unterscheiden konnte, die mich umgaben, erkannt' ich meine gute
Schwester, die an meinem Bette saß. Ich streckte meine Arme nach ihr
aus, und sie drückte mich zwar mit einem Freudengeschrei, aber zugleich
mit einer Fluth von Thränen an ihr Herz, die mich erschreckte, als ich
ihr bleiches, kummervolles Gesicht, die tiefe Trauer in ihrem Anzug und
in ihrem ganzen Wesen bemerkte. Ich konnte die ängstliche Furcht nicht
verscheuchen, die mir zuflüsterte, daß mir noch ein neues schweres
Leiden bevorstand. Eilig und sehnsuchtsvoll frug ich nach meinen
Eltern. Die Mutter ist krank, antwortete Philippine. Ihre Sorgfalt
für Deine Pflege, ihr Gram über Dein Unglück und über mancherlei
andere Dinge hat sie aufs Krankenbett gelegt. Doch verspricht der
Doktor sie bald wieder herzustellen, und die Freude, daß es sich mit
Deiner Gesundheit bessert, wird vortheilhafter auf sie wirken, als die
kräftigsten Arzeneien. --
Und mein Vater? -- Philippine schwieg einige Momente, dann sprach sie
mit zurückgehaltenen Thränen: Der Vater schläft -- ihm ist wohl!
O wenn das ist, so wecke ihn. Laß mich ihn sehn, daß ich ihm mein
Schicksal klage, und meine Unschuld betheuere. --
Philippine fing heftig an zu weinen. Ich soll ihn wecken? sagte sie.
Ach, wenn ich _das_ könnte! -- Das vermag nur Gott, der ihn zu sich
nahm.
Justinens Auge floß hier über -- sie nahm den Faden ihrer Erzählung
nur nach einer langen Pause wieder auf, in der sie mit ihrem Schmerze
zu kämpfen schien. O lassen Sie mich von den Gefühlen schweigen,
sagte sie dann, die bei dieser schrecklichen Nachricht meine Seele
erschütterten. Ich erfuhr, als ich erst wieder Kräfte hatte, mich näher
zu erkundigen, daß der Schrecken meinem Vater eine Art von Schlagfluß
zugezogen, und daß der Kummer und die Vorwürfe, die er meinetwegen
sich selbst gemacht hatte, ihn nach einem kurzen Krankenlager ins Grab
gestürzt hatten. Die festere Natur meiner Mutter erhielt sie mir noch
ein Jahr -- dann folgte sie ihm vor Gottes Richterstuhl, wo sie als
Anklägerin den Urheber meines Elends erwartet.
Und Lorenz? fragte ich mit inniger Bewegung. Konnte Lorenz ein Herz
verkennen, das so edel, und so ganz sein eigen war? --
Lorenz, versetzte Justine mit einem traurigen Lächeln, Lorenz war ein
Mensch. Ob er mich wirklich einer niedrigen Handlung fähig hielt, ob
die Umstände, die wider mich sprachen, auch ihn zu meinem Nachtheil
stimmten -- ob die Schande, die ich öffentlich erduldete, oder der
Wille seiner Mutter eine unübersehbare Kluft zwischen ihm und mich
warf -- das weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ein halbes Jahr
verging, ehe mein Schmerz über den Verlust meines Vaters, und meine
Sorge für die wankende Gesundheit meiner Mutter mir erlaubte, nach
ihm zu forschen. Die erste Nachricht, die ich von ihm einzog, war die
Nachricht seiner Verbindung mit Lorchen.
Es überraschte mich -- ich läugne es nicht -- es fiel mir hart.
Aber ich war nun schon so in der Übung zu leiden, wenn ich mich so
ausdrücken darf, ich hatte der Hoffnung glücklich zu seyn nun schon
so ernst und freiwillig entsagt, daß ich bald im Stande war, mich
zu fassen. Kurz darauf hatte ich Gelegenheit, mich von den nähern
Umständen und dem Charakter des alten Werners und seiner Familie genau
zu unterrichten. Ich hörte so manchen Zug ihrer Rechtschaffenheit, so
manches ungekünstelte herzliche Lob, das vorzüglich Lorchen betraf, daß
ich nicht daran zweifeln konnte, Lorenz sei glücklich. Auch erfuhr ich,
daß seine Heirath der lange ernste Plan seiner Mutter gewesen war, und
ich tröstete mich durch die Überzeugung, daß sie nie in eine Verbindung
mit mir gewilligt, oder doch wenigstens durch ihre Abneigung und ihre
Denkungsart unser häusliches Glück getrübt haben würde.
Als ich die letzte, traurigste aller kindlichen Pflichten befolgt, und
meine Mutter zu ihrer Ruhestätte begleitet hatte, verließ ich Mühlberg,
und zog hieher zu meiner Schwester. Die freundliche Liebe, die mich
empfing, und die mich bald an ihr Haus, an ihren Mann und ihre Kleinen
fesselte, die Einigkeit in unserm engen, trauten Familienkreise, -- o
das erweckte die erste blühende Empfindung wieder, die mich aus dem
langen Winterschlaf meiner Seele riß. In Thätigkeit und Fleiß, und --
warum sollte ich die reinste Quelle meiner Beruhigung verhehlen? -- in
stiller Andacht und Gebet errang ich mir jene sanfte Ergebung, die sich
ruhig auch in harte Schicksale fügt. Ich dachte noch oft an Lorenz, und
trauerte um meine vergeblichen Träume. Wenn ich mir ihn als Lorchens
Gatten vorstellte, war es mir eine Art von Trost zu glauben, daß ihn
nur die Meinung meines Unwerths, und kein Wankelmuth von mir geschieden
hatte, denn, -- es dünkt Sie vielleicht bloß eine Schwärmerei, --
aber fest und innig ist der Glaube in meine geprüftesten Grundsätze
verwebt, daß eine Liebe, die _von selbst_ aufhören kann, keine Liebe
_war_, und diesen heiligen Namen nimmer verdiente. Und die Gewißheit,
daß mich Lorenz nicht so mit ganzer Seele geliebt hätte, als ich es
meinte, -- -- ach _die_ könnt' ich schwerer ertragen, als all' mein
gehabtes Unglück, stürmte es auch noch einmahl über mich zusammen,
denn sie ist der einzige Strahl, der meine stille Abgeschiedenheit
erheitert, wenn ich an die vorigen Zeiten denke.
Und suchten Sie nicht den Bösewicht zur Strafe zu ziehen, der Ihnen
diese trüben Tage bereitete, fragte ich. Drangen Sie nicht auf eine
öffentliche Genugthuung?
Nein, antwortete Justine. Bei dem Cirkel, in welchem ich lebe und bei
meinen Bekannten in Mühlberg bin ich längst gerechtfertigt. Sie kannten
mich zu gut, um nur Einen Augenblick an meiner Unschuld und an der
Wahrheit meiner Aussage zu zweifeln. Daß man auch in Spillingen weiß,
daß ich unverdient gelitten habe, kann mir nichts helfen, denn ich habe
keinen Sinn für Rache, und wenn es Lorenz erführe, so könnt' es den
Frieden seiner Ehe stören. Denn ach! -- müßten nicht Reue und Schaam
sein Inneres zerreißen, wenn er hörte, daß ich niemahls seiner Achtung
unwerth gewesen wäre, -- -- daß nur meine Treue und meine Tugend mich
in Schande und Elend gestoßen, und _Er_ mich ungehört verdammt, und
den Bund der Liebe zerrissen hätte, den ich durch keinen Fehltritt
entweiht? -- Nein, oft wünscht ich zwar in seinen Augen gerechtfertigt
zu seyn, aber nicht auf Kosten seiner Ruhe. Er lebt vielleicht
zufrieden und glücklich, -- könnte er es auch noch dann, wenn er wüßte,
wie ungerecht er dadurch gegen mich gewesen, daß der Schein einer
strafbaren Handlung ihm soviel als Gewißheit gegolten habe? Ich glaube
es nicht, und darum trage ich ohne Murren das kränkende Gefühl seiner
Verachtung.
Sie sagte diese Worte feierlich und langsam mit dem Ton der stillsten
Trauer. Ich umarmte sie dankbar für ihre Erzählung, und konnte ihr den
Zoll des Mitleids und der Bewunderung nicht versagen. Zu gleicher Zeit
aber erregte Lorenzens Betragen den ganzen Unwillen meines Herzens,
ob ich ihn gleich nicht zu äussern wagte, da Justinens reine Güte
ihn zu entschuldigen schien. Ach verdiente das treuste Herz keine
Nachforschung, ob es auch schuldig war? dacht' ich schmerzlich bei mir
selbst, als ich Justinens blasse Gestalt, so rührend mit dem Stempel
jener stillen Ergebung bezeichnet sah, die nur ein langwieriger Gram
hervorbringen konnte, -- jener Ergebung, die zwar geduldig die Bürde
des Schicksals trägt, aber todt für alle Freuden ist, die ihr die
Zukunft als Entschädigung bietet. In ihrem nassen Auge strahlte noch
der Liebe reinste Flamme in unvergänglicher Jugend bei der Erinnerung
des Geliebten, -- ach, und er konnte sie einem Verdachte opfern, den
nur leise zu fassen, schon Beleidigung für ihre fromme Seele war? Nicht
allein die Innigkeit seines Verhältnisses mit ihr; auch die Pflicht
des redlichen Mannes, dünkte mich, hätte ihn auffordern sollen, die
Entdeckung der Wahrheit zum Ziel seiner regesten Thätigkeit zu machen,
ihre Unschuld zu prüfen, sie der Welt zu beweisen, und das Unrecht zu
rächen, das sie drückte. --
Die kindischen Ausrufungen der Freude, die wir vernahmen, kündigten
Justinen die Zurückkunft ihrer Verwandten an. Wir traten heraus,
als eben das ländliche Fuhrwerk vor der Hausthür hielt. Die Kleinen
begrüßten mit frohem Geschrei ihre Geschwister und ihre Mutter, die,
als mich Justine ihr vorstellte, mich zwar freundlich, aber nur
flüchtig willkommen hieß, und mit ihrem wohlwollenden Auge, in das
sich Unruh mischte, aufmerksam und forschend auf dem stillen, ruhigen
Gesicht ihrer Schwester verweilte, die mit den Kindern, welche indessen
froh die bunten Geschenke des Jahrmarkts betrachtet hatten, sogleich
den Schwager vermißte.
Aber wo ist denn Dein Mann? frug sie Philippinen, und die Kleinen
hingen sich mit zärtlichem Ungestüm an ihre Mutter und riefen: Warum
hast Du uns denn den Vater nicht wieder mitgebracht? --
Er kommt zu Fuße nach, antwortete Philippine, und bringt einen
Fremden mit. Sie stiegen unten am Walde ab, um Dich nicht zu heftig zu
überraschen.
Verwundernd blickte sie Justine mit großen Augen an. Wer ist
denn dieser Fremde? sagte sie furchtsam, als ergriffen ahndende
Vorstellungen ihr Inneres. Philippine fiel ihr mit Thränen um den
Hals. Ein Unglücklicher, sagte sie, der an Deinem treuen Herzen Ersatz
für das verlohrene Glück der Vergangenheit sucht, um welches das
Schicksal ihn betrogen. Ach Justine, bist Du wohl stark genug, um ohne
gewaltsame Erschütterung einen alten Bekannten wieder zu sehn, der Dir
so theuer war, und der es noch ist, ob Du gleich seinen Verlust als
unwiederbringlich betrauertest?
Justine zitterte -- ihre Brust arbeitete unter heftigen Bewegungen,
ihre Lippen bebten, ohne zu sprechen. Eben kam Färber mit dem Fremden
aus dem waldigten Hintergrund. Ich sah eine hohe, schöne männliche
Gestalt mit edlen ausdrucksvollen Zügen, denen aber stiller Kummer
seine Furchen eingegraben hatte. Dunkles Haar umflog die bleichen
Wangen, von denen der Gram die Blüthe der ersten Jugend und der vollen
lachenden Gesundheit hinweg gebrochen hatte, ohne darum seinem Gesicht
die Anmuth zu rauben, die es mit unaussprechlichem Interesse beseelte.
Wäre auch die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Schattenriß in Justinens
Zimmer nicht so auffallend gewesen, wie sie wirklich war, so würde
schon sein großes schwarzes unbeschreiblich rührendes Auge, das ich aus
ihrer Erzählung kannte, mir ihn als Lorenz genannt haben.
Obgleich Justine durch ihre Schwester und durch ihre eignen Ahndungen
auf seinen Anblick vorbereitet war, da niemand als _Er_ eine so tiefe
innige Beziehung auf ihr Herz und ihr Geschick hatte, als daß sie
zweifeln konnte, _ihn_ zu sehn, so wirkte seine Annäherung doch
gewaltsam, beinah vernichtend auf ihr ganzes Wesen. Sie bedeckte
ihr Gesicht mit beiden Händen, und warf sich mit einem Laut des
durchdringendsten Schmerzes in meine Arme. Lorenz eilte, beinahe
eben so sehr von seinen Gefühlen ergriffen, wie sie, auf sie zu, und
zog eine ihrer Hände von ihren strömenden Augen zu seinem Munde. O
Justine, sagte er leise, denn seine Stimme wurde durch die Wehmuth
halb erstickt, die ihn beherrschte: könnten wir beide alle die Leiden
vergessen, die zwischen diesem Augenblick und der Stunde liegen, in der
wir uns zum letztenmahl sahen! -- Ich beweinte Dich als eine Todte,
ach! und als ich erfuhr, daß Du lebtest, hielten mich ernste Pflichten
von Dir entfernt, und ich durfte nichts, als um Dich trauern.
Du hieltest mich für todt? schluchzte Justine: ach, das war ich auch
für Dich -- ich mußte es ja seyn, um meiner Ruhe willen und wegen
Deines eignen Friedens, da Du mich so schnell, so grausam, so ungeprüft
vergessen konntest. -- Sie zog ihre Arme zurück, die sich gleichsam
mechanisch gehoben hatten, ihn zu umfassen. Der Gedanke: Er ist nicht
mehr mein! schien vor ihrer Fantasie zu schweben, und mahlte sich in
ihren starren, verzweiflungsvollen Augen.
Ich hätte Dich vergessen können? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir
Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir -- es begleitete
mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wäre, wär'
ich vielleicht weniger unglücklich gewesen. Jetzt sind die Bande
zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden
Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermächtniß -- und mich!
Seine Thränen flossen -- Justinens heftiger Schmerz ging in die
sanfteste Rührung über. Im heißen Mitgefühl dieser Scene hatte ich
bisher den schwarzen Flor übersehen, der um seinen Arm geknüpft war --
jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend
unterstützte, schöpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch
heiter, eine frohe Hoffnung für Justinens künftige Tage.
Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie
vermochte es nicht, sein Siegel zu öffnen, und ihn zu lesen. Bittend
gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester.
Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink -- es herrschte eine
allgemeine Stille, -- ich benutzte sie, erbrach ihn, und las:
»Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann,
so ist es der, daß mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne
Herzen scheidet -- Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und
meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan,
können Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fähig gehalten,
dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermögend war zu glauben,
daß die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen
Verläumdung sinken könne. Ich habe einer unglücklichen Schwachheit
gefolgt, und in dem kühnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in
Lorenzens Brust zu verlöschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war
ein Wahn, auf den sich süße Träume gründeten, den aber die Wahrheit
nur allzu schnell vernichtete, daß treue Liebe ewig ist. -- Möchte mein
Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fühle, man
niemahls vergessen kann. Möchte ein langes und glückliches Leben an
Ihrer Seite den besten Mann für den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre
lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu
schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, daß er meine Zärtlichkeit
nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der
Welt, daß Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe,
nicht unerfüllt lassen werden. Sie besteht darin, daß Sie den Triumph
Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat,
in den Armen meines Lorenz genießen -- meines Lorenz, den ich nur als
den Ihrigen gern zurücklasse, und den ich Ihren ältern, von seiner
wärmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprüchen wiedergebe. Suchen Sie ihn
die trüben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung
vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schloß, und über die er
mich so großmüthig, wenn gleich vergeblich, zu täuschen suchte. Und
wenn die Zukunft, die ich für Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie
mit der Vergangenheit wieder aussöhnt, o so verweilen Sie bei meinem
Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und
wünschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.
»Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer
Thräne auf den Hügel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt
-- o so halten Sie diese Thräne, die nur das Opfer seiner Freundschaft
ist, nicht für einen Hochverrath der Liebe, und zürnen Sie der Rührung
nicht, mit der er sich meiner treuen Anhänglichkeit erinnern wird. Ach
diese Anhänglichkeit war es ja, die mein Herz im frühen Todeskampfe
brach -- mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug,
weil es fühlte, daß es selbst mit dem redlichsten Bemühen nicht die
Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. -- O Justine, reizend
lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe --
was ist Liebe ohne Erwiederung? -- Seyn Sie glücklich -- machen Sie
Lorenz glücklich! Das ganze Übermaß des Segens, womit der Himmel seine
Lieblinge überschüttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen,
und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit
beschäftigt, wird, wenn es ihm vergönnt ist, Sie unsichtbar umschweben
und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glück Ihres Bundes nehmen.«
Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als
ich aufhörte zu lesen, gleichsam als fühlten wir Lorchens geheime
Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich
denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thränen zu
ehren.
Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen,
und hob seine schönen, nassen Augen bittend und mit der ganzen
Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen
männlichen Ton brach sanft die Rührung, die noch aus seinen Blicken
leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wünsche des meinigen
ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe,
wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich
war, darf ich dann nicht hoffen, daß Dein Besitz mich für meine Leiden
entschädigen werde, und daß Du nicht bloß um das Verlangen der guten
hingeschiedenen Seele zu erfüllen, die sterbend unser Glück von Gott
erbat -- nein, daß Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen
werdest, die so lange schon das Ziel meines heißesten Strebens war?
Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen,
die sie freundlich und liebevoll unterstützte. Ach Lorenz, sagte sie
sanft, schone meiner Schwäche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn,
Überraschung und Wehmuth machen mich unfähig, Dir jetzt zu antworten.
Begnüge Dich mit dem Geständniß, daß Dein Bild noch eben so fest in
meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den
Flammenzügen der Liebe ihr eingrub. Erkläre mir erst, wie es möglich
war, daß Du mich meinem harten Schicksal so ganz überlassen konntest,
ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen -- helle mir das Dunkel
auf, das feindseelig über dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich
nie begreifen konnte, und dann -- sie verstummte. Lorenz deutete ihr
Schweigen, und drückte sie mit Wärme an sein Herz.
Daß auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzählung an) die mir der
Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, _Du_ mein Hauptgedanke
bliebst -- daß _Du_ mitten in den Geschäften, die mich verwickelten,
der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewiß
meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit
mischte. Es war mir unmöglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn
ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die Ängstlichkeit des
Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, hätte sicher meinen
Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth über die unartige Behandlung
meiner Mutter stärker in mir gewesen wäre, als die Verwunderung über
seine sonderbare Eil. Gespornt -- nicht bloß von seinen Befehlen,
sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen
Weg und suchte meine Aufträge mit der möglichsten Schnelligkeit zu
besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das
so gern durch die ganze Fülle seiner Zärtlichkeit Dich für die trüben
Stunden entschädigt hätte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter
und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen
zurück, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen
Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte
nur flüchtig meine Neugierde. Unbekümmert, was es bedeuten mochte,
spähte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung,
Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten
Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so
richtete ich ihn dann mißmuthig auf den Punkt, um den sich lärmend
das Gedränge des Volks herzog. Großer Gott, wie wurde mir zu Muthe,
als ich Dich am Schandpfahl erblickte! -- Ich fühlte eine Lähmung in
allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich
weiß nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar
einer gänzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betäubung, die ihr glich,
hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfähig,
für mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette
gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach
einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine
Besinnung wieder. Es kam mir vor, als hätt' ich geträumt, und eben
wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war,
als eine heiße Thräne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche
Hand die meinige ergriff und leise drückte. Ich wendete mich um, und
sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften
Ausdruck des Mitleids über mich bog, der auch unbedeutende Züge
mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Güte
schmückt. Sie reichte mir einige stärkende Tropfen und ein Glas Wasser,
aber nur mit den Schreckensbildern beschäftigt, die vor meiner Fantasie
schwebten, wies ich jede Hülfsleistung zurück, und forschte nur nach
Dir!
Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzählung nicht auf eine ruhigere
Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine
Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig
und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter
herein. Ich las, -- ach Justine, warum muß ich es sagen, ich las in
ihrem höhnischem Lächeln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen
wollte, -- ich las die Bestätigung der Scene, die wie ein dunkler
Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren
Lippen wessen man Dich beschuldigte.
Wäre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur _einen_
Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht hätte entweihen
können, daß diese schändliche Behauptung gegründet war? Und doch --
ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der
Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der
ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen Überzeugung,
daß Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wüthendem Schmerz
nicht bloß den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir
mahlte. Ich hätte weinen mögen, wie ein Kind, denn nicht allein die
Unbescholtenheit Deines Gemüths, auch Deines Namens, galt mir mehr,
wie der halbe Erdball, und ich hätte ihn willig hingegeben, wenn er
mein gewesen wäre, um den Flecken auszulöschen, den diese unglückliche
Beschuldigung Deiner Ehre anhing.
Alle Rücksichten, die ich sonst für nöthig hielt, fielen jetzt vor
mir weg, -- ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und
beschwor Deine Unschuld mit aller Wärme meines gereizten Gefühls. --
Die Unschuld weiß sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie läuft
nicht bei Nacht und Nebel davon, und führt auch keine brilliantene
Armbänder bei sich, die ihr nicht gehören. Frage nur alle die, die den
gnädigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht
in ihrem Beiseyn über den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was
die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu
vernünftig und ehrliebend, als daß Du nicht einsehen solltest, daß
daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen
und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mädchen nehmen, das wegen
überwiesener Spitzbüberei öffentlich am Schandpfahl gestanden hat? --
Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ich thue Dir
weh, sagte Lorenz, laß mich abbrechen. -- Nein, versetzte Justine,
fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzählung
Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thränen kosten. Ach sie
kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.