Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer hätte

hinter diesen holden, lieblichen Zügen eine so erniedrigende Handlung

vermuthen können, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man

sie zurückbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen,

hätte ich gern alles, was in meinem Vermögen ist, hingeben mögen.

Aber gleichwohl kann ich sie unmöglich für unschuldig halten, so sehr

ich auch wünschte, daß sie es wäre, denn ihre Flucht, ihr Bemühen,

das Bündel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die

Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles dieß

spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie

wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.

Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob

ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so

konnte ich mir doch das Räthsel Deines Benehmens nicht lösen, und

die Ungewißheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir

höchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu überreden suchte, daß eine

Erklärung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn könne.

Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Aufträge

gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte

theilnehmend meine Unpäßlichkeit, die er dem bloßen Zufall zuschrieb,

und spielte, was mein Verhältniß zu Dir betraf, meisterhaft den

Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen

übergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes

Gewissen, oder die höchste Frechheit es im Stande ist. Wer hätte diesem

hübschen Mädchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott

weiß, daß es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie

zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglückten

Probe für ihr ganzes künftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb

seyn.

Die Gewißheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach,

empörte mich zu sehr, als daß ich sogleich hätte antworten können. Er

schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell,

um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefühle zu vermeiden. Unter dem

Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau

zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte

mich völlig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwünschungen, die

immer Bezug auf Dich hatten, hielt man für Fieberfantasien, und suchte

durch starke Aderlässe und andere medicinische Ermattungsmittel

meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem

letzten Tropfen desselben wäre doch die geheimnißvolle Allmacht nicht

geschwächt worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an

Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich

fesselte, weil mir der Verlust meiner Kräfte zu fühlbar war, als daß

ich die Hindernisse hätte hinweg räumen können, die jeden Versuch nach

Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und

erklärte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich

aufzusuchen. Meine Mutter hörte meinen Entschluß unruhig an. Ihr Blick,

ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewöhnlich. O mein Sohn, sagte

sie, vergiß doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wäre,

selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden hätte,

würde sie jetzt für Dich verlohren seyn. -- Sie ist todt! -- Todt? rief

ich fürchterlich erschüttert, ach unmöglich, unmöglich!

Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglücklichen

Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und

mit aller Wärme der zärtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen

Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkündigt, daß

sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was muß sie nicht

gelitten haben, da sie so plötzlich in der vollen Blüthe der Jugend und

Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewiß hat sie Schmerz, Schaam und

Reue zum frühen Grabe geführt. --

Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. -- Nein, sie lebt, sie

lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wäre? schnitt

mit Höllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was

willst Du machen? fragte meine Mutter.

Ich will hin nach Mühlberg, ich will mich selbst überzeugen, -- aber

wehe dem, der durch eine Lüge dieß gräßliche, vernichtende Bild vor mir

aufstellte. Ich würde die Pein, dir ich jetzt leide, fürchterlich an

ihm rächen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich würde ihm

vergeben, -- ich würde ihm danken, daß es nur Lüge war.

Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich

des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hörte. Nur eine Minute

hielt ich den Zügel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener,

zurück! rief er, ich muß für Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du

entgegen eilst, taugt nicht für einen Halbgenesenen.

Nein, gnädiger Herr, ich gehe nicht zurück. Meine Liebe und meine

Pflicht ruft mich vorwärts, und wenn Sie die Rechte der Menschheit

ehren, so halten Sie mich nicht auf.

Zurück, ich befehl es Dir, sagte er drohend und gebieterisch.

In diesem Augenblick folg' ich nur dem heiligern Befehl meines Herzens.

Wie, Du willst Dich widersetzen, Unverschämter, rief er mit loderndem

Zorn, wende gleich um, oder geh aus meinen Diensten.

Das fällt mir nicht so schwer, als Ihnen zu gehorchen, war meine

Antwort, und ich sprengte dahin.

Eine tiefe, traurige Stille herrschte im Dorfe, als ich durch Mühlberg

ritt. Ach beinahe war es mir willkommen, daß mir niemand begegnete, den

ich hätte fragen können, denn selbst in meiner peinlichen Ungewißheit

lag noch eine Art von Trost, die wenigstens einen Schimmer von Hoffnung

zuließ.

Mit klopfendem Herzen, auf dem die ängstlichste Erwartung mit bleiernem

Gewicht lag, nahte ich mich Deinem Hause, aber ach, wie kann ich Dir

beschreiben, was ich empfand, als ich es von schwarz gekleideten Leuten

umringt sah, und in ihrer Mitte einen Sarg erblickte, den man eben im

Begriff war, fortzutragen. Niedergedonnert von allen Schrecknissen der

Fantasie und der Wahrheit gerieth ich ausser mir. Mein Pferd wurde

bei dem ungewohnten Anblick scheu, und sprang auf die Seite, -- indem

stimmte man einen geistlichen Gesang an, der meiner Meinung nach _Dich_

zur Ruhe begleiten sollte, und zu gleicher Zeit begann der Leichenzug.

Ich drückte den Hut tief in die Augen, gab dem bäumenden Roß die

Sporen, und jagte mit verhängtem Zügel, -- gleichviel wohin.

Der Zufall, der so oft über die Wege entscheidet, die wir auf der Bahn

des Lebens wählen, veranstaltete dießmahl, daß ich ohne es zu wissen,

den nach meiner Heimath einschlug. Gedankenlos ritt ich die bekannte

Straße, die mir vorkam, als führe sie durch lauter fremde, dämmernde

Gefilde, -- gedankenlos langte ich in Spillingen bei dem Hause meiner

Eltern an, und als ich mich von ihnen theilnehmend umringt sah, glaubte

ich in der Zerrüttung meines innern Sinnes unter feindseelig gesinnten,

unbekannten Menschen zu seyn.

Mein Zustand war ihnen fürchterlich. Er schien die Dumpfheit der

tiefsten Verzweiflung zu seyn, die nur eines geringen Anlasses

bedurfte, um in tobenden Wahnsinn überzugehn. Endlich als ich weinen

konnte, wurde es leichter in meiner Seele, aber es war nur Ermattung,

nicht Ruhe, die mit dem Sturm abwechselte, der in mir braußte.

Ich wurde gefährlich krank, doch behielt ich stets meine völlige

Besonnenheit, vielleicht um desto empfindlicher zu leiden. Lorchen

und ihre Eltern nahmen den innigsten Antheil an der Traurigkeit,

die an meinen besten Kräften zehrte, und da theils die Behandlung

meiner Mutter nicht delicat genug war, um nicht stündlich meinen

Schmerz zu erneuern, theils sich auch in Spillingen mir eine Menge

Erinnerungen aufdrangen, die ihn nährten, so schlug mir Werner vor,

meine Wiederherstellung in seinem Hause zu erwarten. Veränderung

der Gegenstände und der Luft war mir von dem Arzt empfohlen, und so

gleichgültig, so verdrießlich mir beinahe meine Genesung war, so

konnte ich doch der freundlichen Einladung nicht widerstehen, ohne die

reinste Gutmüthigkeit zu beleidigen. Ich zog also nach Langenfeld, und

hier fingen meine Wunden zwar nicht an zu heilen, aber man suchte

ihr Bluten durch den mildernden Balsam jener feinen Aufmerksamkeit

zu stillen, die sorgsam alles entfernt, was schwermüthige Ideen

hervorrufen könnte.

So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst

kam, je inniger fühlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an

Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwähnte Deinen Namen

nicht, und ich empfand wohl, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah,

sondern um mein Herz zu schonen. --

Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl über die

Härte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir

hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrücken

geschickt, und vielleicht da er so sehr über mich erbittert war, bewog

ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine

eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst

aufzusagen. Ich sahe wohl ein, daß es nicht der rühmlichste Weg meines

Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Güte mir doch nur

immer Fremde waren, im sorgenlosen Müßiggang meine Tage zuzubringen,

und beschloß, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den

Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemühen, zu

entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklärte ihnen meinen Entschluß

im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefühlen von Dank für die

unvergeßliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an

Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.

Lorchen wurde blaß, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge füllte sich

mit Thränen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter.

Der alte Werner schüttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf

und ab. Mein Vater schwieg, -- meine Mutter sah bedeutend bald auf mich

bald auf Lorchen.

Hören Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht

läugnen, daß ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genährt

habe, er werde immer dauern.

Immer, Herr Werner? -- Schon zu lange, fürcht' ich, hab ich Ihre

Gastfreiheit gemißbraucht.

Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und

offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, -- warum

soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. -- Ihr

Verhältniß zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah,

macht es nothwendig, daß Sie ein neues Band knüpfen, das Ihnen Ihren

Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, daß man nicht

so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden könne,

aber darauf bin ich gefaßt. Ich war auch kein leidenschaftlicher

Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er

mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit

die Hand zur Bekräftigung seiner Behauptung reichte. -- Also prüfen

Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs

aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, daß

Sie durch ihre häuslichen Tugenden glücklich seyn können, und weil

ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, -- nur deswegen wünsche ich Ihre

Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich

Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den künftigen Gatten

meines Lorchens und als meinen Sohn.

Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerührt. Lorchen schluchzte

laut, und vermochte es nicht, ihr thränenschweres Auge zu mir zu

erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Stoß Dein Glück nicht

muthwillig von Dir. -- Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater

auf mich. Er nahte sich mir, und faßte bewegt meine Hand. Gönne meinem

Alter die Freude, Dich glücklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo

möglich in einem noch sanftern väterlichem Tone als er gewöhnlich zu

mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stößt, in

dem ich grau geworden bin, o so laß mich dann bei Dir ein ruhiges

Plätzchen finden, wo ich sterben kann.

Die Möglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele,

und bestimmte mich zu dem Entschluß, mich der Zufriedenheit anderer

aufzuopfern, da mir eigenes Glück versagt war. So empfing ich Lorchens

Hand, und daß sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend

Proben ihrer treuen, zärtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer

über mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und

begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die

ich für sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente.

Für ihr sanftes Gemüth war die Liebe, was der Sonnenschein der

unentfalteten Blume ist. Jede holde Fähigkeit, jede anmuthige

Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wärmenden Strahle,

und jede hatte den Zweck mich zu beglücken. Ach es wäre möglich

gewesen, hätte ich nie Justinen gekannt! --

So schlichen mehrere Jahre vorüber, -- Jahre, die noch jetzt in der

Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen muß,

im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten

Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch

bitter, gekränkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und

wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekümmert um alles, was in

der Gegend vorging, verstreichen, daß die Nachricht Deines Lebens erst

spät in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.

Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum

konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu süß, als daß ich an

ihr hätte zweifeln mögen. Im ersten Rausch der Überraschung entwarf

ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an dieß

liebende Herz zu drücken, das noch immer so ganz Dein eigen war,

-- aber schnell zertrümmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen

Luftschlösser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fühlte mich

wieder elend wie zuvor.

Lorchen hörte mit mir zu gleicher Zeit, daß das Gerücht Deines Todes

ungegründet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mühlberg kam,

hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefährlich krank lagst,

erfahren, daß man fürchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und

die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewißheit. Der Tod Deines

Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst überzeugen wollte,

wie es mit Dir stand, bestätigte mir fürchterlich die vernommene

Trauerpost, denn unfähig zu fragen oder zu untersuchen, _wem_ das

schauerliche Leichenbegängniß eigentlich galt, hielt ich es in der

schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, für das Deinige, und

nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der

giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.

Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden,

aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe

bewachte. Zwar sah sie, daß ich Meister meiner glühenden Wünsche

war, und daß ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten

durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die

Anstrengung, die es mir kostete, und überließ sich dem geheimen Gram

gekränkter Zärtlichkeit, ohne daß eine Klage, oder nur ein Wort, das

einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht hätte.

So näherten wir uns allmählig dem Zeitpunkt, der für uns entscheidend

war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht

besänftiget hatte, ließ mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern.

Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfüllen, sandte er uns

seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen.

Ein fürchterlicher Traum hatte sein böses Gewissen geängstigt.

Um den düstern Eindruck zu schwächen, den die Rückerinnerung auf

seine Stimmung machte, beschloß er, sich durch einen Spazierritt zu

zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglücklichen

Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.

Als er die Annäherung desselben fühlte, regte sich das Andenken

seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen

den ängstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die,

-- wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch

richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der

Bösewicht erschrickt, Gutes und Böses aus einander wiegt. Ach er hatte

es sich nie einfallen lassen, daß in der Sterbestunde die lachenden

Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthümliche

Häßlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genuß der Gesundheit und der

rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war,

grinzte ihn jetzt fürchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.

Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus

wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner

Thränen, das sich mir vorstellte, knüpfte sich das holde Andenken

der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein

Auge naß, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir

Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das

Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklärt, daß

er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes

Bekenntniß ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen

worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhören. Schweigend

bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in

fürchterlichen Krämpfen lag. Die gnädige Frau spielte einstweilen in

ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. --

Mühsam rang der Sterbende nach so viel Kräften, als eine kurze

Erzählung fordert, und in abgebrochenen Sätzen, doch klar und

bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklärte er

Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber

Deines Unglücks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, daß

der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegründet wäre, so machte doch

dieß entsetzliche Geständniß einen Eindruck auf mich, den meine Brust

beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen

Kenntniß des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen überlegten

Abscheulichkeit nicht fähig gehalten, und sie stand mit allen ihren

traurigen Folgen, wie eine geöffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.

Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste

erschüttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche

Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er

nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmächtig zur Erde fiel.

Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie

an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach

einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkündigte mir, daß

der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei.

Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.

Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat

mit einer Hast darum, die mir verrieth, daß sie die Schwäche ihres

Zustandes fühlte. Stumm saß sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob

ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden

Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen

an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald

wieß sie sie zurück und verbarg ihre Thränen. Als wir in Langenfeld

ankamen, hatte schon ein Fieber mit zerstöhrender Gewalt ihren Körper

ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte

eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschütterung

zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen

mißbilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte

sie, und Gottlob! daß es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflösung

entgegen.

Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich

bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich

beizustehn, wenn sie Hülfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und

schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem

letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt

hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rührenden Innigkeit schloß

sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, daß sie, nächst dem

Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie

entdeckte mir, daß sie längst eingesehen habe, daß sie nicht im Stande

sei, mich für Deinen Verlust zu entschädigen, und ersuchte mich mit

Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die

unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie

zu mir, -- o benutze dann Deine Freiheit, um so glücklich zu werden,

als ich Dich gern gemacht hätte! --

Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir

die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch

nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht,

Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, daß mein Ende

nicht mehr fern ist. Sie würden mich dadurch um unersetzlich kostbare

Stunden betrügen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern

Zurückbleibenden so viel zu sagen, -- wie viel mehr bei einer so

ernsten Reise, als mir bevorsteht, -- bei einer Reise, von der man

niemahls wiederkehrt. --

O Justine! laß mich die bangen Stunden mit Stillschweigen übergehn,

in denen ich an ihrem Bette saß, und Zeuge der frömmsten, sanftesten

Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich

nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, -- so stirbt nur die

Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprüche auf die reinste

Seeligkeit des Himmels giebt! -- -- --

Ehe sich ihr Auge auf ewig schloß, wandte sie es noch einmahl auf

mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie

streckte uns zärtlich ihre Hände entgegen und sagte sanft: Weinet

nicht, meine Lieben! mir öffnet sich eine bessere Welt, -- mir winken

die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn

das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glücks seyn. O genieße

es so rein und unverfälscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlägen

Dir es wünscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen

Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr längst gewidmeten Liebe die

Zeilen, die ich mit inniger Empfindung für sie geschrieben habe, und

die man bei mir finden wird.

Sie mußte abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon

schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der

ganzen Wärme ihres dankbaren Gefühls das letzte, bittre Lebewohl. Ich

hoffe, fügte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie

vergessen, daß Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn

immer die Rechte eines Sohns genießen; -- er wird suchen, Sie durch

Sorgfalt und Pflege über den Verlust einer Tochter zu trösten, die Sie

doppelt gut und liebenswürdig in Justinen wieder erhalten werden.

Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. -- Ihre Brust hob sich noch

einige mahl unter stärkern Athemzügen, wie gewöhnlich, -- und ihre

schöne Seele war entflohn.

Die Betrübniß, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der

biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an

einander knüpfte, als das Verhältniß der Verwandtschaft und der Liebe.

Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachließ, drangen sie in mich,

den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen

hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete.

Sie betrachten Dich als ein theures Vermächtniß ihres Lorchens, von

ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lücke auszufüllen, die ihr

Tod in unserm Cirkel riß, und mit offenen Armen versprachen sie mir

freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zärtlichkeit, die

sonst der lieben Verstorbenen gehörte, Dir Deine ehemahligen Leiden

vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reißte

also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Städtchen,

durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich

seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise führte.

Die Bekanntschaft auf der Reise · 第 6 / 11 段