keine Närrin, ich bitte Dich darum. Bei dem kleinsten Lärm, den Du
machst, bist Du verlohren. Giebst Du mir aber nach, so schwör ich Dir
bei allen Heiligen, ich will nicht eher ruhen, bis ich Dein Glück
vollendet, und Dich mit Lorenz verbunden habe. Beharrst Du aber bei
Deiner Thorheit, so betheure ich Dir, daß ich nicht mehr die Stimme
der Menschlichkeit, nur die der Rache hören werde. Dein ganzes übriges
Leben soll dann der Reue und der Thränen über das Schicksal geweiht
seyn, das ich Dir bereiten will. --
Seine Worte machten keinen Eindruck auf mich. Ich konnte nicht mehr
zittern vor dem Mann, den ich so tief verachtete, -- nur die leichten
Bebungen des Zorns, nicht der Angst, durchschauerten meinen Busen. Mein
Herz und meine Tugend erhoben mich so weit über ihn, daß ich seine
Drohungen verlachen konnte. Ungeheuer! antwortete ich, denkst Du, daß
ich selbst meine liebsten Wünsche um einen so niedrigen Preis erkaufen
möchte? Nein und wenn Lorenz nie der Meinige würde, -- -- ich lieb' ihn
über alles, -- ich würde höchst elend ohne ihn seyn, -- dennoch würd'
ich seinem Besitz freiwillig entsagen, wenn ihn mir nur das Laster
verschaffen könnte. -- Er biß die Zähne zusammen, und lachte gräßlich.
Nun denn, Unglückliche, sagte er, ich habe Dich gewarnt. So werde
denn das Opfer Deiner Dummheit und Deines Starrsinns. Es wird noch
manche Stunde in Deinem künftigen Leben kommen, wo Du bedauern wirst,
diesen Augenblick verlohren zu haben. Deine Verzweiflung soll mein
Triumph seyn! -- Er verließ mich mit dem fürchterlichen Schwur, mich zu
verderben.
Daß ich den Rest jener Nacht schlaflos und unruhig hinbrachte, ist
wohl natürlich. Zwar traute ich mir Entschlossenheit genug zu, im
entscheidendsten Falle lieber den Tod, als den Verlust meiner Tugend
zu wählen, -- zwar gaukelte die süße Hoffnung mir vor, daß _dieß_
vielleicht die letzte Prüfung des Schicksals gewesen sei, mit deren
Ende die Rosenzeit meiner Liebe ungetrübt und lachend von neuem
beginnen werde, -- zwar sicherte mich der Vorsatz, der durch diesen
nächtlichen Überfall in mir entstanden war, selbst ohne Lorenzens
Zurückkunft abzuwarten, in die Arme meiner Eltern zu fliehen, vor
den fernern Verfolgungen des Kammerherrn, aber dessen ungeachtet
verdrängten finstre Ahndungen schnell jeden Strahl des Trostes, der in
meine Seele fiel, und mit heißen Thränen begrüßte ich das anbrechende
Morgenroth. Sein milder Schimmer schien mir zur Flucht zu winken. --
Ich packte einen Theil meiner Wäsche und meiner Kleider in ein Tuch, um
es mit mir zu nehmen, weil ich befürchtete, der Kammerherr werde sehr
saumselig seyn, mir meine Sachen nachzuschicken, -- dann ging ich in
die Garderobe der gnädigen Frau, die ich unter meiner Aufsicht hatte,
und brachte alles sorgfältig in Ordnung. Es war noch sehr früh, -- ich
glaubte Jedermann in tiefem Schlaf begraben, und wollte die herrschende
Stille benutzen, um unbemerkt zu entkommen. Als ich die Thür der
Garderobe leise und vorsichtig verschloß, hört' ich jemand gehen; -- es
war Wolf, ein Bedienter, der aus den Zimmern des Kammerherrn kam. Ich
konnte es nicht vermeiden, ihm zu begegnen. Bestürzt, daß schon ausser
mir jemand wach war, ging ich ihm vorüber. In seinem Gesicht mahlte
sich Verwunderung, mich zu einer so ungewöhnlichen Stunde zu treffen.
Neugierig und kopfschüttelnd sah er mir nach bis Ende der Gallerie; --
ich glaubte, daß ich keine Zeit mehr zu verliehren hätte, flog in meine
Kammer, und eilte dann wie ein gejagtes Reh mit meinem Päckchen davon.
Als ich durch die Hinterthür des Hauses in den Garten, und von da in
einen Seitenweg trat, der mich in sanften Krümmungen die waldigte
Anhöhe hinab führte, da wurde meine Brust leichter, und mir war, als
sei ich nun allen Gefahren entschlüpft, die mir drohten. Mit weiten
frohen Athemzügen trank ich die kühle Morgenluft in mich, und mein
glühendes inniges Gebet stieg mit dem Gesang der Lerche, die sich von
einem Waizenfelde trillernd erhob, zum Geber alles Guten empor.
Schon hatte ich den Spillinger Wald so weit hinter mir, daß ich nur
leise und unterbrochen den Schlag einer späten Nachtigall noch
vernahm, die ihn bewohnte, -- meine Einbildungskraft trug mich
weiter, wie meine Augen, und zeigte mir Mühlberg, als das Ziel meiner
Wanderschaft lachend von Ferne mit all' dem stillen Frieden, den ich
mir von seinem Wiedersehn versprach. Ich wurde heiter, -- im Grase
blitzte noch der Thau, und die warmen belebenden Strahlen der Sonne
weckten all' die schlummernden Insekten und Würmchen zum Genuß des
neuen schönen Tags, der so freundlich über uns aufgegangen war. Ich
dachte an Lorenz. Liebend hätt' ich bei seinem Andenken die ganze
kleine summende und schwirrende Welt umfassen mögen, die zu meinen
Füßen im Sonnenschein sich freute, -- ich fühlte mich vertraut mit
dem regen Leben der Natur, daß so tausendfache kleine Gestalten in
froher Thätigkeit bewegte. Ach kalt und gefühllos geht das leere
Herz an allen Gegenständen vorüber, die es nicht mittelbar betreffen.
Nur die Liebe haucht mit süßem Zauber jenes reiche Wohlwollen in die
Brust, mit dem wir auch das gleichgültigste Geschöpf als ein fühlendes
Wesen betrachten: nur die Liebe knüpft uns mit den zarten Banden eines
allgemeinen Antheils an alles, was uns umgiebt, weil sie den Kreis
unserer Empfindungen erweitert und verfeinert.
Ich mochte ohngefähr eine Meile gegangen seyn, als mein Weg sich
theilte. Ich war der Straße nicht kundig, die nach meiner Heimath
führte, denn ich hatte Mühlberg zum erstenmahl in meinem Leben
verlassen, als ich nach Spillingen zog, und damahls beschäftigten
mich so viele ernste Gedanken an die Zukunft, daß ich achtlos mich
der Leitung des Kutschers überließ, der mich abholte. Ich konnte
zwar nicht irren, denn ich hatte den Himmelsstrich immer vor Augen,
unter dem das geliebte Ziel meiner Reise lag, aber dennoch wünschte
ich irgend einem Landmann zu begegnen, um zu erfahren, welcher von
den beiden Wegen am nähesten und sichersten sei. Indem ich so einen
Augenblick stehen blieb, und mich umsah, wurde ich in weiter Entfernung
eine große Staubwolke gewahr, die sich sehr lebhaft bewegte. Der
Gedanke, daß sie von Spillingen kam, machte mir einige Unruh, doch
glaubte ich nicht eher, daß man es der Mühe werth finden würde, mir
nachzusetzen, bis ich die Scharlachuniform des Kammerherrn deutlich von
seinen übrigen Begleitern unterscheiden konnte. Eine namenlose dunkle
Angst bemächtigte sich nun auf einmahl meiner. Das Zittern, das mich
überfiel, war beinahe convulsivisch. Ich wollte mich verbergen, --
umsonst! Da war kein schützendes Gesträuch, keine gefällige Anhöhe,
die mich den Blicken meiner Verfolger hätte entziehen können. Endlich
wurde ich einen kleinen trockenen Graben gewahr, der seitwärts die halb
aufgeschossenen Kornfelder theilte. Brombeerenranken und Nesseln warfen
ihren kurzen Schatten darüber, -- ich besann mich nicht lange, und warf
mein Bündel hinein. Eben wollte ich ihm folgen, als mich die donnernde
Stimme des Kammerherrn ereilte, der im Gallop herangesprengt kam.
Justine hielt hier einige Augenblicke inne. Ihre Nerven waren in
sichtlicher Spannung, ihre Lippen erblaßten und fingen an, zu zittern.
Endlich fuhr sie fort:
Seine erste Anrede, die sehr heftig war, ging für mich verlohren,
denn ich befand mich in einer Betäubung, die mir weder zu hören noch
zu sprechen vergönnte. Als ich ein wenig zu mir selbst kam, erfuhr
ich, daß man mich während meiner heimlichen Entweichung im Verdacht
eines Diebstahls habe. Wolf hatte mich in einer so frühen Stunde aus
der Garderobe der gnädigen Frau kommen sehn; -- meine Bestürzung
war ihm aufgefallen, er hatte mich belauscht. Kurz nachher sah er
mich mit einem Päckchen unter dem Arm leise und vorsichtig durch die
Gartenthür schlüpfen, -- nun war in seinen Augen nichts gewisser,
als daß ein Verbrechen mich jagte. Er ging wieder in die Zimmer des
Kammerherrn, in die ihn, als er mir begegnete, die Unruh über einen
begangenen Fehler in der Bedienung getrieben hatte, den er verbessern
wollte, ehe der Herr erwachte, weil er ihn streng zu ahnden pflegte.
Noch schlief er, und so scharf es auch verboten war, ihn im Schlaf
zu stören, so glaubte er doch, daß ein so verdächtiger Fall seine
Kühnheit entschuldigen werde. Er weckte ihn also, und theilte ihm
seine Muthmaßungen mit. Ich bin überzeugt, daß der Kammerherr in
seinem Herzen gleich im ersten Augenblick mich von dem Verdacht
eines Diebstahls frei sprach, indessen kam ihm Wolfs Vermuthung doch
erwünscht, da die Rache, die er mir gelobt hatte, vielleicht noch
planlos war, und hier am ersten Gelegenheit fand. Eilig ließ er
satteln, eilig traf er die Maaßregeln, die zu meinem Verderben nöthig
waren, und mit all' der Schadenfreude, die ihm sein Bubenstück schon
machte, ehe es gelungen war, sprengte er dahin. Er rechnete auf eine
Menge ihm günstiger Umstände, die seiner Beschuldigung wenigstens einen
Anstrich von Wahrscheinlichkeit gaben. Wolfs Aussage, mein Schrecken,
als ich mich eingeholt sah, die Angst, mit der ich mein Päckchen in
den Graben geworfen hatte, gleichsam als ob das böse Gewissen mir
rieth, es zu verstecken, -- alles dieß und das starre Schweigen, mit
dem ich mich des Diebstahls anklagen hörte, hätte vielleicht auch
einen unbefangenen Menschen wider mich eingenommen. Ach niemand konnte
ja in mein geängstetes Herz sehen, als Gott! und Gott thut keine
Wunder. Niemand hatte Mitleid mit der Dumpfheit meiner Sinne, in der
ich fühllos wie eine Bildsäule da stand, ohne mich zu vertheidigen.
Man zog meinen Reisebündel hervor, und brachte es dem Kammerherrn zur
Untersuchung. Ich sah es ruhig an, -- das Bewußtseyn meiner Unschuld
goß wieder einen Strahl von Lebenswärme in mich, und die Überzeugung
mich gerechtfertigt zu sehn, verscheuchte meine Betroffenheit. Als
aber der Kammerherr mit dem Ausruf: O die Betrügerin! sich zu den
Umstehenden wandte, die mich, indeß er suchte, sorgfältig gehütet
hatten, -- als er mit den flammenden Blicken der höchsten Wuth auf
mich zukam, und mir ein Armband von Juweelen unter die Augen hielt,
das seiner Gemahlin gehörte, und das er vorgab, unter meinen Sachen
gefunden zu haben, -- da ward es Nacht in meiner Seele, -- alle
Gegenstände schwankten um mich her, und eine tiefe Ohnmacht, in die
ich fiel, breitete wenigstens für eine halbe Stunde einen mildernden
Schleier über den endlosen Jammer, der mein Inneres zerriß.
O warum mußte ich wieder zu mir selbst kommen! -- Schrecklich, wie
mein Dahinsinken war auch mein Erwachen. Nicht einmahl der tröstende
Wahn, daß ein schwerer Traum mich nur geängstigt habe, verminderte die
Bitterkeit seines ersten Augenblicks, und mein Elend starrte mich in
all' seiner gräßlichen Wahrheit an. Ach weg! weg! rief sie weinend,
von dem Andenken jener fürchterlichen Stunde. Die Erinnerung an sie
verwundet mich aufs neue, ob sie gleich noch nicht die schwerste meines
Lebens ist.
Der Gerichtsdiener, der den Kammerherrn begleitete, erhielt den Befehl,
für mich zu haften. Man brachte einen Bauerwagen herbei, da ich mich
vor Mattigkeit nicht auf den Füßen erhalten konnte. -- Der Kammerherr
ritt mit seinem Gefolge voraus, und langsam folgte ihm mein Fuhrwerk,
das der Gerichtsdiener mit grimmigen Blicken bewachte.
So kamen wir wieder in Spillingen an. Mit dem Gefühl eines Vogels, der
dem Käficht entschlüpft ist, hatte ich es am Morgen verlassen, -- von
der Ungerechtigkeit meines Schicksals und von unverdienter Schande
beinahe vernichtet, sahe ich es wieder. Das Verbrechen, dessen man mich
beschuldigte, war schon vor meiner Ankunft von dem Kammerherrn und von
seinen Leuten auf dem Hofe verbreitet worden. Alles lief zusammen, um
die ertappte Diebin zu sehn. Ein ganzer Zug von Kindern und gemeinem
Volk aus dem Dorfe folgte mir, theils mit lauten Schmähreden, theils
mit kranken Spott bis vor das Schloß, und die Verwalterin lehnte sich
triumphirend weit zum Fenster ihrer Wohnung heraus, und schlug ein
schallendes Gelächter auf, als sie mich erblickte. Nur ein mitleidiges
Auge verbarg sich hinter die Gardinen ihres Zimmers, und weinte mir die
sanften Thränen des Mitleids, -- -- es war Lorchen.
Man warf mich in einen feuchten Thurm der zum Gefängniß diente, und der
selten von Missethätern und niemahls von Ungeziefer leer war. Als die
eiserne Thür hinter mir zuschlug, war mir, als hätte sie mich auf ewig
von jeder Lebensfreude geschieden. Ich fiel auf das nasse Stroh, das
den Boden bedeckte, rang die Hände und schrie voll Verzweifelung: Ach!
hätte man so mein Grab verschlossen! -- Ich verlohr mein Bewußtseyn
von neuem. Als ich mich erhohlte, sah ich den Gerichtsdiener neben mir
stehn. Eine düster brennende Lampe, die an einer Kette hing, brach die
schwarze Finsterniß meines Aufenthalts in eine schauerliche Dämmerung,
die nicht weniger furchtbar war. Neben mir stand Wasser und Brod zu
meiner Nahrung.
Ein Strom von Thränen stürzte aus meinen Augen. Ich streckte meine Arme
bittend nach dem Gerichtsdiener aus, denn es war ja ein Mensch, und
zwar ein Mensch, den ich nie beleidigt hatte. Aber durch sein Amt war
er schon längst an Auftritte dieser Art gewöhnt -- der immerwährende
Anblick verworfener oder leidender Geschöpfe hatte sein Herz nach und
nach mit einer eisernen Rinde überzogen. Mit kalter Unempfindlichkeit
lachte er mir in's Gesicht und sagte: Nicht wahr, das ist ein kühles
Nachtlager? Ja, wie man's treibt, so geht's! -- Hierauf nöthigte er
mich zu essen, und als mir dieß unmöglich war, löschte er brummend die
Lampe wieder aus, und ging.
O wie lebhaft empfand ich in jenen einsamen nächtlichen Stunden
trotz den mannichfaltigen Leiden meines Zustandes den Werth eines
vorwurfsfreien Gewissens, und einer unbefleckten Tugend. Zwar that
ich Verzicht auf jedes irdische Glück, das ich mir sonst von der
Zukunft versprochen und erbeten hatte, aber in meiner Seele erklang
wie eine reine Harmonie jene tröstende Stimme, die auch das Weh der
bittersten Gefühle zu lindern vermag, die Stimme des Glaubens, daß
wenigstens _über den Sternen_ Vergeltung und Gerechtigkeit wohnt, die
die verkannte Unschuld entschädigt. O wohl dem Unglücklichen, dem
ein reines Gewissen bleibt! wohl ihm, wenn auch das Schicksal seinen
herbsten Kelch ihm reicht. Der Kummer kann ihn niederbeugen, aber sein
Bewußtseyn hebt ihn wieder empor; und wenn sein Blick auch von Thränen
getrübt wird, so bleibt ihm doch die Aussicht in die Ewigkeit klar und
hell, die den Schuldigen mit Grausen erfüllt.
Die vorige schlaflose Nacht, die ich gehabt hatte, und die Ermüdung des
Körpers und des Geistes, die immer auf heftige Gemüthsbewegungen folgt,
wiegte mich bald in einen Schlaf, der sanfter war, als man ihn wohl
gewöhnlich in Gefängnissen zu schlummern pflegt.
Als ich erwachte, war der Morgen bereits angebrochen. Sein jugendlicher
Schimmer stahl sich durch eine Ritze meines Kerkers, und weckte mich
aus den Träumen einer bessern Welt zu dem schmerzlichen Gefühl der
Gegenwart. Ach, Lorenz! was wirst du sagen, wenn du wiederkehrst?
seufzte ich mit gerungenen Händen. -- Kann ich, darf ich noch daran
denken, dich jemahls zu besitzen? -- Ach nein! -- Die Unbescholtenheit
meines Nahmens war ja nächst einem Herzen voll treuer Liebe das
Wichtigste und Heiligste, was ich dir zubringen konnte. Ich bin
beschimpft, wenn auch nicht vor Gott, doch in den Augen der Menschen,
deren Meinung du ehren mußt. Nur dereinst in jenem Leben, wo das
Verbrechen entlarvt und deine Justine gerechtfertigt seyn wird, nur da
winkt mir Vereinigung mit dir! --
So sagt' ich, aber ich läugne nicht, daß sich allmählig und leise der
Gedanke unter mein Selbstgespräch mischte: Warum soll ich unglücklich
seyn, da ich tugendhaft war? -- Kann ich mich denn nicht vertheidigen?
-- Warum soll ich meine Rechtfertigung erst von der Zukunft jenseits
des Grabes hoffen, da sie auf Erden noch möglich ist, und da meine
tadellosen Handlungen mir die kräftigsten Ansprüche auf sie geben? --
Süßer Wahn! Du kamest freundlich wie die lächelnde Gestalt der Hoffnung
in die melancholische Abgeschiedenheit meines traurigen Behältnisses,
und ich hielt dich fest, weil dein holdes Lächeln Balsam in meine
blutenden Wunden goß. Ach ich wußte nicht, daß die Rache eines
Wollüstigen unversöhnlich ist, bis sie ihren Gegenstand geopfert und
zertreten hat -- ich wußte nicht, daß in diesem Falle die Armuth -- sei
auch die reinste Tugend ihr Schild -- in der Gewalt eines mächtigen
Bösewichts sich nur sträubt, wie ein wehrloses Lamm in den Klauen des
Wolfs, um zerrissen zu werden. Ich wußte es nicht, aber bald erfuhr
ich's.
Man foderte mich vor den Kammerherrn. Ich trat mit all' dem Muth und
Stolz, den mir mein Selbstgefühl gab, unter seine triumphirenden
arglistigen Augen. Neben ihm saß seine Gemahlin und tändelte mit ihrem
Schooßhunde. Das sämmtliche Hofgesinde schloß einen Kreis um ihn und
mich.
Es herrschte eine feierliche Stille. Ich vernahm die Schläge meines
pochenden Herzens -- -- der Gedanke, weswegen ich hier gleichsam
vor Gericht stand, färbte meine Wangen mit dem brennenden Roth der
unwilligen Beschämung, der gemißhandelten Ehrliebe.
Ei, ei! Du hast Deine Sachen dumm gemacht, redete mich die Kammerherrin
an. Wenn Du denn doch einmahl stehlen wolltest, warum gerade ein
Kleinod von so entschiedenem Werth, von einem Werth, den Du gar nicht
einmahl zu schätzen verstehst? Tausend andre Dinge, die man weniger
vermißt hätte, wären Dir nützlicher gewesen, und ihre Verantwortung
würde Dir jetzt leichter seyn.
Ich habe nicht gestohlen! rief ich mit überwallendem Zorn. Nur die
abscheulichste Bosheit, die schwärzeste Verläumdung kann mich eines
Verbrechens beschuldigen, an das ich nie gedacht habe.
Das geht zu weit, unterbrach mich der Kammerherr. Vor allen diesen
Zeugen -- er wies auf Wolf und mehrere -- hab' ich das Armband aus
Deinen Kleidern gezogen, in die Du es listig verborgen hattest, und
dessen ungeachtet bist Du so unverschämt, noch zu läugnen? Willst
Du uns alle blind machen? -- Schon Dein heimliches Entlaufen, Dein
Schrecken, als man Dich ergriff, und die Ängstlichkeit mit der Du
Dein Bündel über die Seite schafftest -- schon dieß allein würde Dich
verdammen, auch wenn ich den Beweis nicht in Händen hätte, der Dich vor
aller Welt zur Diebin brandmarkt. Elendes Geschöpf! in Hinsicht Deiner
Eltern will ich milder gegen Dich seyn, als die Gesetze des Landes,
die Dir wenigstens das Spinnhaus auf Lebenslang zuerkennen würden.
Jedermann zum Beispiel und zur Warnung sollst Du heute den ganzen Tag
am Schandpfahl stehn; den Abend soll Dich der Gerichtsdiener mit
Ruthen streichen, und über die Gränze von Spillingen bringen, die ich
Dir bei ähnlicher Strafe verbiete, jemahls wieder zu betreten.
Pfui, lassen Sie das Ruthenstreichen nur weg, sagte die gnädige Frau
mit einem Gesicht voll Abscheu, das aber nicht der kleinste Zug von
Mitleiden verschönerte. Es ist genug, wenn sie am Schandpfahl der
versammelten Menge beweißt, wieviel an der hochgepriesenen Tugend war,
mit der sie so prahlte.
Auf ihr Zureden milderte der Kammerherr sein Urtheil. Überhaupt will
ich zu ihrer Ehre glauben, daß sie nicht daran zweifelte, daß ich
schuldig war. Der Kammerherr hatte das Armband zu sich gesteckt, um
es unter meinen Sachen zu mischen, da meine unbesonnene Flucht den
Verdacht eines Diebstahls einmahl erregt hatte, und dieser noch immer
nicht hinlänglich war, mich ganz zu verderben, wenn der Beweis fehlte.
Es gelang ihm. -- Mit hämischem Triumph befriedigte er seine Rache,
aber die Art und Weise, deren er sich bedient hatte, um dahin zu
kommen, war doch zu schändlich, als daß er sie irgend einem Menschen
hätte anvertrauen können, wär es auch seine eigene Gemahlin gewesen,
vor der er übrigens eben nicht nöthig hatte, sich seiner Gesinnungen zu
schämen, da sie so ziemlich übereinstimmend mit ihm dachte.
Vergeblich betheuerte ich unter Schwüren und Thränen die Falschheit
seiner Anklage. Man überschrie, man mißhandelte mich, man schleppte
mich fort. In der Mitte des Hofraums stand der sogenannte Schandpfahl,
an dem Hausdiebe und ähnliche Verbrecher geschlossen wurden, um durch
die damit verbundene Beschimpfung dem Pöbel, dessen Muthwillen
sie Preis gegeben waren, ein warnendes Exempel zu seyn. In dumpfer
Betäubung ließ ich alles mit mir machen, -- es braußte vor meinen
Ohren, ein schwarzer Flor, in dem alle Farben des Regenbogens spielten,
schien vor meinen starren Augen zu schweben, -- meine Gedanken mischten
sich verworren unter einander, -- ich wußte nicht, was um mich vorging.
Ach! diese Fühllosigkeit, -- daß sie nimmer gewichen wäre! -- Aber
leider zerrann sie wie ein vergänglicher Nebel, gerade in dem
Augenblick, wo ich ihrer am meisten bedurfte, um meine Sinne wider
die härteste Minute meines Schicksals zu waffnen. Der donnernde Huf
eines Rosses drang dumpf durch das lärmende Geschrei der Menge zu mir
her. Eine schmerzliche Ahndung durchzuckte schneidend mein Inneres,
-- unwillkührlich schlug ich mein gesenktes Auge empor, -- ach da
erblickt' es Lorenzen, der so eben von seiner Reise zurückgekommen
war. Blaß wie der Tod, mit hingeworfenem Zügel hing er auf dem Pferde,
wie ein schauerliches Bild der Vernichtung. Erstarren, Wuth und
Verzweiflung, seine Geliebte am Pranger zu sehn, mahlte sich auf seinem
entstellten Gesicht. Krampfhaft zog sich meine Brust zusammen bei
diesem Anblick, und ein Schrei des Jammers erstarb auf meiner Lippe, --
-- weiter kann ich nichts mehr von jener zermalmenden Stunde sagen, --
immer dunkler wurde es vor meinen Blicken, -- ich fühlte nur noch, daß
ich niedersank. --
Das Rütteln eines Wagens, auf den man mich geworfen hatte, brachte mich
nach einer langen Bewußtlosigkeit wieder zu mir selbst. Es fing schon
an, Abend zu werden. -- Die Sonne neigte sich zum Untergange, und ihr
purpurrother Schimmer vergoldete Mühlbergs Thurm, der nur in einer
geringen Entfernung von mir in dem Kranz der freundlichen Gebüsche lag,
den ich nimmer hätte verlassen sollen. Mein zerrissenes Herz regte sich
in der Fülle seiner Schmerzen bei dem Andenken meiner vorigen einfachen
Glückseligkeit, und bei der Annäherung des erschütternden Wiedersehens,
das mir bevorstand.
Ich konnte dem Ausbruch der Thränen nicht wehren, die mir die
Verzweiflung erpreßte, und mein lautes Weinen, zog endlich die
Aufmerksamkeit meines unempfindlichen Führers auf sich. Es war ein
Bauer aus Spillingen. Der Gerichtsdiener hatte mich ihm ohnmächtig
überliefert, mit dem Befehl, mich meinen Eltern zu bringen. Höchst
unbekümmert um meinen Zustand war er ruhig mit mir fortgefahren, ohne
sich damit zu befassen, ihn zu erleichtern. Gleichgültig langte er
bey der Wohnung meiner Eltern an, und als ich kraftlos aus dem Wagen
stürzte, und weinend weder ihre Fragen zu beantworten, noch ihre Angst
zu stillen vermochte, warf er murrend, daß ihm niemand beistand, meine
Sachen herunter, die man mit aufgeladen hatte, und sagte: Ja, ja, wie
die Arbeit, so der Lohn. Da habt Ihr Euer sauberes Früchtchen. Dankt
Gott, daß sie noch so davon gekommen ist, und haltet sie künftig lieber
zum Gebet und Fleiß, als zum Stehlen an. -- Damit schwang er seine
Peitsche und fuhr fort. Ich sah nur noch meinen Vater schwanken, sein
graues Haupt entblößen, und seine gerungenen Hände mit dem gebrochenen
Blick des tiefsten Jammers zum Himmel erheben, -- ich hörte nur noch
die Frage meiner Mutter: Ach Gott! was hast Du angefangen? -- dann
entzog mir ein heftiges Fieber, das mich überfiel, meine Besinnung, und
diesen herzzerschneidenden Anblick.
Fünf Wochen lag ich ohne Hoffnung, ohne jemand zu kennen, -- ohne
meiner Vernunft mächtig zu seyn. Die wilden Fantasien, in denen ich
schwärmte, meine Ausrufungen und meine Klagen, in denen trotz der
Verwirrung meiner Sinne doch ein gewisser Zusammenhang war, der den
Stempel der Wahrheit trug, alles dieß verrieth den Meinigen mein
Schicksal und mein Elend. -- Ach ich war glücklicher als sie, so lang
die Raserei der Krankheit dauerte. -- Der erste Tropfen, der mir im
Becher der Genesung blinkte, war mit neuer Bitterkeit vermischt, die
mein ganzes Leben mit stillem, zehrendem Gram vergiftete.