Physiognomie müßte sehr trügen, wenn die Kleine nicht Lernbegierde und
Fähigkeiten hätte. Die Mühe, sie in diesen Kenntnissen zu unterrichten,
nehm' ich gern auf mich, und ich hoffe sie soll nicht vergebens
angewendet seyn.
Ich werde Justinen eben so sehr vermissen, wie Du, sagte mein Vater zur
Mutter, indessen glaube ich, ist es unsere Pflicht, sie nicht von der
guten Versorgung abzuhalten, die sich ihr darbietet, und die vielleicht
die Grundlage ihres künftigen Glücks werden kann. Ich bin überzeugt,
wir können sie ohne Bedenklichkeit der gnädigen Frau anvertrauen. Sie
wird Nachsicht mit ihr haben, wenn sie fehlt, und im Anfang nicht zu
streng in ihren Forderungen seyn. Für Folgsamkeit und guten Willen
stehe ich.
Mancherlei Gefühle bestürmten meine Brust. -- Der Gedanke, die stille
Hütte zu verlassen, die die Wiege meiner Kindheit, der Schauplatz
meiner Jugendfreuden gewesen war, -- die Aussicht von meinen Eltern zu
scheiden, und sie künftig in einer Einsamkeit zu wissen, die sie um
so trauriger dünken mußte, je mehr meine kindliche Pflege sie ihnen
sonst erheitert hatte; -- alles dies mischte etwas schmerzliches in die
Vorstellung, daß mich die Liebe mit ihrer Zauberstimme nach Spillingen
rief. Unentschlossen stand ich da, aber ich blieb es nicht lange. O wie
wahr ist's, daß das Weib Vater und Mutter verlassen wird, um dem Manne
zu folgen, den es sich erkohren hat! Dankbarkeit und die zärtlichste
Ehrfurcht fesselte mich an meine Eltern. Ich hätte für sie mein Leben
lassen können, -- nur das, was diesem Leben erst Werth gab, die Würze
seiner Zukunft, das Bündniß, das mein Herz mit Lorenz geschlossen
hatte, -- nur das hätte ich ihnen nicht opfern können, ohne, wie ich
glaubte, vor Gram zu sterben.
Meine Mutter seufzte, und betrachtete mich mit unruhigen, ungewissen
Blicken. Nun dann, sagte sie, und wandte sich zu meinem Vater, wenn Du
wirklich glaubst, daß es für Justinen ein Glück ist, so will ich mich
nicht länger weigern. Gott weiß, daß nur die Besorgniß für ihr wahres
Wohl mich so bedenklich machte, denn ich bin der Meinung, daß ein
junges, unerfahrenes Mädchen nirgends mehr am Platze, und sicherer ist,
als in dem Hause und unter den Augen seiner liebenden Eltern. Aufgeben
kann ich diese Meinung so leicht nicht, aber ich will thun, was ich
kann, -- ich will sie der Deinigen unterordnen. So zieh denn in Gottes
Namen hin, Justine! fuhr sie mit Rührung fort. Es wird Dir auch in der
Fremde wohlgehn, denn Du warst immer ein gutes, dankbares Kind! --
Sie umarmte mich herzlich; -- ich fühlte ihre warmen Thränen auf meiner
Wange, und vermischte sie mit den meinigen.
Es war also nun entschieden, daß ich nach Spillingen zog. Die
Kammerherrin überhäufte mich mit Liebkosungen, und wollte mich gleich
mit sich nehmen, aber meine Eltern sowohl als ich, bestanden auf eine
Frist von vierzehn Tagen. Dieser kurze Aufschub, der uns nur ungern
bewilligt wurde, sollte das Bittre der Trennung mildern, indem er
uns nach und nach an die Nothwendigkeit des Scheidens gewöhnte, aber
statt dessen knüpfte jeder Augenblick uns durch den Gedanken fester
zusammen, daß er langsam, aber gewiß die Stunde des Abschieds heran
führte. Ich fühlte damahls durch meine eigene Erfahrung, daß es besser
und schonender für uns selbst, und für unsre Lieben ist, den Kelch des
Schmerzes, den uns die Trennung reicht, in _einem_ Zuge zu leeren, als
ihn wie ein Ziel, dem wir doch nicht entgehen können, und dem uns jede
Minute näher bringt, vor den Augen zu haben. Ein kurzes Lebewohl läßt
uns die Kraft, es mit Fassung zu sagen, -- dumpf, wie der Ton einer
Todtenglocke, wie das Grablied unserer Freuden tönt es _aus der Ferne_
herüber, und die Vorstellung, es dennoch aussprechen zu müssen, gießt
Wermuth in die Freuden des letzten Beysammenseyns, und lohnt unser
Zögern nicht mit Linderung, sondern mit Verdoppelung des Schmerzes, den
wir am sichersten überwinden, wenn wir ihm stark und muthig die Stirn
bieten.
Ehe unsre Gäste uns verlassen hatten, war mir noch eine ungestörte
halbe Stunde zu Theil geworden, die ich mit Lorenz verplauderte. Er
entdeckte mir nun seine nächsten und wichtigsten Verhältnisse. Sein
Vater war Verwalter in Spillingen, ein guter, biederer Mann, der
bloß die schwache Seite hatte, sich von seiner sehr ehrgeizigen,
herrschsüchtigen Frau regieren zu lassen. Um den lieben Hausfrieden
ununterbrochen zu erhalten, mischte er sich von jeher weder in das
Innere seiner eigenen Wirthschaft, noch in die Erziehung seines Sohnes,
den er jedoch zärtlich liebte. Lorenzens reines, stilles Gemüth war
nicht empfänglich für die Eindrücke des Stolzes, die seine Mutter
ihm geben wollte. Schweigend hörte er ihren Lehren und Ermahnungen
zu, in denen gewöhnlich jener falsche Ehrgeiz sich mahlte, der statt
innern Werth nur äusserlichen Glanz zum Ziel seines Strebens macht.
Er bedurfte ihn nicht, und verachtete sein Flittergold, denn seine
Seele war mit jenem _edlen_ Stolz bewaffnet, der den Menschen wie ein
guter Genius vor allem bewahrt, was seine wahre Würde entweihen kann.
Die Bildung seines Herzens war sein eignes Werk, -- das Werk seines
Schicksals, das ihm einsam unter Menschen stellte, denen er sich
nicht mittheilen mochte, da sie nicht fein genug fühlten, um ihn zu
verstehen. Still und verschlossen wuchs er empor, -- abgeschieden von
allen lebenden Geschöpfen, an denen seine Empfindung sich in voller
Kraft hätte erwärmen und erhöhen können. --
Der Kammerherr entdeckte in dem zum Jüngling heranreifenden Knaben
seltne Anlagen, die ihn aufmerksam auf ihn machten. Die strenge
Wahrheitsliebe, die, wo sie nicht reden durfte, doch wenigstens
_schwieg_, und _nie_ wider ihre Überzeugung sprach, die feste,
unbestechliche Redlichkeit, die schon in seiner Kindheit ein Hauptzug
seines Charakters war, und mit zunehmenden Jahren sich immer mehr auf
unerschütterliche Grundsätze stützte, -- alles dieß gefiel dem Mann,
der ohne eigene Tugenden zu haben, doch fremde schätzte, und sie gern
zu seinem Vortheil benutzte. -- Er fragte die Eltern um ihre Plane in
Rücksicht ihres Sohnes. Der Vater hatte keine, -- allenfalls nährte er
den stillen Wunsch, daß sein Sohn ein Landmann werden möchte, aber er
wagte es nicht, ihn zu äussern, da seine Frau, wie er wohl wußte, fast
niemahls übereinstimmend mit ihm dachte, und ihn doch nicht gebilligt
haben würde. Längst war es ihr Lieblingstraum gewesen, ihren Sohn in
fürstlichen Diensten zu sehn. -- Sie entdeckte dieses dem Kammerherrn,
und er versprach, ihr dazu behülflich zu seyn. Auch macht' er, ganz
wider seine sonstige Gewohnheit, Miene, Wort zu halten, ließ ihn auf
seine Kosten die Forstwissenschaft lehren, und behielt ihn dann als
Jäger und zugleich als Kammerdiener bei sich, bis, wie er sagte, sich
eine günstige Gelegenheit zeigen würde, wo er ihn dem Fürsten empfehlen
könne. Diese war noch immer ausgeblieben. -- Lorenz seufzte nach einer
unabhängigen Lage, denn ausserdem, daß sein freier Sinn sich nicht zum
Dienen geschaffen fühlte, hatte er mit hellem Blick längst die Flecken
entdeckt, die den Charakter seines Herrn entstellten, und es war ihm
drückend, einem Menschen Verbindlichkeit und Dank schuldig zu seyn, den
er weder lieben noch achten konnte. Indessen, da seine Mutter es ihm
zum Gesetz machte zu bleiben, und da es seine eigne Klugheit, wenn auch
nicht sein Gefühl, ihm rieth, so trug er seine Verachtung schweigend
mit sich herum, und bemühte sich, durch Thätigkeit, Ordnung und eine
immer wache Aufmerksamkeit auf seinen Dienst den Kammerherrn die
Wohlthaten abzuzahlen, die er mit einem Widerstreben empfangen hatte.
Daß er sich dadurch ihm unentbehrlich machte, und seine Verwendung
zu einer Versorgung immer mehr verzögerte, bedachte er nicht; aber
wäre es ihm auch eingefallen, er würde doch nicht anders gehandelt
haben, theils weil ihm jede Pflicht, die ihm das Schicksal auflegte,
heilig schien, theils weil er durchaus die Summe der Verbindlichkeiten
vermindern wollte, die seines Herrn Wohlwollen ihm auflegte. Und da
ihn überdieß der Kammerherr selbst zu sehr ehrte, um ihn bei seinen
Liebschaften als Geschäftsträger, oder Kuppler gebrauchen zu wollen, so
fand der Abscheu, den Lorenz vor jenen Lastern hatte, keine Gelegenheit
laut zu werden, und sowohl Herr als Diener beobachteten über Punkte,
die nicht gern über sich sprechen lassen, ein Schweigen, das am
geschicktesten war, ihr Verhältniß leidlich zu erhalten.
Zuweilen erinnerte wohl die Verwalterin, der der Titel: Kammerdiener
nicht vornehm genug war, den gnädigen Herrn an sein Versprechen, aber
dieser wiegte dann mit glänzenden Aussichten in die Zukunft, die er
ihr öffnete, ihren Ehrgeiz und ihre Ungeduld zur Ruhe, und da Lorenz
überhaupt von den andern Bedienten vortheilhaft ausgezeichnet wurde,
so ließ sie sich jedesmahl durch die Versicherung zufrieden stellen,
daß ihr Sohn einst ganz gewiß durch eine ehrenvolle Laufbahn ihr
Alter erfreuen werde. Ich hätte ihm schon längst einen kleinen Dienst
verschaffen können, pflegte er zu sagen, aber sein nothdürftiges
Auskommen hat er ja auch bei mir, und wenn ich _einmahl_ mein Ansehn
bei Hofe anwende, so will ich auch Ehre davon haben, das heißt: es
muß eine Stelle seyn, die Ihrem Sohn keinen Wunsch zur Verbesserung
seines Schicksals mehr übrig läßt, als allenfalls den Wunsch nach einem
hübschen Weibchen, und das wird sich dann schon finden.
Es hat sich schon gefunden, dachte die Alte dann gewöhnlich mit froher
Selbstzufriedenheit über ihre mütterliche Vorsorge, die Lorenzen
aber noch ein Geheimniß war, und für's erste auch noch eins bleiben
sollte, weil er viel zu sehr Sonderling war, um so, wie sie es
wünschte, in ihre Pläne einzustimmen. Ein reicher Pachter jenseits
der Residenz hatte die auf fremden Feldern geerndteten Früchte seines
Fleißes angewendet, sich ein artiges Landgut in der Nachbarschaft
von Spillingen, wo es eingepfarrt war, zu kaufen. Die Verwalterin,
die Wernern, -- so hieß der neue Gutsbesitzer, -- vor Zeiten noch in
dürftigen Umständen gekannt hatte, ergoß bei dieser Nachricht alle
ihre Galle in den bittersten Spott über seine so schnell verbesserte
Lage, und nahm sich vor, seine Frau in der Kirche nicht zu grüßen,
wenn sie ihr das erstemahl daselbst begegnen würde. Ihr Neid und
ihre Erbitterung stieg noch, als sie durch einige alte Weiber, die
sie durch kleine Wohlthaten verpflichtete, ihr alle Neuigkeiten der
Gegend zuzutragen, von dem Überfluß näher unterrichtet wurde, der
dort in allen möglichen Bedürfnissen des Lebens herrschte, und einen
sichern, festgegründeten Wohlstand verrieth. Sie hatten der Frau Werner
bei ihrer Ankunft in ihrer häuslichen Einrichtung geholfen, und ob
gleich ihre Erzählungen von den reichlich angefüllten Schränken und
Kisten, die sie da sahen und bewunderten, ein fressendes Gift für
die Verwalterin mit sich führten, die es ihres Gleichen am wenigsten
gönnte, reich zu seyn, da sie es selbst nicht war, so hörte sie
doch alles mit jener brennenden Begierde an, mit der die Mißgunst
jede Gelegenheit ergreift, sich zu quälen. Daß ihre Nachbarin ein
Landgut besaß, während ihr Mann nur ein fremdes verwaltete, das --
so empfindlich es auch war -- hätte sie ihr dennoch verziehen; aber
daß sie ihren Kaffee aus einer silbernen Kanne trank, -- selten in
die Küche ging, und auch dann nur, um zu befehlen -- daß sie sich
zum täglichen Gebrauch eines eben so feinen Leinenzeugs bediente, als
_sie_ nur für die Frau Kammerherrin weben ließ -- daß sie Nachmittags
auf einem bequemen und zierlichen Sopha in aller Ruhe ein paar Stunden
schlummerte -- -- mit einem Worte, daß sie nicht allein Vermögen
_hatte_, sondern es auch nach ihrem Gefallen _genoß_, -- das war ein
Wurm, der zerstörend an ihrer Ruhe nagte. Da sie Menschen, die sie noch
nicht kannte, nach ihrer eignen Denkungsart zu beurtheilen pflegte,
so traute sie der Frau Werner keineswegs den bescheidenen, gefälligen
Charakter zu, den sie wirklich hatte, vielmehr, da sie fühlte, wie
sehr jene Vorzüge des Glücks _ihren_ Hochmuth aufblähen würden, wenn
sie sich ihrer rühmen dürfte, so stellte sie sich die Unbekannte, die
unschuldiger weise ihrem Neide so viel Nahrung gab, in dem gehässigen
Lichte eines bäurischen Eigendünkels vor, der ihr um so drückender
schien, da er den ihrigen niederbeugte. -- Die Närrin, sagte sie zu
ihrem Manne -- sie denkt vielleicht weil sie die große Dame spielt, auf
dem Kanapee Mittagsruhe hält, und ihren Kaffee aus Silber trinkt, sie
ist mehr als ich. Aber ich will ihr schon zeigen, daß ich mir eben so
viel einbilde. Nicht ansehn will ich sie! --
So ganz gewissenhaft war es ihr aber doch nicht möglich, den nächsten
Sonntag Wort zu halten, als Frau Werner in die Kirche kam. Die
Neugierde, die sich bei ihr regte, beredte sie zu einem Blick, und
unwillkührlich verlängerte er sich, als ihm weder auffallender Glanz
noch beleidigender Stolz begegnete. Auf beides hatte sie gerechnet, als
aber eine wohlbeleibte weibliche Gestalt in einem sehr anspruchslosen
Anzug, begleitet von einem hübschen rosenwangigen Mädchen, freundlich
bei ihr vorüberging, und ihr durch einen höflichen Gruß, mit dem sie
ihr zuvorkam, gleichsam den Rang über sich einräumte, -- da verschwand
auf einmahl ein Theil der Falten von ihrer Stirn, und der Groll, den
sie in ihrem Herzen nährte, verlohr sich in eine lange Gedankenreihe,
die ihr während der Predigt, (auf die sie ohnedem nie zu achten
pflegte,) Stoff genug zur Unterhaltung gab. Die Frau ist doch so übel
nicht, dachte sie bei sich selbst. Wenigstens hat sie doch Lebensart,
und weiß sich zu betragen. Daß sie zu Hause die Bequemlichkeit liebt
lieber Gott! das thät ich auch, wenn ich's könnte. Die Leute haben ja
Geld genug, -- sie wären Narren, wenn sie es nicht benutzten. Und die
Tochter sieht gut aus -- das einzige Kind ist sie auch -- -- in der
That, das wäre eine Frau für meinen Lorenz, die mir anstände! --
Sie verfolgte diese Idee, und fand kein Hinderniß von Bedeutung, das
sie zu stören drohte. Obgleich Lorenz kein Vermögen, und nur sehr
ungewisse Aussichten in die Zukunft hatte, so zweifelte sie doch keinen
Augenblick, daß ihm der Plan gelingen könne, den sie so befriedigend
für ihren Eigennutz entwarf, und dem eine vortheilhafte Heirath mit
Mamsell Werner den Kranz der Vollendung aufsetzen sollte. Und wirklich,
wenn auch sonst alle ihre Gedanken und Empfindungen Kinder eines ewigen
Irrthums waren, der nur sein eignes, fehlerhaftes Ich zum Maßstabe
seiner Beurtheilungen nahm -- hier irrte sie nicht. -- Die hohe
Meinung, die sie von ihrem Sohn hatte, rechtfertigte jeder, der ihn
kannte, denn noch jetzt in einer Lage, die auch den kleinsten Schatten
von Partheilichkeit vertilgt, sag' ich mit fester Überzeugung: Lorenz
wäre mit Recht der Stolz der besten Mutter gewesen. Die Liebe, mit der
die Verwalterin an ihm hing, war das einzige, was ich jemahls an ihr
schätzen konnte.
Als die Kirche geendigt war, wartete Frau Werner mit Lorchen, so hieß
ihre Tochter, an der Thür, um die Bekanntschaft der Frau Verwalterin
zu machen, die sie um gute Nachbarschaft und um die Erlaubniß bat,
durch einen baldigen Besuch ihr zeigen zu dürfen, wie geneigt sie sei,
einen freundschaftlichen Umgang zu halten. Die Verwalterin erwiederte
ihre Komplimente in bester Form, und man trennte sich beiderseits mit
einander zufrieden.
Es dauerte nur wenig Tage, so erschien das Kleeblatt der Wernerschen
Familie ganz unvermuthet bei Lorenzens Eltern, um ihren ersten Besuch
abzustatten, und um durch die ungezwungene Art, mit der sie es thaten,
jenes zwanglose, heitere Verhältniß einzuleiten, das durchaus mit
ländlicher Nachbarschaft verbunden seyn muß, um sie angenehm zu machen.
Die Verwalterin wäre zwar dießmahl der Überraschung gern überhoben
gewesen, denn es lag ihr viel daran, mit sammt ihrem Hauswesen sich
vor Werners von der besten Seite zu zeigen, und dazu war eine kleine
Vorbereitung unentbehrlich, -- indessen das treuherzige gutmüthige
Benehmen ihrer Gäste zerstreute bald den Verdruß, den sie fühlte,
sich nicht so vortheilhaft und glänzend darstellen zu können, als sie
wohl wünschte, und am Ende schieden sie vertraulicher und vergnügter
auseinander, als es nach einer steifen Staatsvisite möglich gewesen
wäre.
Der in der Kirche gefaßte Vorsatz, aus Lorenz und Lorchen ein Paar zu
machen, erreichte schon an diesem Tage seine völlige Reife, und die
Höflichkeit, mit der Lorenz die Fremden behandelte, und das aufmerksame
Wohlwollen, mit dem sie ihm begegneten, rückte sie in Gedanken auf dem
Weg zum Traualtar der beiden jungen Leute um einige Schritte näher.
Wirklich war die ganze Wernersche Familie so beschaffen, daß, ohne
Rücksicht auf ihr beträchtliches Vermögen zu nehmen, eine zärtliche
Mutter dem Liebling ihres Herzens wohl wünschen konnte, mit ihr
verbunden zu seyn. Indessen bei der Verwalterin war das Geld die
Hauptsache. Jede liebenswürdige Eigenschaft, die Lorchen berechtigte
auf einen glücklichen Ehestand zu hoffen, jede häusliche Tugend, die
das Glück eines braven Mannes zu machen versprach, hätte die Alte
gegen klingende Münze willig vertauscht, um dadurch ihre Mitgift zu
vergrößern. Sie glich so vielen thörichten Müttern, die zufrieden sind,
wenn ihre Kinder nur glücklich _scheinen_. Daß die unverfälschte Natur
des Menschen mehr für eine ruhige Mittelmäßigkeit, als für Überfluß
geschaffen ist, dünkte sie nur ein süßer Traum zu seyn, mit dem die
Armuth sich über die Bitterkeit des Mangels und des Entbehrens täuscht.
Ach der Reichthum ist ein goldener Schild, der die Pfeile des Kummers
nicht von unserer Brust zurück zu halten vermag; -- der höchstens nur
durch seinen Glanz verhindert zu sehen, wie tief sie gedrungen sind! --
Das glaubte aber die Verwalterin nicht.
Der alte Werner vereinte mit strenger Redlichkeit eine frohe, heitre
Laune, der das Bewußtseyn immer Nahrung gab, kein Stiefsohn des Glücks
gewesen zu seyn, und dennoch die günstigen Blicke desselben, nicht,
wie so viele thun, auf Kosten seines guten Namens und seines Gewissens
erschlichen zu haben. Seine Frau, ein Weib voll Herzensgüte, ohne
alle Anmaßungen, hatte aus ihrer ehemaligen Armuth in ihren jetzigen
Wohlstand jene seltne Stimmung des Charakters übergetragen, die mit
Phlegma verschwistert ist, und mit der gewisse Menschen gute und böse
Tage gleich freundlich anzulächeln im Stande sind. Sie war vergnügt
und gutes Muthes gewesen, als ihre Umstände sie noch zwangen, durch
harte Arbeit ihr Brod zu erwerben -- vergnügt und gutes Muthes -- doch
nicht _mehr_ als vorher -- war sie auch jetzt, da Fleiß und Glück ihre
Lage verbessert, und ihre alle die Bequemlichkeiten selbst verschafft
hatten, die sie sonst nur bei Andern gekannt, -- aber darum nicht
beneidet hatte. Der einzige Gegenstand, wobei es sich verrieth, daß
ihr stiller Gleichmuth auch in Leidenschaft übergehn konnte, war ihre
Tochter, der Augapfel beider Eltern, aber doch vorzüglich von der
Mutter geliebt, die mit Freuden ihr Leben, und alles was es angenehm
machte, hätte opfern können, wenn es nothwendig zur Zufriedenheit ihres
Lorchens gewesen wäre.
Lorchen war ein gutes, einfach erzogenes, einfach gesinntes Mädchen.
Still und unbemerkt war sie im Schooße der Häuslichkeit und der
Familienliebe herangewachsen, und ihre bescheidenen Wünsche reichten
nicht über den Kreis hinaus, den ihr das Schicksal angewiesen hatte, um
ihre Kräfte nützlich zu üben. Fleiß, Sanftmuth, Gehorsam und Ordnung --
-- alle diese Tugenden waren ihr angebohren -- sie hatte keinen Kampf
mit ihrer Neigung nöthig, um sie erst zu erringen -- sie durfte nur
mechanisch ihrem Gefühle folgen, so war sie sicher, niemahls irre auf
dem Wege zu gehen, den ihre Pflicht ihr vorzeichnete. Weder Empfindung
noch Verstand waren bei ihr lebhaft, aber ihre reine, bescheidene
Gutmüthigkeit hätte darum doch den strengsten Forderungen genügt, weil
sie alles freundlich ersetzte, was ihr von andern Seiten noch zu fehlen
schien.
Der Umgang zwischen beiden Familien wurde nun fleißig fortgesetzt, und
die Verwalterin, die bald bemerkte, daß Lorenz Eindruck auf Lorchen
gemacht hatte, glaubte, daß es nun Zeit sey, mit ihrem Plan gegen die
beiden Alten herauszurücken. Sie fing mit leisen Anspielungen an, die
gehörigen Orts wohl aufgenommen, und günstig erwiedert wurden. Auch
Lorenz machte seiner Mutter durch sein Betragen die schönste Hoffnung,
er werde in ihre Wünsche einwilligen, und jeder Lobspruch, den er mit
freundschaftlicher Wärme Lorchens Tugenden zollte, galt bei ihr für
eine Äußerung der Liebe. So standen die Sachen -- es schien, da alle
Theile gleichsam schweigend in eine Verbindung der beiden jungen Leute
eingewilligt hatten, als fehle nur noch die letzte deutliche Erklärung,
um sie völlig zu schließen, und gerade zu dieser Zeit war's, als mein
Unstern den Kammerherrn zum erstenmahl nach Mühlberg führte.
Was darauf folgte, wissen Sie. -- Die Anstalten zu meiner Abreise waren
bald getroffen, und endlich erschien auch der Tag, der mich meiner
neuen Bestimmung entgegen führte. Eine dunkle Ahndung des Kummers, der
auf mich wartete, kämpfte mit den Freuden des Wiedersehns, die ich
schon in Gedanken genoß, und mischte doppelte Bitterkeit in den Becher
des Scheidens. Fest an die Brust meiner weinenden Mutter gedrückt,
versprach ich, ihren Lehren zu folgen, und den Grundsätzen treu zu
bleiben, die meine verewigte Wohlthäterin mir eingeprägt hatte, und die
bisher der Stolz und das Glück meines einfachen Lebens gewesen waren.
Der Ernst und die kindliche Zärtlichkeit mit der ich ihr gelobte, nie
ihre Warnungen zu vergessen, besänftigte den mütterlichen Schmerz, und
lieh der Trennung eine mildere Gestalt als vorher. Voll Vertrauen auf
den Schutz der Vorsicht, der sie mich übergab, und auf meine eigne
Festigkeit ließ sie mich aus ihren Armen -- ach! um mich unglücklich
wieder zu sehn. --
Wie in Gewittertagen die Sonne oft durch finstere Wolken strahlt --
oft sich wieder hinter sie verbirgt, so wechselten süße und traurige
Empfindungen in mir auf der kurzen Reise, die mich dem Nachdenken
einsam überließ. Der Abschied war überwunden -- in der Ferne winkte
mir tröstend das Bild meines Geliebten -- und dennoch flossen meine
Thränen. Ach die Ungewißheit, in deren Dunkel meine Zukunft schwamm,
war nicht gemacht, sie zu trocknen oder zu stillen. -- Bange Sorgen,
denen ich keinen Namen zu geben wußte, drückten mit Centnerlast
mein Herz, das sich bald den schwermüthigsten Zweifeln, bald den
fröhlichsten Hoffnungen hingab. Und in dieser Stimmung, die die
Vorbedeutung meines Schicksals war, langte ich in Spillingen an.
Lorenz half mir aus dem Wagen. Seine Freude, seine Liebkosungen
verbannten bald die zagende Unruh meiner Brust, und der erste
Augenblick, den ich ungestört in seinen Armen verlebte, söhnte mich aus
mit dem Schritt, den ich gethan hatte, um seinetwillen meine stille
sichere Heimath zu verlassen.