Ich trat meinen Dienst nun an. Die ersten Wochen ließen mir nichts zu

wünschen übrig, und spotteten der Furcht, mit der ich hergekommen war.

Der Kammerherr behandelte mich mit Güte und Herablassung, aber bei

aller seiner Freundlichkeit doch so offen, daß auch das besorgteste

Mißtrauen keine Ursach zum Argwohn gefunden hätte. Seine Gemahlin

betrug sich gegen mich nicht wie eine Gebieterin, sondern wie eine

gütige Freundin. Ihr ganzes Wesen war eine Mischung von Unbesonnenheit

und Leichtsinn, aber ihre angebohrne Liebenswürdigkeit lieh ihren

Fehlern eine so gefällige, einschmeichelnde Aussenseite, daß man sie

nur nach einer langen, genauern Bekanntschaft verachten konnte. Sie

hatte kein Herz, sie liebte nichts -- nur das Vergnügen war ihr Abgott.

Sie konnte weinen und in Ohnmacht fallen, wenn ein Falke vor ihren

Augen eine Taube zerriß, aber kalt und fühllos wandte sie sich von den

Leiden ihrer Nebengeschöpfe ab, und wenn sie half, so geschah es mit

Geld, nicht aus Mitgefühl, sondern weil der Anblick des Elends ihr

zuwider war. Jene feinern Wohlthaten, die Theilnahme, Trost und guter

Rath dem Unglücklichen sind, waren ihr fremd. Sie wußte nicht, daß sie

den Werth der kleinsten Gabe damit unendlich erhöhen könnte, oder, wenn

sie es auch wußte, so war ihr Charakter zu diesen Tugenden nicht fähig.

Und dennoch vermochte diese Frau Anfangs, ehe ich sie näher kennen

lernte, durch ihre reizende Freundlichkeit, die ich für Güte hielt,

mein argloses Herz an sich zu ziehen, denn es hing zu fest an den

süßen Glauben an allgemeinen Edelmuth, als daß ich ihn so leicht auf

eine bloße Warnung hätte aufgeben können -- und käme sie selbst aus dem

Munde meines Lorenz.

Lorenz that diesen Menschen Unrecht, sagt' ich oft zu mir selbst.

Auch die heftigste Tadelsucht kann an der Art, wie sie mit mir

umgehn, nichts strafbares entdecken. Seine Liebe machte ihn besorgt,

und gab seinen Schilderungen die schwarze Farbe der Gefahr, indeß

die Wirklichkeit mir nur den Glanz der Freude zeigt. -- Ich hatte

Gelegenheit, ihn täglich einigemahl zu sprechen. Süße, unvergeßliche

Stunden der vertraulichsten Liebe schwanden mir an seiner Seite dahin.

-- Einst sagt' ich ihm meine Meinung über seine ungegründete Furcht.

Gott gebe, daß es so bleibt, antwortete er mit frohem Blick. Wir werden

dann beide vielen Kummers überhoben seyn.

Drei Wochen war ich ohngefähr in Spillingen gewesen, als Lorenz eines

Tages zu mir kam. Ich habe eine Bitte an Dich, sprach er. Wirst Du

sie mir auch gewähren? -- Fordere, was Du willst, versetzt' ich,

ich thue Dir alles zu Gefallen. -- Nun denn, so mache meiner Mutter

einen Besuch. Ich wünschte, daß sie Dich kennen lernte, sie wird Dich

denn gewiß auch lieben, und wir kommen unserer Vereinigung dadurch

um manchen beschwerlichen Schritt näher. Freilich fühl' ich wohl mit

innerm Schmerz, daß sie Dir nicht behagen kann und wird, -- aber schone

ihre Schwächen, Justine! sieh sanft über ihre Fehler hin, und denke:

Sie trug Deinen Lorenz unter ihrem Herzen. Diese Vorstellung wird

Deinem Betragen doch wenigstens einen Schein von der Achtung geben, die

sie übrigens durch ihre Denkungsart Dir nicht einflößen kann.

Ich umarmte ihn. Ein süßer Aufruhr, vermengt mit zagender Angst, mit

bangen Erwartungen, entstand in meinem Innern bei dem Gedanken, die

Frau zu sehen, die meinem Geliebten das Leben gegeben. Ich hatte schon

längst ihren Anblick gewünscht und gefürchtet. -- O Lorenz, rief ich

aus, sie ist Deine Mutter, und die heiligen Rechte, die ihr die Natur

über Dich verlieh, sind Ursach genug für mich, sie zu lieben und zu

ehren. Sieh, ich habe noch um keines Menschen Neigung geworben, -- aber

alles was in meinen Kräften steht, will ich anwenden, um die ihrige zu

erlangen, und es wird mir gelingen. Das Bestreben, Liebe zu gewinnen,

kann nicht mißfallen, wenn es aus einem reinen, redlichen Herzen kömmt.

Gerührt sah Lorenz mich an, -- in sein ernstes, großes Auge traten

Thränen. Gutes Mädchen! sagte er mit inniger Empfindung, Deine

Unschuld und Deine anspruchslose, stille Güte muß jeden, der Dich

sieht, unwiderstehlich für Dich einnehmen. Laß mich die süße Hoffnung

nähren, daß auch meine Mutter gerecht gegen Dich seyn werde. Wäre sie

es nicht, -- er drückte heftig meine Hand an seine schlagende Brust;

seine Thränen verlohren sich, -- sein sonst so ruhiger Blick fing an zu

flammen; -- wäre sie es nicht, -- o Justine! ich würde die Seligkeit,

Dich zu besitzen, dann freilich nicht so ungetrübt und lauter genießen,

als wenn der Segen meiner Eltern auf unserm Bündniß ruhte, aber ich

würde sie dennoch mit allem erkaufen, was mir ehedem theuer war, denn

ich fühl' es, ich kann ohne Dich nicht glücklich seyn, und nicht wahr,

auch Du kannst es nicht ohne mich? -- Ich fühle mein Wesen so fest, so

unauflöslich an das Deinige gekettet, daß mich nichts mehr von Dir

scheiden kann. Nur, wenn ich mich in Deinem Herzen betrogen hätte, --

wenn die Erfahrung mir lehrte, daß Du meiner Achtung nicht werth wärst,

nur dann könnte ich von Dir lassen, -- nur dann würde ich meine Liebe

den Pflichten des Gehorsams aufopfern, die ich meinen Eltern schuldig

bin, aber um den Frieden meines Gemüths, um das Glück meines Lebens

wäre es auf immer geschehn. Doch das wird nie geschehen! -- Du siehst,

und ich schwör' es Dir von neuem, daß mich nichts von Dir zu trennen

vermag, als eine Unmöglichkeit, die ich nicht einmahl fürchte, und die

ich nur als Schatten neben dem Bilde voll Licht und Freude aufstelle,

das mir entgegen lacht, um durch den Contrast mein Glück desto

lebhafter zu empfinden.

Ich bin vielleicht zu weitläuftig, unterbrach Justine ihre Erzählung,

aber Sie müssen mir vergeben. Es ist so süß schöner Stunden zu

gedenken, auch wenn sie auf ewig verlohren sind, und mein nur allzu

treues Gedächtniß ruft sie mir mit den kleinsten Umständen zurück, daß

ich mich gern der Erinnerung überlasse, die mich in die Vergangenheit

zurückführt. Auch werde ich nun kürzer seyn. -- Den angenehmsten Theil

meines Lebens habe ich Ihnen bereits geschildert, -- -- nur mit Thränen

und Entsetzen kann ich bei den Auftritten verweilen, die ihm folgten,

darum werde ich so schnell als möglich über sie hineilen.

Mein Besuch bei der Verwalterin war der Anfang meiner Leiden. Ich

ging mit einem Herzen zu ihr, das so bereitwillig war, sie kindlich

zu verehren, daß es ihres ganzen Hochmuths, den sie mich fühlen ließ,

ihrer ganzen niedrigen Denkungsart, die sie mir verrieth, bedurfte,

um sich mit Widerwillen von ihr zu entfernen. Es hatte ihren Stolz

beleidigt, daß ich als ein neuer Ankömmling in Spillingen, erst in

der dritten Woche einen Besuch abstattete, der, wie sie dünkte, einer

Frau von ihrem Ansehn schon in den ersten Tagen gehörte. Alle die

Kammerjungfern, die vor mir hier gewesen waren, hatten ihr kein solches

Beispiel von Geringschätzung und Unhöflichkeit gegeben. Überdieß

war ihr auch die Herzlichkeit aufgefallen, mit der Lorenz meiner

gedacht hatte, und die sich sehr von den Lobsprüchen unterschied,

die er Lorchen gab. Der Argwohn schärfte ihren Blick, und um das

Einverständniß unserer Liebe zu errathen, brauchte ihr Auge nicht

einmahl so hell zu seyn, wie es wirklich war. Lorenz und ich haßten

die Verstellung, und sie mißlang uns selbst da, wo sie nöthig war.

Unserer unbefangenen Offenheit entschlüpfte mancher Ausdruck, der

unser Geheimniß enthüllte, statt es zu verbergen, und mich dünkt, eine

Liebe, die sich so zu verstecken weiß, daß man ihr Daseyn nicht einmahl

ahndet, kann unmöglich so wahr und so innig seyn, wie die unsrige war.

Lorenz bemerkte die verächtliche Kälte wohl, mit der seine Mutter

mich aufnahm. Ich sah ihn leiden, ich fühlte die Feinheit, mit der er

ihren gemeinen, beleidigenden Äusserungen eine andere Wendung zu geben

suchte, und das Herz blutete mir. Die Wehmuth, die ich empfand, mich so

abstoßend behandelt zu sehen, ließ mich meine gereizte Empfindlichkeit

beherrschen, und nach einer höchst abschreckenden, unfreundlichen

Begegnung von Seiten der Verwalterin trennte ich mich dennoch von ihr

mit Höflichkeit.

Lorenz wollte mit mir nach dem Schlosse zurückgehn, aber ich nahm

seine Begleitung nicht an, um die üble Laune seiner Mutter nicht noch

mehr zu erregen, da sie, wie ich mir nicht verhehlen konnte, auf unsere

Liebe mit einem sehr ungünstigen Auge sah. Als ich in meine Kammer

trat, warf ich mich aufs Bett, um recht herzlich zu weinen. Ach noch

vor zwei Stunden war ich um eine schöne Hoffnung reicher gewesen --

bitter hatte sie mich getäuscht. -- Jetzt lag nur eine kummervolle

Aussicht vor mir, die Aussicht mit der Abneigung seiner Mutter kämpfen

zu müssen, um glücklich zu seyn, und wie mißlich war dieser Kampf, da

mein eigenes Selbstgefühl mich abhielt, ihn zu wagen.

Es klopfte leise an meiner Thür. Ich glaubte, es sei Lorenz, und

trocknete schnell meine Thränen. Als ich die Thür öffnete, stand der

Kammerherr vor mir.

So allein, mein Kind? sagte er, indem er hereintrat, und wenn ich nicht

irre, so hast Du geweint? -- Was ist Dir, Justine? ich will doch nicht

hoffen, daß Dir jemand im Hause Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat?

Ich war verlegen, daß mein Kummer einen andern Zeugen hatte, als den,

um den ich ihn litt, und wußte seiner Frage weder auszuweichen, noch

sie zu beantworten.

Rede freimüthig, fuhr er fort, Du sprichst mit einem Freunde, der

warmen Antheil an Dir nimmt, und dem Du ganz offen den Gram und die

Sorgen Deines Herzens entdecken kannst. Hat Dich jemand beleidigt? ist

Dir sonst etwas unangenehmes widerfahren? -- O reiß mich aus der Unruh,

in der ich Deinetwegen bin, und sei versichert, daß ich Dein Zutrauen

verdiene.

Dies alles sagte er mit einer sanften Stimme, wie ungeheuchelte

Theilnahme zu sprechen pflegt; -- selbst den widerlichen Ausdruck,

den seine Augen gewöhnlich hatten, wußte er zu beherrschen, ob er sie

gleich fest und forschend auf mich heftete. Durch sein untadelhaftes

Betragen gegen mich während meines Aufenthalts in Spillingen war

der Argwohn so ziemlich in mir verlöscht, den sein erster Anblick

unwillkührlich in mir erregte. Die Gewohnheit, ihn täglich zu sehn,

hatte seinen Zügen das Auffallende benommen, das mich bei unserer

ersten Bekanntschaft mit einem heimlichen Schauder von ihm zurückstieß,

und weit entfernt, mir die feindseelige Bedeutung, die in ihnen lag,

auf Kosten seines Charakters zu erklären, hielt ich sie bloß für ein

Spiel der Natur zum Nachtheil seiner Gestalt.

Indessen, so sehr auch meine Brust das dringende Bedürfniß fühlte,

ihren Kummer mitzutheilen, um sich zu erleichtern, so wagt' ich doch

nicht, mein schüchternes Schweigen zu brechen, weil ich nicht wußte,

ob Lorenz meine Offenherzigkeit billigen würde. Der Kammerherr blickte

mich unverwandt an, -- seine ernste Miene verlohr sich endlich in

ein gütiges Lächeln. So willst Du mir denn nichts gestehen, sagte

er, indem er meine Wange streichelte, über welche noch immer Thränen

herabflossen. Ich muß mich also wohl aufs Rathen legen. Glaube mir,

Justine, ich kenne das menschliche Herz und seine Regungen, -- und wenn

dieß auch nicht wäre, -- diese lieben Augen, die der Spiegel Deiner

Seele sind, verrathen Dein Geheimniß nur allzu deutlich, selbst wenn

Deine Lippen schweigen. Du liebst, ist es nicht wahr, Justine? -- Du

liebst meinen Jäger?

Ich antwortete nicht, aber ich weinte heftiger. Ach die Liebe möchte

ihren Kummer gern der ganzen Welt verbergen, und doch ist sie nur

allzubereit, ihn zu enthüllen, wenn ein ahndender Blick in ihr Inneres

dringt, und eine theilnehmende Frage, nach ihrem Zustande forscht. Der

Kammerherr führte mich freundlich zu einem Stuhl, und ließ mich setzen,

da ich von Betrübniß ganz erschöpft war.

Gutes Mädchen! fuhr er fort. Die Empfindungen Deines Herzens waren mir

längst klar, und jetzt muthmaße ich auch die Ursach Deiner Thränen.

Du kommst von der Verwalterin -- mütterlich, glaubtest Du, würde sie

Dich empfangen, und die stolze, thörichte Frau, die sich nur von einem

vollen Kasten das Glück ihres Sohns verspricht, ließ Dir ihre ganze

Albernheit fühlen. Ist es nicht so, meine Liebe? -- Ich bejahte es

durch Zeichen, denn ich war unvermögend, zu sprechen.

Beruhige Dich, nahm er das Wort auf's neue. Noch sind Deine Aussichten

so trübe nicht, wie Du vielleicht denkst, und _meine_ Verwendung bringt

Dich am schnellsten und sichersten zum Ziel Deiner Wünsche, wenn Du sie

annehmen willst.

Die Allgewalt der Freude ergriff mich. Mit der Hoffnung fand ich die

Sprache wieder. -- Ob ich will? rief ich aus, o gnädiger Herr, wie

kann ich jemahls Ihre Güte vergelten? Ich läugne es nicht, mein ganzes

Herz hängt an Lorenz, und die Unfreundlichkeit seiner Mutter hat es

zerrissen, weil sie die Wahrscheinlichkeit vernichtete, mit ihrer

Einwilligung dereinst die Seinige zu werden. Wenn Sie Sich unserer

annehmen -- ach Gott! _lohnen_ können wir es Ihnen nicht, aber als

unsern Schutzgeist werden wir Sie ewig verehren, und lebenslang will

ich für Ihr Glück und Ihre Wohlfahrt mit dem dankbarsten Herzen zum

Himmel beten! -- Ich fiel vor ihm nieder und umfaßte seine Kniee. Die

Erkenntlichkeit, die ich für ihn fühlte, umgab ihn mit der Glorie eines

Engels für mich. --

Hier hast Du meine Hand, versetzte der Kammerherr lächelnd, ehe ein

halbes Jahr vergeht, bist Du Lorenzens Frau; freilich nur unter einer

Bedingung -- aber diese ist zu billig, und Du bist viel zu klug, als

daß Du sie nicht gern erfüllen solltest.

Bestürzt sah ich ihn an. In seinen Ton mischte sich auf einmahl so

etwas schneidendes -- und in seinen Blicken brannte plötzlich ein so

düstres arglistiges Feuer, daß sich mein alter längst entschlummerter

Argwohn leise aber schrecklich wie ein Gespenst der Mitternacht wieder

hervor stahl. Und was ist das für eine Bedingung? fragt' ich bebend.

Ich denke, sie soll Dir nicht schwer fallen, sagt' er grinzend. Sie

besteht darin: daß Du mich liebst.

Diese Worte, der Ausdruck mit dem er sie sprach, und die Miene mit der

er sie begleitete, jagten einen Fieberfrost durch meine Glieder.

Mir ahndete nichts Gutes, doch sah ich wohl ein, daß meine Lage eher

schlimmer als besser werden könnte, wenn ich die Angst verriethe, die

mein Innres beklemmte, darum sucht' ich sie zu verbergen, und that, als

hätte ich ihn nicht verstanden, wiewohl sein verhaßtes, brennendes Auge

selbst meiner Unerfahrenheit keinen Zweifel mehr übrig ließ.

Ja, ich werde Sie lieben, antwortete ich zitternd, als meinen

Wohlthäter, als den Schöpfer meines Glücks. -- Mehr verlangen Sie

gewiß nicht von einem armen Mädchen, deren Wesen Sie genau genug

erforscht haben, um zu wissen, daß Lorenz ihr Eins und ihr Alles ist.

Kleine Närrin! erwiederte er, ich will auch Lorenzen keineswegs

Deinen Besitz streitig machen. Warum siehst Du mich so zaghaft

an? -- Verliehre nicht das Vertrauen zu mir. Ich verspreche Dir

feierlich, Du sollst Deinen Geliebten haben; aber da unsere

beiderseitige Glückseligkeit recht wohl neben einander bestehen kann

-- warum wolltest Du mir da wohl Grillen in den Weg legen, die unter

vernünftigen Leuten längst aus der Mode gekommen sind, und die nur

Dir selbst schaden, indem sie die Erfüllung Deines Lieblingswunsches

weiter hinausschieben, als nöthig ist? -- Ich schaffe Lorenzen einen

Dienst, der Euch beide anständig ernährt -- ich bewege die Mutter

zur Einwilligung -- Dir gebe ich eine artige Aussteuer -- -- kann ich

_mehr_ thun, Dir meine Neigung zu beweisen, und wolltest Du wirklich so

grausam seyn, sie mit nichts als Deinem Gebet zu belohnen? --

Länger konnte ich meinen Unwillen nicht verhehlen. Ich habe geglaubt,

sagt' ich bitter, daß Wohlthaten, die aus einem edlen Herzen kommen,

auf weiter nichts Ansprüche machen dürften, als auf Dank. Sonst

verliehren sie ja ihren höchsten Werth, den Werth der Uneigennützigkeit.

Du kennst den Lauf der Welt noch nicht, mein Kind, versetzte er

höhnisch lächelnd. Niemand thut etwas umsonst, wie kannst Du von

_mir_ verlangen, daß ich für meine Mühe leer ausgehen soll, da mir

Deine Liebenswürdigkeit eine so reiche Vergeltung anbietet? -- Du

besinnst Dich noch eines Bessern, ich gebe Dir Bedenkzeit. Ich habe

mir wohl eingebildet, daß ich Hindernisse bei Dir antreffen würde;

indessen denke ich sie zu bekämpfen. Schwierigkeiten erhöhen den Reiz

der Liebe, und die Früchte, die langsam reifen, sind am süßesten. Du

wirst schon einen Entschluß fassen, der Deiner Vernunft Ehre macht,

wenn Du überlegst, welch' einen Ausgang Deine Liebschaft nehmen könnte,

wenn Du mich zum Feinde bekämest -- und das wäre ja unvermeidlich,

wenn Du meiner heißen innigen Zärtlichkeit das Afterbild jener

lächerlichen Tugend vorziehen wolltest, die man Dir einprägte, wie man

Kinder mit dem Knecht Ruprecht zu fürchten macht, und die jetzt der

gebildetere Theil der Menschen nur für das, was sie ist, für einen

abergläubigen Wahn erklärt, den frömmelnde Matronen ergreifen, wenn

die Jugendfreuden an ihnen vorübergeeilt sind.

Mein Abscheu brach gewaltsam hervor -- kaum konnt' ich seine erste

Heftigkeit mäßigen. Ist Ihnen, sagt' ich verächtlich, der Gedanke nicht

Belohnung genug, zwei gute Menschen glücklich gemacht zu haben, so

kann ich Ihre Verwendung nicht annehmen. Lieber will ich unglücklich

seyn, als die Grundsätze verläugnen, die mir unverbrüchliche Treue zum

heiligsten Gesetz der Liebe machen.

Lorenz hat Dich wohl schon mit seinen Schwärmereien angesteckt,

unterbrach mich der Kammerherr. Bedenke alles recht genau -- nur in

Deiner eignen Hand steht das Glück oder Unglück Deines Lebens. In

einigen Tagen sprechen wir uns wieder. Eher will ich keine Maßregeln

treffen, und ich schmeichle mir, Dein Betragen wird mich niemahls

nöthigen, welche zu ergreifen, die Deinen Wünschen entgegen sind. Ich

befehle Dir Verschwiegenheit gegen Jedermann, selbst gegen Lorenz --

überhaupt, setzte er lachend hinzu, _soll_ und _muß_ für ihn alles ein

Geheimniß bleiben, was zwischen _uns_ vorfällt.

Mit diesen Worten ging er fort, und ließ mich in einer größern

Hoffnungslosigkeit zurück, als er mich angetroffen hatte. Ich überlegte

mein Schicksal -- ich betrachtete es von allen Seiten, aber ich konnte

keine finden, die nur einigermaßen freundlich war. Das stille Wohnhaus

meiner Eltern allein trat wie der einzige Ruhepunkt, der mir übrig

blieb, vor die Blicke meines Geistes, die sich übrigens in die Zukunft

wie in eine dunkle Nacht verlohren. Dort, rief ich mit stürmischer

Wehmuth, und richtete mein nasses Auge nach der Gegend, wo Mühlberg

lag, dort in meiner friedlichen Einsamkeit war ich glücklich! O warum

mußte ich sie verlassen! -- Doch nach und nach verlohr mein Schmerz

seine erste Heftigkeit, und mein Unmuth wurde milder. Leiden, sagt'

ich zu mir selbst, sind der Probierstein des menschlichen Herzens.

O Lorenz -- das Schicksal kann alle Freuden, alle Hoffnungen meines

Lebens vernichten, nur meine Liebe und meine Tugend nicht. Weg mit

aller Bangigkeit! -- Menschen können unsern Bund zwar erschweren, aber

doch nicht trennen; denn unsre Seelen haben ihn geschlossen, und wahre

Liebe trotzt der Ewigkeit. Ach ich wäre Deines Herzens nicht werth,

Geliebter! wenn die kummervollen Stunden, denen ich entgegen sehe,

meinen Muth und meine Festigkeit erschüttern könnten.

Wäre Lorenz in diesem Augenblick zu mir gekommen, hätte der Druck

seiner Hand mir gleiche Ausdauer, der Blick seines Auges gleiche

Liebe gelobt, so wären die Funken meiner stolzen Zuversicht, die in

mir glimmten, hell und kräftig zur Flamme emporgelodert. Aber sein

Wegbleiben in einer Stunde, wo seine Gegenwart und sein Trost mir so

nothwendig war, ließ sie nach und nach wieder verlöschen, und ich sank

in meinen vorigen Kleinmuth zurück. Es wurde Abend, und er kam noch

nicht; -- nun wagt' ich es, mit leisen Fragen nach ihm zu spähen,

und erfuhr, daß ihn der Kammerherr in dringenden Geschäften nach der

Residenz geschickt hatte.

Die Absicht des Bösewichts war mir klar. Er wollte Lorenzen entfernen,

um eine vertrauliche Unterredung zwischen uns zu verhüten, denn er

traute meiner Verschwiegenheit nicht, und wenn er auch kühn genug war,

der wehrlosen Unschuld gegenüber sich in seiner ganzen Nichtswürdigkeit

zu zeigen, so fürchtete er doch den festen, verachtenden, strafenden

Blick des ehrliebenden Mannes, der, wenn Lorenz ihn auf ihn heftete,

ihn immer mit einer Art Scheu antrieb, die Plane der Verführung zu

verbergen, mit denen sich sein Geist beschäftigte.

Als ich die gnädige Frau des Abends ausgekleidet hatte, hielt sie

mich mit einem spöttischen Lächeln vom Weggehn ab. Nun, Du kleiner

Tugendspiegel, sagte sie, Du bist wohl recht stolz auf den Sieg, den Du

Dir einbildest, erfochten zu haben? Wenn ich Dir aber freundschaftlich

rathen soll, so spanne die Saiten nicht höher. Mein Mann ist des

Widerstands ungewohnt, und kann ihn nicht vertragen. Du könntest Dich

leicht durch Deine Sprödigkeit zeitlebens unglücklich machen. Gieb

ihm nach, das ist das beste Mittel, ihn bald los zu werden. Ich stehe

Dir dafür, in einigen Wochen ist er Deiner so müde, daß er Dich keines

Blicks mehr würdigt, und dann kannst Du ja ganz ungestört für Deinen

Lorenz leben. Er giebt Dir eine anständige Aussteuer, und auch ich will

gern etwas dazu beitragen, nur mache, daß er beßrer Laune wird; denn

wer kann die verdrießlichen Gesichter aushalten, mit denen er seit

einen Paar Stunden im Hause herum tobt, und die die einzige Antwort

sind, die ich auf meine lustigsten Vorschläge erhalte.

Wie, gnädige Frau, versetzt' ich, Sie können im Ernst verlangen, daß

ich meine Ehre aufopfern soll, um den Verdruß zu verscheuchen, den

Ihr Gemahl _darüber_ empfindet, daß ich besser denke, als Er? -- O

Ihr Vornehmen, rief ich dann halb außer mir mit immer steigender

Hitze, ist Euch denn die Armuth so wenig heilig, daß Ihr mit kalter

Gleichgültigkeit das Einzige zu zertrümmern strebt, was sie so oft

vor Euch voraus hat, das stille Glück, das in dem Bewußtseyn _reiner_

Tugend liegt? -- --

Nun, nun, nur gemach, meine schöne Romanenheldin! unterbrach sie mich

mit zornigen Blicken. Wer nicht hören will, muß fühlen. -- Ich denke,

mein Mann hat noch ganz andre Mittel in den Händen, Dich zahm zu

machen, als meine Vorstellungen, die ich nicht bei Dir verschwenden

will.

Damit drehte sie sich von mir weg, und hieß mich gehen. -- Die

Einsamkeit meiner stillen Kammer umfing mich mit allen Schauern der

Dunkelheit, und begünstigte die Schwermuth meines Herzens. Ach,

Lorenz, Du hast doch Recht gehabt, seufzte ich, als Du mir diese

Menschen schildertest, und mein argloser Sinn Dich der Übertreibung

beschuldigte. -- Ich fühlte deutlich, daß mir nichts mehr übrig war,

als nach meiner Heimath zurück zu gehn, und ich beschloß, es so bald zu

thun, als möglich. Nur wollt' ich erst Lorenzens Wiederkunft abwarten,

um seine Meinung und seinen Rath zu hören. Bis dahin betete ich zu

Gott um Geduld und Muth, und endlich kehrte Ruhe, -- wenigstens ein

Schimmer, der ihr glich, in meine Seele zurück.

Die nächsten beiden Tage vergingen, ohne daß sich etwas zutrug,

was mich von neuem hätte ängstigen können. Wenn mir der Kammerherr

zufälligerweise begegnete, so waren seine Blicke so kalt und

gleichgültig, daß ich höchstens nur seinen Unwillen, nicht _eine_

Spur von Liebe in ihnen finden konnte, und ich freute mich darüber,

ob ich gleich dem Entschluß treu blieb, zu meinen Eltern zurück zu

gehn, und mir in dieser Rücksicht sein Zorn eben so ohnmächtig wie

seine Zärtlichkeit schien. Wie groß war daher mein Schrecken, als

ich den nächsten Abend, da ich schon im ruhigen Schlummer in meinem

verschlossenen Stübchen lag, durch das Geräusch eines Kommenden geweckt

wurde. Ich fuhr bestürzt auf, und suchte mich anzukleiden, als ich

eine Bewegung an der Thür vernahm, und einen Lichtstrahl, der durch

das Schlüsselloch fiel, über den finstern Boden zittern sah. Endlich

ging die Thür auf, -- eine männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt,

trat mit einer Blendlaterne herein, und zog den Hauptschlüssel aus dem

Schloße. Ich erstarrte, denn es war der Kammerherr. --

Nun, Justine! ich komm Deinen Entschluß zu vernehmen, redete er mich

an.

In dieser Stunde? -- rief ich entrüstet. Sie ist der Liebe am

günstigsten, versetzte er. Keine Zierereien mehr! Du mußt mein seyn,

ich habe mir es zu geschworen. Er näherte sich mir, und wollte mich

in seine Arme schließen. -- Ein leichtes Zittern durchflog mich doch

nur für einige Momente, -- mit allen Kräften, die mir der Abscheu gab,

stieß ich ihn zurück. Elender, verworfener Mensch! rief ich, glaubst

Du, daß Deine Drohungen, die Schauder der Nacht und das Alleinseyn

mit Dir mich schrecken? -- Nein, Bösewicht, ich trotze Deiner Gewalt.

Er umfaßte mich aufs Neue, aber ich riß mich los, und stürzte zum

Fenster, um Hülfe zu rufen. Er hielt mir den Mund, -- ich fühlte seine

Hand beben, und der Gedanke, daß das Laster fast immer feigherzig ist,

erhöhte meinen Muth.

Die Bekanntschaft auf der Reise · 第 3 / 11 段