, aber als ich sie
zum zweitenmahle sah, hatte sie noch unendlich gewonnen. Ihr Wuchs
war majestätisch, ihr jugendliches Aussehn war durch die Weiße der
Gesichtsfarbe noch erhöht; schöne schwarze Augen zugleich schmachtend
und lebhaft, die Nase schön geformt, ein kleiner rother Mund und alle
Gesichtszüge in schönster Harmonie, machten sie zum treusten Abbilde
der heiligen Jungfrau. Ihr Anstand war edel und fest, ihre Bewegungen
waren lebhaft, aber von einer natürlichen Sittsamkeit begleitet, die
mich entzückte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz verwahren
können, ich gab es hin; ich liebte _Manon_, oder vielmehr ich betete
sie vom ersten Augenblick an, als ich sie sah. Umsonst stellte ich mir
die Gerüchte vor, die bei dem Tode ihrer Mutter verbreitet worden, das
wenige Vermögen, was ihr zu Theil werden würde, und ich glaubte fast,
obwohl sie die schönste Person von der Welt war, die ich je gesehen,
sie doch mit Gleichgültigkeit anzusehn. Aber ich betrog mich, ich sah
sie den folgenden Tag in der Messe; ein einziger Blick, den sie auf
mich warf, der mich wähnen ließ, er fordre mein Herz, zerstörte alle
meine Entschließungen. Ich entschuldigte die Mutter, ihr Vater dünkte
mich nur ein Unmensch, ein Verräther, und ich urtheilte, eine Frau, die
nicht vollkommen tugendhaft gewesen wäre, hätte einer solchen Tochter
nicht das Leben geben können. Ich überließ mich meiner Leidenschaft,
und meine Aufmerksamkeit wurde nicht gleichgültig aufgenommen. Ich
sprach, sie hörte mich an, aber ohne mir eine entscheidende Antwort
zu geben. Lange schwebte ich in Ungewißheit, bis ein Vorfall mich die
Entdeckung machen ließ, daß _Manon_ mich liebte, und im Ernst daran
dachte, mir ihre Hand zu geben.
Eines Tages fand sich ein Geistlicher bei ihr ein, und nach manchen
gleichgültigen Gesprächen kamen wir auf die Ehe zu sprechen, und
was sie aufheben oder verhindern könnte. Der Geistliche sagte, daß
die Kirchengesetze ehemahls strenger als jetzt gewesen wären, und
erzählte einige Beyspiele zum Beweise, daß man sonst nicht einmahl
erlaubt habe, daß zwei Menschen, die zusammen ein Kind aus der Taufe
gehoben, sich hätten verheirathen dürfen, daß man aber jetzt keine
Gewissenssache daraus mache, obgleich diese geistige Verbindung eine
körperliche aufheben sollte. So sähe man, setzte er im heiligen
Eifer hinzu, täglich die Erfahrung bestätigt, daß die Kinder aus
einer solchen Ehe eben so gut, wie die, welche aus einer Ehe, wo die
Eltern zu nahe verwandt erzeugt wären, ihr ganzes Leben hindurch mit
widrigen Schicksalen zu kämpfen hätten, und auch in ihren Sitten der
verderbliche Einfluß bemerkt werden könnte. Gott zeige eben dadurch,
welchen Abscheu er vor solchen Verbindungen habe, weil er keinen Segen
dazu gäbe, so oft man auch Lossprechungen dafür zu erlangen suche.
Noch erzählte er uns, daß er bei einem rechtschaffenen Mann im Hause
wohne, dessen Frau ehestens niederkommen würde, und längst schon darauf
gedacht habe, mich und _Manon Ribaupierre_ zu Pathen ihres Kindes zu
wählen. Die Niederkunft erfolgte, der Vater trug mir die Pathenstelle
an, und ich so wie die Eltern des Kindes glaubten, auch _Manon_ würde
einwilligen. Aber die Rede des Geistlichen hatte tiefern Eindruck
auf sie gemacht, und da der Vater kam, um sie zur Erfüllung dieser
christlichen Pflicht zu bewegen, und ihr sagte, daß er auch von mir das
Versprechen habe, so antwortete sie lächelnd: »Ich habe mich nur im
Scherz dazu verstanden, aber um Ihres Kindes willen darf ich es nicht,
denn alle Kinder, bei denen ich Pathenstelle vertrat, und deren sind
schon mehr als zwanzig, sind gestorben.« Jede Überredung war fruchtlos,
sie wollte nie darin willigen, mit mir die Pathenstelle bei dem Kinde
anzunehmen. Ihr Betragen machte mich empfindlich, und ich machte ihr
Vorwürfe über ihre Hartnäckigkeit. Aber sie lachte der Vorwürfe, und
erinnerte mich unvermerkt an die Worte des Priesters. »Mein Gedächtniß
ist treu!« fuhr sie erröthend fort, und verließ mich. Diese unerwartete
Erklärung, so verfänglich sie auch für ein Mädchen war, war mit soviel
Schamhaftigkeit begleitet, daß ich nicht wußte, ob ich mehr erstaunen,
oder mehr entzückt darüber seyn sollte. Aber auf einmahl wurde das
Gespräch mit dem Geistlichen mir wieder gegenwärtig, ich ernannte eine
andere Pathe, und _Manon_ war nur bei dem Gastmahl gegenwärtig.
Ich dankte ihr für eine so ausserordentliche Erklärung, wir vereinigten
uns über unsere Hoffnungen und es wurde beschlossen, daß ich um sie
bei ihrem Vater werben lassen sollte. Ich war unabhängig und in
einem Alter, wo ich niemand mehr Rechenschaft ablegen durfte; ohne
Verwandte, die ich über meine Handlungen hätte um Rath fragen müssen.
_Ribaupierre_ hätte keinesweges Ursach gehabt, über einen Antrag
dieser Art beleidigt zu werden; meine Familie war der seinigen gleich,
mein Vermögen weit ansehnlicher, als das seine, und ich konnte in
der That noch Ansprüche auf eine weit vortheilhaftere Verbindung
machen. Alles dieß ließ uns hoffen, daß er uns nicht im Wege seyn, und
sogleich meinen Vorschlag annehmen würde. Aber wir betrogen uns. Er
antwortete meinem Fürsprecher, daß er mir sehr für die Ehre verbunden
wäre, die ich ihm erzeigen wolle, aber daß er sie nicht annehmen
könne weil es ihm unmöglich sei, sich von einem großen Theil seines
Vermögens zu entblößen, das nur zu seinem anständigen Lebensunterhalt
hinreiche. Solle er es mit seinem Schwiegersohn theilen; so werde er
sehr eingeschränkt leben müssen; ausserdem habe er auch das Wenige,
was er mit großer Mühe von den Trümmern seines Vermögens gerettet,
für sich selbst gerettet. Nur um ihn in seinem Alter zu pflegen, und
ihm das beschwerliche Leben zu erleichtern, habe er seine Tochter aus
dem Kloster gezogen, wo er sie andernfalls gelassen haben würde, und
nicht, um sie in die Arme eines Mannes zu führen, der sie vielleicht
gar noch abhalten könnte, für ihren Vater die schuldige Anhänglichkeit
und Achtung zu zeigen. Wenn sie nicht seinem Willen gemäß handeln
wolle, so wisse er zu gut, was er besäße, und daß sie nichts von ihm
verlangen könne, als ihr Mütterliches. Um sein Vermögen nach seinem
Tode zu erhalten, müsse sie es erst durch ihre Zuneigung gegen ihn zu
verdienen suchen, wo nicht, so wisse er, woran er sich zu halten habe.
Dieß sei sein letzter Entschluß, setzte er noch hinzu, und er bitte
sehr, daß man gegen ihn nie mehr davon sprechen solle, seine Tochter zu
verheirathen, wenn man sein Freund bleiben wolle.
Diese so bestimmte Antwort war ein entscheidendes Urtheil. Seine
Tochter weinte darüber, und ich war in Verzweiflung, aber es gab
kein Mittel dagegen. _Ribaupierre_ war zu bestimmt in seinem Willen,
und er hatte Zeit gebraucht, um diesen Entschluß reifen zu lassen.
Das letzte Mittel, das wir ergriffen, weit entfernt, uns weiter zu
bringen, wie wir es gehofft hatten, hätte uns bald unwiederruflich
zu Grunde gerichtet. Wir steckten uns hinter seinen Beichtvater, der
ihm vorstellte, daß seine Tochter nicht leicht eine vorteilhaftere
Heirath thun könnte, daß sie bald ein Alter erreichte, worauf man
Rücksicht zu nehmen nöthig hätte, und daß es hohe Zeit sei, sie zu
verheirathen; daß ich darin willigte, sie ohne Heirathsgut zu nehmen,
nur die Versicherung verlange ich, daß ich ihn nach seinem Tode allein
beerben solle. Indem er sich einen Schwiegersohn wähle, so hätte er,
statt einer einzigen Stütze, deren zwey. Selbst sein Gewissen nahm er
in Anspruch und stellte ihm vor, daß er dazu verpflichtet wäre, und
tausend bösen Vorfällen dadurch vorbeugen könnte; denn ein Mädchen, dem
man Zwang auflegte, und das von der Leidenschaft beherrscht würde, wäre
leicht auf Abwege zu bringen. Kurz, der Geistliche erschöpfte mit der
größten Beredsamkeit, die ihm die geistliche Liebe nur eingeben konnte,
alle Gründe für unsere Vereinigung, aber sie gelang ihm nicht. Er hatte
mit einem Manne zu thun, dessen Gemüth durch sein eigenes Unglück
erbittert war, den die Erfahrung belehrt hatte.
Er gäbe gern zu, sagte er, daß die Verbindung für seine Tochter dem
Anschein nach vortheilhaft wäre, da er aber niemanden Rechenschaft von
dem Zustand seines Vermögens gegeben hätte, so könnte es sich doch
vielleicht nach seinem Tode finden, daß sie eine so vortheilhafte
Parthie wäre, als ich. Ihr Alter wäre noch nicht so gefährlich, um die
Sache so eifrig zu betreiben. Drey oder vier Jahre mehr würden nicht
mehr Falten in ihr Gesicht bringen, und wenn sie spät heirathete, so
würde sie wenig Kinder bekommen, aber sie würden gesund seyn, und
von einer starken Constitution. Sie würde ihren Verstand vollkommen
ausgebildet haben, besser ihre Wirthschaft zu führen im Stande seyn und
nicht mehr Gefahr laufen in die Zerstreuungen der Jugend zu fallen. Was
mein Anerbieten betreffe, ihm den Genuß seines Vermögens zu überlassen,
so lang er lebe, so danke er gar sehr für die Gnade, ihn genießen zu
lassen, was sein Eigenthum sei. Beides, den Gebrauch des Geldes, so
wie das Recht daran, könne ihm niemand streitig machen, und er wolle
es sich auch bis an sein Ende bewahren, denn wenn er einmal sich des
Rechts entäussert hätte, nach Gefallen darüber zu gebieten, so würde
sein Sohn, wie seine Tochter glauben, daß dieser Genuß ein Raub wäre,
den er an ihnen begangen hätte. »So gut bin ich nicht,« sagte er, »um
zu sterben, weil es ihnen Freude macht, auch sollen sie nicht die Sünde
auf sich laden, Gott zu beleidigen und meinen Tod zu wünschen. Die Welt
giebt Beyspiele genug von Greisen, die einfältig gewesen sind, um sich
aus mißverstandener Güte für ihre Kinder unglücklich zu machen, diese
sollen mir nicht zum Muster dienen. Meine Tochter soll, so ist mein
Wille, immer von mir allein abhängen, ohne weder mich, noch sich selbst
der Großmuth eines Schwiegersohns zu überlassen.«
»Ich betheure bei Gott,« setzte er hinzu, »daß sie nie dieser Gefahr
ausgesetzt seyn soll. Ich bedarf auch der Unterstützung eines
Schwiegersohns nicht, meine Geschäfte bedürfen keines Gehülfen, noch
keiner rechtlichen Fürsprache, alles ist im Klaren und in Ordnung,
ich habe keine gerichtlichen Verfolgungen zu befürchten, weil ich
niemand einen Heller schuldig bin. Ich selbst brauche nur die Dienste
meiner Köchin und eines Bedienten, um mir den Stock zu reichen, wenn
ich aufstehen will. Was mein Gewissen betrifft, so bin ich kein
Casuist, aber ich finde nicht, daß ich dem gemeinen Menschenverstand
zuwider handle, und ich verstehe noch weniger, wie von einer Heirath
meiner Tochter mein Heil abhängen sollte. Fast scheint es, daß man
mich einige Abweichungen von ihrer Seite wolle befürchten lassen,
um mich bei einem höhern Gericht verantwortlich zu machen, wenn ich
sie nicht verheirathen wollte. Aber auf dieses habe ich nur ein Wort
zu erwiedern. Ich gebe gern zu, daß die Väter oder Mütter bei einer
üblen Aufführung ihrer Kinder nicht schuldlos sind, wenn sie ihre
Neigungen zwingen wollen, sei es durch eine Heirath oder durch das
Kloster. Aber keines von beiden hat sie von mir zu befürchten. Bin ich
tod, so ist sie frey, und kann nach ihrer Neigung eine Wahl treffen.
Noch weniger bin ich gesinnt, sie wieder ins Kloster zu schicken, ich
habe sie für mich und weil ich ihrer bedarf herausgenommen. Indeß
wenn es ihr Wille wäre, würde ich sie auch davon nicht zurückhalten,
doch fürchte ich dieses nicht, da es ihr so am Herzen liegt, sich zu
verheirathen. Was die Befriedigung der Bedürfnisse unserer Kinder
angeht, so finde ich die Ältern sehr strafbar, wenn sie ihre Kinder
in die Nothwendigkeit versetzen, zu der Börse anderer ihre Zuflucht
zu nehmen. Aber bei meiner Tochter ist dieß nie der Fall gewesen,
sie hat alles, was sie bedarf und noch zum Überfluß. Ich versagte
ihr nichts, und war immer der Erste ihren Beutel zu füllen, ohne
erst zu erwarten, daß sie mich darum bat, und sie brauchte mir nie
Rechenschaft darüber abzulegen. Darum würde es nicht Noth seyn, die sie
zu Ausschweifungen führte, sondern nur Sinnlichkeit, und dafür kenne
ich ein untrügliches Mittel, ich werde sie niemahls aus dem Gesichte
verlieren, auch ihrer Kammerjungfer, auf die ich mich verlassen kann,
befehlen, sie niemahls aus den Augen zu lassen. Ich werde sie jederzeit
in die Messe begleiten, und sie immer in meinem Zimmer beschäftigen,
ohne sie herausgehen zu lassen, wenn sie nicht von sichern Leuten
beobachtet wird. Jede Art von Andachtsübungen und Wallfahrten, die
ausser meinen Wänden geschehen könnten, werde ich zu hindern wissen.
Briefe erlaube ich herzlich gern zu schreiben, denn diese sind es
nicht, die das Geschlecht vermehren. Auch werde ich selbst Herrn
_d'Autun_ nicht verbieten, sie zu sehen, aber dieß muß immer unter
meinen Augen geschehen. Sollte ich aller Maaßregeln ungeachtet betrogen
werden, so würde _Manon_ schuldiger vor Gottes Augen seyn, als ich. Ich
werde nicht um fremder Sünde willen verdammt werden, und überlasse sie
ihrem eigenen Gewissen. Ich hoffe, sie ist klug und zu gut erzogen, um
Thorheiten zu begehen, aber würde sie sich welcher schuldig machen,
so muß sie allein dafür büßen, und sie würde in diesem Fall aller
Ansprüche auf mein Vermögen verlustig werden.« --
Seine lange Antwort war hier zu Ende, aber nicht sein Gespräch mit dem
Beichtvater. Er hörte ein Geräusch, und konnte nicht zweifeln, daß ich
mit seiner Tochter gehorcht hätte, wie auch der Fall war; wir waren
in der größten Verlegenheit, er brach in laute Schmähungen aus, und
beschämte seine Tochter so sehr, daß ihre Thränen flossen. Wir zogen
uns zurück, mußten aber zuvor noch eine trefliche Ermahnung hören, die
er an den Beichtvater richtete, ohne das Ansehen zu haben, als spräche
er mit seiner Tochter.